Anthologie: Fleisch 5

©Eldur Verlag, Aachen
ISBN 978-3-937419-24-4
ca. 195 Seiten

COVER:

Bevor Sie dieses Buch in die Hand nehmen, sollten Sie sicher sein, dass Sie einiges verkraften können. – Den Spruch kennen unsere Altleser schon auswendig. Zu trifft er dennoch.

Zum fünften Mal servieren Ihnen ausgewählte deutschsprachige Horror-Autoren ein extremes Menu aus Fleisch, Blut, Sex und Tod.

FLEISCH – die Königin der deutschsprachigen Horror-Anthologien. Oft kopiert, nie erreicht.

REZENSION:

Als ich mir den vierten Band der fulminanten und nahezu alleinstehenden Kurzgeschichtenreihe mit dem stilgebenden Namen „Fleisch“ einverleibte, war ich ein klein wenig enttäuscht. Diese Enttäuschung beruhte aber im Nachhinein betrachtet eher auf einem etwas höheren Niveau, denn „Fleisch“ ist nun mal die Königin der grenzenlosen Horrorkurzgeschichten unseres Landes.
Dennoch konnte mich der vierte Band nicht mehr gänzlich überzeugen und ich sah die Serie geistig schon sterbend danieder liegen.
Nun also der fünfte Band und die Gedanken an Band 4 krochen still und leise in den Vordergrund meiner Gehirnwindungen.
Können die neuen 15 Geschichten den etwas schwächeren vierten Band ungebremst beiseite wischen oder reihen sie sich dort ein und wir Leser warten auf den Todesstoß einer sehr beliebten Reihe?
Das Ergebnis lässt sich nur durch den lesenden Selbsttest herausfinden und somit blieb mir nichts anderes übrig, als mich dem fünften Band zu widmen, um mir eine eigene Meinung bilden zu können.
Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt erneut einige sehr bekannte Namen und – zumindest aus meiner Sicht – wieder einige Neuentdeckungen. Die Länge der Geschichten variiert von knappen 2 Seiten bis zu etwa 20 Seiten.
Moment…
Knappe 2 Seiten? Das ist doch sicher ein Druckfehler…
Nein, das Buch beginnt mit einer Geschichte von Stefan M. Fischer mit dem Titel „Vom Baum abgestoßen“ und hat tatsächlich gerade mal 1,5 Seiten Platz in diesem Buch bekommen.
Mir kam sogleich der Gedanke eines recht bekannten Schriftstellers in den Sinn, der lautete, dass er sehr ungern Kurzgeschichten schreibt, da diese erheblich schwerer umzusetzen sind als Romane mit mehreren hunderten Seiten.
Er erklärte mir dabei auch den Grund und der liegt ganz einfach im Umstand begründet, dass eine Kurzgeschichte innerhalb kürzester Zeit (daher ihr Name) überzeugen, fesseln und mit einer Pointe aufwarten muss.
Nun also ein neuer Fleisch-Kurzgeschichtenband mit einem Opener wie er wohl kürzer nicht mehr möglich ist.
Aber was für ein Start!!! Allein für diesen kleinen Opener hat sich Fleisch bereits gelohnt. Ich habe in meinem gesamten lesereichen Leben noch niemals eine so kurze und dennoch dermaßen intensive Geschichte vor meinen Augen gehabt. Chapeau!
Nun hat mich Fleisch bereits vollumfänglich überzeugt und ich war wirklich auf die folgenden 14 Geschichten gespannt.
Ohne auf jede einzelne eingehen zu wollen, ist Fleisch 5 definitiv wieder ein anderes Kaliber als der Vorgängerband.
Gut, es kann nicht jede Geschichte überzeugen – aber dieses Problem hat wirklich jeder Kurzgeschichtenband; sogar, wenn es ein Band eines Lieblingsautors ist.
Wenn ich aber meine, es kann nicht jede überzeugen, dann fallen mir da höchsten 1 bis 2 Geschichten ein, die mich sprachlich oder geschmacklich nicht zu 100% überzeugen konnten. Aber: keine dieser insgesamt 15 Geschichten war in meinen Augen ein Fehler – nein, jede Geschichte ist grandios und eben ein bis zwei lediglich meinem Geschmack entsprechend nicht ganz „befriedigend“.
Es ist mir immer noch rätselhaft, wo diese ganzen grandiosen Erzähler herkommen. Vielleicht liegt es aber auch nur an dem Umstand, dass ihnen diese Reihe nichts vorschreibt und somit ihren Gedankengängen freie Entfaltung überlässt.
Fleisch 5 ist somit angetreten, meinen hohen Erwartungen gerecht zu werden und hat dabei in voller Linie gewonnen.
Einziges kleines Manko: Auch in diesem Band gibt es sehr viele sexuelle Auswüchse. Nicht, dass mich das stören würde – dennoch wäre mir gepflegter Horror etwas lieber und würde meiner Meinung nach auch mehr hergeben, als der ewige Drang nach sexuellen Befriedigungen und/oder Ausschweifungen mit anschließendem Schwenk zum Horror. Hier sollten die Autoren lieber wieder etwas mehr für das eigentliche Genre tun, da sonst die Gefahr des Abdriftens zu groß werden könnte.
Aber: Das ist nun schon Meckern auf sehr hohem Niveau.
Jürgen Seibold/11.02.2019