Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

Originaltitel: La sombra del viento
Erschienen 2001 bei Editorial Planeta S.A., Barcelona
Aus dem Spanischen von Peter Schwaar
© Carlos Ruiz Zafón, 20021
© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Frankfurt a.M. 2003
Suhrkamp Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-518-45800-6
ca. 563 Seiten

COVER:

Als sich der zehnjährige Daniel Sempere, der allein mit seinem Vater im grauen Barcelona der Franco-Ära lebt, auf dem geheimen „Friedhof der vergessenen Bücher“ ein Buch aussuchen darf, greift er nach einem verstaubten Exemplar von Der Schatten des Windes. Daniel ist fasziniert von dem Buch und macht sich auf die Suche nach seinem Autor, einem gewissen Julián Carax, von dem keiner zu wissen scheint, ob er noch lebt oder was ihm widerfahren ist. Mit den Jahren gerät Daniel immer mehr in den Bann dieser mysteriösen Gestalt, und die Menschen, denen er begegnet, und die Frauen, in die er sich verliebt, scheinen nur Figuren in einem Spiel, dessen Regeln er nicht kennt. Fast ist es, als ob sich die vergangene Geschichte in seinem eigenen Leben wiederhole, das von dem Schatten furchtbarer Ereignisse verdunkelt zu werden droht.

REZENSION:

Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón befindet sich schon seit Jahren auf meiner „Noch-zu-lesen-Liste“. Geblendet von den hochtrabenden Kritiken und dem mysteriös angehauchten Covertext und einer Bibliothek voll vergessener Bücher führte zum nachhallenden Drang, sich eines Tages diesem Werk unbedingt widmen zu wollen.
Interessanterweise schienen wir dieses Buch bereits eine ähnliche Zeit in unserem Haushalt zu haben, denn als ich es mir bei der örtlichen Bibliothek ausleihen wollte, erkannte meine liebe Frau das Cover und meinte, sie hatte dieses Buch vor Jahren geschenkt bekommen, jedoch noch nicht gelesen. Sie stöberte dann ein wenig unter ihren Büchern und brachte mir oben genanntes Werk. Ich glaube, solche Episoden verstehen nur Büchernarren, die nicht mehr richtig wissen, was sich so alles an Werken in ihrem Hause befindet…
Nun zurück zum Buch: Der Schatten des Windes beginnt fulminant und konnte mich nahezu ungebremst für sich gewinnen. Wie gerne würde ich ebenfalls im Friedhof der vergessenen Bücher schmökern und eines davon mein eigen nennen. Sprachlich auf einem sehr hohen Niveau begleiten wir den jungen Daniel auf dem Weg zum Erwachsenwerden und auf der Suche nach Hintergründen von Julián Carax.
So genial und herausragend ich die ersten etwa 20% dieses Buches lieben lernte, so enttäuschte mich der weitere Plot. Nichts desto trotz versuchte ich noch bei der Stange zu bleiben, da die Vorschusslorbeeren des Anfangs wahrlich herausragend waren. Schlußendlich beschloss ich mich jedoch kurz vor der Zielgeraden (es fehlten gerade noch 150 Seiten) das Werk als beendet zu betrachten, da ich ihm nichts mehr gleichbedeutendes entnehmen konnte.
Juliáns Jagd nach dem Autor von Der Schatten des Windes verliert sich in Nebensächlichkeit und wäre nicht die herausragende Nebenperson namens Fermin gewesen, ich hätte mich sicher bereits früher zum Abbruch entschieden.
Julián selbst scheint sich ungebremst in jede weibliche Person, der er begegnet, zu verlieben und geht relativ dilettantisch auf seiner Jagd nach weiteren Erkenntnissen vor. Gut, Zafóns Sprache ist angenehm und teilweise sehr philosophisch – leider fehlte mir trotzdem ein gewisser Antrieb in der Geschichte selbst. Nur als reiner Betrachter eines recht normal wirkenden Lebens möchte ich als Leser nicht wirken, da muss ein klein wenig mehr geschehen, um bei mir einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Schlußendlich verstehe ich sehr wohl, warum dieses Buch bei vielen Menschen einen gewissen Stellenwert innehaben zu scheint, Geschmäcker sind jedoch verschieden und bei mir hat es schlicht nicht bis zum finalen Ende funktioniert.
Hysterika.de/JMSeibold/13.05.2021

Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss

Originaltitel: A Fine Dark Line
Aus dem amerikanischen Englisch von Heide Franck
Die deutsche Erstausgabe erschien 2012 im Golkonda Verlag, Berlin
©2003 by Joe R. Lansdale
Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung des Golkonda Verlags, Berlin
Suhrkamp Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-518-46497-7
ca. 351 Seiten

COVER:

East Texas, 1958. Stans Welt ist von Gewalt geprägt: Sein bester Freund wird zu Hause verprügelt, die Küchenhilfe lebt bei einem gewalttätigen Mann, und selbst Stans Vater wird handgreiflich, wenn es um die Familienehre geht. Das einzige Gegenprogramm liefern das Autokino von Stans Vater und die faszinierenden alten Geschichten um ein Spukhaus auf dem Hügel, einen kopflosen Geist am Bahndamm und zwei in ein und derselben Nacht ermordete Mädchen. Als Stan eines heißen Sommertages im Wald ein geheimnisvolles Kästchen findet, beginnt er, begleitet von seinem treuen Hund Nub und unterstützt von dem mürrischen schwarzen Filmvorführer und Ex-Polizisten Buster, Detektiv zu spielen – ohne zu ahnen, worauf er sich da eingelassen hat.

REZENSION:

Joe R. Lansdale gehört schon seit langem zur Riege der mit Preisen überschütteten Autoren. Er bedient dabei unterschiedliche Genre und überzeugt laut meinen bisher eingeholten Informationen mit seiner Art des Erzählens eine treue Leserschaft. Interessanterweise war mir der Name des Schriftstellers eher kein Begriff. Lediglich durch gewisse Recherchetätigkeiten kam es ab und an vor, dass auch dieser Name vereinzelt genannt worden ist.
Eines Tages wagte ich mich auf das Experiment seine Werke näher kennen zu lernen. Ich schnappte mir – vor vier Jahren(!) – die Trilogie „Drive-In“ und hoffte auf erholsame Stunden mit einem für mich bis dato nicht wirklich bekannten Schriftsteller. Das erste Werk in dieser Trilogie überzeugte mich auch ziemlich gut, was jedoch – laut meiner damaligen Rezension – durch die beiden anschließenden Geschichten komplett relativiert worden ist. Das Kapitel Lansdale hat sich somit für mich erst einmal erledigt und ich widmete mich wieder anderen Werken von anderen Erzählern.
Nun, im Jahre 2020, wagte ich durch erneutes „immer-wieder-über-diesen-Namen-stolpern“ einen neuen Start in seine schriftstellerische Welt. Ich besorgte mir „Ein feiner dunkler Riss“ und erhoffte mir abermals eine faszinierte Unterhaltung.
Sehr schnell stellte sich dabei heraus, dass der Autor im Gegensatz zu meinem ersten Eindruck wahrlich ein Könner seines Fachs zu sein scheint. Die Geschichte – angesiedelt in den 50er Jahren in Texas – zog mich in ihren Bann und ließ mich auch nicht mehr los. Lansdale schreibt ehrlich, glaubhaft und rundherum interessant. Seine teilhabenden Personen lassen einen nicht mehr los und ganz nebenbei zeigt er durch seine schonungslose Wahrheit auch noch den Irrsinn des damaligen Rassismus in Bezug auf Schwarze, welcher leider nahezu uneingeschränkt bis in die heutige Zeit ausstrahlt. Das mittlerweile verpönte N-Wort taucht in diesem Werk sehr oft auf – es steht jedoch nie für sich selbst, sondern zeigt lediglich auf deutliche Art, wie dumm sich die Abgrenzung weiß/schwarz darlegt.
Seine darüber liegende Geschichte ist von einer gewissen Ruhe gefüllt und es passiert auch nicht wirklich viel spannendes. Dennoch lässt es einen nicht mehr los, da man sich dieser Episode aus dem Leben Stanleys nicht mehr entziehen kann. Seine Umgebung ist geprägt von Rassismus und Gewalt, während seine Familie trotz der strikten Trennung von Schwarzen zu Weißen nebenbei und fast ungewollt – lediglich angeheizt durch normalen Menschenverstand und Anständigkeit – für ein Aufbrechen dieser unsäglichen Denkweise sorgen.
Um die Erzählweise zu verstehen, verweise ich kurz auf die sprachliche Qualität von Stephen King in seinen umfangreichen Werken wie zum Beispiel „ES“. Diese Werke leben insbesondere von der Schwätzigkeit des Schriftstellers. Damit meine ich, King erzählt eine Vielzahl an Geschichten innerhalb seiner eigentlichen Geschichte. Diese Sidekicks sind oft ausufernd dargelegt und treiben den eigentlichen Plot oberflächlich betrachtet in keiner Weise nach vorne. Nichts desto trotz klammern sie sich an ihren Leser fest und offenbaren eine Realitätswelt hinter dem Ursprungsplot.
„Ein feiner dunkler Riss“ könnte eine dieser Sidekicks innerhalb einer Stephen King Story sein. Auch ihr kann man sich nicht mehr entziehen und man bekommt das Gefühl, dass sich hier nichts als die blanke Wahrheit abzeichnet.
Ein fantastisches Werk, welches zum ersten Mal in meinem Leben dafür sorgte, dass ich mir alle Werke eines Autors der Reihe nach in mein Notizbuch geschrieben habe. Diese werden wohl nun in aller Ruhe nach und nach ihren Zugang in meine kleine Welt finden…
Jürgen Seibold/13.06.2020