Ray Bradbury: Fahrenheit 451

©1953 Ray Bradbury
ISBN 978-0-00-654606-1
ca. 227 Seiten

COVER:

THE TERRIFYINGLY PROPHETIC NOVEL OF A POST-LITERATE FUTURE…

Guy Montag is a fireman. His job is to destroy the most illegal of commodities, the source of all discord and unhappiness: the printed book.

Montag never questions the destruction or his own bland life, until he is shown a past where people didn’t live in fear and a present where one sees the world through ideas.

Montag starts hiding books in his home. Soon they’ll make him run for his life.

REZENSION:

FAHRENHEIT 451 ist ein Stück Literaturgeschichte. Dementsprechend schwer fällt es mir, hier nicht nur himmelhochjauzend für das Lesen dieses geschichtsträchtigen Werkes zu plädieren. Selbstverständlich sollte jeder Liebhaber von Büchern sich mit diesem Buch befasst zu haben – viel zu wichtig ist dessen visionärer Inhalt: Ein Verlust des niedergeschriebenen Wissens als auch der textuellen Darlegung von Geschichten würde die Menschheit ungebremst in die Dunkelheit stürzen. Nichts desto trotz scheinen wir uns trotz des Vorhandenseins von Wissen in den Weiten des Internets immer mehr in diese Richtung zu bewegen.
FAHRENHEIT 451 ist bedrückend für jeden Liebhaber guter Bücher – allein der Gedanke, dass Bücher nicht nur verboten, sondern gar bei Entdeckung von Feuermännern hochamtlich verbrannt werden, ist nur schwer nachvollziehbar und sorgt bei jedem Leser für eine durchgehende, ängstlich angehauchte Gänsehaut.
Nichts desto trotz hatte ich mir den Plot ein wenig spannender und beängstigender vorgestellt. Immerhin geht es hier um den Nachlass der Menschheit und um einen Menschen auf der Flucht vor seinen Häschern. Natürlich verliert sich die Dramatik und der philosophische Hintergrund auf keiner Seite und die Geschichte Bradburys steht auch nahezu 70 Jahre nach seinem Entstehen immer noch für sich. Würde jedoch ein Autor sich aktuell in dieser Art mit diesem Thema befassen, hätte er unter Umständen mit einigen etwas weniger euphorischen Stimmen zu rechnen. Als reiner phantastischer Plot ist es mir etwas zu zahm geschrieben – was nichts mit der Zeit des Entstehens zu tun hat, denn in den 50er Jahren entstanden hochrangige Werke der phantastischen Literatur. Als nachdenklich machende Lektüre ist FAHRENHEIT 451 anderen Werken jedoch deutlich überlegen und schafft es immer noch, uns einen nicht gerade kleinen Spiegel vor zu halten.
Ich hoffe sehr, dass wir niemals in eine Welt ohne Bücher eintreten, da dies definitiv der Anfang vom Ende wäre – vor ca. 70 Jahren gab es schon erste Schritte in diese Richtung. Möge sich so etwas nie mehr wiederholen …
Hysterika.de/JMSeibold/08.03.2021

Cixin Liu: Kugelblitz

Originaltitel: Qiúzhuáng shandiàn
Aus dem Chinesischen von Marc Hermann
Deutsche Erstausgabe 06/2020
©2000 by Cixin Liu
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32030-7
ca. 537 Seiten

COVER:

China in der nahen Zukunft. An seinem vierzehnten Geburtstag muss der junge Chen miterleben, wie seine Eltern vor seinen Augen getötet werden. Ein mehrere Tausend Grad heißer Feuerball fährt in ihr altes Haus und verwandelt alles in Asche – ein Kugelblitz. Fortan hat Chen nur noch ein Ziel im Leben: Er will diesem rätselhaften Naturphänomen auf den Grund gehen und es erforschen. Der Weg dorthin führt ihn weit weg von seiner Heimat in der chinesischen Provinz über sturmgepeitschte Gebirge bis in die Hauptstadt und tief hinab in die Geheimlabore des Verteidigungsministeriums. Dort trifft Chen, inzwischen ein anerkannter Wissenschaftler, auf die Waffensystementwicklerin Lin Yun, die genauso wie er von Kugelblitzen besessen ist.
Für ihr gemeinsames Ziel müssen sie nicht  nur politische und technische Hürden überwinden, sondern auch ihre Beziehung zueinander auf den Prüfstand stellen. Nach endlosen Versuchsreihen und vielen Rückschlägen machen die beiden schließlich eine atemberaubende Entdeckung, die Chen an die Grenzen der Physik führt und ihn vor eine Entscheidung stellt: Wem gilt seine Loyalität – seiner Obsession mit Kugelblitzen, seiner Partnerin Lin Yun, seinen Auftraggebern aus dem Ministerium – oder allein der Wissenschaft?

REZENSION:

Cixin Liu konnte mich durch seine großangelegte Trisolaris-Reihe nicht nur im Genre Science Fiction mit einer neuen prosaischen Art überzeugen, sondern auch mit den darin befindlichen philosophischen Ansätzen zu interessanten persönlichen Gedankengängen animieren.
Dementsprechend euphorisch widmete ich  mich dem bei uns in Deutschland vor kurzem veröffentlichten Werk mit dem Titel „Kugelblitz“.
Etwas später erfuhr ich, dass es sich dabei eher um ein Frühwerk des Autors handelt – nichts desto trotz klang der Inhalt außerordentlich interessant.
Bereits einige Seiten später schaffte es Cixin Liu durch seine geschickte Einführung und den daraus resultierenden Begebenheiten, mich abermals mitzunehmen. Liu startet außerordentlich spannend und man entwickelt als Leser von Seite zu Seite ein absolutes Eigeninteresse an den kuriosen Kugelblitzen. Leider kann dieses hohe Niveau durch den Autor nicht durchgehalten werden und man erkennt nach und nach, dass die beteiligten Personen relativ oberflächlich gezeichnet sind und sich die Geschichte mehr und mehr zu einem extremen Hard-SF-Plot entwickelt, der gefühlt nur noch auf Basis der wissenschaftlichen Diskussionen seinen Antrieb findet.
Als Einstieg in die Welt von Cixin Liu kann somit „Kugelblitz“ nicht empfohlen werden – als interessanter Blick auf die persönliche Entwicklung eines mittlerweile grandiosen Autoren funktioniert es relativ gut. Wer somit in die Welt dieses Schriftstellers eintauchen möchte, sollte sich unbedingt „Die drei Sonnen“ zulegen und somit mit der Trisolaris-Trilogie starten. „Kugelblitze“ steht ein gutes Stück unter dessen Niveau und ist eher für Kenner der Materie beziehungsweise absolute Freunde wissenschaftlicher Diskussionen innerhalb der Welt von tiefgehender Hard-Science-Fiction vorbehalten. Als antriebsvoller Unterhaltungsplot konnte es mich leider nur partiell überzeugen.
Hysterika.de/JMSeibold/13.02.2021

Jack Finney: The Body Snatchers

©1955 by Jack Finney
ISBN 978-0-575-08531-2
ca. 226 Seiten

COVER:

When Becky Driscoll turns up at Dr Miles Bennell’s consulting rooms after hours one August evening and tells him that her cousin Wilma doesn’t think that her Uncle Ira is really her Uncle Ira, this is just the beginning of a nightmare for the sleepy town of Mill Valley. As the number of similar stories multiplies, Miles discovers the horrific truth. Aliens are taking over the bodies and minds of his friends and neighbours …

REZENSION:

Jack Finneys Werk “The Body Snatchers” aus dem Jahre 1955 ist natürlich mittlerweile ein absoluter Klassiker des Science Fiction Genres. Interessanterweise bewegen wir uns in seinem Werk nicht in der Zukunft, sondern in einer verschlafenen Kleinstadt, in der sich scheinbar die Menschen nicht mehr so richtig normal verhalten. SF ist es lediglich durch den Umstand, dass es ein Alien-Roman ist und somit dieses Genre dafür herhalten muss.
In meinen Augen war „The Body Snatchers“ eher eine Art Horror – insbesondere, da ich als recht junger Kerl eines Tages die alte S/W-Verfilmung angesehen hatte und damals absolut geschockt war. Der Horror ist hier sehr subtil und findet eher im Kopf statt. Nun konnte ich mich endlich der Romanvorlage widmen und bin ähnlich überrascht, wie gut diese Geschichte auch weiterhin herausragend funktioniert. Natürlich ist die Zeit nun eine andere und manche Ansichten wirken doch sehr antiquiert – dennoch ist es unglaublich interessant, sich diesem frühen Werk zu widmen.
Es ist und bleibt ein Klassiker und sollte dementsprechend bekannt bleiben. Ein sehr geschickt aufgebautes Werk, welches erst zum Ende hin durch den rasant abgewickelten Höhepunkt ein wenig verliert. Finney hätte sich hier getrost noch etwas Zeit lassen können, um seine philosophischen Ansätze besser deutlich zu machen.
Hysterika.de/JMSeibold/08.02.2021

Stephen King: Wolves of the Calla

©2003 by Stephen King
This paperback edition published in 2012 by Hodder & Stoughton
ISBN 978-1-444-72348-9
ca. 771 Seiten

COVER:

Determined to reach the Dark Tower, gunslinger Roland and his companions emerge from the forests in the Mid-World on a path that leads to a tranquil valley community of farmers and ranchers in the borderlands.

Beyond the town, the rocky ground rises towards the dark source of affliction. Danger is imminent – the Wolves of the Calla are gathering once again, their unspeakable depredation poised to threaten the soul of the community. Roland and his companions must venture all as they face an unknown adversary. And the future of the Mid-World once again faces crimson chaos.

Wolves of the Calla is the magnificent fifth novel in Stephen King’s epic Dark Tower series that continues to captivate processions of readers.

AND THE TOWER IS CLOSER …

REZENSION:

Wenn man bei einem Epos von einem Lebenswerk sprechen kann, dann ist es sicherlich die Reise Rolands in Richtung des Dunklen Turms. Diese Werke begleiten nicht nur den Autor bereits seit mehreren Jahrzehnten, sondern auch Leser wie mich, die ebenfalls 30 Jahre benötigten, um Roland bis zum Ende seiner Reise begleiten zu dürfen.
Der Dunkle Turm ist dabei jedoch auch ein Gesamtkunstwerk, welches eine Vielzahl von Werken Kings miteinander verknüpft und durch den Mut, auch verschiedene Genre miteinander zu verweben, etwas ganz Besonderes in der Welt der Literatur darstellt.
Der Dunkle Turm ist Western, Horror, Fantasy, Thriller, Liebe, Science Fiction, Dystopie und noch vieles mehr in einem. Gleichzeitig uneingeschränkt philosophisch und zum Nachdenken anregend.
In „Wolves of the Calla“ treffen wir nicht nur auf den Priester aus Salems Lot sondern begeben uns auch des Öfteren nach New York, um die Fäden in Richtung Turm auf den richtigen Weg zu bringen. Schlussendlich wird gemeinsam mit den Dorfbewohnern der Calla gegen die regelmäßig kommenden Wölfe gekämpft, um diesen endgültig klar zu machen, dass die Bürger es nicht mehr länger akzeptieren, dass in gewissen Abständen Kinder als Opfer abgeholt werden.
Die Story ist unglaublich dicht und grandios erzählt. Selbst durch die bei mir etwas angespannte Konzentration beim Lesen in der Originalsprache konnte mich nicht davon abbringen, förmlich an die Seiten geheftet zu sein. Wolves oft he Calla ist definitiv einer der stärkeren Bände der Werke um den Dunklen Turm. Die Figuren werden einem immer vertrauter und der Turm rückt ungebremst näher, auch wenn in diesem Werk weder der Mann in Schwarz noch der Turm selbst eine Rolle gespielt hat. Das ka-tet ist hierin selbst für die weitere Entwicklung verantwortlich und stellt sich diesem Anspruch auch ohne besondere Einwände. Dabei werden sie ihrem Ruf gerecht und zeigen die Stärke einer zusammengewachsenen Gemeinschaft.
Kennt man Stephen King, weiß man jedoch auch, dass solche Verflechtungen – wie im realen Leben – auch erneut brüchig werden können und somit immer zu pflegen sind.
Wer sich dem Dunklen Turm stellt kommt natürlich auch nicht an diesem Werk vorbei. Während der vierte Band viel aus dem Leben Rolands erzählte, begleiten wir hier wieder das Team auf ihrem Weg in Richtung Zentrum der Balken. Der Weg ist das Ziel und hier leuchtet der fünfte Band förmlich, da er durchgehend Lesefreude bereitet und man spätestens jetzt die Gefährten in das Herz geschlossen hat. Trotz ihrer persönlichen Unterschiede agieren sie hier als geschlossene Einheit und bauen dabei das Selbstvertrauen der Farmer auf, um sich gemeinsam mit ihnen deren Feinden zu stellen.
Sollte jemand neu einsteigen wollen: Vor Lesen dieses fünften Bandes hilft es übrigens ungemein, wenn man Salem’s Lot („Brennen muss Salem“) bereits kennt, da hier in diesem fünften Band Pater Callahan eine nennenswerte Rolle spielt und man seine Verweise in Richtung Barlow und dem kleinen Städtchen Salem nur durch Kenntnis des genannten Buches verstehen wird.
Hysterika.de/JMSeibold/17.01.2021

Tade Thompson: Rosewater

Originaltitel: Rosewater
Aus dem Englischen von Jakob Schmidt
©2016 by Tade Thompson
Deutsche Erstausgabe
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe Golkonda Verlag, München
ISBN 978-3-96509-010-1
ca. 440 Seiten

COVER:

Nigeria 2066 – Kaaro hatte Kontakt mit den außerirdischen Wormwood, die in Rosewater eine mysteriöse Biokuppel errichtet haben. Seitdem ist er „Empfänger“ mit der Fähigkeit, auf Gedanken, Gefühle und Erinnerungen anderer zuzugreifen. Dank seiner kriminellen Vergangenheit zwingt ihn Sektion 45, eine geheime Regierungsbehörde, Menschen zu verhören, indem er in ihre Seele eindringt – ein Job, der ihn zum Zyniker werden lässt.

Als plötzlich immer mehr Empfänger wie er an einer tödlichen Seuche sterben, beginnt für Kaaro ein Wettlauf mit der Zeit. Verzweifelt versucht er herauszufinden, wer oder was dafür verantwortlich ist, um einer schrecklichen Zukunft zu entkommen.

Rosewater ist der Beginn einer großartigen Trilogie von einer der spannendsten neuen Stimmen der Science-Fiction.

REZENSION:

Rosewater zeigt sich bereits durch sein schlichtes Coverdesign als etwas gänzlich anderes. Mich persönlich hatte dieses dezente Design mit der stilisierten Kuppel extrem angesprochen und dementsprechend gespannt war ich auf den Inhalt des Debuts von Tade Thompson.
Vorneweg lässt sich relativ schnell sagen, dass ich mich die ersten 20 bis 30 Seiten erst einmal in das Setting reinfinden musste. Urplötzlich hatte mich jedoch nicht nur das Setting im Griff, sondern auch die interessanten Geschehnisse um Kaaro, der in seiner Eigenschaft als „Empfänger“ für eine Geheimorganisation mehr oder weniger gerne arbeitet und darin insbesondere für Verhörtätigkeiten zuständig ist, da er in die Biosphäre des Verhörenden eindringen kann.
Die Erzählweise Tade Thompsons ist interessant und dabei gleichzeitig etwas seltsam in ihrer Darbietung. Dennoch kann man sich lange Zeit den verschiedenen zeitlichen Ebenen nicht entziehen. Die Geschichte wird nämlich hauptsächlich in drei verschiedenen Ebenen dargelegt, wodurch Kaaro eine detailliert aufgebaute Grundlage bekommt. Interessanterweise funktionierte die Ebene mit der „Entstehungsgeschichte“ Kaaros – als Krimineller, der unter Verwendung seiner Fähigkeit agiert – in meinem Fall am besten.
Die Sprünge der Kapitel machten dabei jedoch auch den Genuss ein wenig schwierig, da man als Leser noch mit dem Eintauchen in die nahegelegte, futuristische Welt beschäftigt ist und der Autor sehr schnell seine Sprünge vollführt. Nichts desto trotz handelt es sich um eine sehr innovative Story und man ist lange Zeit regelrecht gespannt, wie die jeweilige zeitliche Ebene weiter vorwärtsgetrieben wird.
Eine sehr faszinierte Darbietung, die jedoch ihre Stärke in den ersten zwei Drittel des Buches ausbreitet – ab dem letzten Drittel scheint irgendetwas vonstatten gegangen zu sein, was dazu führte, dass man unter Umständen als Leser das tiefgehende Interesse verliert. Den genauen Punkt dieser Wegkreuzung konnte ich leider nicht erkennen und finde ihn auch nicht – dennoch stellt man dabei fest, dass die Stärke des Buches in den ersten 60-70% der Gesamtseitenzahl zu liegen scheint. Vielleicht ging es aber nur mir so oder es ist schlicht das notwendige Luftholen, um den Leser für die noch kommenden Folgebände zu wappnen. Mich hat er dabei verloren, obwohl ich trotzdem das Grundgerüst und die Art des Erzählens für eine unglaublich intelligente Variante im Genre der Science-Fiction halte.
Jürgen Seibold/25.04.2020

Simon Stålenhag: The Electric State

Originaltitel: Passagen
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
©Simon Stålenhag 2017
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2019 Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
ISBN 978-3-596-70379-1
ca. 141 Seiten

COVER:

EINE REISE BIS ANS ENDE DER WELT …
UND DARÜBER HINAUS

Nach einem Drohnenkrieg hat sich Amerika in einen postapokalyptischen Friedhof verwandelt: Wie fremdgesteuert streifen die Menschen durch ein zerfallendes Land. Und während die alte Welt stirbt, erhebt sich etwas Neues aus den Ruinen, das noch keinen Namen hat.

Mitten durch das Chaos bahnt sich eine junge Frau mit ihrem Roboter einen Weg nach Westen. Auf der Suche nach ihrem Bruder unternimmt sie eine einsame Reise durch die Überreste unserer Zivilisation.

REZENSION:

THE ELECTRIC STATE von Simon Stålenhag war nicht wirklich im Fokus meiner zu lesenden Bücher. Interessanterweise fand es dennoch seinen Weg in meine Hände und ich entschied mich, diesem Werk ebenfalls eine Chance zu geben. Das Buch selbst ist im Großformat und ein illustrierter, dystopischer Roman. Mit seinen gerade mal ungefähr 140 Seiten wirkt es durch den doch recht üppigen Preis etwas teuer – da man aber einen Bildband in Händen hält, relativiert sich dieses Gefühl sogleich. Bereits beim anfänglichen Durchblättern lässt man sich durch die realistisch wirkenden Zeichnungen gefangen nehmen. Beinahe alleine erzählen sie die düstere Geschichte der jungen Frau und ihrem kleinen Roboter auf der Suche nach ihrem Bruder. THE ELECTRIC STATE ist vordergründig nichts weiter als ein nettes Roadmovie, welches vom Inhalt seiner Geschichte allein nichts Besonderes zu sein scheint. Durch den geschickten Wechsel von Bild und Text entsteht jedoch ein sehr ergreifendes und tiefgründiges Werk, welches zu überraschen weiß und den Blick auf jeder Seite für längere Zeit haften lässt. Auch im Nachgang lässt sich dieses Werk immer wieder hervorholen und wie ein echter fotografischer Bildband lässt man hierin jede Zeichnung einzeln auf sich wirken und zart jede in ihm befindliche Geschichte auferstehen.
Ein Buch für Sammler und Kenner und ein Buch, welches für ein wenig Abwechslung im phantastischen Genre sorgen kann. Meines Wissens gibt es noch weitere Bände dieses künstlerisch ambitionierten Zeichners/Autors und es hat wohl auch bereits Netflix für erste Umsetzungen in filmischer Form gesorgt.
Absolut interessant, wie eine Mischung aus Graphic Novel und Roman funktionieren kann und eine Geschichte auf eine neue sinnliche Ebene heben kann.
Jürgen Seibold/12.04.2020

Richard Matheson: The Shrinking Man

©Richard Matheson 1956
First published in Great Britain in 2014 by Gollancz.
ISBN 978-1-473-21110-0
ca. 144 Seiten

COVER:

While on a boating holiday, Scott Carey is exposed to a cloud of radioactive spray. A few weeks later, following a series of medical examinations, he can no longer deny the extraordinary truth. Not only is he losing weight, he is also shorter than he was. Scott Carey has begun to shrink.

Richard Matheson’s novel follows through its premise with remorseless logic, with Carey first attempting to continue some kind of normal life and later having left human contact behind, having to survive in a world where insects and spiders are giant adversaries. And even that is only a stage on his journey into the unknown.

REZENSION:

Während meiner Kindheit – lange ist es her – gab es einige Filme, die mir über Dekaden im Gedächtnis geblieben sind. Die Zahl ist recht gering, doch einer dieser nachhaltigen Werke war definitiv „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C.“, welcher als Science-Fiction-Film dargeboten wird, jedoch in meinen Augen eher dem frühen Horrorgenre zuzuordnen wäre. Für mich war es jedenfalls einer der ersten Horrorfilme, die ich jemals gesehen habe.
Der Film handelt von Scott Carey, der während eines Bootsausflugs durch eine plötzlich auftauchende Wolke fährt und seitdem nach und nach immer kleiner wird. Der Film ist aus dem Jahre 1957 – dementsprechend noch in Schwarz/Weiß, nichts desto trotz waren die dargebotenen Effekte bereits bahnbrechend und der Kampf des kleinen Scott gegen die riesig wirkende Spinne fräste sich bis heute in mein Gehirn.
Den Film hielt ich für bahnbrechend – dass er auf Basis eines Buches entstand, entzog sich lange meiner Kenntnis. Mit den Jahren wird man klüger und der Genuss einiger Richard Matheson Werke wie zum Beispiel „Hell House“ und „I am Legend“ leiten den literaturbegeisterten Leser natürlich ungebremst zu „The Shrinking Man“, welches ich hier im Original gelesen habe, auf dem deutschen Markt unter dem Titel des Filmes veröffentlicht worden ist.
Auch jetzt frage ich mich, warum dieses Werk als SF-Klassiker bzw. SF-Masterworks vermarktet wird – in meinen Augen handelt es sich um eine klassische Horrorgeschichte. Insbesondere der Kampf gegen die Spinne spricht bereits dafür – gleichzeitig befinden wir uns in der damaligen Gegenwart und der einzige SF-Hinweis könnte die ominöse Wolke am Anfang der Geschichte sein. Die Ursache wird jedoch nicht erklärt und wie in vielen Gruselwerken der damaligen Zeit ist das sicher eine Allegorie zu den unbekannten Gefahren des beginnenden Atom-Zeitalters mit all ihren noch kommenden Problemen. Die Menschen nutzten schon immer Filme und besonders Bücher, um sich ihren Sorgen und Ängsten zu stellen – auch hier ist es nichts anderes.
Die Geschichte von Richard Matheson halte ich im Hinblick auf ihre Entstehungszeit genauso bahnbrechend wie den darauffolgenden Film. Film und Buch sind sich sehr ähnlich und man erkennt deutlich die kurze Zeitspanne zwischen Buch und dem ein Jahr später folgenden cineastischen Werk – erfreulicherweise übernahm Richard Matheson auch die Entwicklung des Drehbuchs, wodurch sich diese beiden Präsentationsformen natürlich eng miteinander verzahnen konnten.
Leider scheint das Buch in deutsch aktuell nicht erhältlich zu sein – daher griff ich zur recht günstigen, englischen Ausgabe als eBook. Somit war das Lesen zwar etwas schwieriger und ich musste mich etwas mehr konzentrieren, nichts desto trotz begeisterte mich jede einzelne Seite. Die Geschichte „The Shrinking Man“ ist wahrlich ein Klassiker der Horrorliteratur (gerne auch der SF-Literatur) und somit bleibt mir nichts anderes übrig, als dieses frühe Meisterwerk jedem Interessierten uneingeschränkt an das Herz zu legen. Perfekt!
Jürgen Seibold/29.03.2020

Suarez, Daniel: Delta-V

Originaltitel: Delta-v
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Deutsche Erstausgabe
©2020 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
„Delta-v“ ©2019 by Daniel Suarez
ISBN 978-3-499-00151-2
ca. 556 Seiten

COVER:

James Tighe, kurz J.T., ist ein Glücksritter und der beste Höhlentaucher der Welt. Eines Tages lädt ihn der Milliardär Nathan Joyce auf seine private Insel, um ihm ein Angebot zu unterbreiten, das er nicht abschlagen kann. Es geht um ein so visionäres wie hochgeheimes Projekt: Von einer Station im All soll ein riesiger Asteroid wirtschaftlich erschlossen werden. Denn die Menschheit des Jahres 2030 ist für ihr Überleben auf Rohstoffe angewiesen.
Zusammen mit Ex-Soldaten, Astronauten, Wissenschaftlern soll J.T. zu einem Team verwachsen, das extreme Situationen bestehen muss. Ungeheure Reichtümer locken. Es droht auch jederzeit der Tod. Und sehr spät erst begreifen die Mitglieder von Delta-v, dass ihr Auftraggeber ein sinistres Spiel betreibt …

REZENSION:

Daniel Suarez hat sich bereits mit seinen bisherigen Büchern einen gewissen Ruf erarbeitet. Er erzählt eingängig und spannend seine in der Zukunft platzierten Visionen. Dabei bleibt er nahezu immer im Bereich des Machbaren. Seine Techniken sind sozusagen fast greifbar und wohl auch deshalb legt er seine Geschichten in nicht allzu ferne Zeiten, sondern auch in beinahe greifbare Epochen.
In Delta-V erzählt er seinen Thriller relativ ruhig – erfreulicherweise schafft er es aber, dabei niemals in Richtung Langatmigkeit zu driften. Im Gegenteil, trotz der vereinzelt konstruierten Bauweise macht der Roman durchweg Spaß und wechselt im Laufe der steigenden Seitenzahl in Richtung SF-Abenteurerroman, was ebenfalls für eine unglaubliche Lesefreude sorgt.
Seine wirtschaftlichen Seitenhiebe kommen ein wenig zu kurz beziehungsweise hallen nicht lange nach. Hier bleiben auch eine nicht gerade geringe Anzahl an Fragen offen, die ich gerne noch gelöst gehabt hätte. Gleichzeitig ist mir aber bewusst, warum Daniel Suarez hier nicht tiefer wühlen wollte – wäre es doch unter Umständen komplett in eine andere Richtung gegangen, wodurch die spannende Szenerie mit Sicherheit hätte leiden müssen.
Delta-V ist eine nachvollziehbare und geschickt konstruierte SF-Geschichte mit einem Team, welches liebevoll und detailliert gezeichnet ist – darüber hinaus wirken alle Protagonisten auf Ryugu sehr sympathisch und man würde am liebsten an ihren Erlebnissen teilhaben.
Alles in allem eine sehr rund wirkende Geschichte, die sich flüssig lesen lässt und für absolut interessante, kurzweilige und spannende Stunden der Unterhaltung sorgt.
Jürgen Seibold/26.03.2020

Vogt, Judith C. / Vogt, Christian: Wasteland

Originalausgabe Oktober 2019
©2019 Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-52391-9
ca. 399 Seiten

COVER:

Eine Frau mit einem Motorrad.
Ein Mann mit einem Baby.
Eine Gang mit einem Schaufelradbagger.

Die alten Regeln gelten nicht mehr, seit drei Kriege und das Wasteland-Virus die Menschheit beinahe ausgelöscht haben. Marodierende Banden beherrschen das Land, und auf dem freien Markt sind Waren nur im Tausch gegen Gefallen zu haben.
Um an Medikamente zu kommen, lässt sich die herumreisende Laylay auf ein Geschäft ein: Weil sie als Einzige immun gegen das Virus ist, soll sie den Marktbewohner Zeeto in der Todeszone aufspüren. Als sie ihn findet, ist er bereits infizert. Zudem hat er etwas in einer geheimen Bunkeranlage gefunden: ein Baby. Und obwohl das Virus Laylay nichts anhaben kann, beginnt sie sich zu verändern …

REZENSION:

Das Buch WASTELAND des Ehepaars Vogt zeigt mir sehr deutlich, dass Rezensionen und Meinungen nichts weiter als Geschmäcker sind, die jeweils lediglich von einer einzigen Person wiedergespiegelt werden.
Immerhin konnte das Werk seinen Weg auf die Phantastik-Bestenliste schaffen, wodurch bewiesen worden ist, dass es seine Klientel zu überzeugen weiß. Ich als Jurymitglied nahm dies schmunzelnd zur Kenntnis, da ich mich als Gegenpol outen muss und neben der Idee nichts Weiteres finden konnte, was bei mir Überzeugung fand.
Ich bin mir nicht sicher, ob das an der aktuellen Situation liegt und ich schlicht mit der Darstellung der virusverseuchten Welt in den täglichen Nachrichten ausreichend bedient bin, oder ob es – was ich eher glaube – an dem mir nicht zugänglichen Schreibstil liegt.
Ich möchte hier auch nicht zu sehr ins Detail gehen, da es sich um ein von mir abgebrochenes Buch handelt und ich somit nur einen gewissen Part an meinen Augen vorüberziehen ließ, bevor ich die Entscheidung traf, dass wir beide nicht zusammenfinden.
Irgendwie bin ich auch erfreut, dass Bücher trotz ihres Auftretens in namhaften Listen nicht jeden rundum zufrieden stellen können – zeigt dies doch die Varianz von uns selbst. Aus diesem Grund darf man eine negative Kritik – sofern sie einigermaßen dargelegt ist – auch nicht als gesetzgebende Meinung betrachten. Vielmehr sollte man die unterschiedlichen Leser-Erlebnisse verwenden, um sich eventuell auf Basis einer Leseprobe selbst ein Bild zu machen.
Ich persönlich war jedenfalls recht angetan von der Idee – fand jedoch leider keinen sprachlichen Zugang. Schade…
Jürgen Seibold/23.03.2020

Zoe, Nicci: Das Genom Christi

©2019 by Edition Roter Drache
www.roterdrache.org
ISBN 978-3-946425-76-2
ca. 361 Seiten

COVER:

Man kann die Vergangenheit nicht ändern – nicht einmal, wenn man im Besitz einer Zeitmaschine ist!

Viele Jahre glaub das US-Militär, dies sei die absolute Wahrheit, und schickt immer wieder Menschen durch die Jahrhunderte. Doch dann erhalten sie eine Nachricht, in der vor einem fatalen Feher in der Geschichte gewarnt wird.
Gemeinsam mit einem Team aus Wissenschaftlern reist Colonel Matthew Agostini zurück in das Jahr 33 n. Chr., um herauszufinden, worin dieser Fehler besteht und wer dafür verantwortlich ist. Eine Suche, bei der jeder falsche Schritt das fragile Gleichgewicht des Raumzeitkontinuums gefährden kann.
Schon bald erkennt Agostini, dass es noch eine ganz andere Wahrheit gibt und dass sein Gegenspieler vielleicht in den eigenen Reihen zu finden ist.

REZENSION:

Zeitreiseromane beinhalten unglaublich viel erzählerisches Potenzial, da man auf eine geschickte Art und Weise unterschiedlichste Epochen innerhalb einer einzigen Geschichte darlegen und auch ineinander verweben kann. Gleichzeitig sind sie aber auch gefährlich, da man sich sehr schnell in den Wirren der verschiedenen Zeiten verlieren kann – insbesondere, wenn man Geschehnisse verändert, die Auswirkungen auf andere Zeiten nach sich ziehen.
Nicci Zoes Geschichte mit dem Titel „Das Genom Christi“ kann sich den Problematiken lange Zeit entziehen – sie verliert sich im Laufe des Buches jedoch auch etwas in den Paradoxien der Zeiten. Dies halte ich aber nicht unbedingt für störend, da ich bei Zeitreiseromanen grundsätzlich versuche, diese als Unterhaltungsromane zu betrachten und somit über manchen Fauxpas einfach gedanklich hinweg zu gehen versuche.
Wenn ich jedoch die technischen Komponenten beiseitelasse, gibt es dennoch einige Punkte, die mir persönlich zu simpel dargelegt worden sind. Ganz besonders fällt mir dabei die Leichtigkeit der handelnden Personen auf, die so gut wie alles als nahezu selbstverständlich annehmen. Das kann ich mir schlicht nicht vorstellen – vor allem, wenn man in die letzte Tage Jesus Christus reist, man neben Pontius Pilatus steht und der gefangene Jesus reingebracht wird. Gefühlt ergab sich hier nur ein „Oh, das ist Jesus“. Sorry, selbst der ungläubigste Mitmensch würde erstmal sprachlos mit offenem Mund neben Pontius stehen und versuchen, seine Gedanken wieder sauber geordnet zu bekommen. By the way: Selbst Jesus hat keine Probleme mit verschiedenen Zeiten – aber gut, er ist ja auch der Sohn Gottes…
Die Reisen selbst als auch die Auswirkungen und der plötzliche Verlust von bisher Gekanntem macht in diesem Buch dennoch Spaß. Sicher, auch hier ist einiges etwas einfach dargelegt, nichts desto trotz lässt es sich gut lesen und die auftretenden Ideen sind ausreichend interessant, um den nicht zu tiefgehend nachdenkenden Leser bei der Stange zu halten.
Mir persönlich hat es einmal wieder gut getan, einen Roman zu lesen, von dem ich mich schlicht auf der Basis von einfacher aber dennoch gut angelegter Ideen unterhalten zu lassen.
„Das Genom Christi“ ist getragen von einer rundum interessanten Idee. Diese ist bis knapp über die Hälfte auch relativ gut vorgetragen. Über diverse Paradoxien kann man hinwegsehen und die Erklärungsversuche, die in allen Romanen mit Zeitreisen auftreten, sind nett, aber wie immer auch nicht unbedingt recht viel mehr. Nach und nach verliert man ein wenig den Faden, da der Inhalt sich immer verwirrender darstellt. Trotzdem sorgte „Das Genom Christi“ für einige recht gut unterhaltsame Stunden.
Jürgen Seibold/22.03.2020

Chen, Qiufan: Die Siliziuminsel

Originaltitel: Huang Chao
Aus dem Chinesischen von Marc Hermann
Deutsche Erstausgabe 10/2019
©2019 by Stanley Chen Qiufan
©dieser Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31922-6
ca. 480 Seiten

COVER:

Chian in der nahen Zukunft. Mimi, eine junge Wanderarbeiterin, fristet ihr Dasein unter den Ausgestoßenen auf der Siliziuminsel. Hier im Südosten Chinas ist ein globaler Knotenpunkt des Elektronikschrotthandels entstanden. Tausende Arbeiter wie Mimi schuften tagein, tagaus auf den riesigen Müllbergen und sortieren kybernetische Prothesen, kaputte Roboterteile und ausrangierte Platinen für die Rohstoffgewinnung. Die Profite aus diesem Geschäft landen allerdings in den Taschen dreier Clans, deren Familien seit Jahrhunderten die Insel beherrschen.
All das ändert sich, als der Amerikaner Scott Brandle mit seinem Dolmetscher Chen Kaizong auf der Siliziuminsel eintrifft. Brandle will für seinen Konzern eine moderne Recyclinganalge errichten lassen, doch seine wahren Absichten hält er verborgen. Kaizong wiederum ist zwar in den USA aufgewachsen, aber auf der Insel geboren. Während Mimi und er sich näherkommen, muss er aber feststellen, dass er hier mit seinen Idealen und westlichen Werten zu einem Fremden geworden ist. Als eine Schiffsladung mit hochgefährlichem Cyberschrott auf der Insel eintrifft, setzt das eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang, die nicht nur Kaizongs und Mimis Liebe, sonder das Leben der Müllmenschen und das Schicksal der ganzen Siliziuminsel für immer verändern wird …

REZENSION:

Es ist unglaublich erfrischend, dass durch den großen Erfolg von Cixin Liu immer mehr Autoren aus dem Reich der Mitte mit ihren Werken den Weg in unsere Bücherregale finden. Es hätte mich auch sehr gewundert, wenn auf deren riesigem Markt keine herausragenden Autoren vorhanden wären – leider trübte uns unser Blick immer durch seine Ausrichtung gen Westen. Schön, dass man nun seinen Horizont simpel erweitern kann.
Kurz bevor ich Qiufan Chens „Die Siliziuminsel“ zu lesen begann, schaute ich mir eine Reportage über die Machenschaften innerhalb der Kunststoffindustrie an. Auch dort werden Menschen als Müllsammler und -sortierer in armen Ländern auf das Übelste ausgebeutet. Somit ist die Fiktion Chens leider schon lange keine Fiktion mehr.
Immer noch irritiert von der tiefgehenden Dramatik des Gesehenen widmete ich mich dem Buch von Quifan Chen. Dieser startet recht ähnlich und lässt uns an den Begebenheiten der armen Müllsammler auf der Siliziuminsel im Detail teilhaben. Auch dort findet nichts weiter als simple Ausbeutung der Ärmsten statt. Seine Utopie hat sich jedoch bereits eingeholt – was diese nur noch erschreckender macht.
Ehrlich gesagt fragte ich mich des Öfteren, warum sich Chen einer Zukunftsutopie widmete, diesen Umstand jedoch lediglich zur Darstellung noch unbekannter technischer Gegenstände wie zum Beispiel elektronischer Sexpuppen, die auf dieser Müllinsel landen, verwendete. Ob das Selbstschutz war? Nun, dies entzieht sich meiner Kenntnis – dennoch funktioniert das Buch auch problemlos als Gegenwartsliteratur.
Seine Darsteller als auch die Umgebung ist von Chen liebevoll, eingängig, glaubhaft und ausreichend detailliert dargelegt. Nichts desto trotz ließ er die Probleme auf der Siliziuminsel zu schnell auf der Seite und widmete sich der etwas kuriosen Liebesgeschichte seiner beiden wichtigsten Protagonisten. Spannungselemente sind nicht wirklich vorhanden, was kein Problem wäre, wenn er nur annähernd so philosophisch wie Cixin Liu aufgetreten wäre. Quifan Chen hat diese Qualität aber noch bei Weitem nicht und somit verliert er sich darin, beziehungsweise scheint es nicht durchgehend zu versuchen.
Das angerissene Grundthema ist aktueller denn je und hierzu hätte ich mir noch erheblich mehr erwartet als Chen darzulegen in der Lage war. Durch diese Vorgehensweise verliert die Geschichte etwas und kommt trotz des starken Starts aus diesem Tal auch nicht wieder heraus. Am Schluss bleibt ein einigermaßen guter Science-Fiction-Roman, der etwas darlegen wollte, dabei aber nicht gezielt genug vorgegangen ist und sich somit in seiner Beziehungsgeschichte und einigen Clanproblemen verloren hat.
Jürgen Seibold/01.03.2020

Simmons, Dan: Flashback

Originaltitel: Flashback
Deutsche Übersetzung von Karl Jünger
©2011 by Dan Simmons
©2019 der deutschsprachigen Taschenbuchausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32009-3
ca. 638 Seiten

COVER:

Die Welt im Jahre 2036. Die Vereinigten Staaten stehen kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps, in den Städten herrscht das Chaos, und die terroristische Bedrohung ist allgegenwärtig. Den größten Teil der Bevölkerung scheint das allerdings kaum zu kümmern, denn die Menschen sind abhängig von einer Droge namens „Flashback“, die es den Konsumenten ermöglicht, die glücklichsten Augenblicke ihres Lebens immer wieder neu zu erfahren. Einer von ihnen ist Nick Bottom, ein ehemaliger Polizist, der seit dem tragischen Unfalltod seiner Frau nur noch in der Vergangenheit lebt und mittels „Flashback“ die schönsten Momente mit ihr wiederaufleben lässt. Dann aber wird er erneut mit einem Fall betraut, dem Mord am Sohn eines hohen Regierungsbeamten, den er in seiner aktiven Zeit nicht aufklären konnte. Eher widerwillig beginnt Bottom mit den Ermittlungen. Bis er einer gigantischen Verschwörung auf die Spur kommt – einer Verschwörung, die für den verheerenden Zustand der USA und ihrer Bewohner verantwortlich ist.

REZENSION:

Dan Simmons ist ein Schriftsteller, der sich nur schlecht greifen lässt. Im Gegensatz zu den meisten Autoren scheint er sich absolut nichts über Genrezuordnungen zu scheren. Aus diesem Grund ist sein Output vielfältig und greift in nahezu jedes Genre ein, um sich dort ein kleines Plätzchen zu schnappen. Dadurch macht er es natürlich auch seinen Fans nicht gerade leicht: Mal liest man Fantasy, mal Horror, mal historisch angelehnte Halbwahrheiten, mal pure Science Fiction und im vorliegenden Fall SF, gewürzt mit einer visionär zu betrachtenden Idee, wie das Amerika der Zukunft aussehen könnte. Dies sehr dystopisch dargestellt und dabei gleichzeitig in die Form eines Krimis gepresst.
In meinen Augen ist Dan Simmons nicht nur ein kreativer Autor, sondern auch gesegnet mit einer herausragenden, schriftstellerischen Qualität. Nichts desto trotz konnte er es nicht schaffen, mich mit diesem Werk in irgendeiner Art und Weise überzeugen zu können.
Seine Welt ist zwar visionär, gleichzeitig aber auch schwierig zu verdauen, wenn man sich die politischen Begebenheiten vor Augen führt.
Die Geschichte driftete mir zu schnell davon und ich konnte die aufgeführten Fäden nur selten greifen. Seine Sprache ist abermals herausragend, dennoch entwickelte sich trotz der interessanten Umgebung und den soziologischen Philosophischen nichts wirklich weiter als ein Krimi-Thriller mit einem abgewrackten Entwickler.
Somit halte ich zwar Dan Simmons weiterhin für einen herausragenden Schriftsteller – dennoch verweise ich lieber auf seine anderen Werke wie zum Beispiel TERROR, ELM HAVEN und ganz besonders die HYPERION-GESÄNGE. Flashback kann sich dieser Riege leider nicht anschließen.
Jürgen Seibold/06.02.2020

Robinson, Kim Stanley: Roter Mond

Originaltitel: Red Moon
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jakob Schmidt
Deutsche Erstausgabe 09/2019
©2018 by Kim Stanley Robinson
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32010-9
ca. 621 Seiten

COVER:

Dreißig Jahre in der Zukunft: Der Mond ist kolonisiert. Am lunaren Südpol, wo die Sonne niemals untergeht, haben Amerikaner und Chinesen ihre Basen in den Kraterwänden eingerichtet. Für Fred Fredericks ist es der erste Flug zum Mond. Im Auftrag von Swiss Quantum Works soll er einen Quantenkommunikator, mit dem sich absolut abhörsichere Gespräche führen lassen, an die chinesische Mondbehörde liefern und installieren. Doch bei der Übergabe wird Chang Yazu, der ranghöchste Verwaltungsbeamte, vergiftet, und Fred wird bei dem Anschlag schwer verletzt. Als er wieder zu sich kommt, steht er im Verdacht, der Mörder zu sein. Um seine Unschuld beweisen zu können, muss Fred aus der Mondbasis fliehen – und trifft dabei auf eine unwahrscheinliche Verbündete: Chan Qi, die Tochter des chinesischen Finanzministers. Sie ist aus persönlichen Gründen auf den Mond gekommen, und das, was sie dort erlebt, wird den Lauf der Geschichte verändern – auf Luna ebenso wie auf der Erde …

REZENSION:

Nach dem unglaublich interessant erzählten Buch von Kim Stanley Robinson mit dem Titel New York 2140, konnte ich es beinahe nicht mehr erwarten, mich wieder diesem mir bis dorthin unbekannten Autoren wieder zuwenden zu können. Dementsprechend erfreut war ich, als der neue mit Roter Mond betitelte Roman das Licht der Welt erblickte.
Ein kurzes Verweilen bei der knappen Inhaltsbeschreibung tat sein Übriges und so freute ich mich auf einen gelungenen Plot voll thrillerhaften Intrigen auf unserem erdnahen Trabanten.
Erstaunlicherweise schaffte es Kim Stanley Robinson in diesem Fall jedoch nicht, mich mit dem gleichen Sog an die Seiten und somit an seine Geschichte zu heften, wie bei dem gerade erwähnten Werk. Roter Mond wirkt einfach zu langatmig und eintönig ausschweifend erzählt. Robinson wollte in diesem Werk anscheinend ein wenig zu viel auf einmal vermitteln – seine klar als Metaphern verpackten Szenen verlieren sich dabei beziehungsweise ihren Leser beim Versuch, den eigentlichen Handlungsfaden aufrecht zu halten. Die Verknüpfungen als auch seine zu Grunde liegende Message wird einem recht schnell klar – dennoch würde sich viel besser auch unter Verwendung von erheblich mehr integrierter Spannung und erheblich weniger nichtssagenden Dialogen eine kritische Nachricht an die politisch interessierten Leser vermitteln. In diesem Fall siegte trotz meiner anfänglichen Euphorie die Belanglosigkeit als auch die nicht vorantreibenden Dialoge und es blieb mir nichts anderes übrig, als mich diesem Werke zu entziehen. Es fiel mir wahrlich schwer, da ich New York 2140 nahezu „gefressen“ hatte und den grundsätzlichen, sozialpolitischen Hintergedanken des vorliegenden Romans auch recht schnell verstand und zu akzeptieren gewillt war. Nichts desto trotz ist es auch oder gerade bei Romanen mit eingebauten Botschaften wichtig, den Leser bei der Hand zu nehmen und umfänglich zu überzeugen. In diesem Fall hat es bei mir jedenfalls leider nicht funktioniert.
Jürgen Seibold/15.01.2020

Hannig, Theresa: Die Unvollkommenen

©2019 by Theresa Hannig
Deutsche Originalausgabe ©2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
ISBN 978-3-404-20947-7
ca. 399 Seiten

COVER:

Bundesrepublik Europa, 2057: Es herrscht Frieden in der Optimalwohlökonomie, einem lückenlosen Überwachungssystem, in dem mithilfe von Kameras, Linsen und Chips alles erfasst und gespeichert wird. Menschen und hochentwickelte Roboter sollen Seite an Seite leben. Störenfriede werden weggesperrt.
So auch die Systemkritikerin Lila. Als sie im Gefängnis aus einem künstlichen Koma erwacht, stellt sie fest, dass ihr schlimmster Albtraum wahr geworden ist: Die BEU wird von einer KI regiert. Samson Freitag wird als Gottkönig verehrt und erpresst von den Bürgern optimalkonformes Verhalten. Für Lila steht fest, dass sie Samsons Herrschaft und die Entmündigung der Menschen beenden muss. Ihr gelingt die Flucht, doch Samson spürt sie auf und bietet ihr einen Deal an, den Lila nicht ausschlagen kann …

REZENSION:

Erst als ich mich diesem Buch widmen wollte, stellte ich fest, dass es sich eigentlich um eine Art Fortsetzungsband zu dem Buch mit dem Titel „Die Optimierer“ von Theresa Hannig handelt. Dieses Werk war mir kein Begriff und wäre es ersichtlich gewesen, dann hätte ich mich dem vorliegenden Werk bestimmt nicht gewidmet.
Ich wagte mich trotz des vermeintlich fehlenden Wissens an die Lektüre und konnte dabei erfreulicherweise feststellen, dass sich Die Unvollkommenen absolut ohne diesen Background problemlos lesen und verstehen lässt. Man entdeckt keine Wissenslücken, wodurch es der Autorin gelungen ist, ein eigenständiges Werk zu entwickeln.
Der Schreibstil ist außerordentlich flüssig gehalten und man kann sich recht schnell auf die Rolle Lilas einlassen. Einige Verhaltensweisen finde ich etwas konstruiert beziehungsweise durch die Darsteller zu schnell akzeptiert. Sieht man darüber hinweg, verfolgt man eine interessante Idee in einem leicht dystopischen und sehr gut aufgebauten Setting in der nahen Zukunft unseres Landes. Theresa Hannig legt ihr Setting in die Nähe Münchens, wodurch ich mich sogleich wie zu Hause fühlen konnte, da mir alle von ihr in diesem Buch besuchten Plätze und Sehenswürdigkeiten ein Begriff sind.
Anfangs treibt sie ihre Handlung rasant voran – sicher, der Plot ist bald für Vielleser vorhersehbar, nichts desto trotz spürt man kein Verlangen zum Beenden des Buches. Dafür ist die Story – trotz vereinzelter Schwächen – doch ausreichend interessant dargelegt.
Die anfängliche Spannung konnte die Autorin leider nicht durchweg aufrechterhalten und ganz besonders in Richtung Ende siegte dann ein wenig die Enttäuschung, da dieses zu schnell abgearbeitet worden ist. Hier hätte es sicher noch ausreichend erzählerisches Potenzial gegeben. Keine Ahnung, ob die Autorin noch weitere Bände herausbringen möchte – zumindest sprechen einige noch offene Fragen dafür, als auch das relativ offen gebliebene Ende. Sollte dies der Fall sein, müsste sie aber deutlich die Spannungsschrauben anziehen, um manchen Leser mitnehmen zu können.
Die Unvollkommenen ist dennoch ein gutes Unterhaltungswerk mit einer nicht unerheblichen Botschaft und sorgt somit für angenehme Lesestunden.
Jürgen Seibold/05.01.2020

Cargill, C. Robert: Robo Sapiens

Originaltitel: SEA OF RUST
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Deutsche Erstausgabe 06/2019
©2017 by C. Robert Cargill
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32006-2
ca. 415 Seiten

COVER:

In der Zukunft ist die Welt eine andere geworden: Seit dem großen Aufstand der Maschinen gibt es keine Menschen mehr. Allerdings haben einige intelligente Großrechner während der Roboterkriege ganze Armeen von Bots unter ihre Kontrolle gebracht. Und nun bekämpfen sie sich gegenseitig, um als EWI, als Eine-Welt-Intelligenz, die alleinige Weltherrschaft zu übernehmen. Einige wenige Roboter weigen sich jedoch, im Universalbewusstsein der KIs aufzugehen, und sie schweben in tödlicher Gefahr. Brittle ist ein sogenannter Freibot und hat es bisher erfolgreich geschafft, sich der Übernahme durch die EWI CISSUS zu entziehen. Einsam und rastlos streift Brittle durch die Wüste, die früher der Nordosten der USA war, und hält sich mit dem Ausschlachten abgeschalteter Roboter über Wasser. Doch Ersatzteile sind rar geworden, und auch andere Freibots suchen danach. Auf der Flucht vor CISSUS wird Brittle in einen erbarmungslosen Überlebenskampf verwickelt …

REZENSION:

Als ich das Bild auf dem Cover zu Cargills Robo Sapiens sah, dachte ich ehrlich gesagt als erstes an eine Szene im internationalen Blockbuster mit dem Titel Terminator. Durch diesen Gedankengang gleich in die Roboterwelt katapultiert, war ich sichtlich von der dazugehörigen Beschreibung angetan und konnte nur noch hoffen, dass der Autor seine Geschichte auch mit interessanten Ideen aufwerten kann und nicht lediglich einen Abklatsch durch Kopiervorgänge aus ähnlich klingenden Werken der Literatur und/oder dem Film entstehen lässt.
Sehr schnell stellte sich heraus, dass Cargill geschickt vorgeht und einen komplett von Menschen befreiten Roman vorlegen konnte. Unsere Spezies wird lediglich in einigen Rückblenden angerissen – hatten wir den gegen uns kämpfenden KIs nicht wirklich etwas für uns Lebensrettendes entgegen zu setzen. Das war es dann mit uns Menschen und der blaue Planet wird ausschließlich von künstlichen Intelligenzen bevölkert.
Diese wiederum scheinen keinen Deut besser als wir zu sein: Es herrscht der Drang nach Macht und somit bilden sich einige Fronten, die um die Alleinherrschaft kämpfen. Darüber hinaus einige „freie“ Roboter, die mehr recht als schlecht über die Runden zu kommen versuchen und dabei immer in der gefährlichen Situation leben, dass sie von einer der herrschenden KIs unter Gewalteinwirkung annektiert werden.
Die Geschichte mit den Robotern als alleinige Darsteller wirkt außerordentlich erfrischend. C. Robert Cargill setzte diesen Umstand absolut geschickt um – auch wenn man ab und an vergisst, dass es sich um Roboter handelt, da ihre Dialoge und Vorgehensweisen doch sehr menschlich wirken. Diese „Vermenschlichung“ hält uns einen Spiegel vor und zeigt geschickt unsere eigenen Schwächen, ohne jemals im Buch teilhaben zu können.
Robo Sapiens macht sehr viel Spaß beim Lesen, ist ausreichend spannend und sorgt für gute Unterhaltung. Neben der dezenten Gesellschaftskritik würde ich nicht viel mehr hinein interpretieren – interessant ist auf jeden Fall die Stärke des Autors, dass künstliche „Wesen“ mehr Profil aufweisen als mancher Protagonist in anderen Romanen. Kurzum ein wahrlich gut umgesetzter Roman, der mit Sicherheit hauptsächlich für gute Unterhaltung sorgen soll und dies Anspruch auch problemlos bedient.
Jürgen Seibold/30.12.2019