Jasper DeWitt: Der Angstsammler

Originaltitel: The Patient
Aus dem Englischen von Martin Ruf
Deutsche Erstausgabe 10/2021
©2020 by Jasper DeWitt, LLC
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-42465-4
ca. 256 Seiten

COVER:

„Joseph E.M. war 1973 im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal aufgenommen worden, und eine entsprechende Markierung verriet, dass er sich noch immer in der Obhut der Klinik befand. Die Akte war so dicht mit Staub bedeckt, dass ich mir kaum vorstellen konnte, dass jemand sie während der letzten zehn Jahre geöffnet hatte. Doch die klinischen Notizen waren noch immer vorhanden und in überraschend gutem Zustand, ebenso wie das grobkörnige Schwarz-Weiß-Foto eines blonden Jungen, der mit weit aufgerissenen Augen und wilder Miene in die Kamera starrte. Das bloße Betrachten des Bildes flößte  mir ein Gefühl der Schutzlosigkeit ein.“

Parker machte es sich zur Aufgabe herauszufinden, was hinter der mysteriösen Krankengeschichte von Joe steckt – gegen den Willen seiner Vorgesetzten. Und gegen eine innere Stimme, die ihn bereits warnt, als er das erste Mal den langen Flur zu Joes abgelegenem Zimmer hinuntergeht. Doch seine Neugierde ist stärker und er kann sich der Faszination, die von Joe ausgeht, nicht entziehen. Ist Joe wirklich so verrückt, wie alle behaupten? Oder steckt etwas ganz anderes hinter seinen Symptomen? Etwas, das so abgründig und dunkel ist, dass es sich jedem menschlichen Verständnis entzieht …

REZENSION:

In „Der Angstsammler“ erfahren wir durch seinen persönlichen Blog die Erlebnisse des jungen Psychiaters Parker, der in einer Nervenheilanstalt in Connecticut seinen Dienst antritt und dort mitbekommt, dass sich hier ein Patient seit seinem sechsten Lebensjahr befindet. Gemäß seinen Nachforschungen scheint Joe unheilbar und jeder, der sich ihm zu intensiv nähert, verliert seinen Verstand oder begeht unvorhersehbar Selbstmord.
Natürlich zieht dies Parker faszinierend an und er macht alles, um die Möglichkeit zu erhalten, selbst einen Therapieversuch an Joe zu unternehmen.
Die Vorgesetzten sind skeptisch und eher dagegen – nichts desto trotz wagen sie sich auf seine Initiative ein und geben ihm zeitweise freie Hand. In den ersten Gesprächen zeigt sich Joe sehr kooperativ und wirkt alles andere als verrückt – ist Joe somit ein Gefangener der Klinik, um die monatlichen Zahlungen der reichen Eltern zu erhalten oder spielt Joe auch mit Parkers Leben auf perfide Art und Weise?
Der mir bis dato unbekannte Jasper DeWitt (was wohl ein Pseudonym eines Journalisten ist) legt einen sehr geschickt konstruierten Thriller vor, der in Richtung Ende seinen vorgezeichneten Weg verlässt und dezent den Pfad des Horrorgenres beschreitet. Ein Werk welches seinen Leser definitiv nicht mehr loslässt – die Kapitel sehr kurz, rasant und rundherum spannend in ihrer Darbietung. Es bleibt einem nichts weiter übrig, als weiter zu lesen. Der Plot ist erfrischend anders geschrieben und zeigt sich als Beiträge in einem Blog, der von Parker verwendet wird, um seinen Lesern die persönlichen Erlebnisse nahezubringen. Bereits durch diesen Umstand merkt man natürlich, dass Parker keineswegs das Zeitliche im Laufe der Geschichte segnen wird – somit ist eine gewisse Neuentdeckung oder gar Auflösung vorgegeben.
„Der Angstsammler“ ist relativ ruhig erzählt und lebt von seinen Dialogen – insbsondere die Gespräche mit Joe sind natürlich herausragend und lassen einen tief in die Nervenheilanstalt und die Gedankenwelt der beiden Charaktere eintauchen.
„Der Angstsammler“ ist somit sehr intelligent erzählt und zeigt sich in seiner Gänze als herausragendes Beispiel, wie grandios, tiefgehend und mit einem gewissen Twist versehen auch kurze Romane funktionieren können.
Alles in allem ein perfekt erzählter Spannungsroman mit psychologischem Tiefgang und gewissen Verneigungen als auch Anleihen an früheren Werken der klassischen Psychothriller sowie einem kleinen Touch Lovecraft.
Somit ein rundherum zu empfehlendes Werk, bei dem mich allein der deutsche Titel etwas stört: Im Original heisst das Buch „The Patient“ und das wäre auch der richtige Titel für dieses Werk. „Der Patient“ impliziert höchstens das Vorhandensein von Joe und den Gedanken nach dessen Heilung. „Der Angstsammler“ greift der Geschichte leider etwas vor, was einem im Laufe der Geschichte immer bewusster wird. Meiner Meinung nach ist „Der Patient“ durchdachter, unvorhersehbarer und stimmiger – die Änderung hätte man sich schlicht sparen können.
Gleichwohl: Der Geschichte schadet es natürlich nicht…
hysterika.de / JMSeibold / 17.10.2021

Guillermo del Toro & Chuck Hogan: Die Schatten (Die Blackwood-Aufzeichnungen 1)

Originaltitel: The Hollow Ones
Aus dem Amerikanischen von Kristof Kurz
Deutsche Erstausgabe 03/2021
©2020 by Guillermo del Toro and Chuck Hogan
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-44112-5
ca. 415 Seiten

COVER:

Mississippi-Delta, 1962. Ausgerechnet Earl Solomon, einer der ersten schwarzen FBI-Agenten, soll im Süden einen Lynchmord aufklären – an einem Weißen. Der Tatverdächtige ist ein kleiner schwarzer Junge, der offensichtlich geistesgestört ist. Solomon will den Fall schon aufgeben, da taucht ein Engländer auf, der sich als Hugo Blackwood vorstellt und behauptet, ein böser Geist hätte von dem Kind Besitz ergriffen. Was Solomon in der kommenden Nacht erlebt, verändert sein Leben für immer.

New Jersey, 2019. FBI-Agentin Odessa Hardwicke muss ihren Partner erschießen, als dieser plötzlich ausrastet und ein Kind angreift. Im Moment seines Todes meint sie, einen Schatten zu sehen, der seinen Körper verlässt. Odessa wird suspendiert und soll den Schreibtisch eines ehemaligen Kollegen namens Earl Solomon ausräumen. Als sie ihm von den Schatten berichtet, schickt er sie zu dem einzigen Mann, der der Menschheit jetzt noch helfen kann: Hugo Blackwood …

REZENSION:

Die beiden „The Strain“-Erfinder starten mit „Die Schatten“ eine neue Reihe um den mysteriösen Hugo Blackwood und bleiben sich dabei in ihrer grundsätzlichen Machart rundherum treu: rasantes Tempo, mysteriöse Begebenheiten und ein sich entwickelndes Ermittlerduo, welches bereits durch die kuriose Zusammenkunft für sich sprechen konnte.
Die Story beginnt sehr stark und lässt uns als Leser ungebremst an der mysteriösen Entwicklung teilhaben: Die FBI-Agentin Odessa Hartwicke wird mit ihrem Partner zu einem Einsatz gerufen, bei dem gerade ein Familienvater dabei ist, seine gesamte Familie auszulöschen. Er tötet eine Person nach der anderen und versucht sich schlussendlich seiner jüngsten Tochter zu widmen, als die Agenten ihm Einhalt zu bieten versuchten. Nun dreht sich jedoch plötzlich der Eröffnungsplot, denn auf einen Schlag ist Odessa damit konfrontiert, dass plötzlich ihr Partner Walt auf das Kind loszugehen scheint und sie ihn nur durch einen Schuss aufhalten kann.
Hier beginnt die Welt der Schatten und der Name Blackwood taucht in ihrer Recherche immer öfter auf.
Del Toro und Hogan bleiben sich – wie bereits erwähnt – sehr treu und man bekommt fast das Gefühl, sich hier in einem Seitenplot zu „The Strain“ zu befinden. Natürlich ist dem nicht so, dennoch überzeugen sie mit einer absolut rasanten und durchweg unterhaltsamen Geschichte, gefüttert mit einem immer mysteriöser werdendem Setting. Darüber hinaus offenbaren die Autoren durch Sprünge in die Vergangenheit durchweg die Hintergründe, legen diese nicht nur dar, sondern nehmen diese in unsere Zeit geschickt und nun verstärkt durch deren Nachhall mit, um sie in ihrem übergreifenden Aufbau zu verstärken.
„Die Schatten“ bleiben dabei trotzdem eher eine leichte Unterhaltung und bieten dem Genre zwar sehr interessante Ermittler, jedoch nicht wirklich viel Neues. Dennoch macht dieses Buch unglaublich viel Spaß und sorgt für eine rundum gelungene Unterhaltung mit mysteriösen Gegnern und einem sehr interessanten Hugo Blackwood, dessen Ambitionen und Hintergründe sicher in weiteren Bänden noch vertieft werden.
Ein wunderbarer Start einer hoffentlich schnell voranschreitenden Reihe – aktuell scheint hier noch nicht wirklich was vorzuliegen? Pure Unterhaltung für einen spannenden und gemütlichen Leseabend zum persönlichen Abschalten und Abtauchen.
Würde mich darüber hinaus nicht wundern, wenn hier nicht auch – wie bei „The Strain“ – eine dementsprechende Film-Serie entsteht.
hysterika.de / JMSeibold / 16.10.2021

John Marrs: The Watchers – Wissen kann tödlich sein

Originaltitel: The Minders
Aus dem Englischen übersetzt von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 09/2021
©2020 by John Marrs
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32137-3
ca. 542 Seiten

COVER:

„Vor Kurzem hat das Kollektiv die IT-Systeme einzelner Staaten gehackt. Die Technologien, mit denen wir uns schützen, entwickeln sich nicht so schnell, wie diejenigen, mit denen wir angegriffen werden. Und aus diesem Grund plädiere ich für einen neuen Ansatz, um unsere Daten offline zu sichern.“
Edward Karczewski, Leiter Operative Abwicklung

Auf den ersten Blick haben Restaurantbesitzerin Flick, Dauersingle Charlie, Ingenieurin Sinead und der alleinerziehende Vater Bruno nichts gemeinsam – außer, dass sie alle in einer tiefen Lebenskrise stecken: Flick muss einen tragischen Verlust verkraften, Charlie ist einsam, nachdem alle seine Freunde Familien gegründet haben, Sinead wird von ihrem Ehemann drangsaliert und Bruno wurde von seiner Frau betrogen. Sie alle klicken eines schönen Abends auf einen Link, der sie zu einem schwierigen Rätsel führt. Wer das Rätsel löst, der bekommt die Chance auf ein neues Leben, so verspricht es die Social-Media-Anzeige. Keiner der vier ahnt, dass dieser Link sie direkt in ein geheimes Regierungsprogramm katapultiert. Ausgestattet mit einer neuen Identität, beginnen sie fernab von ihren Heimatstädten ein völlig neues Leben im Wohlstand – das einzige, das sie dafür tun müssen, ist, die Staatsgeheimnisse Großbritanniens mit ihrem Leben zu schützen. Doch einer von ihnen ist ein Verräter, und schon bald beginnt eine mörderische Jagd auf die Wächter …

REZENSION:

John Marrs legt mit „The Watchers“ einen weiteren Near-Future-Thriller vor, der sich nicht nur mit seinen beiden Vorgängern messen, sondern sich auch in deren Fahrwasser befindet. „The Watchers“ ist somit das dritte Werk von Marrs, welches zwar komplett eigenständig funktioniert, jedoch nahezu nahtlos an die Vorgänger anschließt. Insbesondere durch einige kleine Spoiler innerhalb dieses Buches wäre es vorteilhaft, wenn man sich zuerst mit „The One“ und „The Passengers“ befasst, da einige Informationen darin in „The Watchers“ als Basis angenommen werden und eben auch ein wenig erweitert bzw. gespoilert werden.
Darüber hinaus muss ich ganz ehrlich sagen, dass der Genuss der beiden genannten Bücher auch essentieller Art ist, da diese beiden Werke in ihrer Machart auf einem erheblich höherem Spannungslevel spielen als der neueste Wurf John Marrs’.
Die grundsätzliche Idee ist abermals als sehr interessant zu betrachten: 5 absolut unbekannte und nicht verlinkte Personen werden auf Basis eines Rätsels ausgesucht und in ein anderes Leben transferiert, um sich unbeachtet um die Staatsgeheimnisse Großbritanniens zu kümmern. Zu kümmern heißt hier nichts weiter, als dass man diese Daten implantiert bekommt und sich diese auch zeitweise mit den eigenen Gedanken zu vermischen scheinen. Hintergrund dieser Idee ist der Umstand, dass die technischen Errungenschaften der Hacker schneller voranschreiten als die Abwehrmechanismen des Staates. Aus diesem Grund versucht man die Speicherung der Daten außerhalb der digitalen Welt – somit „offline“.
John Marrs bisherige Werke legten den Maßstab außerordentlich hoch – dementsprechend gespannt war ich auf dieses Werk, in der Hoffnung, Marrs legt hier noch einen drauf.
„The Watchers“ kann diesen Wunsch leider nicht erfüllen – viel zu viel Zeit lässt sich der Autor und darüber hinaus besteht nahezu keine Chance, sich mit den fünf Personen in irgendeiner Art zu identifizieren, um deren Gedankenwelt aufzusaugen.
Im Gegensatz zu seinen grandiosen Vorgängern in diesem Near-Future-Setting bleibt er erstaunlich blass und unnötig langatmig. Darüber hinaus ist einem innerhalb kürzester Zeit klar, wie sich die Story entwickeln wird – John Marrs bestätigt dies durch einen fehlenden Überraschungseffekt, der eventuell noch für eine kleine Steigerung meiner Meinung hätte sorgen können.
Warum er bereits nach einigen Seiten einen harten Spoiler zu „The One“ und „The Passenger“ offenbart, entzieht sich meiner Kenntnis – sicher gibt es doch Leser, die eventuell durch „The Watchers“ auf diesen Autor aufmerksam werden.
Alles in allem zeigt sich „The Watchers“ als seelenloser Actionfilm ohne besonderen Tiefgang. Die Darsteller bleiben oberflächlich und der schnelle Kapitelcut sorgt zusätzlich dafür, dass sich keiner der Beteiligten tiefer entfalten kann. Das Potenzial wäre vorhanden gewesen, da jeder der Fünf mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hatte – nur zeigt dies der Autor allenfalls beifällig.
Die Grundidee und das Setting ist interessant, die Storyline zu dünn und zu leicht nachvollziehbar. Nach wie vor lassen sich die beiden genannten Werke uneingeschränkt empfehlen, „The Watchers“ schafft es jedoch nicht, auch nur annähernd an deren Qualität heran zu kommen.
hysterika.de / JMSeibold / 16.10.2021

Stephen King: Billy Summers

Originaltitel: Billy Summers
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2021 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27359–7
ca. 717 Seiten

COVER:

Billy ist Kriegsveteran und verdingt sich als Auftragskiller. Sein neuester Job ist so lukrativ, dass es sein letzter sein soll. Danach will er ein neues Leben beginnen. Aber er hat sich mit mächtigen Hintermännern eingelassen und steht schließlich selbst im Fadenkreuz. Auf der Flucht rettet er die junge Alice, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde. Billy muss sich entscheiden. Geht er den Weg der Rache oder der Gerechtigkeit? Gibt es da einen Unterschied? So oder so, die Antwort liegt am Ende des Wegs.

REZENSION:

Wer Stephen King immer noch als reinen Horror-Autoren betitelt, hat schlicht seit Jahrzehnten keine Bücher mehr von ihm gelesen und schwebt gedanklich noch auf einem Wissensniveau zu Zeiten SHININGs und ES.
Stephen Kings Schaffenskreis ist mittlerweile unglaublich weit gezeichnet und deckt nahezu jede Genreabgrenzung ab. Dementsprechend unbeeindruckt oder gar überrascht war ich, als ich las, dass BILLY SUMMERS eher eine Art Thriller zu sein scheint. Mich störte das absolut gar nicht, dachte ich doch an den sagenhaften Reihenstart mit dem Titel MR. MERCEDES – mit dem mir der Großmeister offenbarte, dass auch mir ein Krimi gefallen kann. Er darf nur nicht oberflächlich geschrieben sein und dafür steht der ausufernde Vielschreiber definitiv nicht.
BILLY SUMMERS ist Auftragskiller und nimmt einen letzten Job an, der durch seine Bezahlung problemlos der Start in eine entspannte Zeit ohne weitere Tätigkeiten sein kann.
Als perfekter Planer und Schütze steht dem positiven Ergebnis nichts entgegen – er hatte lediglich nicht mit dem Plan seiner Auftraggeber gerechnet, was zu einer doppelten Flucht seitens Billy Summers führte: Die Flucht vor der Staatsmacht als auch vor den Hintermännern des Auftrags.
Summers baut sich dabei mehrere Identitäten auf und lebt mehrere bürgerliche Leben, in der Hoffnung, dass aus Sicht der Staatsmacht bald sämtliche Vorkehrungen mangels Jagderfolgs reduziert werden.
Gleichzeitig denkt er über Rache nach und entdeckt sich bereits beim Schmieden neuer Pläne.
Eines Tages wird das Opfer einer Gruppenvergewaltigung nahe seiner Wohnung „entsorgt“ – Summers trifft eine Entscheidung und rettet sie (Hauptgedanke wohl die Sorge, dass die Polizei auch bei ihm anklopfen könnte).
Nun stellt sich die Frage nach seinem weiteren Vorgehen: Rache an seinen Auftraggebern? Rache an den Vergewaltigern? Offenbarung seiner echten Tätigkeit gegenüber Alice?
Stephen King holt in bekannter Weise virtuos aus und nimmt uns nicht nur beim täglichen Geschehen mit, sondern taucht auch tief in die Welt Billy Summers ab. Dieser verarbeitet anhand des Schreibens seine eigene Vergangenheit und man erkennt mehr und mehr die Hintergründe seines Tuns als auch die detailliert gezeichnete Persönlichkeit.
Gleichzeitig scheint King in den letzten Jahren seinen Lesern etwas mehr als nur eine gute Geschichte mitgeben zu wollen. Dementsprechend tiefgehend entwickelt sich der Plot und wer Richtung Ende nicht emotional in seinen Gedanken versinkt, sollte nochmal in sich gehen…
BILLY SUMMERS ist erneut ein grandioser Roman eines Schriftstellers, der in oberflächlichen Medien immer noch etwas belächelt wird, da er ja angeblich nur ein Horror-Autor ist. In meinen Augen war King schon immer Literatur – auch wenn es manchmal etwas härter zur Sache ging. Ihm war schon immer die Geschichte rundherum das Wichtigste und das ist auch der Grund, warum ich diesen Schriftsteller auch weiterhin als meinen Schriftsteller Nummer 1 betrachte.
BILLY SUMMERS selbst ist dabei nicht von schlechten Eltern – als sein bestes Werk würde ich es definitiv nicht bezeichnen, nichts desto trotz lohnt sich dieses Buch und offenbart abermals eine weitere Facette dieses unglaublichen Künstlers.
hysterika.de / JMSeibold / 29.08.2021

Frank Schätzing: Was, wenn wir einfach die Welt retten? – Handeln in der Klimakrise

©2021, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
ISBN 978-3-462-00201-0
ca. 336 Seiten

COVER:

Wir leben in einem Thriller. Nie waren wir so vielen potenziellen Schrecknissen gleichzeitig ausgesetzt wie heute. Wenn wir also dem Klimaschutz vorübergehend unsere Aufmerksamkeit entzogen haben, um eine Pandemie zu besiegen, ist das schlichtweg menschlich. Was nichts daran ändert, dass der Klimawandel die größte existenzielle Bedrohung unserer Geschichte darstellt, und ebenso wenig wie ein Virus lässt er mit sich reden. Zeit, zurück ins Handeln zu finden.
Wissenschaftlich fundiert, spannend und nie ohne Humor entwirft Frank Schätzing verschiedene Szenarien unserer Zukunft, in denen wir mal versagt, mal obsiegt haben. Wir lernen die Protagonisten und Antagonisten kennen, Verantwortliche aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Aktivisten, Leugner und Verschwörungstheoretiker, bevor der Autor den Blick aufs Panorama des Machbaren öffnet, auf eine Vielzahl unserer Optionen und gar nicht so fernen Superlösungen.
„Was, wenn wir einfach die Welt retten?“ ist ein Plädoyer für Mut und Zuversicht. Wir können die Herausforderung meistern, wenn wir nur wollen: mit Wissen, Willenskraft, positivem Denken, Kreativität, der Liebe zu unserem Planeten und ein bisschen persönlichem Heldentum, wie man es im Thriller braucht.

REZENSION:

Bücher, die sich mit der meiner Meinung nach definitiv vorhandenen Klimakrise befassen, sprießen wie Pilze aus dem Boden. Teils hochwissenschaftlich und nur schwer zu lesen, teils eingängig und dadurch sehr überzeugend wirkend in ihrer Darstellung. Die dazugehörigen Autoren waren jedoch zumeist eher aus der wissenschaftlichen oder zumindest davon betroffenen Ecke. Erfreulicherweise erweitert sich die schreibende Klientel und dadurch auch der Kreis der Empfänger. Insbesondere, wenn sehr namhafte Autoren plötzlich den in Arbeit befindlichen, neuen Thriller zur Seite legen und sich lieber mit diesem erheblich wichtigeren Thema befassen, erkennt man die Dringlichkeit und die Notwendigkeit der ungebremsten Bekanntmachung des Themas.
Frank Schätzing hat sicherlich eine nicht gerade als gering zu nennende Community – dementsprechend hoffe ich, dass er weitere Personen vom Vorhandensein dieser Thematik überzeugen kann.
Schätzing wandelt dabei zwischen humorvoller Darbietung und wissenschaftlich fundiertem Inhalt. Dementsprechend wirkt er nur partiell etwas trocken und sorgt für eine nahezu ungebremste und dabei zum Nachdenken anregende Unterhaltung. Er zeigt auf, dass man bereits mit kleinsten Schritten ein kleiner Held zur Weltrettung werden kann und vermeidet es deutlich, den typischen deutschen Meckeransatz mitzutragen. Ebenfalls sehr typisch ist der Versuch, sich für eine Richtung entscheiden zu wollen – als Beispiel fällt mir hier u.a. die elendige Diskussion über Elektro- oder Wasserstoffauto ein – dabei merken die Menschen nicht, dass sie damit nur die Lösung verschleppen, da sie schlicht Angst vor dem Neuen haben. Wie Schätzing bin auch ich der Meinung, dass man keine 100% Einzellösung anstreben sondern einfach mal mit einem „sowohl-als-auch“ anfangen könnte.
„Was, wenn wir einfach die Welt retten?“ erfindet das Thema nicht neu und bietet jemandem, der sich bereits mit der Thematik befasst hatte etwas richtig neues. Nichts desto trotz könnte das Buch einige noch unschlüssige Personen bei der Hand nehmen und mit ihnen die ersten Schritte zu einer Lösung oder einem neuem Denken bis hin zu einer neuen Erkenntnis begleiten. Allein dafür lohnt es sich bereits und es ist gut, dass Schätzing einen Plot über den realen Thriller in dem wir leben geschrieben hat.
Alles in allem eine sehr stringente und ausreichend humorvolle Beschäftigung mit einem Thema, dass doch nun hoffentlich endlich mal von jedem bearbeitet wird.
Ich hoffe sehr, dass diese ewigen Diskussionen endlich ein Ende finden und der Mensch an sich einfach seinen Beitrag zur Lösung bietet – dabei ist es definitiv nicht notwendig, sofort von 0 auf 100% zu gehen, jeder einzelne Schritt ist ein guter Schritt und sorgt für den Drang nach dem nächsten Schritt. Man ist auch nicht sofort auf einem Berg, man beginnt immer mit einem klitzekleinen Prozentsatz, dem ersten Schritt und einige Zeit später fragt man sich, wie man das nur schaffen konnte.
hysterika.de / JMSeibold / 04.07.2021

Scott Carson: The Chill

Originaltitel: The Chill
Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler

Deutsche Erstausgabe 07/2021
©2020 by Scott Carson
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
ISBN 978-3-453-44111-8
ca. 494 Seiten

COVER:

Mitten in den Catskills liegt das Dorf Galesburg tief unter den stillen Wassern des Chilewaukee-Stausees, der die Millionenmetropole New York mit Trinkwasser versorgt. Seine Bewohner wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus ihren Häusern vertrieben und zwangsumgesiedelt. Ihre Nachfahren leben noch heute an den Ufern des „Chill“, doch die meisten von ihnen haben ihre Geschichte vergessen. Spencer Ellsworth zum Beispiel, der Sheriff, denkt ebenso ungern an die unrühmliche Rolle, die sein Großvater bei der Evakuierung gespielt hat, wie Gillian Mathers, deren Vorfahren sich mit aller Gewalt gegen die Umsiedlung gewehrt haben. Doch die Vergangenheit ruht nicht in Galesburg, und als nach wochenlangen Regenfällen der Wasserspiegel im Chill immer höher steigt, kommt die Wahrheit über das, was damals wirklich passiert ist, langsam an die Oberfläche – und mit ihr ein uraltes, schreckliches Geheimnis…

REZENSION:

Bereits beim Lesen der Widmung erkennt man eine Verneigung Scott Carsons an den wohl bekanntesten Schriftsteller der heutigen Zeit, welcher auch ein kleines Verkaufszitat auf dem Buchtitel hinterlassen hatte: „Ein großartiger Horror-Roman!“ meinte Stephen King und dementsprechend angefixt war ich auf den Inhalt dieses Buches.
Anspruchsvolle Horror-Romane zeigten sich in letzter Zeit immer seltener im Portfolio der großen Publikumsverlage und dementsprechend froh war ich, dass hier scheinbar endlich mal wieder einem meiner Lieblingsgenre ein weiteres Werk hinzugefügt wird.
„The Chill“ von Scott Carson ist ein gelungen erzählter Geisterroman, der detailliert und fast ein wenig zu langatmig seine Geschichte offenbart. Diese wiederum macht jedoch viel Spaß beim Lesen und überrascht auch ab und an ein klein wenig.
Die teilnehmenden Figuren sind durchweg glaubhaft dargestellt und manch einer wird trotz vorhandener Ecken und Kanten zum Liebling des Lesers.
Carson scheut sich nicht, Klischees und allseits übliche Stilelemente zu verwenden – interessanterweise stört das nicht, da er dabei sehr geschickt vorgeht und ihr Wirkungsgebiet auf erfrischende Art beschreitet.
Die Stausee-Idee mit den noch nicht zur Ruhe gekommenen Einwohnern Galesburgs besitzt unglaublich viel Charme und man fragt sich manchmal, ob man nicht die Seite der Geister für die ehrlichere und somit unterstützenswertere hält.
„The Chill“ ist ein rundum interessanter Roman – dennoch führt das Prädikat „Horror“ definitiv zu weit. „The Chill“ ist vielmehr eine Art mystischer Thriller, da er keinerlei Horrorelemente in sich trägt und somit eine erheblich größere Klientel begeistern könnte, als eine Genreeingrenzung zur Folge haben kann. Horrorfans wären ob der missenden Elemente eher enttäuscht – Thrillerfans, die kein Problem mit einer Prise „Geister“ haben, können hier getrost zugreifen, denn das Buch bietet eine gut durchdachte Geschichte, ein tolles Setting und interessante Protagonisten.
Einige Fragen werden leider nicht beantwortet, dies ist jedoch als eher nebensächlich zu betrachten, da der Rest im großen und Ganzen sehr gut zu überzeugen wusste.
hysterika.de / JMSeibold / 24.06.2021

Adrian Tchaikovsky: Portal der Welten

Originaltitel: The Doors Of Eden
Aus dem Englischen von Irene Holicki
© 2020 by Adrian Tchaikovsky
Deutsche Erstausgabe 05/2021
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-42490-6
ca. 638 Seiten

COVER:

England, in der nahen Zukunft. Vier Jahre nach dem spurlosen Verschwinden ihrer besten Freundin Mal ist die Studentin Lee noch immer traumatisiert. Nach einem mysteriösen Anruf kreuzen sich ihre Wege mit denen des MI5-Agenten Julian Sabreur, der einem Phantom nachjagt. Ist es vielleicht Mal? Aber wo war sie – und wo ist sie jetzt? Als auch noch eine Physikern entführt wird, die über Parallelwelten geforscht hat, beginnt das Gefüge von Lees und Julians Welt auseinander zu brechen. Irgendetwas ist da draußen, und es hat finstere Absichten …

REZENSION:

Adrian Tchaikovsky war mir bis zum Genuss seines Bestsellers „Die Kinder der Zeit“ nicht wirklich ein Begriff. Dementsprechend hoch war bereits meine Erwartungshaltung – lediglich ein wenig getrübt durch die Erfahrungen der danach folgenden Werke, die nach meiner Meinung nach dem genannten Buch nicht ansatzweise Paroli bieten konnten.
Nun ein neues Werk mit ansprechendem Cover und interessant klingendem Titel. „Portal der Welten“ ist dabei ähnlich umfangreich wie „Die Kinder der Zeit“ und schon ertappte ich mich mit einer sich selbst steigenden Erwartungshaltung.
Tchaikovsky zeigt von Anfang an seinen Einfallsreichtum und ist somit beileibe kein simpler SF-Autor, sondern versucht sich erfreulicherweise immer wieder neu zu erfinden. In diesem Fall öffnet er ein sehr weitläufiges Themenfeld – die Parallelwelten, und versucht diese in Verbindung mit einer Agentengeschichte und einem aus Versehen betroffenen Pärchen geschickt in Verbindung zu bringen.
Grandiose Idee und die ersten ca. 200 bis 300 Seiten auch durchweg interessant und gelungen dargestellt. Leider verliert man sich in diesem weit gefächerten Plot durch die mehr und mehr ausufernden Stränge, die der Autor scheinbar noch zusätzlich erzählen wollte. Teilweise werden einem die Rollen der Darsteller nicht ganz bewusst, wodurch sich die Sinnhaftigkeit deren Teilnahme verliert. Die zu Grunde liegende Idee kann von oben betrachtet weiterhin nur als hervorragend beschrieben werden – und allein dieser Umstand hätte den Roman auf das oberste Treppchen gestellt – hätte sich Tchaikovsky nicht in der Fülle seiner Parallelwelten in Verbindung mit seiner eigenen Welt durch zu tiefes Eintauchen verloren.
Somit ein in meinen Augen sehr zwiespältiges Werk mit einer grundsätzlich gelungenen Idee – die Ausführung sollte jedoch dichter, spannender und stringenter gewebt sein, damit der Drang zum Lesen ein ähnliches Suchtgefühlt entwickelt, wie ich es bereits bei „Die Kinder der Zeit“ erleben durfte.
Hysterika.de/JMSeibold/05.06.2021

Tom Roth: CO2 – Welt ohne Morgen

©2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
ISBN 978-3-7857-2706-5
ca. 525 Seiten

COVER:

Zwölf Kinder aus zwölf Nationen, Teilnehmer eines Klima-Camps in Australien, werden entführt. Die Drohung der Kidnapper: Einigt sich die Weltgemeinschaft nicht binnen kürzester Zeit auf drastische Klimaziele, stirbt ein Kind. Vor laufender Kamera. Dann Woche für Woche ein weiteres.
Die Welt hält den Atem an.
Kann so erreicht werden, was in unzähligen Versuchen zuvor gescheitert ist? Werden die Regierungen nachgeben, wenn das Leben unschuldiger Kinder auf dem Spiel steht? Bald wird klar: Bei diesem Wettlauf geht es um weitaus mehr als das Leben Einzelner – und die Zeit läuft ab …

REZENSION:

Zwölf Kinder werden gekidnappt, um der Weltgemeinschaft förmlich das Messer an das die Brust zu setzen. Tom Roth spinnt in seinem Thriller die den Fridays-for-Future-Gedanken weiter und droht der Welt nicht mit entgangenen Schultagen, sondern lässt wöchentlich ein Opfer hinrichten. Die Kinder sind dabei sehr geschickt ausgewählt und somit aus zwölf verschiedenen Ländern, um mit dieser großangelegten Entführung die Aufmerksamkeit der gesamten Welt zu bekommen.
Sehr schnell denkt man als Leser über das Für und Wider dieser Vorgehensweise nach. Natürlich ist es definitiv nicht in Ordnung, Kinder als Druckmittel heranzuziehen – dennoch fragt man sich, wie man den Druck nach oben stärker anziehen könnte, um nun endlich die nötigen Mechanismen zur Rettung der Menschheit auf diesem Planeten uneingeschränkt platzieren zu lassen.
Tom Roths Thriller ist außerordentlich aktuell und scheint vor nicht allzu langer Zeit final fertiggestellt worden zu sein, da hierin mehrmals die aktuelle Corona-Seuche ebenfalls eine Rolle spielt, beziehungsweise des Öfteren genannt wird.
Der Thriller ist sehr rasant mit kurzen Kapiteln erzählt, wodurch man schnelle Schnitte wahrzunehmen scheint und man getrost schnell noch ein Kapitel lesen kann. Nichtsdestotrotz lässt er sich auf dem Weg zu seinem interessanten Ende ein wenig zu viel Zeit, was dazu führt, dass man gegen Mitte des Buches ein klein wenig über das Aufgeben nachzudenken beginnt. Lediglich der interessante Plot und das Interesse an den Kindern lässt einen noch mitfiebern. Kurzum hätte es dem Werk sicher gutgetan, wenn es um etwa 100 Seiten kürzer wäre. Das Ende ist außerordentlich gut dargestellt und lässt trotz der dezenten Vorhersagbarkeit nichts in seiner Ausmalung missen.
In „CO2 – Welt ohne Morgen“ lernt man nebenbei nicht nur viel über das klimatische Problem, sondern auch über das schwierigere Thema der CO2-Zetrifikate der unterschiedlichsten Art. Diese Vermischung von Sachbuch und Thriller ist ihm absolut perfekt gelungen und sollte auf diese Art und Weise erheblich öfter vorgenommen werden. Dadurch lässt sich auf unterhaltsamste Weise Wissen vermitteln und auch ich ertappte mich nach Abschluss des Buches beim Googeln, da ich wissen wollte, ob es die von ihm genannte Insel nicht nur gibt, sondern auch seiner Beschreibung entspricht – von den klimatischen Vorgängen auf globaler Basis ganz abgesehen.
Alles in allem handelt es sich bei „CO2 – Welt ohne Morgen“ um einen spannenden Thriller, der rasant erzählt wurde, etwas zu nett zu den Politikern dieser Welt ist und dem nebenbei ein paar Seiten weniger gut getan hätte. Trotzdem eine sehr gute und lehrreiche Unterhaltung mit einem Ende, welches doch zur Überlegung führt, ob dieser Weg eventuell eine Möglichkeit wäre ….
Hysterika.de/JMSeibold/31.01.2021

Victoria Krebs: Feinschliff nach dem Tod

©2020 Eldur Verlag, Aachen
ISBN 978-3-937419-36-7
ca. 240 Seiten

COVER:

Der arbeitslose Mechaniker Val Gunnarson träumt von einem Platz an der Sonne und findet als Serienkiller eine nahezu unerschöpfliche (wenngleich äußerst bizarre) Geldquelle.

Die junge, taffe Lizzy Hurt wächst in einem Trailerpark auf, bis sie von ihrem mysteriösen Vater ein Stipendium bekommt. Doch anstatt zu studieren, spielt sie lieber Detektiv. So kommt sie hinter Vals Geheimnis.

Als sich ihre Wege kreuzen, eskaliert die Situation zunächst. Doch dann entdecken sie, dass sie einen gemeinsamen Feind haben.

Victoria Krebs lässt dem Leser in diesem spannenden und ungewöhnlichen USA-Thriller wenig Zeit zum Luftholen. Hinter dem rasanten, hochspannenden und bisweilen brutalen Verlauf verbirgt sich aber noch eine tiefere Schicht der Erzählung.

REZENSION:

Victoria Krebs konfrontiert uns in ihrem neuen Werk mit dem Titel „Feinschliff nach dem Tod“ mit einem sehr interessanten und kreativen Plot. Sie erschafft nicht nur eine außergewöhnliche Art des Serienmordes, sondern setzt noch einen drauf und etabliert ein wertvolles „Gimmick“ für angesehene Killer, die gerne ein Andenken an ihre Taten ihr Eigen nennen wollen.
Die Geschichte bewegt sich hauptsächlich um den kreativen Ex-Mechaniker Val Gunnarson, der ideenreich eine neue Einnahmequelle entdeckt hatte, und der jungen Lizzy Hurt, die sich auf Vals Fährte setzt und dabei ziemlich schnell an gewisse Grenzen kommt.
„Feinschliff nach dem Tod“ ist eine sehr erfrischende Geschichte mit einem enormen Unterhaltungspotenzial. Man kann sich dem Plot nicht entziehen und einer popkorngeladenen Unterhaltung mit mafiösen Strukturen steht nichts mehr im Wege.
Gleichzeitig lässt die Autorin aber auch gerne die berühmte „Deus Ex Machina“ aufblitzen und somit entstehen auch einige deutliche konstruierte „Zufälle“ und Abhängigkeiten, die gerne verwendet werden, aber dadurch leider die Geschichte in ihrer Gänze ein klein wenig schmälern. Diese Vorgehensweise ist natürlich Programm, da man sonst sicher nur schwer in der Lage ist einen derart mit Ideen gefütterten Plot innerhalb von einer begrenzten Seitenzahl zu einem angemessenen Ende zu bewegen. Somit kann man hier getrost kurz ein Auge zudrücken und einfach die Geschichte als kleine Unterhaltungsperle ohne besonderen Tiefgang, dafür jedoch mit viel Spannung, Action, einem Touch Liebe und rasanten Schnitten genießen. Ich bin mir sicher, dies war auch der Ansatz der Autorin und somit hat sie nahezu alles richtig gemacht.
Hysterika.de/JMSeibold/31.12.2020

Joe R. Lansdale: Die Kälte im Juli

Originaltitel: COLD IN JULY
Aus dem Amerikanischen von Teja Schwaner
©1989 by Joe R. Lansdale
© 2015 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-41818-9
ca. 255 Seiten

COVER:

Eine Kleinstadt in Texas, Ende der achtziger Jahre, in einer heißen Sommernacht. Richard Dane, Familienvater und arbeitsamer Bürger, schreckt aus dem Schlaf. Geräusche dringen aus der unteren Etage seines Hauses. Richard nimmt die Waffe, die er griffbereit neben seinem Bett hat, und schleicht sich aus dem Schlafzimmer. Wenige Sekunden später ist nichts mehr wie zuvor. Richard befindet sich in einem wahren Albtraum: Vor ihm liegt der Einbrecher, den er erschossen hat, die Tapete seines Wohnzimmers ist mit Blut besudelt. Auch wenn ihm jeder versichert, richtig und in Notwehr gehandelt zu haben, ist Richard tief erschüttert. Doch die Bedrohung ist realer, als er denkt. Ben Russel, Vater des Einbrechers und ein harter Gewalttäter, beginnt, Richard und dessen Familie systematisch zu terrorisieren. Richard schreitet zur Tat. Es gelingt ihm, Russel zu überwältigen, aber die Ereignisse nehmen plötzlich eine völlig neue Wendung. Richard muss sich fragen, wer seine wahren Feinde sind. Es wird Blut fließen, viel Blut …

REZENSION:

Es ist noch gar nicht so lange her, als ich Joe R. Lansdale für mich entdecken konnte. Mein Einstieg war bei ihm eher von der schwierigen Art, da ich mit seiner Drive-In-Saga begonnen hatte und ihn zwar sprachlich für außerordentlich hielt, gleichzeitig jedoch diesem LSD-Trip nicht ganz folgen konnte.
Nichts desto trotz fangen seine weiteren Werke nahezu problemlos an, mich von der hohen Qualität dieses Schriftstellers zu überzeugen.
„Die Kälte im Juli“ ist nun ein weiteres – bereits älteres – Werk, welches ich mir in den letzten Tagen zu Gemüte führen konnte.
Unter dem Titel „Cold In July“ wurde dieser Thriller bereits als Filmadaption veröffentlicht, was zeigt, dass es sich hier um einen recht stringent erzählten Thriller der klassischen Art zu handeln scheint. Exakt dies bestätigt auch der Inhalt des Buches: Lansdale fängt rasant mit dem Einbruch bei den Danes an und lässt uns dann einige Zeit auf ruhig erzählte Weise einen falschen Pfad beschreiten. Sobald sich die Tür der Erkenntnis öffnet, kann man sich der spannenden und sehr rasanten Erzählweise nicht mehr entziehen.
„Die Kälte im Juli“ macht dabei auf typische Noir-Thriller-Weise richtig viel Freude beim Lesen. Gleichzeitig ist es dennoch ein etwas schwächeres Werk des Autors, da er in diesem absolut keine Risiken einzugehen bereit ist und seinen Plot beinahe überraschungslos darbietet. Nichts desto trotz sind Geschichten manchmal auch einfach nur als pure Unterhaltung gedacht und diesen Ansatz fährt „Die Kälte im Juli“ ungebremst bis zum Finale.
Alles in allem ein grandioser Page-Turner ohne besonderen Tiefgang, dennoch mit einer durchweg interessanten und abwechslungsreichen Story im Bauch. Bei anderen Autoren würde man es eventuell mehr hochloben – für einen Lansdale ist es in der Retrospektive betrachtet ein wenig unter dem erwarteten Niveau.
Hysterika.de/JMSeibold/29.10.2020

John Niven: Die F*CK-IT-LISTE

Originaltitel: THE F*CK-IT LIST
Aus dem Englischen von Stephan Glietsch
©2020 by John Niven
© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-26847-0
ca. 317 Seiten

COVER:

Amerika in der nahen Zukunft. Nachdem Donald Trump zwei Amtszeiten durchregiert hat, ist jetzt seine Tochter Ivanka an der Macht. Das Land ist tief gespalten, die Jahre populistischer Politik haben ihre Spuren hinterlassen, mit extremen Folgen. Das Recht auf Abtreibung wurde ausgehöhlt, Waffenkontrolle so gut wie nicht mehr vorhanden, die Asylpolitik ist hochgradig fremdenfeindlich.

Derweil erhält Frank Brill, ein anständiger Zeitungsredakteur in einer Kleinstadt, der gerade in den Ruhestand getreten ist, eine folgenschwere Diagnose: Krebs im Endstadium. Anstatt sich all die Dinge vorzunehmen, die er schon immer machen wollte, erstellt er eine sogenannte Fuck-it-Liste. In seinem Leben musste er wiederholt Tiefschläge erleiden, nun beschließt er sich an den Menschen zu rächen, die für diese Tragödien verantwortlich zeichneten. Schritt für Schritt setzt er seinen Plan in die Tat um, bis ihm ein Redneck-Sheriff auf die Schliche kommt.

REZENSION:

Bereits der Gedanke an zwei vergangene Amtszeiten Trumps und einer gerade laufenden Amtszeit seiner Tochter lässt sich als bitterböse betrachten und zeigt deutlich die Richtung, die John Niven einschlagen möchte: Die Fuck-it-Liste ist eine bitterböse Satire, die aktuell ausreichend Potenzial enthält, um zur Wahrheit zu werden. Aus diesem Grund zeigt sich dieser Roman rundherum politisch, bringt dies jedoch erfreulicherweise nur nach und nach in den Vordergrund und zeigt dabei sehr deutlich, welche Gefahren entstehen können, wenn sich diese dystopischen Gedanken bewahrheiten sollten.
Nebenbei handelt es sich um einen Thriller, in dem der todgeweihte Frank Brill seine Fuck-It-Liste abarbeiten möchte und somit jeden Menschen töten will, der in irgendeiner Art und Weise mit den Tiefschlägen seines Lebens mitverantwortlich zeichnet. Seine Opfer steigen dabei im Schwierigkeitsgrad, da nicht nur Privatpersonen etwas mit seinem Lebenslauf zu tun haben. Mehr sei hier nicht gesagt, da die Gefahr des Spoilerns doch zu hoch ist und der Pfad in dieser Geschichte sehr stringent durchdacht ist.
Die Story von John Niven ist erfrischend anders und vermischt auf eine geniale Weise politische Satire mit einem Rache-Thriller. Obwohl: Wenn wir nicht aufpassen, wird sich die Satire bewahrheiten, dementsprechend sollte dieses Buch zu einer vorgeschriebene Schullektüre für alle Bewohner der Vereinigten Staaten werden.
John Niven zeigt sehr deutlich die Gefahren und führt uns vor, dass es definitiv nicht richtig ist, per radikaler Stimmabgabe zu protestieren. Man sollte sich eher darüber Gedanken machen, welche Inhalte verbreitet werden und somit immer im Auge behalten, was passieren würde, wenn die vermeintliche Protestwahl zu einem positiven Ergebnis kommt.
„Die Fuck-It-Liste“ lässt sich schnell lesen, ist bitterböse in ihrer Darstellung, nimmt kein Blatt vor den Mund und nimmt nicht nur Trump sondern auch viele weitere Mechanismen aufs Korn. Eine wunderbare Abwechslung mit leicht verpacktem Tiefgang.
Die Realität ist nicht weit davon entfernt – wollen wir hoffen, dass sie nicht wie hierin dargestellt eintritt.
Hysterika.de/JMSeibold/11.10.2020

John Marrs: The Passengers

Originaltitel: The Passengers
Aus dem Englischen übersetzt von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 07/2020
© 2020 by John Marrs
Copyright © 2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32072-7
ca. 495 Seiten

COVER:

„Guten Morgen, Claire. Sie dürften bemerkt haben, dass sich ihr Fahrzeug nicht mehr unter ihrer Kontrolle befindet. Ab sofort bestimme ich, wohin es geht. Im Augenblick gibt es nur eines, das Sie wissen sollten: In zwei Stunden und dreißig Minuten sind Sie höchstwahrscheinlich tot.“

Als die hochschwangere Lehrerin Claire Arden diese Worte aus den Lautsprechern ihres nagelneuen selbstfahrenden Autos vernimmt, glaubt sie zunächst, ihr Wagen sei defekt. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass sie tatsächlich in ihrem Auto gefangen ist. Und sie ist nicht die Einzige: das alternde Starlet Sofia Bradbury, der suizidgefährdete Jude Harrison, das Ehepaar Sam und Heidi Cole, die gedemütigte Ehefrau Shabana Khartri, Kriegsveteran Victor Patterson und die Asyl suchende Bilquis Hamila sitzen ebenfalls in autonomen Fahrzeugen, deren Systeme gehackt wurden. Sie alle befinden sich nun auf einem fatalen Kollisionskurs. Gelingt es Verkehrsminister Jack Larsson und den Behörden nicht, den Täter binnen drei Stunden zu fassen und die Autos zum Anhalten zu bringen, kommt es zur Katastrophe. Doch damit nicht genug: Der Täter streamt das ganze live im Internet, und die Zuschauer können über Leben und Tod der acht Passagiere abstimmen. Es ist der Beginn einer höllischen Fahrt, im Laufe derer zahlreiche Lügen, Intrigen und Geheimnisse ans Tageslicht kommen …

REZENSION:

John Marrs konnte bereits durch sein letztes Werk mit dem Titel „The One“ positiv überzeugen und sorgte bereits dort für etwas Unbehagen, da seine Welt nur knapp vor unserer aktuellen Gegenwart liegt. Sämtliche von ihm dort und auch im aktuellen Werk angesprochenen Themen sind bereits vorhanden oder eben prinzipiell möglich. Während es im seinem ersten Buch noch um einen Abgleich der DNA ging, um den perfekten Partner zu finden, wenden wir uns nun dem autonomen Fahrzeug zu.
Wer ein wenig die üblichen Nachrichtenkanäle verfolgt, wird sicher mitbekommen haben, dass dieses Thema mehr und mehr an Bedeutung findet. Nahezu sämtliche Hersteller der Automobilbranche wenden sich verstärkt dieser Möglichkeit zu. Erste technische Vorboten finden sich in unseren aktuellen Fahrzeugen und es ist sicherlich nur noch eine Frage der Zeit, bis man sich keine weitere Gedanken mehr auf dem Weg in die Arbeit machen muss, als schlicht einzusteigen.
In der Welt von John Marrs befinden wir uns in England und exakt zwischen dem Schritt zur vollkommenen Autonomie der Fahrzeuge. Momentan sind noch die üblichen Verbrenner unterwegs, durch erhöhte Steuern, teurere Versicherungen und anderen Maßnahmen, setzt sich das selbstfahrende Auto jedoch ungebremst durch. Darüber hinaus gibt ein Gesetz vor, dass in einigen Jahren die Zulassung von „normalen“ Fahrzeugen nicht mehr erlaubt sein wird. Ehrlich gesagt hat diese Idee auch einen gewissen Reiz: Allein, wenn ich mir vorstelle, dass ich beim täglichen Pendeln im eigenen PKW Bücher lesen könnte, bekomme ich bereits glänzende Augen. Aber gut, John Marrs‘ Buch wäre kein Thriller, wenn er seine Protagonisten einfach in die Arbeit fahren lassen würde…
In „The Passengers“ befinden sich plötzlich 8 Personen in der Hand einer Hackergruppe, die die Kontrolle über deren Fahrzeuge übernommen haben. Was durch Sicherheitsmaßnahmen nicht möglich schien, wird nun Realität und die Navigationssysteme sind auf Kollision programmiert.
Dieser Terrorakt allein sorgt bereits für ausreichende Spannung und man kann sich definitiv nicht mehr von der rasanten Entwicklung lösen. Man fiebert mit jedem einzelnen Passagier mit und gleichzeitig beginnt man damit, die dafür zuständige Kommission bis auf wenige Ausnahmen zu hassen.
John Marrs bleibt jedoch keineswegs bei seiner Kritik in Richtung autonomer Fahrzeuge, sondern holt sogleich noch weiter aus und führt jegliche negativen Aspekte der sozialen Medien mit in das Feld. Plötzlich stimmen fremde Menschen über Facebook, Twitter, etc. über das Überleben der Fahrer ab – dies lediglich durch gestreute Informationen oder persönlichen Präferenzen.
Nach und nach stellt sich auch heraus, dass es noch weit mehr Aspekte gibt, die gegen diese Art der Fortbewegung sprechen – darüber hinaus stellt sich heraus, dass jeder Passagier irgendeine Leiche im Keller hat.
Abermals bleibt sich John Marrs treu und hält der aktuellen Entwicklung einen Spiegel vor. Im Gegensatz zu „The One“ wirkt „The Passenger“ weniger konstruiert und dementsprechend wertiger als auch spannender in seiner Umsetzung. Die Auflösung ist atemberaubend und nicht wirklich zu ahnen – die beschriebene Nacharbeit nach Ablauf der genannten Kollisionszeit etwas zu gut gemeint. Dies hätte er auch weglassen können, schadete aber dem Gesamtkonstrukt nicht mehr.
Im Ganzen betrachtet ist „The Passenger“ erheblich besser als „The One“, auf welches der Autor ab und an hinweist. Somit gelang ihm ein rundum spannender, eingängig erzählter und glaubwürdig dargelegter Plot, der nur noch schwer von ihm zu toppen ist. Ein spannungsgeladener Thriller, der für gelungene Unterhaltung sorgt und sicherlich auch perfekt als Film funktionieren könnte.
Jürgen M. Seibold/04.09.2020

Tobias Bachmann: Despina Jones & die Fälle der okkulten Bibliothek

©acabus Verlag, Hamburg 2020
ISBN 978-3-86282-779-4
ca. 290 Seiten

COVER:

In der Bibliothek für okkulte Fälle ist Despina Jones Ermittlerin der besonderen Art:

Als Nekromantin kann sie mit den Geistern Verstorbener reden. Doch auch Tote können launenhafte, eigensinnige Zeugen sein. Bei der Auflösung ihrer Fälle wird sie von einem vielseitigen Team unterstützt, das in der antiquarischen Bibliothek ihres Onkels sitzt.

Ein Priester bittet das Ermittler-Team um Hilfe, als ein Leichnam in einer der ältesten Kirchen Londons entdeckt wird. Der unbekannte Mann wurde wie Christus ans Kreuz genagelt.
Despina tappt im Dunkeln, da der Verstorbene sich selbst für Jesus hält und seiner Wiederauferstehung entgegenfiebert. Bald findet sich das Team in einem Strudel religiöser Denkweisen und Praktiken wieder, der es an die Pforten ihrer persönlichen Hölle bringt.

REZENSION:

Despina Jones & die Fälle der okkulten Bibliothek scheint das erste Buch einer neu angehenden Serie zu sein – zumindest klingt der Titel schwer danach, da sich im vorliegenden Buch natürlich nur ein Fall befindet. Dieser wiederum zeigt sich sogleich als Herausforderung für das Team um Despina Jones, da es um nichts geringeres als Gekreuzigte wie zu Jesu-Zeiten geht. Welche Rolle spielen dabei die okkulten Bücher, die nur relevant zu sein scheinen, wenn alle drei Exemplare vorliegen? Warum die religiös aufgeladenen Todesfälle?
Tobias Bachmann gründet hiermit eine recht interessante und mit okkulten Phänomenen aufgeladene Reihe um eine grandiose Ermittlerin, die nebenbei auch noch Nekromantin ist, was zur Folge hat, dass sie mit den Toten sprechen kann und dies auch dementsprechend vollzieht – es gibt ja keine besseren Zeugen, als die Toten selbst…
Die Geschichte hat es mir prinzipiell sehr angetan. Bachmann scheut vor keine Darstellung zurück und beschreibt auch die Kreuzigungen sehr explizit. Ich persönlich halte dies für eine gute Alternative zum üblichen Mystic-Allerlei – somit ein aus Krimi und Thriller, gewürzt mit ein klein wenig Horror. Alles Ingredienzen, die für Überzeugung sorgen – gleichzeitig bleiben in diesem Band die Figuren noch ein wenig blass und überraschen nie in ihrer eigenen Rolle. Hier ist definitiv noch Potenzial vorhanden, welches der Autor in eventuell geplanten Folgebänden ja noch gezielt ausarbeiten kann. Bachmann selbst agiert sehr sprachbegabt und die gesamte Geschichte lässt sich außerordentlich leicht und eingängig konsumieren. Bereits dadurch hoffe ich sehr auf weitere Fälle, da die Idee wahrlich für sich selbst spricht. Man sollte dennoch darauf achten, noch ein wenig mehr Tiefgang und Detailverliebtheit einzubauen, dann könnte die Welt um Despina Jones eine Besondere werden.
hysterika.de/01.08.2020

Joe R. Lansdale: Act of Love

©1981 by Joe R. Lansdale
ISBN 0-7867-0288-5
ca. 319 Seiten

COVER:

In the hard-boiled tradition of Jim Thompson, Joe R. Lansdale burst onto the mystery scene with Act of Love. In this tautly plotted story of a modern Jack the Ripper’s spree in Houston, Lansdale creates a powerful combination of crime, police work, and social commentary – all with an eye for graphic detail. With each new victim the serial killer picks out, the nerve-breaking manhunt for “The Houston Hacker” moves toward a shocking and grisly finale. Lansdale’s graphic style is the dark heart of this book, its violence grim and informed and experimental.

Act of Love, a contemporary classic of crime fiction, is a collector’s item for his old fans and essential reading for his new ones.

REZENSION:

Act of Love ist ein aus heutiger Sicht typischer Serienkiller-Thriller – wenn man sich jedoch vor Augen hält, dass dieses Debüt von Joe R. Lansdale aus dem Jahre 1981 ist, wird einem recht schnell bewusst, dass es zur damaligen Zeit etwas Besonderes darstellte. Die typische Vorgehensweise hat sich noch nicht manifestiert – lediglich einige namhafte Autoren, wie z.B. Robert Bloch, widmeten sich diesem Sujet.
Dementsprechend schwierig war es sicherlich für diesen aufstrebenden Schriftsteller, seinen ersten spannungsgeladenen Roman unter das Volk zu bringen. Das im Buche befindliche Nachwort des Autors bestätigt dies sogleich. Er war somit seiner Zeit weit voraus. Darüber hinaus ist seine Hauptrolle von dunkler Hautfarbe, was ja leider teilweise noch heute immer noch ein Thema in dieser unfairen Welt zu sein scheint, beziehungsweise ist. Anfang der 80er sicherlich mitten in den Staaten ein zusätzliches Problem, um ein Debüt veröffentlichen zu können. Niemand – ganz besonders sicherlich Lansdale selbst nicht – konnte ahnen, wie sich der Output dieses Schriftstellers noch entwickeln wird. Act of Loveoffenbart zumindest schon erste zarte Hinweise auf die noch kommende Qualität dieses bei uns leider viel zu unbekannten Schriftstellers.
Act of Love ist, wie bereits erwähnt, ein Serienkillerroman im Fahrwasser des guten alten Jack The Ripper – lediglich in unsere Zeit gebracht. Lansdale erzählt dabei geschickt, durchweg spannend und scheut sich nicht vor der grafischen Darstellung der aufkommenden Brutalität beim Tötungsakt.
Sein Ende ist wie einem typischen Film entnommen und enttäuscht ein klein wenig – der Weg dorthin lässt einen jedoch darüber hinwegsehen, da er sich absolut abwechslungsreich und rundum spannend vor dem Leser ausbreitet.
Kurzum ein richtig gutes Debüt eines Autoren, der sich in den folgenden Jahren nicht nur durch seine Vielfalt sondern auch durch seine hohe Qualität einen großen Namen machen konnte.
hysterika.de/19.07.2020

John Marrs: The One

Originaltitel: THE ONE
Aus dem Englischen von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 11/2019
©2016 by John Marrs
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32061-1
ca. 496 Seiten

COVER:

Der Traum von der einzig wahren Liebe ist endlich Wirklichkeit geworden. Dank der revolutionären Entschlüsselung eines bis dahin verborgenen genetischen Codes können die Menschen durch einen einfachen Test den perfekten Partner finden. Aussehen, Alter, Geschlecht und sexuelle Orientierung spielen mit einem Mal keine Rolle mehr, denn Match Your DNA sorgt dafür, dass jeder mit seinem Seelenverwandten – seinem Match – zusammen sein kann. Die Zeiten von grauenhaften Dates, von Zweifeln in der Beziehung, von Streit und Untreue sind endgültig vorbei. Gematchte Paare haben die besseren Jobs, verdienen mehr Geld und genießen ein höheres soziales Ansehen als solche, die sich auf anderem Wege kennengelernt haben. Natürlich sind sie auch glücklicher, schließlich haben sie den Menschen gefunden, der wie für sie geschaffen ist.

Mandy, Christopher, Jade, Ellie und Nick sehen sich ebenfalls danach, ihren Traumpartner zu treffen. Sie alle haben sich auf das Abenteuer Match Your DNA eingelassen, und sie alle können ihr Glück kaum fassen, als sie endlich die große Liebe erleben dürfen. Noch ahnen die fünf nicht, dass das Schicksal die ein oder andere böse Überraschung für sie bereithält – denn auch Seelenverwandte können Geheimnisse voreinander haben. Dunkle Geheimnisse. Tödliche Geheimnisse …

REZENSION:

Partnersuche auf die einfachste Art und Weise: Man meldet sich bei Match Your DNA an, erhält ein Teströhrchen, macht einen Rachenabstrich und sendet das ein. Passt die eigene DNA zum perfekten Partner, bekommt man für knappe 10 englische Pfund die Kontaktdaten dieser Person. Diese Idee klingt absolut verlockend und auch in diesem Buch passen die Pärchen beinahe nahtlos zusammen. Natürlich handelt es sich bei THE ONE um einen Thriller, wodurch sichergestellt ist, dass nicht alles golden ist was glänzt. Tiefer möchte ich aber in die prinzipielle Handlung nicht eingehen, da bereits die Coverbeschreibung fast zu viel verrät.
Das Schöne am Thriller von John Marrs sind die sehr kurz gehaltenen Kapitel, die immer auf eine Person eingehen und fast immer mit einem kleinen Cliffhanger enden. Dadurch ist man fast genötigt, noch schnell einige Kapitel weiter zu lesen, da man ja wissen möchte, wie es bei der betreffenden Person weitergeht. Natürlich tritt dieses Konzept bei jedem Kapitel auf und schon befindet man sich in einer Spirale der Nötigung und die Seiten rasen nur so an den eigenen Augen vorbei. Dies allein zeigt bereits, dass es sich bei THE ONE um einen reinrassigen Unterhaltungsroman handelt. Diese Aufgabe schafft Marrs‘ Geschichte auch problemlos – die Handlung ist rasant, die Geschichte interessant und die Erzählweise eingängig genug, um noch schnell ein weiteres Kapitel lesen zu wollen.
Ein klein wenig wirkt die Geschichte etwas konstruiert, nichts desto sorgt sie für gelungene Lesefreude, wodurch man hier nicht zu kritisch werden sollte. Eine Geschichte mit einer interessanten Idee, die ein klein wenig zum Nachdenken anregt, in ihrer Gänze aber pure Unterhaltung sein möchte. Mich wundert es absolut nicht, dass THE ONE auch seinen Weg in die Welt der Serien bei einem nicht gerade unbekannten Streaming-Portal gefunden hat.
Jürgen Seibold/12.04.2020