Thomas Olde Heuvelt: ECHO

Originaltitel: Echo
Aus dem Niederländischen von Gabriele Haefs
Deutsche Erstausgabe 10/2021
©2019 by Thomas Olde Heuvelt
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32098-7
ca. 717 Seiten

COVER:

Nick Grevers hat alles, was man sich vom Leben wünschen kann: Er sieht gut aus, kommt viel in der Welt herum und hat keine Geldsorgen. Seit drei Jahren ist er mit seinem Freund Sam zusammen, gemeinsam leben sie in Amsterdam. Es könnte also alles wunderbar sein, wäre da nicht Nicks Leidenschaft für alpine Hochtouren. Sam teilt Nicks Passion für die Berge ganz und gar nicht, und so ist es wieder einmal Augustin Laber, mit dem Nick in den Schweizer Alpen unterwegs ist. Eines Tages entdecken die beiden einen Gipfel, den sie nicht kennen. Auch die Einheimischen scheinen nichts darüber zu wissen, außer, dass der Berg Le Maudit heißt. Nicks und Augustins Neugierde ist geweckt, spontan beschließen sie, dem mysteriösen Gipfel zu erklimmen. Eine Tour de Force, die zu einem Trip durch die Hölle wird …

Als Sam Avery einen Anruf der Schweizer Polizei erhält, ist ihm sofort klar, dass das eingetreten ist, was er immer befürchtet hat: Nick ist in den Bergen verunglückt. Er liegt schwer verletzt im Krankenhaus, Augustin ist tot. Was ist auf dem Maudit geschehen? Warum verhält sich Nick in den darauffolgenden Wochen zusehends unheimlicher? Hat er gar etwas mit Augustins Tod zu tun? Noch während Sam versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden, wird Nick zur tödlichen Gefahr für jeden, der ihm begegnet.

REZENSION:

Obwohl mich Heuvelts HEX nicht wirklich überzeugen konnte, entschied ich mich dazu, seinem umfangreichen neuen Werk mit dem Titel ECHO dennoch eine Chance zu geben. Vielleicht lohnt es sich gar und ich kann mich der Meinung vom De Telegraaf anschließen, die Thomas Olde Heuvelt als den neuen Stephen King titulieren.
Nun, knapp über 700 Seiten später würde ich mich dem zwar nicht anschließen – nichts desto trotz schaffte es Heuvelt auf eine sehr interessante Art und Weise mich überzeugen zu können.
Heuvelt macht es jedoch seinem Leser nicht einfach – sein Schreibstil ist eher als  ungewöhnlich zu betrachten, und er scheut auch nicht davor zurück, recht sprunghaft zu agieren. Dennoch liebt er die Details und lässt seinen Leser tief in die Geschichte eintauchen, was dazu führt, dass man selbst die Kälte der Bergwelt zu spüren scheint – gleichzeitig wird es einem aber auch ab und an ein wenig zu viel des Guten und somit wäre es für die Geschichte ganz gut gewesen, wenn sie nur etwa 500 statt 700 Seiten beansprucht hätte.
Dies ist aber bereits der einzige kleine Haken, da die Story erfrischend neu ist und eine ähnliche Gruselthematik nur schwer zu finden sein wird. ECHO wirkt als Idee herausragend und scheut sich auch nicht, dies offen zu legen.
Der Wahnsinn beginnt recht schleichend, wird jedoch im Laufe der Storyline immer intensiver und drängender. Die Spannungselemente sind hervorragend eingebaut, können unter Umständen jedoch nicht jeden Horrorfan überzeugen, da dieses Werk trotz der mystischen Begebenheiten in der Machart doch eher einem übernatürlichem Thriller entspricht. Teilweise wirkt ECHO wie ein früher Horrorroman, was ihn umso sympathischer macht, da hier bekannte Anleihen verwendet werden und trotzdem perfekt in ihre Umgebung eingebettet sind. Man nehme nur die wütenden, beziehungsweise ängstlichen Dorfbewohner, die ähnlich eines Lynchmobs vor dem Chalet erscheinen und ihr Opfer zu holen gedenken. Diese symbolischen Szenen sorgen für die Lesefreude an diesem umfangreichen Werk. Heuvelt ist dabei sehr ausschweifend, detailversessen und lässt somit nichts missen – was jedoch auch ein wenig die persönliche Fantasie nimmt und dadurch filmhaft zu wirken scheint.
Nichts desto trotz hat Thomas Olde Heuvelt mit diesem Werk ein deutliches Zeichen gesetzt und meiner Meinung nach sein vorheriges Werk deutlich übertroffen.
Ein neuer Stephen King ist er trotzdem noch nicht – er könnte aber so langsam den gleichen Weg einschlagen, wenn er weiterhin auf einem zumindest ähnlichem Niveau zu haften gedenkt.
hysterika.de / JMSeibold / 01.11.2021

Jasper DeWitt: Der Angstsammler

Originaltitel: The Patient
Aus dem Englischen von Martin Ruf
Deutsche Erstausgabe 10/2021
©2020 by Jasper DeWitt, LLC
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-42465-4
ca. 256 Seiten

COVER:

„Joseph E.M. war 1973 im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal aufgenommen worden, und eine entsprechende Markierung verriet, dass er sich noch immer in der Obhut der Klinik befand. Die Akte war so dicht mit Staub bedeckt, dass ich mir kaum vorstellen konnte, dass jemand sie während der letzten zehn Jahre geöffnet hatte. Doch die klinischen Notizen waren noch immer vorhanden und in überraschend gutem Zustand, ebenso wie das grobkörnige Schwarz-Weiß-Foto eines blonden Jungen, der mit weit aufgerissenen Augen und wilder Miene in die Kamera starrte. Das bloße Betrachten des Bildes flößte  mir ein Gefühl der Schutzlosigkeit ein.“

Parker machte es sich zur Aufgabe herauszufinden, was hinter der mysteriösen Krankengeschichte von Joe steckt – gegen den Willen seiner Vorgesetzten. Und gegen eine innere Stimme, die ihn bereits warnt, als er das erste Mal den langen Flur zu Joes abgelegenem Zimmer hinuntergeht. Doch seine Neugierde ist stärker und er kann sich der Faszination, die von Joe ausgeht, nicht entziehen. Ist Joe wirklich so verrückt, wie alle behaupten? Oder steckt etwas ganz anderes hinter seinen Symptomen? Etwas, das so abgründig und dunkel ist, dass es sich jedem menschlichen Verständnis entzieht …

REZENSION:

In „Der Angstsammler“ erfahren wir durch seinen persönlichen Blog die Erlebnisse des jungen Psychiaters Parker, der in einer Nervenheilanstalt in Connecticut seinen Dienst antritt und dort mitbekommt, dass sich hier ein Patient seit seinem sechsten Lebensjahr befindet. Gemäß seinen Nachforschungen scheint Joe unheilbar und jeder, der sich ihm zu intensiv nähert, verliert seinen Verstand oder begeht unvorhersehbar Selbstmord.
Natürlich zieht dies Parker faszinierend an und er macht alles, um die Möglichkeit zu erhalten, selbst einen Therapieversuch an Joe zu unternehmen.
Die Vorgesetzten sind skeptisch und eher dagegen – nichts desto trotz wagen sie sich auf seine Initiative ein und geben ihm zeitweise freie Hand. In den ersten Gesprächen zeigt sich Joe sehr kooperativ und wirkt alles andere als verrückt – ist Joe somit ein Gefangener der Klinik, um die monatlichen Zahlungen der reichen Eltern zu erhalten oder spielt Joe auch mit Parkers Leben auf perfide Art und Weise?
Der mir bis dato unbekannte Jasper DeWitt (was wohl ein Pseudonym eines Journalisten ist) legt einen sehr geschickt konstruierten Thriller vor, der in Richtung Ende seinen vorgezeichneten Weg verlässt und dezent den Pfad des Horrorgenres beschreitet. Ein Werk welches seinen Leser definitiv nicht mehr loslässt – die Kapitel sehr kurz, rasant und rundherum spannend in ihrer Darbietung. Es bleibt einem nichts weiter übrig, als weiter zu lesen. Der Plot ist erfrischend anders geschrieben und zeigt sich als Beiträge in einem Blog, der von Parker verwendet wird, um seinen Lesern die persönlichen Erlebnisse nahezubringen. Bereits durch diesen Umstand merkt man natürlich, dass Parker keineswegs das Zeitliche im Laufe der Geschichte segnen wird – somit ist eine gewisse Neuentdeckung oder gar Auflösung vorgegeben.
„Der Angstsammler“ ist relativ ruhig erzählt und lebt von seinen Dialogen – insbsondere die Gespräche mit Joe sind natürlich herausragend und lassen einen tief in die Nervenheilanstalt und die Gedankenwelt der beiden Charaktere eintauchen.
„Der Angstsammler“ ist somit sehr intelligent erzählt und zeigt sich in seiner Gänze als herausragendes Beispiel, wie grandios, tiefgehend und mit einem gewissen Twist versehen auch kurze Romane funktionieren können.
Alles in allem ein perfekt erzählter Spannungsroman mit psychologischem Tiefgang und gewissen Verneigungen als auch Anleihen an früheren Werken der klassischen Psychothriller sowie einem kleinen Touch Lovecraft.
Somit ein rundherum zu empfehlendes Werk, bei dem mich allein der deutsche Titel etwas stört: Im Original heisst das Buch „The Patient“ und das wäre auch der richtige Titel für dieses Werk. „Der Patient“ impliziert höchstens das Vorhandensein von Joe und den Gedanken nach dessen Heilung. „Der Angstsammler“ greift der Geschichte leider etwas vor, was einem im Laufe der Geschichte immer bewusster wird. Meiner Meinung nach ist „Der Patient“ durchdachter, unvorhersehbarer und stimmiger – die Änderung hätte man sich schlicht sparen können.
Gleichwohl: Der Geschichte schadet es natürlich nicht…
hysterika.de / JMSeibold / 17.10.2021

Guillermo del Toro & Chuck Hogan: Die Schatten (Die Blackwood-Aufzeichnungen 1)

Originaltitel: The Hollow Ones
Aus dem Amerikanischen von Kristof Kurz
Deutsche Erstausgabe 03/2021
©2020 by Guillermo del Toro and Chuck Hogan
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-44112-5
ca. 415 Seiten

COVER:

Mississippi-Delta, 1962. Ausgerechnet Earl Solomon, einer der ersten schwarzen FBI-Agenten, soll im Süden einen Lynchmord aufklären – an einem Weißen. Der Tatverdächtige ist ein kleiner schwarzer Junge, der offensichtlich geistesgestört ist. Solomon will den Fall schon aufgeben, da taucht ein Engländer auf, der sich als Hugo Blackwood vorstellt und behauptet, ein böser Geist hätte von dem Kind Besitz ergriffen. Was Solomon in der kommenden Nacht erlebt, verändert sein Leben für immer.

New Jersey, 2019. FBI-Agentin Odessa Hardwicke muss ihren Partner erschießen, als dieser plötzlich ausrastet und ein Kind angreift. Im Moment seines Todes meint sie, einen Schatten zu sehen, der seinen Körper verlässt. Odessa wird suspendiert und soll den Schreibtisch eines ehemaligen Kollegen namens Earl Solomon ausräumen. Als sie ihm von den Schatten berichtet, schickt er sie zu dem einzigen Mann, der der Menschheit jetzt noch helfen kann: Hugo Blackwood …

REZENSION:

Die beiden „The Strain“-Erfinder starten mit „Die Schatten“ eine neue Reihe um den mysteriösen Hugo Blackwood und bleiben sich dabei in ihrer grundsätzlichen Machart rundherum treu: rasantes Tempo, mysteriöse Begebenheiten und ein sich entwickelndes Ermittlerduo, welches bereits durch die kuriose Zusammenkunft für sich sprechen konnte.
Die Story beginnt sehr stark und lässt uns als Leser ungebremst an der mysteriösen Entwicklung teilhaben: Die FBI-Agentin Odessa Hartwicke wird mit ihrem Partner zu einem Einsatz gerufen, bei dem gerade ein Familienvater dabei ist, seine gesamte Familie auszulöschen. Er tötet eine Person nach der anderen und versucht sich schlussendlich seiner jüngsten Tochter zu widmen, als die Agenten ihm Einhalt zu bieten versuchten. Nun dreht sich jedoch plötzlich der Eröffnungsplot, denn auf einen Schlag ist Odessa damit konfrontiert, dass plötzlich ihr Partner Walt auf das Kind loszugehen scheint und sie ihn nur durch einen Schuss aufhalten kann.
Hier beginnt die Welt der Schatten und der Name Blackwood taucht in ihrer Recherche immer öfter auf.
Del Toro und Hogan bleiben sich – wie bereits erwähnt – sehr treu und man bekommt fast das Gefühl, sich hier in einem Seitenplot zu „The Strain“ zu befinden. Natürlich ist dem nicht so, dennoch überzeugen sie mit einer absolut rasanten und durchweg unterhaltsamen Geschichte, gefüttert mit einem immer mysteriöser werdendem Setting. Darüber hinaus offenbaren die Autoren durch Sprünge in die Vergangenheit durchweg die Hintergründe, legen diese nicht nur dar, sondern nehmen diese in unsere Zeit geschickt und nun verstärkt durch deren Nachhall mit, um sie in ihrem übergreifenden Aufbau zu verstärken.
„Die Schatten“ bleiben dabei trotzdem eher eine leichte Unterhaltung und bieten dem Genre zwar sehr interessante Ermittler, jedoch nicht wirklich viel Neues. Dennoch macht dieses Buch unglaublich viel Spaß und sorgt für eine rundum gelungene Unterhaltung mit mysteriösen Gegnern und einem sehr interessanten Hugo Blackwood, dessen Ambitionen und Hintergründe sicher in weiteren Bänden noch vertieft werden.
Ein wunderbarer Start einer hoffentlich schnell voranschreitenden Reihe – aktuell scheint hier noch nicht wirklich was vorzuliegen? Pure Unterhaltung für einen spannenden und gemütlichen Leseabend zum persönlichen Abschalten und Abtauchen.
Würde mich darüber hinaus nicht wundern, wenn hier nicht auch – wie bei „The Strain“ – eine dementsprechende Film-Serie entsteht.
hysterika.de / JMSeibold / 16.10.2021

Octavia E. Butler: Wilde Saat

Originaltitel: Wild Seed
Aus dem Amerikanischen von Will Platten
©1980 by Octavia E. Butler
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-53489–6
ca. 477 Seiten

COVER:

Doro ist ein Unsterblicher. Er tötet ohne Reue, wenn er von Körper zu Körper springt, um sich selbst am Leben zu erhalten. Er hat vor nichts und niemandem Angst – bis er der Gestaltwandlerin Anyanwu begegnet, die ihre Heilkräfte nutzt, um den Alterungsprozess aufzuhalten. Vom ersten Moment an begehrt Doro Anyanwu, so sehr er sie auch fürchtet, und sein dreihundert Jahre währendes Werben um sie wird das Schicksal der Menschheit für immer verändern. 

REZENSION:

Die leider bereits verstorbene Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler begibt sich im vorliegenden Buch in die Vergangenheit und führt uns in ein kleines afrikanisches Dorf im Jahre 1690. Dieses wird von Sklavenhändlern verwüstet – dieser Vorgang wiederum führt zur Begegnung zweier Unsterblicher, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Zum einen Doro, der skrupellose Menschenverachter, der auf der Suche nach der perfekten Züchtung ist und zum anderen Anyanwu, die das genaue Gegenteil darstellt und sich darüber hinaus ihrer Fähigkeiten noch nicht zur Gänze bewusst ist.
Butler führt uns recht schnell den Wahnsinn des Sklavenhandels und der Ausbeutung von Menschen vor Augen und schlägt eine Lanze für Minderheiten, was absolut erfrischend und auf eine unglaublich intelligente Art und Weise erzählt ist.
WILDE SAAT ist dabei keineswegs Science-Fiction, sondern eher eine Mischung aus Fantasy, historischer Fiktion und einem Hauch Horror unter Verwendung einer Art Vampirismus. Sie fügt dem Ganzen Sklaverei, Rassismus, Feminismus hinzu und entwickelt dabei einen rundum interessanten Plot, der eher Philosophisch denn zur reinen Unterhaltung betrachtet werden muss.
Teilweise fragte ich mich, wohin Butler ihren Leser führen mag und begann vielfältige Ideen zu entwicklen. Interessanterweise treibt einen die Geschichte auf komplett neue Pfade, denen man sich trotz fehlenden Spannungselementen oder anderen typischen Mitteln schlicht nicht entziehen kann.
Die beiden Unsterblichen führen einen ruhigen, jedoch intensiven Kampf – gefüttert mit einer gewissen Art von Liebe, die beiden ihre Unterschiede zeigt und dennoch immer wieder zu einander führt. Dabei vergehen Jahrhunderte, die von Menschenliebe ebenso strotzen wie vom Gegenteil, gepaart mit dem Wunsch Doros, eine Art „Übermensch“ zu züchten. Doro geht dabei über Leichen und man erkennt deutlich, dass er nicht wirklich viel von der sterblichen Menschheit hält. Während Doro ausbeuterisch unterwegs its, zeigt sich Anyanwu als fürsorgliche Heilerin, die nach und nach auch Doro zeigt, dass sich auch andere Pfade des Lebens beschreiten lassen.
Octavia E. Butler war mir bis zum Genuss dieses Werkes leider absolut kein Begriff – ihre philosophische und einzigartige Art des Erzählens wird mir unvergessen bleiben und insbesondere durch die sehr kluge Darbietung sollte sie ganz oben auf der Liste herausragender Literatur zum Nachdenken stehen.
Sehr gelungen Umsetzung unter Einbeziehung von Alltags- und Rassismusthemen, die manchem die Augen öffnen können, sofern man sich darauf einzulassen gewillt ist.
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Scott Carson: The Chill

Originaltitel: The Chill
Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler

Deutsche Erstausgabe 07/2021
©2020 by Scott Carson
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
ISBN 978-3-453-44111-8
ca. 494 Seiten

COVER:

Mitten in den Catskills liegt das Dorf Galesburg tief unter den stillen Wassern des Chilewaukee-Stausees, der die Millionenmetropole New York mit Trinkwasser versorgt. Seine Bewohner wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus ihren Häusern vertrieben und zwangsumgesiedelt. Ihre Nachfahren leben noch heute an den Ufern des „Chill“, doch die meisten von ihnen haben ihre Geschichte vergessen. Spencer Ellsworth zum Beispiel, der Sheriff, denkt ebenso ungern an die unrühmliche Rolle, die sein Großvater bei der Evakuierung gespielt hat, wie Gillian Mathers, deren Vorfahren sich mit aller Gewalt gegen die Umsiedlung gewehrt haben. Doch die Vergangenheit ruht nicht in Galesburg, und als nach wochenlangen Regenfällen der Wasserspiegel im Chill immer höher steigt, kommt die Wahrheit über das, was damals wirklich passiert ist, langsam an die Oberfläche – und mit ihr ein uraltes, schreckliches Geheimnis…

REZENSION:

Bereits beim Lesen der Widmung erkennt man eine Verneigung Scott Carsons an den wohl bekanntesten Schriftsteller der heutigen Zeit, welcher auch ein kleines Verkaufszitat auf dem Buchtitel hinterlassen hatte: „Ein großartiger Horror-Roman!“ meinte Stephen King und dementsprechend angefixt war ich auf den Inhalt dieses Buches.
Anspruchsvolle Horror-Romane zeigten sich in letzter Zeit immer seltener im Portfolio der großen Publikumsverlage und dementsprechend froh war ich, dass hier scheinbar endlich mal wieder einem meiner Lieblingsgenre ein weiteres Werk hinzugefügt wird.
„The Chill“ von Scott Carson ist ein gelungen erzählter Geisterroman, der detailliert und fast ein wenig zu langatmig seine Geschichte offenbart. Diese wiederum macht jedoch viel Spaß beim Lesen und überrascht auch ab und an ein klein wenig.
Die teilnehmenden Figuren sind durchweg glaubhaft dargestellt und manch einer wird trotz vorhandener Ecken und Kanten zum Liebling des Lesers.
Carson scheut sich nicht, Klischees und allseits übliche Stilelemente zu verwenden – interessanterweise stört das nicht, da er dabei sehr geschickt vorgeht und ihr Wirkungsgebiet auf erfrischende Art beschreitet.
Die Stausee-Idee mit den noch nicht zur Ruhe gekommenen Einwohnern Galesburgs besitzt unglaublich viel Charme und man fragt sich manchmal, ob man nicht die Seite der Geister für die ehrlichere und somit unterstützenswertere hält.
„The Chill“ ist ein rundum interessanter Roman – dennoch führt das Prädikat „Horror“ definitiv zu weit. „The Chill“ ist vielmehr eine Art mystischer Thriller, da er keinerlei Horrorelemente in sich trägt und somit eine erheblich größere Klientel begeistern könnte, als eine Genreeingrenzung zur Folge haben kann. Horrorfans wären ob der missenden Elemente eher enttäuscht – Thrillerfans, die kein Problem mit einer Prise „Geister“ haben, können hier getrost zugreifen, denn das Buch bietet eine gut durchdachte Geschichte, ein tolles Setting und interessante Protagonisten.
Einige Fragen werden leider nicht beantwortet, dies ist jedoch als eher nebensächlich zu betrachten, da der Rest im großen und Ganzen sehr gut zu überzeugen wusste.
hysterika.de / JMSeibold / 24.06.2021

Stephen King: Später

Originaltitel: Later
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt 

©2021 by Stephen King
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27335-1
ca. 304 Seiten

COVER:

Jamie Conklin wächst in Manhattan auf und wirkt wie ganz ein normaler Junge. Mit seiner alleinerziehenden Mutter Tia teilt er jedoch ein Geheimnis: Er kann von klein auf die Geister kürzlich Verstorbener sehen und mit ihnen reden. Und die Toten müssen alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Tia ist Literaturagentin und hat sich gerade aus großer finanzieller Not gekämpft, da stirbt ihr lukrativster Autor. Der langersehnte Abschlussband seiner großen Bestsellersaga blieb leider unvollendet – wäre da nicht Jamies Gabe. Das Befragen der Toten ruft allerdings auch ungewollte Dämonen herbei.

REZENSION:

Egal wie hoch der Stapel ungelesener Bücher auch sein mag: Ein neuer King wird vorgezogen – diesmal wohl eine Art „Ich sehe tote Menschen“, wie man es bereits aus „The Sixth Sense“ zu kennen meint. Interessanterweise konnte ich diesen Gedanken auch einige Zeit nicht ablegen. Jamie wirkte doch eine gewisse Zeit wie der Junge im angesprochenen Blockbuster mit Bruce Willis.
Stephen King wäre aber nicht Stephen King, wenn er einfach kopieren würde. Somit bleibt es nur kurz bei diesem Gedanken und SPÄTER entwickelt sich trotz der für King recht geringen Seitenzahl zu einem Crossover von Coming-of-Age, einen Touch Horror und recht viel Crime, gewürzt mit Toten, die schlicht noch ein wenig benötigen, bis sie sich auf eine nicht näher definierte Art davon machen beziehungsweise verschwinden. Während dieses Zeitraums zwischen Ableben und endgültigem Verblassen kann Jamie mit ihnen direkt von Kind zu Totem sprechen. Die Toten sind dabei aus irgendwelchen Gründen dazu gezwungen, immer die Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten, was es natürlich für den Fragesteller recht einfach macht.
Auch in diesem Werk brilliert King mit seinem unnachahmlichen Schreibstil. Erneut konnte ich mich der Geschichte nicht entziehen, obwohl sie in ihrer Gänze zwar grandios, dennoch nicht in einer Riege mit den Blockbustern des Autors zu nennen sein wird.
Stephen King scheint etwas nachdenklicher zu werden und lässt uns als treuen Leser daran teilhaben. Jamies Geschichte wird in der Ich-Form dargelegt und dementsprechend nahe rückt man an seinen Protagonisten. Der Schwenk von Crime in Richtung klassischem King-Horror wird in Richtung Ende vermehrt vollzogen – dennoch bleibt der Horroraspekt mit Sicherheit für jeden verdaulich und somit nicht zu dick aufgetragen. Ein bisschen mehr hätte der Geschichte sicher nicht geschadet – insbesondere alte Hasen wie ich würden sich mal wieder über etwas fieseres aus Kings Feder freuen.
Nichts desto trotz handelt es sich bei SPÄTER um einen guten Wurf meines Lieblingsautors. Mit den gerade mal 300 Seiten konnte er nicht so viel ausschweifen, wie von ihm bekannt – dennoch handelt es sich um eine eingängige und gut funktionierende Novelle mit interessanten Aspekten. Irritierenderweise lässt es seinen Leser nach Beenden des Buches sogar kurze Zeit ein wenig über das Leben und den Tod an sich nachdenken. Somit ganz nebenbei ein kleines Werk mit dezentem Nachhall.
Hysterika.de/JMSeibold/15.03.2021

Jack Finney: The Body Snatchers

©1955 by Jack Finney
ISBN 978-0-575-08531-2
ca. 226 Seiten

COVER:

When Becky Driscoll turns up at Dr Miles Bennell’s consulting rooms after hours one August evening and tells him that her cousin Wilma doesn’t think that her Uncle Ira is really her Uncle Ira, this is just the beginning of a nightmare for the sleepy town of Mill Valley. As the number of similar stories multiplies, Miles discovers the horrific truth. Aliens are taking over the bodies and minds of his friends and neighbours …

REZENSION:

Jack Finneys Werk “The Body Snatchers” aus dem Jahre 1955 ist natürlich mittlerweile ein absoluter Klassiker des Science Fiction Genres. Interessanterweise bewegen wir uns in seinem Werk nicht in der Zukunft, sondern in einer verschlafenen Kleinstadt, in der sich scheinbar die Menschen nicht mehr so richtig normal verhalten. SF ist es lediglich durch den Umstand, dass es ein Alien-Roman ist und somit dieses Genre dafür herhalten muss.
In meinen Augen war „The Body Snatchers“ eher eine Art Horror – insbesondere, da ich als recht junger Kerl eines Tages die alte S/W-Verfilmung angesehen hatte und damals absolut geschockt war. Der Horror ist hier sehr subtil und findet eher im Kopf statt. Nun konnte ich mich endlich der Romanvorlage widmen und bin ähnlich überrascht, wie gut diese Geschichte auch weiterhin herausragend funktioniert. Natürlich ist die Zeit nun eine andere und manche Ansichten wirken doch sehr antiquiert – dennoch ist es unglaublich interessant, sich diesem frühen Werk zu widmen.
Es ist und bleibt ein Klassiker und sollte dementsprechend bekannt bleiben. Ein sehr geschickt aufgebautes Werk, welches erst zum Ende hin durch den rasant abgewickelten Höhepunkt ein wenig verliert. Finney hätte sich hier getrost noch etwas Zeit lassen können, um seine philosophischen Ansätze besser deutlich zu machen.
Hysterika.de/JMSeibold/08.02.2021

Stephen King: Wolves of the Calla

©2003 by Stephen King
This paperback edition published in 2012 by Hodder & Stoughton
ISBN 978-1-444-72348-9
ca. 771 Seiten

COVER:

Determined to reach the Dark Tower, gunslinger Roland and his companions emerge from the forests in the Mid-World on a path that leads to a tranquil valley community of farmers and ranchers in the borderlands.

Beyond the town, the rocky ground rises towards the dark source of affliction. Danger is imminent – the Wolves of the Calla are gathering once again, their unspeakable depredation poised to threaten the soul of the community. Roland and his companions must venture all as they face an unknown adversary. And the future of the Mid-World once again faces crimson chaos.

Wolves of the Calla is the magnificent fifth novel in Stephen King’s epic Dark Tower series that continues to captivate processions of readers.

AND THE TOWER IS CLOSER …

REZENSION:

Wenn man bei einem Epos von einem Lebenswerk sprechen kann, dann ist es sicherlich die Reise Rolands in Richtung des Dunklen Turms. Diese Werke begleiten nicht nur den Autor bereits seit mehreren Jahrzehnten, sondern auch Leser wie mich, die ebenfalls 30 Jahre benötigten, um Roland bis zum Ende seiner Reise begleiten zu dürfen.
Der Dunkle Turm ist dabei jedoch auch ein Gesamtkunstwerk, welches eine Vielzahl von Werken Kings miteinander verknüpft und durch den Mut, auch verschiedene Genre miteinander zu verweben, etwas ganz Besonderes in der Welt der Literatur darstellt.
Der Dunkle Turm ist Western, Horror, Fantasy, Thriller, Liebe, Science Fiction, Dystopie und noch vieles mehr in einem. Gleichzeitig uneingeschränkt philosophisch und zum Nachdenken anregend.
In „Wolves of the Calla“ treffen wir nicht nur auf den Priester aus Salems Lot sondern begeben uns auch des Öfteren nach New York, um die Fäden in Richtung Turm auf den richtigen Weg zu bringen. Schlussendlich wird gemeinsam mit den Dorfbewohnern der Calla gegen die regelmäßig kommenden Wölfe gekämpft, um diesen endgültig klar zu machen, dass die Bürger es nicht mehr länger akzeptieren, dass in gewissen Abständen Kinder als Opfer abgeholt werden.
Die Story ist unglaublich dicht und grandios erzählt. Selbst durch die bei mir etwas angespannte Konzentration beim Lesen in der Originalsprache konnte mich nicht davon abbringen, förmlich an die Seiten geheftet zu sein. Wolves oft he Calla ist definitiv einer der stärkeren Bände der Werke um den Dunklen Turm. Die Figuren werden einem immer vertrauter und der Turm rückt ungebremst näher, auch wenn in diesem Werk weder der Mann in Schwarz noch der Turm selbst eine Rolle gespielt hat. Das ka-tet ist hierin selbst für die weitere Entwicklung verantwortlich und stellt sich diesem Anspruch auch ohne besondere Einwände. Dabei werden sie ihrem Ruf gerecht und zeigen die Stärke einer zusammengewachsenen Gemeinschaft.
Kennt man Stephen King, weiß man jedoch auch, dass solche Verflechtungen – wie im realen Leben – auch erneut brüchig werden können und somit immer zu pflegen sind.
Wer sich dem Dunklen Turm stellt kommt natürlich auch nicht an diesem Werk vorbei. Während der vierte Band viel aus dem Leben Rolands erzählte, begleiten wir hier wieder das Team auf ihrem Weg in Richtung Zentrum der Balken. Der Weg ist das Ziel und hier leuchtet der fünfte Band förmlich, da er durchgehend Lesefreude bereitet und man spätestens jetzt die Gefährten in das Herz geschlossen hat. Trotz ihrer persönlichen Unterschiede agieren sie hier als geschlossene Einheit und bauen dabei das Selbstvertrauen der Farmer auf, um sich gemeinsam mit ihnen deren Feinden zu stellen.
Sollte jemand neu einsteigen wollen: Vor Lesen dieses fünften Bandes hilft es übrigens ungemein, wenn man Salem’s Lot („Brennen muss Salem“) bereits kennt, da hier in diesem fünften Band Pater Callahan eine nennenswerte Rolle spielt und man seine Verweise in Richtung Barlow und dem kleinen Städtchen Salem nur durch Kenntnis des genannten Buches verstehen wird.
Hysterika.de/JMSeibold/17.01.2021

Shaun Hamill: Das Haus der finsteren Träume

Originaltitel: A COSMOLOGY OF MONSTERS
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Deutsche Erstausgabe 05/2020
© 2019 by Shaun Hamill
© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31995-0
ca. 461 Seiten

COVER:

Die USA in den 1960er-Jahren: Harry Turner, ein geradezu fanatischer Verehrer von H.P. Lovecraft, verliebt sich in die Buchhändlerin Margaret. Sie heiraten, gründen eine Familie und leben in bescheidenen, aber glücklichen Verhältnissen, obwohl Margaret immer wieder von nächtlichen Schreckensvisionen heimgesucht wird, die direkt aus Lovecrafts Horrorgeschichten stammen könnten. Auch die drei Kinder Sydney, Eunice und Noah werden ständig von Albträumen geplagt. Selbst an Harry gehen die grausamen Bilder nicht vorüber, und so beschließt er eines Tages, auf seinem Grundstück ein Geisterhaus zu bauen, und zwar das größte und unheimlichste, das Amerika je gesehen hat. Was ihm leicht gelingt, denn die Monster, die darin ihr Unwesen treiben, sind echt. Der Einzige, der diese Tatsache akzeptiert, ist Noah. Als er eines Tages den Ungeheuern die Tür öffnet, wird das Leben der Turners zum Albtraum …

REZENSION:

Bei manchen Büchern bin ich hin- und hergerissen, was ich von ihnen halten soll. „Das Haus der finsteren Träume“ landet exakt in dieser Kategorie und dementsprechend irritiert aber auch berührt hat es mich nach seinen letzten Buchstaben hinterlassen.
Vorweg möchte ich darauf hinweisen, dass die Coverbeschreibung den Leser guter Horrorliteratur in eine falsche Erwartungshaltung führt und es aus diesem Grund sein kann, dass der ein oder andere von diesem Buch enttäuscht sein könnte. Es ist nämlich definitiv nicht so, dass hier ein Geisterhaus mit echten Monstern entsteht. Das gebaute Geisterhaus in diesem Buch ist nichts weiter als die Einnahmequelle der Familie und entspricht den üblichen Häusern dieser Art, gefüllt mich künstlichem Blut, selbstentworfenen Kleidern der makabren Art und unter Zuhilfenahme von verkleideten Menschen, die durch ihre Darbietungen den Eintritt zahlenden Besucher erschrecken sollen.
Haupthandlung dieser Geschichte von Shaun Hamill ist vielmehr die Turner-Familie selbst und dies wird hauptsächlich dargelegt am Leben von Noah Turner, der zwar durch sein geringes Alter erst ein wenig später als Person auftritt, dennoch als Erzähler der Geschichte fungiert. Noah ist das letzte Kind des Ehepaars Turner. Seinen Vater hat er nicht mehr wirklich kennen gelernt, da dieser krankheitsbedingt verstorben ist.
Die Familie lebt sehr bescheiden und versucht durch die Geisterhaus-Einnahmen um die Runden zu kommen. Eines Tages sieht Noah ein Monster an seinem Fenster – völlig befreit von jeglicher Angst freundet er sich mit diesem an und die Geschehnisse nehmen ihren Lauf…

„Das Haus der finsteren Träume“ ist alles andere als ein Horrorroman. Gut, es gibt eine ganze Horde an Reminiszenzen zu H.P. Lovecraft und anderen namhaften Autoren des Genres. Allein die Kapitelnamen sprechen bereits für sich. Dennoch lässt es sich in besagtem Genre nur schwer uneingeschränkt einordnen, da es sich vielmehr um ein ausgeklügeltes Familiendrama handelt, welches in seiner Gänze ganz gut funktioniert und bei einer ablenkungsfreien Coverbeschreibung den Leser in die richtige Spur hätte bringen können.
Hamills Story ist dabei etwas bedrückend und depressiv, lässt sich jedoch sehr flüssig lesen. Dargeboten wird der Inhalt überwiegend in der Ich-Form, welche uns Noah auf eine sehr enge und sehr persönliche Weise nahebringt.
Noah ist der typische Heranwachsende voll Zweifel und dem Drang, alles einigermaßen richtig machen zu wollen, ohne bereits zu wissen, worum es im Leben eigentlich so geht.
Die Familie lebt dabei in ihrer eigenen Welt – dementsprechend spielt es auch fast keine Rolle, dass der jüngste Spross ein Monster als Freund hat – es bekommt schlicht keiner wirklich mit.
„Das Haus der finsteren Träume“ schwankt durch die Korrelation zwischen Noah und dem Monster immer wieder in die Welt der Jugendbücher mit leichtem Drang in Richtung Kitsch. Dem gegenüber nimmt Hamill aber auch kein Blatt vor den Mund und lässt die beiden auch sexuell aufeinander treffen – somit verlässt er in diesen Augenblicken das Jugend-Bücherregal wieder und driftet in die Welt der Erwachsenen-Literatur.
Erzählerisch passt bei diesem neuen Autor fast alles: Er zeigt erstaunlich viel Genre-Kenntnis, erzählt eingängig und sorgt für einen ganz interessanten, wenn auch bedrückenden Plot. Für ein Debüt schon mal ganz ordentlich – nichts desto trotz wirkt es noch etwas holprig im Versuch, seinen angestammten Platz in der Welt der phantastischen Literatur zu finden. Eventuell würde es schon ausreichen, wenn man keine falschen Erwartungen legt, sondern ganz klar die echte Richtung vorgibt.
Jürgen M. Seibold/13.08.2020

Andreas Gruber: Der Judasschrein

©2020 by Andreas Gruber
Copyright Gesamtausgabe ©2020 LUZIFER-Verlag
ISBN 978-3-95835-480-7
ca. 529 Seiten

COVER:

In dem abgeschiedenen Dorf Grein am Gebirge, eingeschlossen zwischen den Bergen und einem Fluss, wird eine verstümmelte Mädchenleiche entdeckt, der fast alle Rückenwirbel fehlen. Als Kommissar Alex Körner und sein Team mehrere Exhumierungen anordnen, nehmen die Ermittlungen eine ungeahnte Wendung. Zudem spitzt sich die Lage zu, als der vom Dauerregen stark angeschwollene Fluss über die Ufer tritt. Vom Hochwasser eingeschlossen und von der Außenwelt abgeschnitten, kommt eine schreckliche Wahrheit ans Licht und die grausamen Morde gehen weiter …

REZENSION:

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Tragkraft der damals nicht gerade als erfolgreich zu betrachtende Autor namens Lovecraft bis in unsere aktuelle Zeit hat. Erneut hat sich mit dem vorliegenden Buch ein Schriftsteller diesem Erbe gewidmet und einen mit lovecraftschen Elementen angereicherten Kriminalroman geschrieben. Dabei handelt es sich um den österreichischen Krimi-Export Andreas Gruber, der mir selbst bis dato eher durch gewisse, frühe Kurzgeschichten ein dezenter Begriff war. Mir ist aber bewusst, dass Gruber mittlerweile bei Krimifans ein sehr hoch angesehener Name geworden ist.
Nun also ein Versuch, Ermittlungsmaßnahmen in einem abgeschiedenen Dorf darzulegen und dabei auch noch die Kurve zu einem Meister der phantastischen Horror-Literatur zu bekommen. Ein hehrer Ansatz, da üblicherweise Krimifans eher die Finger von allzu brutalen Erzählungen und gleichzeitig Grusel- oder gar Horrorfans die Finger von zu brav erzählten Fällen weglassen.
Andreas Gruber versucht dennoch diesen schwierigen Brückenschlag und erzählt im Großen und Ganzen eine interessante Geschichte mit einem geschickt aufgebauten Plot. Zum Ende hin zusätzlich gewürzt mit einem dezenten Twist, der einem Lovecraft gerecht wird und der gesamten Geschichte noch ein kleines i-Tüpfelchen aufsetzt.
So positiv dies alles klingt, schaffte es der Autor dennoch nicht, mich gänzlich von seiner Geschichte und deren Darbietung zu überzeugen.
Insbesondere der lange und recht spannungsbefreite Kriminalplot bis weit über die Hälfte des Buches hinaus ließ mich immer wieder überlegen, ob ich das Buch nicht einfach für beendet erkläre. In diesem Fall interessierte mich jedoch stark die weitere Entwicklung und ganz besonders wollte ich wissen, wann denn nun die Welt Lovecrafts ihren Auftritt findet.
Sehr spät zeigt sich das Grauen und viel zu rasant wurde das Ende der Geschichte eingeläutet und abgehakt. Trotz dem kommenden Grauen im Fahrwasser von H.P. Lovecraft konnte mich die Geschichte durch ihren langen Vorlauf und dem intensiven Festhalten am Krimigenre nicht mehr überzeugen. Darüber hinaus könnte es in meinen Augen für reine Genreleser etwas schwierig werden: Den einen wird es zu starker und zu fantastischer Tobak – den anderen ist der Plot zu sanft. Somit nicht Fisch, nicht Fleisch, was ich außerordentlich schade finde, da Andreas Gruber sehr gut erzählen kann und man merkt, dass er sich auch in der Welt des Lovecraft ausreichend auskennt.
In meinen Augen war es eine nette Unterhaltung mit leider zu viel Längen, dafür einem zu rasant abgespulten Ende – im Gegenzug dazu ein sehr interessantes Setting und eine grundsätzlich gute Idee.
hysterika.de/18.07.2020

Stephen Chbosky: Der unsichtbare Freund

Originaltitel: Imaginary Friend
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
©2019 by Stephen Chbosky
©2019 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27243-9
ca. 912 Seiten

COVER:

Die alleinerziehende Kate muss mit ihrem siebenjährigen Sohn Christopher dringend untertauchen. Das beschauliche Örtchen Mill Grove, Pennsylvania, scheint dafür ideal zu sein. Eine Straße führt hinein, eine hinaus. Ringsum liegt dichter Wald. Doch kurz nach ihrem Umzug beginnt der kleine Christopher eine Stimme zu hören. Und merkwürdige Zeichen zu sehen. Zeichen, die ihn in den Wald locken.
Sechs Tage lang bleibt er dort verschollen. Als er wieder auftaucht, kann er sich nicht erinnern, was geschehen ist. Aber plötzlich hat er besondere Fähigkeiten. Und einen Auftrag: ein Baumhaus mitten im Wald zu errichten. Wenn er es nicht bis Weihnachten schafft, so die Stimme des unsichtbaren Freundes, wird der ganze Ort untergehen. Ehe sie sichs versehen, befinden sich Christopher, seine Mutter und alle Einwohner von Mill Grove mitten im Kampf zwischen Gut und Böse.

REZENSION:

Davon mal abgesehen, dass mir der Name Stephen Chbosky absolut gar nichts gesagt hatte, sorgte das gelungene Cover dennoch dafür, mein Interesse zu wecken. Üblicherweise finde ich das gar nicht so gut, denn ein Buch sollte natürlich nur auf Basis seiner sinnvoll zusammengefügten Buchstaben bewertet werden. Nichts desto trotz sorgte diese dezente Umsetzung für Aufmerksamkeit. Als ich dann auf dem Rücken gelesen habe, dass dieses Buch an die epischen Romane meines Lieblingsautors Stephen King erinnert, stieg jedoch meine Skepsis, da es sehr viele Bücher mit ähnlichen Verweisen gibt, diese jedoch lediglich für Enttäuschung sorgen konnten. Da ist wohl oft lediglich der Wunsch Vater des Gedankens.
Erfüllt mit diesen Gedanken entschied ich mich trotzdem, mich diesem Werk von knapp über 900 Seiten zu widmen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…
Die Geschichte um Christopher fühlt sich bereits nach einigen Seiten wie ein Roman von Stephen King an: Wir befinden uns in einer Kleinstadt, der Personenkreis wird abgesteckt und plötzlich geschieht etwas in kleinbürgerlicher, heimischer Umgebung. Hier ist es so, dass der mit seiner alleinerziehenden Mutter in Mill Grove lebende Christopher eines Tages im naheliegenden Wald verschwindet und urplötzlich nach sechs Tagen wieder auftaucht. Ab diesem Zeitpunkt besitzt er einige Besonderheiten, über die ich hier nicht näher eingehen möchte.
Sämtliche Dorfbewohner werden tiefgehend beleuchtet und wie so oft, hat selbst die ordentlichste und „normalste“ Familie irgendeine „Leiche“ im Keller. Nicht alles ist golden, was glänzt. Diese Darbietung ähnelt komplett dem literarischen Vorbild Stephen Chboskys – gleichzeitig entwickelt er ausreichend eigene Ideen, um sich ein wenig davon abgrenzen zu können. Chboskys Schreibstil ist sehr lebendig und rundum eingängig gehalten. Es lässt sich problemlos jede Seite genießen und die Story selbst entwickelt sich von Seite zu Seite immer mehr in Richtung „das-könnte-ein-Highlight-werden-Buch“.
Problemlos wechselt Chbosky die erzählerischen Ebenen und somit muss seinem Leser natürlich auch klar sein, dass hier auch die eigene Fantasie gefordert wird, denn mit dem Eintritt in den Wald treibt es uns ab und an auch in andere Welten.
Interessanterweise schafft er es dabei nicht nur, den Leser auf eine phantasievolle, hervorragende und spannende Art zu unterhalten, sondern auch einen über 300 Seiten andauernden Show-Down hinzulegen, wie man ihn nur selten sieht. Dabei zusätzlich gewürzt mit einer Wendung, die man zwar ahnen, jedoch nicht wirklich vorhersagen kann. Chapeau!
In der Danksagung des Autors wird sein großes Vorbild erneut erwähnt, darüber hinaus gibt es noch den Vermerk auf die Serie „Stranger Things“ auf dem Buchrücken. Gut, das Vorbild passt und auch die Anleihen in Richtung „Stranger Things“ sind nicht von der Hand zu weisen – alles in allem jedoch eher eine Art „Stranger Things“ auf Speed. Insbesondere die phantastischen Bereiche haben eher etwas von einem Neil Gaiman und gehen somit tiefer als die bisherigen Berührungen der Serie mit der anderen Seite.
Schlussendlich eines der Werke, die mir klar machen, warum ich so gerne meine Bücher in der Welt der Phantastischen Literatur aussuche. Einfach nur: Perfekt!
Jürgen Seibold/23.04.2020

Anthologie: Oldschool Horror 1

©2019 Eldur Verlag, Aachen
ISBN 978-3-937419-30-5
ca. 190 Seiten

COVER:

Die Oldschool-Reihe von Eldur setzt auf klassischen Spannungsaufbau und tiefe Ängste, auf Hintersinn und doppelten Boden. Die Klassiker – dunkle Keller, Geister und Flüche – sind hier ebenso zu finden, wie moderne Varianten des Grauens. Die Geschichten sind überwiegend böse und gehen selten gut aus für die Protagonisten.

REZENSION:

Ein kurzer Blick in die Annalen meiner literarischen Seite zeigte mir im Vergleich zur Homepage des Eldur-Verlages, dass ich beinahe jede Veröffentlichung dieses kleinen, feinen Verlages rezensieren durfte. Dabei zeigte sich sehr deutlich, dass dabei jedes einzelne mir bekannte Werk einen guten Eindruck bei mir hinterlassen hatte.
Vor kurzem konnte man noch meine Meinung zum sechsten Band der kranken Fleisch-Reihe lesen und nun zeigt sich der Verlag plötzlich ganz Oldschool?
Nun, auch ich hatte beim Betrachten des Covers gewisse Erwartungen: Ich sah den klassischen Horror in einem alten Haus, Geister, knarrende Treppen, tiefe Keller, dunkle Ahnungen und ähnlichem im Stile der alten Klassiker des Genres.
Tja, der Eldur Verlag überrascht auch hier erneut: Ja, die Geschichten sind entgegen der Fleisch-Reihe reduziert auf klassischen Spannungsaufbau – was ich schon einmal perfekt finde. Gleichzeitig sind sie durchweg kein simpler Abklatsch längst vergangener Zeiten – nein, jeder der darin enthaltene Story legt das „alte“ Vorgehen in die heutige Zeit beziehungsweise zeigt, dass sich die zeitgenössischen Autoren schlicht weiter entwickelt haben und trotzdem (oder gerade deshalb?) in der Lage sind, eine Spielart des „klassischen“ Horrors zu schreiben und dem geneigten Leser darzubieten.
Wie in beinahe jedem Kurzgeschichtenband findet man auch hier Geschichten, die man als außerordentlich empfindet, Geschichten, die okay sind und eventuell Geschichten, die man im Augenblick nicht ganz so gut findet. In diesem Band trifft das auch zu, jedoch mit einem kleinen Nachsatz: Selbst die vermeintlich schlechteste Geschichte besitz ein herausragendes Niveau und somit handelt es sich hier erneut um eine herausragende Publikation des Verlags. Ich hoffe wirklich sehr, dass der Eldur Verlag auch in Zukunft sein geschicktes Händchen bei der Auswahl an Geschichten behält. Ich bin mir sicher, da stehe ich nicht alleine.
Oldschool Horror ist ein grandioser Start einer sehr interessant klingenden, neuen Reihe. Auch wenn ich mir noch ein klein wenig mehr „altertümliche“ Vorgehensweise (wie etwa in „Der falsche Fährmann“, „Das Haus in Athens“ und auch „Der Klinikfahrstuhl“) wünschen würde: Das hier bereits vorhandene Potpourri gibt mir keine Möglichkeit einer negativ angehauchten Kritik.
Jürgen Seibold/27.11.2019

Lovecraft, H.P.: Cthulhus Ruf – Das Lesebuch

Aus dem Amerikanischen von Andreas Fliedner und Alexander Pechmann
©2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70478-1
ca. 461 Seiten

COVER:

DIE BESTEN ERZÄHLUNGEN DES MEISTERS DER UNHEIMLICHEN PHANTASTIK

H.P. Lovecraft ist neben Edgar Allan Poe der Klassiker der modernen Horrorliteratur. Seine phantastischen Erzählungen erscheinen in hohen Auflagen und finden weltweit allergrößte Leserresonanz.

Phantastik-Experte Andreas Fliedner präsentiert in „Cthulhus Ruf – Das Lesebuch“ eine Gesamtschau des Lovecraft’schen Werkes in vierzehn ausgewählten Erzählungen, ergänzt um eine allgemeine Einführung zu Autor und Werk sowie Einleitungen zu den jeweiligen Schaffensphasen.

REZENSION:

In vorliegendem Lesebuch befinden sich folgende Geschichten von Howard Phillips Lovecraft:

Das Bild im Haus
Die Musik des Erich Zann
Der Außenseiter
Die Ratten in den Mauern
Das Fest
Kühle Luft
Cthulhus Ruf
Die Farbe aus dem All
Der Flüsterer im Dunkeln
Der Schatten über Innsmouth
Der Schrecken der Finsternis
Die Katzen von Ulthar
Hypnos
Der silberne Schlüssel

Diese Geschichten werden in diesem Werk in exakt der gerade genannten Reihenfolge dargeboten. Dabei handelt es sich um den Versuch des Herausgebers, den jeweiligen Schaffensphasen Lovecrafts gerecht zu werden: 1.) Klassisches und modernes Grauen; 2.) Kosmischer und irdischer Horror, sowie 3.) Poetische Schrecken und Bekenntnisse.
Jeder Phase ist eine Einleitung vorangestellt, deren Genuss sich als unglaublich interessant darstellt. Am Anfang des Buches befindet sich noch eine etwas längere, allgemeine Einleitung in die Welt dieses Klassikers der phantastischen Literatur. Auch diese ist jeden aufgeführten Buchstaben wert.
Die Geschichten selbst waren mir alle bereits ein Begriff – hatte ich doch schon vor vielen Jahren die gesamten Werke Lovecrafts mein Eigen genannt und nahezu alle mehrmals gelesen. Leider liegen mir die damaligen dünnen Büchlein nicht mehr vor, da ich sonst die Gelegenheit genutzt hätte und einen Vergleich der Übersetzung vornehmen hätte können.
Im vorliegenden Buch kommt mir diese nämlich sehr trocken vor – gleichzeitig zeigt sie sich als Notwendigkeit, da beinahe jeder Satz für sich alleine stehen könnte. Zeigt sich hier die schöpferische Kraft dieses zu Lebzeiten ehr missachteten Schriftstellers? Könnte sein, denn die verwendete Sprache der Übersetzung besitzt einen etwas altertümlichen Flair, leicht verschwurbelte Sätze, jedoch eine sprachliche Darbietung, die zwar Konzentration beim Lesen erfordert, dafür aber mit Sätzen belohnt, wie man sie sich heutzutage fast nicht mehr vorstellen kann.
Lediglich die etwas trockene wirkende Darbietung hätte mich im Vergleich zu früheren Übersetzungen sehr interessiert – vielleicht ergab sich der Eindruck lediglich durch den Umstand, dass ich die Geschichten bereits durchweg kannte und somit mein Gehirn des Öfteren beim lesen abzuschweifen begann. An den Geschichten Lovecrafts kann es jedoch nicht liegen und jeder, der sich ein wenig für die literarische Entstehung der phantastischen Literatur interessiert, sollte mindestens Poe, Stoker, Shelley und natürlich Lovecraft aus diesen längst vergangenen Zeiten kennen.
Ob es natürlich notwendig ist, einen weiteren Band auf mit lediglich einer Auswahl an Geschichten auf den Markt zu werfen, lässt sich sicher in Frage stellen – nichts desto trotz ist dieses Lesebuch eine gelungene Möglichkeit, sich zumindest teilweise mit dem Phänomen Lovecraft auseinander zu setzen.
Und allein dafür, dass ich mal wieder „Die Musik des Erich Zann“ lesen konnte, hat es sich für mich bereits gelohnt.
Jürgen Seibold/27.11.2019

Anthologie: Fleisch 6

Vollständige Taschenbuchausgabe 2018
©Eldur Verlag, Aachen
ISBN 978-3-937419-25-1
ca. 196 Seiten

COVER:

Bevor Sie dieses Buch in die Hand nehmen, sollten Sie sicher sein, dass Sie einiges verkraften können. – Den Spruch kennen unsere Altleser schon auswendig. Doch hat er nichts von seiner Aktualität verloren.

Zum sechsten Mal servieren Ihnen ausgewählte deutschsprachige Horror-Autoren ein extremes Menu aus Fleisch, Blut, Sex und Tod.

In dieser Ausgabe sind die Geschichten allesamt sexuell aufgeladen, wenn nicht gar pornös.

FLEISCH – die Königin der deutschsprachigen Horror-Anthologien. Oft kopiert, nie erreicht.

REZENSION:

Als ich meine Rezension zum fünften Band der Fleisch-Reihe schrieb, war ich noch ein wenig irritiert ob der vermehrt auftretenden Horror-Fantasien, die in sexuellen Eskapaden der verrücktesten Art enden. Dies warf ich dabei als leicht negativen Punkt in die Runde, da dieser Umstand im genannten Band für zu schnelle Abstumpfung beim Leser sorgte.
Nun also Fleisch Nummer 6 und wie sollte es auch anders sein: Der Verlag schnappt sich diese doppeldeutige Zahl und schreibt ganz frech SEX auf das Cover. Das Programm wäre somit vorgegeben und mir bleibt nichts anderes übrig, als dies zu akzeptieren und somit darüber hinweg zu sehen.
Fleisch Sex ist wieder vollgestopft mit den kranksten Geschichten, die mir trotz meiner Vielzahl an gelesenen Stories jemals vorkamen. Erneut finden sich 15 Geschichte von teils (mittlerweile) namhaften deutschen Autoren. Gleichzeitig ein schönes Spiegelbild der kommenden Autorengeneration – independent sozusagen.
Mir selbst liegt dieses Werk schon einige Zeit vor – ich habe mich aber bewusst dazu entschieden, diesen Band nicht in einem Zug zu lesen, sondern nach jeder Geschichte eine Pause zu machen, um wieder in den Alltag zu finden 🙂
Teilweise habe ich mir zwar ein wenig zu lange Zeit gelassen, dies lag aber daran, dass ich schlicht die Mitfahrer in der U-Bahn nicht verstören wollte. Mit diesem Werk muss man sich zu Hause eine kleine Ecke suchen und dann hoffen, dass man nach dem Lesen daraus wieder herzukommen in der Lage ist.
Die Geschichte sind durchweg hochwertig und interessant erzählt. Wenn ich diese krankhaften Ideen und Beschreibungen außen vorlasse, zeigt sich eine herausragende Qualität. Somit bleibt auch dies weiterhin Programm: Die Fleisch-Reihe ist eine kunstvolle Darbietung des Möglichen.
Gleichzeitig darf man aber einen eventuell noch unbedarften Leser nicht ohne Warnung auf den Inhalt loslassen – denn jegliche Story trieft vor Wahnsinn, Blut, Perversitäten, Kannibalismus, Folterungen der übelsten Art und noch vielen mehr. Dennoch wird versucht, dies nicht nur zu zeichnen, sondern eben auch in eine nachhaltige Geschichte einzuweben. Dies ist auch nahezu jedem Autor ganz gut gelungen.
Es muss aber auch jedem Erzähler hierin klar sein, dass sie sich von den Menschen mit den weißen Turnschuhen fernhalten sollten.
Alles in allem eine rundum gelungene Fortsetzung – hier mit reinem Fokus auf fleischliche Vorgänge der übelsten Art. Ich persönlich würde mir nun für den ein oder anderen Band wieder eine kleine Rückbesinnung zum eigentlichen Horror wünschen. Wie bereits bei Band 5 gesagt, stumpft man etwas ab – lösen lässt sich dieser Umstand nur durch den einzelnen Genuss einer Story, einige Tage Pause und dann der erneute Griff zum Büchlein, um die nächsten kranken Erlebnisse lesen zu können.
Volle Punktzahl gibt es dennoch von mir, da diese Reihe für sich alleine steht, der Klientel weiterhin hochwertigen Wahnsinn bietet und das Niveau seit Anbeginn durchgehend hochwertig ist und bleibt.
Jürgen Seibold/09.11.2019

Laufhütte, Andreas: Das ewige Spiel

Deutsche Erstausgabe 07/2019
© Eldur verlag, Aachen
ISBN 978-3-937-41929-9
ca. 188 Seiten

COVER:

Mein Name ist David Riemschneider. Ich bin 48 Jahre alt, 1,85 Meter groß, und ich habe einen Hirntumor.

Mit diesen Worten beginnt eine zunächst gewöhnlich anmutende Schicksalsgeschichte, die aber im weiteren Verlauf zunehmend groteskere Züge annimmt, insbesondere, was die Halluzinationen des Icherzählers angeht.

Und irgendwann stellt einer der behandelnden Ärzte die Frage aller Fragen: Was, wenn das gar keine Halluzinationen sind?

Ist dann aber stattdessen das ganze bisherige Leben Davids eine Einbildung, inklusive seiner über alles geliebten Frau? Die nächtlichen Schreie, die er während seines Klinikaufenthaltes aus einem Nachbarzimmer hört, sagen ihm etwas anderes.

Dieser Roman ist eine hochspannende Mixtur aus Horror, Thriller und Science Fiction. Von dieser gibt es nicht viele, es lohnt sich also auf jeden Fall, einen Blick zu riskieren.

REZENSION:

Es gibt sie wahrlich immer noch: Bücher, die einen überraschen. Bücher, deren Inhalt und Ausgang so ganz anders ist, als man beim Öffnen des Werkes gedacht hatte.
Gut, der Eldur Verlag konnte mich bisher mit einer Vielzahl an Werken überzeugen – dennoch hatte ich keinerlei besondere Erwartung zum oben genannten kleinen Buch.
Andreas Laufhütte ist mir nicht wirklich ein Begriff. Meines Wissens trat er bisher lediglich als Kurzgeschichtenschreiber in besagtem Verlag auf. Seine Teilnahme bei „Fleisch“ kannte ich somit, aber wie so oft bei Kurzgeschichten: Selbst unter Folter hätte ich weder den Titel noch den Inhalt nennen können. Ist doch schon einige Zeit her…
Nun also eine etwa 180 Seiten starke Geschichte, deren Cover ein klein wenig die Richtung vor zu geben scheint.
Beim Lesen stellt man sich dann dennoch die Frage, wer auf die dumme Idee des Covers kam? Hat doch so gar nichts mit der Geschichte zu tun. Nach und nach wandelt sich der Inhalt der gewöhnlich beginnenden Geschichte jedoch – und so langsam öffnet sich das Verständnis für das Bild auf der Vorderseite des Buches.
„Das ewige Spiel“ ist eine absolute Überraschung. Hier ist nichts, wie es scheint. Der Autor schafft es immer wieder, falsche Fährten auszulegen, plötzlich wieder zurück zu kommen, um dann doch wieder komplett wo anders zu landen. Dabei auch noch ohne Rücksicht auf irgendwelche Genregrenzen. Nein, wir treiben haltlos mit und versuchen herauszubekommen, wie denn eigentlich dieser ganze Reigen enden soll.
Das Ende kommt natürlich unweigerlich – bei gerade mal 180 Seiten auch noch viel zu schnell, aber: es ist erneut eine kleine Wendung und man wird nachdenklich und leicht geplättet zurückgelassen.
„Das ewige Spiel“: Bizarr, wirr, irreführend, genresprengend, ergreifend, ab und an sehr verwirrend. Nichts desto trotz ein absoluter Geheimtipp!
Jürgen Seibold/24.08.2019