Richard Matheson: The Shrinking Man

©Richard Matheson 1956
First published in Great Britain in 2014 by Gollancz.
ISBN 978-1-473-21110-0
ca. 144 Seiten

COVER:

While on a boating holiday, Scott Carey is exposed to a cloud of radioactive spray. A few weeks later, following a series of medical examinations, he can no longer deny the extraordinary truth. Not only is he losing weight, he is also shorter than he was. Scott Carey has begun to shrink.

Richard Matheson’s novel follows through its premise with remorseless logic, with Carey first attempting to continue some kind of normal life and later having left human contact behind, having to survive in a world where insects and spiders are giant adversaries. And even that is only a stage on his journey into the unknown.

REZENSION:

Während meiner Kindheit – lange ist es her – gab es einige Filme, die mir über Dekaden im Gedächtnis geblieben sind. Die Zahl ist recht gering, doch einer dieser nachhaltigen Werke war definitiv „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C.“, welcher als Science-Fiction-Film dargeboten wird, jedoch in meinen Augen eher dem frühen Horrorgenre zuzuordnen wäre. Für mich war es jedenfalls einer der ersten Horrorfilme, die ich jemals gesehen habe.
Der Film handelt von Scott Carey, der während eines Bootsausflugs durch eine plötzlich auftauchende Wolke fährt und seitdem nach und nach immer kleiner wird. Der Film ist aus dem Jahre 1957 – dementsprechend noch in Schwarz/Weiß, nichts desto trotz waren die dargebotenen Effekte bereits bahnbrechend und der Kampf des kleinen Scott gegen die riesig wirkende Spinne fräste sich bis heute in mein Gehirn.
Den Film hielt ich für bahnbrechend – dass er auf Basis eines Buches entstand, entzog sich lange meiner Kenntnis. Mit den Jahren wird man klüger und der Genuss einiger Richard Matheson Werke wie zum Beispiel „Hell House“ und „I am Legend“ leiten den literaturbegeisterten Leser natürlich ungebremst zu „The Shrinking Man“, welches ich hier im Original gelesen habe, auf dem deutschen Markt unter dem Titel des Filmes veröffentlicht worden ist.
Auch jetzt frage ich mich, warum dieses Werk als SF-Klassiker bzw. SF-Masterworks vermarktet wird – in meinen Augen handelt es sich um eine klassische Horrorgeschichte. Insbesondere der Kampf gegen die Spinne spricht bereits dafür – gleichzeitig befinden wir uns in der damaligen Gegenwart und der einzige SF-Hinweis könnte die ominöse Wolke am Anfang der Geschichte sein. Die Ursache wird jedoch nicht erklärt und wie in vielen Gruselwerken der damaligen Zeit ist das sicher eine Allegorie zu den unbekannten Gefahren des beginnenden Atom-Zeitalters mit all ihren noch kommenden Problemen. Die Menschen nutzten schon immer Filme und besonders Bücher, um sich ihren Sorgen und Ängsten zu stellen – auch hier ist es nichts anderes.
Die Geschichte von Richard Matheson halte ich im Hinblick auf ihre Entstehungszeit genauso bahnbrechend wie den darauffolgenden Film. Film und Buch sind sich sehr ähnlich und man erkennt deutlich die kurze Zeitspanne zwischen Buch und dem ein Jahr später folgenden cineastischen Werk – erfreulicherweise übernahm Richard Matheson auch die Entwicklung des Drehbuchs, wodurch sich diese beiden Präsentationsformen natürlich eng miteinander verzahnen konnten.
Leider scheint das Buch in deutsch aktuell nicht erhältlich zu sein – daher griff ich zur recht günstigen, englischen Ausgabe als eBook. Somit war das Lesen zwar etwas schwieriger und ich musste mich etwas mehr konzentrieren, nichts desto trotz begeisterte mich jede einzelne Seite. Die Geschichte „The Shrinking Man“ ist wahrlich ein Klassiker der Horrorliteratur (gerne auch der SF-Literatur) und somit bleibt mir nichts anderes übrig, als dieses frühe Meisterwerk jedem Interessierten uneingeschränkt an das Herz zu legen. Perfekt!
Jürgen Seibold/29.03.2020

Suarez, Daniel: Delta-V

Originaltitel: Delta-v
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Deutsche Erstausgabe
©2020 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
„Delta-v“ ©2019 by Daniel Suarez
ISBN 978-3-499-00151-2
ca. 556 Seiten

COVER:

James Tighe, kurz J.T., ist ein Glücksritter und der beste Höhlentaucher der Welt. Eines Tages lädt ihn der Milliardär Nathan Joyce auf seine private Insel, um ihm ein Angebot zu unterbreiten, das er nicht abschlagen kann. Es geht um ein so visionäres wie hochgeheimes Projekt: Von einer Station im All soll ein riesiger Asteroid wirtschaftlich erschlossen werden. Denn die Menschheit des Jahres 2030 ist für ihr Überleben auf Rohstoffe angewiesen.
Zusammen mit Ex-Soldaten, Astronauten, Wissenschaftlern soll J.T. zu einem Team verwachsen, das extreme Situationen bestehen muss. Ungeheure Reichtümer locken. Es droht auch jederzeit der Tod. Und sehr spät erst begreifen die Mitglieder von Delta-v, dass ihr Auftraggeber ein sinistres Spiel betreibt …

REZENSION:

Daniel Suarez hat sich bereits mit seinen bisherigen Büchern einen gewissen Ruf erarbeitet. Er erzählt eingängig und spannend seine in der Zukunft platzierten Visionen. Dabei bleibt er nahezu immer im Bereich des Machbaren. Seine Techniken sind sozusagen fast greifbar und wohl auch deshalb legt er seine Geschichten in nicht allzu ferne Zeiten, sondern auch in beinahe greifbare Epochen.
In Delta-V erzählt er seinen Thriller relativ ruhig – erfreulicherweise schafft er es aber, dabei niemals in Richtung Langatmigkeit zu driften. Im Gegenteil, trotz der vereinzelt konstruierten Bauweise macht der Roman durchweg Spaß und wechselt im Laufe der steigenden Seitenzahl in Richtung SF-Abenteurerroman, was ebenfalls für eine unglaubliche Lesefreude sorgt.
Seine wirtschaftlichen Seitenhiebe kommen ein wenig zu kurz beziehungsweise hallen nicht lange nach. Hier bleiben auch eine nicht gerade geringe Anzahl an Fragen offen, die ich gerne noch gelöst gehabt hätte. Gleichzeitig ist mir aber bewusst, warum Daniel Suarez hier nicht tiefer wühlen wollte – wäre es doch unter Umständen komplett in eine andere Richtung gegangen, wodurch die spannende Szenerie mit Sicherheit hätte leiden müssen.
Delta-V ist eine nachvollziehbare und geschickt konstruierte SF-Geschichte mit einem Team, welches liebevoll und detailliert gezeichnet ist – darüber hinaus wirken alle Protagonisten auf Ryugu sehr sympathisch und man würde am liebsten an ihren Erlebnissen teilhaben.
Alles in allem eine sehr rund wirkende Geschichte, die sich flüssig lesen lässt und für absolut interessante, kurzweilige und spannende Stunden der Unterhaltung sorgt.
Jürgen Seibold/26.03.2020

Vogt, Judith C. / Vogt, Christian: Wasteland

Originalausgabe Oktober 2019
©2019 Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-52391-9
ca. 399 Seiten

COVER:

Eine Frau mit einem Motorrad.
Ein Mann mit einem Baby.
Eine Gang mit einem Schaufelradbagger.

Die alten Regeln gelten nicht mehr, seit drei Kriege und das Wasteland-Virus die Menschheit beinahe ausgelöscht haben. Marodierende Banden beherrschen das Land, und auf dem freien Markt sind Waren nur im Tausch gegen Gefallen zu haben.
Um an Medikamente zu kommen, lässt sich die herumreisende Laylay auf ein Geschäft ein: Weil sie als Einzige immun gegen das Virus ist, soll sie den Marktbewohner Zeeto in der Todeszone aufspüren. Als sie ihn findet, ist er bereits infizert. Zudem hat er etwas in einer geheimen Bunkeranlage gefunden: ein Baby. Und obwohl das Virus Laylay nichts anhaben kann, beginnt sie sich zu verändern …

REZENSION:

Das Buch WASTELAND des Ehepaars Vogt zeigt mir sehr deutlich, dass Rezensionen und Meinungen nichts weiter als Geschmäcker sind, die jeweils lediglich von einer einzigen Person wiedergespiegelt werden.
Immerhin konnte das Werk seinen Weg auf die Phantastik-Bestenliste schaffen, wodurch bewiesen worden ist, dass es seine Klientel zu überzeugen weiß. Ich als Jurymitglied nahm dies schmunzelnd zur Kenntnis, da ich mich als Gegenpol outen muss und neben der Idee nichts Weiteres finden konnte, was bei mir Überzeugung fand.
Ich bin mir nicht sicher, ob das an der aktuellen Situation liegt und ich schlicht mit der Darstellung der virusverseuchten Welt in den täglichen Nachrichten ausreichend bedient bin, oder ob es – was ich eher glaube – an dem mir nicht zugänglichen Schreibstil liegt.
Ich möchte hier auch nicht zu sehr ins Detail gehen, da es sich um ein von mir abgebrochenes Buch handelt und ich somit nur einen gewissen Part an meinen Augen vorüberziehen ließ, bevor ich die Entscheidung traf, dass wir beide nicht zusammenfinden.
Irgendwie bin ich auch erfreut, dass Bücher trotz ihres Auftretens in namhaften Listen nicht jeden rundum zufrieden stellen können – zeigt dies doch die Varianz von uns selbst. Aus diesem Grund darf man eine negative Kritik – sofern sie einigermaßen dargelegt ist – auch nicht als gesetzgebende Meinung betrachten. Vielmehr sollte man die unterschiedlichen Leser-Erlebnisse verwenden, um sich eventuell auf Basis einer Leseprobe selbst ein Bild zu machen.
Ich persönlich war jedenfalls recht angetan von der Idee – fand jedoch leider keinen sprachlichen Zugang. Schade…
Jürgen Seibold/23.03.2020

Zoe, Nicci: Das Genom Christi

©2019 by Edition Roter Drache
www.roterdrache.org
ISBN 978-3-946425-76-2
ca. 361 Seiten

COVER:

Man kann die Vergangenheit nicht ändern – nicht einmal, wenn man im Besitz einer Zeitmaschine ist!

Viele Jahre glaub das US-Militär, dies sei die absolute Wahrheit, und schickt immer wieder Menschen durch die Jahrhunderte. Doch dann erhalten sie eine Nachricht, in der vor einem fatalen Feher in der Geschichte gewarnt wird.
Gemeinsam mit einem Team aus Wissenschaftlern reist Colonel Matthew Agostini zurück in das Jahr 33 n. Chr., um herauszufinden, worin dieser Fehler besteht und wer dafür verantwortlich ist. Eine Suche, bei der jeder falsche Schritt das fragile Gleichgewicht des Raumzeitkontinuums gefährden kann.
Schon bald erkennt Agostini, dass es noch eine ganz andere Wahrheit gibt und dass sein Gegenspieler vielleicht in den eigenen Reihen zu finden ist.

REZENSION:

Zeitreiseromane beinhalten unglaublich viel erzählerisches Potenzial, da man auf eine geschickte Art und Weise unterschiedlichste Epochen innerhalb einer einzigen Geschichte darlegen und auch ineinander verweben kann. Gleichzeitig sind sie aber auch gefährlich, da man sich sehr schnell in den Wirren der verschiedenen Zeiten verlieren kann – insbesondere, wenn man Geschehnisse verändert, die Auswirkungen auf andere Zeiten nach sich ziehen.
Nicci Zoes Geschichte mit dem Titel „Das Genom Christi“ kann sich den Problematiken lange Zeit entziehen – sie verliert sich im Laufe des Buches jedoch auch etwas in den Paradoxien der Zeiten. Dies halte ich aber nicht unbedingt für störend, da ich bei Zeitreiseromanen grundsätzlich versuche, diese als Unterhaltungsromane zu betrachten und somit über manchen Fauxpas einfach gedanklich hinweg zu gehen versuche.
Wenn ich jedoch die technischen Komponenten beiseitelasse, gibt es dennoch einige Punkte, die mir persönlich zu simpel dargelegt worden sind. Ganz besonders fällt mir dabei die Leichtigkeit der handelnden Personen auf, die so gut wie alles als nahezu selbstverständlich annehmen. Das kann ich mir schlicht nicht vorstellen – vor allem, wenn man in die letzte Tage Jesus Christus reist, man neben Pontius Pilatus steht und der gefangene Jesus reingebracht wird. Gefühlt ergab sich hier nur ein „Oh, das ist Jesus“. Sorry, selbst der ungläubigste Mitmensch würde erstmal sprachlos mit offenem Mund neben Pontius stehen und versuchen, seine Gedanken wieder sauber geordnet zu bekommen. By the way: Selbst Jesus hat keine Probleme mit verschiedenen Zeiten – aber gut, er ist ja auch der Sohn Gottes…
Die Reisen selbst als auch die Auswirkungen und der plötzliche Verlust von bisher Gekanntem macht in diesem Buch dennoch Spaß. Sicher, auch hier ist einiges etwas einfach dargelegt, nichts desto trotz lässt es sich gut lesen und die auftretenden Ideen sind ausreichend interessant, um den nicht zu tiefgehend nachdenkenden Leser bei der Stange zu halten.
Mir persönlich hat es einmal wieder gut getan, einen Roman zu lesen, von dem ich mich schlicht auf der Basis von einfacher aber dennoch gut angelegter Ideen unterhalten zu lassen.
„Das Genom Christi“ ist getragen von einer rundum interessanten Idee. Diese ist bis knapp über die Hälfte auch relativ gut vorgetragen. Über diverse Paradoxien kann man hinwegsehen und die Erklärungsversuche, die in allen Romanen mit Zeitreisen auftreten, sind nett, aber wie immer auch nicht unbedingt recht viel mehr. Nach und nach verliert man ein wenig den Faden, da der Inhalt sich immer verwirrender darstellt. Trotzdem sorgte „Das Genom Christi“ für einige recht gut unterhaltsame Stunden.
Jürgen Seibold/22.03.2020

Chen, Qiufan: Die Siliziuminsel

Originaltitel: Huang Chao
Aus dem Chinesischen von Marc Hermann
Deutsche Erstausgabe 10/2019
©2019 by Stanley Chen Qiufan
©dieser Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31922-6
ca. 480 Seiten

COVER:

Chian in der nahen Zukunft. Mimi, eine junge Wanderarbeiterin, fristet ihr Dasein unter den Ausgestoßenen auf der Siliziuminsel. Hier im Südosten Chinas ist ein globaler Knotenpunkt des Elektronikschrotthandels entstanden. Tausende Arbeiter wie Mimi schuften tagein, tagaus auf den riesigen Müllbergen und sortieren kybernetische Prothesen, kaputte Roboterteile und ausrangierte Platinen für die Rohstoffgewinnung. Die Profite aus diesem Geschäft landen allerdings in den Taschen dreier Clans, deren Familien seit Jahrhunderten die Insel beherrschen.
All das ändert sich, als der Amerikaner Scott Brandle mit seinem Dolmetscher Chen Kaizong auf der Siliziuminsel eintrifft. Brandle will für seinen Konzern eine moderne Recyclinganalge errichten lassen, doch seine wahren Absichten hält er verborgen. Kaizong wiederum ist zwar in den USA aufgewachsen, aber auf der Insel geboren. Während Mimi und er sich näherkommen, muss er aber feststellen, dass er hier mit seinen Idealen und westlichen Werten zu einem Fremden geworden ist. Als eine Schiffsladung mit hochgefährlichem Cyberschrott auf der Insel eintrifft, setzt das eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang, die nicht nur Kaizongs und Mimis Liebe, sonder das Leben der Müllmenschen und das Schicksal der ganzen Siliziuminsel für immer verändern wird …

REZENSION:

Es ist unglaublich erfrischend, dass durch den großen Erfolg von Cixin Liu immer mehr Autoren aus dem Reich der Mitte mit ihren Werken den Weg in unsere Bücherregale finden. Es hätte mich auch sehr gewundert, wenn auf deren riesigem Markt keine herausragenden Autoren vorhanden wären – leider trübte uns unser Blick immer durch seine Ausrichtung gen Westen. Schön, dass man nun seinen Horizont simpel erweitern kann.
Kurz bevor ich Qiufan Chens „Die Siliziuminsel“ zu lesen begann, schaute ich mir eine Reportage über die Machenschaften innerhalb der Kunststoffindustrie an. Auch dort werden Menschen als Müllsammler und -sortierer in armen Ländern auf das Übelste ausgebeutet. Somit ist die Fiktion Chens leider schon lange keine Fiktion mehr.
Immer noch irritiert von der tiefgehenden Dramatik des Gesehenen widmete ich mich dem Buch von Quifan Chen. Dieser startet recht ähnlich und lässt uns an den Begebenheiten der armen Müllsammler auf der Siliziuminsel im Detail teilhaben. Auch dort findet nichts weiter als simple Ausbeutung der Ärmsten statt. Seine Utopie hat sich jedoch bereits eingeholt – was diese nur noch erschreckender macht.
Ehrlich gesagt fragte ich mich des Öfteren, warum sich Chen einer Zukunftsutopie widmete, diesen Umstand jedoch lediglich zur Darstellung noch unbekannter technischer Gegenstände wie zum Beispiel elektronischer Sexpuppen, die auf dieser Müllinsel landen, verwendete. Ob das Selbstschutz war? Nun, dies entzieht sich meiner Kenntnis – dennoch funktioniert das Buch auch problemlos als Gegenwartsliteratur.
Seine Darsteller als auch die Umgebung ist von Chen liebevoll, eingängig, glaubhaft und ausreichend detailliert dargelegt. Nichts desto trotz ließ er die Probleme auf der Siliziuminsel zu schnell auf der Seite und widmete sich der etwas kuriosen Liebesgeschichte seiner beiden wichtigsten Protagonisten. Spannungselemente sind nicht wirklich vorhanden, was kein Problem wäre, wenn er nur annähernd so philosophisch wie Cixin Liu aufgetreten wäre. Quifan Chen hat diese Qualität aber noch bei Weitem nicht und somit verliert er sich darin, beziehungsweise scheint es nicht durchgehend zu versuchen.
Das angerissene Grundthema ist aktueller denn je und hierzu hätte ich mir noch erheblich mehr erwartet als Chen darzulegen in der Lage war. Durch diese Vorgehensweise verliert die Geschichte etwas und kommt trotz des starken Starts aus diesem Tal auch nicht wieder heraus. Am Schluss bleibt ein einigermaßen guter Science-Fiction-Roman, der etwas darlegen wollte, dabei aber nicht gezielt genug vorgegangen ist und sich somit in seiner Beziehungsgeschichte und einigen Clanproblemen verloren hat.
Jürgen Seibold/01.03.2020

Simmons, Dan: Flashback

Originaltitel: Flashback
Deutsche Übersetzung von Karl Jünger
©2011 by Dan Simmons
©2019 der deutschsprachigen Taschenbuchausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32009-3
ca. 638 Seiten

COVER:

Die Welt im Jahre 2036. Die Vereinigten Staaten stehen kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps, in den Städten herrscht das Chaos, und die terroristische Bedrohung ist allgegenwärtig. Den größten Teil der Bevölkerung scheint das allerdings kaum zu kümmern, denn die Menschen sind abhängig von einer Droge namens „Flashback“, die es den Konsumenten ermöglicht, die glücklichsten Augenblicke ihres Lebens immer wieder neu zu erfahren. Einer von ihnen ist Nick Bottom, ein ehemaliger Polizist, der seit dem tragischen Unfalltod seiner Frau nur noch in der Vergangenheit lebt und mittels „Flashback“ die schönsten Momente mit ihr wiederaufleben lässt. Dann aber wird er erneut mit einem Fall betraut, dem Mord am Sohn eines hohen Regierungsbeamten, den er in seiner aktiven Zeit nicht aufklären konnte. Eher widerwillig beginnt Bottom mit den Ermittlungen. Bis er einer gigantischen Verschwörung auf die Spur kommt – einer Verschwörung, die für den verheerenden Zustand der USA und ihrer Bewohner verantwortlich ist.

REZENSION:

Dan Simmons ist ein Schriftsteller, der sich nur schlecht greifen lässt. Im Gegensatz zu den meisten Autoren scheint er sich absolut nichts über Genrezuordnungen zu scheren. Aus diesem Grund ist sein Output vielfältig und greift in nahezu jedes Genre ein, um sich dort ein kleines Plätzchen zu schnappen. Dadurch macht er es natürlich auch seinen Fans nicht gerade leicht: Mal liest man Fantasy, mal Horror, mal historisch angelehnte Halbwahrheiten, mal pure Science Fiction und im vorliegenden Fall SF, gewürzt mit einer visionär zu betrachtenden Idee, wie das Amerika der Zukunft aussehen könnte. Dies sehr dystopisch dargestellt und dabei gleichzeitig in die Form eines Krimis gepresst.
In meinen Augen ist Dan Simmons nicht nur ein kreativer Autor, sondern auch gesegnet mit einer herausragenden, schriftstellerischen Qualität. Nichts desto trotz konnte er es nicht schaffen, mich mit diesem Werk in irgendeiner Art und Weise überzeugen zu können.
Seine Welt ist zwar visionär, gleichzeitig aber auch schwierig zu verdauen, wenn man sich die politischen Begebenheiten vor Augen führt.
Die Geschichte driftete mir zu schnell davon und ich konnte die aufgeführten Fäden nur selten greifen. Seine Sprache ist abermals herausragend, dennoch entwickelte sich trotz der interessanten Umgebung und den soziologischen Philosophischen nichts wirklich weiter als ein Krimi-Thriller mit einem abgewrackten Entwickler.
Somit halte ich zwar Dan Simmons weiterhin für einen herausragenden Schriftsteller – dennoch verweise ich lieber auf seine anderen Werke wie zum Beispiel TERROR, ELM HAVEN und ganz besonders die HYPERION-GESÄNGE. Flashback kann sich dieser Riege leider nicht anschließen.
Jürgen Seibold/06.02.2020

Robinson, Kim Stanley: Roter Mond

Originaltitel: Red Moon
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jakob Schmidt
Deutsche Erstausgabe 09/2019
©2018 by Kim Stanley Robinson
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32010-9
ca. 621 Seiten

COVER:

Dreißig Jahre in der Zukunft: Der Mond ist kolonisiert. Am lunaren Südpol, wo die Sonne niemals untergeht, haben Amerikaner und Chinesen ihre Basen in den Kraterwänden eingerichtet. Für Fred Fredericks ist es der erste Flug zum Mond. Im Auftrag von Swiss Quantum Works soll er einen Quantenkommunikator, mit dem sich absolut abhörsichere Gespräche führen lassen, an die chinesische Mondbehörde liefern und installieren. Doch bei der Übergabe wird Chang Yazu, der ranghöchste Verwaltungsbeamte, vergiftet, und Fred wird bei dem Anschlag schwer verletzt. Als er wieder zu sich kommt, steht er im Verdacht, der Mörder zu sein. Um seine Unschuld beweisen zu können, muss Fred aus der Mondbasis fliehen – und trifft dabei auf eine unwahrscheinliche Verbündete: Chan Qi, die Tochter des chinesischen Finanzministers. Sie ist aus persönlichen Gründen auf den Mond gekommen, und das, was sie dort erlebt, wird den Lauf der Geschichte verändern – auf Luna ebenso wie auf der Erde …

REZENSION:

Nach dem unglaublich interessant erzählten Buch von Kim Stanley Robinson mit dem Titel New York 2140, konnte ich es beinahe nicht mehr erwarten, mich wieder diesem mir bis dorthin unbekannten Autoren wieder zuwenden zu können. Dementsprechend erfreut war ich, als der neue mit Roter Mond betitelte Roman das Licht der Welt erblickte.
Ein kurzes Verweilen bei der knappen Inhaltsbeschreibung tat sein Übriges und so freute ich mich auf einen gelungenen Plot voll thrillerhaften Intrigen auf unserem erdnahen Trabanten.
Erstaunlicherweise schaffte es Kim Stanley Robinson in diesem Fall jedoch nicht, mich mit dem gleichen Sog an die Seiten und somit an seine Geschichte zu heften, wie bei dem gerade erwähnten Werk. Roter Mond wirkt einfach zu langatmig und eintönig ausschweifend erzählt. Robinson wollte in diesem Werk anscheinend ein wenig zu viel auf einmal vermitteln – seine klar als Metaphern verpackten Szenen verlieren sich dabei beziehungsweise ihren Leser beim Versuch, den eigentlichen Handlungsfaden aufrecht zu halten. Die Verknüpfungen als auch seine zu Grunde liegende Message wird einem recht schnell klar – dennoch würde sich viel besser auch unter Verwendung von erheblich mehr integrierter Spannung und erheblich weniger nichtssagenden Dialogen eine kritische Nachricht an die politisch interessierten Leser vermitteln. In diesem Fall siegte trotz meiner anfänglichen Euphorie die Belanglosigkeit als auch die nicht vorantreibenden Dialoge und es blieb mir nichts anderes übrig, als mich diesem Werke zu entziehen. Es fiel mir wahrlich schwer, da ich New York 2140 nahezu „gefressen“ hatte und den grundsätzlichen, sozialpolitischen Hintergedanken des vorliegenden Romans auch recht schnell verstand und zu akzeptieren gewillt war. Nichts desto trotz ist es auch oder gerade bei Romanen mit eingebauten Botschaften wichtig, den Leser bei der Hand zu nehmen und umfänglich zu überzeugen. In diesem Fall hat es bei mir jedenfalls leider nicht funktioniert.
Jürgen Seibold/15.01.2020

Hannig, Theresa: Die Unvollkommenen

©2019 by Theresa Hannig
Deutsche Originalausgabe ©2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
ISBN 978-3-404-20947-7
ca. 399 Seiten

COVER:

Bundesrepublik Europa, 2057: Es herrscht Frieden in der Optimalwohlökonomie, einem lückenlosen Überwachungssystem, in dem mithilfe von Kameras, Linsen und Chips alles erfasst und gespeichert wird. Menschen und hochentwickelte Roboter sollen Seite an Seite leben. Störenfriede werden weggesperrt.
So auch die Systemkritikerin Lila. Als sie im Gefängnis aus einem künstlichen Koma erwacht, stellt sie fest, dass ihr schlimmster Albtraum wahr geworden ist: Die BEU wird von einer KI regiert. Samson Freitag wird als Gottkönig verehrt und erpresst von den Bürgern optimalkonformes Verhalten. Für Lila steht fest, dass sie Samsons Herrschaft und die Entmündigung der Menschen beenden muss. Ihr gelingt die Flucht, doch Samson spürt sie auf und bietet ihr einen Deal an, den Lila nicht ausschlagen kann …

REZENSION:

Erst als ich mich diesem Buch widmen wollte, stellte ich fest, dass es sich eigentlich um eine Art Fortsetzungsband zu dem Buch mit dem Titel „Die Optimierer“ von Theresa Hannig handelt. Dieses Werk war mir kein Begriff und wäre es ersichtlich gewesen, dann hätte ich mich dem vorliegenden Werk bestimmt nicht gewidmet.
Ich wagte mich trotz des vermeintlich fehlenden Wissens an die Lektüre und konnte dabei erfreulicherweise feststellen, dass sich Die Unvollkommenen absolut ohne diesen Background problemlos lesen und verstehen lässt. Man entdeckt keine Wissenslücken, wodurch es der Autorin gelungen ist, ein eigenständiges Werk zu entwickeln.
Der Schreibstil ist außerordentlich flüssig gehalten und man kann sich recht schnell auf die Rolle Lilas einlassen. Einige Verhaltensweisen finde ich etwas konstruiert beziehungsweise durch die Darsteller zu schnell akzeptiert. Sieht man darüber hinweg, verfolgt man eine interessante Idee in einem leicht dystopischen und sehr gut aufgebauten Setting in der nahen Zukunft unseres Landes. Theresa Hannig legt ihr Setting in die Nähe Münchens, wodurch ich mich sogleich wie zu Hause fühlen konnte, da mir alle von ihr in diesem Buch besuchten Plätze und Sehenswürdigkeiten ein Begriff sind.
Anfangs treibt sie ihre Handlung rasant voran – sicher, der Plot ist bald für Vielleser vorhersehbar, nichts desto trotz spürt man kein Verlangen zum Beenden des Buches. Dafür ist die Story – trotz vereinzelter Schwächen – doch ausreichend interessant dargelegt.
Die anfängliche Spannung konnte die Autorin leider nicht durchweg aufrechterhalten und ganz besonders in Richtung Ende siegte dann ein wenig die Enttäuschung, da dieses zu schnell abgearbeitet worden ist. Hier hätte es sicher noch ausreichend erzählerisches Potenzial gegeben. Keine Ahnung, ob die Autorin noch weitere Bände herausbringen möchte – zumindest sprechen einige noch offene Fragen dafür, als auch das relativ offen gebliebene Ende. Sollte dies der Fall sein, müsste sie aber deutlich die Spannungsschrauben anziehen, um manchen Leser mitnehmen zu können.
Die Unvollkommenen ist dennoch ein gutes Unterhaltungswerk mit einer nicht unerheblichen Botschaft und sorgt somit für angenehme Lesestunden.
Jürgen Seibold/05.01.2020

Cargill, C. Robert: Robo Sapiens

Originaltitel: SEA OF RUST
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Deutsche Erstausgabe 06/2019
©2017 by C. Robert Cargill
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32006-2
ca. 415 Seiten

COVER:

In der Zukunft ist die Welt eine andere geworden: Seit dem großen Aufstand der Maschinen gibt es keine Menschen mehr. Allerdings haben einige intelligente Großrechner während der Roboterkriege ganze Armeen von Bots unter ihre Kontrolle gebracht. Und nun bekämpfen sie sich gegenseitig, um als EWI, als Eine-Welt-Intelligenz, die alleinige Weltherrschaft zu übernehmen. Einige wenige Roboter weigen sich jedoch, im Universalbewusstsein der KIs aufzugehen, und sie schweben in tödlicher Gefahr. Brittle ist ein sogenannter Freibot und hat es bisher erfolgreich geschafft, sich der Übernahme durch die EWI CISSUS zu entziehen. Einsam und rastlos streift Brittle durch die Wüste, die früher der Nordosten der USA war, und hält sich mit dem Ausschlachten abgeschalteter Roboter über Wasser. Doch Ersatzteile sind rar geworden, und auch andere Freibots suchen danach. Auf der Flucht vor CISSUS wird Brittle in einen erbarmungslosen Überlebenskampf verwickelt …

REZENSION:

Als ich das Bild auf dem Cover zu Cargills Robo Sapiens sah, dachte ich ehrlich gesagt als erstes an eine Szene im internationalen Blockbuster mit dem Titel Terminator. Durch diesen Gedankengang gleich in die Roboterwelt katapultiert, war ich sichtlich von der dazugehörigen Beschreibung angetan und konnte nur noch hoffen, dass der Autor seine Geschichte auch mit interessanten Ideen aufwerten kann und nicht lediglich einen Abklatsch durch Kopiervorgänge aus ähnlich klingenden Werken der Literatur und/oder dem Film entstehen lässt.
Sehr schnell stellte sich heraus, dass Cargill geschickt vorgeht und einen komplett von Menschen befreiten Roman vorlegen konnte. Unsere Spezies wird lediglich in einigen Rückblenden angerissen – hatten wir den gegen uns kämpfenden KIs nicht wirklich etwas für uns Lebensrettendes entgegen zu setzen. Das war es dann mit uns Menschen und der blaue Planet wird ausschließlich von künstlichen Intelligenzen bevölkert.
Diese wiederum scheinen keinen Deut besser als wir zu sein: Es herrscht der Drang nach Macht und somit bilden sich einige Fronten, die um die Alleinherrschaft kämpfen. Darüber hinaus einige „freie“ Roboter, die mehr recht als schlecht über die Runden zu kommen versuchen und dabei immer in der gefährlichen Situation leben, dass sie von einer der herrschenden KIs unter Gewalteinwirkung annektiert werden.
Die Geschichte mit den Robotern als alleinige Darsteller wirkt außerordentlich erfrischend. C. Robert Cargill setzte diesen Umstand absolut geschickt um – auch wenn man ab und an vergisst, dass es sich um Roboter handelt, da ihre Dialoge und Vorgehensweisen doch sehr menschlich wirken. Diese „Vermenschlichung“ hält uns einen Spiegel vor und zeigt geschickt unsere eigenen Schwächen, ohne jemals im Buch teilhaben zu können.
Robo Sapiens macht sehr viel Spaß beim Lesen, ist ausreichend spannend und sorgt für gute Unterhaltung. Neben der dezenten Gesellschaftskritik würde ich nicht viel mehr hinein interpretieren – interessant ist auf jeden Fall die Stärke des Autors, dass künstliche „Wesen“ mehr Profil aufweisen als mancher Protagonist in anderen Romanen. Kurzum ein wahrlich gut umgesetzter Roman, der mit Sicherheit hauptsächlich für gute Unterhaltung sorgen soll und dies Anspruch auch problemlos bedient.
Jürgen Seibold/30.12.2019

Liu, Cixin: Jenseits der Zeit

Originaltitel: SISHEN YONGSHENG
Aus dem Chinesischen von Karin Betz
Deutsche Erstausgabe 04/2019
©2010 by Cixin Liu
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31766-6
ca. 990 Seiten

COVER:

Mehrere Hundert Jahre sind vergangen, seitdem die Existenz einer fremden Zivilisation im All nachgewiesen wurde. Jahrhunderte, in denen sich die feindliche Flotte der Trisolarier unaufhaltsam der Erde genähert hat. Viele Strategien wurden ersonnen, um dieser übermächtigen Gefahr zu begegnen, so etwa die Operation Wandschauer, bei der vier Auserwählte in vollkommender Abschottung einen Abwehrplan schmieden sollten. Wider jedes Erwarten war diese Strategie erfolgreich – es gelang dem Wandschauer Luo Ji nicht nur, die Trisolarier zu bedrohen, sondern sein Plan bewirkte sogar einen Waffenstillstand. Die Erde schien gerettet.
Ein halbes Jahrhundert später hat sich das Leben auf der Erde völlig verändert. Als Teil des Waffenstillstands war ein kultureller Austausch zwischen Menschen und Trisolariern verabredet worden, und die Hochtechnologie der Außerirdischen hat der Menschheit zu neuem Wohlstand verholfen. Erstmals scheint eine friedliche Koexistenz möglich. Aber der Frieden hat die Menschen unvorsichtig werden lassen. Cheng Xin, eine Raumfahrtingenieurin des 21. Jahrhunderts, wird aus dem Kälteschlaf geweckt, um den greisen Luo Ji als Wächter über das Abkommen mit Trisolaris abzulösen. Doch darauf haben die Trisolarier nur gewartet, und sie schlagen blitzschnell zu. Nun liegt es an Cheng Xin und an einem sterbenskranken jungen Mann, der zu einer geheimen Mission ins All gesandt wurde, die Menschheit aus ihrer größten Krise herauszuführen …

Mit Jenseits der Zeit vollendet Cixin Liu seine preisgekrönte Trisolaris-Trilogie, die eine zukunftsweisende Perspektive auf die Menschheit in den Weiten des Alls eröffnet.

REZENSION:

Jenseits der Zeit ist der abschließende Band der Trisolaris-Trilogie des chinesischen Schriftstellers Cixin Liu. Der erste Band konnte noch sehr gut als eigenständiges Werk fungieren. Spätestens zum zweiten Band mit dem Titel Der dunkle Wald war das Wissen des vorherigen Bandes unbedingt notwendig. In Jenseits der Zeit bleibt einem schlicht nichts anderes übrig, da sonst sämtliche Fäden verknüpfungslos vor des Lesers Augen schweben würden. Interessanterweise wirkt der dritte Band als ob es von einem anderen Autor geschrieben worden wäre, da die Vorgehensweise etwas abweicht. Jenseits der Zeit wirkt oft wie ein Bericht anstatt eines typisch gehaltenen Romans. Nichts desto trotz kann man sich diesem Werk ebenso wenig entziehen, wie den beiden voran gestellten Büchern.
Cixin Liu steht dafür keineswegs für das Darbieten eines spannungsgeladenen Science-Fiction-Romans voll epischer Schlachten – nein, Liu steht für tiefgründige, philosophische Gedanken und spannt mit seinen drei Büchern einen zeitlichen Bogen über mehrere Milliarden Jahren ohne dabei jeglichen Faden zu verlieren.
Da der Autor sein Werk in der nicht gerade einfach zu nennenden chinesischen Sprache geschrieben hatte, möchte ich sogleich meinen Hut vor der genialen Übersetzung und somit vor der Übersetzerin ziehen: Dieses Mammutwerk war sicher nicht einfach und dabei ist es ihr sogar gelungen, dieses schwierig zu fassende Thema absolut eingängig in der übersetzten Version dar zu legen. Perfekt.
Die Gegebenheiten in Lius Roman sind gespickt mit physikalischen Ausflügen, deren tieferer Sinn beziehungsweise Wahrheitsgehalt von mir nicht wahrgenommen oder überprüft werden kann. Da es sich um eine Geschichte handelt, nehme ich dies alles einfach als gegeben hin und widmete mich rein der Geschichte. Teilweise war es fast schon ein wenig zu viel der technischen und physikalischen Erklärung, wodurch auch einige Seiten weniger bestimmt nicht geschadet hätten. Davon abgesehen schaffte es Cixin Liu dabei jedoch immer wieder, exakt zum perfekten Augenblick seinen Fokus zurück auf die eigentliche Story zu legen, wodurch niemals Langeweile aufkam.
Freunde der gepflegten Spannung in detaillierter Darbietung können eventuell noch Gefallen am ersten Buch mit dem Titel Die drei Sonnen finden – alle weiteren Werke lassen Spannungsspitzen nicht wirklich aufkommen, leben eher von ihrer unglaublich weitläufig ausgebreiteten Philosophie.
Allein die Benutzung eines Märchens als zukünftiger Wegweiser der Menschheit ist herausragend – gleichzeitig war dieses Märchen bereits interessant genug, um eine eigene Veröffentlichung bekommen zu können.
Jenseits der Zeit ist somit ein rundum gelungener Abschluss einer anspruchsvollen, hochwertigen, philosophischen und zum Nachdenken führenden Trilogie. Ein absoluter Höhepunkt des Genres für Freunde anspruchsvoller Literatur.
Jürgen Seibold/26.12.2019

Sullivan, James A.: Die Stadt der Symbionten

Originalausgabe
©2019 Piper Verlag GmbH, München
ISBN 978-3-492-70419-9
ca. 720 Seiten

COVER:

Nach einer Alien-Invasion ist die Erde unbewohnbar. Die wenigen Überlebenden der Menschheit leben unter einer Kuppel, der „Oase im Winter“. Jaskandris, die letzte Bastion der Menschen, wird von einer Künstlichen Intelligenz gesteuert.
Als Symbiont, ein durch Computerinterfaces erweiterter Mensch, kann Gamil Dellbridge mit den Maschinen der Stadt per Gedanken über seine Interfaces kommunizieren. Eines Tages fängt er ein Flüstern auf, das sich unter die Signale der Stadt mischt. Voller Neugier folgt er dem mysteriösen Ruf und ahnt nicht, dass ihn die Spur geradewegs zu einem Geheimnis führt, das nicht nur sein Leben in Gefahr bringt, sondern auch alles, woran er glaubt, mit einem Mal infrage stellt.

REZENSION:

„Die Stadt der Symbionten“ von James A. Sullivan spielt in einer Welt, gesteuert von Fakultäten und einer allumfassenden Künstlichen Intelligenz. Die Anzahl der Menschen ist festgelegt – in den Tiefen der Stadt liegen weitere in einem Ruheschlaf und werden je nach Bedarf geweckt und in die Allgemeinheit überführt. Die Symbionten spielen eine besondere Rolle und stellen somit eine Art Schnittstelle zwischen den Menschen und der KI dar. Eines Tages nimmt der Symbiont Gamil ein Signal auf und folgt diesem. Dabei landet er bei Nelmura, eine im Tiefenschlaf befindliche Gründerin der Nelmurianischen Fakultät. Er hilft ihr bei der Flucht und befindet sich urplötzlich in einem politischen Ränkespiel um Macht und Vorherrschaft.
James A. Sullivans Idee ist grandios und auf den ersten Blick wunderbar erzählt. Man wird als Leser geschickt in die von ihm erdachte Welt eingeführt und man findet sich innerhalb kürzester Zeit gemeinsam mit Nelmura und Gamil auf der Flucht. Die ersten 200 Seiten stehen für diesen ersten Blick – das weitere Vorgehen konnte mich dann leider nicht mehr rundherum überzeugen. Sullivan erzählt die Geschichte natürlich hochwertig und fundiert. Seine Sprache ist auch ausreichend eingängig, dennoch entwickelte sich bei mir während der folgenden Seiten nach und nach das Gefühl, hier fehlt irgendetwas. Das fehlende Objekt ist auch gleich gefunden: Spannung. Sullivan erzählt entlang einer gerade Linie, die gänzlich ohne irgendwelche Ausschläge nach oben oder unten auskommt. Somit bewegt sich die Geschichte zwar vorwärts, es gibt aber keinerlei „Aufreger“ oder besondere Erlebnisse, die ein wenig für Herzklopfen sorgen könnten. Gleichzeitig bleiben die wichtigsten Figuren erstaunlich blass und somit entwickelt sich kein richtiger Bezug zu jeglicher teilnehmenden Person. Ich halte das für außerordentlich schade, da der Autor in seinem Buch „Die Granden von Pandoras“ problemlos beide Hauptdarsteller in die Herzen der Leser geschrieben hat und man dort trotz deren Feindschaft zwischen den beiden hin- und hergerissen war.
Spannungsaufbau ebenfalls im gerade genannten Buch immer wieder geschickt eingefügt – somit ein interessanter Roadtrip, einfach erzählt, überzeugend – hier im Gegensatz sehr durchdacht und niveauvoll erzählt, dabei leider nicht durchweg überzeugend.
Absolut schade, da mir der Start außerordentlich gut gefallen hat und darüber hinaus die Idee sagenhaft ist.
Jürgen Seibold/20.12.2019

Hansen, Thore D.: Die Reinsten

©2019 by Golkonda Verlags GmbH & Co. KG, München – Berlin
ISBN 978-3-946503-90-3
ca. 422 Seiten

COVER:

Die Erde im Jahr 2191: Hundertfünfzig Jahre nach einer verheerenden Zeit von Kriegen, Seuchen und Klimakatastrophen führt die künstliche Intelligenz Askit die letzten Überlebenden in eine Ära des Friedens. Elite der neuen Welt sind die Reinsten, die als Wissenschaftler für die Regeneration des Planeten arbeiten. Ihre Persönlichkeitsentwicklung wird von Askit ständig überwacht und gesteuert.

Eve Legrand wird von der KI in der wichtigsten Prüfung ihres Lebens als Reinste anerkannt. Doch anstatt von Askit ausgewählt zu werden, um die Erholung des Planeten von den Folgen des verheerenden Klimawandels voranzutreiben, wird sie ohne Erklärung verstoßen. Ihr bleibt nur die Flucht in die Zonen, die nicht von Askit kontrolliert werden. Eve wird dort mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die ihre gesamten Werte und Vorstellungen radikal infrage stellt. Und während sie beginnt, die Welt mit anderen Augen zu sehen, begreift Eve, dass Askit sie zum Werkzeug bestimmt hat: Es liegt in ihrer Hand, die Menschheit zu retten oder sie endgültig zu vernichten.

REZENSION:

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich endlich eine ansehnliche Zahl an Romanen mit den unausweichlichen Effekten des Klimawandels beschäftigen. Wie in den meisten ist es auch im vorliegenden Buch nicht gerade schön, was so alles auf uns zu kommt.
Thore D. Hansen stellt eine Welt dar, die absolut plausibel ist. Keinerlei Punkt wird beschönigt – im Gegenteil, seine Geschichte wirkt sehr wissenschaftlich und zeigt jeglichen Umstand einigermaßen detailliert ausgebreitet dar.
Die Reinsten ist somit eine Art Dystopie – eine „Art“ deshalb, da wir uns auf dem besten Wege dorthin befinden und eine Vielzahl bereits eingetroffen ist.
Fiktional bleibt beinahe nur die KI namens Askit, welche die Rolle des übergeordneten „Kümmerers“ übernommen hat. Somit prinzipiell schon einmal eine Verbeugung vor der außerordentlich gelungenen Idee mit einer Vielzahl an Fäden, die direkt mit unserer Gegenwart verbunden sind.
Dennoch konnte mich der Roman nicht wirklich überzeugen, geschweige denn begeistern. Dies liegt an der erzählerischen Vorgehensweise des Autors. Die schriftstellerische Qualität lässt nicht viel zu wünschen übrig, aber das Wort alleine reicht leider nicht, um einen Leser mitfiebern zu lassen. In diesem Fall dreht sich Thore D. Hansen leider zu oft im Kreis und man fragt sich, wann nun endlich der nächste Gang reingelegt und etwas Tempo aufgenommen wird. Darüber hinaus hatte ich keinen Zugang zur Hauptdarstellerin aufbauen können. Geschieht dies in einem Roman, versucht man als Leser andere Ebenen zu greifen, um noch ein wenig in das Geschehen eintauchen zu können. Da Eve in ihrer Rolle jedoch sehr dominant wirkt, ich nicht mit ihr warm geworden bin, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir über Sinn und Zweck dieser Story Gedanken machte.
Das ist sehr schade, da die Idee wahrlich gut ausgearbeitet worden ist und die dargestellte Welt nach der Klimakatastrophe nur eine Hand breit weg zu sein scheint. Nichts desto trotz wirkte alles etwas aufgesetzt und die handelnden Personen nahmen vieles zu leicht hin. Sobald jemand Kontur bekam, die Umstände aber für eine Änderung sprachen, drehte sich die Figur sogleich in die richtige Richtung und verlor dadurch erhebliche Glaubwürdigkeit.
Kurzum: Die Reinsten strotzt vor einer unglaublich gelungenen Idee und könnte sicherlich auch manchen Leser positiv überraschen. Für mich hat es leider nicht gereicht, da die Handlung durch die sehr ausführliche Buchbeschreibung nahezu abgesteckt worden ist und es keine außergewöhnlichen Überraschungen gab, um mich bei der Stange halten zu können.
Jürgen Seibold/28.11.2019

Lostetter, Marina: Die Reise

Originaltitel: Noumenon
Aus dem Amerikanischen von Irene Holicki
Deutsche Erstausgabe 03/2019
©2017 by Little Lost Stories, LLC
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31827-4
ca. 558 Seiten

COVER:

Wir schreiben das Jahr 2125: Mehrere Konvois brechen von der Erde in unerforschte Regionen der Galaxis auf, um wissenschaftliche Erkenntnisse über rätselhafte astronomische Phänomene zu gewinnen. Konvoi Sieben hat zum Ziel, den Planeten LQ Pyxidis zu erforschen, der wie von einem Mantel – oder einer Dyson-Sphäre – umschlossen scheint und einen unerklärlichen Energieausstoß erzeugt. Bemannt sind nur die Schiffe mit Menschen, deren Genreihen während des Fluges geklont werden, denn selbst mit einem speziellen Antrieb, der sich einer Subdimension der Zeit bedient, dauert der Flug subjektive hundert Jahre – während auf der Erde etwa tausend Jahre vergehen. Bald kommt es unter der Besatzung zu Problemen: Raumkoller und Auflehnung gegen die starre Hierarchie sowie die ebenso starre Festschreibung der Lebensspanne, nach der jedes Mitglied ausscheiden muss. Als LQ Pyxidis endlich erreicht ist, sieht sich die Konvoi-Besatzung mit einer Alien-Technologie konfrontiert, die ihr völlig neue Rätsel aufgibt. Ist die Mission gescheitert? Und wie wird die Erde des Jahres 4100 auf die Forschungsergebnisse reagieren?

REZENSION:

Laut Beschreibung im vorliegenden Buch hatte sich die Autorin Maria Lostetter bisher als Erstellerin von Kurzgeschichten einen Namen gemacht. Der hier besprochene Science-Fiction-Roman mit dem Titel „Die Reise“ ist ihr erster Ausflug in die Welt der Romane.
Ihr Schreibstil und auch die innerhalb der Buchdeckel befindliche Geschichte ist sehr eingängig und auf interessante Weise erzählt.
Die Geschichte besitzt anfangs unglaublich viel Drive, der sich wohl durch die Aneinanderreihung von Kurzgeschichten ergeben hatte. Hier erkennt man sehr deutlich den schriftstellerischen Ursprung: Marina Lostetter ist noch nicht ganz in der Romanwelt angekommen und bearbeitete somit ihre groß angelegte Zukunftsgeschichte auf Basis von kurzen Geschichten, die zwar verknüpft sind, jedoch dennoch oft nahezu für sich stehen. Dieser Umstand sorgte für ein schwankenden Empfinden, da man manches mal hin und weg – an anderen Stellen jedoch eher enttäuscht ist. Eine Bearbeitung dieser Aspekte auf Basis von geschickt verwobenen Kapiteln hätte ihrem Output sicher sehr gutgetan. Nichts desto trotz ist „Die Reise“ für ein Debüt ein ganz gut gelungener Wurf. Dennoch muss ich anmerken, dass ihr anfänglicher Drive etwa beginnend mit der Rückreise des Konvois sehr nachgelassen hat. Auch dies liegt sicher an der bereits angesprochenen Darbietung.
Alles in allem ist „Die Reise“ ein ganz guter erster Wurf einer neuen Autorin. Relativ guter Unterhaltungswert mit einigen Schwächen, die man aber für einen Erstling nicht unbedingt hervorkehren muss. „Die Reise“ sorgt für einige nette Lesestunden, ohne besonderen Wert auf Tiefgang oder detaillierte Betrachtung ihrer grundsätzlichen Idee und dem Leben auf den Schiffen zu legen. Allein der soziologische Aspekt hätte einem anderen, erfahreneren Kollegen (Kollegin) der Zunft unglaublich viel Futter zur Darbietung gegeben.
Jürgen Seibold/27.11.2019

Scalzi, John: Verrat – Das Imperium der Ströme

Originaltitel: „The Consuming Fire“
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kempen
©2019 by John Scalzi
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-29980-5
ca. 381 Seiten

COVER:

Der Thron der Imperatox wackelt: Die großen Handelshäuser wollen Grayland lieber früher als später beseitigt sehen, und auch die Kirche steht nicht mehr fraglos hinter ihrem Oberhaupt.
Gleichzeitig schreitet der Zerfall des Imperiums weiter voran. Der erste Planet ist bereits von den interstellaren Strömen abgeschnitten, und bald droht auch allen anderen menschlichen Zivilisationen die Isolation – und damit ihr Untergang.
Grayland versucht mit allen Mitteln, das Imperium auf die bevorstehende Katastrophe vorzubereiten, doch die Zahl ihrer Verbündeten schrumpft …

REZENSION:

Bei „Verrat“ handelt es sich um den zweiten Band der mit „Kollaps“ begonnenen Trilogie mit dem Obertitel „Das Imperium der Ströme“.
John Scalzi zeigt auch im Nachfolgeband sein Talent in der wechselhaften Darbietung von Humor, Brutalität und Ernsthaftigkeit. Die prinzipielle Welt dieser Trilogie ist durch die planetenverbindenden Ströme sehr interessant und nachvollziehbar dargelegt. Die daraus entstehenden, mafiösen Strukturen setzen dem Ganzen nur noch eins drauf.
Dennoch konnte mich „Verrat“ nicht wirklich überzeugen – dies steht im krassen Gegensatz zu meiner Meinung über den ersten Band, der mich mit seinem Humor und ganz besonders mit seiner inhaltlichen Darbietung rundum begeistern konnte. Aus diesem Grund war ich auch ganz gespannt auf den Nachfolgeband. Nun stellt sich mir jedoch die Frage, ob es grundsätzlich am zeitlichen Abstand zwischen den Bänden liegen könnte: Irgendwie konnte ich beim Lesen von „Verrat“ nicht mehr wirklich in dieses Universum eintauchen. Die Personen waren mir etwas fremd und der noch in meinem Kopf verankerte Hauptstrang nicht schnell genug greifbar. Irgendwie werde ich in letzter Zeit das Gefühl nicht los, dass es eventuell sinnvoller wäre, die Vorgehensweise der Trilogien einfach bleiben zu lassen und dafür einen dicken Band zu veröffentlichen. Ich kann mich nämlich noch ganz gut daran erinnern, wie ungern ich „Kollaps“ geschlossen hatte – ich wollte einfach nahtlos weiterlesen.
Etwa ein Jahr und viele anderen Bücher später fehlt mir der erneute Zugang und somit spüre ich auch keinen Drang zum finalen Band.
Vielleicht funktioniert das Prinzip noch bei Lesern, die ab und an Bücher zur Hand nehmen oder einfach warten, bis eine Reihe komplett veröffentlicht ist und man somit nahtlos dem gesamten Handlungsstrang folgen kann. Mich hat es in diesem Fall jedenfalls im Stich gelassen, wodurch das Imperium der Ströme einen zukünftigen Leser weniger haben wird – nichts desto trotz werde ich John Scalzi weiterhin im Auge behalten, da er schlichtweg ein grandioser Erzähler ist und mich dann bestimmt mit einer neuen Idee wieder für sich gewinnen kann.
Jürgen Seibold/23.11.2019

Tchaikovsky, Adrian: Im Krieg

Originaltitel: Dogs Of War
Aus dem Englischen von Peter Robert
Deutsche Erstausgabe 7/2019
©2018 by Adrian Tchaikovsky
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32024-6
ca. 381 Seiten

COVER:

„Mein Name ist Rex. Ich bin ein guter Hund.“ Und das ist auch alles, was Rex, eine sogenannte technisch optimierte Bioform, in seinem Leben möchte – ein guter Hund sein und seinem Herrn gehorchen. Gemeinsam mit seinem Rudel kämpft Rex in einem seit Jahrzehnten andauernden Krieg, und wenn sein Herr sagt „Töte!“, dann tötet Rex. Wieder und wieder. Als sein Herr eines Tages vors Kriegsgericht gestellt wird, kommen Rex jedoch Zweifel. Was soll er tun, wenn er keinen Herrn mehr hat, der ihm befiehlt? War es möglicherweise falsch, blind zu gehorchen? Und haben er und die anderen Bioformen überhaupt ein Anrecht auf Freiheit und ein eigenes Leben?

REZENSION:

Nach dem rundherum fulminanten und epochalen „Kinder der Zeit“ war ich sehr gespannt auf das vorliegende Werk mit dem Titel „Im Krieg“ von Adrian Tchaikovsky.
Tchaikovsky erzählt darin eine Geschichte über eine mögliche Zukunft des Krieges: Bioformen unterstützen den Menschen beim Kampf. Sie wurden dementsprechend gezüchtet beziehungsweise erschaffen, damit sie uneingeschränkt ihrem Herrn gehorchen und somit skrupellos über Leichen gehen. Ein simpler Tötungsbefehl und der treue Hund als auch die weiteren Mitglieder seines vielseitig aufgebauten Rudels töten, ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden. Nachdem jedoch die ehemaligen Lebewesen auch gedanklich ein neues Niveau erreicht haben, beginnen sie jedoch, sich nach und nach mit gewissen persönlichen Auseinandersetzungen zu beschäftigen. Dies verstärkt sich in dem Moment, als ihr Herrchen von einem Augenblick zum anderen nicht mehr für sie erreichbar ist.
Tchaikovsky entwickelt eine sehr interessante Parabel und sorgt somit für gedanklichen Tiefgang. Durch seinen sprachlichen Kniff lenkt er den Leser direkt in die Gedankengänge seines Hauptdarstellers – gleichzeitig ist dies aber auch der Punkt, welcher in meinen Augen dafür sorgte, dass ich zu diesem Werk keinen nachhaltigen Zugang finden konnte.
Erzählungen in der Ich-Form machen mir es häufig etwas schwer – in diesem Fall konnte ich mich darüber hinaus nicht mit der erzählenden Figur identifizieren. Aus diesem Grund spürte ich zwar die Kraft der Geschichte, konnte diese aber leider nicht rundum genießen.
„Im Krieg“ ist dennoch ein hochinteressanter Plot mit einer klaren Botschaft – eine Erzählform im Stile „Kinder der Zeit“ hätte bei mir sicherlich besser funktioniert. Hat man kein Problem mit dieser schwenkenden Art des Erzählens, findet man in „Im Krieg“ einen sehr interessanten Plot, der mehr bietet als reine Unterhaltung.
Jürgen Seibold/01.11.2019