Jasper DeWitt: Der Angstsammler

Originaltitel: The Patient
Aus dem Englischen von Martin Ruf
Deutsche Erstausgabe 10/2021
©2020 by Jasper DeWitt, LLC
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-42465-4
ca. 256 Seiten

COVER:

„Joseph E.M. war 1973 im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal aufgenommen worden, und eine entsprechende Markierung verriet, dass er sich noch immer in der Obhut der Klinik befand. Die Akte war so dicht mit Staub bedeckt, dass ich mir kaum vorstellen konnte, dass jemand sie während der letzten zehn Jahre geöffnet hatte. Doch die klinischen Notizen waren noch immer vorhanden und in überraschend gutem Zustand, ebenso wie das grobkörnige Schwarz-Weiß-Foto eines blonden Jungen, der mit weit aufgerissenen Augen und wilder Miene in die Kamera starrte. Das bloße Betrachten des Bildes flößte  mir ein Gefühl der Schutzlosigkeit ein.“

Parker machte es sich zur Aufgabe herauszufinden, was hinter der mysteriösen Krankengeschichte von Joe steckt – gegen den Willen seiner Vorgesetzten. Und gegen eine innere Stimme, die ihn bereits warnt, als er das erste Mal den langen Flur zu Joes abgelegenem Zimmer hinuntergeht. Doch seine Neugierde ist stärker und er kann sich der Faszination, die von Joe ausgeht, nicht entziehen. Ist Joe wirklich so verrückt, wie alle behaupten? Oder steckt etwas ganz anderes hinter seinen Symptomen? Etwas, das so abgründig und dunkel ist, dass es sich jedem menschlichen Verständnis entzieht …

REZENSION:

In „Der Angstsammler“ erfahren wir durch seinen persönlichen Blog die Erlebnisse des jungen Psychiaters Parker, der in einer Nervenheilanstalt in Connecticut seinen Dienst antritt und dort mitbekommt, dass sich hier ein Patient seit seinem sechsten Lebensjahr befindet. Gemäß seinen Nachforschungen scheint Joe unheilbar und jeder, der sich ihm zu intensiv nähert, verliert seinen Verstand oder begeht unvorhersehbar Selbstmord.
Natürlich zieht dies Parker faszinierend an und er macht alles, um die Möglichkeit zu erhalten, selbst einen Therapieversuch an Joe zu unternehmen.
Die Vorgesetzten sind skeptisch und eher dagegen – nichts desto trotz wagen sie sich auf seine Initiative ein und geben ihm zeitweise freie Hand. In den ersten Gesprächen zeigt sich Joe sehr kooperativ und wirkt alles andere als verrückt – ist Joe somit ein Gefangener der Klinik, um die monatlichen Zahlungen der reichen Eltern zu erhalten oder spielt Joe auch mit Parkers Leben auf perfide Art und Weise?
Der mir bis dato unbekannte Jasper DeWitt (was wohl ein Pseudonym eines Journalisten ist) legt einen sehr geschickt konstruierten Thriller vor, der in Richtung Ende seinen vorgezeichneten Weg verlässt und dezent den Pfad des Horrorgenres beschreitet. Ein Werk welches seinen Leser definitiv nicht mehr loslässt – die Kapitel sehr kurz, rasant und rundherum spannend in ihrer Darbietung. Es bleibt einem nichts weiter übrig, als weiter zu lesen. Der Plot ist erfrischend anders geschrieben und zeigt sich als Beiträge in einem Blog, der von Parker verwendet wird, um seinen Lesern die persönlichen Erlebnisse nahezubringen. Bereits durch diesen Umstand merkt man natürlich, dass Parker keineswegs das Zeitliche im Laufe der Geschichte segnen wird – somit ist eine gewisse Neuentdeckung oder gar Auflösung vorgegeben.
„Der Angstsammler“ ist relativ ruhig erzählt und lebt von seinen Dialogen – insbsondere die Gespräche mit Joe sind natürlich herausragend und lassen einen tief in die Nervenheilanstalt und die Gedankenwelt der beiden Charaktere eintauchen.
„Der Angstsammler“ ist somit sehr intelligent erzählt und zeigt sich in seiner Gänze als herausragendes Beispiel, wie grandios, tiefgehend und mit einem gewissen Twist versehen auch kurze Romane funktionieren können.
Alles in allem ein perfekt erzählter Spannungsroman mit psychologischem Tiefgang und gewissen Verneigungen als auch Anleihen an früheren Werken der klassischen Psychothriller sowie einem kleinen Touch Lovecraft.
Somit ein rundherum zu empfehlendes Werk, bei dem mich allein der deutsche Titel etwas stört: Im Original heisst das Buch „The Patient“ und das wäre auch der richtige Titel für dieses Werk. „Der Patient“ impliziert höchstens das Vorhandensein von Joe und den Gedanken nach dessen Heilung. „Der Angstsammler“ greift der Geschichte leider etwas vor, was einem im Laufe der Geschichte immer bewusster wird. Meiner Meinung nach ist „Der Patient“ durchdachter, unvorhersehbarer und stimmiger – die Änderung hätte man sich schlicht sparen können.
Gleichwohl: Der Geschichte schadet es natürlich nicht…
hysterika.de / JMSeibold / 17.10.2021