Stoker, Bram: DRACULA – Große kommentierte Ausgabe von Leslie S. Klinger (Hrs.)

Aus dem Amerikanischen von Andreas Nohl (Romantext) sowie Andreas Fliedner und Michael Siefener
Erschienen bei FISCHER Tor
©2008 by Leslie S. Klinger
Einführung ©2008 by Neail Gaiman
Übersetzung des Romantextes
©2012 by Steidl Verlag, Göttingen
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70515-3
ca. 647 Seiten

COVER:

„Diese Ausgabe sollte jeder im Regal haben. Sie werden Dracula mit völlig neuen Augen lesen. Faszinierend!“
Stephen King

Eine der unheimlichsten und berühmtesten Geschichten der Weltliteratur: Von seinem Schloss hoch oben im Gebirge Transsilvaniens reist der geheimnisvolle Graf Dracula nach London und verbreitet dort Angst und Schrecken.

Doch so wie in dieser Ausgabe wurde diese Geschichte noch nie präsentiert: Herausgeber Leslie S. Klinger reist in seinen Anmerkungen durch zweihundert Jahre populärer Kultur. Dabei bringt er die politischen, ökonomischen, feministischen, psychologischen und historischen Fäden ans Licht, die „Dracula“ durchziehen. Klingers Entdeckungen werden auch eingefleischte Fans begeistern und lassen den legendären Vampir in einem völlig neuen Licht erscheinen.

Die definitive „Dracula“-Ausgabe für das 21. Jahrhundert

Dieser Prachtband enthält die hochgelobte Neuübersetzung des Romans aus der Feder von Andreas Nohl sowie fast 300 meist vierfarbige Abbildungen von Originalillustrationen, Titelbildern, Filmplakaten, Originalschauplätzen und vielem mehr. Über 1000 Anmerkungen beleuchten sämtliche Aspekte von Stokers Werk und Zeit.

REZENSION:

Als ich von diesem Buch das erste Mal etwas mitbekommen hatte, war ich sichtlich überrascht: Warum bringt jemand erneut DRACULA auf den Markt? Ein kurzer Blick in das Internet und sogar in das eigene Regal zeigt doch, dass es eine nahezu nicht mehr zählbare Vielzahl an veröffentlichten Büchern von den unterschiedlichsten Verlagen und in den unterschiedlichsten Ausführungen gibt.
Nun also ein weiterer Band, der beinahe für sich alleine steht, ist er doch bereits durch sein Erscheinungsbild ein Novum: Großformatige Ausgabe, wie sonst nur bei Bildbänden üblich (ca. 23x26cm mit einer Dicke von 5cm!); ein wunderschönes Cover und eine sehr stilvolle Prägung, wenn man das Cover abnimmt. Der Druck teils vierfarbig und die Darstellung inklusive Haptik absolut herausragend. Natürlich hat das auch seinen Preis und dieser ist mit den ausgerufenen 78,–€ wahrlich nicht von schlechten Eltern.
DRACULA ist eine Geschichte, die ich schon seit meiner Kindheit mehrmals zur Hand nahm und nicht nur gelesen, sondern genossen habe.
In meinen Augen gibt es eine kleine Zahl an historisch wichtigen Werken, die mehreren literarischen Ebenen den zukünftigen Weg ebneten. Dazu zählt das Gesamtwerk H.P. Lovecrafts, Shelleys „Frankenstein“ und natürlich Bram Stokers DRACULA.
Dementsprechend wichtig ist natürlich das Werk – doch ist es notwendig, sich mit der kommentierten Ausgabe von Fischer Tor zu beschäftigen?
Ehrlich gesagt haderte ich bei diesem Punkt ein wenig mit mir. Zum einen ist es mir schlicht nicht möglich, mich lediglich der kompletten Übersetzung des Romans zu widmen, da die Textspalte nur einen Teil der jeweiligen Seite verwendet. Die äußeren Bereiche werden für die Kommentierung verwendet. Diese wiederum sind in Rot gedruckt und heben sich somit ganz gut vom eigentlichen Text ab. Innerhalb dieses Textes befinden sich die Verweise auf die seitlichen Bemerkungen, wodurch das Auge eine Ablenkung erfährt. Somit ist es eher schwierig, diese seitlichen Bemerkungen zum reinen Textgenuss gedanklich auszublenden.
Um mir dennoch eine Meinung bilden zu können, änderte ich meine Vorgehensweise: Ich begann einfach mit dem Lesen des Textes und schwenkte bei Angabe einer Ziffer auf die dazugehörige Erklärung. Gut, dies führt nicht zu einem flüssigen Lesen des Romans – diesen kenne ich aber noch einigermaßen gut (vielleicht nicht in dieser Übersetzung und/oder Fülle) und somit versuchte ich mich schlicht auf die Bemerkungen Klingers einzulassen.
Dabei stellte sich plötzlich folgendes heraus: Es ist verdammt interessant, welche Informationen Klinger zur Kommentierung dieses Werkes gesammelt hatte. Erstaunlich, welcher Informationsgehalt sich in diesem Buch befindet. Es ist nahezu unglaublich, wieviel Hintergrund jemand zu einem in meinen Augen fiktiven Roman sammeln konnte. Gleichzeitig bekommt man dadurch das Gefühl, dass die Zusammentragung der Tagebucheinträge von Stoker lediglich vorgenommen worden sind und er somit diese Geschichte nicht „erfunden“ hat. Ist DRACULA doch keine Fiktion? Alles echt?
Interessant, welche Gedanken auftauchen – trotzdem schwingt dieser Punkt nebelhaft immer wieder mit.
Noch kurz ein kleiner Überblick zum Inhalt dieses „Sachbuches“:
Dem Werk vorgestellt ist nicht nur ein Vorwort des Herausgebers – nein, man konnte auch Neil Gaiman dazu animieren, sich mit einer  kurzen, aber wirklich sehr schöne Einführung in diesem Band zu verewigen. Gaiman ist und bleibt ein sprachlicher Virtuose und schafft dies sogar in einem Vorwort problemlos zu vermitteln.
Neben einer weiteren Kontextdarstellung folgt die eigentliche Geschichte in ungekürzter Darlegung. Im zweiten Teil des Werkes kommen noch einige weitere Kapitel, die sich mit dem Thema befassen: „Dracula nach Stoker“, „Sex, Lügen und Blut“, „Das öffentliche Leben Draculas“, „Draculas Stammbaum“, „Draculas Freunde“, eine Bibliographie und noch einige Worte zum ursprünglichen Manuskript.
Die große kommentierte Ausgabe von Leslie S. Klinger ist dennoch nicht für jedermann geeignet. Möchte man sich lediglich dem Roman zu wenden, dann reicht sicher ein günstiger Griff im örtlichen Buchladen zu einer der vielen Ausgaben. Ist man jedoch über diesen Punkt hinaus und man versucht in die Tiefen dieses Romans abzutauchen, dann kann diese herausragende Ausgabe wahrlich Glücksgefühle auslösen.
Ich selbst war irgendwo dazwischen – habe dabei aber nun festgestellt, dass ich mich fast täglich dabei ertappe, DRACULA von Kommentar zu Kommentar durch zu arbeiten (!). Dabei komme ich mir fast wie bei einem Studium vor – gleichzeitig macht dies richtig viel Spaß und sorgt für Erfahrungen und Wissensschätze, die weit über das eigentliche Thema hinausgehen.
Aber wie gesagt: Man muss sich solche Bücher nicht nur leisten können, sondern auch mögen – obwohl, wenn man es nicht mag, macht es zumindest eine verdammt gute Figur im eigenen Regal.
Jürgen Seibold/03.10.2019

Thomas, Scott: Kill Creek

Originaltitel: Kill Creek
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kristof Kurtz
Deutsche Erstausgabe 09/2019
©2017 by Scott Thomas
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32025-3
ca. 543 Seiten

COVER:

Am Ende einer langen Straße mitten im ländlichen Kansas liegt einsam und verlassen das Finch House. Es ist berüchtigt, schließlich ereilte jeden seiner Bewohner einst ein grausames Schicksal: Sein Erbauer wurde kaltblütig ermordet und dessen Geliebte von einem Lynchmob gehängt. Und die Finch-Schwestern, die Jahre später in das Haus einzogen, sollen dort immer noch ihr Unwesen treiben. Seitdem hat die böse Aura des Hauses jeden potenziellen Bewohner abgeschreckt. Könnte es also eine bessere Kulisse geben, um die vier erfolgreichsten Horrorautoren der USA an Halloween zu einem Interview zusammenzubringen und das ganze live im Internet zu streamen? Was als Publicity-Spaß beginnt, entwickelt sich schnell zum Albtraum für alle Beteiligten. Denn es kommen nicht nur die dunkelsten Geheimnisse der vier Schriftsteller ans Tageslicht, auch das Finch House selbst hütet ein dunkles Geheimnis. Aber anders als die vier Autoren möchte es dieses nicht für sich behalten. Und schon bald gibt es den ersten Todesfall …

REZENSION:

Beim Lesen der Coverbeschreibung des Debütromans von Scott Thomas mit dem Titel KILL CREEK freute ich mich sofort auf einen typischen, altmodischen Gruselroman, in dem – wie früher sehr oft – ein Haus die düstere und gruselige Hauptrolle spielt. Gleichzeitig stellte ich mir aber die Frage, ob dieses fast altertümlich klingende Schema auch in der heutigen Zeit noch funktionieren kann.
Macht es sich da ein neuer Autor recht leicht und versucht etwas Vergangenes zu kopieren oder kommt da gar eine neue Idee beziehungsweise Sichtweise, um dieses Gruselhausgenre in die heutige Zeit zu transferieren?
Nun, meiner Meinung nach schaffte es Scott Thomas recht gut, sich dem zweiten Aspekt anzunehmen und ein klassisches Genre auf ziemlich interessante Art neu zu erwecken.
Wir begleiten in seinem Buch vier herausragende Autoren zu einem Interview in besagtem Finch-House – organisiert von einem „Blogger“ mit ausreichender Reichweite, um für die Autoren aus Marketingsicht interessant genug zu sein. Dieser hatte sie dazu eingeladen und dafür gesorgt, dass die Autoren eine Nacht im sagenumwobenen Haus verbringen sollen.
Bis hier ist die Geschichte noch recht typisch und man rechnet bereits mit quietschenden Türen, knarrenden Treppen und durchs Bild huschende Schatten. Ein klein wenig schwingt dies auch immer mit – jedoch lässt Scott Thomas das komplette Klischee nicht durch, womit seine Geschichte im ersten Drittel zwar damit spielt, dennoch nichts offenlegt oder durchdringen lässt.
Gefühlt scheint nicht wirklich etwas zu geschehen. Bis auf ein paar Momente und Erlebnisse bringen die Autoren das Interview und die Nacht hinter sich.
Nach einer gewissen Zeit stellt sich jedoch heraus, dass die Autoren nach diesem Erlebnis mit einer drogenähnlichen Abhängigkeit vor ihren Rechnern sitzen um ein neues Buch zu schreiben. Jeder bereits am Ende seiner Leistungskraft, jedoch bis zu einem gewissen Punkt absolut ungebremst. Sobald zum Tippen aufgehört wird, scheint sich etwas Fremdes zu nähern.
Die vier Autoren schaffen es, sich erneut zu treffen und wagen abermals den Weg in das Finch-House, um endgültig der Einflussnahme des Hauses oder den darin lebenden Geistern ein Ende zu setzen.
Scott Thomas schafft eine geschickt erzählte Schleife. Dabei spielt er mit alten Regeln klassischer Gruselromane, dennoch gelingt es ihm, diese nicht zu kopieren, sondern einen Neustart zu verpassen. Gut, das Haus selbst trieft vor Klischees – die beiden Finch-Schwestern nicht minder: Trotzdem macht dies exakt den Flair dieser Geschichte aus und ich war richtig erfreut, eine moderne Story dieses von mir geliebten Genres lesen zu können.
Darüber hinaus ist KILL CREEK sehr personenbezogen erzählt und jeder Einzelne wird von seinen eigenen Dämonen aus der Vergangenheit gejagt. Allein dafür lohnt es sich bereits, KILL CREEK eine Chance zu geben.
Scott Thomas‘ Leistung bestand hauptsächlich darin, das versteckte, abgelegte Genre ein wenig abzustauben und den schönen, geisterhaften Gänsehaut-Grusel aus dem alten Schrank wieder hervor zu holen, um seinen Leser damit ein wenig zu erschrecken.
Dies ist ihm auch für einen Debütroman richtig gut gelungen.
Jürgen Seibold/22.09.2019

King, Stephen: Das Institut

Originaltitel: The Institute
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2019 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27237-8
ca. 768 Seiten

COVER:

In einer ruhigen Vorortsiedlung von Minneapolis ermorden zwielichtige Eindringlinge lautlos die Eltern von Luke Ellis und verfrachten den betäubten Zwölfjährigen in einen schwarzen SUV. Die ganze Operation dauert keine zwei Minuten. Luke wacht weit entfernt im Institut wieder auf, in einem Zimmer, das wie seines aussieht, nur dass es keine Fenster hat. Und das Institut in Maine beherbergt weitere Kinder, die wie Luke paranormal veranlagt sind: Kalisha, Nick, George, Iris und den zehnjährigen Avery. Sie befinden sich im Vorderbau des Instituts. Luke erfährt, dass andere vor ihnen nach einer Testreihe im „Hinterbau“ verschwanden. Und nie zurückkehrten. Je mehr von Lukes neuen Freunden ausquartiert werden, desto verzweifelter wird sein Gedanke an Flucht, damit er Hilfe holen kann. Aber noch nie zuvor ist jemand aus dem streng abgeschirmten Institut entkommen.

REZENSION:

Der neueste Roman von Stephen King trägt den Titel „Das Institut“ – und diese knappe Bezeichnung klärt bereits das hauptsächliche Setting der Geschichte.
Allein auf Basis der hohen Seitenzahl war ich mir sicher, dass King wieder seiner Rolle treu bleibt und somit seiner ausschweifenden und doch interessanten Erzählweise entsprechend vorgehen wird. Dies lässt sich auch problemlos bejahen, da er sichtlich losgelöst von seiner grundsätzlichen Idee das Buch beginnt und uns durch eine unaufgeregte Weise einen Protagonisten vorstellt, den man dann erst wieder zum Ende des Buches treffen wird. Dennoch ist bereits dieser Part außerordentlich interessant und schon bleibt einem nichts weiter übrig, als ungebremst der Geschichte zu folgen. Kings Stärke zeigt sich stark in diesem ersten Part, da er hier nichts weiter macht, als ein Kleinstadtleben vor dem Leser auszubreiten. Ohne jegliche Dramatik oder Spannung ist man an die Wörter fixiert. King stellt uns unaufgeregt einen Protagonisten vor: Tim Jamieson. Bevor man sich jedoch die Frage nach dessen weitere Rolle in der eigentlichen Geschichte stellt, schwenkt der Autor zu Luke und zieht dabei die Daumenschrauben an.
Luke wird gekidnappt und wacht wieder in einem Institut auf. Spätestens jetzt kann man sich dem Buch nicht mehr entziehen: Jegliche Handlung wirkt glaubwürdig, spannend und rundum gut durchdacht. Man erkennt sehr deutlich, dass King hier auch eine kleine Hommage an die erfolgreiche Serie „Stranger Things“ vornehmen wollte. Darüber hinaus zeigt sich wieder einmal, dass King ein unerreichbares erzählerisches Händchen hat, wenn Kinder die Hauptrolle bei hm spielen. In diesem Fall ist es zwar keine klassische „Coming-of-age“-Geschichte, dennoch sind in „Das Institut“ die Kinder nicht nur Opfer, sondern auch dazu gezwungen, ihrem eigenen Schicksal entgegen zu treten.
Der parapsychologische Touch erinnert etwas an Geschichten aus den 80er Jahren, wodurch der Gedanke an eine Hommage lediglich verstärkt wird. Das Setting spielt zwar in der heutigen Zeit – der Flair lässt sich jedoch nicht verleugnen.
Beinahe nebenbei führt er uns den Wahnsinn eines geheimen Instituts vor Augen und schreckt auch vor Vergleichen zu Konzentrationslagern nicht zurück. Kings Geschichten waren schon immer etwas mehr als reine Geschichten zur Unterhaltung. Auch wenn er oberflächlich betrachtet nur reine Unterhaltungswerke zu erschaffen scheint, schwingt immer sehr viel Zusätzliches mit. King möchte aufzeigen, dass der wahre Horror in der Wirklichkeit liegt und dabei auch das kleinbürgerliche nicht davor zurückschreckt. Im Gegensatz zu manch anderen Werken entlädt sich das Grauen im vorliegenden Buch nicht unter Verwendung eines Monsters oder ähnlichem – nein, in „Das Institut“ ist das Grauen greifbar und gelebt von Personen, die ihre Machtposition ausleben und dabei vor nichts zurück schrecken. Dies macht den Plot noch erschreckender und fühlbarer, denn der größte Feind der Menschheit ist und bleibt der Mensch.
„Das Institut“ ist jedenfalls ein abermals herausragendes Werk eines Autors, der routiniert Geschichten erzählt, dabei aber immer wieder zu überraschen weiß. Eine absolute Empfehlung und sicher auch ein Werk, welches bei manchem Leser die persönliche Bestenliste der King-Bücher neu durchschütteln wird.
Jürgen Seibold/15.09.2019

Wilson, Daniel H.: Die Dynastie der Maschinen

Originaltitel: Clockwork Dynasty
Aus dem Amerikanischen von Oliver Plaschka
Deutsche Erstausgabe 02/2019
©2017 Daniel H. Wilson
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe Knaur Verlag, München
ISBN 978-3-426-52100-7
ca. 413 Seiten

COVER:

Sie wissen alles, sie beherrschen alles – und sie sterben nicht. Sie sind awtomat, uralte menschenartige Roboter. Seit Jahrtausenden leben sie unerkannt unter uns. Doch ihre Zeit läuft ab: Sollte es ihnen nicht gelingen, eine neue Energiequelle zu finden, droht ihnen der Untergang. Noch dazu sind die beiden mächtigsten awtomatin einen Machtkampf verstrickt. Mitten in diesen mörderischen Konflikt gerät die Archäologin June: Beim Versuch, etwas über die Herkunft eines mysteriösen Artefakts herauszufinden, macht June eine ebenso sensationelle wie tödliche Entdeckung …

REZENSION:

Wenn man sich den bisherigen Output von Robert H. Wilson ansieht, erkennt man deutlich seine schriftstellerische Leidenschaft: Er widmet sich nahezu ausschließlich dem Erfinden von Geschichten mit Robotern jeglicher Art.
Im aktuellen Buch mit dem Titel „Die Dynastie der Maschinen“ wechselt er jedoch die Vorgehensweise und man findet sich plötzlich keineswegs mehr im Genre der Science Fiction. „Die Dynastie der Maschinen“ wirkt eher wie ein historischer Roman. Insbesondere durch die interessante Erzählweise und den dabei verwendeten Zeitsprüngen gibt der Autor dem gesamten Werk eine historische Tiefe, die man dem Autor beinahe komplett abzunehmen bereit ist. Natürlich handelt es sich dennoch um Fiktion – Roboter dieser Art scheinen ja nicht vorhanden zu sein. Nichts desto trotz wirken diese trotz ihres „Alters“ erstaunlich erfrischend und neu. Es handelt sich nämlich keinesfalls um Roboter der üblichen Art, die plötzlich in ihrer Software austicken und den Menschen bedrohen; nein, hierin lesen wir von Robotern, die es bereits seit tausenden von Jahren gibt. Dementsprechend sind sie auch hauptsächlich durch Zahnräder und weiteren alten Zutaten entstanden. Ihre Möglichkeit zum Leben entspringt eher dem fantastischen und mystischen Genre. Hier spielt irgendeine Software schlicht keine Rolle.
Viele kenne sicherlich den sagenhaften Schachroboter, der sich erst im Laufe der Jahre als Fake herausstellen sollte. Interessanterweise dachte ich an diesen als erstes – jedoch ohne den dabei verwendeten Schwindel.
„Die Dynastie der Maschinen“ ist durch die von Wilson entwickelte Idee ein rundum neuartiges Werk im Bereich der Literatur über beziehungsweise mit Robotern.
Es ist eher eine Art Abenteuerroman, dessen rasanter Trip zum Umblättern anregt. Ganz besonders überzeugend wirken die Episoden in vergangenen Zeiten – hier trifft auf sehr interessante Art und Weise reale Geschichte auf reine Fiktion. Absolut überzeugend und glaubhaft dargestellt.
Die gesamte Geschichte lebt vom Flair des Vergangenen. Leider konnte Wilson dass nicht zu einhundert Prozent aufrecht erhalten. Somit gab es etwa in der Mitte einen kleinen Hänger, der fast zur Langatmigkeit führte. Durch auftretende Spannungselemente konnte der Autor wieder etwas Fahrt aufnehmen – was aber zu einem etwas hektischen und schnell abgewickelten Ende führen sollte.
Nichts desto trotz sorgt „Die Dynastie der Maschinen“ für eine sehr unterhaltsame Zeit und darüber hinaus konnte der Autor damit dem Roboter-Genre einen weiteren Aspekt durch Verwendung einer erfrischend neuen Idee hinzufügen. Allein dafür hatte sich der Genuss dieses Werkes bereits gelohnt.
Jürgen Seibold/01.09.2019

Ehrhardt, Dennis: Sinclair – Dead Zone

Fischer Tor 02/2019
©2019 Dennis Ehrhardt und Sebastian Breidbach
© Deutsche Erstausgabe
S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-29994-2
ca. 461 Seiten

COVER:

London, Dezember 2018: An einem abgelegenen Kai des Londoner Hafens explodiert die Baltimore. Eines der Opfer an Bord: Detective John Sinclair, der zum Zeitpunkt des Unglücks in einem Mordfall ermittelte.

Sinclairs Tod wirft Fragen auf: Befand sich der Killer ebenfalls an Bord? Was hat Sinclair auf der Baltimoreentdeckt? Sinclairs Partner Detective Sergeant Gan Zuko führt die Ermittlungen fort, zusammen mit Sinclairs Nachfolgerin Shao Sadako. Bald häufen sich die Widersprüche, und die Grenzen der Realität scheinen zu verwischen …

REZENSION:

Geisterjäger John Sinclair ist ein Phänomen der Groschenromanwelt, welches mich bereits in sehr jungen Jahren immer mal wieder begeistern konnte. Die damaligen Heftchen waren überwiegend so aufgebaut, dass man nahezu problemlos (vor allem aus Mangel an notwendigem Taschengeld) immer mal wieder eines auslassen konnte. Dies zwar ungern, aber ab und an blieb einem nichts anderes übrig. Die Geschichten waren zum großen Teil abgeschlossen – leidglich einige wenige übergeordnete Fäden gab es im Auge zu behalten. Dies hat jedoch immer problemlos funktioniert.
Ähnlich wie andere Reihen der damaligen Zeit ist auch Sinclair eine nicht sterben wollende Figur und begeistert somit nicht nur mehrere Generationen, sondern auch generationsübergreifend.
Wie der damalige Titel „Geisterjäger…“ bereits aufwirft, handelt es sich um eine Krimiserie, mit vielen übernatürlichen Fällen. Aus diesem Grund konnte ich sie auch problemlos in mein Herz schließen und es war eine geschickte Möglichkeit, die ersten Eindrücke in spannungsgeladene und am Horror angelehnte Segmente zu sammeln.
Dennis Ehrhardt versuchte nun gemeinsam mit Sebastian Breidbach einen Neustart Sinclairs innerhalb einer wohl gerade am Entstehen befindlichen Romanreihe und gleichzeitiger Veröffentlichung als Hörbuch.
Wie man bereits der Coverbeschreibung entnehmen kann, spielt Sinclair die meiste Zeit im ersten Band mit dem Untertitel „Dead Zone“ keine Rolle. Der Fokus wird stark auf die Nebenfiguren gelegt, ohne dabei dem Detective ungerecht zu werden.
Die Handlung ist nur teilweise mystisch angelehnt und lässt noch unglaublich viel Potenzial nach oben. Ich hoffe sehr, dass die Autoren hier noch etwas stärker in die Trickkiste der früheren Heftchen greifen und die parapsychologische Truhe öffnen, um die ganzen alten Feinde heraus zu lassen – eventuell taucht dabei auch der ein oder andere neue Feind aus den Tiefen auf.
Sinclair – Dead Zone ist in meinen Augen ein sehr gelungener Re-Start. Gleichzeitig könnte die Spannungsschraube noch erheblich fester angezogen werden – dies trifft auch auf den phantastischen Teil der Geschichte zu, dabei glaube ich aber, dass dieser Punkt eher dem weiteren Plan entsprechend noch ein wenig zurückgehalten worden ist.
Alles in allem ist der als „neuer Anfang“ beworbene Titel ein doch recht gut gelungener Neustart. Ich als sehr lockerer und nicht regelmäßiger Sinclair-Leser der damaligen Zeit habe nicht mit dem vorliegenden Buch recht wohl und ziemlich gut unterhalten gefühlt. Aus meiner Sicht können sie gerne auf diesem Wege weiter machen.
Jürgen Seibold/22.08.2019

Ilisch, Maja: Die Spiegel von Kettlewood Hall

Originalausgabe April 2018
© 2018 Knaur Verlag
© 2018 Maja Ilisch
ISBN 978-3-426-52078-9
ca. 447 Seiten

COVER:

England 1886: Kettlewood Hall. Mehr als den Namen kennt Iris nicht. Ihre Mutter verliert kein Wort über das Herrenhaus, in dem sie früher als Dienstmädchen gearbeitet hat. Doch als Iris nach dem Tod ihrer Mutter eine kostbare alte Schachfigur findet, ahnt sie, woher diese stammt. Iris träumt von einem besseren Leben als dem einer Fabrikarbeiterin, und diese Figur ist der Schlüssel dazu – und zu dem Geheimnis ihrer eigenen Herkunft. Nur mit ihrer Hoffnung und der Schachfigur im Gepäck macht Iris sich auf den Weg nach Kettlewood. Doch seltsame Dinge gehen im Haus vor, und hinter den Spiegeln scheint etwas zu leben.
Was verschweigen die Kettlewoods? Bevor sie weiß, wie ihr geschieht, ist Iris Teil eines Spiels um Leben, Tod – und Liebe.

REZENSION:

Es ist schon einige Zeit vergangen, seit ich mich diesem Buch widmete. Das Buch liegt seitdem auf einem Bücherstapel, der nicht als üblicher „Stapel ungelesener Bücher“ fungiert, sondern als „Stapel unrezensierter Bücher“. Dies liegt an dem Umstand, dass ich mir zwar viele Werke durch meine Jury-Tätigkeiten zu Gemüte führe, jedoch es einige Monate gab, in denen ich mir nicht sicher war, ob ich weiterhin über alles gelesene Rezensionen veröffentlichen möchte. Da die Entscheidung für den momentanen Zeitabschnitt zu Gunsten der Rezensionen gefallen ist, versuche ich nun diesen Stapel im Nachgang einigermaßen gut ab zu arbeiten.
Natürlich ist es leichter, sich über ein Buch aus zu lassen, wenn man es gerade geschlossen hat und der Eindruck noch rundum frisch durch das eigene Gehirn wabert.
Als ich dabei „Die Spiegel von Kettlewood Hall“ zur Hand nahm, konnte ich mir zuerst nicht wirklich daran erinnern, es überhaupt gelesen zu haben – der Blick auf die Coverbeschreibung öffnete urplötzlich eine gedankliche Schublade und sämtliche Empfindungen wurden erneut herausgelassen.
Oberflächlich betrachte würde ich das Buch von Maja Ilisch als typisches Frauenbuch einordnen. In Zeiten der Diversität wäre das natürlich ein klein wenig zu kurz gesprungen und würde manche oberflächlichen Gedanken nur bestätigen. Nichts desto trotz geht es mir einfach ab und an so, wenn sich das Wort „Liebe“ auf der Coverbeschreibung befindet.
Natürlcih widmete ich mich trotzdem diesem Werk und ich war sehr schnell gefesselt von der liebevollen und detailliert gezeichneten Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Beim Schreiben dieser Worte sah ich Iris deutlich vor meinen Augen: Die kleine Fabrikarbeiterin, die sich beinahe ihrem Schicksal beugt und lediglich durch eine hochwertige und somit teuer wirkende Schachfigur von einem besseren Leben träumt.
Iris macht sich auf den Weg nach Kettlewood Hall und wird dort sogar positiv begrüßt und als nahezu gleichwertige aufgenommen.
Maja Ilisch schafft es dabei sehr geschickt, sowohl die vergangene Zeit als auch das dazugehörige Leben mit allen Höhen und Tiefen aufleben zu lassen. Ihre Geschichte wirkt beinahe wie die alten Klassiker und lässt ihren Leser somit die Tür in diese Zeiten öffnen.
Ehrlich gesagt hat es mich selbst ein wenig überrascht, aber Maja Ilisch konnte mich fangen und dementsprechend fixiert war ich auf den Fortgang dieser sehr klassisch und leicht düster wirkenden Geschichte.
Ich persönlich liebe es, wenn es jemand schafft, dieses Gefühl von alten Gruselfilmen mit alten, gruseligen Häusern zu wecken. Ich war sichtlich erstaunt, dass gerade eine deutsche und frische Autorin dazu nahezu problemlos in der Lage zu sein scheint.
Jürgen Seibold/07.06.2019

Ruff, Matt: Lovecraft Country

Originaltitel: Lovecraft Country
Aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube
© 2016 Matt Ruff
Alle Rechte der deutschen Ausgabe © Carl Hanser Verlag München 2018
ISBN 978-3-446-25820-4
Ca. 428 Seiten

COVER:

Atticus Turners Verhältnis zu seinem Vater Montrose war schon immer schwierig. Doch als der von einem Tag auf den anderen aus Chicago verschwindet, macht sich der zweiundzwanzigjährige Atticus wohl oder übel auf die Suche. Auch wenn Montrose` letzte Spur nach „Lovecraft Country“ in Neuengland führt, Mitte der fünfziger Jahre ein Ort der schärfsten Rassegesetze.
Zusammen mit seinem Onkel George, Herausgeber des Safe Negro Travel Guide, und Jugendfreundin Letitia gelangt Atticus schließlich bis zum Anwesen der Braithwhites. Im alten Herrenhaus tagt der Adamitische Orden der Alten Morgenröte, eine rassistische Geheimloge, mit deren Hilfe der junge Caleb Braithwhite nichts weniger als die Weltherrschaft anstrebt. Doch dafür braucht er Atticus, und nicht nur ihn.

REZENSION:

Matt Ruff legt mit seinem neuesten Werk „Lovecraft Country“ einen Roman vor, dessen Inhalt zwar durch einen gemeinsamen Faden zusammengehalten wird, dennoch vielmehr als Episodenroman zu betrachten ist. Es handelt sich dabei um mehrere Geschichten, die in ihrer Gänze problemlos als Roman funktionieren – somit ist „Lovecraft Country“ definitiv keine geschickt verpackte Kurzgeschichtensammlung.
Die Vorgehensweise erinnert etwas an die heutige Serienlandschaft: Einzelne Episoden, die in Richtung gemeinsames Ziel laufen, dabei von einer weiteren, übergeordneten und verbindenden Hauptrahmenhandlung verbunden werden.
Zeitlich befinden wir uns im Jahre 1954. Örtlich in den Vereinigten Staaten. Der Rassenhass ist auf seinem Höhepunkt und Matt Ruff nimmt dies sehr detailliert und geschichtlich korrekt in sein Werk auf. Als Leser sieht man sich konfrontiert von kuriosen Schwarz-Weiß-Gesetzen und vordergründig anständigen, weißen Bürgern, die sich ja nur um ihr Land kümmern.
Diese rassistischen Züge und Erlebnisse zwischen den Buchdeckeln regen unglaublich zum Nachdenken an – immer wieder stellt man sich die Frage, ob wir Menschen seit den 50er Jahren überhaupt etwas dazu gelernt haben…
Neben den eben erwähnten Themen erleben die Protagonisten natürlich noch erheblich mehr. Sie sind dabei konfrontiert mit einer rassistischen Loge, Geisterhäusern, Zauberern und sogar der Weg in fremde Welten bleibt nicht aus.
Matt Ruff lässt eine sehr interessante Ideenvielfalt auf den Leser los. Paart diese kuriosen Geschichten dabei beinahe nebenbei mit historisch korrekten Begebenheiten.
Am Stärksten ist sein Buch beim Auftreten des Rassenhasses – hier wird man direkt in die Welt der Protagonisten hineingezogen und man würde am liebsten das Wort erheben. Im Laufe des Buches lässt dieser Bereich etwas nach – als ob der Autor nun verstärkt seinen Fokus auf die eigentlichen Episoden legen musste.
„Lovecraft Country“ ist ein wahrlich gelungenes Werk auf hohem literarischen Niveau. Ich persönlich empfand etwa die erste Hälfte des Buches am Stärksten in seiner Aussagekraft. In der zweiten Hälfte sackte es etwas ab, konnte dennoch weiterhin ausreichend überzeugen.
Alles in allem ein wirklich interessant erzähltes Werk, bei dem man sich nicht ganz sicher ist, welcher Aspekt gruseliger ist: Die Horrorelemente oder der real existierende soziale Horror?
Jürgen Seibold/07.07.2018

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Korb, Markus K.: SPUK! Dunkle Geschichten

©2017 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein
ISBN 978-95869-563-4
ca. 285 Seiten

COVER:

Wenn die Rache aus dem Reich der Toten kommt …
Wenn im Genfer See ein grauenhafter Fund gemacht wird …
Wenn japanische Geister nach dem Leben trachten …
Wenn verhüllte Dinge Schauer über den Rücken jagen …
Wenn nachts im Riesenrad schicksalshafte Begegnungen lauern …
… dann ist die Zeit reif für SPUK!

Unheimliche Erzählungen von Markus K. Korb

REZENSION:

Markus K. Korb ist sicherlich schon fast jedem ein Begriff. Mir ist er schon vor Jahren als herausragender Autor von Kurzgeschichten in das Auge gefallen. Seine Stärken liegen dabei besonders im Schreiben von Kurzgeschichten, die sich weniger dem Genre des Horrors widmen, denn dem dabei angelehnten, aber etwas zarter wirkendem Genre der Unheimlichen Literatur.
Korbs Kurzgeschichten erinnern mich jedesmal an frühere Zeiten, als Geschichten ihre Wertigkeit in das feine Gruseln legten und nicht nur ungebremst brutale Details dar zu legen versuchen.
Auch im vorliegenden Kurzgeschichtenband bleibt sich Markus K. Korb weitgehend treu. Man findet hier 16 Geschichten, die beinahe durchweg versuchen, diesem Umstand gerecht zu werden. Wie so oft bei einem Kurzgeschichtenband ist man als Leser nicht unbedingt von jeder einzelnen Story durchweg überzeugt. Dies trifft auch auf diesen Band zu. Nichts desto trotz hat jede einzelne Geschichte – trotz der aufgrund des Lesers vorherrschenden Erwartung und des persönlichen Geschmacks auftretenden Berg- und Talfahrt – für ausreichend Unterhaltung sorgen können.
Gleichzeitig – wie ebenfalls nahezu in jedem Kurzgeschichtenband – gab es auch in dieser Sammlung einige Perlen zu entdecken. Allein durch den Genuss dieser dezent gruseligen Stories hat sich das Lesen des gesamten Bandes bereits gelohnt.
Am nachhaltigsten Erinnern kann ich mich immer noch an die letzte Geschichte mit dem Titel „Der letzte Flug der Enola Gay“. Diese ließ mich wirklich sehr nachdenklich zurück. Andere Stories konnten dies zwar ab und an auch für sich beanspruchen – dennoch wirkte der Schlussakt des Buches am Längsten bei mir nach. Dies kann natürlich auch insbesondere an dem historischen Hintergrund liegen.
Absolut interessant ist weiterhin der Ideenreichtum Markus K. Korbs. Gleichzeitig halte ich es für außerordentlich herausragend, dass sich der Autor weiterhin treu bleibt und Geschichten wie aus einer vergangenen Zeit schreibt. Man erkennt sehr deutlich die Ursprünge und literarische Liebe des Autors.
SPUK! Ist somit erneut eine unterhaltsame Sammlung für Freunde des klassischen Gruselromans in alter Tradition.
Ein kleiner Band, in dem sicherlich für jeden etwas zu finden ist.
Jürgen Seibold/27.05.2018

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Weitze, Torsten: Nebula Convicto – Grayson Steel und der Verhangene Rat von London

©acabus Verlag, Hamburg 2017
ISBN 978-3-86282-525-7
ca. 400 Seiten

COVER:

„Mr. Steel, hören Sie mir jetzt gut zu. Das Wesen, das Sie angegriffen hat, war eine Banshee.“

Detective Grayson Steel bearbeitet im modernen London die unbequemen Fälle des Scotland Yard. Als der den rätselhaften Tod einer jungen Frau untersucht, stößt er auf Geheimnisse, die normalen Menschen verborgen bleiben.

Er wird in eine Gesellschaft hineingezogen, die verborgen neben der menschlichen Welt existiert; die Nebula Convicto ist durchsetzt von geheimen Räten, magischen Attentaten und Wesen, die eigentlich nur in Fabeln und Mythen existieren sollten. In der magischen Gemeinschaft soll Steel die Rolle eines Sonderermittlers übernehmen und binnen kürzester Zeit ein entführtes Mädchen finden. Rettet er das Kind nicht, bevor ein neuer Anführer der Nebula Convicto gewählt wird, droht die gesamte Welt in einem zweiten Mittelalter zu versinken.

Nur mittels seiner Fähigkeiten als Ermittler und seiner neu entdeckten Kraft, Magie widerstehen zu können, kann sich Steel im Londoner Untergrund zwischen Ghulen, Vampiren und anderen magischen Wesen zurechtfinden.

REZENSION:

Als ich das Cover von diesem Buch zum ersten Mal betrachtete, entwickelte sich bei mir der Gedanke, dass es sich wohl um ein eher für Jugendliche geschriebenes Buch handelt.
Interessanterweise klang aber die Coverbeschreibung interessant und ich war hin- und hergerissen.
Das Buch fand aber dennoch seinen Weg in meine Gefilde und eines Tages nahm ich es somit mit dem Inhalt auf.
Es dauerte nur wenige Seiten und es war um mich geschehen. Nebula Convicto trägt zwar ein jugendlich wirkendes Cover und irgendwie auch einen langatmigen, komisch klingenden Titel – nichts desto trotz ist der Inhalt unglaublich gut durchdacht und hochwertig geschrieben. Hinzu kommt eine außerordentlich interessante Geschichte, wie sie mir schon seit langem nicht mehr untergekommen ist. Die Idee, einen Krimi im heutigen London unter Verwendung von nahezu sämtlichen mystischen Wesen hat ihren Reiz. Dennoch kann genau dieser Umstand auch dazu führen, dass sich der Autor verzettelt oder ins Absurde abtaucht. Im Gegensatz dazu jedoch Torsten Weitze! Er schafft es virtuos, eine sagenhafte Geschichte mit einem mehr oder weniger kuriosen Ermittler zu kreieren, die neben ihrer hohen Qualität auch noch mit einigen Twists aufwarten kann.
Von Seite zu Seite machte mir das Lesen immer mehr Freude und ich war sehr angetan von der Ideenvielfalt Torsten Weitzes. Die Geschichte selbst entwickelte sich teilweise kurios, aber immer sehr unterhaltsam und ausreichend spannend. Der gesamte Plot geht zwar zielstrebig zu einem bestimmten Ende – der Leser wird davon aber über lange Strecken im Dunkeln gehalten.
„Grayson Steel und der Verhangene Rat von London“ ist ein Krimi – ich selbst kein großer Krimifan – aber in dieser Zusammenstellung unter Verwendung dieser Verknüpfung von verschiedenen Genres konnte Weitze absolut für Begeisterung sorgen. Sollte er noch weitere Ideen für diesen nun bekannten Ermittler haben: Nur her damit!
Grayson Steel könnte eine wundervolle Krimiserie der besonderen Art darstellen und ich würde mich wirklich freuen, wenn der Autor noch einiges in Petto hat.
Davon abgesehen schreibt Weitze sehr eingängig und scheint keine Probleme zu haben, seinen Leser an der Hand zu führen. Dieser Umstand allein sorgt schon dafür, dass man sich diesen Namen merken sollte und er hoffentlich noch für viele Veröffentlichungen sorgen kann.
Jürgen Seibold/17.05.2018

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HYS093 – Im Gespräch mit CHRISTOPHER GOLDEN auf der #LBM2018

Auf der Leipziger Buchmesse 2018 hatte ich die Gelegenheit, im Rahmen der Veröffentlichungen von
DER FÄHRMANN und DIE SIEBEN PFEIFER des amerikanischen Autoren CHRISTOPHER GOLDEN ein Gespräch mit ihm zu führen.
So gut es in diesem begrenzten Zeitrahmen möglich war, streiften wir beide Bücher und gingen sogar ein wenig darüber hinaus.
Leider ist im Video Christopher Golden nicht richtig auf der Leinwand zu sehen – was aber wohl den unterschiedlichen Bildfrequenzen (Leinwand – Kamera) geschuldet ist.
Nichts desto trotz entwickelte sich ein schönes Gespräch mit einem sehr sympathischen und interessanten Autor.
Vielen Dank an den Buchheim-Verlag, der mich hierzu eingeladen hatte und selbstverständlich unserem Übersetzer, der Anfangs aufgrund der lauten Umgebungsgeräusche einen echt harten Job hatte.

King, Stephen / King, Owen: Sleeping Beauties

Originaltitel: Sleeping Beauties
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2017 by Stephen King und Owen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27144-9
ca. 960 Seiten

COVER:

Die Welt sieht sich einem so erschreckenden wie faszinierenden Phänomen gegenüber. Sobald Frauen einschlafen, umhüllt sie am ganzen Körper ein spinnwebartiger Kokon. Wenn man sie weckt oder das unheimliche Gewebe entfernen will, werden sie zu barbarischen Bestien. Sind sie im Schlaf etwa an einem schöneren Ort? Die zurückgebliebenen Männer überlassen sich zunehmend ihren primitiven Instinkten. Eine Frau allerdings, die mysteriöse Evie, scheint gegenüber der Pandemie immun zu sein. Ist sie eine genetische Anomalie, die sich zu Versuchszwecken eignet? Oder ist sie gar ein Dämon, den man vernichten muss? Schauplatz und Brennpunkt ist ein kleines Städtchen in den Appalachen, wo ein Frauengefängnis den größten Arbeitgeber stellt.

REZENSION:

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich seine Hoheit Stephen King dem Thema „Frauen“ annimmt. Ihm ist ebenfalls nicht entgangen, dass es in vielen Ländern ein frauenfeindliches Klima gibt, die #metoo-Bewegung immer weitere Kreise zieht und Frauen kurzum immer noch von vielen als nicht gleichwertig betrachtet werden.
Mit Sleeping Beauties nimmt er sich gemeinsam mit seinem Sohn diesem Thema an und man kann dieses Buch wahrlich als eine Hommage an das weibliche Geschlecht betrachten.
Per se halte ich diesen Umstand schon einmal für eine sehr gute Idee meines Lieblingsautors. Dennoch geht es auch um die Geschichte an sich – und wie bei jedem neuen Buch hoffte ich auch bei vorliegendem wieder etwas Prickelndes von ihm lesen zu dürfen.
Seine Story ist gut durchdacht. Gleichzeitig macht er es sich zusammen mit seinem Sohnemann abermals recht einfach in der notwendigen Ausarbeitung. Breitet er doch seine Story – wie schon oft – in einem kleinen Örtchen aus, um nicht zu weit ausholen zu müssen. Nichts desto trotz hat man das Gefühl, absolut jeden hier lebenden Einwohner persönlich kennen zu lernen. Dies ist sogleich die Stärke dieses Buches und es wird auch sehr schnell klar, dass eine Welt ohne Frauen nicht erstrebenswert sein kann. Tja, wer hätte das gedacht?
Die beiden Kings legen ihren Plot in üblicher Qualität vor. Das prickelnde Gefühl konnte aber nicht überspringen. Viel zu sehr erinnert das Einschlafen der Frauen und die jeweils dazugehörige Dramatik an die atemberaubend erzählten Sterbenden in Kings THE STAND. Dieses bösartige Erzählen und dabei emotional unberührt darüber hinweggehen sorgte bei THE STAND für eine Gänsehaut, die man nur noch mit dem immer wieder aufflackernden schwarzen Humor zur Seite wischen konnte.
In Sleeping Beauties ist dies gut erzählt – darüber hinaus wird man aber das Gefühl nicht los, dass hier irgendetwas fehlt. Kurz gesagt: Die Qualität Kings blitzt auf, entflammt aber nicht.
Sleeping Beauties ist beinahe 1.000 Seiten dick. Dies ist für einen King-Leser kein Problem, sind doch viele grandiose Werke von ihm so umfangreich und detailliert erzählt, dass diese Seitenzahlen schlichtweg einfach notwendig zu sein scheinen.
Hier war es mir leider etwas zu langatmig. Gleichzeitig vermisste ich den schwätzerischen King, der weit ausholend irgendwelche personenbezogenen Stories einfügt, die absolut nichts mit dem eigentlichen Plot zu tun haben, dennoch den Leser in seinen Bann ziehen. Mann, was habe ich das geliebt und bei vorliegendem Buch allein durch die Anwesenheit von 1.000 Seiten erhofft als auch erwartet.
Die Enttäuschung wuchs im Laufe der Geschichte: Seine Sätze waren kurzgehalten (Hat die alle sein Sohn geschrieben? Seit wann kann S.K. kurze Sätze?). Der daraus resultierende Plot wirkte nur noch langatmig und es kamen keine nennenswerten und tiefgehenden Details an die Oberfläche. Liegt das am Übersetzer? Oder hat Stephen King das Zepter etwas locker an der Hand gehalten?
Nun, Fragen über Fragen. Sleeping Beauties ist dennoch ein gutes Buch. Gleichzeitig eine typisch King’sche Kleinstadtgeschichte und diesem Fall auch noch eine sehr mystisch angehauchte Geschichte. Somit alles, was das Herz begehrt. King-Fans werden es ja sowieso lesen. Neueinsteigern würde ich aber zu früheren Werken des Autors raten. Diese sind definitiv effektiver und fräsen sich in des Lesers Gehirn.
Alles in allem eine relativ gute Geschichte, deren Grundgedanke wichtig ist. Trotzdem kein neuer leuchtender Stern im Kosmos Stephen Kings.
Jürgen Seibold/27.01.2018

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Martin, George R. R.: Armageddon Rock

Originaltitel: Armageddon Rag
Deutsche Übersetzung von Peter Robert
©1983 by George R.R. Martin
©2014 der deutschsprachigen Ausgabe by Golkonda Verlag GmbH.
©2016 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-641-19772-8
ca. 576 Seiten

COVER:

In einer apokalyptischen Nacht des Jahres 1971 stirbt eine Band – und mit ihr eine ganze Generation. Tausende von Zuschauern erleben live mit, wie der Sänger der legendären Nazgûl, von der Kugel eines Scharfschützen getroffen, auf offener Bühne tot zusammenbricht. Der Sommer der Liebe ist endgültig vorbei. Doch zehn Jahre später geschieht etwas Unglaubliches: Die Nazgûl sind zurück! Aber ihre Musik hat sich in ein rasendes Requiem verweandelt und kündet von Wahnsinn und Tod …

REZENSION:

George R.R. Martin ist ja durch seine sagenhafte und weit ausgeholte Geschichte über die Geschehnisse auf Westeros wohl mittlerweile jedermann ein Begriff.
Man könnte dieses Autoren somit problemlos auf seine Rolle im Genre der Fantasy reduzieren – gäbe es da nicht zusätzlich noch das ein oder andere Werk, dessen Inhalt nicht zu verachten ist und dabei eine weitgefächerte Kreativität des Autors belegen kann.
ARMAGEDDON ROCK ist ein früheres Werk Martins und wendet sich dem Ende der friedvollen, von Drogen, Sex und Leidenschaft getriebenen Welt des Rock and Roll zu. Er erzählt von einer Band namens Nazgûl, dessen Sänger auf dem Höhepunkt ihrer Karriere per Kopfschuss während eines sagenhaften Liveauftritts von einem Scharfschützen erschossen wird. Die Band löste sich natürlich nach dieser Grausamkeit auf und schien nur noch zu einer kleinen Notiz im Universum der Rockgeschichte zu werden.
Zehn Jahre später wird der abgehalfterte Musikjournalist und Möchtegernautor von seinem früheren Verleger dazu überredet, einen Artikel über die Nazgûl zu schreiben. Hintergrund ist ein Mordfall, bei dem der damalige Manager der Nazgûl auf brutale Weise getötet worden ist. Er macht sich auf den Weg, um die früheren Mitglieder zu finden, zu interviewen und dabei nach und nach heraus zu finden, dass erheblich mehr dahintersteckt, als man in seinen kühnsten Gedanken erwarten konnte. Zusätzlich macht das Gerücht seinen Weg, die Nazgûl würden einen Reunion-Tour planen – interessanterweise wissen lange Zeit nicht einmal die Bandmitglieder etwas davon, bis sie sich dann doch eines Tages gemeinsam wieder auf der Bühne finden. Doch wer übernimmt die Rolle des ermordeten Sängers? Nun, davon kann sich jeder Leser selbst überzeugen…
George R.R. Martin bietet uns mit diesem Werk eine liebevolle Hommage an den Rock der ausgehenden 60 und beginnenden 70er Jahre. Gleichzeitig wirkt Armageddon Rock auch als Abgesang auf diese Zeit. Man könnte somit sagen, es handelt sich um ein Musikbuch – und ja, um ein verdammt gutes Musikbuch, welches mit einem Lebensgefühl aufwartet und darlegt, wie es wohl seit Ende der „Blumenzeit“ wohl nicht mehr wirklich gegeben hat.
Eine Geschichte, die als Widmung zu vielen vergangenen Bands verstanden werden möchte. Dabei aber gleichzeitig ein grotesker Horrorroman, der die Reunion auf eine ganz andere Ebene hebt.
Sein Werk dient liebevoll als Reisebricht des unglücklichen Journalisten durch die Staaten, als epochales Rockbuch und fast sogar als Musikdokumentation längst vergangener Zeiten.
Er schafft es dabei auf geniale Weise, ein Lebensgefühl zu transportieren und man ertappt sich dabei, wie man plötzlich gitarrenlastige Musik als Hintergrundmusik zum Lesen benötigt.
Seine Personen sind durchweg detailliert eingefügt und glaubhaft dargestellt. Man erkennt schon ein wenig seine zukünftige Art des Ausschweifens – jedoch ist es in diesem Werk noch angenehm aufgebaut.
In meinen Augen ein nicht zu verachtendes Werk eines Autoren, der heutzutage im Großen und Ganzen auf sein epochales Game-Of-Thrones reduziert wird. Wie man merkt, gibt es da auch in der Vergangenheit bereits manch Perle von ihm.
Ein sehr empfehlenswertes Werk.
Jürgen Seibold/07.01.2018

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King, Stephen / Chizmar, Richard: Gwendys Wunschkasten

Originaltitel: Gwendy’s Button Box
Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach
©2017 by Stephen King und Richard Chizmar
© 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-43925-2
ca. 127 Seiten

COVER:

Wiedersehen mit Castle Rock

Die kleine Stadt Castle Rock in Maine hat die seltsamsten Dinge erlebt. Warum sollte es der jungen Gwendy anders ergehen? Eines Tages schenkt ein schwarz gekleideter Unbekannter ihr einen Holzkasten mit lauter Schaltern und Hebeln. Wozu er dient? Gwendy probiert es aus, und ihr Leben verändert sich von Grund auf.

REZENSION:

Mit Gwendys Wunschkasten kommt eine in meinen Augen sehr kurze Geschichte von lediglich knappen 130 Seiten auf den Markt. Die Bindung als Hardcover wirkt handlich und macht sich gut im Stephen-King-Regal.
Bei dieser Seitenzahl kann natürlich der normalerweise ausschweifend erzählende Autor nicht ausholen, wie man es von ihm kennt und zu schätzen weiß.
Bereits nach einigen Seiten musste ich schmunzeln, da Gwendy von einem Fremden namens Richard Farris einen Kasten mit Tasten bekommt. Nun, wer King kennt, weiß, das er gerne mit seinen Figuren bücherübergreifend spielt und sogar in Initialen Bedeutungen verborgen sind. Nun, Richard Farris = R.F. = Randall Flagg. Somit scheint sich hinter diesem Kasten sicherlich mehr zu verbergen, als es oberflächlich den Anschein zu haben scheint.
Die Story selbst ist eine wunderschöne Parabel über das Erwachsenwerden (wohl eine Leidenschaft Kings), als auch über die auftretenden Probleme beim Übernehmen von großer Verantwortung.
Sicher, durch die begrenzte Seitenzahl kann hier nicht allzu sehr ausgeholt werden, dennoch war es wieder einmal ganz schön, nach Castle Rock zurück zu kommen.
Gwendys Wunschkasten ist jedenfalls ein gelungenes Häppchen, bevor man sich dem nächsten 1000-Seiten-Blocker Kings widmet. Das Ende ist diskussionswürdig, aber auch wieder typisch für einen King.
Gwendys Wunschkasten besitzt einen dezenten Grusel, regt zum Nachdenken an und sorgt für ein behagliches Wiedersehen mit der fiktiven Stadt. Ein, zwei Verweise auf andere Werke konnte der Autor trotz der kurzen Möglichkeit auch noch hinterlassen.
Ein nettes, kleines Büchlein mit einer Geschichte, die mich ausreichend überzeugen konnte. Es gibt schlechtere King-Kurzgeschichten, aber es gibt auch bessere. Nichts desto trotz konnte Gwendys Wunschkasten überzeugen und ich freue mich bereits auf den Genuss seines neuesten Romans.
Jürgen Seibold/17.12.2017

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Richard Laymon: Das Auge

Originaltitel: ALARMS
Aus dem Amerikanischen von Sven-Eric Wehmeyer
Vollständige deutsche Erstausgabe 10/2017
©1992 by Richard Laymon
©2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-641-17654-9
ca. 352 Seiten

COVER:

Pen öffnete die Augen. Sie lag eingerollt auf der Seite, die Beine leicht ausgestreckt. Das obere Bein war eingeschlafen. Die enge Jeans hatte die Blutzirkulation abgebunden. Sie erinnerte sich nicht daran, sich auf die Seite gewälzt zu haben. War sie eingeschlafen, so wie ihr Bein? Sie spähte zum erleuchteten Zifferblatt des Weckers hinüber. Halb vier. Sie machte die Augen wieder zu. Und hörte Schritte. Die Wucht ihres Herzschlags raubte ihr den Atem. Sie vernahm nichts anderes als das Hämmern ihres Herzens. Dann einen neuerlichen leisen, kratzenden Schritt. Nicht innerhalb des Apartements, sondern auf dem Asphalt direkt vor ihrem Fenster. Das Fenster befand sich über ihrem Gesicht. Zitternd zog sie den Vorhang beiseite. Ihr gefror das Blut in den Adern …

REZENSION:

Der im Jahre 1947 geborene und leider bereits im Jahre 2001 gestorbene Richard Laymon wurde mit einer Vielzahl seiner Werke zu einem Garant für gelungene, blutige und spannende Horrorliteratur.
Seine Büchern schwanken dabei jedoch recht stark von absoluten Kultwerken zu Romanen, die ganz nett zum Lesen sind, dennoch sich nicht unbedingt in das Gehirn des Lesers einfräsen.
DAS AUGE liegt irgendwo dazwischen. Gleichzeitig darf man aber auch nicht vergessen, dass es sich dabei um ein Buch aus dem Jahre 1992 handelt. Wenn man dies im Hinterkopf behält, wird einem recht klar, dass zu dieser Zeit sehr viele Romane dieses Genres recht ähnlich aufgebaut waren und trotzdem ausreichend für Unterhaltung sorgen konnten.
DAS AUGE ist dabei – vor allem im Vergleich zu anderen Werken des Autors – recht harmlos. Dennoch sorgt es für eine funktionierende Unterhaltung mit ausreichend Spannungselementen. Sehr oft leider stark vorhersehbar, dennoch eine interessante Idee und ganz in Ordnung für einige Stunden zum Abschalten. Schlichtweg ein kurzweiliger, nicht zu tiefsinniger Thriller mit interessanten Protagonisten und in der eingängigen Sprache Laymons geschrieben. Sicherlich hätte er noch stärker auf das Gas drücken können, was wohl auch dafür sorgt, das DAS AUGE sicherlich harte Laymon-Fans nicht umfassend überzeugen kann.
Kurzum ein netter kleine Thriller für Zwischendurch – ähnlich einem Film aus dem Abendprogramm, dessen Hintergedanke nichts weiter als die kurzweilige Unterhaltung ihres Konsumenten darstellen möchte.
Jürgen Seibold/29.11.2017

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Carl Wilckens: 13 – Das Tagebuch (Band 1)

© acabus Verlag, Hamburg 2017
ISBN 978-3-86282-473-1
ca. 255 Seiten

COVER:

Godric End, Symbolfigur des Bürgerkriegs in Dustrien, ist in Gefangenschaft geraten. Für eine Zigarette pro Tag erzählt er den Insassen von Zellenblock 13 seine Geschichte:

Ich war elf, als ich zum ersten Mal tötete. Meine Jugend verbrachte ich in einer Drogenhölle ohne Sonnenlicht. Mein einziger Freund war der Hunger. Worte wie Freundschaft, Vertrauen oder Hoffnung bedeuten mir nichts. Das Leben eines Menschen ist für mich nicht mehr wert als das einer Ratte. Ich kann euch töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich bin mehr Bestie denn Mann und giere nach einer Droge namens Perl.
Trotzdem nennt man mich einen Helden. Ihr habt von mir gehört, von Godric End, dem Freiheitskämpfer. Aber die Wahrheit über mich kennt ihr nicht. Sie ist ein scheues und manchmal hässliches Tier.
Ihr sollt meine Geschichte hören. Die Geschichte von meinem Dasein im Rumpf der Swimming Island, von meiner Zeit als Auftragsmörder und von meiner ersten Liebe. Von der Suche nach meiner Schwester und dem Untergang der Welt.

REZENSION:

Als Carl Wilckens das Licht der Welt erblickte, musste ich mich bereits dem täglichen Irrsinn des Berufslebens widmen. Laut Beschreibung entspringt er somit einer Generation, die von Fantasyliteratur geprägt aufgewachsen ist. Nun, das würde ich nicht unbedingt unterschreiben. Sicher, diese Generation hatte es sicherlich leichter, da zu meiner Zeit Fantasy in den Augen unserer Eltern lediglich Papier für den Müll war. Trotzdem ist es uns gelungen, uns der Phantastik zu widmen – ausreichend Werke waren auch damals bereits vorhanden. Man musste nur etwas tiefer wühlen, gab ja keine Onlinemöglichkeit…
Na egal, es soll ja in dieser Rezension eher um 13 gehen. Der erste Band eines Tagebuches über Godric End. Godric End ist eigentlich nicht wirklich ein Sympathieträger. Im Gegenteil, ich würde unverzüglich und ohne zu Zögern die Strassenseite wechseln, nur um ihm aus dem Weg gehen zu können.
Irgendwie ist es im Laufe des Buches dennoch ein wenig irritierend, dass einem dieser Kerl immer mehr ans Herz wächst. Man lauscht mit ebenso spitzen Ohren wie seine Zellengenossen der Erzählung Godrics. Innerhalb kürzester Zeit fühlt man sich in den Zellenblock 13 versetzt und sucht nach Zigaretten – nur, damit Godric weiterhin damit bestochen werden kann und uns noch mehr von seinem Leben erzählt.
Wie gesagt, Godric ist nicht gerade ein Sympathieträger – drogensüchtig, hinterfotzig, mörderisch – aber: ein verdammt interessantes Leben in einer teils realen, teils phantastischen Welt.
Gleichzeitig ein Genremix und nebenbei auch ein wenig Steampunk.
Carl Wilckens erzählt eingehend und doch recht detailliert. Es gibt verschiedene Ebenen, die der Geschichte ausreichend Tiefe und Abwechslung liefern. Teilweise ein brutaler Überlebensroman, teilweise ein mystisch angehauchter LIebesroman. Alles so geschickt vermengt, dass wahrlich für jeden etwas dabei ist. Man fühlt sich einfach an die Wand seiner Zelle gelehnt und lauscht den Worten Godric Ends und hofft, dass er noch lange damit weitermacht. Gleichzeitig steigt auch die Hoffnung der Insassen, dass sie in Godric ihren lange erwarteten Retter vor sich haben.
Nun, abwarten und einfach dieses sowie die nächsten Tagebücher genießen.
Jürgen Seibold/22.10.2017

Dreizehn. Das Tagebuch: Band 1. Roman (Dreizehn -13-) – KAUFEN BEI AMAZON