John Niven: Die F*CK-IT-LISTE

Originaltitel: THE F*CK-IT LIST
Aus dem Englischen von Stephan Glietsch
©2020 by John Niven
© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-26847-0
ca. 317 Seiten

COVER:

Amerika in der nahen Zukunft. Nachdem Donald Trump zwei Amtszeiten durchregiert hat, ist jetzt seine Tochter Ivanka an der Macht. Das Land ist tief gespalten, die Jahre populistischer Politik haben ihre Spuren hinterlassen, mit extremen Folgen. Das Recht auf Abtreibung wurde ausgehöhlt, Waffenkontrolle so gut wie nicht mehr vorhanden, die Asylpolitik ist hochgradig fremdenfeindlich.

Derweil erhält Frank Brill, ein anständiger Zeitungsredakteur in einer Kleinstadt, der gerade in den Ruhestand getreten ist, eine folgenschwere Diagnose: Krebs im Endstadium. Anstatt sich all die Dinge vorzunehmen, die er schon immer machen wollte, erstellt er eine sogenannte Fuck-it-Liste. In seinem Leben musste er wiederholt Tiefschläge erleiden, nun beschließt er sich an den Menschen zu rächen, die für diese Tragödien verantwortlich zeichneten. Schritt für Schritt setzt er seinen Plan in die Tat um, bis ihm ein Redneck-Sheriff auf die Schliche kommt.

REZENSION:

Bereits der Gedanke an zwei vergangene Amtszeiten Trumps und einer gerade laufenden Amtszeit seiner Tochter lässt sich als bitterböse betrachten und zeigt deutlich die Richtung, die John Niven einschlagen möchte: Die Fuck-it-Liste ist eine bitterböse Satire, die aktuell ausreichend Potenzial enthält, um zur Wahrheit zu werden. Aus diesem Grund zeigt sich dieser Roman rundherum politisch, bringt dies jedoch erfreulicherweise nur nach und nach in den Vordergrund und zeigt dabei sehr deutlich, welche Gefahren entstehen können, wenn sich diese dystopischen Gedanken bewahrheiten sollten.
Nebenbei handelt es sich um einen Thriller, in dem der todgeweihte Frank Brill seine Fuck-It-Liste abarbeiten möchte und somit jeden Menschen töten will, der in irgendeiner Art und Weise mit den Tiefschlägen seines Lebens mitverantwortlich zeichnet. Seine Opfer steigen dabei im Schwierigkeitsgrad, da nicht nur Privatpersonen etwas mit seinem Lebenslauf zu tun haben. Mehr sei hier nicht gesagt, da die Gefahr des Spoilerns doch zu hoch ist und der Pfad in dieser Geschichte sehr stringent durchdacht ist.
Die Story von John Niven ist erfrischend anders und vermischt auf eine geniale Weise politische Satire mit einem Rache-Thriller. Obwohl: Wenn wir nicht aufpassen, wird sich die Satire bewahrheiten, dementsprechend sollte dieses Buch zu einer vorgeschriebene Schullektüre für alle Bewohner der Vereinigten Staaten werden.
John Niven zeigt sehr deutlich die Gefahren und führt uns vor, dass es definitiv nicht richtig ist, per radikaler Stimmabgabe zu protestieren. Man sollte sich eher darüber Gedanken machen, welche Inhalte verbreitet werden und somit immer im Auge behalten, was passieren würde, wenn die vermeintliche Protestwahl zu einem positiven Ergebnis kommt.
„Die Fuck-It-Liste“ lässt sich schnell lesen, ist bitterböse in ihrer Darstellung, nimmt kein Blatt vor den Mund und nimmt nicht nur Trump sondern auch viele weitere Mechanismen aufs Korn. Eine wunderbare Abwechslung mit leicht verpacktem Tiefgang.
Die Realität ist nicht weit davon entfernt – wollen wir hoffen, dass sie nicht wie hierin dargestellt eintritt.
Hysterika.de/JMSeibold/11.10.2020

John Marrs: The Passengers

Originaltitel: The Passengers
Aus dem Englischen übersetzt von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 07/2020
© 2020 by John Marrs
Copyright © 2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32072-7
ca. 495 Seiten

COVER:

„Guten Morgen, Claire. Sie dürften bemerkt haben, dass sich ihr Fahrzeug nicht mehr unter ihrer Kontrolle befindet. Ab sofort bestimme ich, wohin es geht. Im Augenblick gibt es nur eines, das Sie wissen sollten: In zwei Stunden und dreißig Minuten sind Sie höchstwahrscheinlich tot.“

Als die hochschwangere Lehrerin Claire Arden diese Worte aus den Lautsprechern ihres nagelneuen selbstfahrenden Autos vernimmt, glaubt sie zunächst, ihr Wagen sei defekt. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass sie tatsächlich in ihrem Auto gefangen ist. Und sie ist nicht die Einzige: das alternde Starlet Sofia Bradbury, der suizidgefährdete Jude Harrison, das Ehepaar Sam und Heidi Cole, die gedemütigte Ehefrau Shabana Khartri, Kriegsveteran Victor Patterson und die Asyl suchende Bilquis Hamila sitzen ebenfalls in autonomen Fahrzeugen, deren Systeme gehackt wurden. Sie alle befinden sich nun auf einem fatalen Kollisionskurs. Gelingt es Verkehrsminister Jack Larsson und den Behörden nicht, den Täter binnen drei Stunden zu fassen und die Autos zum Anhalten zu bringen, kommt es zur Katastrophe. Doch damit nicht genug: Der Täter streamt das ganze live im Internet, und die Zuschauer können über Leben und Tod der acht Passagiere abstimmen. Es ist der Beginn einer höllischen Fahrt, im Laufe derer zahlreiche Lügen, Intrigen und Geheimnisse ans Tageslicht kommen …

REZENSION:

John Marrs konnte bereits durch sein letztes Werk mit dem Titel „The One“ positiv überzeugen und sorgte bereits dort für etwas Unbehagen, da seine Welt nur knapp vor unserer aktuellen Gegenwart liegt. Sämtliche von ihm dort und auch im aktuellen Werk angesprochenen Themen sind bereits vorhanden oder eben prinzipiell möglich. Während es im seinem ersten Buch noch um einen Abgleich der DNA ging, um den perfekten Partner zu finden, wenden wir uns nun dem autonomen Fahrzeug zu.
Wer ein wenig die üblichen Nachrichtenkanäle verfolgt, wird sicher mitbekommen haben, dass dieses Thema mehr und mehr an Bedeutung findet. Nahezu sämtliche Hersteller der Automobilbranche wenden sich verstärkt dieser Möglichkeit zu. Erste technische Vorboten finden sich in unseren aktuellen Fahrzeugen und es ist sicherlich nur noch eine Frage der Zeit, bis man sich keine weitere Gedanken mehr auf dem Weg in die Arbeit machen muss, als schlicht einzusteigen.
In der Welt von John Marrs befinden wir uns in England und exakt zwischen dem Schritt zur vollkommenen Autonomie der Fahrzeuge. Momentan sind noch die üblichen Verbrenner unterwegs, durch erhöhte Steuern, teurere Versicherungen und anderen Maßnahmen, setzt sich das selbstfahrende Auto jedoch ungebremst durch. Darüber hinaus gibt ein Gesetz vor, dass in einigen Jahren die Zulassung von „normalen“ Fahrzeugen nicht mehr erlaubt sein wird. Ehrlich gesagt hat diese Idee auch einen gewissen Reiz: Allein, wenn ich mir vorstelle, dass ich beim täglichen Pendeln im eigenen PKW Bücher lesen könnte, bekomme ich bereits glänzende Augen. Aber gut, John Marrs‘ Buch wäre kein Thriller, wenn er seine Protagonisten einfach in die Arbeit fahren lassen würde…
In „The Passengers“ befinden sich plötzlich 8 Personen in der Hand einer Hackergruppe, die die Kontrolle über deren Fahrzeuge übernommen haben. Was durch Sicherheitsmaßnahmen nicht möglich schien, wird nun Realität und die Navigationssysteme sind auf Kollision programmiert.
Dieser Terrorakt allein sorgt bereits für ausreichende Spannung und man kann sich definitiv nicht mehr von der rasanten Entwicklung lösen. Man fiebert mit jedem einzelnen Passagier mit und gleichzeitig beginnt man damit, die dafür zuständige Kommission bis auf wenige Ausnahmen zu hassen.
John Marrs bleibt jedoch keineswegs bei seiner Kritik in Richtung autonomer Fahrzeuge, sondern holt sogleich noch weiter aus und führt jegliche negativen Aspekte der sozialen Medien mit in das Feld. Plötzlich stimmen fremde Menschen über Facebook, Twitter, etc. über das Überleben der Fahrer ab – dies lediglich durch gestreute Informationen oder persönlichen Präferenzen.
Nach und nach stellt sich auch heraus, dass es noch weit mehr Aspekte gibt, die gegen diese Art der Fortbewegung sprechen – darüber hinaus stellt sich heraus, dass jeder Passagier irgendeine Leiche im Keller hat.
Abermals bleibt sich John Marrs treu und hält der aktuellen Entwicklung einen Spiegel vor. Im Gegensatz zu „The One“ wirkt „The Passenger“ weniger konstruiert und dementsprechend wertiger als auch spannender in seiner Umsetzung. Die Auflösung ist atemberaubend und nicht wirklich zu ahnen – die beschriebene Nacharbeit nach Ablauf der genannten Kollisionszeit etwas zu gut gemeint. Dies hätte er auch weglassen können, schadete aber dem Gesamtkonstrukt nicht mehr.
Im Ganzen betrachtet ist „The Passenger“ erheblich besser als „The One“, auf welches der Autor ab und an hinweist. Somit gelang ihm ein rundum spannender, eingängig erzählter und glaubwürdig dargelegter Plot, der nur noch schwer von ihm zu toppen ist. Ein spannungsgeladener Thriller, der für gelungene Unterhaltung sorgt und sicherlich auch perfekt als Film funktionieren könnte.
Jürgen M. Seibold/04.09.2020

Tobias Bachmann: Despina Jones & die Fälle der okkulten Bibliothek

©acabus Verlag, Hamburg 2020
ISBN 978-3-86282-779-4
ca. 290 Seiten

COVER:

In der Bibliothek für okkulte Fälle ist Despina Jones Ermittlerin der besonderen Art:

Als Nekromantin kann sie mit den Geistern Verstorbener reden. Doch auch Tote können launenhafte, eigensinnige Zeugen sein. Bei der Auflösung ihrer Fälle wird sie von einem vielseitigen Team unterstützt, das in der antiquarischen Bibliothek ihres Onkels sitzt.

Ein Priester bittet das Ermittler-Team um Hilfe, als ein Leichnam in einer der ältesten Kirchen Londons entdeckt wird. Der unbekannte Mann wurde wie Christus ans Kreuz genagelt.
Despina tappt im Dunkeln, da der Verstorbene sich selbst für Jesus hält und seiner Wiederauferstehung entgegenfiebert. Bald findet sich das Team in einem Strudel religiöser Denkweisen und Praktiken wieder, der es an die Pforten ihrer persönlichen Hölle bringt.

REZENSION:

Despina Jones & die Fälle der okkulten Bibliothek scheint das erste Buch einer neu angehenden Serie zu sein – zumindest klingt der Titel schwer danach, da sich im vorliegenden Buch natürlich nur ein Fall befindet. Dieser wiederum zeigt sich sogleich als Herausforderung für das Team um Despina Jones, da es um nichts geringeres als Gekreuzigte wie zu Jesu-Zeiten geht. Welche Rolle spielen dabei die okkulten Bücher, die nur relevant zu sein scheinen, wenn alle drei Exemplare vorliegen? Warum die religiös aufgeladenen Todesfälle?
Tobias Bachmann gründet hiermit eine recht interessante und mit okkulten Phänomenen aufgeladene Reihe um eine grandiose Ermittlerin, die nebenbei auch noch Nekromantin ist, was zur Folge hat, dass sie mit den Toten sprechen kann und dies auch dementsprechend vollzieht – es gibt ja keine besseren Zeugen, als die Toten selbst…
Die Geschichte hat es mir prinzipiell sehr angetan. Bachmann scheut vor keine Darstellung zurück und beschreibt auch die Kreuzigungen sehr explizit. Ich persönlich halte dies für eine gute Alternative zum üblichen Mystic-Allerlei – somit ein aus Krimi und Thriller, gewürzt mit ein klein wenig Horror. Alles Ingredienzen, die für Überzeugung sorgen – gleichzeitig bleiben in diesem Band die Figuren noch ein wenig blass und überraschen nie in ihrer eigenen Rolle. Hier ist definitiv noch Potenzial vorhanden, welches der Autor in eventuell geplanten Folgebänden ja noch gezielt ausarbeiten kann. Bachmann selbst agiert sehr sprachbegabt und die gesamte Geschichte lässt sich außerordentlich leicht und eingängig konsumieren. Bereits dadurch hoffe ich sehr auf weitere Fälle, da die Idee wahrlich für sich selbst spricht. Man sollte dennoch darauf achten, noch ein wenig mehr Tiefgang und Detailverliebtheit einzubauen, dann könnte die Welt um Despina Jones eine Besondere werden.
hysterika.de/01.08.2020

Joe R. Lansdale: Act of Love

©1981 by Joe R. Lansdale
ISBN 0-7867-0288-5
ca. 319 Seiten

COVER:

In the hard-boiled tradition of Jim Thompson, Joe R. Lansdale burst onto the mystery scene with Act of Love. In this tautly plotted story of a modern Jack the Ripper’s spree in Houston, Lansdale creates a powerful combination of crime, police work, and social commentary – all with an eye for graphic detail. With each new victim the serial killer picks out, the nerve-breaking manhunt for “The Houston Hacker” moves toward a shocking and grisly finale. Lansdale’s graphic style is the dark heart of this book, its violence grim and informed and experimental.

Act of Love, a contemporary classic of crime fiction, is a collector’s item for his old fans and essential reading for his new ones.

REZENSION:

Act of Love ist ein aus heutiger Sicht typischer Serienkiller-Thriller – wenn man sich jedoch vor Augen hält, dass dieses Debüt von Joe R. Lansdale aus dem Jahre 1981 ist, wird einem recht schnell bewusst, dass es zur damaligen Zeit etwas Besonderes darstellte. Die typische Vorgehensweise hat sich noch nicht manifestiert – lediglich einige namhafte Autoren, wie z.B. Robert Bloch, widmeten sich diesem Sujet.
Dementsprechend schwierig war es sicherlich für diesen aufstrebenden Schriftsteller, seinen ersten spannungsgeladenen Roman unter das Volk zu bringen. Das im Buche befindliche Nachwort des Autors bestätigt dies sogleich. Er war somit seiner Zeit weit voraus. Darüber hinaus ist seine Hauptrolle von dunkler Hautfarbe, was ja leider teilweise noch heute immer noch ein Thema in dieser unfairen Welt zu sein scheint, beziehungsweise ist. Anfang der 80er sicherlich mitten in den Staaten ein zusätzliches Problem, um ein Debüt veröffentlichen zu können. Niemand – ganz besonders sicherlich Lansdale selbst nicht – konnte ahnen, wie sich der Output dieses Schriftstellers noch entwickeln wird. Act of Loveoffenbart zumindest schon erste zarte Hinweise auf die noch kommende Qualität dieses bei uns leider viel zu unbekannten Schriftstellers.
Act of Love ist, wie bereits erwähnt, ein Serienkillerroman im Fahrwasser des guten alten Jack The Ripper – lediglich in unsere Zeit gebracht. Lansdale erzählt dabei geschickt, durchweg spannend und scheut sich nicht vor der grafischen Darstellung der aufkommenden Brutalität beim Tötungsakt.
Sein Ende ist wie einem typischen Film entnommen und enttäuscht ein klein wenig – der Weg dorthin lässt einen jedoch darüber hinwegsehen, da er sich absolut abwechslungsreich und rundum spannend vor dem Leser ausbreitet.
Kurzum ein richtig gutes Debüt eines Autoren, der sich in den folgenden Jahren nicht nur durch seine Vielfalt sondern auch durch seine hohe Qualität einen großen Namen machen konnte.
hysterika.de/19.07.2020

John Marrs: The One

Originaltitel: THE ONE
Aus dem Englischen von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 11/2019
©2016 by John Marrs
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32061-1
ca. 496 Seiten

COVER:

Der Traum von der einzig wahren Liebe ist endlich Wirklichkeit geworden. Dank der revolutionären Entschlüsselung eines bis dahin verborgenen genetischen Codes können die Menschen durch einen einfachen Test den perfekten Partner finden. Aussehen, Alter, Geschlecht und sexuelle Orientierung spielen mit einem Mal keine Rolle mehr, denn Match Your DNA sorgt dafür, dass jeder mit seinem Seelenverwandten – seinem Match – zusammen sein kann. Die Zeiten von grauenhaften Dates, von Zweifeln in der Beziehung, von Streit und Untreue sind endgültig vorbei. Gematchte Paare haben die besseren Jobs, verdienen mehr Geld und genießen ein höheres soziales Ansehen als solche, die sich auf anderem Wege kennengelernt haben. Natürlich sind sie auch glücklicher, schließlich haben sie den Menschen gefunden, der wie für sie geschaffen ist.

Mandy, Christopher, Jade, Ellie und Nick sehen sich ebenfalls danach, ihren Traumpartner zu treffen. Sie alle haben sich auf das Abenteuer Match Your DNA eingelassen, und sie alle können ihr Glück kaum fassen, als sie endlich die große Liebe erleben dürfen. Noch ahnen die fünf nicht, dass das Schicksal die ein oder andere böse Überraschung für sie bereithält – denn auch Seelenverwandte können Geheimnisse voreinander haben. Dunkle Geheimnisse. Tödliche Geheimnisse …

REZENSION:

Partnersuche auf die einfachste Art und Weise: Man meldet sich bei Match Your DNA an, erhält ein Teströhrchen, macht einen Rachenabstrich und sendet das ein. Passt die eigene DNA zum perfekten Partner, bekommt man für knappe 10 englische Pfund die Kontaktdaten dieser Person. Diese Idee klingt absolut verlockend und auch in diesem Buch passen die Pärchen beinahe nahtlos zusammen. Natürlich handelt es sich bei THE ONE um einen Thriller, wodurch sichergestellt ist, dass nicht alles golden ist was glänzt. Tiefer möchte ich aber in die prinzipielle Handlung nicht eingehen, da bereits die Coverbeschreibung fast zu viel verrät.
Das Schöne am Thriller von John Marrs sind die sehr kurz gehaltenen Kapitel, die immer auf eine Person eingehen und fast immer mit einem kleinen Cliffhanger enden. Dadurch ist man fast genötigt, noch schnell einige Kapitel weiter zu lesen, da man ja wissen möchte, wie es bei der betreffenden Person weitergeht. Natürlich tritt dieses Konzept bei jedem Kapitel auf und schon befindet man sich in einer Spirale der Nötigung und die Seiten rasen nur so an den eigenen Augen vorbei. Dies allein zeigt bereits, dass es sich bei THE ONE um einen reinrassigen Unterhaltungsroman handelt. Diese Aufgabe schafft Marrs‘ Geschichte auch problemlos – die Handlung ist rasant, die Geschichte interessant und die Erzählweise eingängig genug, um noch schnell ein weiteres Kapitel lesen zu wollen.
Ein klein wenig wirkt die Geschichte etwas konstruiert, nichts desto sorgt sie für gelungene Lesefreude, wodurch man hier nicht zu kritisch werden sollte. Eine Geschichte mit einer interessanten Idee, die ein klein wenig zum Nachdenken anregt, in ihrer Gänze aber pure Unterhaltung sein möchte. Mich wundert es absolut nicht, dass THE ONE auch seinen Weg in die Welt der Serien bei einem nicht gerade unbekannten Streaming-Portal gefunden hat.
Jürgen Seibold/12.04.2020

Frank Lauenroth: Chicago Run

1. Auflage 2019
© Frank Lauenroth
Herstellung und Verlag:
BoD – Books on Demand, Norderstedt
ISBN 978-3-750409-78-1
ca. 308 Seiten

COVER:

Endspurt im Wahlkampf um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von Amerika. Der amtierende Präsident Langdon liegt hinter seinem republikanischen Herausforderer zurück. Doch Langdon hat einen Plan. Als erster Präsident will er am Chicago Marathon teilnehmen, um medienwirksam Bürgernähe, Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen zu demonstrieren.

Eine riskante Entscheidung, die den Secret Service vor eine enorme Herausforderung stellt. Denn Stalin, russischer Oligarch und erklärter Gegner Amerikas, war mit seinem Masterplan beim New Yorker Marathon nur knapp gescheitert. Nun ist er frei und sinnt auf Rache.

An der Seite des Präsidenten sollen Christopher Johnson und Brian Harding, gemeinsam mit einem Spezialisten-Team, Stalins Pläne vereiteln. Im Hintergrund versuchen Elisabeth Bancroft und Rachel Parker alles, um den Präsidenten und ihre Männer zu retten.
Doch Stalin ist ihnen längst einige Schritte voraus.

Der fulminante Abschluss der Marathon-Thriller-Trilogie!

REZENSION:

Chicago Run ist bereits der dritte Thriller des Autors Frank Lauenroth, dessen Geschehen sich mitten im Setting einer berühmten Marathon-Veranstaltung befindet. Nach Boston und New York befinden wir uns nun in Chicago und kein geringerer als der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten möchte daran teilnehmen, um sich auf diesem Wege seine Wiederwahl zu sichern. Die Entscheidung fiel sehr kurzfristig und dementsprechend flexibel und kreativ müssen die beteiligten Personen agieren, um den Präsidenten auf seinem Weg durch die Stadt zu schützen, denn der uns bereits bekannte Widersacher Stalin wittert seine Chance.
Nachdem ich die ersten beiden Marathon-Thriller bereits kennen lernen durfte und dabei auch noch als wirklich gute Thriller in Erinnerung habe, war es natürlich nur ein kurzer Weg zur Entscheidung, mich auch diesem Werk zu widmen. Gleichzeitig hatte ich aber auch die Befürchtung, dass lediglich eine Kopie der bisherigen Romane unter Verwendung des gleichen Settings und lediglich einer anderen Stadt entstanden sein könnte.
Weit gefehlt, denn Frank Lauenroth scheint weiterhin genug Ideen gehabt zu haben, um trotz der ähnlichen Umstände einen hochrasanten Thriller vorzulegen, den man sich auch ganz gut auf der Leinwand vorstellen könnte. Die Leinwand ist auch das richtige Stichwort, denn seine drei Werke entsprechen auch in etwa der Vorgehensweise einen typischen Secret-Service-Action-Thrillers, was keinesfalls negativ klingen soll. CHICAGO RUN trifft dies erneut zu einhundert Prozent und dementsprechend rasant spult sich die Handlung ab. Durch die kurzen Absätze spürt man fast die in Filmen verwendeten Schnitte, um Bewegung in die Handlung zu bekommen.
Erneut ist der Einfallsreichtum Lauenroths grandios, was dazu führt, dass man auch als Leser einige Zeit ein klein wenig an der Nase herumgeführt wird.
Ich persönlich halte es für wirklich interessant, feststellen zu können, dass sich der Autor einerseits zu kopieren scheint, ohne sich dabei zu kopieren – das klingt ein wenig verworren, aber trifft es genau: Setting ist gleich, Gegner ist gleich, Hauptdarsteller sind gleich – nichts desto trotz macht es erneut viel Spaß und man fühlt sich hier perfekt aufgehoben. Noch eine Tüte Popcorn dazu und man fühlt sich wie im Kino.
Alles in allem erneut ein wahrlich gelungener Thriller, der von der ersten bis zur letzten Seite actionreich für perfekte Unterhaltung sorgt.
Jürgen Seibold/10.04.2020

Dziuk, Artur: Das Ting

Originalausgabe 2019 bold, ein Imprint der dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
ISBN 978-3-423-23006-3
ca. 463 Seiten

COVER:

SCHÖNE NEUE MENSCHEN …

Vier junge Leute gründen in Berlin ein Start-up und entwickeln ein Tool: das Ting, das körperbezogene Daten seiner Nutzer sammelt, diese auswertet und auf ihrer Grundlage Handlungs- und Entscheidungsempfehlungen gibt. Die Idee überzeugt – das Ting schlägt auf Anhieb ein wie eine Bombe. Doch um zusätzliche Investoren zu gewinnen, sind Linus und sein Team gezwungen, sich auf ein gefährliches Spiel einzulassen: Sie verpflichten sich, den Empfehlungen des Ting zu folgen. Bedingungslos …

REZENSION:

Artur Dziuks Roman mit dem Titel „Das Ting“ spielt in unserer aktuellen Zeit und denkt das Prinzip allseits zur Verfügung stehenden Applikationen etwas weiter: Im Gegensatz zu Apps, die auf Basis von Vergangenheitsdaten Auswertungen vornehmen und eventuell gerade mal den Hinweis geben, man sollte mehr Schritte laufen, um sein Durchschnittspensum zu erreichen, wert das TING sämtliche zur Verfügung stehenden Daten aus und gibt klare Handlungsempfehlungen für aktuelle Entscheidungen. Das Ziel ist das Erreichen eines rundum zufriedenen und erfolgreichen Lebens. Dabei kann es auch sein, dass man Entscheidungen treffen muss, die auf den ersten Blick negativ klingen, anderen Menschen vor den Kopf stoßen oder man gar Freundschaften kündigt. Der Hintergrund dieser Empfehlung liegt irgendwo in der Zukunft und ist somit noch nicht zu greifen.
Die Idee klingt außerordentlich interessant und beängstigend. Darüber hinaus bietet diese Idee ein Sammelsurium an bösartigen Möglichkeiten, wenn nicht gar dramatischen Entwicklungen der psychologischen Art.
Artur Dziuk geht diesen Weg leider nur begrenzt und lässt in seinem Debüt all diese dystopischen Möglichkeiten unbeschrieben. Dieser Umstand ist sehr schade – nichts desto trotz sorgt „Das Ting“ für einen hohen Unterhaltungswert in einem spannend erzähltem Start-Up-Milieu. Man begleitet die Ersteller dieser App bei ihren ersten Wegen bis zur Marktreife und den dazugehörigen Zwistigkeiten.
Dziuk schreibt dabei sehr eingängig und nachvollziehbar. Die prinzipielle Idee ist gelungen und auch sehr interessant, nerdig und doch glaubhaft erzählt.
Alles in allem ein interessanter Plot eines aufstrebenden Unternehmens mit allen Höhen und Tiefen der ersten Monate und dem notwendigen „Federn lassen“, um sich als Marke bekannt zu machen. Kurzum ein doch sehr gelungener Roman, den man getrost lesen kann.
Für eine absolute Empfehlung hätte ich mir dennoch das „Ausrollen“ des Produkts auf die Menschheit gewünscht – dies mit einer dann folgenden, spannenden und hoffentlich in einer Dystopie endenden Dramatik. Also Menschen, die von einer KI zu ihrer vermeintlichen Zufriedenheit gelenkt werden. Nun, wie man merkt bin ich ein Freund der etwas härteren Gangart – aber vielleicht hilft dies dem Autor, hier gar einen weiteren Band nach zu legen? Das Produkt böte ausreichend Potenzial – oder wartet er gar auf die Empfehlung seiner App …?
Jürgen Seibold/25.02.2020

Adler-Olsen, Jussi: Opfer 2117

Originaltitel: Offer 2117
Aus dem Dänischen von Hannes Thiess
©2019 Jussi Adler-Olsen
Originalausgabe 2019
©2019 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
ISBN 978-3-423-28210-9
ca. 588 Seiten

COVER:

Seit über zehn Jahren wirkt Assad wie eine geheimnisvolle Naturgewalt im Sonderdezernat Q in Kopenhagen …

Zypern, Am Strand von Ayia Napa wird der Journalist Joan Aiguader Zeuge, wie Helfer eine Tote aus dem Wasser ziehen. Die Frau aus dem Nahen Osten ist das „Opfer 2117“ auf der „Tafel der Schande“ am Strand von Barcelona, die die Zahl der im Mittelmeer ertrunkenen Bootsflüchtlinge anzeigt. Ihr Bild geht um die Welt. Die Tote am Strand ist eine Frau, die Assad einst sehr nahestand. Mit einem Schlag kehren die Gespenster aus seiner Vergangenheit zurück: Ghaalib, ein irakischer Krimineller, hat bereits einmal sein Leben zerstört – jetzt will er Assad für immer vernichten.

Und mit Assad im Zentrum der Ereignisse beginnt für Carl Mørck und sein Team ein nervenzerfetzender, atemloser Countdown, um eine Katastrophe im Herzen Europas zu verhindern.

Zur selben Zeit kündigt ein psychisch gestörter Gamer telefonisch beim Sonderdezernat Q ein Massaker in Kopenhagen an: Er wolle Rache nehmen für eine ertrunkene Flüchtlingsfrau im Mittelmeer …

REZENSION:

Die Sonderdezernat-Reihe ist eine als Thriller angepriesene Krimi-Reihe. Somit passt sie vom Grundsatz her nicht wirklich in mein übliches Lesespektrum. Nichts desto trotz konnte mich Jussi Adler-Olsen bereits vom ersten Band weg rundum überzeugen und ich freute mich dementsprechend auf jeden weiteren Band dieser herausragenden Reihe.
Das Team selbst ist mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten zusammengewürfelt. Alle bewegen sich dabei am Rande eines psychischen Zusammenbruchs und gleichzeitig scheint dies der dünne Faden zu sein, der diese Kollegen auch persönlich und privat bombenfest zusammenschweißt.
„Opfer 2117“ ist bereits der achte Fall des Sonderdezernats Q  – gleichzeitig ein komplett anders ausgerichteter in seiner Art der Erzählung. Bisher gab es eine recht stringente Handlungslinie und das Ermittlerteam kümmerte sich um bereits vergangene, dennoch nie richtig abgeschlossene Fälle. Dabei gab es in nahezu jedem Buch auch einen Faden in die Gegenwart, dennoch war die Vorgehensweise klar gegeben.
Im vorliegenden Buch scheint nichts mehr diesem bisherigen Ablauf zu entsprechen: Es gibt keinen bereits abgeschlossenen, noch zu klärenden Fall, das Team ist aktuell fast zerbrochen, Rose findet weiterhin noch nicht wieder zurück und der uns immer noch sympathische, doch eher unbekannte Assad scheint auf irgendeine Art und Weise eine Beziehung zu dieser Toten am Strand von Ayia Napa zu haben.
Jussi Adler-Olsen greift sich ein sehr politisches Thema und verknüpft dies zu einem uns alle betreffenden, europäischen Problem. Landesgrenzen spielen keine Rolle – im Gegenteil, er zeigt auf, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit darüber hinweg notwendig sein kann.
Teilweise dachte ich mir, dass das Thema der Flüchtlinge, verknüpft mit der Planung von terroristischen Anschlägen im Herzen Europas für eine Geschichte dieser Art zu wuchtig wird. Der Autor konnte aber bei jeglichem Aufblitzen dieses Problems ein wenig vom Gas gehen und geschickt darlegen, dass er sehr wohl mit dieser Problematik umzugehen und sogar damit zu spielen weiß.
Gut, einige kleine Begebenheiten sind der Dramaturgie geschuldet ein wenig künstlich herangezogen, nichts desto trotz störte das keineswegs, sondern sorgte höchstens dafür, dass der Spannungsaufbau immer weiter angezogen werden konnte.
Nebenbei versucht Adler-Olsen noch einen kleinen psychisch gestörten Gamer mit in seine Geschichte als separates Zuckerstück einzubauen – notwendig wäre dieser Aspekt nicht gewesen, da die eigentliche, vordergründige Handlung bereits ausreichend erzählerischen Stoff bieten konnte. Trotzdem sorgte dieser Aspekt immer wieder dafür, den bekannten, sehr trockenen Witz des Ermittlerteams hervor holen zu können – dieses Markenzeichen wurde nämlich durch Adler-Olsen der Haupthandlung geschuldet in diesem Buch arg vernachlässigt.
„Opfer 2117“ ist scheinbar ein Herzenswerk des Schriftstellers und darüber hinaus ein klares politisches Statement. Auf die Handlung bezogen ein besonderes Werk in dieser Reihe, welches der Person Assads geschuldet war und dessen Persönlichkeit nun nach vielen Jahren vor dem Leser offenbart worden ist.
Erneut ein wahrer Blockbuster und ich freue mich bereits sehr auf eine Fortführung dieser Reihe – erhoffe mir dabei aber auch, dass der nächste Band nicht ganz so tiefgründig ist und den bekannten Witz wieder mehr in den Vordergrund kommen lässt. Auch wenn es in diesem Werk absolut notwendig war, so vorzugehen, wie es der Autor vorgenommen hat.
Das Sonderdezernat Q bleibt in seiner gesamten Reihe ein absoluter Tipp und wer diese Werke noch nicht kennt, sollte einfach mal mit dem ersten Fall (Erbarmen) anfangen – eine Enttäuschung wird nicht auftreten.
Jürgen Seibold/09.02.2020

Simmons, Dan: Flashback

Originaltitel: Flashback
Deutsche Übersetzung von Karl Jünger
©2011 by Dan Simmons
©2019 der deutschsprachigen Taschenbuchausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32009-3
ca. 638 Seiten

COVER:

Die Welt im Jahre 2036. Die Vereinigten Staaten stehen kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps, in den Städten herrscht das Chaos, und die terroristische Bedrohung ist allgegenwärtig. Den größten Teil der Bevölkerung scheint das allerdings kaum zu kümmern, denn die Menschen sind abhängig von einer Droge namens „Flashback“, die es den Konsumenten ermöglicht, die glücklichsten Augenblicke ihres Lebens immer wieder neu zu erfahren. Einer von ihnen ist Nick Bottom, ein ehemaliger Polizist, der seit dem tragischen Unfalltod seiner Frau nur noch in der Vergangenheit lebt und mittels „Flashback“ die schönsten Momente mit ihr wiederaufleben lässt. Dann aber wird er erneut mit einem Fall betraut, dem Mord am Sohn eines hohen Regierungsbeamten, den er in seiner aktiven Zeit nicht aufklären konnte. Eher widerwillig beginnt Bottom mit den Ermittlungen. Bis er einer gigantischen Verschwörung auf die Spur kommt – einer Verschwörung, die für den verheerenden Zustand der USA und ihrer Bewohner verantwortlich ist.

REZENSION:

Dan Simmons ist ein Schriftsteller, der sich nur schlecht greifen lässt. Im Gegensatz zu den meisten Autoren scheint er sich absolut nichts über Genrezuordnungen zu scheren. Aus diesem Grund ist sein Output vielfältig und greift in nahezu jedes Genre ein, um sich dort ein kleines Plätzchen zu schnappen. Dadurch macht er es natürlich auch seinen Fans nicht gerade leicht: Mal liest man Fantasy, mal Horror, mal historisch angelehnte Halbwahrheiten, mal pure Science Fiction und im vorliegenden Fall SF, gewürzt mit einer visionär zu betrachtenden Idee, wie das Amerika der Zukunft aussehen könnte. Dies sehr dystopisch dargestellt und dabei gleichzeitig in die Form eines Krimis gepresst.
In meinen Augen ist Dan Simmons nicht nur ein kreativer Autor, sondern auch gesegnet mit einer herausragenden, schriftstellerischen Qualität. Nichts desto trotz konnte er es nicht schaffen, mich mit diesem Werk in irgendeiner Art und Weise überzeugen zu können.
Seine Welt ist zwar visionär, gleichzeitig aber auch schwierig zu verdauen, wenn man sich die politischen Begebenheiten vor Augen führt.
Die Geschichte driftete mir zu schnell davon und ich konnte die aufgeführten Fäden nur selten greifen. Seine Sprache ist abermals herausragend, dennoch entwickelte sich trotz der interessanten Umgebung und den soziologischen Philosophischen nichts wirklich weiter als ein Krimi-Thriller mit einem abgewrackten Entwickler.
Somit halte ich zwar Dan Simmons weiterhin für einen herausragenden Schriftsteller – dennoch verweise ich lieber auf seine anderen Werke wie zum Beispiel TERROR, ELM HAVEN und ganz besonders die HYPERION-GESÄNGE. Flashback kann sich dieser Riege leider nicht anschließen.
Jürgen Seibold/06.02.2020

Cawdron, Peter: Habitat

Originaltitel: Retrograde
Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Kempen
Deutsche Erstausgabe 02/2019
©2016 by Peter Cawdron
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31963-9
ca. 350 Seiten

COVER:

Die Menschheit hat ihren Fuß auf den Mars gesetzt. Die neue Habitatsiedlung „Endeavor“ wird als Triumph des menschlichen Forscherdrangs gefeiert. Einhundertzwanzig Wissenschaftler, Techniker und Astronauten aus aller Herren Länder arbeiten hier. Eine von ihnen ist die junge und engagierte Mikropaläobiologin Liz, die sich wie ihre Kollegen dazu verpflichtet hat, zehn Jahre auf dem Mars zu leben und zu forschen, um den Roten Planeten für die Menschheit bewohnbar zu machen. Doch dann bricht auf der Erde Krieg aus, die Funksignale verstummen und die Versorgungslieferungen zum Mars werden unterbrochen. Nun sind die Kolonisten auf sich alleine gestellt. Misstrauen macht sich unter den verschiedenen Nationen breit. Wer hat den Krieg auf der Erde begonnen? Welches Land ist schuld, dass die Forscher nun auf dem Mars gefangen sind? Liz stößt schon bald auf erste Ungereimtheiten, und dann gibt es einen ersten Toten …

REZENSION:

In Peter Cawdrons neuestem Science-Fiction-Roman befinden wir uns auf dem Mars. Dort befindet sich seit einiger Zeit eine Kolonie, deren Sinn und Zweck die Erforschung und Vorbereitung des unwirtlichen Planeten auf weitere Siedler des Planeten Erde ist.
Die gesamte Forschungseinrichtung besteht aus mehreren Modulen, die gleichzeitig aus unterschiedlichen Nationen bestehen. Der Ursprung ist natürlich die Zusammenarbeit der jeweiligen Institutionen auf der Erde, um ein solches Projekt überhaupt stemmen zu können.
Die Module sind zwar alle miteinander verbunden, dennoch spiegeln sie eine gewisse Trennung wieder – dies wirkt leider analog zu unserem Planeten: Es gibt in der Kolonie somit Eurasien, China, Russland und die Vereinigten Staaten.
Diese Vorgehensweise ist der einzige Kritikpunkt, die ich dem Autor vorwerfen muss  obwohl: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dies auch exakt so vorgenommen wird. Ganz unabhängig, wie umfangreich das Gesamtprojekt ist und dass dieses auch nur gemeinsam gestemmt werden kann.
Cawdron macht es sich damit ein wenig einfach, damit er seine Geschichte, die recht schnell Fahrt aufnehmen wird, in der dafür vorgesehenen Spur laufen lassen kann.
Wie die Bewohner auf dem Mars erfahren müssen, zerfleischt sich die Erde durch einen weltweit großangelegten Atomkrieg. Die Bewohner auf dem Mars bekommen nur rudimentäre Informationen und sind dann von weiteren Nachrichten des blauen Planeten abgeschnitten. Die Kommunikation als auch die weitere Versorgung ist eingestellt oder nicht mehr vorhanden, die eigenen Gedanken übernehmen das Zepter.
Da die Kolonisten keine genauen Informationen haben, sind sie sich auch nicht über verlorene Familienmitglieder, Freunde, etc. sicher. Dementsprechend beginnen sie auf menschliche Art zu spekulieren. Darüber hinaus beginnt eine teilweise Abschottung, da sich jeder die Frage stellt, wer diesen Krieg auf der Erde begonnen hat.
Der dezent aufkommende Rassismus in der engen Enklave lässt den Leser mit dem Schlimmsten rechnen. Peter Cawdron führt dies auch geschickt und etwas länger aus. Bereits jetzt würde der Roman ganz gut für eine gepflegte Unterhaltung sorgen – auf Dauer aber wohl etwas zu vorhersagbar, da sich wohl die Einwohner immer mehr mit Vorurteilen beschimpfen und wohl dann mit gegenseitigem Bekriegen beginnen.
Erfreulicherweise dreht sich jedoch der Plot zugunsten der Story. Hierzu möchte ich nichts weiter sagen, da der Twist doch ein klein wenig überraschend ist und der Feind sich doch als etwas anderes darstellt.
Peter Cawdron führt sehr viele technische Details in seine spannende Geschichte ein. Dies aber rundum auf eine absolut glaubwürdige und plausible Art und Weise. Ob das alles möglich ist, entzieht sich meiner Kenntnis – nichts desto trotz konnte ich jedem einzelnen Aspekt trotz fehlendem technischen Know How in diesem Sektor absolut problemlos folgen und somit auch als gegeben hinnehmen.
Übrigens kann man dem Nachwort entnehmen, dass sehr wohl alles plausibel ist und einem technischen Stand entspricht, der sich in spätestens 50 Jahren darstellen würde, wenn man dem Ziel der Marsbesiedelung weiter mit Nachdruck folgt.
Der Plot selbst ist eine gelungener Unterhaltungsroman, der insbesondere durch die Drehung des Plots seine Kraft zieht. Dieser Drall entsteht genau zum richtigen Zeitpunkt und somit ist man als Leser weiterhin voller Euphorie bei den Erlebnissen auf dem fernen Planeten dabei.
Habitat ist ein gelungener und recht spannender SF-Roman mit einem sehr interessanten Setting und einer darüber hinaus glaubwürdigen Geschichte.
Jürgen Seibold/25.08.2019

Laufhütte, Andreas: Das ewige Spiel

Deutsche Erstausgabe 07/2019
© Eldur verlag, Aachen
ISBN 978-3-937-41929-9
ca. 188 Seiten

COVER:

Mein Name ist David Riemschneider. Ich bin 48 Jahre alt, 1,85 Meter groß, und ich habe einen Hirntumor.

Mit diesen Worten beginnt eine zunächst gewöhnlich anmutende Schicksalsgeschichte, die aber im weiteren Verlauf zunehmend groteskere Züge annimmt, insbesondere, was die Halluzinationen des Icherzählers angeht.

Und irgendwann stellt einer der behandelnden Ärzte die Frage aller Fragen: Was, wenn das gar keine Halluzinationen sind?

Ist dann aber stattdessen das ganze bisherige Leben Davids eine Einbildung, inklusive seiner über alles geliebten Frau? Die nächtlichen Schreie, die er während seines Klinikaufenthaltes aus einem Nachbarzimmer hört, sagen ihm etwas anderes.

Dieser Roman ist eine hochspannende Mixtur aus Horror, Thriller und Science Fiction. Von dieser gibt es nicht viele, es lohnt sich also auf jeden Fall, einen Blick zu riskieren.

REZENSION:

Es gibt sie wahrlich immer noch: Bücher, die einen überraschen. Bücher, deren Inhalt und Ausgang so ganz anders ist, als man beim Öffnen des Werkes gedacht hatte.
Gut, der Eldur Verlag konnte mich bisher mit einer Vielzahl an Werken überzeugen – dennoch hatte ich keinerlei besondere Erwartung zum oben genannten kleinen Buch.
Andreas Laufhütte ist mir nicht wirklich ein Begriff. Meines Wissens trat er bisher lediglich als Kurzgeschichtenschreiber in besagtem Verlag auf. Seine Teilnahme bei „Fleisch“ kannte ich somit, aber wie so oft bei Kurzgeschichten: Selbst unter Folter hätte ich weder den Titel noch den Inhalt nennen können. Ist doch schon einige Zeit her…
Nun also eine etwa 180 Seiten starke Geschichte, deren Cover ein klein wenig die Richtung vor zu geben scheint.
Beim Lesen stellt man sich dann dennoch die Frage, wer auf die dumme Idee des Covers kam? Hat doch so gar nichts mit der Geschichte zu tun. Nach und nach wandelt sich der Inhalt der gewöhnlich beginnenden Geschichte jedoch – und so langsam öffnet sich das Verständnis für das Bild auf der Vorderseite des Buches.
„Das ewige Spiel“ ist eine absolute Überraschung. Hier ist nichts, wie es scheint. Der Autor schafft es immer wieder, falsche Fährten auszulegen, plötzlich wieder zurück zu kommen, um dann doch wieder komplett wo anders zu landen. Dabei auch noch ohne Rücksicht auf irgendwelche Genregrenzen. Nein, wir treiben haltlos mit und versuchen herauszubekommen, wie denn eigentlich dieser ganze Reigen enden soll.
Das Ende kommt natürlich unweigerlich – bei gerade mal 180 Seiten auch noch viel zu schnell, aber: es ist erneut eine kleine Wendung und man wird nachdenklich und leicht geplättet zurückgelassen.
„Das ewige Spiel“: Bizarr, wirr, irreführend, genresprengend, ergreifend, ab und an sehr verwirrend. Nichts desto trotz ein absoluter Geheimtipp!
Jürgen Seibold/24.08.2019

Leibig, Timo: Nanos – Sie bestimmen was du denkst

© 2018 by Timo Leibig
© 2018 by Penhaligon in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
ISBN 978-3-7645-3190-4
ca. 510 Seiten
COVER:

Sie sind überall.
Sie beherrschen jeden.
Nur ein Mann ist frei.
Nur er kann sie bekämpfen.

Deutschland 2028: Die Bevölkerung ist hörig.
Dank Nanoteilchen in Lebensmitteln und im Trinkwasser glauben die Menschen alles, was ihnen die Regierungspartei weismacht. Nur wenige sind „free“, also resistent gegen die manipulativen Nanos – und sie sammeln sich im Untergrund zu einer Rebellion.

Unter ihnen befindet sich der geflohene Sträfling Malek, ein Mann, der nur ein Ziel hat: überleben.
Das macht ihn gefährlich für die Regierung und wertvoll für die Rebellion. Doch wer wie er nichts zu verlieren hat, den kümmert kein Freiheitskampf – wäre da nicht jenes Versprechen, das er seinem besten Freund auf dem Totenbett gab …

REZENSION:

Es ist schon einige Zeit vergangen, seit ich dieses Buch von Timo Leibig gelesen habe. Ein Blick in meine kleine Aufzeichnung offenbarte mir, dass dies bereits im August des letzten Jahres geschehen ist. Zu der Zeit war ich jedoch zeitlich dermaßen stark eingebunden, dass es mir bei einer nicht gerade geringen Anzahl an Büchern bis heute nicht möglich war, darüber zu schreiben. Vielmehr spielte ich sogar mit dem Gedanken, das Rezensieren ganz bleiben zu lassen. Nachdem sich dieser traurige Gedanke erfreulicherweise in Luft aufgelöst hatte, versuche ich nun nach und nach die offenen Kritiken nachzuholen. Da ich mich bereits im Nachfolgeband von Timo Leibigs Nanos befinde, dachte ich, das wäre ein sehr guter Grund, mich noch schnell auf den ersten Band gedanklich einzulassen.
Der zeitliche Abstand macht es einem dabei natürlich nicht gerade leicht. Nichts desto trotz konnte ich nachvollziehen, dass ich für den Genuss von Nanos gerade mal ein paar wenige Tage benötigte – dies allein spricht schon für das erste Buch Leibigs bei einem namhaften großen Verlag, da dieses mit seinen 510 Seiten nicht gerade dünn ist und sich zu der Zeit mein Lesevergnügen auf das kurze, tägliche Pendeln reduzierte.
Timo Leibigs bisherige Bücher standen dem Buch in einem „großen“ Verlag in nichts nach – dementsprechend freute ich mich für ihn, dass er eben gerade diesen wichtigen Schritt eines Autors geschafft hat und dabei auch noch bei einem sehr bekannten Verlag unterkommen konnte.
Nanos klingt erst einmal recht simpel und man erwartet einen guten, dennoch nicht gerade tiefgehenden Thriller, welcher laut Coverbeschreibung in der nahen Zukunft spielt. Der gerade mal 10 Jahre entfernte Zeitraum des Geschehens lässt seine Geschichte extrem greifbar erscheinen. Darüber hinaus scheint das Prinzip der Nanoteilchen eine Art Analogie zu den aktuellen politischen Begebenheiten zu sein: Jeder versucht den anderen zu beeinflussen und nur einige wenige scheinen dagegen resistent zu sein und versuchen dagegen zu rebellieren.
Dies klingt sehr stark nach den aktuellen politischen Diskussionen in nahezu jedem wichtigen Land auf diesem Planeten und dem Versuch, hierbei für Änderungen zu sorgen.
Diesen Umbruch spiegelt Leibig in seiner Geschichte wider – dabei erfreulicherweise ohne in irgendeiner Art und Weise aufdringlich zu wirken.
Im Gegenteil, das geschieht vielmehr nebensächlich, da im Vordergrund die klassischen Thrillerelemente die tragende Rolle spielen.
Auch wenn ich Leibigs bisherige Bücher immer noch als herausragend betrachte: Mit Nanos ist ihm ein erneuter Wurf gelungen, der für gelungene und spannende Unterhaltung sorgt und dabei noch ganz nebenbei ein klein wenig nachdenklich stimmt.
Jürgen Seibold/03.06.2019

Wells, Dan: Die Formel

Originaltitel: Extreme Makeover
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Tor Books, New York 2016
© Piper Verlag GmbH, München 2018
ISBN 978-3-492-70469-4
ca. 524 Seiten

COVER:

Lyle Fontanelle, Chefwissenschaftler bei der Kosmetikfirma NewYew, macht die Entwicklung schlechthin: ReBirth – eine Creme, die Hautzellen nachhaltig regenerieren kann. NewYew sieht in der Lotion das größte Beautyprodukt, das je erfunden wurde. Doch während der Entwicklungsphase treten bei einigen Testpersonen seltsame Symptome auf und Lyle kommt einer verstörenden Wahrheit auf die Spur: Statt die Nutzer wie geplant zu verjüngen, überschreibt die Creme deren DANN und sie werden zu Klonen anderer Personen! Als die Lotion trotz aller Warnungen auf den Markt kommt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf, denn jeder will ReBirth für seine Zwecke nutzen. Nicht zuletzt könnte die Creme als gefährliche Waffe missbraucht werden …

REZENSION:

Stellen sie sich vor, sie könnten durch eine ganz simple Hautcreme ihr gesamtes Aussehen ändern. Sie könnten durch eine simple, einfach anzuwendende Hautcreme problemlos ihren Krebs heilen. Sie könnten das Aussehen einer wunderschönen Frau, eines attraktiven Mannes annehmen. Sie könnten dabei sogar das Geschlecht wechseln. Sie möchten aussehen wie ein berühmter Schauspieler/Schauspielerin/Model/Sportler/…?
Alles kein Problem mit der sagenhaften Lotion mit dem Namen „ReBirth“.
Diese Lotion greift aus nicht nachvollziehbaren Gründen direkt in die DANN eines Menschen ein und baut diese um. Innerhalb von vier Wochen sind sie ein komplett anderer Mensch?
Würden sie so eine Lotion für teures Geld kaufen?
Oberflächlich betrachtet, sagt man sicherlich „nein“ – dennoch geben Menschen Milliardenbeträge für Kosmetikartikel aus. Aus diesem Grund nehme ich es Dan Wells auch in seinem Roman problemlos ab, dass „ReBirth“ seinen Erschaffern aus den Händen gerissen wird – unabhängig davon, wieviel dafür finanziell zu entrichten ist.
Dan Wells beginnt glaubwürdig und lässt in seinem geschickten Mix aus verschiedenen Genres – SF, Dystopie, Thriller – absolut nichts missen. Die Spannung hält er bereits durch seine Kapitelmarker hoch: Er zählt die Tage herab bis zum Weltuntergang.
Sein Stil ist eingängig und rundum flüssig. Die Idee atemberaubend – allein deswegen bleibt man den jeweiligen Seiten bis zum Ende treu.
Der Autor versucht in seinem Werk einen sozialkritischen Abgesang auf unsere Menschheit zu kreieren. Dabei verstärkt sich im Laufe des Buches der sarkastische Unterton – gleichzeitig scheint er sich dadurch aber ein klein wenig zu verlieren. Ich würde fast behaupten, dass die erste Hälfte dieses Wissenschaftsthrillers wahrlich mit zum Besten Output des Autors gehört. Die zweite Hälfte ist zwar weiterhin rasant und spannend – jedoch fehlt irgendwie das gewisse Extra. Dan Wells hätte meiner Meinung nach noch erheblich mehr in die Gegebenheiten und Hochnäsigkeiten der Kosmetikbranche einschlagen können. Darüber hinaus hätte er auch noch erheblich mehr in die allgemeine, schönheitsideal-nachlaufende Menschheit einschlagen können. All dies war vorhanden, leider verläuft es sich nach und nach und degeneriert „Die Formel“ zu einem grandios beginnenden, aber im Durchschnitt beendenden Thriller.
Schlussendlich bleibt eine filmreife und sehr unterhaltsame Geschichte, die für ausreichend interessante Lesestunden sorgen kann. Etwas nachdrücklicheres entsteht leider trotz des starken Beginns nicht mehr, was aus meiner Sicht absolut schade ist. Trotzdem ein gut unterhaltender Roman, der aber durch den Abfall in der zweiten Hälfte lediglich Durchschnitt bleibt. Zwar spannend, unterhaltsam und gut, gleichzeitig jedoch nichts darüber hinaus.
Jürgen Seibold/05.04.2019

Strandberg, Mats: Das Heim

Aus dem Schwedischen von Nina Hoyer
©2017 Mats Strandberg
© für die deutschsprachige Ausgabe: S. Fischer Verlag GmbH
ISBN 978-3-596-70367-8
ca. 426 Seiten

COVER:

Ein Altersheim ist kein schöner Ort. So viel ist Joel klar, als er seine demente Mutter nach einem beinahe tödlichen Herzinfarkt in ein Seniorenheim bringt. Dass es allerdings so schlimm wird, überrascht ihn dann doch.

Seine Mutter, zeitebens eine sanfte Person, wird aggressiv und traktiert mit ihren boshaften Anfällen die Mitbewohner. Noch seltsamer ist, dass sie dunkle Geheimnisse ihrer Mitpatienten ausplaudert, von denen sie eigentlich nichts wissen kann. Manche der Alten halten sie deshalb für einen Engel, andere für einen Dämon – und auch das Pflegepersonal kriegt es auf Station D langsam mit der Angst zu tun.

Und als sich die beklemmenden Vorkommnisse im Heim häufen, findet Joel ausgerechnet in seiner Jugendfreundin Nina eine Verbündete, um dem Grauen entgegenzutreten.

REZENSION:

Bereits auf dem Cover des ersten Buches von Mats Strandberg mit dem Titel „Die Überfahrt“ zeigte sich ein Vermerk auf den erfolgreichsten Horrorautoren der heutigen Zeit: Stephen King. Marketingabteilungen versuchen natürlich mit Superlativen den Käufer zum Kauf zu animieren. Bei Büchern wird aber auch eine Erwartungshaltung gesetzt, die dann oft nur schwer erreicht werden kann.
Strandbergs Erstling war dabei noch ein Vampirroman. Das Setting auf einer Fähre, wodurch eine simple Flucht schlicht unmöglich ist. Die Idee war ganz nett – die Erwartung wurde aber in keiner Weise erfüllt und übrig blieb lediglich ein ganz netter Roman mit einigen Spannungselementen.
Nun wagte ich mich dennoch, Strandbergs neuestes Werk mit dem Titel „Das Heim“ zu lesen. Jeder hat eine zweite Chance verdient und auch hier klingt das Setting außerordentlich interessant. Erneut der leuchtend gelbe Aufkleber mit dem Hinweis, dass es sich hier um den schwedischen Stephen King handelt. Na, wollen wir doch diesmal versuchen, gänzlich unvoreingenommen zu sein.
„Das Heim“ spielt in einem Altersheim und lässt uns neben den Pflegekräften auch viele Insassen näherkommen. Erneut ist das Setting geschickt gewählt und Strandberg hat auch ein außerordentlich gutes Händchen uns die jeweiligen Bewohner detailliert und teils liebevoll gezeichnet nahe zu bringen. Nach und nach nähert sich das Grauen – wodurch der Verweis zu Stephen King zumindest rudimentär passen würde. Auch dieser ließ sich früher lange Zeit, bis das Böse seinen Zugang in die Alltäglichkeit gefunden hatte.
Strandberg wirkt aber in seiner zweiten Geschichte erneut ein wenig konstruiert und schafft es leider nicht, mich rundum zu überzeugen.
Insbesondere beim Spannungsaufbau bleibt er zu zaghaft und scheint wohl kein Risiko eingehen zu wollen, um den Mainstreamleser nicht zu vergraulen. Dem frühen Stephen King ging das buchstäblich am Arsch vorbei und ich wette, gerade deshalb war und ist er so erfolgreich. Strandberg erzählt prinzipiell sehr eingängig und lässt uns als Leser nichts missen. Dennoch fehlt schlichtweg der echte Horror, wenn nicht gar bereits der echte Thrill. Alles im Heim erlebte war irgendwie schon einmal da. Ab und an eine klein wenig an der Spannungsschraube gedreht – dennoch immer so, dass man definitiv kein Problem damit hätte, das Licht auszumachen. Schade, denn vom Erzählerischen her scheint Strandberg gut aufgestellt zu sein. Vielleicht sollte er einfach mal die Zügel loslassen und versuchen, seine Geschichte vollkommen befreit zu erzählen. Es kann natürlich sein, dass Strandberg eine Klientel dazwischen zu erreichen versucht – ich befürchte auch, dass dies sein Ansatz sein könnte. In diesem Fall wäre es schade, aber zu akzeptieren.
Ich möchte das Buch jetzt aber auch nicht zu sehr schlecht reden – immerhin konnte es mich bis zum Ende einigermaßen unterhalten. Somit ist „Das Heim“ ein Unterhaltungsroman ohne Ecken und Kanten, der für einige ganz nette Stunden sorgen kann. Etwas darüber hinaus gibt es leider nicht her – obwohl ich mir durch den Aufkleber exakt dies erneut erwartet hätte. Ob ich dem Autor eine dritte Chance geben werde? Da muss ich noch stark in mich gehen…
Jürgen Seibold/27.12.2018

 

Suarez, Daniel: BIOS

Originaltitel: Change Agent
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Deutsche Erstausgabe
©2017 by Rowohlt Verlag, GmbH
„Change Agent“ ©2017 by Daniel Suarez
ISBN 978-3-499-29133-3
ca. 542 Seiten

COVER:

DAS WILD, DAS DU JAGST: DU BIST ES SELBST

Im Jahr 2045 ist das Zeitalter der Technik Geschichte; die biologische Moderne ist angebrochen. Algen und Pilze bauen Autogehäuse, die Boomstädte Asiens werden nachts von Leuchtbäumen erhellt. Auch vor dem menschlichen Körper macht die Bio-Revolution nicht halt. Jeder will hochgezüchtete Designer-Babys, ob legal oder nicht. Die Zeche zahlen andere.

Kenneth Durand leitet bei Interpol den Kampf gegen diese Genkriminalität. Und ein Mann steht dabei im Fadenkreuz: Marcus Demang Wyckes, Kopf eines so mächtigen wie skrupellosen Kartells. Eines Tages erwacht Durand aus dem Koma. Man hat ihn entführt. Er sieht anders aus. Seine DNA ist verändert. Er ist Marcus Demang Wyckes. Der Mann, der weltweit gesucht wird.

REZENSION:

Daniel Suarez mausert sich mit seinen wissenschaftlich und technikverliebten Thrillern mehr und mehr zu einem futuristisch angehauchten Erbe von Autoren, wie zum Beispiel Michael Crichton. Ebenso wie dieses Vorbild, sind seine Romane mal atemberaubend gut, mal ein wenig belanglos. Nichts desto trotz machen fast alle seine Werke ausreichend Spaß beim Lesen, vermitteln eine Botschaft und sorgen für zumeist durchgehend spannende Unterhaltung.
Auch im vorliegenden BIOS begeben wir uns in eine Zukunftsvision des Autoren. Sein Plot spielt im Jahre 2045 – die Nähe zur heutigen Zeit passt dabei ziemlich gut, da die meisten von ihm dargelegten Techniken in ihren ersten Entwicklungsstufen bereits vorliegen und somit möglich sind und wohl in den nächsten Jahren stärker in den Vordergrund treten können.
BIOS erinnert in seiner Gänze ein wenig an einen Agentenfilm – sehr Bondlastig angelehnt – mit einem Bösewicht und seinem gegenüberstehenden Ideal der Rechtschaffenheit.
Über den Plot selbst möchte ich mich gar nicht zu sehr auslassen, da der Klappentext das Grundgerüst der Geschichte recht gut umreißt.
Neben der sehr plausibel wirkenden Zukunftsvision erinnert der handelnde Plot stark an einige Filme der ausgehenden 90er Jahre. Hier scheint sich der Autor wohl hemmungslos bedient zu haben, um seiner interessanten und beängstigenden Vision eine an die Seiten fesselnde Handlung zu bieten.
Ab und an wirkt seine Story leider sehr stark konstruiert. Wohl um den Ablauf in die gewünschte Richtung zu biegen. Zumeist kann man jedoch problemlos darüber hinwegsehen.
Schlussendlich bleibt ein sehr spannender Thriller ohne großartige Handlungsüberraschungen plus einigen Momenten, bei denen man besser ein Auge zudrückt oder man sich kurzzeitig auf das Niveau eines drittklassigen B-Movies herablässt.
Anderseits ist BIOS aber auch eine sehr interessante und glaubwürdig erzählte Vision der nahen Zukunft – inklusive einer neuen kapitalistischen Weltordnung, die nicht von der Hand zu weisen ist. Gefühlt scheint die Zukunftsvision dem Autor wichtiger gewesen zu sein, als der eigentliche Plot. Dennoch ist BIOS ein rundum unterhaltsamer und spannender Action-Thriller, der den Leser ähnlich unterhalten kann, wie der Gang in das Kino zu einem ähnlich gelagerten Film.
Jürgen Seibold/27.09.2018