Natasha Pulley: Der Uhrmacher in der Filigree Street

Originaltitel: The Watchmaker of Filigree
Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer
©2015 by Natasha Pulley
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by J.G.Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-11682–3
ca. 448 Seiten

COVER:

London, Oktober 1883. Thaniel Steepleton, ein einfacher Angestellter im Innenministerium, kehrt nach der Arbeit in seine winzige Mietwohnung heim. Da findet er auf seinem Kopfkissen eine goldene Taschenuhr. Es ist ihm ein Rätsel, was es mit ihr auf sich hat. Sechs Monate später explodiert im Gebäude von Scotland Yard eine Bombe. Thaniel wurde gewarnt, weil seine Uhr gerade noch rechtzeitig ein Alarmsignal gab. Nun macht er sich auf die Suche nach dem Uhrmacher und findet Keita Mori. Hat der freundliche Einzelgänger aus Japan etwas zu verbergen? Und dann begegnet Thaniel auch noch Grace Carrow, die ebenfalls eine Uhr von Mori besitzt. Als Frau und Naturwissenschaftlerin kämpft sie in einer völlig von Männern dominierten Gesellschaft um ihre Rechte und ihre Zukunft.

REZENSION:

Thaniel Steepletons Tagesablauf gleicht einem Uhrwerk: Jeden Tag der selbe Trott im Innenministerium als Angestellter in der Telegrafieabteilung.
Eines Tages liegt jedoch eine goldene Uhr auf seinem Kopfkissen – was für einen Einbruch spricht, der umgekehrter nicht sein könnte.
Öffnen lässt sich die Uhr jedoch nicht und dennoch scheint sie etwas Besonderes zu sein.
Eines Tages befindet sich Thaniel in einem Pub in der Nähe des Scotland Yard-Gebäudes. Urplötzlich lässt die Uhr ein Alarmgeräusch von sich, was dazu führt, dass Thaniel hastig den Raum verlässt, da er nicht ungebührlich auffallen möchte. Recht zeitnah explodiert eine Bombe im Yard-Gebäude, deren Druck auch Auswirkungen auf die Besucher der Gaststätte hatte – Thaniel bleibt somit unbeschadet und wurde darüber hinaus von dieser ominösen Uhr gerettet.
Bereits der Start dieser Geschichte lässt den Leser ungebremst in die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts eintauchen. London pulsiert förmlich und befindet sich am Scheideweg ins moderne Zeitalter. Natasha Pulley geht jedoch einen Schritt weiter und füttert ihre außergewöhnliche Geschichte mit der Jagd nach Bombenlegern, einer Frau, die um ihre Rechte kämpft und einem Hauptdarsteller, dessen langweiliges Leben durch das Kennenlernen eines freundlichen Japaners mit besonderen Fähigkeiten eine ganz neue Ebene beschreitet.
„Der Uhrmacher in der Filigree Street“ ist eine absolut außergewöhnliche Geschichte, die sich keiner Schublade zuordnen lässt – ich denke, genau aus diesem Grund habe ich sie zu lieben begonnen und konnte mich ihrem Sog nicht mehr entziehen.
Hinzu kommt die Fähigkeit der Autorin, die Rolle Keita Moris lange Zeit im Dunklen zu lassen und nahezu bis zum Ende für neue Facetten zu sorgen.
Sämtliche handelnden Personen sind ihrer Rolle entsprechend tief gehend gezeichnet und wirken in ihrer Gesamtheit beinahe wie ein Kunstwerk. Die Geschichte ist sehr atmosphärisch und schafft es auf grandiose Art sogar Vielleser nicht nur zu überzeugen, sondern gar zu überraschen.
Perfekte, intelligent erzählte Lektüre, die Genreabgrenzungen nicht nur missachtet, sondern in sich aufnimmt. Kurzum ein rundum gelungenes Werk, welches zwar nach mehr verlangt, jedoch nur schwer zu toppen sein wird.
Ein absolutes und dabei wunderschönes Highlight mit einer Vielzahl an Überraschungen. Hier erkennt man wieder, warum es sich lohnt, Bücher zu lesen…
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Octavia E. Butler: Wilde Saat

Originaltitel: Wild Seed
Aus dem Amerikanischen von Will Platten
©1980 by Octavia E. Butler
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-53489–6
ca. 477 Seiten

COVER:

Doro ist ein Unsterblicher. Er tötet ohne Reue, wenn er von Körper zu Körper springt, um sich selbst am Leben zu erhalten. Er hat vor nichts und niemandem Angst – bis er der Gestaltwandlerin Anyanwu begegnet, die ihre Heilkräfte nutzt, um den Alterungsprozess aufzuhalten. Vom ersten Moment an begehrt Doro Anyanwu, so sehr er sie auch fürchtet, und sein dreihundert Jahre währendes Werben um sie wird das Schicksal der Menschheit für immer verändern. 

REZENSION:

Die leider bereits verstorbene Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler begibt sich im vorliegenden Buch in die Vergangenheit und führt uns in ein kleines afrikanisches Dorf im Jahre 1690. Dieses wird von Sklavenhändlern verwüstet – dieser Vorgang wiederum führt zur Begegnung zweier Unsterblicher, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Zum einen Doro, der skrupellose Menschenverachter, der auf der Suche nach der perfekten Züchtung ist und zum anderen Anyanwu, die das genaue Gegenteil darstellt und sich darüber hinaus ihrer Fähigkeiten noch nicht zur Gänze bewusst ist.
Butler führt uns recht schnell den Wahnsinn des Sklavenhandels und der Ausbeutung von Menschen vor Augen und schlägt eine Lanze für Minderheiten, was absolut erfrischend und auf eine unglaublich intelligente Art und Weise erzählt ist.
WILDE SAAT ist dabei keineswegs Science-Fiction, sondern eher eine Mischung aus Fantasy, historischer Fiktion und einem Hauch Horror unter Verwendung einer Art Vampirismus. Sie fügt dem Ganzen Sklaverei, Rassismus, Feminismus hinzu und entwickelt dabei einen rundum interessanten Plot, der eher Philosophisch denn zur reinen Unterhaltung betrachtet werden muss.
Teilweise fragte ich mich, wohin Butler ihren Leser führen mag und begann vielfältige Ideen zu entwicklen. Interessanterweise treibt einen die Geschichte auf komplett neue Pfade, denen man sich trotz fehlenden Spannungselementen oder anderen typischen Mitteln schlicht nicht entziehen kann.
Die beiden Unsterblichen führen einen ruhigen, jedoch intensiven Kampf – gefüttert mit einer gewissen Art von Liebe, die beiden ihre Unterschiede zeigt und dennoch immer wieder zu einander führt. Dabei vergehen Jahrhunderte, die von Menschenliebe ebenso strotzen wie vom Gegenteil, gepaart mit dem Wunsch Doros, eine Art „Übermensch“ zu züchten. Doro geht dabei über Leichen und man erkennt deutlich, dass er nicht wirklich viel von der sterblichen Menschheit hält. Während Doro ausbeuterisch unterwegs its, zeigt sich Anyanwu als fürsorgliche Heilerin, die nach und nach auch Doro zeigt, dass sich auch andere Pfade des Lebens beschreiten lassen.
Octavia E. Butler war mir bis zum Genuss dieses Werkes leider absolut kein Begriff – ihre philosophische und einzigartige Art des Erzählens wird mir unvergessen bleiben und insbesondere durch die sehr kluge Darbietung sollte sie ganz oben auf der Liste herausragender Literatur zum Nachdenken stehen.
Sehr gelungen Umsetzung unter Einbeziehung von Alltags- und Rassismusthemen, die manchem die Augen öffnen können, sofern man sich darauf einzulassen gewillt ist.
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Guillermo del Toro & Chuck Hogan: Die Saat – The Strain

Originaltitel: The Strain, The Fall, The Night Eternal
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt (Die Saat) sowie von Alexander Lang (Das Blut, Die Nacht)
©2009, 2010, 2011 by Guillermo Del Toro & Chuck Hogan
© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-3172259–2
ca. 1324 Seiten

COVER:

Sie waren immer hier. Unter uns. Sie haben gewartet. In der Dunkelheit. Jetzt ist ihre Zeit gekommen …
Für Ephraim Goodweather, den Chef der New Yorker Seuchenschutzbehörde, ist es keine Nacht wie jede andere. In dieser Nacht kommt auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen eine gerade gelandete Maschine abrupt zum Stehen, der Funkverkehr bricht ab, alle Lichter erlöschen. Goodweather trommelt sein Team zusammen, und gemeinsam betreten sie das Flugzeug. Ihnen bietet sich ein gespenstisches Bild: Die Passagiere sitzen aufrecht in ihren Sesseln und bewegen sich nicht. Als hätte sie eine gewaltige Kraft in Sekundenschnelle getötet. Nur: Wie ist so etwas möglich? Und: Sind die Passagiere wirklich tot? Nein, es ist keine Nacht wie jede andere. In dieser Nacht beginnt der Kampf gegen das Böse, das gekommen ist, um New York zu erobern.
Und nicht nur New York, sondern die ganze Welt.

REZENSION:

Im vorliegenden Band mit dem Titel „Die Saat – The Strain“ befindet sich der komplette Zyklus von drei Bänden der beiden Autoren Guillermo del Toro und Chuck Hogan – beides nicht gerade unbekannte Namen, insbesondere del Toro konnte als Regisseur sehr gelungene Akzente im Filmbusiness setzen.
Nun ein Werk in Zusammenarbeit, in dem die Welt der Vampire um eine weitere Darbietung fortgesetzt werden soll. Interessanterweise scheint diese Idee von Anfang an zu funktionieren – vor allem der geschickte Start mit den Insassen eines Passagierflugzeuges und im Nachgang die an klassischen Vampirmythen abweichende Art des Erzählens sorgt für eine spannende Erfrischung des Genres.
Der erste Band „Die Saat“ führt dem Vampirgenre interessante Aspekte hinzu beziehungsweise führt neue Aspekte ein. Hier gibt es keinen Gentleman-Vampir der alten Garde sondern hungrige Wesen, die wie ein Sturm über die Menschheit hinwegfegen.
„Die Saat“ zeigt sich somit durchweg als interessanter Baustein des Genres und macht nahezu von vorne bis hinten Spaß und sorgt dementsprechend für eine spannende Unterhaltung, die – auch durch den Cliffhanger am Ende – nach weiteren Episoden lechzen lässt.
„Das Blut“ wirkt ähnlich ambitioniert, schafft leider nicht den Status des ersten Bandes aufrecht zu halten. Während man bei „Die Saat“ noch ein Auge auf die etwas dünne Charakterentwicklung zudrücken konnte, fällt das im zweiten Buch bereits schwerer, da die Geschichte das aufgebaute Niveau nicht mehr halten kann und dadurch andere Punkte verstärkt in den Vordergrund drängen und sich somit nicht mehr hinter einem spannenden Plot verstecken können. Nichts desto trotz lässt sich auch „Das Blut“ noch recht gut konsumieren, während leider der finale Band in eine gewissen Belanglosigkeit fällt und dem Zyklus nichts mehr hinzufügen kann. Ich denke, hier wäre in der Gesamtheit weniger mehr gewesen und mit einem grandiosen Schluss des ersten Bandes hätte das Genre ein neues i-Tüpfelchen bekommen, während durch die beiden Fortsetzungen der gesamte Zyklus leider nicht gleichwertig weiter erzählt wird und somit in seiner Gänze nicht zu einem Nachhaltigen Ende kommt.
Nichts desto trotz freue ich mich im Nachgang, „Die Saat“ gelesen zu haben, da hierin die Story noch außerordentlich gut funktioniert.
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Stephen King: Billy Summers

Originaltitel: Billy Summers
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2021 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27359–7
ca. 717 Seiten

COVER:

Billy ist Kriegsveteran und verdingt sich als Auftragskiller. Sein neuester Job ist so lukrativ, dass es sein letzter sein soll. Danach will er ein neues Leben beginnen. Aber er hat sich mit mächtigen Hintermännern eingelassen und steht schließlich selbst im Fadenkreuz. Auf der Flucht rettet er die junge Alice, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde. Billy muss sich entscheiden. Geht er den Weg der Rache oder der Gerechtigkeit? Gibt es da einen Unterschied? So oder so, die Antwort liegt am Ende des Wegs.

REZENSION:

Wer Stephen King immer noch als reinen Horror-Autoren betitelt, hat schlicht seit Jahrzehnten keine Bücher mehr von ihm gelesen und schwebt gedanklich noch auf einem Wissensniveau zu Zeiten SHININGs und ES.
Stephen Kings Schaffenskreis ist mittlerweile unglaublich weit gezeichnet und deckt nahezu jede Genreabgrenzung ab. Dementsprechend unbeeindruckt oder gar überrascht war ich, als ich las, dass BILLY SUMMERS eher eine Art Thriller zu sein scheint. Mich störte das absolut gar nicht, dachte ich doch an den sagenhaften Reihenstart mit dem Titel MR. MERCEDES – mit dem mir der Großmeister offenbarte, dass auch mir ein Krimi gefallen kann. Er darf nur nicht oberflächlich geschrieben sein und dafür steht der ausufernde Vielschreiber definitiv nicht.
BILLY SUMMERS ist Auftragskiller und nimmt einen letzten Job an, der durch seine Bezahlung problemlos der Start in eine entspannte Zeit ohne weitere Tätigkeiten sein kann.
Als perfekter Planer und Schütze steht dem positiven Ergebnis nichts entgegen – er hatte lediglich nicht mit dem Plan seiner Auftraggeber gerechnet, was zu einer doppelten Flucht seitens Billy Summers führte: Die Flucht vor der Staatsmacht als auch vor den Hintermännern des Auftrags.
Summers baut sich dabei mehrere Identitäten auf und lebt mehrere bürgerliche Leben, in der Hoffnung, dass aus Sicht der Staatsmacht bald sämtliche Vorkehrungen mangels Jagderfolgs reduziert werden.
Gleichzeitig denkt er über Rache nach und entdeckt sich bereits beim Schmieden neuer Pläne.
Eines Tages wird das Opfer einer Gruppenvergewaltigung nahe seiner Wohnung „entsorgt“ – Summers trifft eine Entscheidung und rettet sie (Hauptgedanke wohl die Sorge, dass die Polizei auch bei ihm anklopfen könnte).
Nun stellt sich die Frage nach seinem weiteren Vorgehen: Rache an seinen Auftraggebern? Rache an den Vergewaltigern? Offenbarung seiner echten Tätigkeit gegenüber Alice?
Stephen King holt in bekannter Weise virtuos aus und nimmt uns nicht nur beim täglichen Geschehen mit, sondern taucht auch tief in die Welt Billy Summers ab. Dieser verarbeitet anhand des Schreibens seine eigene Vergangenheit und man erkennt mehr und mehr die Hintergründe seines Tuns als auch die detailliert gezeichnete Persönlichkeit.
Gleichzeitig scheint King in den letzten Jahren seinen Lesern etwas mehr als nur eine gute Geschichte mitgeben zu wollen. Dementsprechend tiefgehend entwickelt sich der Plot und wer Richtung Ende nicht emotional in seinen Gedanken versinkt, sollte nochmal in sich gehen…
BILLY SUMMERS ist erneut ein grandioser Roman eines Schriftstellers, der in oberflächlichen Medien immer noch etwas belächelt wird, da er ja angeblich nur ein Horror-Autor ist. In meinen Augen war King schon immer Literatur – auch wenn es manchmal etwas härter zur Sache ging. Ihm war schon immer die Geschichte rundherum das Wichtigste und das ist auch der Grund, warum ich diesen Schriftsteller auch weiterhin als meinen Schriftsteller Nummer 1 betrachte.
BILLY SUMMERS selbst ist dabei nicht von schlechten Eltern – als sein bestes Werk würde ich es definitiv nicht bezeichnen, nichts desto trotz lohnt sich dieses Buch und offenbart abermals eine weitere Facette dieses unglaublichen Künstlers.
hysterika.de / JMSeibold / 29.08.2021

Ernest Cline: Ready Player Two

Originaltitel: Ready Player Two
Aus dem amerikanischen Englisch von Sara Riffel, Alexandra Jordan und Alexander Weber
©2020  by Dark All Day, Inc.
Deutsche Erstausgabe
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2021 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-59670654–9
ca. 463 Seiten

COVER:

Eine unerwartete Quest.
Zwei Welten stehen auf dem Spiel.
ARE YOU READY?

Einige Tage nachdem er das Easter Egg von James Halliday gefunden und den Wettbewerb um die OASIS für sich entschieden hat, macht Wade Watts eine Entdeckung, die alles verändern könnte.
In einem seiner Tresorräume hat Halliday eine Technologie für ihn versteckt, die die OASIS noch wundervoller und suchterzeugender macht, als es sich Wade je hätte träumen lassen.
Doch gleichzeitig wird er vor ein Rätsel gestellt und muss ein weiteres Abenteuer bestehen. Es gilt ein letztes Easter Egg zu finden, das Halliday in der Oasis versteckt hat.
Und diesmal hat Wade einen Konkurrenten, der über Leichen geht. Er merkt bald, dass nicht nur sein eigenes Leben auf dem Spiel steht, sondern das von Millionen anderer Menschen, und vielleicht sogar das Schicksal der gesamten Welt.

REZENSION:

READY PLAYER ONE zeigte sich als unglaublich innovatives Werk mit einer grandiosen Grundidee, die sich als Zukunftsroman verkleidet, jedoch perfekt bereits in die heutige Zeit einfügt. Darüber hinaus konnte es generationenübergreifend begeistern, da neben der rasanten Geschichten eine unglaubliche Vielzahl an Reminiszenzen in längst vergangene Gaming-Zeiten vollzogen worden ist. Ich kann mich noch sehr gut an das regelmäßig aufkommende Schmunzeln erinnern – ausgelöst durch im Buch befindliche Gamingerlebnisse bei Spielen meiner Kindheit, die ich bis zu diesem Buch als bereits vergessen erachtete. READY PLAYER ONE hat dies alles und noch viel mehr hervorgehoben und sorgte durchgehend für Begeisterung. Gekrönt mit einem – zugegebenermaßen auf die jüngere Klientel zugeschnitten – rasant erzählten Film, der dem Buch von Ernest Cline in nichts nachstand.
READY PLAYER TWO versucht nun diesen Erfolg aufrecht zu halten. Nun haben Folgebände mehrere Möglichkeiten, um die bereits überzeugte Fangemeinschaft abermals für sich zu gewinnen: Zum Einen eine geschickte neue Idee in der gleichen Welt mit den gleichen Protagonisten unter Berücksichtigung, dass der im ersten Band aufgekommene Überraschungseffekt verloschen ist. Zum Anderen ein simples Aufwärmen, um exakt in die gleiche Kerbe zu stoßen. Nun, der zweite Weg ist der einfachere – leider wurde dieser von Ernest Cline gegangen.
Somit befinden wir uns abermals in einer Quest, die lediglich durch einen limitierenden Zeitfaktor eingegrenzt wird. Der Zeitfaktor soll den Thrill erhöhen – er sorgt aber auch dafür, dass man als Figur weniger nachdenken muss und als Leser recht früh vorhersagen kann, wie die Story wohl ausgehen wird. Wenn man bedenkt, dass im ersten Buch die Quest extrem lange andauerte und mit vielen Nachforschungen gespickt war, versucht Cline dies nun in gerade mal 12 Stunden.
Die Quest ist nahezu gleich gestrickt, wie in READY PLAYER ONE – somit hofft man auf ähnlich aufkommende Gedanken an die eigene Vergangenheit. Ernest Cline scheint jedoch eine weit jüngere Klientel hofieren zu wollen, denn bis auf ganz wenige Ausnahmen kannte ich in READY PLAYER TWO gar nichts mehr und somit verlor ich ansteigend mit der Seitenzahl den Bezug zu diesem Buch. Schade, da hier erheblich mehr möglich gewesen wäre.
Alles in allem schwebt READY PLAYER ONE in meinen Augen als Einzelband weiterhin ganz weit oben – READY PLAYER TWO ist nichts weiter als der Versuch, die selbe Geschichte mit einer Prise Geschwindigkeitserhöhung erneut zu erzählen.
hysterika.de / JMSeibold / 08.08.2021

Mikkel Robrahn: Hidden Worlds – Die Krone des Erben

Originalausgabe
©2021 Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag GmbH
ISBN 978-3-7335-5015-8
ca. 414 Seiten

COVER:

Eigentlich dachte Elliot, einmal auf Avalon angekommen würde alles einfacher und besser werden. Doch in dem Moment, als vor seinen Füßen eine schwarze Kutsche stehen blieb, wusste er, dass das nur Wunschdenken war. Das mit goldenen Ornamenten verzierte Gefährt wurde von zwei Welthunden gezogen. Sie waren so groß wie Rösser und hatten Ähnlichkeit mit deutschen Doggen. Unter ihrem grauen Fell traten die Rippen und Hüftknochen deutlich hervor. Am auffälligsten war aber, dass sie nur ein Auge hatten, das mittig über der Schnauze platziert war.
Die Zügel hielt eine gehörnte Kreatur in der Hand, die von der Hüfte abwärts wie ein Ziegenbock aussah. Sie trug einen langen, schwarzen Mantel. Mit einer Kopfbewegung zeigte das teuflisch aussehende Wesen auf die Tür. „Steig schon ein. Der Chef will nur eine kurze Unterhaltung mit dir, Kleiner.“
Nur eine Unterhaltung. Aus Filmen wusste Elliot, dass solche Unterhaltungen meistens nur der Anfang von etwas viel Größerem waren. Etwas Bedrohlichem. Etwas, das potenziell lebensgefährlich war.
„Also gut“, murmelte er. Was bliebe ihm auch anderes übrig? Eines war klar: Nichts würde auf Avalon einfacher werden.

REZENSION:

Ich kann mich noch sehr gut an die bei mir entstandene Begeisterung erinnern, als ich mir den ersten Band dieser Trilogie namens HIDDEN WOLRDS zu Gemüte führte. Ohne weiter darüber nachzudenken, ging ich schlicht davon aus, dass hier ein neuer Harry Potter entstanden ist – dementsprechend zog mich der Start in den Bann.
Gleichermaßen euphorisch – nun aufgeheizt durch die Erlebnisse des ersten Buches – widmete ich mich dem vorliegenden Band mit dem Untertitel „Die Krone des Erben“.
Elliot ist in Avalon angekommen und konnte nun endlich nach langer Zeit seine Mutter treffen.
Hier beginnt bereits in meinen Augen die Misere des zweiten Werkes: Seine Mutter war Hinweisgeberin innerhalb von Buch eins und nun zeigt sie ihrem kämpferischen Sohn regelrecht die kalte Schulter? So ganz kann ich das wahrlich nicht glauben. Dennoch versuchte ich den gebührenden Abstand zu halten und versuchte dieses Punkt zu akzeptieren – vielleicht gibt es ja einen plausiblen Grund dafür…
Leider geht „Die Krone des Erben“ bei weitem nicht so sagenhaft überzeugend weiter, wie das von mir hochgelobte erste Buch dieses Plots. Im Gegenteil, man befindet sich plötzlich in einem politischen Umfeld und es zeigt sich mehr und mehr, dass wir uns hier in einem typischen Mittelband befinden, der scheinbar Luft zu holen scheint, da gerade die erste Hälfte sehr schwach und spannungslos aufgebaut wird. Im ersten Buch saß man bereits nach wenigen Seiten mit offenem Mund vor den Buchstaben.
Teilweise blitzt die Qualität auf – jedoch fehlen die Überraschungseffekte und dementsprechend mehr Aufwand sollte man im Festhalten des Lesers aufbringen. Gut, das Setting ist auch weiterhin interessant und gefüllt mit einigen ironischen, wenn nicht gar witzigen Elementen. Nichts desto trotz verliert man sich in zu viel Antriebslosigkeit, was mir abermals bestätigt, dass es wohl ab und an besser wäre, eine Geschichte nicht weiter auszubauen. Andererseits kann es sich natürlich auch um das Problem des Mittelbandes handeln – wenn das so ist, tut es mir leid – gleichzeitig weise ich aber darauf hin, dass eine Fortsetzung ebenso fesselnd sein muss wie der Einstieg in die Geschichte. Es wird natürlich schwieriger, da der Überraschungseffekt einer neuen Welt und Idee nicht mehr vorliegt. Darüber muss man sich als Autor im Klaren sein, da im negativen Fall die Leserzahl zurückgeht und nur mehr schwer aufgeholt werden kann.
Ich bin einer dieser Fälle und halte weiterhin Buch 1 in guter Erinnerung – ein weiteres Eintauchen in Robrahns Welt wird mir jedoch nur noch schwer vermittelbar sein, da ich das vorliegende trotz der guten Sprache und der gleichwertig ansprechenden Welt abgebrochen habe – dies jedoch  nur, da mein Anspruch immer noch auf dem Niveau des ersten Bandes stand und dementsprechend hoch die Erwartung war.
hysterika.de / JMSeibold / 01.08.2021

C Pam Zhang: Wie viel von diesen Hügeln ist Gold

Originaltitel: How much of these Hills is Gold
Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Regul
© 2020 by C Pam Zhang
Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-10-397392-1
ca. 348 Seiten

COVER:

Mit einer Pistole in den Händen und der Leiche des Vaters auf dem Rücken des Pferdes, sind die chinesischen Waisenkinder Lucy und Sam auf der Flucht durch die Prärie. Auf der Suche nach einem Ort für sein Begräbnis – und einem Zuhause, das so unerreichbar scheint wie das versprochene Gold in den Hügeln.

REZENSION:

In diesem Debüt von C Pam Zhang befinden wir uns irgendwann mitten im amerikanischen Zeitalter des Goldrausches. Eine detailliertere Fixierung findet nicht statt und würde diesem Buch auch nicht gerecht werden, da es durch eine historische Einordnung in ein zu enges Korsett gedrückt werden würde.
Wir begleiten die chinesischen Geschwister Lucy und Sam auf ihrer Flucht aus ihrer schummrigen Hütte, die sie nach dem Tod ihres Vaters und einem beinahe Banküberfall überstürzt verlassen mussten. Mit einem gestohlenen Gaul machen sie sich auf den Weg und suchen einen geeigneten Begräbnisort für ihren Vater, der heimlich von Sam in einer Kiste verstaut mitgenommen worden ist. Beide sind nichts weiter als Kinder und begegnen den unterschiedlichsten Abenteuern getränkt mit Rassismus dem Wunsch Sams, ein Junge zu sein.
nach und nach offenbart sich eine Geschichte, die eine Decke über eine Vielzahl an Themen ausbreitet und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Lucy und Sam auf der Suche nach einer echten Heimat in einem fremden und von Vorurteilen geprägtem Land. Lucy und Sam als Figuren, die nahezu überall auf dieser Welt vorkommen können – viel zu stark befinden wir uns immer noch im Kampf gegen Unsinnigkeiten, die simpelst durch Akzeptanz und Toleranz vom Erdboden weggefegt werden könnten. Lucy und Sam als Figuren auf der Suche nach einer echten Heimat ohne ihnen selbst bekannte Wurzeln, geführt durch einen Drang nach Zugehörigkeit. Lucy und Sam als Figuren, die in einer amerikanischen Western-Einwanderergeschichte bisher nur selten berücksichtigt worden sind.
Eine nachdenklich stimmende und tiefgründige Geschichte, die sich teils zart, teils brutal erzählt offenbart und dementsprechend stark einen bleibenden Eindruck hinterlassen kann. C Pam Zhang schreibt mutig und erfrischend unkonventionell. Ein grandioses Debüt, welches erst in Richtung letztes Drittel ein wenig an Fahrt verliert. Nichts desto trotz zeigt sich ein grandioses Talent und beweist, dass es immer noch sprachliche Überraschungen in der modernen Literatur zu geben scheint.
hysterika.de / JMSeibold/28.07.2021

Wil McCarthy: Zeitflut

Originaltitel: Antediluvian
Aus dem Amerikanischen von Norbert Stöbe
Deutsche Erstausgabe 03/2021
©2019 by Wil McCarthy
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32076-5
ca. 445 Seiten

COVER:

DIE GRÖSSTE ZEITREISE IN DER MENSCHHEITSGESCHICHTE

Die nahe Zukunft. Den beiden Wissenschaftlern Harv Leonel und Tara Mukherjee ist eine bahnbrechende Entdeckung gelungen, die es den Menschen ermöglicht, die Vergangenheit mit eigenen Augen zu sehen. Und so treten Harv und Tara die Reise in die Steinzeit an – und entdecken ein vergessenes Zeitalter der Hochkultur. Doch diese Welt ist in Gefahr. Wenn es den beiden Forschern nicht gelingt, sie zu retten, könnte das Erbe der Menschheit für immer verloren gehen …

DAS GEHEIMNIS DER ZEIT LIEGT IN UNSEREN GENEN

REZENSION:

Die Coverbeschreibung des Verlages ist natürlich als Teaser gedacht – einige wenige Zeilen, um den potenziellen Käufer davon zu überzeugen, dieses Buch mit zur Kasse zu nehmen. Gut, dennoch sollte sie in etwa widerspiegeln, worum es im Buch geht. Bis auf den letzten Satz mit den Genen stimmt nämlich nur partiell der Inhalt der Beschreibung mit dem Inhalt des Buches überein.
Richtig ist, dass die beiden eine bahnbrechende Erfindung gemacht haben und Harv dadurch gedanklich in die Vergangenheit reisen kann, beziehungsweise sein Y-Chromosom die frühen Erlebnisse immer noch in den Tiefen gespeichert hat und Harv diese nun technisch hervorzuholen in der Lage ist.
Er selbst liegt weggetreten im Universitätsgebäude – was seine Erlebnisse geistiger Art jedoch nicht schmälert. Wil McCarthy baut diese Erlebnisse als separat wirkende Geschichten auf und hält sich dabei so gut wie möglich an historische beziehungsweise mystische Bewandtnisse. Da die Erlebnisse mehrere Jahrtausende hinter uns liegen, lässt sich deren Wahrheitsgehalt nicht widerlegen und könnte sich exakt so dargestellt haben.
Das Interessante dabei ist der Umstand, dass McCarthy insgesamt vier Mal Harv in die Vergangenheit schickt und dabei uns zum Beobachter von Geschehnissen macht, die überwiegend Auswirkungen in unsere Zeit haben und auch weiterhin im Rahmen von Sagen, Erzählungen und religiösen Mythen ihre Daseinsberechtigung haben. Wir treffen auf den Grund, wie und warum Menschen auf einer Art Arche das Weite vor einer Sintflut gesucht haben, wie Eva von der Schlange gebissen wurde und was es mit Trollen und dem ersten Seefahrer aller Zeiten auf sich hat.
Der gesamte Roman ist sehr ideenreich aufgebaut und steht und fällt mit der jeweiligen Geschichte in der Geschichte. Während die Flucht vor der Sintflut als erste Geschichte bereits durch ihre doch recht gut aufgebaute Spannungselemente ein grandiosen Zeichen für den Einstieg in dieses Werk setzen konnte, fällt dies sogleich mit der zweiten wieder ein wenig ab. Hier hätte Wil McCarthy unter Umständen etwas weniger Historie und dafür mehr spannende Elemente einbauen könnte, was der Geschichte in ihrer Gesamtheit sicherlich gut getan hätte. Nichts desto trotz bleibt der Plot interessant und etabliert eine interessante Zeitreise-Alternative, die gänzlich ohne die üblichen Paradoxien aufwarten kann – man ist ja nur Beobachter aufgrund der gespeicherten Informationen der eigenen Gene. Somit lässt sich auch nicht gezielt reisen sondern nur auf Basis der eigenen Herkunft. Allein dies würde mir schon richtig viel Freude bereiten, vor allem weil man dabei im Gegensatz zu anderen Zeitreisewerken kein örtliches Risiko eingehen muss.
ZEITFLUT ist interessant, zeugt von einer grandiosen Idee und lässt sich sehr schön lesen. Die Spannungsschraube hätte McCarthy noch deutlich anziehen können und beim Ende darüber hinaus noch etwas runder und nicht so hektisch agieren müssen. Dennoch ein abwechslungsreicher Plot mit historisch angehauchten Elementen, die teils mitreissen, teils nebensächlich wirken. In der Gänze somit ein ziemlich guter Unterhaltungsroman, der sich nicht in den üblichen Zeitreisen-Fahrwassern befindet.
hysterika.de / JMSeibold / 25.07.2021

Scott Thomas: VIOLET

Originaltitel: VIOLET
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kristof Kurz und Stefanie Adam

Deutsche Erstausgabe 07/2021
©2019 by Scott Thomas
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32032-1
ca. 575 Seiten

COVER:

Dreißig Jahre nach dem Tod ihrer Mutter bricht für die Tierärztin Kris Barlow erneut die Welt zusammen: Ihr Mann stirbt bei einem Autounfall. Geschockt beschließt Kris, sich zusammen mit ihrer kleinen Tochter Sadie in das alte Ferienhaus ihrer Familie am Lost Lake, nahe Pacington, zurückzuziehen. Doch der Ort hat sich verändert, die Einwohner sind Fremden gegenüber misstrauisch geworden, denn im Laufe der letzten Jahre verschwanden mehrere Mädchen spurlos. Zunächst schenkt Kris den Warnungen der Leute keine Beachtung, aber dann ereignen sich seltsame Dinge in ihrem Haus. Als auch Sadie beginnt, sich zunehmend merkwürdiger – und unheimlicher – zu verhalten, wird Kris klar, dass sie sich den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss, wenn sie das Leben ihrer Tochter retten will …

REZENSION:

Das Spektrum der Genre, in denen ich mich als leidenschaftlicher Leser bewege, ist sehr weit gefächert. Dennoch liegt meine Liebe von Anfang an im anspruchsvollen Grusel- und Horrorbereich.
In den 80er Jahren wurde ich da noch sehr stark mit neuen Veröffentlichungen über alle möglichen Verlagshäuser hinweg ungebremst bedient. Nach und nach schien dies insbesondere bei den großen Verlagshäusern nachzulassen und man konnte neben dem Publikumsblockbuster Stephen King nur noch wenig neues bei diesen Publikumsverlagen entdecken. Scheinbar scheint sich jemand diesem Problem angenommen zu haben, denn ich erkennen in den letzten Monaten ein kleines Licht am Ende des Tunnels, welches sich immer heller darzustellen scheint. Es gibt nicht mehr nur den Umsatzgarant King, sondern es werden auch weitere Autoren auf dem deutschen Markt unter Vertrag genommen.
Scott Thomas ist einer dieser für uns neuen Namen – sein Debütroman „Kill Creek“ konnte mich bereits durch die interessante und schön altmodisch klingende Idee begeistern.
Nun ein weiterer Roman dieses Autoren mit dem einfach klingenden Titel „Violet“.
Wir begleiten hierin eine Mutter und ihre Tochter in ein altes, heruntergekommenes Ferienhaus, um dort einige Wochen Ruhe zu finden und dabei das Drama um den verunglückten Ehemann verarbeiten zu können.
Wie sich recht schnell herausstellt, gibt es jedoch einige Einflüsse, die das Verhalten ihrer Tochter verändern. Gleichzeitig Personen, die einen zu beobachten scheinen und gruselige Begebenheiten im Hause selbst.
Auch hier erzählt Scott Thomas einen altmodisch wirkenden Gruselroman. Aber genau damit entspricht er meiner Vorliebe und zeigt deutlich, dass ein anspruchsvoller Gruselroman mehr verdeckt als plastisch darstellen muss.
Teilweise so geschickt beschrieben, dass man das Gefühl einer dezent aufkommenden Gänsehaut nicht vermeiden kann.
Sämtliche Versuche, die Geschichte vorherzusehen, scheitern und dementsprechend bleibt man an die Seiten gefesselt, bis man zum unvermeidlichen und grandios erzählten Ende kommt.
„VIOLET“ ist in meinen Augen endlich mal wieder ein grandios erzählter Gruselroman, der sich im Fahrwasser alter Klassiker tummelt und dabei nicht einmal schlecht aussieht. Eine absolute Leseempfehlung für Freunde des anspruchsvollen Schauerromans mit mystischen und/oder geisterhaften Elementen. Von meiner Seite eine klare Leseempfehlung.
hysterika.de / JMSeibold / 04.07.2021

Frank Schätzing: Was, wenn wir einfach die Welt retten? – Handeln in der Klimakrise

©2021, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
ISBN 978-3-462-00201-0
ca. 336 Seiten

COVER:

Wir leben in einem Thriller. Nie waren wir so vielen potenziellen Schrecknissen gleichzeitig ausgesetzt wie heute. Wenn wir also dem Klimaschutz vorübergehend unsere Aufmerksamkeit entzogen haben, um eine Pandemie zu besiegen, ist das schlichtweg menschlich. Was nichts daran ändert, dass der Klimawandel die größte existenzielle Bedrohung unserer Geschichte darstellt, und ebenso wenig wie ein Virus lässt er mit sich reden. Zeit, zurück ins Handeln zu finden.
Wissenschaftlich fundiert, spannend und nie ohne Humor entwirft Frank Schätzing verschiedene Szenarien unserer Zukunft, in denen wir mal versagt, mal obsiegt haben. Wir lernen die Protagonisten und Antagonisten kennen, Verantwortliche aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Aktivisten, Leugner und Verschwörungstheoretiker, bevor der Autor den Blick aufs Panorama des Machbaren öffnet, auf eine Vielzahl unserer Optionen und gar nicht so fernen Superlösungen.
„Was, wenn wir einfach die Welt retten?“ ist ein Plädoyer für Mut und Zuversicht. Wir können die Herausforderung meistern, wenn wir nur wollen: mit Wissen, Willenskraft, positivem Denken, Kreativität, der Liebe zu unserem Planeten und ein bisschen persönlichem Heldentum, wie man es im Thriller braucht.

REZENSION:

Bücher, die sich mit der meiner Meinung nach definitiv vorhandenen Klimakrise befassen, sprießen wie Pilze aus dem Boden. Teils hochwissenschaftlich und nur schwer zu lesen, teils eingängig und dadurch sehr überzeugend wirkend in ihrer Darstellung. Die dazugehörigen Autoren waren jedoch zumeist eher aus der wissenschaftlichen oder zumindest davon betroffenen Ecke. Erfreulicherweise erweitert sich die schreibende Klientel und dadurch auch der Kreis der Empfänger. Insbesondere, wenn sehr namhafte Autoren plötzlich den in Arbeit befindlichen, neuen Thriller zur Seite legen und sich lieber mit diesem erheblich wichtigeren Thema befassen, erkennt man die Dringlichkeit und die Notwendigkeit der ungebremsten Bekanntmachung des Themas.
Frank Schätzing hat sicherlich eine nicht gerade als gering zu nennende Community – dementsprechend hoffe ich, dass er weitere Personen vom Vorhandensein dieser Thematik überzeugen kann.
Schätzing wandelt dabei zwischen humorvoller Darbietung und wissenschaftlich fundiertem Inhalt. Dementsprechend wirkt er nur partiell etwas trocken und sorgt für eine nahezu ungebremste und dabei zum Nachdenken anregende Unterhaltung. Er zeigt auf, dass man bereits mit kleinsten Schritten ein kleiner Held zur Weltrettung werden kann und vermeidet es deutlich, den typischen deutschen Meckeransatz mitzutragen. Ebenfalls sehr typisch ist der Versuch, sich für eine Richtung entscheiden zu wollen – als Beispiel fällt mir hier u.a. die elendige Diskussion über Elektro- oder Wasserstoffauto ein – dabei merken die Menschen nicht, dass sie damit nur die Lösung verschleppen, da sie schlicht Angst vor dem Neuen haben. Wie Schätzing bin auch ich der Meinung, dass man keine 100% Einzellösung anstreben sondern einfach mal mit einem „sowohl-als-auch“ anfangen könnte.
„Was, wenn wir einfach die Welt retten?“ erfindet das Thema nicht neu und bietet jemandem, der sich bereits mit der Thematik befasst hatte etwas richtig neues. Nichts desto trotz könnte das Buch einige noch unschlüssige Personen bei der Hand nehmen und mit ihnen die ersten Schritte zu einer Lösung oder einem neuem Denken bis hin zu einer neuen Erkenntnis begleiten. Allein dafür lohnt es sich bereits und es ist gut, dass Schätzing einen Plot über den realen Thriller in dem wir leben geschrieben hat.
Alles in allem eine sehr stringente und ausreichend humorvolle Beschäftigung mit einem Thema, dass doch nun hoffentlich endlich mal von jedem bearbeitet wird.
Ich hoffe sehr, dass diese ewigen Diskussionen endlich ein Ende finden und der Mensch an sich einfach seinen Beitrag zur Lösung bietet – dabei ist es definitiv nicht notwendig, sofort von 0 auf 100% zu gehen, jeder einzelne Schritt ist ein guter Schritt und sorgt für den Drang nach dem nächsten Schritt. Man ist auch nicht sofort auf einem Berg, man beginnt immer mit einem klitzekleinen Prozentsatz, dem ersten Schritt und einige Zeit später fragt man sich, wie man das nur schaffen konnte.
hysterika.de / JMSeibold / 04.07.2021

Scott Carson: The Chill

Originaltitel: The Chill
Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler

Deutsche Erstausgabe 07/2021
©2020 by Scott Carson
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
ISBN 978-3-453-44111-8
ca. 494 Seiten

COVER:

Mitten in den Catskills liegt das Dorf Galesburg tief unter den stillen Wassern des Chilewaukee-Stausees, der die Millionenmetropole New York mit Trinkwasser versorgt. Seine Bewohner wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus ihren Häusern vertrieben und zwangsumgesiedelt. Ihre Nachfahren leben noch heute an den Ufern des „Chill“, doch die meisten von ihnen haben ihre Geschichte vergessen. Spencer Ellsworth zum Beispiel, der Sheriff, denkt ebenso ungern an die unrühmliche Rolle, die sein Großvater bei der Evakuierung gespielt hat, wie Gillian Mathers, deren Vorfahren sich mit aller Gewalt gegen die Umsiedlung gewehrt haben. Doch die Vergangenheit ruht nicht in Galesburg, und als nach wochenlangen Regenfällen der Wasserspiegel im Chill immer höher steigt, kommt die Wahrheit über das, was damals wirklich passiert ist, langsam an die Oberfläche – und mit ihr ein uraltes, schreckliches Geheimnis…

REZENSION:

Bereits beim Lesen der Widmung erkennt man eine Verneigung Scott Carsons an den wohl bekanntesten Schriftsteller der heutigen Zeit, welcher auch ein kleines Verkaufszitat auf dem Buchtitel hinterlassen hatte: „Ein großartiger Horror-Roman!“ meinte Stephen King und dementsprechend angefixt war ich auf den Inhalt dieses Buches.
Anspruchsvolle Horror-Romane zeigten sich in letzter Zeit immer seltener im Portfolio der großen Publikumsverlage und dementsprechend froh war ich, dass hier scheinbar endlich mal wieder einem meiner Lieblingsgenre ein weiteres Werk hinzugefügt wird.
„The Chill“ von Scott Carson ist ein gelungen erzählter Geisterroman, der detailliert und fast ein wenig zu langatmig seine Geschichte offenbart. Diese wiederum macht jedoch viel Spaß beim Lesen und überrascht auch ab und an ein klein wenig.
Die teilnehmenden Figuren sind durchweg glaubhaft dargestellt und manch einer wird trotz vorhandener Ecken und Kanten zum Liebling des Lesers.
Carson scheut sich nicht, Klischees und allseits übliche Stilelemente zu verwenden – interessanterweise stört das nicht, da er dabei sehr geschickt vorgeht und ihr Wirkungsgebiet auf erfrischende Art beschreitet.
Die Stausee-Idee mit den noch nicht zur Ruhe gekommenen Einwohnern Galesburgs besitzt unglaublich viel Charme und man fragt sich manchmal, ob man nicht die Seite der Geister für die ehrlichere und somit unterstützenswertere hält.
„The Chill“ ist ein rundum interessanter Roman – dennoch führt das Prädikat „Horror“ definitiv zu weit. „The Chill“ ist vielmehr eine Art mystischer Thriller, da er keinerlei Horrorelemente in sich trägt und somit eine erheblich größere Klientel begeistern könnte, als eine Genreeingrenzung zur Folge haben kann. Horrorfans wären ob der missenden Elemente eher enttäuscht – Thrillerfans, die kein Problem mit einer Prise „Geister“ haben, können hier getrost zugreifen, denn das Buch bietet eine gut durchdachte Geschichte, ein tolles Setting und interessante Protagonisten.
Einige Fragen werden leider nicht beantwortet, dies ist jedoch als eher nebensächlich zu betrachten, da der Rest im großen und Ganzen sehr gut zu überzeugen wusste.
hysterika.de / JMSeibold / 24.06.2021

Ferdinand von Schirach: TERROR – Ein Theaterstück und eine Rede

Neuausgabe Oktober 2016
btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
© 2016 Ferdinand von Schirach
ISBN 978-3-442-71496-4
ca. 164 Seiten

COVER:

Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt die Piloten, Kurs auf die voll besetzte Allianz-Arena in München zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug ab, alle Passagiere sterben. Der Mann muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Zuschauer und Leser, sie müssen über Schuld und Unschuld urteilen.

Ein Theaterstück von bedrückender Aktualität. Es stellt die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Werden wir uns für die Freiheit oder die Sicherheit entscheiden? Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz der Terrorgefahr noch gilt?

Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015 hat auf schrecklichste Weise gezeigt, wie hoch der Preis sein kann, den wir für unsere Freiheit zahlen müssen. Schirachs Rede auf Charlie Hebdo, die ebenfalls in diesem band enthalten ist, ist ein Plädoyer für die Freiheit des Wortes, für unsere Zivilisation im Angesicht ihrer Feinde.

REZENSION:

Ein Terrorist kapert ein Flugzeug und lässt Kurs auf die voll besetzte Allianz-Arena in München nehmen. Ein Kampfpilot der Luftwaffe entscheidet eigenmächtig und gegen den ausdrücklichen Befehl seiner Vorgesetzten. Er schießt die Lufthansa Maschine ab und 164 Menschen werden getötet.
Demgegenüber stehen ca. 70.000 Menschen, die gerettet wurden.
Ferdinand von Schirach stellt in seinem Theaterstück auf Basis der Gerichtsverhandlung dieses Dilemma vor und bringt den Leser in eine echte Entscheidungssituation: Kann man Menschenleben gegeneinander aufrechnen? Lassen sich 164 Tote in Kauf nehmen, wenn dabei 70.000 gerettet werden? Wo befindet sich die Grenze dieser Zahl? Wie würde man entscheiden, wenn jemand Bekanntes sich im Flugzeug befinden würde?
Schirachs TERROR ist sehr geschickt konstruiert und dementsprechend eingängig entwickelt sich die Darstellung des Falles. Es gibt keine Diskussionen, die sich vom Fall lösen – nein, der Pilot gibt seine Tat uneingeschränkt zu. Doch wie soll man urteilen? Ist er frei zu sprechen, da er 70.000 Menschen gerettet hat oder entscheidet man sich für ein Tötungsdelikt in 164 Fällen?
TERROR ist ein sehr kurzes Buch – dennoch lässt es einen lange nicht los. Ferdinand von Schirach füttert seinen Leser mit allen zur Verfügung stehenden Fakten – lässt ihn aber in seiner Entscheidungsfindung alleine. Doch trotz allem Verständnis für den Gedankengang des Piloten stellt man sich die Frage, ob sein Vorgehen richtig war. Schirach bietet diese Antwort nicht – er offenbart beide Gerichtsurteile, was es dem Leser zusätzlich schwer macht, da man definitiv selbst eine Entscheidung für sich beanspruchen muss. Es gibt kein richtig oder falsch – wir befinden uns in einem moralischen Dilemma – gefüttert durch Vorgaben unserer Verfassung. Zu leicht findet man sich in einer Entscheidungshaltung, die sich jedoch nach einem weiteren Nachdenken wieder aufzulösen scheint.
TERROR ist im Dialog geschrieben, kurz gehalten und trotzdem ein brandaktuelles Drama mit einer Szenerie, die ähnlich immer wieder vorkommen kann.
Ein kluges Meisterwerk welches oberflächliche Meinungen und rasante Entscheidungen in Frage stellt und grundlegende Diskussionen anstößt.
Kurz, prägnant, Pflicht.
hysterika.de / JMSeibold/21.06.2021

Miriam Gebhardt: Die Weiße Rose

Die Weisse Rose von Miriam Gebhardt

© 2017 Deutsche Verlags-Anstalt, München
ISBN 978-3-421-04730-4
ca. 367 Seiten

COVER:

Über die Beteiligung der Deutschen an den Verbrechen des Nationalsozialismus wissen wir inzwischen viel. Sozialpsychologen, Gewaltforscher und Historiker haben ausgiebig über die unheimliche Verwandlung ganz normaler Menschen zu Tätern und Mitläufern geforscht. Doch was wissen wir von den anderen? Von den Menschen, die immun blieben gegen die Indoktrination, die den Gehorsam verweigerten und mutig gegen das Unrecht kämpften?
Am Beispiel der Weißen Rose, der wohl bekanntesten deutschen Widerstandsgruppe, forscht die Historikerin und Bestsellerautorin Miriam Gebhardt nach den Voraussetzungen für innere Autonomie, widerständiges Denken und Handeln. Sie beleuchtet die Biographien der Aktivisten um Sophie und Hans Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf und Kurz Huber, und macht deutlich, wie wichtig Familie, Freundschaften und Umfeld für die Mitglieder der Gruppe waren. Nicht zuletzt zeigt Gebhardt mit dieser neuen Geschichte der Weißen Rose, wie viel die Botschaft der jungen Aktivisten uns heute noch zu sagen hat.

REZENSION:

Die Geschichte der Weißen Rose hat auch mich bereits seit meiner Jugendzeit sehr intensiv berührt, aber auch begeistert. Es wurde eine Vielzahl an Werken veröffentlicht und im Rückblick an früher bin ich mir auch sicher, eine nicht gerade geringe Zahl davon auch gelesen zu haben. Trotz dieser recht tiefgehenden Betrachtung bin auch ich nicht davor gefeit gewesen, bei der Weißen Rose zuerst an Sophie und dann eventuell noch an ihren Bruder Hans zu denken. Doch ist dies der bisherigen Erzählweise geschuldet, wodurch der Blick stark auf diese beiden Personen gelenkt worden ist. Selbstverständlich waren die Geschwister nur ein Teil der im Nachgang „Weiße Rose“ betitelten und viel zu kurzlebigen Widerstandsgruppe des Zweiten Weltkrieges. Natürlich ist dies unfair gegenüber den weiteren Mitgliedern, die ebenfalls zu einem nicht gerade unerheblichen Teil auch mit ihrem Leben bezahlen mussten – vielleicht ist es aber auch im Hinblick auf die weitere Jahrzehnte bis zum heutigen Tag auch nicht das Schlechteste, das gerade eine Frau im Bewusstsein bleibt – aber das ist eine andere Geschichte.
Miriam Gebhardt schafft einen sehr geschickten Umriss und erarbeitet die gesamte Geschichte der Weißen Rose unter Beteiligung aller betroffenen Personen auf eine wissenschaftliche Art, jedoch unter Beibehaltung von sehr guter und rundum interessant wirkender Erzählweise. „Die Weiße Rose“ von Gebhardt möchte aufzeigen, wie bisherige, euphorische BDM- oder HJ-Mitglieder zu starken Widerstandskämpfern wurden. Dies gelingt ihr auch relativ gut, wobei natürlich für die jeweiligen Beweggründe Annahmen getroffen werden müssen, die sich aufgrund der vorliegenden Informationen und Belege ergeben. Nichts desto trotz ist das vorliegende Werk bereits dadurch etwas besonderes, da der Blick nicht nur auf die bekannten Gesichter gelenkt wird, sondern jedem nennenswerten Mitglied dieser Gruppe seinen dementsprechenden Platz mit dem Wunsch nach Erkennung der Beweggründe bietet.
Sophie Scholl wird sicherlich im weiteren Verlauf des Gedenkens durch die bisherigen Darstellungen die Hauptrolle inne haben – dennoch ist es unbedingt notwendig, auch den gesamten Kreis zu betrachten, was Miriam Gebhardt außerordentlich gut gelingt.
„Die Weiße Rose“ bietet somit eine sehr gute Erarbeitung der Hintergründe und Geschehnisse aus einer Zeit, die wir mit dem heutigen Verständnis nur noch schwer zu verstehen in der Lage sind. Aber gerade deshalb sind solche Bücher und das darin befindliche Verständnis notwendig. Nur so ist man gerüstet, sich nicht zu einfach auf rechte Propaganda oder radikale Veränderungen einzulassen, sondern vielmehr durch Erweiterung und Einbeziehung des eigenen Wissens dagegen zu halten.
hysterika.de / JMSeibold/06.06.2021

Adrian Tchaikovsky: Portal der Welten

Originaltitel: The Doors Of Eden
Aus dem Englischen von Irene Holicki
© 2020 by Adrian Tchaikovsky
Deutsche Erstausgabe 05/2021
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-42490-6
ca. 638 Seiten

COVER:

England, in der nahen Zukunft. Vier Jahre nach dem spurlosen Verschwinden ihrer besten Freundin Mal ist die Studentin Lee noch immer traumatisiert. Nach einem mysteriösen Anruf kreuzen sich ihre Wege mit denen des MI5-Agenten Julian Sabreur, der einem Phantom nachjagt. Ist es vielleicht Mal? Aber wo war sie – und wo ist sie jetzt? Als auch noch eine Physikern entführt wird, die über Parallelwelten geforscht hat, beginnt das Gefüge von Lees und Julians Welt auseinander zu brechen. Irgendetwas ist da draußen, und es hat finstere Absichten …

REZENSION:

Adrian Tchaikovsky war mir bis zum Genuss seines Bestsellers „Die Kinder der Zeit“ nicht wirklich ein Begriff. Dementsprechend hoch war bereits meine Erwartungshaltung – lediglich ein wenig getrübt durch die Erfahrungen der danach folgenden Werke, die nach meiner Meinung nach dem genannten Buch nicht ansatzweise Paroli bieten konnten.
Nun ein neues Werk mit ansprechendem Cover und interessant klingendem Titel. „Portal der Welten“ ist dabei ähnlich umfangreich wie „Die Kinder der Zeit“ und schon ertappte ich mich mit einer sich selbst steigenden Erwartungshaltung.
Tchaikovsky zeigt von Anfang an seinen Einfallsreichtum und ist somit beileibe kein simpler SF-Autor, sondern versucht sich erfreulicherweise immer wieder neu zu erfinden. In diesem Fall öffnet er ein sehr weitläufiges Themenfeld – die Parallelwelten, und versucht diese in Verbindung mit einer Agentengeschichte und einem aus Versehen betroffenen Pärchen geschickt in Verbindung zu bringen.
Grandiose Idee und die ersten ca. 200 bis 300 Seiten auch durchweg interessant und gelungen dargestellt. Leider verliert man sich in diesem weit gefächerten Plot durch die mehr und mehr ausufernden Stränge, die der Autor scheinbar noch zusätzlich erzählen wollte. Teilweise werden einem die Rollen der Darsteller nicht ganz bewusst, wodurch sich die Sinnhaftigkeit deren Teilnahme verliert. Die zu Grunde liegende Idee kann von oben betrachtet weiterhin nur als hervorragend beschrieben werden – und allein dieser Umstand hätte den Roman auf das oberste Treppchen gestellt – hätte sich Tchaikovsky nicht in der Fülle seiner Parallelwelten in Verbindung mit seiner eigenen Welt durch zu tiefes Eintauchen verloren.
Somit ein in meinen Augen sehr zwiespältiges Werk mit einer grundsätzlich gelungenen Idee – die Ausführung sollte jedoch dichter, spannender und stringenter gewebt sein, damit der Drang zum Lesen ein ähnliches Suchtgefühlt entwickelt, wie ich es bereits bei „Die Kinder der Zeit“ erleben durfte.
Hysterika.de/JMSeibold/05.06.2021

Kevin Hearne: Tinte & Siegel

Originaltitel: Ink & Sigil
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
© 2020 by Kevin Hearne
Für die deutsche Ausgabe
© 2021 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-98203-9
ca. 376 Seiten

COVER:

Ja, Al MacBharreis ist gesegnet, er ist aber auch verflucht. Jeder, der seine Stimme hört, geht sofort mit unvorstellbarem Hass auf ihn los. Und schlimmer noch: Alle seine Lehrlinge sind früher oder später dem Tod geweiht. Fergus wurde bei den Highland-Spielen von einem schlecht geworfenen Baumstamm erschlagen, Ramsey wurde von schusseligen amerikanischen Touristen, die auf der falschen Straßenseite unterwegs waren, überfahren. Als sein letzter Lehrling Gordie tot in seiner Wohnung in Glasgow aufgefunden wird – er erstickte an einem rosinenhaltigen Gebäck -, entdeckt Al, dass Gordie ein geheimes. verbrecherisches Doppelleben führte und in einen schwunghaften Menschenhandel mit nichtmenschlichen Wesen verstrickt war…

REZENSION:

Die Idee hinter der Chronik des Siegelmagiers ließ mich aufhorchen und sorgte dafür, dass ich diesem Start einer neuen Reihe von Kevin Hearne gerne eine Chance zu geben bereit war.
Es stellte sich dabei recht schnell raus, dass die Idee mit den Siegeln tatsächlich etwas erfrischend neues in sich hatte. Darüber hinaus wirkte zumindest am Anfang die Idee des verfluchten „Ermittlers“ sehr interessant in ihrer Darbietung – auf Dauer wurde dann jedoch der Dialog per elektronischer Smartphone-Unterstützung dann doch recht anstrengend beim Lesen. Hearne entschied sich dazu, MacBharreis’ Sätze mit eckigen Klammern darzustellen, was den Lesefluss vernachlässigbar abbremst, jedoch für mich die trotzdem hohe Zahl an Wörtern in den Dialogen von Al etwas unglaubwürdig wird. Darüber hinaus erkannte ich im Verlauf der Geschichte, dass diese Vorgehensweise dann doch irgendwann etwas anstrengend wurde.
Hearnes offenbart viele interessante fantastische Figuren und schreibt sehr eingängig. Der Plot ist humorvoll und seine Figuren wahrlich grandios gezeichnet. Nichts desto trotz verlor mich der Autor im Laufe der Geschichte und konnte mich nicht mehr durchgängig überzeugen. In Richtung Ende war es mir dann nahezu egal, wie die Geschichte beendet wird – die Ideen für sich konnten mich somit in ihrer Gänze nicht überzeugen.
Nichts desto trotz bin ich davon überzeugt, dass Tinte & Siegel durch die interessante Vorgehensweise ihre Fans finden wird. Ich wünsche dies diesem Werk sogar, da die dahinterliegende Idee nicht nur fantastisch sonder auch erfrischend ist – auch wenn es für mich nun im Rahmen dieser Reihe nicht mehr weiter gehen wird.
Hysterika.de/JMSeibold/24.05.2021