Stuart Turton: Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Originaltitel: The Seven Deaths of Evelyn Hardcastle
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
©2018 Raven Books
Für die deutsche Ausgabe:
©2019 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50421–7
ca. 605 Seiten

COVER:

Familie Hardcastle lädt zu einem Ball auf ihr Anwesen Blackheath. Alle Gäste amüsieren sich, bis ein fataler Pistolenschus die ausgelassene Feier beendet.
Evelyn Hardcastle, die Tochter des Hauses, wird tot aufgefunden. Unter den Gästen befindet sich jemand, der mehr über diesen Tod weiß, denn am selben Tag hat Aiden Bishop eine seltsame Nachricht erreicht: „Heute Abend wird jemand ermordet werden. Es wird nicht wie ein Mord aussehen, und man wird den Mörder daher nicht fassen. Bereinigen Sie dieses Unrecht, und ich zeige Ihnen den Weg hinaus.“ Tatsächlich wird Evelyn nicht nur ein Mal sterben. Bis der Mörder entlarvt ist, wiederholt sich der dramatische Tag in Endlosschleife. Doch damit nicht genug: Immer, wenn ein neuer Tag anbricht, erwacht Aiden im Körper eines anderen Gastes und muss das Geflecht aus Feind und Freund neu entwirren. Jemand will ihn mit allen Mitteln davon abhalten, Blackheath jemals wieder zu verlassen.

REZENSION:

Nach dem grandiosen „Der Tod und das dunkler Meer“ von Stuart Turton entschied ich mich dazu, seinen an mir vorbeigegangenen Debütroman noch nach zu holen. Immerhin zeigte bereits ein Blick auf die Storyline von „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“, dass es sich hier wohl nicht um einen typischen Allerweltskrimi zu handeln scheint.
Im Gegenteil: Der Plot ist außergewöhnlich interessant und zeugt von einem sehr hohen und kreativen Einfallsreichtum des Autors. Gut, ähnliche Ideen gab es schon in anderen Ausführungen – nichts desto trotz kann ich mich nicht daran erinnern, diese hier entstandene Mischung bereits anderseits gelesen zu haben. Das vorliegende Buch zeigt die Jagd nach einem Mörder. Der Jäger ist jedoch alles andere als ein typischer Ermittler, denn es geht vielmehr darum, diesen Fall zu lösen, damit Aiden Bishop das täglich wiederkehrende Szenario beenden darf. Solange dies nicht geschieht, befindet er sich in einer Endlosschleife und ist sich dessen vollumfänglich bewusst.
Erschwerend kommt hinzu, dass er sich nicht nur alleine auf die Suche macht, sondern auch in anderen Körpern/Personen aktiv werden muss. Eine interessant klingende Möglichkeit, die jedoch in der Fülle zu Problemen und gedanklichen Irritationen führt.
„Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist durchweg geschickt und hochinteressant konstruiert – dennoch konnte mich „Der Tod und das dunkle Mehr“ eher für mich begeistern. Dies liegt vor allem an der komplizierten Bauweise des Romans, für den man sich zum einen am Besten gleich mehrere Lesestunden pro Session Zeit nimmt und noch besser: man sich ein Notizbuch daneben legt, damit man noch nachvollziehen kann, wo und in wem man sich gerade befindet. Turton springt stark in seinen Zeitfenstern umher und somit befindet man sich urplötzlich nach Tag 7 wieder in Tag 2 und zurück.
Somit definitiv kein Roman zum kurz mal weg lesen – vielmehr ein hochwertig konstruierter Plot, der ein wenig den Flair alter Agatha Christie Romane verströmt und nebenbei phantastische Elemente zu integrieren weiß. Ein Buch für Kenner mit der Möglichkeit, konzentriert einem Plot folgen zu können.
hysterika.de / JMSeibold / 27.12.2021

Stuart Turton: Der Tod und das dunkle Meer

Originaltitel: The Devil and the Dark Water
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
©2020 by Stuart Turton
Für die deutsche Ausgabe
©2021 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr.1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50491-0
ca. 608 Seiten

COVER:

Gerade noch hat Samuel Pipps im Auftrag der mächtigen Männer der Ostindien-Kompanie einen kostbaren Schatz in der Kolonie Batavia wiedergefunden.
Nun befindet er sich auf dem Weg zu seiner Hinrichtung. Sein Assistent und Freund Arent Hayes ist mit an Bord der Saardam. Ebenso der Generalgouverneur von Batavia und seine Frau Sara Wessel.
Doch kaum auf See, geschehen unerklärliche Morde. Ein Flüstern weht durch das Schiff, das alle an Bord dazu verführt, ihren dunkelsten Wünschen nachzugeben. Pipps muss seinem Freund Arent und Sara dabei helfen, einem Rätsel auf die Spur zu kommen, das weit in die Vergangenheit zurückreicht. Bevor das Schiff sinkt und sie alle in die Tiefe reißt.

REZENSION:

Jeder, der meinen Rezensionen ein wenig folgt, weiß sicherlich, dass sich darunter nur sehr wenige Kriminalromane befinden. Dies liegt hauptsächlich an dem Umstand, dass die Masse der veröffentlichten Kriminalromane üblicherweise dem gleichen Schema folgen und somit mich zumeist nicht wirklich überzeugen konnten.
Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen musste ich mich jedoch nach kurzem Blick auf das Cover des neuen Buches von Stuart Turton diesem unbedingt widmen. Wie gesagt: Aus nicht nachvollziehbaren Gründen, denn auch der Name Stuart Turton war mir schlicht nicht bekannt.
Nun also ein Kriminalroman auf einem Ostindienfahrer im Jahre 1634 – interessanterweise wohl ausschließlich auf besagtem Schiff.
Stuart Turton beginnt ungebremst und lässt sogleich am Kai von Batavia einen Menschen auf mysteriöse Art in Flammen aufgehen. Dies hält natürlich niemanden davon ab, die anstrengende Reise nach Amsterdam abzubrechen und somit lernen wir eine nicht gerade geringe Anzahl an Mitfahrern kennen, die nach und nach ihren jeweils persönlichen Antrieb offenbaren. Turton beschreibt das Leben und die Jagd nach dem sagenumwobenen Alten Tom sehr detailliert und lässt uns als Leser intensiv daran teilhaben. Er öffnet eine Vielzahl an verschiedenen Türen und man findet sich in einer Geschichte voll Aberglaube, Gier nach Macht, Gewalt, Sexismus und tiefem Glauben in alle Richtungen wieder.
Bereits nach einigen wenigen Seiten stellte sich mir das Buch als reinrassiger Pageturner vor, der einen nicht mehr losließ. Gleichzeitig versucht man natürlich gemeinsam mit Arent die Hintergründe zu erforschen – wie Arent glaubt man als Leser natürlich auch nicht an einen Daemonen, der sein Unwesen auf dem Schiff treibt – oder steckt doch ein wenig Magie, wenn nicht gar der echte Teufel in Gestalt des Alten Tom dahinter?
Die Gefahr auf dem Schiff steigt, die Begleitschiffe sind nicht mehr sichtbar, ein Sturm zieht auf, die Essensrationen werden knapp, der Mörder weiterhin unentdeckt. Die Situation spitzt sich zu und trotz ausufernder Leseerfahrung offenbart sich mir noch immer nicht der Weg in Richtung Lösung. Dies bleibt auch so, da Turton mit „Der Tod und das dunkle Meer“ nichts weiter als ein Meisterwerk erschaffen hat, welches sich im Fahrwasser alter Kriminalfälle befindet, die durch ihre Who-done-it-Machart auch heutzutage ab und an durch kreative Ideen erneut überzeugen können. Ich denke dabei an den recht aktuellen Film „Knives Out“, der in etwa eine angleichende Vorgehensweise darstellt und erst am Ende offenbart, wie sich die Wahrheit dar zu stellen scheint. Turton übertreibt hier sogar und sorgt dafür, dass er dem Leser beim ersten Aha-Effekt in Richtung Ende ein komplett neues Szenario offenbart – ich möchte hier natürlich nichts verraten, aber „Der Tod und das dunkle Meer“ überrascht bis zur letzten Seite.
Schlussendlich zeigt mir dieses Werk, dass wohl auch im Genre der Kriminalromane noch intelligente Überraschungen möglich sind und man als Autor nicht immer das gleiche und simple Schema des „Todesfalls und dann suchen wir den Mörder“ erstellen muss – ein Hinwenden in Richtung kreative Ideen, falsche Fährten, umfangreiche Pläne und Ziele führt zu neuen Lesern und bleibt bei diesen nachhaltig im Gedächtnis.
In meinen Augen jedenfalls ein absolutes Meisterwerk eines Autors, der angeblich mit seinem Debüt „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ bereits für Furore sorgen konnte und somit wohl sein Handwerk absolut versteht.
Ich werde mir jedenfalls nicht nur diesen Namen merken, sondern mich auch schlau machen, wo ich kurzfristig sein Debüt herbekomme – denn ist es nur halb so gut wie „Der Tod und das dunkle Meer“, dann reicht es schon für eine angenehme Lesezeit.
Stuart Turton: Danke für dieses grandiose Werk!
hysterika.de / JMSeibold / 26.10.2021

Luisa Neubauer & Bernd Ulrich: Noch haben wir die Wahl

©2021 by J.G. Pottasche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50520-7
ca. 237 Seiten

COVER:

DEINE NORMALITÄT IST MEINE KRISE – WIR MÜSSEN REDEN!

2021 ist ein Jahr der Zäsur. Mit der Bundestagswahl endet nach 16 Jahren die Ära Merkel, und in einer historischen Entscheidung stärkt das Bundesverfassungsgericht die Freiheitsrechte der jüngeren Generation. Die Ökologie steht nun endlich im Zentrum aller Zukunftsfragen: Wirtschaft, Verkehr, Ernährung, aber auch Wissenschaft, Journalismus und Politik – elementare Bereiche der Gesellschaft müssen neu gedacht werden. Große Umbrüche stehen bevor. Und es hängt viel davon ab, ob wir gemeinsame Lösungen finden. Wieviel Ehrlichkeit verträgt der Konflikt zwischen den Generationen? Wir müssen dringend miteinander reden!

Aktivistin und Vize-Chefredakteur, Studentin und Familienvater: Spannend, offen und klug diskutieren Luisa Neubauer und Bernd Ulrich die Schicksalsfragen unserer Tage. Denn noch haben wir die Wahl.

REZENSION:

Mit „Noch haben wir die Wahl“ legt der Tropen-Verlag ein sehr interessantes Gespräch dar, welches von Vertretern zweier Generationen geführt wird und dementsprechend verschiedene Erfahrungen als auch Wünsche offenbart. Thema ist der Klimawandel, wie in der Vergangenheit damit umgegangen worden ist und wie wir gemeinsam den richtigen Weg einschlagen könnten.
Der Titel ist doppeldeutig zu betrachten, da dieses Buch rechtzeitig vor der Bundestagswahl veröffentlicht worden ist und somit auch den Blick in diese Richtung geht.
Die Diskussion der beiden vermeintlichen Kontrahenten ist sehr auf gegenseitige Augenhöhe bedacht, scheut sich aber auch nicht davor, den anderen ab und an etwas herausfordern zu wollen. Beide argumentieren auf einem sehr intelligenten Niveau mit ausreichend Hintergrundinformationen. Trotz der unterschiedlichen Lebenserfahrungen begegnen sie dem selben Problem und versuchen sich diesem auf ihre jeweils eigene Art anzunehmen.
Eine allumfassende Lösung bieten beide in sich selbst natürlich ebenfalls nicht – es zeigt sich aber deutlich, dass nun die Zeit des Redens vorbei sein sollte und jeder für sich einfach mal anfängt und nicht auf Basis des „Whataboutismus“ mit dem Finger regelmäßig woanders hin zeigt. Natürlich gibt es Einschränkungen – gleichzeitig stellt sich aber die Frage, ob das denn wirklich Einschränkungen oder nur leibgewonnene Gewohnheiten sind, deren Entfernen nicht wirklich weh tun würde.
Viele Meinungen zeigen in andere Länder und argumentieren mit dem angeblich geringen Anteil Deutschlands am weltweiten Ausstoß – dass jedoch eine nicht gerade geringe Zahl an Ländern bereits erheblich weiter ist als unser angeblich so Fortgeschrittenes wird allzu oft verdrängt. Hinzu kommt der simple Umstand, dass der Erste auch der Innovative sein wird, was die dafür notwendige Wirtschaft sprunghaft nach vorne bringen oder doch zumindest auf der richtigen Bahn befindlich aufstellen könnte.
Wenn hier noch lange nichts geschieht, werden wir nicht nur rechts überholt, sondern schlicht übersehen…
„Noch haben wir die Wahl“ zeigt nicht nur unterschiedliche Sichtweisen – nein, es offenbart auch eine gelungene Debatte auf Augenhöhe. Diese Art der Diskussion scheint immer mehr verloren zu gehen und in Richtung Hatespeech abzudriften – schade, da sich eine gemeinsame Themenbefassung als erheblich ergiebiger darstellen kann. Das vorliegende Buch zeigt dies jedenfalls sehr deutlich.
hysterika.de / JMSeibold / 16.10.2021

Joe R. Lansdale: Das Dickicht

Originaltitel: THE THICKET
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel
©2013 by Joe R. Lansdale
© 2014 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50135-3
Taschenbuchausgabe: ©2016 by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-67677-0
ca. 331 Seiten

COVER:

Allein in einer gewalttätigen Welt, muss Jack schnell erwachsen werden, wenn er seine Schwester retten will. Und er braucht dringend Hilfe, die beste, die er kriegen kann. Aber die einzigen Kopfgeldjäger, die zur Verfügung stehen, sind Shorty, der Zwerg, und Eustace, der Sohn eines ehemaligen Sklaven. Zusammen mit Jimmie Sue, einer genauso klugen wie käuflichen Dame, nehmen sie die Verfolgung in eine berüchtigte Gegen auf: das Dickicht. Dort sprudelt aus den ersten windschiefen Bohrtürmen illegal das flüssige Gold, doch Jack ist fest überzeugt: Blut ist dicker als Öl.

REZENSION:

Wie bereits in früheren Rezensionen angemerkt, handelt es sich bei Joe R. Lansdale um einen von mir neu entdeckten Autoren, der mich interessanterweise mit seinen Werken in die Welt des Wilden Westens transferiert, womit ich seit meiner Kindheit nach Abschluss der „Western von Gestern“-Reihe nicht mehr gerechnet hätte.
Erneut sorgte Lansdale für eine tiefgründige und gleichzeitig rundum witzig wirkende Geschichte. Beinahe nebenbei sind seine Geschichten ein Kampf gegen Oberflächlichkeit, Dummheit und Rassismus- man muss sich aber auf diesen Gedanken auch einlassen, da sich dies nur nebenbei offenbart.
Seine teilnehmenden Personen stehen für sich alleine und mir fällt nur schwer ein Schriftsteller auf, dessen Figuren so rundum interessant, tiefgehend gezeichnet und beinahe witzig agierend wirken. Auch in „Das Dickicht“ schafft Lansdale dies problemlos und erneut offenbarte er mir einen Roman im Fahrwasser eines Huckleberry Finn. Gleichzeitig wirkt „Das Dickicht“ jedoch ein wenig zu sehr vorhersehbar, was mich dann doch ein klein wenig enttäuschte.
Es fällt mir dennoch schwer, allzu streng mit diesem Werk umzugehen, da die sprachliche Qualität für sich alleine steht und Lansdale seinen Leser nahezu allein mit seinen unnachahmlichen Vergleichen zu überzeugen weiß.
Nichtsdestotrotz scheint „Das Dickicht“ in seiner Gänze ein klein wenig schwächer zu sein als bereits durch andere Werke von diesem Autor in meiner Lesehistorie bekannt. Dennoch blieb mir auch hier nichts weiter übrig, als dieser Geschichte bis zum Ende folgen zu müssen – somit hat Joe R. Lansdale wohl doch noch gewonnen…
Hysterika.de/JMSeibold/28.12.2020

Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer

Originaltitel: EDGE OF DARK WATER
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel
©2012 by Joe R. Lansdale
©2013 der deutschen Ausgabe by J.G. Cotta’sche Buchhandung Nachf. GmbH
©2014 der Taschenbuchausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-608-50131-5 (Hardcover, www.tropen.de)
ISBN 978-3-453-67656-5 (Heyne Taschenbuch)
ca. 320 Seiten

COVER:

Sue Ellen findet, dass ihre tote Freundin May Lynn etwas Besseres verdient hat. Wenn schon kein Filmstar mehr aus ihr werden kann, wie sie sich erträumt hat, soll wenigstens ihre Asche in Hollywood verstreut werden. Beim Durchsuchen von May Lynns Habseligkeiten stößt sie mit ihren Freunden Terry und Jinx auf einen Hinweis, der sie zur Beute eines Banküberfalls führt. Zusammen mit Sue Ellens labiler Mutter flüchten die drei Hals über Kopf mit einem Floß in Richtung Süden. Habgierige Verwandte und der wenig gesetzestreue Constable heften sich sofort an ihre Fersen. In Panik geraten die Flüchtenden jedoch erst, als sie merken, dass der sagenumwobene Killer Skunk ebenfalls hinter ihnen her ist. Dem wahnsinnigen Fährtenleser ist angeblich noch nie jemand entkommen.

REZENSION:

Die Zahl der von mir gelesenen Lansdale-Bücher steigt langsam, aber stetig. Auch wenn die jeweilige Geschichte der bisher von mir gelesenen Werke mal mehr, mal weniger überzeugen konnte, traf der Autor mich mit seiner Sprachgewalt jedes Mal bis ins Mark.
auch im vorliegenden „Dunkle Gewässer“ steht Lansdale diesem hohen Qualitätsanspruch in nichts nach. Hinzu kommt hier noch eine grandiose Geschichte, die abermals auf Basis der dargelegten Bildgewalt rundum zu überzeugen weiß.
Prinzipiell ist der grundsätzliche Tenor auch hier recht nachvollziehbar beziehungsweise vorhersehbar. Nichts desto trotz überzeugt Lansdale mit seiner detaillierten Darstellung aller beteiligten Personen und zeigt erneut eher depressive Familienwelten, schafft es aber – wie auch in anderen Werken – seiner Figur einen Ausweg zu bieten.
ich bin mir sicher, dass hier unglaublich viele Wahrheiten versteckt sind und dementsprechend intensiv wirken die Geschehnisse in seinen Werken und auch ganz besonders in diesem Werk. „Dunkle Gewässer“ ist ein sehr rasant erzählter Plot in dem drei Freunde und Sue Ellens Mutter auf einem Floß dem eigenen Wahnsinn des Lebens zu entkommen versuchen.
Lansdale ist ein König der Darbietung authentisch wirkender Umgangssprache. Darüber hinaus leben seine Geschichten von Vergleichen, wie man sie nur bei ganz wenigen Schriftstellern zu finden in der Lage ist und er schert sich absolut nichts über irgendwelche Grenzen, wodurch des Lesers Überzeugung weiter angetrieben wird. Es dauert nicht lange und man findet sich als Leser auf dem Floß wieder und betrachtet die authentisch dargelegte Gegend um den Sabine River, dessen Landschaft meines Wissens bereits mehrmals vom Autor als Hintergrund verwendet worden ist.
Alles in allem erneut eine verrückte Geschichte, die dennoch eindrucksvoll ist und sich viel zu schnell dem Ende zu neigt – Lansdale war bisher für mich ein Geheimtipp, mittlerweile weiß ich, dass ich mich nach und nach seinen Werken widmen muss. Es scheint einem schlicht nichts anderes übrig zu bleiben.
Hysterika.de/JMSeibold/08.11.2020

Joe R. Lansdale: Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick

Originaltitel: Paradise Sky
Aus dem Englischen von Conny Lösch
©2015 by Joe R. Lansdale
Für die deutsche Ausgabe ©2016 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50140-7
ca. 475 Seiten

COVER:

Ein wilder Abenteuerroman über den berühmtesten schwarzen Cowboy.

Eigentlich wollte Willie Jackson nur ein paar Besorgungen machen. Doch dann erhascht er unfreiwillig einen Blick auf die Unterwäsche einer weißen Frau. Deren Mann nimmt die Sache persönlich, und Willie muss Hals über Kopf fliehen. Er macht sich auf nach Deadwood, wo er sich in eine wunderschöne junge Frau verliebt, das Leben von Wild Bill Hickock rettet – und auf Rache an seinen Verfolgern sinnt.

REZENSION:

Als weiterer Vermerk steht noch auf dem Cover der Satz „Joe R. Lansdale erzählt die filmreife Lebensgeschichte eines ehemaligen Sklaven, der zur Westernlegende Deadwood Dick wurde“ – und genau darum handelt es sich auch, wie ein kurzer neugieriger Blick in das Internet offenbart: Willie Jackson, später bekannt als Nat Love beziehungsweise Deadwood Dick hat doch tatsächlich gelebt und selbst sein Leben niedergeschrieben.
Diese Vorlage scheint sich Joe R. Lansdale zu Herzen genommen zu haben und haucht dem sagenhaften Leben Nat Loves neues Leben ein.
Sein Buch ist ein typischer Abenteuerroman, der ein wenig an die früheren Groschenromane erinnert. Die Geschichte klingt kurios, ein klein wenig übertrieben – könnte sich aber trotzdem exakt so zugetragen haben.
„Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick“ ist ein echter Wild-West-Abenteuerroman mit einem außerordentlich kuriosen Hauptdarsteller, der sich nur aus Versehen auf der Flucht befindet und dabei sein Leben mehrmals komplett umgekrempelt wird. Die Story ist zwar nur in geringem Maße als spannend zu betrachten, nichts desto trotz kann man sich den Erlebnissen Nat Loves definitiv nicht entziehen. Nebenbei offenbart Lansdale geschickt das doppelmoralische Denken von Weißen in Bezug auf Schwarze als auch die allgemeine Dummheit rassistischen Denkens.
Nat Love selbst geht sehr geschickt damit um und schafft es, sich einen Platz in dieser Welt voller schießwütiger Cowboys zu erobern. Die Darstellung schwankt von ironisch über witzig, bis hin zu todernsten Abschnitten. Man begleitet Deadwood Dick in seiner staubigen Welt voll Indianer, Chinesen, Sklaven, Cowboys und manch anderen interessanten Gestalten.
Lansdale übertreibt natürlich mal mehr und mal weniger und dadurch lässt er einen 80er-Jahre-Western-Groschenroman entstehen, der sich über 470 Seiten zieht.
Alles in allem eine wundervolle Geschichte über einen außerordentlich interessanten Menschen, der es trotz seiner Hautfarbe in dieser vom rassistischen Schwarz/Weiß-Denken geprägten Western-Welt bis zum Marshall gebracht hat – dargeboten als unaufgeregte Lektüre und dennoch gewürzt mit einer gehörigen Prise voll interessanter Momente.
hysterika.de/04.07.2020