Ferdinand von Schirach: TERROR – Ein Theaterstück und eine Rede

Neuausgabe Oktober 2016
btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
© 2016 Ferdinand von Schirach
ISBN 978-3-442-71496-4
ca. 164 Seiten

COVER:

Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt die Piloten, Kurs auf die voll besetzte Allianz-Arena in München zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug ab, alle Passagiere sterben. Der Mann muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Zuschauer und Leser, sie müssen über Schuld und Unschuld urteilen.

Ein Theaterstück von bedrückender Aktualität. Es stellt die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Werden wir uns für die Freiheit oder die Sicherheit entscheiden? Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz der Terrorgefahr noch gilt?

Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015 hat auf schrecklichste Weise gezeigt, wie hoch der Preis sein kann, den wir für unsere Freiheit zahlen müssen. Schirachs Rede auf Charlie Hebdo, die ebenfalls in diesem band enthalten ist, ist ein Plädoyer für die Freiheit des Wortes, für unsere Zivilisation im Angesicht ihrer Feinde.

REZENSION:

Ein Terrorist kapert ein Flugzeug und lässt Kurs auf die voll besetzte Allianz-Arena in München nehmen. Ein Kampfpilot der Luftwaffe entscheidet eigenmächtig und gegen den ausdrücklichen Befehl seiner Vorgesetzten. Er schießt die Lufthansa Maschine ab und 164 Menschen werden getötet.
Demgegenüber stehen ca. 70.000 Menschen, die gerettet wurden.
Ferdinand von Schirach stellt in seinem Theaterstück auf Basis der Gerichtsverhandlung dieses Dilemma vor und bringt den Leser in eine echte Entscheidungssituation: Kann man Menschenleben gegeneinander aufrechnen? Lassen sich 164 Tote in Kauf nehmen, wenn dabei 70.000 gerettet werden? Wo befindet sich die Grenze dieser Zahl? Wie würde man entscheiden, wenn jemand Bekanntes sich im Flugzeug befinden würde?
Schirachs TERROR ist sehr geschickt konstruiert und dementsprechend eingängig entwickelt sich die Darstellung des Falles. Es gibt keine Diskussionen, die sich vom Fall lösen – nein, der Pilot gibt seine Tat uneingeschränkt zu. Doch wie soll man urteilen? Ist er frei zu sprechen, da er 70.000 Menschen gerettet hat oder entscheidet man sich für ein Tötungsdelikt in 164 Fällen?
TERROR ist ein sehr kurzes Buch – dennoch lässt es einen lange nicht los. Ferdinand von Schirach füttert seinen Leser mit allen zur Verfügung stehenden Fakten – lässt ihn aber in seiner Entscheidungsfindung alleine. Doch trotz allem Verständnis für den Gedankengang des Piloten stellt man sich die Frage, ob sein Vorgehen richtig war. Schirach bietet diese Antwort nicht – er offenbart beide Gerichtsurteile, was es dem Leser zusätzlich schwer macht, da man definitiv selbst eine Entscheidung für sich beanspruchen muss. Es gibt kein richtig oder falsch – wir befinden uns in einem moralischen Dilemma – gefüttert durch Vorgaben unserer Verfassung. Zu leicht findet man sich in einer Entscheidungshaltung, die sich jedoch nach einem weiteren Nachdenken wieder aufzulösen scheint.
TERROR ist im Dialog geschrieben, kurz gehalten und trotzdem ein brandaktuelles Drama mit einer Szenerie, die ähnlich immer wieder vorkommen kann.
Ein kluges Meisterwerk welches oberflächliche Meinungen und rasante Entscheidungen in Frage stellt und grundlegende Diskussionen anstößt.
Kurz, prägnant, Pflicht.
hysterika.de / JMSeibold/21.06.2021