Matias Faldbakken: Wir sind fünf

Originaltitel: Vi er fem
Aus dem Norwegischen von Maximilian Stadler
©2019 by Matias Faldbakken

©2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27299-6
ca. 254 Seiten

COVER:

In der Nähe von Oslo in einem Ort namens Råset führt Tormod Blystad mit seiner Frau und seinen zwei Kindern ein beschauliches Leben. Nach einer wilden Jugend mit Alkohol und Drogen ist aus Tormod ein verlässlicher Vater und Ehemann geworden. Aber in jeder Familie gibt es eine Lücke, die gefüllt werden muss. So kommt der kleine Elchhund Snusken auf den Hof. Besonders die Kinder lieben das Tier sehr, doch eines Tages verschwindet Snusken spurlos. Ein Ersatz muss her, und Tormod beginnt in seiner Werkstatt mit einer merkwürdigen Mischung aus Ton zu experimentieren. Gleichzeitig taucht ein alter Freund auf, ein schlechter Einfluss, und mit viel Bier und Amphetaminen feiern sie das Widersehen. Sicher verschanzt in der geschlossenen Männerwelt der Werkstatt, schenken sie dem Tonklumpen ihre volle Aufmerksamkeit. Einem Tonklumpen, der nach und nach ein Eigenleben entwickelt und bald nicht mehr zu kontrollieren ist.

REZENSION:

Gefühlt kommt es nicht gerade oft vor, dass sich ein Werk aus der skandinavischen Welt auf unseren Markt verirrt. Ab und an scheint es jedenfalls vorzukommen und somit liegt mit „Wir sind fünf“ das neueste Werk des bereits recht erfolgreich agierenden Künstlers Matias Faldbakken vor. In diesem Fall geht der Begriff „Künstler“ nicht nur auf seine Tätigkeiten als bildender Künstler zurück, denn nach Abschluss dieser außergewöhnlichen Geschichte lässt sich dieser Begriff auch auf seine Tätigkeit als Autor erweitern.
„Wir sind fünf“ beschreibt eine ziemlich konservativ gewordene Familie, die ihr trautes Familienleben in einem kleinen Ort in der Nähe Oslos lebt. Klischeegerecht gesteht die Familie aus einem Ehepaar, zwei Kindern und dem hinzukommenden, kleinen Hund. Snusken, der kleine Elchhund, verschwindet jedoch urplötzlich und ist auch nicht mehr auffindbar. Dementsprechend zieht sich ein kleiner Riss durch die Bilderbuchfamilie. Tormod zieht sich in seine hauseigene Werkstatt zurück und bastelt vor sich hin. Seine Kinder nehmen daran freudestrahlend immer öfter teil, während sich seine Ehefrau mehr und mehr von ihm distanziert. Bei den Basteleien entwickelt Tormod einen Tonklumpen, der plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Dies geht soweit, dass er nicht nur den Platz Snuskens einnehmen wird, sondern gar der Grund ist, warum das Buch „Wir sind fünf“ betitelt worden ist. Somit ein neues Familienmitglied.
Gleichzeitig verstärkt sich jedoch der Riss im Eheleben und auch die Gefahr durch den zum Leben erweckten Tonklumpen wächst ins Unermessliche.
Matias Faldbakkens Geschichte klingt rundum kurios und erinnert in seiner Grundstory an den Plot des alten Horror-B-Movies mit dem Titel „Der Blob“. Im Gegensatz zu diesem Film schafft es Faldbakken auf humorische, tiefgehende und zum Nachdenken animierende Art und Weise einen humorvollen und gleichzeitig bösen Roman zu kreieren, wie man ihn üblicherweise nicht zu erwarten gedenkt. Er schafft innerhalb von gerade mal 250 Seiten eine Fabel aufzubauen, die nicht nur eine Familie, das Dorfleben und das aufwallende Grauen aufs Korn nimmt – nein, er überschreitet Grenzen und gibt der zeitgenössischen Literatur mit einem Touch Phantastik einen ganz neuen Drive.
Hysterika.de/27.09.2020