Basma Abdel Aziz: Das Tor

Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Deutsche Erstausgabe 05/2020
©2013 by Basma Abdel Aziz
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32046-8
ca. 283 Seiten

COVER:

Ein nicht näher benanntes Land im Nahen Osten: Seit den sogenannten „Schändlichen Ereignissen“ wird die Bevölkerung massiv von der Regierung unterdrückt. Peinlich genau achtet die Sicherheitsgarde auf die Einhaltung der Gesetze, und wer gegen die Regeln verstößt, verschwindet spurlos in den dunklen Kellern der Behörden. Für alles brauchen die Bürger die Genehmigung des Staates, für die sie sich vor einem großen Tor anstellen müssen. Doch die Schlange der Menschen, die in der brütenden Hitze warten, wird von Tag zu Tag länger, denn das Tor öffnet sich nicht. Da ist zum Beispiel die junge Lehrerin Ines, die eine Unbedenklichkeitsbescheinigung braucht, nachdem sie den kritischen Aufsatz einer Schülerin in der Klasse vorgelesen hat. Oder der Regimekritiker Yahya, der die Erlaubnis benötigt, sich einer lebensnotwendigen Operation zu unterziehen. Oder die namenlose alte Frau, die einfach nur Brot kaufen möchte. Sie und viele andere warten Tag und Nacht vor dem Tor – vergebens, aber dennoch voller Hoffnung, dass es irgendwann aufgehen wird …

REZENSION:

Basma Abdel Aziz ist eine ägyptische Autorin, die sich in ihrer Heimat unermüdlich für den Kampf gegen Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte einsetzt. Dies zeigt sich auch sehr deutlich in ihrem Buch „Das Tor“, welches darüber hinaus auch die Nähe zu den Gegebenheiten des arabischen Frühlings nicht verneinen kann. Das Buch selbst ist bereits aus dem Jahre 2013 und dementsprechend nah werden sich die Vorgänge nach dem Tag des Zorns noch im Kopf der Autorin befunden haben.
In „Das Tor“ befinden wir uns in einem nicht näher benannten, totalitären Staat im Nahen Osten, in dem man für beinahe alles eine behördliche Genehmigung benötigt. Für den Erhalt dieser Genehmigungen ist es notwendig, sich am Tor anzustellen, hinter dem sich die Behörden befinden. Die dabei entstehende Schlange wird immer länger – wir reden hier bereits von einer eigenen Welt, mit Menschen, die bis zu zwei Kilometer vom Tor entfernt stehen. Dies alles in der brütenden Hitze und voller Hoffnung, dass sich das Tor endlich öffnet und man eintreten darf.
Die Schlange wird von Tag zu Tag länger, da sich das Tor nicht öffnet – die Stimmung scheint zu kippen…
„Das Tor“ von Basma Abdel Aziz wird auf dem Cover mit George Orwells Klassiker „1984“ und Kafkas „Der Prozess“ auf einen Ebene gebracht. Teilweise kann ich mich dem auch anschließen, sind solche Bücher doch unglaublich wichtig und müssen unbedingt erzählt werden. Gleichzeitig hat jedoch Basma Abdel Aziz auch einige Chancen liegen gelassen und ist schlicht zu nett in ihrer Ausführung. Gut, sie drückt den Finger in die Wunde und zeigt bravurös Missstände von Diktaturen auf. Der totalitäre Staat wird gefühlt aus dem Bauch heraus regiert – dementsprechend unsinnig wirken die Gesetze und Vorschriften.
Wir dürfen uns auch als Leser der demokratischen Welt dabei nicht zurücklehnen, da wir von vielen dieser Vorgänge auch nicht weit weg sind.
Doch zurück: In „Das Tor“ erzählt die Autorin die Erlebnisse einiger Protagonisten, die dringend eine Bescheinigung benötigen und somit vor dem Tor verharren. Dies alles wirkt interessant, doch zu trocken und freundlich dargelegt. Wenn ich mir vor Augen führe, wie viele Menschen es in der brütenden Hitze vor einem seit Wochen verschlossenen Tor sein müssen, dann kann ich mir schlichtweg nicht vorstellen, dass dies unter Wahrung der öffentlichen Ordnung geschieht. Menschen gingen schon für weit weniger aufeinander los, so schade das auch ist.
Alles in allem ist „Das Tor“ eine sehr interessante Dystopie, deren Inhalt mehr und mehr in Richtung Realität driftet. Somit eine absolut gelungene Idee, die jedoch viel zu nett dargelegt worden ist. Hier hätte die Autorin noch erheblich aggressiver werden können, oder einen stringenteren Weg einschlagen müssen, damit der Plot einen Drive bekommt, der den Leser an die Seiten haftet. Durch die gleichmäßige und fast monotone Darbietung der eigentlich dramatischen Probleme verliert man den Drang, hier das notwendige Extra heraus holen zu wollen. Somit leider ein lediglich ganz netter, interessanter Plot, der unglaublich viel Potenzial für erheblich mehr gehabt hätte.
Jürgen Seibold/01.06.2020

Simon Stålenhag: The Electric State

Originaltitel: Passagen
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
©Simon Stålenhag 2017
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2019 Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
ISBN 978-3-596-70379-1
ca. 141 Seiten

COVER:

EINE REISE BIS ANS ENDE DER WELT …
UND DARÜBER HINAUS

Nach einem Drohnenkrieg hat sich Amerika in einen postapokalyptischen Friedhof verwandelt: Wie fremdgesteuert streifen die Menschen durch ein zerfallendes Land. Und während die alte Welt stirbt, erhebt sich etwas Neues aus den Ruinen, das noch keinen Namen hat.

Mitten durch das Chaos bahnt sich eine junge Frau mit ihrem Roboter einen Weg nach Westen. Auf der Suche nach ihrem Bruder unternimmt sie eine einsame Reise durch die Überreste unserer Zivilisation.

REZENSION:

THE ELECTRIC STATE von Simon Stålenhag war nicht wirklich im Fokus meiner zu lesenden Bücher. Interessanterweise fand es dennoch seinen Weg in meine Hände und ich entschied mich, diesem Werk ebenfalls eine Chance zu geben. Das Buch selbst ist im Großformat und ein illustrierter, dystopischer Roman. Mit seinen gerade mal ungefähr 140 Seiten wirkt es durch den doch recht üppigen Preis etwas teuer – da man aber einen Bildband in Händen hält, relativiert sich dieses Gefühl sogleich. Bereits beim anfänglichen Durchblättern lässt man sich durch die realistisch wirkenden Zeichnungen gefangen nehmen. Beinahe alleine erzählen sie die düstere Geschichte der jungen Frau und ihrem kleinen Roboter auf der Suche nach ihrem Bruder. THE ELECTRIC STATE ist vordergründig nichts weiter als ein nettes Roadmovie, welches vom Inhalt seiner Geschichte allein nichts Besonderes zu sein scheint. Durch den geschickten Wechsel von Bild und Text entsteht jedoch ein sehr ergreifendes und tiefgründiges Werk, welches zu überraschen weiß und den Blick auf jeder Seite für längere Zeit haften lässt. Auch im Nachgang lässt sich dieses Werk immer wieder hervorholen und wie ein echter fotografischer Bildband lässt man hierin jede Zeichnung einzeln auf sich wirken und zart jede in ihm befindliche Geschichte auferstehen.
Ein Buch für Sammler und Kenner und ein Buch, welches für ein wenig Abwechslung im phantastischen Genre sorgen kann. Meines Wissens gibt es noch weitere Bände dieses künstlerisch ambitionierten Zeichners/Autors und es hat wohl auch bereits Netflix für erste Umsetzungen in filmischer Form gesorgt.
Absolut interessant, wie eine Mischung aus Graphic Novel und Roman funktionieren kann und eine Geschichte auf eine neue sinnliche Ebene heben kann.
Jürgen Seibold/12.04.2020

Michael Dissieux: Richtung Nirgendwo – Melodys Song

©2020 by KOVD Verlag, Herne
ISBN 978-3-96698-607-6
ca. 383 Seiten

COVER:

Drei Jahre war ich unterwegs gewesen, immer auf der Suche nach dem letzten Überlebenden. Ich kam durch Dörfer, die keine Namen mehr trugen, und Städte, die so still wie ein Friedhof waren. Ich begann zu trinken, um die Dämonen zu vertreiben, schrie, um eine menschliche Stimme zu hören und weinte, wenn meine tote Tochter in den Nächten zu mir kam. Drei Jahre blieb ich alleine. Dann sah ich den Rauch am Horizont …

REZENSION:

Michael Dissieux hatte sich spätestens durch seine dystopische Reihe „Graues Land“ in diesem Genre einen nicht gerade unerheblichen Namen gemacht. Eine kurze Suche auf meinem Blog zeigte mir, dass seit meiner letzten Rezension zu einem seiner Titel bereits sagenhafte 7 Jahre vergangen sind und auch das mit Michael Dissieux durchgeführte Interview im Podcast fand bereits im Oktober 2014 statt.
Nun ist mir durch Zufall in den sozialen Medien eine dezente Werbung zu seinem neuesten Werk mit dem Titel „Richtung Nirgendwo – Melodys Song“ aufgefallen. Ein klein wenig ging ich mit mir ins Gericht, da ich kurz das Gefühl hatte, hier fällt einem Autor nichts Neues ein und somit versucht er sich erneut an einer Variante eines dystopischen Romans.
Dem gegenüber stand jedoch meine damalige Meinung zu Michael Dissieux – war er doch in meinen Augen ein sehr einfühlsamer, geschickt zu erzählen wissender und somit begnadeter Schriftsteller. Erfreulicherweise konnte mich dieser Aspekt überzeugen und ich wagte es, meinen Blick in dieses Werk zu werfen.
Auch hier offenbart Dissieux eine postapokalyptische Welt. Die Menschheit ist schlicht nicht mehr vorhanden und wir begleiten als Leser den in der Ich-Form erzählenden, lange Zeit namenlosen Hauptdarsteller auf seiner dreijährigen Reise durch die Staaten.
Unglaublich schnell verliert man sich in dieser Geschichte und selbst bei den kurzen Lesepausen denkt man darüber nach, wie man selbst vorgehen würde, wäre man urplötzlich der vermeintlich letzte Mensch auf diesem Planeten.
Michael Dissieux lässt viele Fragen der eigentlichen Apokalypse unbeantwortet – und wenn ich ehrlich bin, tut das dieser Geschichte auch richtig gut. Man kann sich selbst seine Gedanken darüber machen, um dann jedoch gleich feststellen zu müssen, dass es absolut irrelevant ist und man als letzter Überlebender ganz andere Sorgen mit sich zu tragen hat.
„Richtung Nirgendwo – Melodys Song“ ist ein sehr melancholisch erzählter Roman und bedient sich stark den Gedanken des Protagonisten mit allen seinen positiven und negativen Eigenschaften. Interessanterweise war dies auch der hauptsächliche Grund, warum ich mich für dieses Buch entschieden habe, bin ich doch aktuell eher auf der Suche nach dem Besonderen und ein weiteres dystopisches Werk mit herumlungernden und mordenden Gegnern hätte mich trotz der eventuellen Action sicher nicht mehr begeistern können. Im Gegenzug dazu konnte mich dieses Buch rundherum begeistern und ich ziehe meinen Hut vor der aufkommenden Kraft zwischen den Umschlägen.
Anfangs dachte ich noch in Kategorien, die dafür sorgten, dass meine gedankliche Vorhersage die typischen Wege dieses Genres einschlug – Michael Dissieux schiebt diese jedoch wie einen zarten Vorhang mit Leichtigkeit zur Seite und lässt uns nicht nur weiterhin nachdenklich sondern auch mit offenem Mund zurück.
„Richtung Nirgendwo – Melodys Song“ ist endlich ein Roman in diesem Genre, der es nebenbei auch noch schafft, dass man sich als Leser tiefgehende Gedanken über das Leben an sich macht und wer zum Ende dieses Werkes unberührt bleibt, der sollte sich Gedanken über seine eigene Psyche machen.
Ein absolut überraschendes Endzeit-Drama, wundervoll erzählt und in seiner Gänze ein Meisterwerk.
Jürgen Seibold/06.04.2020

Aleš Pickar: Nach dem Fieber 1 – Angriff im Morgengrauen

„Nach dem Fieber“ erscheint unregelmäßig bei ANNA MACHT URLAUB, 91468 Gutenstetten.
www.annamachturlaub.de
ca. 35 Seiten – Groschenheftformat

COVER:

Das Jahr ist 2063.
Vierunddreißig Jahre sind seit dem „Großen Fieber“ vergangen, das damals fast die gesamte Menschheit ausgelöscht hat. Europa ist ein gefährlicher Landstrich geworden, beherrscht von Anarchie und Gewalt.
Um die verbleibenden Ressourcen wird ein zermürbender Krieg geführt, während einzelne Gemeinden für Ordnung und Sicherheit kämpfen.

REZENSION:

Vordergründig betrachtet, könnte man im Hinblick auf das aktuelle Weltgeschehen natürlich glauben, dass der Autor Ales Pickar mit seinem Endzeitszenario noch einen draufsetzen möchte. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ihm dies aktuell sicher oft zum Vorwurf gemacht wird. Nichts desto trotz sollte man die Kirche im Dorf lassen und kurz darüber nachdenken, wie lange es dauert, bis man eine Geschichte sinnvoll zu Papier bringen kann. Davon abgesehen erreichte mich der erste Teil der neuen Serie „Nach dem Fieber“ bereits eine gute Zeit vor dem unsäglichen Ausbruch von Covid-19.
Gleichzeitig gebe ich aber zu, dass es mir zur Zeit aufgrund der Nachrichtenlage eher schwer fällt, mich mit Endzeitszenarien zu beschäftigen. Da ich aber das Konzept einer selbstverlegten Serie in Form eines Groschenromans für sehr interessant erachte und ich den Roman „Kalion“ des Autors kenne und für gut befunden hatte, fand ich es wichtig, mir dieses erste Heftchen zu Gemüte zu führen, um hoffentlich eine gute Meinung zu bekommen. Denn nur so wäre es mir natürlich möglich, hier ein klein wenig unterstützend tätig zu werden – und sei es nur anhand einer dementsprechenden, ehrlichen Rezension.
Wie gesagt, das Konzept eines Groschenromans ist eine interessante Idee und lässt einen alten Hasen wie mich sogleich an frühere Zeiten erinnern. Der Preis von 4 € pro Heftchen ist natürlich eine Hausnummer für ein 35-seitiges Bändchen. Nichts desto trotz verstehe ich diese Summe sehr gut und halte ihn für angemessen. Immerhin ist die Qualität ausreichend gut und der gesamte Prozess wird ohne jegliche Verlagsinteressen durchgeführt. Für enthusiastische, kulturschaffende Projekte in reduzierter Verkaufsmöglichkeit, sollte man schon ein Auge zudrücken.
Doch nun zur Story selbst: „Nach dem Fieber“ ist ein typisches Endzeitszenario unter Verwendung einer interessant zusammengesetzten Gruppe. Diese bestehen aus drei Mädchen und einem Jungen, wodurch übliche männerdominierenden Dystopien zur Seite gelegt werden können. Allein das ist schon eine gelungene Variante. Darüber hinaus konnte es Pickar in diesen ersten 35 Seiten recht gut schaffen, den Leser bravourös zu unterhalten. Natürlich erfindet auch er das Genre nicht neu – nichts desto trotz erzählt er interessant, glaubwürdig und spannend. Selbstverständlich vergisst er am Ende nicht den in Groschenromanen üblichen Cliffhanger, obwohl er hier beinahe zu dezent vorgeht. Man erkennt aber deutlich den Drang, ein Roadmovie zu starten und ich bin wirklich gespannt, wie sich die Reise des Teams noch entwickelt.
Alles in allem eine ganz nette Variante für jeden Serienfan, der noch nicht genug von üblichen Dystopien hat. Es ist jedenfalls erfrischend erzählt, kein literarischer Höhepunkt und natürlich nicht so detailverliebt wie „Kalion“. Nichts desto trotz macht es Spaß und es schadet sicher nicht, so ein persönlich ambitioniertes Projekt zu unterstützen oder zumindest weiter zu erzählen, da es die Serie meines Wissens nur im Direktvertrieb gibt.
Jürgen Seibold/27.03.2020

Vogt, Judith C. / Vogt, Christian: Wasteland

Originalausgabe Oktober 2019
©2019 Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-52391-9
ca. 399 Seiten

COVER:

Eine Frau mit einem Motorrad.
Ein Mann mit einem Baby.
Eine Gang mit einem Schaufelradbagger.

Die alten Regeln gelten nicht mehr, seit drei Kriege und das Wasteland-Virus die Menschheit beinahe ausgelöscht haben. Marodierende Banden beherrschen das Land, und auf dem freien Markt sind Waren nur im Tausch gegen Gefallen zu haben.
Um an Medikamente zu kommen, lässt sich die herumreisende Laylay auf ein Geschäft ein: Weil sie als Einzige immun gegen das Virus ist, soll sie den Marktbewohner Zeeto in der Todeszone aufspüren. Als sie ihn findet, ist er bereits infizert. Zudem hat er etwas in einer geheimen Bunkeranlage gefunden: ein Baby. Und obwohl das Virus Laylay nichts anhaben kann, beginnt sie sich zu verändern …

REZENSION:

Das Buch WASTELAND des Ehepaars Vogt zeigt mir sehr deutlich, dass Rezensionen und Meinungen nichts weiter als Geschmäcker sind, die jeweils lediglich von einer einzigen Person wiedergespiegelt werden.
Immerhin konnte das Werk seinen Weg auf die Phantastik-Bestenliste schaffen, wodurch bewiesen worden ist, dass es seine Klientel zu überzeugen weiß. Ich als Jurymitglied nahm dies schmunzelnd zur Kenntnis, da ich mich als Gegenpol outen muss und neben der Idee nichts Weiteres finden konnte, was bei mir Überzeugung fand.
Ich bin mir nicht sicher, ob das an der aktuellen Situation liegt und ich schlicht mit der Darstellung der virusverseuchten Welt in den täglichen Nachrichten ausreichend bedient bin, oder ob es – was ich eher glaube – an dem mir nicht zugänglichen Schreibstil liegt.
Ich möchte hier auch nicht zu sehr ins Detail gehen, da es sich um ein von mir abgebrochenes Buch handelt und ich somit nur einen gewissen Part an meinen Augen vorüberziehen ließ, bevor ich die Entscheidung traf, dass wir beide nicht zusammenfinden.
Irgendwie bin ich auch erfreut, dass Bücher trotz ihres Auftretens in namhaften Listen nicht jeden rundum zufrieden stellen können – zeigt dies doch die Varianz von uns selbst. Aus diesem Grund darf man eine negative Kritik – sofern sie einigermaßen dargelegt ist – auch nicht als gesetzgebende Meinung betrachten. Vielmehr sollte man die unterschiedlichen Leser-Erlebnisse verwenden, um sich eventuell auf Basis einer Leseprobe selbst ein Bild zu machen.
Ich persönlich war jedenfalls recht angetan von der Idee – fand jedoch leider keinen sprachlichen Zugang. Schade…
Jürgen Seibold/23.03.2020

Hannig, Theresa: Die Unvollkommenen

©2019 by Theresa Hannig
Deutsche Originalausgabe ©2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
ISBN 978-3-404-20947-7
ca. 399 Seiten

COVER:

Bundesrepublik Europa, 2057: Es herrscht Frieden in der Optimalwohlökonomie, einem lückenlosen Überwachungssystem, in dem mithilfe von Kameras, Linsen und Chips alles erfasst und gespeichert wird. Menschen und hochentwickelte Roboter sollen Seite an Seite leben. Störenfriede werden weggesperrt.
So auch die Systemkritikerin Lila. Als sie im Gefängnis aus einem künstlichen Koma erwacht, stellt sie fest, dass ihr schlimmster Albtraum wahr geworden ist: Die BEU wird von einer KI regiert. Samson Freitag wird als Gottkönig verehrt und erpresst von den Bürgern optimalkonformes Verhalten. Für Lila steht fest, dass sie Samsons Herrschaft und die Entmündigung der Menschen beenden muss. Ihr gelingt die Flucht, doch Samson spürt sie auf und bietet ihr einen Deal an, den Lila nicht ausschlagen kann …

REZENSION:

Erst als ich mich diesem Buch widmen wollte, stellte ich fest, dass es sich eigentlich um eine Art Fortsetzungsband zu dem Buch mit dem Titel „Die Optimierer“ von Theresa Hannig handelt. Dieses Werk war mir kein Begriff und wäre es ersichtlich gewesen, dann hätte ich mich dem vorliegenden Werk bestimmt nicht gewidmet.
Ich wagte mich trotz des vermeintlich fehlenden Wissens an die Lektüre und konnte dabei erfreulicherweise feststellen, dass sich Die Unvollkommenen absolut ohne diesen Background problemlos lesen und verstehen lässt. Man entdeckt keine Wissenslücken, wodurch es der Autorin gelungen ist, ein eigenständiges Werk zu entwickeln.
Der Schreibstil ist außerordentlich flüssig gehalten und man kann sich recht schnell auf die Rolle Lilas einlassen. Einige Verhaltensweisen finde ich etwas konstruiert beziehungsweise durch die Darsteller zu schnell akzeptiert. Sieht man darüber hinweg, verfolgt man eine interessante Idee in einem leicht dystopischen und sehr gut aufgebauten Setting in der nahen Zukunft unseres Landes. Theresa Hannig legt ihr Setting in die Nähe Münchens, wodurch ich mich sogleich wie zu Hause fühlen konnte, da mir alle von ihr in diesem Buch besuchten Plätze und Sehenswürdigkeiten ein Begriff sind.
Anfangs treibt sie ihre Handlung rasant voran – sicher, der Plot ist bald für Vielleser vorhersehbar, nichts desto trotz spürt man kein Verlangen zum Beenden des Buches. Dafür ist die Story – trotz vereinzelter Schwächen – doch ausreichend interessant dargelegt.
Die anfängliche Spannung konnte die Autorin leider nicht durchweg aufrechterhalten und ganz besonders in Richtung Ende siegte dann ein wenig die Enttäuschung, da dieses zu schnell abgearbeitet worden ist. Hier hätte es sicher noch ausreichend erzählerisches Potenzial gegeben. Keine Ahnung, ob die Autorin noch weitere Bände herausbringen möchte – zumindest sprechen einige noch offene Fragen dafür, als auch das relativ offen gebliebene Ende. Sollte dies der Fall sein, müsste sie aber deutlich die Spannungsschrauben anziehen, um manchen Leser mitnehmen zu können.
Die Unvollkommenen ist dennoch ein gutes Unterhaltungswerk mit einer nicht unerheblichen Botschaft und sorgt somit für angenehme Lesestunden.
Jürgen Seibold/05.01.2020

Sullivan, James A.: Die Stadt der Symbionten

Originalausgabe
©2019 Piper Verlag GmbH, München
ISBN 978-3-492-70419-9
ca. 720 Seiten

COVER:

Nach einer Alien-Invasion ist die Erde unbewohnbar. Die wenigen Überlebenden der Menschheit leben unter einer Kuppel, der „Oase im Winter“. Jaskandris, die letzte Bastion der Menschen, wird von einer Künstlichen Intelligenz gesteuert.
Als Symbiont, ein durch Computerinterfaces erweiterter Mensch, kann Gamil Dellbridge mit den Maschinen der Stadt per Gedanken über seine Interfaces kommunizieren. Eines Tages fängt er ein Flüstern auf, das sich unter die Signale der Stadt mischt. Voller Neugier folgt er dem mysteriösen Ruf und ahnt nicht, dass ihn die Spur geradewegs zu einem Geheimnis führt, das nicht nur sein Leben in Gefahr bringt, sondern auch alles, woran er glaubt, mit einem Mal infrage stellt.

REZENSION:

„Die Stadt der Symbionten“ von James A. Sullivan spielt in einer Welt, gesteuert von Fakultäten und einer allumfassenden Künstlichen Intelligenz. Die Anzahl der Menschen ist festgelegt – in den Tiefen der Stadt liegen weitere in einem Ruheschlaf und werden je nach Bedarf geweckt und in die Allgemeinheit überführt. Die Symbionten spielen eine besondere Rolle und stellen somit eine Art Schnittstelle zwischen den Menschen und der KI dar. Eines Tages nimmt der Symbiont Gamil ein Signal auf und folgt diesem. Dabei landet er bei Nelmura, eine im Tiefenschlaf befindliche Gründerin der Nelmurianischen Fakultät. Er hilft ihr bei der Flucht und befindet sich urplötzlich in einem politischen Ränkespiel um Macht und Vorherrschaft.
James A. Sullivans Idee ist grandios und auf den ersten Blick wunderbar erzählt. Man wird als Leser geschickt in die von ihm erdachte Welt eingeführt und man findet sich innerhalb kürzester Zeit gemeinsam mit Nelmura und Gamil auf der Flucht. Die ersten 200 Seiten stehen für diesen ersten Blick – das weitere Vorgehen konnte mich dann leider nicht mehr rundherum überzeugen. Sullivan erzählt die Geschichte natürlich hochwertig und fundiert. Seine Sprache ist auch ausreichend eingängig, dennoch entwickelte sich bei mir während der folgenden Seiten nach und nach das Gefühl, hier fehlt irgendetwas. Das fehlende Objekt ist auch gleich gefunden: Spannung. Sullivan erzählt entlang einer gerade Linie, die gänzlich ohne irgendwelche Ausschläge nach oben oder unten auskommt. Somit bewegt sich die Geschichte zwar vorwärts, es gibt aber keinerlei „Aufreger“ oder besondere Erlebnisse, die ein wenig für Herzklopfen sorgen könnten. Gleichzeitig bleiben die wichtigsten Figuren erstaunlich blass und somit entwickelt sich kein richtiger Bezug zu jeglicher teilnehmenden Person. Ich halte das für außerordentlich schade, da der Autor in seinem Buch „Die Granden von Pandoras“ problemlos beide Hauptdarsteller in die Herzen der Leser geschrieben hat und man dort trotz deren Feindschaft zwischen den beiden hin- und hergerissen war.
Spannungsaufbau ebenfalls im gerade genannten Buch immer wieder geschickt eingefügt – somit ein interessanter Roadtrip, einfach erzählt, überzeugend – hier im Gegensatz sehr durchdacht und niveauvoll erzählt, dabei leider nicht durchweg überzeugend.
Absolut schade, da mir der Start außerordentlich gut gefallen hat und darüber hinaus die Idee sagenhaft ist.
Jürgen Seibold/20.12.2019

Maberry, Jonathan: VWars – Die Vampirkriege

Originaltitel: V-Wars. A Chronicle oft he Vampire Wars
Aus dem Amerikanischen von Maike Hallmann und Birgit Herden
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70458-3
ca. 554 Seiten

COVER:

Der Wissenschaftler Dr. Luther Swann beschäftigt sich mit einem eher aparten Spezialgebiet: Sein akademisches Interesse gilt den volkstümlichen Überlieferungen zum Vampir-Mythos. Als man ihn bittet, Gutachter in einem Mordfall zu werden, ist das für ihn absolutes Neuland. Noch ahnt er nicht, wie gefragt seine Meinung in den folgenden Monaten sein wird. Und welche Entscheidungen ihm abverlangt werden.

Denn als die alten Mythen Wirklichkeit werden und immer mehr Vampire auftauchen, wird Luther Swann zum Experten für das neue Phänomen. Kann er verhindern, dass sich Menschen und Vampire buchstäblich an die Gurgel gehen und gegenseitig auslöschen? Will er das verhindern? Fest steht nur:
Amerika hat sich in ein Pulverfass verwandelt, und Swann muss versuchen, inmitten der sich überstürzenden Ereignisse einen kühlen Kopf zu bewahren. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Existenz der Menschheit.

REZENSION:

Erst als ich das Buch in der Hand hatte, stellte ich bei einem Blick in die ersten Seiten fest, dass es sich hier wohl nicht um einen reinrassigen Roman handelt: Es stand nämlich noch vor Beginn der Story folgender Text auf Seite 5: V Wars – Die Vampirkriege mit Geschichten von Nancy Holder, John Everson, Yvonne Navarro, Keith R.A. DeCandido, Scott Nicholson, Gregory Frost und James Moore…
Recht verblüfft fragte ich mich in diesem Augenblick, ob ich mich aus Versehen für einen Kurzgeschichteband entschieden hatte.
Nun, teilweise: V Wars ist eine Zusammenfügung mehrerer Geschichten, die sich dem selben Setting widmen, dabei aber eigenständig in ihrer zeitlichen als auch erzählerischen Darstellung sind. Die Vorgehensweise ist dabei wie folgt: Man liest zum Beispiel von Seite 9 bis 30 den ersten Teil der mit „Schrott“ betitelten Geschichte. Dann folgt Teil 1 von „Roadkill“, um dann mit Teil 2 von „Schrott“ fortzusetzen – im Nachgang dann Teil 1 von „Liebeshunger“ usw.
Durch diese Vorgehensweise war es mir leider absolut nicht möglich, einen geeigneten Zugang zu diesem Buch zu finden. Schade, da ich wirklich sehr angetan war von der grundsätzlichen Idee beziehungsweise den bis dahin erhaltene Informationen durch die Angaben auf der Coverbeschreibung.
Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass die ein oder andere Geschichte ganz gut funktioniert und gelungen ist – gleichzeitig klingt das gesamte Setting nach einem positiven Plot für die nun bei Netflix laufende Serie. Bis dato konnte ich mir darüber aber noch keine Meinung bilden.
Die Art der Zusammenfügung verschiedener Geschichten ist in dieser Vorgehensweise zwar sehr kreativ und prinzipiell auch interessant – dennoch sind die Unterschiede zu groß und man kann nicht gezielt in die Geschehnisse eintauchen, da die Sprünge zwischen den „Kapiteln“ schlicht zu groß sind – sowohl inhaltlich als auch qualitativ.
Jürgen Seibold/11.12.2019

Hansen, Thore D.: Die Reinsten

©2019 by Golkonda Verlags GmbH & Co. KG, München – Berlin
ISBN 978-3-946503-90-3
ca. 422 Seiten

COVER:

Die Erde im Jahr 2191: Hundertfünfzig Jahre nach einer verheerenden Zeit von Kriegen, Seuchen und Klimakatastrophen führt die künstliche Intelligenz Askit die letzten Überlebenden in eine Ära des Friedens. Elite der neuen Welt sind die Reinsten, die als Wissenschaftler für die Regeneration des Planeten arbeiten. Ihre Persönlichkeitsentwicklung wird von Askit ständig überwacht und gesteuert.

Eve Legrand wird von der KI in der wichtigsten Prüfung ihres Lebens als Reinste anerkannt. Doch anstatt von Askit ausgewählt zu werden, um die Erholung des Planeten von den Folgen des verheerenden Klimawandels voranzutreiben, wird sie ohne Erklärung verstoßen. Ihr bleibt nur die Flucht in die Zonen, die nicht von Askit kontrolliert werden. Eve wird dort mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die ihre gesamten Werte und Vorstellungen radikal infrage stellt. Und während sie beginnt, die Welt mit anderen Augen zu sehen, begreift Eve, dass Askit sie zum Werkzeug bestimmt hat: Es liegt in ihrer Hand, die Menschheit zu retten oder sie endgültig zu vernichten.

REZENSION:

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich endlich eine ansehnliche Zahl an Romanen mit den unausweichlichen Effekten des Klimawandels beschäftigen. Wie in den meisten ist es auch im vorliegenden Buch nicht gerade schön, was so alles auf uns zu kommt.
Thore D. Hansen stellt eine Welt dar, die absolut plausibel ist. Keinerlei Punkt wird beschönigt – im Gegenteil, seine Geschichte wirkt sehr wissenschaftlich und zeigt jeglichen Umstand einigermaßen detailliert ausgebreitet dar.
Die Reinsten ist somit eine Art Dystopie – eine „Art“ deshalb, da wir uns auf dem besten Wege dorthin befinden und eine Vielzahl bereits eingetroffen ist.
Fiktional bleibt beinahe nur die KI namens Askit, welche die Rolle des übergeordneten „Kümmerers“ übernommen hat. Somit prinzipiell schon einmal eine Verbeugung vor der außerordentlich gelungenen Idee mit einer Vielzahl an Fäden, die direkt mit unserer Gegenwart verbunden sind.
Dennoch konnte mich der Roman nicht wirklich überzeugen, geschweige denn begeistern. Dies liegt an der erzählerischen Vorgehensweise des Autors. Die schriftstellerische Qualität lässt nicht viel zu wünschen übrig, aber das Wort alleine reicht leider nicht, um einen Leser mitfiebern zu lassen. In diesem Fall dreht sich Thore D. Hansen leider zu oft im Kreis und man fragt sich, wann nun endlich der nächste Gang reingelegt und etwas Tempo aufgenommen wird. Darüber hinaus hatte ich keinen Zugang zur Hauptdarstellerin aufbauen können. Geschieht dies in einem Roman, versucht man als Leser andere Ebenen zu greifen, um noch ein wenig in das Geschehen eintauchen zu können. Da Eve in ihrer Rolle jedoch sehr dominant wirkt, ich nicht mit ihr warm geworden bin, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir über Sinn und Zweck dieser Story Gedanken machte.
Das ist sehr schade, da die Idee wahrlich gut ausgearbeitet worden ist und die dargestellte Welt nach der Klimakatastrophe nur eine Hand breit weg zu sein scheint. Nichts desto trotz wirkte alles etwas aufgesetzt und die handelnden Personen nahmen vieles zu leicht hin. Sobald jemand Kontur bekam, die Umstände aber für eine Änderung sprachen, drehte sich die Figur sogleich in die richtige Richtung und verlor dadurch erhebliche Glaubwürdigkeit.
Kurzum: Die Reinsten strotzt vor einer unglaublich gelungenen Idee und könnte sicherlich auch manchen Leser positiv überraschen. Für mich hat es leider nicht gereicht, da die Handlung durch die sehr ausführliche Buchbeschreibung nahezu abgesteckt worden ist und es keine außergewöhnlichen Überraschungen gab, um mich bei der Stange halten zu können.
Jürgen Seibold/28.11.2019

Guse, Juan S.: Miami Punk

@2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-10-397393-8
ca. 634 Seiten

COVER:

Der Atlantik hat sich von der Küste Miamis zurückgezogen. Über Nacht legt sein Verlust unsichtbare Abhängigkeiten offen, hinterlässt überall klaffende Lücken – im Alltag, in Familien, in den Institutionen. Es fehlt an Arbeit, an Utopien. Und so breitet sich zwischen leerbleibenden Hotels und dem ausgetrockneten Hafen eine seltsam traurige Atmosphäre aus. Mittendrin: Radikale Pilger, ein spiritualistischer Kongress, die Behörde 55, eine Indie-Game-Programmiererin, eine Arbeiterfamilie, eine Soziologin und ein E-Sport-Team aus Wuppertal.

REZENSION:

Mit „Miami Punk“ wollte ich mich einem Werk widmen, welches trotz der relativ nichtssagenden Beschreibung außerordentlich und erfrischend neu geklungen hat. Das Setting wirkte sehr interessant und konnte mich durch die kunstvolle, surrealistische Anmutung bereits vor Öffnen des Buches überzeugen.
Die kargen Beschreibungen über das Buch weckten meine Neugierde – was nur noch verstärkt wurde durch die sehr positiven Meldungen aus der Presse. Scheint sich doch hier etwas gänzlich Neues im literarischen Markt der phantastischen Literatur aufgetan zu haben.
Juan S. Guse besitzt auch einen sehr schönen Schreibstil und eine Interessante Art des Erzählens, mit der er mich zumindest zu Beginn überzeugen konnte. Dabei schwenkt er seine Herangehensweise beim Erzählen je nach darstellender Figur, was dem Inhalt einige Zeit zu Gute kommt.
Wie gesagt, anfangs wirken diese Elemente wirklich herausragend und gut. Leider relativiert sich dies durch notwendige aber hierin fehlende Spitzen.
Sicher, die Trostlosigkeit wird unglaublich gut dargestellt – ich bin mir aber nicht sicher, ob ich diese Trostlosigkeit als Leser wirklich auch rundum empfinden möchte, um einer dementsprechenden Geschichte folgen zu können.
Als Leser muss man wahrlich sehr viel Aufwand betreiben, um der Geschichte auf längere Zeit genug Interesse entgegenbringen zu können. Mir ist es leider nicht gelungen, da trotz des prinzipiell sehr gelungenen Settings und der Grundidee die Ausarbeitung doch zu viel zu wünschen übrigließ, um mich bei der Stange halten zu können. Den prinzipiellen Handlungsfäden fehlte schlichtweg die notwendige Zugabe an Dramatik, Spannung oder zumindest interessanten Ebenen, um den Leser bei der Hand zu nehmen und ihn mit nicht sinkendem Interesse von Seite zu Seite zu tragen.
Schlußendlich lediglich ein zwar sprachlich herausragender, dennoch nur dezent dystopischer Gesellschaftsroman, der in seiner Gänze zu kompliziert erzählt worden ist. Damit machte es der Autor seinem Leser leider nahezu unmöglich, die darin enthaltene – sicher sehr tiefgehende – Botschaft zu erkennen und als ausreichend interessant zu empfinden..
Jürgen Seibold/17.09.2019

Jemisin, N.K.: Zerrissene Erde

Originaltitel: „The Fifth Season“
Übersetzt von Susanne Gerold
©2015 N.K. Jemisin
Deutsche Erstausgabe August 2018
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe Knaur Verlag, München
ISBN 978-3-426-52178-6
ca. 494 Seiten

COVER:

Inmitten einer sterbenden Welt hat die verzweifelte Essun nur ein Ziel: ihre Tochter aus den Händen eines Mörders zu befreien, den sie nur zu gut kennt.
Seit sich im Herzen des Landes Sansia ein gewaltiger Riss voll brodelnder Lava aufgetan hat, scheinen immer mehr Menschen dem Wahnsinn zu verfallen. So lässt der Herrscher seine eigenen Bürger ermorden. Doch nicht Soldaten haben Essuns kleinen Sohn erschlagen und ihre Tochter entführt – sondern ihr eigener Ehemann! Essun folgt den beiden durch ein Land, das zur Todesfalle geworden ist. Und der Krieg ums nackte Überleben steht erst noch bevor.

REZENSION:

Auf dieses Buch hatte ich mich unglaublich gefreut: Eine interessant klingende und dystopische Welt, darüber hinaus laut allen bei mir eingehenden Informationen eine absolut gelungene Perle im Genre.
Meine Kollegen in der Jury der Phantastik-Bestenliste sorgten mehrmals dafür, dass dieses Buch seinen Platz darin fand. Ich selbst hinkte ein klein wenig zeitlich nach, freute mich deshalb aber um so mehr auf den Genuss der Buchstaben in diesem erfolgreichen und mit dem Hugo-Award prämierten Roman.
Bereits nach einigen Seiten war ich hin- und hergerissen, ob der Vielzahl an positiven Meinungen. Kann es sein, dass ich der Einzige bin, der noch nichts damit anfangen kann?
Ich gab N.K. Jemisin noch weitere Seiten, da ich hoffte, noch den unvermeidlichen Zugang in ihre Geschichte zu bekommen. Der Wille war da – die Story beziehungsweise die Art und Weise der Umsetzung konnte mich aber nicht bei der Hand nehmen und überzeugen.
„Zerrissene Erde“ ist nun für mich ein echtes Zeichen, dass der Genuss von Büchern, Filmen, Geschichten, Kunstwerken, etc. nichts weiter als eine pure Geschmackssache sind. Bei dem Einen funktioniert es, bei dem Anderen nicht.
In diesem Fall war mir die unterschiedliche Erzählweise zu sehr aufgesetzt. Die „Du“-Form funktioniert bei vielen Lesern – ich habe (wie auch bei der „Ich“-Form) damit oft ein Problem und in diesem Fall ganz besonders, da ich den Zugang zur Person noch nicht gefunden hatte.
Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass ZERRISSENE ERDE eine extrem gute Geschichte zu erzählen weiß – ich hatte aber das Problem, nach fast einhundert Seiten noch nicht wirklich den für mich notwendigen Faden aufnehmen zu können. Schlicht und ergreifend ein Problem mit dem eigenen Verständnis und Umgang mit dem Schreibstil der Autorin.
Somit bleibe ich unbeendet zurück und finde es aufgrund der interessanten Idee außerordentlich schade, dass die Autorin meinen persönlichen Geschmack leider nicht getroffen hat.
Jürgen Seibold/01.05.2019

Doctorow, Cory: Walkaway

Originaltitel: Walkaway
Aus dem Englischen von Jürgen Langowski
Deutsche Erstausgabe 07/2018
©2017 by Craphound LLC
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31793-2
ca. 736 Seiten

COVER:

Mitte des 21. Jahrhunderts: Die Erde ist vom Klimawandel gezeichnet, die Staaten werden von Ultra-Reichen regiert, und die Städte haben sich für die normalen Bürger in Gefängnisse verwandelt. Aber es ist auch eine Welt, in der sich Lebensmittel, Kleidung und sogar Behausungen per 3D-Druck ohne großen Aufwand produzieren lassen. Warum also in einem so kaputten System ausharren? Warum nicht einfach … weggehen? Und so werden vier ungleiche Helden zu „Walkaways“. Sie lassen die Zivilisation hinter sich und suchen nach Freiheit und Selbstbestimmung. Und machen die vielleicht größte Entdeckung aller Zeiten.

REZENSION:

Bei manchen Büchern passt die genannte Thematik einfach wie die Faust aufs Auge. Der sehr reduzierte Text des Covers lässt hoffen und gleichzeitig einiges erwarten. Eine große Utopie des 21. Jahrhunderts wird uns Leser versprochen. Dementsprechend konnte ich es schon gar nicht mehr erwarten, dieses Werk endlich lesen zu können.
Die Erwartungen waren hoch, doch konnten sie auch befriedigt werden?
Nun, vorab gesagt: Leider in meinem Falle nicht. Auch wenn ich es wirklich mit aller Inbrunst versucht hatte und das Buch erst nach 140 Seiten unvollendet beiseitelegen musste – das Hochgefühl konnte ich nicht aufrecht halten.
„Walkaway“ versucht wirklich sehr viel und wird mit Sicherheit bei mancher Klientel damit auch punkten können. Mir persönlich wurde zu wenig Wert auf die Welt als auch die persönlichen Ambitionen der Protagonisten gelegt.
Cory Doctorow erzählt seine Geschichte sehr dialoglastig. Dies würde mich noch nicht mal stören, dennoch konnte er damit keinen sauberen Faden auslegen, an dem ich mich in irgendeiner Art und Weise orientieren könnte. Mir ist weder bewusst geworden, wie sich die beiden Seiten dieser Welt darstellen, noch welche Hintergründe zum „walkaway“ führten.
Vielleicht war es eine simple Schnapsidee der „walkaways“, ihren sicheren Hort zu verlassen – aber selbst wenn es so wäre: Es wurde mir nicht bewusst.
Ich persönlich finde es außerordentlich schade, dass mich dieses Werk nicht überzeugen konnte – die Idee dahinter hat mich wahrlich überzeugt und bei einer anderen Ausarbeitung wäre ich mit wehenden Fahnen voran geschritten, um jedem dieses Buch nahe zu bringen.
Trotz meiner negativen Leseerfahrung und dem vorzeitigen Abbrechen möchte ich noch einen wichtigen, positiven Punkt hinterlassen: Doctorows Schreibstil hat mir prinzipiell außerordentlich gut gefallen. Locker, witzig, eingängig und simpel zu verstehen. Die stringente, handlungsorientierte Vorgehensweise und der dazu gehörige Antrieb hatten mir einfach gefehlt. Im Umkehrschluss werde ich aufgrund seiner grundsätzlichen Art dennoch diesen Namen weiterhin im Auge behalten und ihm somit eine weitere Chance bei seinem nächsten Buch geben.
Jürgen Seibold/12.04.2019

Wells, Dan: Die Formel

Originaltitel: Extreme Makeover
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Tor Books, New York 2016
© Piper Verlag GmbH, München 2018
ISBN 978-3-492-70469-4
ca. 524 Seiten

COVER:

Lyle Fontanelle, Chefwissenschaftler bei der Kosmetikfirma NewYew, macht die Entwicklung schlechthin: ReBirth – eine Creme, die Hautzellen nachhaltig regenerieren kann. NewYew sieht in der Lotion das größte Beautyprodukt, das je erfunden wurde. Doch während der Entwicklungsphase treten bei einigen Testpersonen seltsame Symptome auf und Lyle kommt einer verstörenden Wahrheit auf die Spur: Statt die Nutzer wie geplant zu verjüngen, überschreibt die Creme deren DANN und sie werden zu Klonen anderer Personen! Als die Lotion trotz aller Warnungen auf den Markt kommt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf, denn jeder will ReBirth für seine Zwecke nutzen. Nicht zuletzt könnte die Creme als gefährliche Waffe missbraucht werden …

REZENSION:

Stellen sie sich vor, sie könnten durch eine ganz simple Hautcreme ihr gesamtes Aussehen ändern. Sie könnten durch eine simple, einfach anzuwendende Hautcreme problemlos ihren Krebs heilen. Sie könnten das Aussehen einer wunderschönen Frau, eines attraktiven Mannes annehmen. Sie könnten dabei sogar das Geschlecht wechseln. Sie möchten aussehen wie ein berühmter Schauspieler/Schauspielerin/Model/Sportler/…?
Alles kein Problem mit der sagenhaften Lotion mit dem Namen „ReBirth“.
Diese Lotion greift aus nicht nachvollziehbaren Gründen direkt in die DANN eines Menschen ein und baut diese um. Innerhalb von vier Wochen sind sie ein komplett anderer Mensch?
Würden sie so eine Lotion für teures Geld kaufen?
Oberflächlich betrachtet, sagt man sicherlich „nein“ – dennoch geben Menschen Milliardenbeträge für Kosmetikartikel aus. Aus diesem Grund nehme ich es Dan Wells auch in seinem Roman problemlos ab, dass „ReBirth“ seinen Erschaffern aus den Händen gerissen wird – unabhängig davon, wieviel dafür finanziell zu entrichten ist.
Dan Wells beginnt glaubwürdig und lässt in seinem geschickten Mix aus verschiedenen Genres – SF, Dystopie, Thriller – absolut nichts missen. Die Spannung hält er bereits durch seine Kapitelmarker hoch: Er zählt die Tage herab bis zum Weltuntergang.
Sein Stil ist eingängig und rundum flüssig. Die Idee atemberaubend – allein deswegen bleibt man den jeweiligen Seiten bis zum Ende treu.
Der Autor versucht in seinem Werk einen sozialkritischen Abgesang auf unsere Menschheit zu kreieren. Dabei verstärkt sich im Laufe des Buches der sarkastische Unterton – gleichzeitig scheint er sich dadurch aber ein klein wenig zu verlieren. Ich würde fast behaupten, dass die erste Hälfte dieses Wissenschaftsthrillers wahrlich mit zum Besten Output des Autors gehört. Die zweite Hälfte ist zwar weiterhin rasant und spannend – jedoch fehlt irgendwie das gewisse Extra. Dan Wells hätte meiner Meinung nach noch erheblich mehr in die Gegebenheiten und Hochnäsigkeiten der Kosmetikbranche einschlagen können. Darüber hinaus hätte er auch noch erheblich mehr in die allgemeine, schönheitsideal-nachlaufende Menschheit einschlagen können. All dies war vorhanden, leider verläuft es sich nach und nach und degeneriert „Die Formel“ zu einem grandios beginnenden, aber im Durchschnitt beendenden Thriller.
Schlussendlich bleibt eine filmreife und sehr unterhaltsame Geschichte, die für ausreichend interessante Lesestunden sorgen kann. Etwas nachdrücklicheres entsteht leider trotz des starken Beginns nicht mehr, was aus meiner Sicht absolut schade ist. Trotzdem ein gut unterhaltender Roman, der aber durch den Abfall in der zweiten Hälfte lediglich Durchschnitt bleibt. Zwar spannend, unterhaltsam und gut, gleichzeitig jedoch nichts darüber hinaus.
Jürgen Seibold/05.04.2019

Rieks, Josefine: Serverland

© Carl Hanser Verlag München 2018
ISBN 978-3-446-25898-3
Ca. 170 Seiten

COVER:

Reiner ist Mitte zwanzig und arbeitet bei der Deutschen Post. Er sammelt Laptops und wird damit nicht nur zu einem Experten einer lange vergangenen Zeit.
Der schüchterne Computernerd wird auch zum Begründer einer Jugendbewegung, die sich auf Industriebrachen versammelt und das verklärt, was es früher wohl einmal gab – die Freiheit einer Gesellschaft, die alles miteinander teilt. Mit Hilfe einer Autobatterie gelingt es Reiner, eine Verbindung zu lange stillgelegten Servern herzustellen. Die Jugendlichen sehen, was seit Jahrzehnten keiner mehr gesehen hat: Das Internet.
Serverland erzählt von einer Zukunft, die sich anfühlt wie die Vergangenheit. Ein Romandebüt, das man mit weit aufgerissenen Augen liest.

REZENSION:

Als ich das Cover zu diesem Buch gelesen habe, war ich ohne jeglichen zeitlichen Verlust hin und weg von dieser Idee. Meine Gedanken drifteten ab in eine zukünftige Welt ohne Internet. Das Internet nicht nur abgeschaltet, sondern gar verboten. Diese Idee hat ungeahntes Potential für eine Dystopie der besonderen Art.
Als mich das Buch erreichte, war ich dann doch überrascht, dass es sich um gerade mal 170 Seiten handelt. Wie soll auf diesem begrenzten Raum eine Geschichte mit einer so weit gefassten und nahezu unbegrenzten Idee diese Vielzahl an Möglichkeiten abdecken?
Nun, gehen wir in Richtung Buch:
Eines Tages schafft es aber der Computernerd Reiner, mit Hilfe einer Autobatterie alte Server in einem Gewerbepark zum Leben zu erwecken. Die Dinge nehmen ihren Lauf und die Jugendlichen träumen von der angeblichen freiheitlichen Vergangenheit in der jeder jedes miteinander – zumindest virtuell – geteilt hat.
Ehrlich gesagt reicht dies schon als Erklärung – die Jugendlichen, welche sich in Folge dessen auf dem Areal breit machen scheinen irgendwie nichts weiter zu vollbringen, als von YouTube-Videos unserer Gegenwart überrascht und geplättet zu sein. Erstaunlich, welche Rolle das Musikvideo von Robin Williams übernimmt – dies nur, weil die Kids noch nie so etwas gesehen haben: Ein Mann tanzt umringt von Frauen und entkleidet sich bis auf die Knochen. Tja, das Video war schon sehr effektvoll produziert – aber als Beginn einer „Bewegung“?
Hätte SERVERLAND nicht die geringe Anzahl von gerade mal 170 Seiten innegehabt, ich hätte es schlichtweg abgebrochen. Bei 170 Seiten dachte ich mir, vielleicht kommt noch der eigentliche Sinn oder eine gewisse Moral dieser Geschichte.
Leider wurde ich durchweg enttäuscht. Der Schreibstil Josefine Rieks ist zwar eingängig und hätte durchweg Potenzial für interessante Bücher. Die vorliegende Geschichte war ihr aber scheinbar eine Nummer zu groß. Als etwas älterer Leser wird man das Gefühl nicht los, dass die Autorin schlichtweg zu jung für eine Welt ohne Internet ist und somit nicht durchdringend greifen kann, welche Auswirkungen ein gezwungenes Abschalten in der heutigen Zeit zur Folge hätte.
Darüber hinaus wird die Geschichte schlicht zu leicht erzählt. Allein der Gedanke, das Web ist seit Jahrzehnten nicht vorhanden – dennoch hat sich sonst absolut nichts technisch in dieser Welt getan? Das ist meiner Meinung nach nicht wirklich glaubwürdig. Josefine Rieks Welt wirkt (auch technisch) wie das Ende der 80er Jahre. Bei einem Zukunftsroman sollte zumindest ein klein wenig etwas vorangegangen sein. Insbesondere der Wegfall des Internets hätte ungeahnte Auswirkungen auf unser Leben. Allein das Verschwinden von zur Verfügung stehenden Informationen würde in manchen Ländern zu Ausschreitungen führen.
In Serverland scheint das Web lediglich aus YouTube zu bestehen.
Alles was somit bei diesem Buch übrigbleibt: Eine tolle Idee, ein guter Schreibstil, aber leider eine Geschichte ohne greifbare Botschaft, geschweige denn einer Handlung, die mich als Leser positiv überrascht und somit manches Auge zudrücken lässt.
Jürgen Seibold/07.07.2018

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Wolv, Sabrina: Nummer 365 – Die Lichtbringer

Juli 2017
www.verlagshaus-el-gato.de
ISBN 978-3-946049-04-3
ca. 344 Seiten

COVER:

„Das hier ist die Akademie. Dein neues Zuhause. Du kannst dich geehrt fühlen, Soldat. Von heute an gehörst du zu den Lichtbringern.“
Strudel fühlte sich nicht geehrt, Strudel hatte Angst.
Das Lebenserhaltungssystem Eden, ist die einzige Zuflucht der Menschheit. Als der sechsjährige Strudel seinen tyrannischen Onkel tötet, wird der Junge von der Armee der Lichtbringer in die Akademie verschleppt. Dort soll er in einem tödlichen Training zum Soldaten ausgebildet werden. Gemeinsam mit seinen Freunden muss Strudel fortan ums Überleben kämpfen. Doch welche geheimen Ziele verfolgen die Lichtbringer und was verbirgt sich hinter ‚Projekt Neshamah‘?
Kann Strudel seine Vergangenheit hinter sich lassen?
Kann er seine Freunde retten?
Wird er überleben?
Erster Teil einer Dystopie über Kindersoldaten und Genmanipulation

REZENSION:

Bei dem ersten Band der Dystopie von Sabrina Wolv bin ich ehrlich gesagt sehr zwiespältig zurückgelassen worden. Zum einen gefällt mir der Schreibstil der Autorin außerordentlich gut. Sie erzählt sehr eingängig und man fühlt sich mitten im Geschehen. Des Weiteren ist es eine sehr gute Allegorie zum Thema Missbrauch von Kindern als Soldaten. Man ist sogleich geplättet von der Skrupellosigkeit der Akademie, Kinder zu ausgewachsenen Soldaten aus zu bilden.
Man begleitet hierbei Strudel, der als Sechsjähriger seinen Onkel getötet hat und im Zuge dessen von Soldaten zum Eintritt in die Akademie abgeholt worden ist.
Als Gegenpol zu diesem dramatischen Inhalt steht jedoch der weitere Fortlauf der Geschichte. Hier fand ich leider keinen Anker, der dafür sorgen konnte, dass man den Umstand des Kindersoldaten als frevelhaft verteufelt. Im Gegenteil, es scheint alles als absolut gegeben und normal. Sicher, dies ist ebenfalls beängstigend, wenn sich eine solche Akademie als übliche Vorgehensweise entpuppt – dennoch hätte in wenig mehr „Anprangern“ der Geschichte sicherlich gutgetan.
Unter Umständen kann dies natürlich noch geschehen, handelt es sich doch bei vorliegendem Buch erst um den ersten Band einer dystopischen Erzählung. Dementsprechend unbeendet schließt sich das Werk auch.
Leider bestand für mich aber keine Möglichkeit der Identifikation, da man über nahezu jede Seite dieses Werkes lediglich die Protagonisten beim Erlernen ihrer neuen kämpferischen Fähigkeiten folgt.
Sicher, ein wenig Zusätzliches gab es natürlich auch, dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, hier lediglich den Trainingsmaßnahmen der Akademie zu folgen.
Ich könnte mir dennoch sehr gut vorstellen, dass dieses Werk bei vielen Lesern funktionieren wird und man sich allein darauf aufhängt, dass es sich durchweg um Kinder handelt. Man kann es natürlich unter dem Aspekt „Anti-Kindersoldaten“ lesen. Nichts desto trotz hätte ich mir etwas mehr Tiefgang gewünscht. Ein früheres Abschließen der Entwicklung als Soldat und darauffolgendem Erkennen von Missständen wäre auch möglich gewesen. Ich kann mir gut vorstellen, dass der zweite Band stärker darauf eingeht – aber gerade deswegen wäre es vielleicht geschickter gewesen, den ersten mit weniger Seiten abzuschließen und direkt in den Plot des zweiten einzutauchen. Somit statt einem Zweiteiler einen etwas dickeren Einteiler zu generieren.
Jürgen Seibold/02.03.2018

Nummer 365: Die Lichtbringer – KAUFEN BEI AMAZON