Stuart Turton: Der Tod und das dunkle Meer

Originaltitel: The Devil and the Dark Water
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
©2020 by Stuart Turton
Für die deutsche Ausgabe
©2021 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr.1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50491-0
ca. 608 Seiten

COVER:

Gerade noch hat Samuel Pipps im Auftrag der mächtigen Männer der Ostindien-Kompanie einen kostbaren Schatz in der Kolonie Batavia wiedergefunden.
Nun befindet er sich auf dem Weg zu seiner Hinrichtung. Sein Assistent und Freund Arent Hayes ist mit an Bord der Saardam. Ebenso der Generalgouverneur von Batavia und seine Frau Sara Wessel.
Doch kaum auf See, geschehen unerklärliche Morde. Ein Flüstern weht durch das Schiff, das alle an Bord dazu verführt, ihren dunkelsten Wünschen nachzugeben. Pipps muss seinem Freund Arent und Sara dabei helfen, einem Rätsel auf die Spur zu kommen, das weit in die Vergangenheit zurückreicht. Bevor das Schiff sinkt und sie alle in die Tiefe reißt.

REZENSION:

Jeder, der meinen Rezensionen ein wenig folgt, weiß sicherlich, dass sich darunter nur sehr wenige Kriminalromane befinden. Dies liegt hauptsächlich an dem Umstand, dass die Masse der veröffentlichten Kriminalromane üblicherweise dem gleichen Schema folgen und somit mich zumeist nicht wirklich überzeugen konnten.
Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen musste ich mich jedoch nach kurzem Blick auf das Cover des neuen Buches von Stuart Turton diesem unbedingt widmen. Wie gesagt: Aus nicht nachvollziehbaren Gründen, denn auch der Name Stuart Turton war mir schlicht nicht bekannt.
Nun also ein Kriminalroman auf einem Ostindienfahrer im Jahre 1634 – interessanterweise wohl ausschließlich auf besagtem Schiff.
Stuart Turton beginnt ungebremst und lässt sogleich am Kai von Batavia einen Menschen auf mysteriöse Art in Flammen aufgehen. Dies hält natürlich niemanden davon ab, die anstrengende Reise nach Amsterdam abzubrechen und somit lernen wir eine nicht gerade geringe Anzahl an Mitfahrern kennen, die nach und nach ihren jeweils persönlichen Antrieb offenbaren. Turton beschreibt das Leben und die Jagd nach dem sagenumwobenen Alten Tom sehr detailliert und lässt uns als Leser intensiv daran teilhaben. Er öffnet eine Vielzahl an verschiedenen Türen und man findet sich in einer Geschichte voll Aberglaube, Gier nach Macht, Gewalt, Sexismus und tiefem Glauben in alle Richtungen wieder.
Bereits nach einigen wenigen Seiten stellte sich mir das Buch als reinrassiger Pageturner vor, der einen nicht mehr losließ. Gleichzeitig versucht man natürlich gemeinsam mit Arent die Hintergründe zu erforschen – wie Arent glaubt man als Leser natürlich auch nicht an einen Daemonen, der sein Unwesen auf dem Schiff treibt – oder steckt doch ein wenig Magie, wenn nicht gar der echte Teufel in Gestalt des Alten Tom dahinter?
Die Gefahr auf dem Schiff steigt, die Begleitschiffe sind nicht mehr sichtbar, ein Sturm zieht auf, die Essensrationen werden knapp, der Mörder weiterhin unentdeckt. Die Situation spitzt sich zu und trotz ausufernder Leseerfahrung offenbart sich mir noch immer nicht der Weg in Richtung Lösung. Dies bleibt auch so, da Turton mit „Der Tod und das dunkle Meer“ nichts weiter als ein Meisterwerk erschaffen hat, welches sich im Fahrwasser alter Kriminalfälle befindet, die durch ihre Who-done-it-Machart auch heutzutage ab und an durch kreative Ideen erneut überzeugen können. Ich denke dabei an den recht aktuellen Film „Knives Out“, der in etwa eine angleichende Vorgehensweise darstellt und erst am Ende offenbart, wie sich die Wahrheit dar zu stellen scheint. Turton übertreibt hier sogar und sorgt dafür, dass er dem Leser beim ersten Aha-Effekt in Richtung Ende ein komplett neues Szenario offenbart – ich möchte hier natürlich nichts verraten, aber „Der Tod und das dunkle Meer“ überrascht bis zur letzten Seite.
Schlussendlich zeigt mir dieses Werk, dass wohl auch im Genre der Kriminalromane noch intelligente Überraschungen möglich sind und man als Autor nicht immer das gleiche und simple Schema des „Todesfalls und dann suchen wir den Mörder“ erstellen muss – ein Hinwenden in Richtung kreative Ideen, falsche Fährten, umfangreiche Pläne und Ziele führt zu neuen Lesern und bleibt bei diesen nachhaltig im Gedächtnis.
In meinen Augen jedenfalls ein absolutes Meisterwerk eines Autors, der angeblich mit seinem Debüt „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ bereits für Furore sorgen konnte und somit wohl sein Handwerk absolut versteht.
Ich werde mir jedenfalls nicht nur diesen Namen merken, sondern mich auch schlau machen, wo ich kurzfristig sein Debüt herbekomme – denn ist es nur halb so gut wie „Der Tod und das dunkle Meer“, dann reicht es schon für eine angenehme Lesezeit.
Stuart Turton: Danke für dieses grandiose Werk!
hysterika.de / JMSeibold / 26.10.2021

Timo Leibig: Blasse Spuren

© Timo Leibig
ISBN 978-1-689933926
ca. 240 Seiten

COVER:

Luisa Mäderer kämpft mit den Geistern der Vergangenheit. Die Suche nach ihrem Vater, der vor 33 Jahren spurlos verschwand, scheint aussichtslos – bi sihr ein ominöses Paket zugestellt wird. Voller neuer Hoffnung beauftragt sie Privatdetektivin Leonore Goldmann.
Leonore nimmt umgehend die Ermittlungen auf und reist ins Allgäu, wo sich die Spuren von Luisas Vater einst verloren. Doch einige alte Bekannte leben dort noch, und Leonore beschleicht schnell das Gefühl, dass sie mehr wissen, als sie zugeben. Und dann ist da noch der Inhalt jenes Pakets, der sie alle in helle Aufregung versetzt …

REZENSION:

Vorweg erwähnt halte ich das Ermittlerduo Goldmann und Brandner für eine absolut gelungene und in den bisherigen Werken grandios erzählte Idee des wohl immer erfolgreicher werdenden Krimi-Autor Timo Leibig. Dementsprechend passend halte ich seine Vorgehensweise, der sympathischen Leonore eine eigene Reihe zu widmen, da sie sonst aufgrund der Geschehnisse in den Büchern über das Ermittlerduo immer mehr in Richtung Abstellgleis hätte fahren müssen.
„Blasse Spuren“ ist nun der zweite Einzelfall der nun als Privatdetektivin ermittelnden Leonore Goldmann. Selbstständige Privatdetektive im Stile Leonores können sich ihre Fälle aussuchen, sind dabei aber auch abhängig von den ihnen zugetragenen Geschehnissen. Somit kann es sich um eine simple Nachforschung ebenso handeln, wie auch Mordfälle oder anderen zu entdeckenden Begebenheiten. In diesem Falle treibt es Leonore in ein kleines Dorf – eher gezeichnet vom eigenen Verfall und der Geheimniskrämerei der darin lebenden Dorfbewohner. Goldmann lässt sich davon nicht beirren und versucht herauszufinden, warum der Vater von Luisa Mäderer vor 33 Jahren verschwunden ist.
„Blasse Spuren“ beinhaltet erstaunlich viele Informationen über das verschlafene Dorf, demgegenüber wenig aufreibende Ermittlungsarbeit. Die Idee des Falles wiederum konnte mich durch seine erfrischende und doch recht unkonventionelle Idee ganz gut überzeugen. Leider war der Weg dorthin etwas simpel gestrickt und für einen Autor dieser bereits bewiesenen Qualität etwas arg konstruiert. Nun gebe ich zu, dass es Krimis bei mir schon von jeher etwas schwerer haben, dennoch konnte mich Timo Leibig in anderen Fällen problemlos überzeugen, wodurch er hier in seiner Darbietung einen etwas zu einfachen Weg geht. Krimiliebhabern wird diese Episode aus Leonore Goldmanns Leben dennoch gefallen und auch ich möchte dieses Buch nicht als schlecht deklarieren. Es handelt sich um eine solide Arbeit, die relativ gut unterhalten kann, dabei jedoch leider keine Besonderheiten aufzuweisen in der Lage ist. Ein rechter softer Krimi mit geistig recht einfach gestrickten „Bösewichten“, denen man wohl auch ohne den beruflichen Background einer Leonore Goldmann auf die Schliche gekommen wäre.
JMSeibold/20.09.2020

Timo Leibig: Nacht im März

©2018, Timo Leibig
ISBN 9781980616900
ca. 211 Seiten

COVER:

Leonora Goldmann ermittelt.

Marion Sievert ahnt Schlimmes: Ihr Mann betrügt sie. Um sich Gewissheit zu verschaffen, beauftragt sie Privatdetektivin Leonore Goldmann.
Leonore nimmt umgehend die Ermittlungen auf – und wird bald von einem unguten Gefühl erfasst. Was sie herausfindet, wirft immer neue Fragen auf: Wer sind die vier ominösen Freunde des Ehemanns? Was haben sie mit zwei Prostituierten zu tun? Und wohin verschwinden sie alle spurlos in einer winterlichen Märznacht?

Nacht im März ist der erste Kriminalfall für Leonore Goldmann aus der erfolgreichen Thrillerreihe um das Ermittlerduo Goldmann und Brandner.

REZENSION:

Die Bücher von Timo Leibig um das Ermittlerduo Goldmann und Brandner sind absolut zu empfehlen. Selbst ich als überwiegender Verweigerer von Kriminalromanen konnte mich mit diesen uneingeschränkt und auf spannende Art unterhalten. Interessanterweise sind mir die beiden richtig ans Herz gewachsen, was dazu führen sollte, dass ich auch die weiteren Werke dieses Schriftstellers immer gerne nicht nur zur Kenntnis nehmen sondern auch zu lesen bereit bin.
Nun also der erste Fall, in dem Leonore Goldmann als freischaffende Detektivin ihren ersten richtigen Fall ohne Hilfe ihres bisherigen Partners bekommt und sich dabei in höchste Gefahr begibt. Es beginnt alles ziemlich harmlos und klischeebeladen: Eine Frau wird das Gefühl nicht los, dass ihr Angetrauter sie betrügt. Seine frühere Sexsucht scheint sich wieder aktiviert zu haben; die Gute ist mit den Nerven am Ende.
Leibig fängt ziemlich klassisch und ruhig an – würde er dies so beibehalten, hätte diese Geschichte wahrlich nichts wirklich Interessantes zu bieten. Er geht aber natürlich einen Schritt weiter und greift etwas tiefer in die Trickkiste. Somit erkennt man sehr schnell, dass sich hier einiges mehr dahinter befindet, als lediglich eine gehörnte Ehefrau.
Leonore begibt sich dabei in höchste Gefahr – und als Leser fühlt man sich erneut auf eine ausreichend gute Art und Weise unterhalten. Vor allem innerhalb der klassischen Genre-Abgrenzung findet dieser nur knapp über 200 Seite umfangreiche Plot seinen Platz. Ein somit gut durchdachter Kriminalroman für einige interessante Lesestunden. Auch wenn ich weiterhin mehr auf der Seite der Geschichten stehe, in denen beide gemeinsam ermitteln, ist doch dieser Nebenplot eine schöne Abwechslung für den Leser, der diese Personen bereits des Öfteren begleiten durfte. Als dezente Kritik sei angemerkt, dass in dieser Geschichte die ein oder andere Situation arg konstruiert wirkt, Timo Leibig dies dennoch ganz gut vermittelt und man somit mit einem geschlossenen Auge getrost an manchen Zufall glauben kann. Auch im realen Leben wirkt manche Situation ein wenig unglaubwürdig und somit bin ich auch gerne bereit hier ein Auge zuzudrücken. Als Neuling in der Welt des Krimiautors Leibig sollte man dieses Buch eventuell nicht gleich lesen – lieber zuerst mit den fünf Büchern um das Ermittlerduo starten, dann wird man auch mit diesem vorliegenden nicht wirklich enttäuscht.
hysterika.de/24.06.2020