C.K. McDonnell: The Stranger Times

Originaltitel: The Stranger Times
Übersetzung aus dem Englischen von André Mumot
©2021 by C.K. McDonnell
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
ISBN 978-3-8479-0090–0
ca. 462 Seiten

COVER:

Dunkle Kräfte sind am Werk – und The Stranger Times geht ihnen auf den Grund. Die Wochenzeitung ist Großbritanniens erste Adresse für Unerklärtes und Unerklärliches. Zumindest behauptet sie das …
Gleich in Hannahs erster Arbeitswoche bei der Zeitung kommt es zu einer skurrilen Tragödie, und The Stranger Times muss tatsächlich investigativen Journalismus betreiben. Hannah und ihre Kollegen sind schockiert: Einige der Geschichte, die sie zuvor selbst als Unsinn abgetan hatten, sind furchtbar real.

The Stranger Times ist der Auftakt zu einer furiosen Trilogie. Feinster britischer Humor gepaart mit einer mysteriösen Spurensuche, angeführt von einer jungen Frau, die ihr altes Leben hinter sich lassen will.

REZENSION:

The Stranger Times ist eine Wochenzeitung, die sich mit den Unerklärlichen Dingen befasst. Somit kann man hierin etwas über die kuriosesten Erlebnisse lesen. Dabei schreckt die Zeitung weder von einem in einen Menschen hineingefahrenen David Bowie ab, um ein neues Album aufzunehmen, noch von irgendwelchen Außerirdischen oder eine um die Häuser ziehende Nessie. Eine Wochenzeitung also, die sicherlich viel Spaß beim Lesen bereitet, es aber bestimmt mit der tief gehenden Recherche nicht ganz so ernst nimmt.
Hannah – in Trennung lebende Frau, die sich nun selbst um ihren Unterhalt kümmern möchte – bewirbt sich dort und wird am Ende eines sehr irritierenden Einstellungsgesprächs prompt genommen. Sie ist nun stellvertretende Chefredakteurin und muss sich gemeinsam mit dem verrückt wirkenden Vorgesetzten namens Banecroft um die Zukunft der Zeitung kümmern.
Eines Tages wird ein ihnen bekannter Journalistenanwärter tot aufgefunden. Die Polizei geht von Selbstmord aus – die Kollegen der Stranger Times sehen das anders. Somit sind sie nun auf ernsthafte Journalistentätigkeit angewiesen, um den ihrer Meinung nach vorherrschenden Mord aufzuklären. Interessanterweise scheinen die Umstände des Mordes jedoch uneingeschränkt in die Welt der Geschichten der Stranger Times zu passen …
Man erkennt sehr deutlich, dass The Stranger Times von einem Stand-up-Comedian geschrieben worden ist. Die Geschichte macht von Anfang an Spaß, konnte bereits den ersten Pflock im Prolog einsetzen und spätestens nach dem ersten Kapitel war es um mich geschehen. Sämtliche Mitarbeiter der Stranger Times sprechen für sich und stellen sich als rundum kuriose Geschöpfe dar, die man aufgrund deren individualistischen Auftretens einfach nur ins Herz schließen kann. Ganz vorne dabei natürlich die Hauptdarstellerin Hannah, die sich gegenüber dem verrückt wirkenden Banecroft behaupten muss und dies auch recht schnell zu schaffen scheint. Banecroft selbst zeigt sich als Chef, den man sicher nicht haben möchte – im Laufe der Story zeigt sich dennoch, dass er auch ein Herz zu haben scheint.
McDonnell’s The Stranger Times ist ein Buch vollgepackt mit Ironie, kuriosen Gegebenheiten und einem durchgehenden Augenzwinkern. Ein Buch, welches von Anfang an schlicht und einfach Freude bereitet und sich selbst dabei nicht allzu ernst nimmt.
In meinen Augen ein wahrer Pageturner mit einer rasanten Geschichte, eingängig erzählt und voller sympathischer Teilnehmer, deren Auftreten sehr ungewöhnlich ist. The Stranger Times ist ein Buch, welches mich erfreulicherweise überraschen konnte. Insbesondere zu Anfang glänzt es ganz deutlich und ich kann mir nur schwer vorstellen, wie McDonnell in den beiden noch folgenden Bänden dieses Niveau aufrechterhalten möchte. Insbesondere, da nun der anfängliche Überraschungseffekt abgehakt ist und die Personen ihre Rollen eingenommen haben. Ich lasse mich jedoch gerne davon erneut überraschen und freue ich dementsprechend auf die nächsten beiden Bücher dieser sehr kuriosen und humorvollen Trilogie.
hysterika.de / JMSeibold / 01.01.2022

Stuart Turton: Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Originaltitel: The Seven Deaths of Evelyn Hardcastle
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
©2018 Raven Books
Für die deutsche Ausgabe:
©2019 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50421–7
ca. 605 Seiten

COVER:

Familie Hardcastle lädt zu einem Ball auf ihr Anwesen Blackheath. Alle Gäste amüsieren sich, bis ein fataler Pistolenschus die ausgelassene Feier beendet.
Evelyn Hardcastle, die Tochter des Hauses, wird tot aufgefunden. Unter den Gästen befindet sich jemand, der mehr über diesen Tod weiß, denn am selben Tag hat Aiden Bishop eine seltsame Nachricht erreicht: „Heute Abend wird jemand ermordet werden. Es wird nicht wie ein Mord aussehen, und man wird den Mörder daher nicht fassen. Bereinigen Sie dieses Unrecht, und ich zeige Ihnen den Weg hinaus.“ Tatsächlich wird Evelyn nicht nur ein Mal sterben. Bis der Mörder entlarvt ist, wiederholt sich der dramatische Tag in Endlosschleife. Doch damit nicht genug: Immer, wenn ein neuer Tag anbricht, erwacht Aiden im Körper eines anderen Gastes und muss das Geflecht aus Feind und Freund neu entwirren. Jemand will ihn mit allen Mitteln davon abhalten, Blackheath jemals wieder zu verlassen.

REZENSION:

Nach dem grandiosen „Der Tod und das dunkler Meer“ von Stuart Turton entschied ich mich dazu, seinen an mir vorbeigegangenen Debütroman noch nach zu holen. Immerhin zeigte bereits ein Blick auf die Storyline von „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“, dass es sich hier wohl nicht um einen typischen Allerweltskrimi zu handeln scheint.
Im Gegenteil: Der Plot ist außergewöhnlich interessant und zeugt von einem sehr hohen und kreativen Einfallsreichtum des Autors. Gut, ähnliche Ideen gab es schon in anderen Ausführungen – nichts desto trotz kann ich mich nicht daran erinnern, diese hier entstandene Mischung bereits anderseits gelesen zu haben. Das vorliegende Buch zeigt die Jagd nach einem Mörder. Der Jäger ist jedoch alles andere als ein typischer Ermittler, denn es geht vielmehr darum, diesen Fall zu lösen, damit Aiden Bishop das täglich wiederkehrende Szenario beenden darf. Solange dies nicht geschieht, befindet er sich in einer Endlosschleife und ist sich dessen vollumfänglich bewusst.
Erschwerend kommt hinzu, dass er sich nicht nur alleine auf die Suche macht, sondern auch in anderen Körpern/Personen aktiv werden muss. Eine interessant klingende Möglichkeit, die jedoch in der Fülle zu Problemen und gedanklichen Irritationen führt.
„Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist durchweg geschickt und hochinteressant konstruiert – dennoch konnte mich „Der Tod und das dunkle Mehr“ eher für mich begeistern. Dies liegt vor allem an der komplizierten Bauweise des Romans, für den man sich zum einen am Besten gleich mehrere Lesestunden pro Session Zeit nimmt und noch besser: man sich ein Notizbuch daneben legt, damit man noch nachvollziehen kann, wo und in wem man sich gerade befindet. Turton springt stark in seinen Zeitfenstern umher und somit befindet man sich urplötzlich nach Tag 7 wieder in Tag 2 und zurück.
Somit definitiv kein Roman zum kurz mal weg lesen – vielmehr ein hochwertig konstruierter Plot, der ein wenig den Flair alter Agatha Christie Romane verströmt und nebenbei phantastische Elemente zu integrieren weiß. Ein Buch für Kenner mit der Möglichkeit, konzentriert einem Plot folgen zu können.
hysterika.de / JMSeibold / 27.12.2021

Jonathan Carroll: Das Land des Lachens

Originaltitel: Land of Laughs
Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein
Überarbeitete Neuausgabe 10/2021
©1980 by Jonathan Carroll
©2021 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32104-5
ca. 366 Seiten

COVER:

„Mein Traum war es, eine Biografie von Marshall France zu schreiben, dem wunderbaren und sehr mysteriösen Autor der schönsten Kinderbücher der Welt. Bücher wie Das Land des Lachens und Der Sternenteich, die mir im Laufe meines dreißigjährigen Lebens immer wieder geholfen hatten, nicht den Verstand zu verlieren …“

Nach vier Jahren als Englischlehrer an einer Privatschule in Neuengland erfüllt sich Thomas Abbey diesen Traum und macht sich gemeinsam mit seiner Freundin Saxony – eine ebenso glühende Marshall-France-Verehrerin wie er selbst – auf den Weg in die kleine Stadt Galen in Missouri, wo France bis zu seinem frühen Tod ein zurückgezogenes Leben geführt hat.

In Galen angekommen, werden Thomas und Saxony von den Bewohnern ausgesprochen herzlich aufgenommen. Vor allem Anna, die schöne Tochter von Marshall France, scheint Gefallen an Thomas zu finden, und so erlaubt sie ihm nicht nur die Biografie ihres Vaters zu schreiben, sondern gewährt ihm auch Zugang zu dessen persönlichsten Aufzeichnungen.
Thomas wird immer tiefer in die Welt und die Geschichten Marshall Frances hineingezogen, sodass er lange nicht bemerkt, dass es in Galen nicht mit rechten Dingen zugeht. Und als er dem Geheimnis schließlich auf die Spur kommt, ist es bereits zu spät …

REZENSION:

Der Englischlehrer Thomas Abbey ist der Sohn eines berühmten Schauspielers. Dieser Umstand führt dazu, dass er regelmäßig als nichts weiter wahrgenommen wird, da jeder nur nach seiner Beziehung oder Erinnerungen zu seinem bereits verstorbenen Vater fragt. Thomas fühlt sich dadurch regelmäßig in den Hintergrund gedrängt und dementsprechend schlecht sieht es mit seinem Selbstbewusstsein aus.
Durch ein Buch des Schriftstellers Marshall France, welches er als Kind schlicht nicht mehr losgelassen hatte, versuchte er dieser Realität zu entfliehen und in die Welt der Literatur abzutauchen. Im Zuge dessen wurde er zu einem glühenden Verehrer des Schriftstellers France und begegnet dabei der ebenfalls recht kuriosen Saxony, die er beim Kauf einer seltenen France-Ausgabe in einem Buchantiquariat kennen lernt.
Beide machen sich auf den Weg nach Galen, um eine Biografie über ihren literarischen Meister zu schreiben. Galen ist eine kleines Städtchen in Missouri und dort lebt unter anderem auch Anna, die hübsche Tochter des verstorbenen Autors Marshall France.
Thomas und Saxony leben sich recht schnell dort ein und werden in die frühere Lebensumgebung Frances nicht nur aufgenommen, sondern tauchen auch tief hinab in die Gedankenwelt des Autors durch eine Vielzahl an Schriftstücken, Fragmenten, Notizen, Journalen aus der Hinterlassenschaft des Autors.
Nach und nach erkennt Thomas, dass sich scheinbar erheblich mehr hinter der oberflächlichen Kleinstadtfassade verbirgt und dies alles auch mit dem Erbe Frances verknüpft zu sein scheint…
„Das Land des Lachens“ als auch der Schriftsteller Jonathan Carroll waren mir trotz meiner umfangreichen Leseleidenschaft bis dato absolut kein Begriff. Das Buch selbst ist aus dem Jahre 1980 und wohl sein erster Roman, wie es der hintere Klappentext als auch kurze Recherchen im Web offenbaren. Selten recherchiere ich nach Autoren, doch in diesem Falle war es mir wichtig, da ich nach Beenden dieses Werkes nicht glauben konnte, dass dieser Künstler an mir Vorüberging. Wie sich zeigen sollte, war mir nicht ein einziges seiner Werke ein Begriff – ich bin mir aber leider sicher, dass es wohl mehreren Personen so gehen wird.
„Das Land des Lachens“ sollte jedoch in einer ähnlichen Riege stehen, wie andere Klassiker der Weltliteratur und darüber hinaus auch noch Pflichtlektüre in den Schulen werden.
Meine Meinung entsteht aufgrund der Vielfältigkeit im vorliegenden Buch, dem interessanten Nicht-beachten von Genregrenzen und gleichzeitigem Verwenden von nahezu jedem Genre, sei es Liebesroman, Fantastik, Mystik und ein Touch Thriller. Jonathan Carroll bedient dies alles und noch viel mehr. Seine Geschichte besitzt das Potenzial, Menschen die wahren Gründe des Lesens beizubringen. Menschen, die es gewohnt sind, in Bücher und deren Welten abzutauchen, wissen sicher, was ich damit meine. „Das Land des Lächelns“ kann es dem Rest der Welt auf eine sehr eingängige und unglaublich bildhafte Art und Weise nahebringen. Ein literarischer und phantastischer Roman, der die Freude am Lesen am Brennen hält oder eben neu zu entfachen weiß. Eine Geschichte, die geschickt Realität mit dem geschriebenen Wort vermengt und ineinander verwebt, um dann wieder mit einer weiteren Pointe für den nächsten sagenhaften Touch zu sorgen.
Ein Buch, das jeder Freund des geschriebenen Wortes gelesen haben soll – ein Buch, das aus Freundschaft zur Literatur entstanden ist – ein Buch, welches in seiner erzählerischen Kraft für sich alleine spricht…
hysterika.de / JMSeibold / 02.11.2021

Thomas Olde Heuvelt: ECHO

Originaltitel: Echo
Aus dem Niederländischen von Gabriele Haefs
Deutsche Erstausgabe 10/2021
©2019 by Thomas Olde Heuvelt
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32098-7
ca. 717 Seiten

COVER:

Nick Grevers hat alles, was man sich vom Leben wünschen kann: Er sieht gut aus, kommt viel in der Welt herum und hat keine Geldsorgen. Seit drei Jahren ist er mit seinem Freund Sam zusammen, gemeinsam leben sie in Amsterdam. Es könnte also alles wunderbar sein, wäre da nicht Nicks Leidenschaft für alpine Hochtouren. Sam teilt Nicks Passion für die Berge ganz und gar nicht, und so ist es wieder einmal Augustin Laber, mit dem Nick in den Schweizer Alpen unterwegs ist. Eines Tages entdecken die beiden einen Gipfel, den sie nicht kennen. Auch die Einheimischen scheinen nichts darüber zu wissen, außer, dass der Berg Le Maudit heißt. Nicks und Augustins Neugierde ist geweckt, spontan beschließen sie, dem mysteriösen Gipfel zu erklimmen. Eine Tour de Force, die zu einem Trip durch die Hölle wird …

Als Sam Avery einen Anruf der Schweizer Polizei erhält, ist ihm sofort klar, dass das eingetreten ist, was er immer befürchtet hat: Nick ist in den Bergen verunglückt. Er liegt schwer verletzt im Krankenhaus, Augustin ist tot. Was ist auf dem Maudit geschehen? Warum verhält sich Nick in den darauffolgenden Wochen zusehends unheimlicher? Hat er gar etwas mit Augustins Tod zu tun? Noch während Sam versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden, wird Nick zur tödlichen Gefahr für jeden, der ihm begegnet.

REZENSION:

Obwohl mich Heuvelts HEX nicht wirklich überzeugen konnte, entschied ich mich dazu, seinem umfangreichen neuen Werk mit dem Titel ECHO dennoch eine Chance zu geben. Vielleicht lohnt es sich gar und ich kann mich der Meinung vom De Telegraaf anschließen, die Thomas Olde Heuvelt als den neuen Stephen King titulieren.
Nun, knapp über 700 Seiten später würde ich mich dem zwar nicht anschließen – nichts desto trotz schaffte es Heuvelt auf eine sehr interessante Art und Weise mich überzeugen zu können.
Heuvelt macht es jedoch seinem Leser nicht einfach – sein Schreibstil ist eher als  ungewöhnlich zu betrachten, und er scheut auch nicht davor zurück, recht sprunghaft zu agieren. Dennoch liebt er die Details und lässt seinen Leser tief in die Geschichte eintauchen, was dazu führt, dass man selbst die Kälte der Bergwelt zu spüren scheint – gleichzeitig wird es einem aber auch ab und an ein wenig zu viel des Guten und somit wäre es für die Geschichte ganz gut gewesen, wenn sie nur etwa 500 statt 700 Seiten beansprucht hätte.
Dies ist aber bereits der einzige kleine Haken, da die Story erfrischend neu ist und eine ähnliche Gruselthematik nur schwer zu finden sein wird. ECHO wirkt als Idee herausragend und scheut sich auch nicht, dies offen zu legen.
Der Wahnsinn beginnt recht schleichend, wird jedoch im Laufe der Storyline immer intensiver und drängender. Die Spannungselemente sind hervorragend eingebaut, können unter Umständen jedoch nicht jeden Horrorfan überzeugen, da dieses Werk trotz der mystischen Begebenheiten in der Machart doch eher einem übernatürlichem Thriller entspricht. Teilweise wirkt ECHO wie ein früher Horrorroman, was ihn umso sympathischer macht, da hier bekannte Anleihen verwendet werden und trotzdem perfekt in ihre Umgebung eingebettet sind. Man nehme nur die wütenden, beziehungsweise ängstlichen Dorfbewohner, die ähnlich eines Lynchmobs vor dem Chalet erscheinen und ihr Opfer zu holen gedenken. Diese symbolischen Szenen sorgen für die Lesefreude an diesem umfangreichen Werk. Heuvelt ist dabei sehr ausschweifend, detailversessen und lässt somit nichts missen – was jedoch auch ein wenig die persönliche Fantasie nimmt und dadurch filmhaft zu wirken scheint.
Nichts desto trotz hat Thomas Olde Heuvelt mit diesem Werk ein deutliches Zeichen gesetzt und meiner Meinung nach sein vorheriges Werk deutlich übertroffen.
Ein neuer Stephen King ist er trotzdem noch nicht – er könnte aber so langsam den gleichen Weg einschlagen, wenn er weiterhin auf einem zumindest ähnlichem Niveau zu haften gedenkt.
hysterika.de / JMSeibold / 01.11.2021

Guillermo del Toro & Chuck Hogan: Die Schatten (Die Blackwood-Aufzeichnungen 1)

Originaltitel: The Hollow Ones
Aus dem Amerikanischen von Kristof Kurz
Deutsche Erstausgabe 03/2021
©2020 by Guillermo del Toro and Chuck Hogan
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-44112-5
ca. 415 Seiten

COVER:

Mississippi-Delta, 1962. Ausgerechnet Earl Solomon, einer der ersten schwarzen FBI-Agenten, soll im Süden einen Lynchmord aufklären – an einem Weißen. Der Tatverdächtige ist ein kleiner schwarzer Junge, der offensichtlich geistesgestört ist. Solomon will den Fall schon aufgeben, da taucht ein Engländer auf, der sich als Hugo Blackwood vorstellt und behauptet, ein böser Geist hätte von dem Kind Besitz ergriffen. Was Solomon in der kommenden Nacht erlebt, verändert sein Leben für immer.

New Jersey, 2019. FBI-Agentin Odessa Hardwicke muss ihren Partner erschießen, als dieser plötzlich ausrastet und ein Kind angreift. Im Moment seines Todes meint sie, einen Schatten zu sehen, der seinen Körper verlässt. Odessa wird suspendiert und soll den Schreibtisch eines ehemaligen Kollegen namens Earl Solomon ausräumen. Als sie ihm von den Schatten berichtet, schickt er sie zu dem einzigen Mann, der der Menschheit jetzt noch helfen kann: Hugo Blackwood …

REZENSION:

Die beiden „The Strain“-Erfinder starten mit „Die Schatten“ eine neue Reihe um den mysteriösen Hugo Blackwood und bleiben sich dabei in ihrer grundsätzlichen Machart rundherum treu: rasantes Tempo, mysteriöse Begebenheiten und ein sich entwickelndes Ermittlerduo, welches bereits durch die kuriose Zusammenkunft für sich sprechen konnte.
Die Story beginnt sehr stark und lässt uns als Leser ungebremst an der mysteriösen Entwicklung teilhaben: Die FBI-Agentin Odessa Hartwicke wird mit ihrem Partner zu einem Einsatz gerufen, bei dem gerade ein Familienvater dabei ist, seine gesamte Familie auszulöschen. Er tötet eine Person nach der anderen und versucht sich schlussendlich seiner jüngsten Tochter zu widmen, als die Agenten ihm Einhalt zu bieten versuchten. Nun dreht sich jedoch plötzlich der Eröffnungsplot, denn auf einen Schlag ist Odessa damit konfrontiert, dass plötzlich ihr Partner Walt auf das Kind loszugehen scheint und sie ihn nur durch einen Schuss aufhalten kann.
Hier beginnt die Welt der Schatten und der Name Blackwood taucht in ihrer Recherche immer öfter auf.
Del Toro und Hogan bleiben sich – wie bereits erwähnt – sehr treu und man bekommt fast das Gefühl, sich hier in einem Seitenplot zu „The Strain“ zu befinden. Natürlich ist dem nicht so, dennoch überzeugen sie mit einer absolut rasanten und durchweg unterhaltsamen Geschichte, gefüttert mit einem immer mysteriöser werdendem Setting. Darüber hinaus offenbaren die Autoren durch Sprünge in die Vergangenheit durchweg die Hintergründe, legen diese nicht nur dar, sondern nehmen diese in unsere Zeit geschickt und nun verstärkt durch deren Nachhall mit, um sie in ihrem übergreifenden Aufbau zu verstärken.
„Die Schatten“ bleiben dabei trotzdem eher eine leichte Unterhaltung und bieten dem Genre zwar sehr interessante Ermittler, jedoch nicht wirklich viel Neues. Dennoch macht dieses Buch unglaublich viel Spaß und sorgt für eine rundum gelungene Unterhaltung mit mysteriösen Gegnern und einem sehr interessanten Hugo Blackwood, dessen Ambitionen und Hintergründe sicher in weiteren Bänden noch vertieft werden.
Ein wunderbarer Start einer hoffentlich schnell voranschreitenden Reihe – aktuell scheint hier noch nicht wirklich was vorzuliegen? Pure Unterhaltung für einen spannenden und gemütlichen Leseabend zum persönlichen Abschalten und Abtauchen.
Würde mich darüber hinaus nicht wundern, wenn hier nicht auch – wie bei „The Strain“ – eine dementsprechende Film-Serie entsteht.
hysterika.de / JMSeibold / 16.10.2021

Richard Chizmar: Gwendys Zauberfeder

Originaltitel:Gwendy’s Magic Feather
Aus dem Englischen von Sven-Eric Wehmeyer
©2019 by Richard Chizmar
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27295–8
ca. 271 Seiten

COVER:

DAS BÖSE KOMMT ZURÜCK NACH CASTLE ROCK

Vor vielen Jahren bekam Gwendy von einem mysteriösen Mann einen verfluchten Wunschkasten. Damals konnte sie das unheilvolle Ding wieder loswerden, aber plötzlich tritt es wieder in ihr Leben. Hat das Wiederauftauchen mit den grässlichen Geschehnissen zu tun, die Castle Rock derzeit heimsuchen?

REZENSION:

Nach der doch recht großartigen Geschichte namens „Gwendys Wunschkasten“, die in Zusammenarbeit von Stephen King und oben genanntem Richard Chizmar entstanden ist, liegt nun ein Fortsetzungsroman vor, der noch einmal den Blick auf die nun erwachsen gewordenen Gwendy richtet.
Gwendy selbst arbeitet nach ihren schriftstellerischen Erfolgen mittlerweile als Kongressabgeordnete und steht dementsprechend in der Öffentlichkeit. Eines Tages befindet sich auf ihrem Schreibtisch eine alte Silbermünze – Kenner des ersten Bandes wissen sogleich Bescheid. Der Wunschkasten ist nicht weit und somit wird Gwendy abermals genötigt, die große Herausforderung anzunehmen, die der Wunschkasten seinem aktuellen Besitzer auferlegt.
Im Gegensatz zum ersten Buch hat sich hier Stephen King zurück gezogen und das Zepter zu 100% an Richard Chizmar übergeben. Chizmar selbst führt die Story passend und eingängig fort. Nichts desto trotz kann er den Charme der ersten Geschichte leider nicht mehr erreichen – er bleibt dafür ein wenig zu oberflächlich und lässt auch mögliche Spannungselemente eher unbeachtet liegen.
Das Buch lässt sich für Kenner der Geschichte mit der jungen Gwendy dennoch problemlos genießen, da die Story zwar brav, dennoch ganz gut durchdacht ist. Darüber hinaus gibt es für Fans des Großmeisters eine Vielzahl an Reminiszenzen, die in einer Häufigkeit auftauchen, wie sich wohl King selbst nie getraut hätte. Castle Rock lebt weiter und es macht einem treuen Fan schlicht immer wieder eine Freude, wenn man sich dort aufhalten darf – auch wenn es gerade mal etwa 270 Seiten sind.
Leser, denen Gwendys Wunschkasten nichts sagt, sollten meiner Meinung nach erst einmal die Finger von diesem Wohlfühlroman lassen – zu viel Wissen würden fehlen, um hier die weitere Episode in Gwendys Leben ausreichend akzeptieren zu können.
Alles in allem funktioniert auch dieses Werk ausreichend gut – kommt jedoch nur ansatzweise an die gemeinsame Zusammenarbeit heran. Chizmar hätte hier ruhig etwas mehr Druck aufbauen können – die Grundidee und das Setting hätten es allemal hergegeben. Dennoch eine angenehme Fortsetzung eines kleinen aber feinen Romans der beiden Herren.
hysterika.de / JMSeibold / 16.09.2021

Natasha Pulley: Der Uhrmacher in der Filigree Street

Originaltitel: The Watchmaker of Filigree
Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer
©2015 by Natasha Pulley
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by J.G.Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-11682–3
ca. 448 Seiten

COVER:

London, Oktober 1883. Thaniel Steepleton, ein einfacher Angestellter im Innenministerium, kehrt nach der Arbeit in seine winzige Mietwohnung heim. Da findet er auf seinem Kopfkissen eine goldene Taschenuhr. Es ist ihm ein Rätsel, was es mit ihr auf sich hat. Sechs Monate später explodiert im Gebäude von Scotland Yard eine Bombe. Thaniel wurde gewarnt, weil seine Uhr gerade noch rechtzeitig ein Alarmsignal gab. Nun macht er sich auf die Suche nach dem Uhrmacher und findet Keita Mori. Hat der freundliche Einzelgänger aus Japan etwas zu verbergen? Und dann begegnet Thaniel auch noch Grace Carrow, die ebenfalls eine Uhr von Mori besitzt. Als Frau und Naturwissenschaftlerin kämpft sie in einer völlig von Männern dominierten Gesellschaft um ihre Rechte und ihre Zukunft.

REZENSION:

Thaniel Steepletons Tagesablauf gleicht einem Uhrwerk: Jeden Tag der selbe Trott im Innenministerium als Angestellter in der Telegrafieabteilung.
Eines Tages liegt jedoch eine goldene Uhr auf seinem Kopfkissen – was für einen Einbruch spricht, der umgekehrter nicht sein könnte.
Öffnen lässt sich die Uhr jedoch nicht und dennoch scheint sie etwas Besonderes zu sein.
Eines Tages befindet sich Thaniel in einem Pub in der Nähe des Scotland Yard-Gebäudes. Urplötzlich lässt die Uhr ein Alarmgeräusch von sich, was dazu führt, dass Thaniel hastig den Raum verlässt, da er nicht ungebührlich auffallen möchte. Recht zeitnah explodiert eine Bombe im Yard-Gebäude, deren Druck auch Auswirkungen auf die Besucher der Gaststätte hatte – Thaniel bleibt somit unbeschadet und wurde darüber hinaus von dieser ominösen Uhr gerettet.
Bereits der Start dieser Geschichte lässt den Leser ungebremst in die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts eintauchen. London pulsiert förmlich und befindet sich am Scheideweg ins moderne Zeitalter. Natasha Pulley geht jedoch einen Schritt weiter und füttert ihre außergewöhnliche Geschichte mit der Jagd nach Bombenlegern, einer Frau, die um ihre Rechte kämpft und einem Hauptdarsteller, dessen langweiliges Leben durch das Kennenlernen eines freundlichen Japaners mit besonderen Fähigkeiten eine ganz neue Ebene beschreitet.
„Der Uhrmacher in der Filigree Street“ ist eine absolut außergewöhnliche Geschichte, die sich keiner Schublade zuordnen lässt – ich denke, genau aus diesem Grund habe ich sie zu lieben begonnen und konnte mich ihrem Sog nicht mehr entziehen.
Hinzu kommt die Fähigkeit der Autorin, die Rolle Keita Moris lange Zeit im Dunklen zu lassen und nahezu bis zum Ende für neue Facetten zu sorgen.
Sämtliche handelnden Personen sind ihrer Rolle entsprechend tief gehend gezeichnet und wirken in ihrer Gesamtheit beinahe wie ein Kunstwerk. Die Geschichte ist sehr atmosphärisch und schafft es auf grandiose Art sogar Vielleser nicht nur zu überzeugen, sondern gar zu überraschen.
Perfekte, intelligent erzählte Lektüre, die Genreabgrenzungen nicht nur missachtet, sondern in sich aufnimmt. Kurzum ein rundum gelungenes Werk, welches zwar nach mehr verlangt, jedoch nur schwer zu toppen sein wird.
Ein absolutes und dabei wunderschönes Highlight mit einer Vielzahl an Überraschungen. Hier erkennt man wieder, warum es sich lohnt, Bücher zu lesen…
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Scott Thomas: VIOLET

Originaltitel: VIOLET
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kristof Kurz und Stefanie Adam

Deutsche Erstausgabe 07/2021
©2019 by Scott Thomas
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32032-1
ca. 575 Seiten

COVER:

Dreißig Jahre nach dem Tod ihrer Mutter bricht für die Tierärztin Kris Barlow erneut die Welt zusammen: Ihr Mann stirbt bei einem Autounfall. Geschockt beschließt Kris, sich zusammen mit ihrer kleinen Tochter Sadie in das alte Ferienhaus ihrer Familie am Lost Lake, nahe Pacington, zurückzuziehen. Doch der Ort hat sich verändert, die Einwohner sind Fremden gegenüber misstrauisch geworden, denn im Laufe der letzten Jahre verschwanden mehrere Mädchen spurlos. Zunächst schenkt Kris den Warnungen der Leute keine Beachtung, aber dann ereignen sich seltsame Dinge in ihrem Haus. Als auch Sadie beginnt, sich zunehmend merkwürdiger – und unheimlicher – zu verhalten, wird Kris klar, dass sie sich den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss, wenn sie das Leben ihrer Tochter retten will …

REZENSION:

Das Spektrum der Genre, in denen ich mich als leidenschaftlicher Leser bewege, ist sehr weit gefächert. Dennoch liegt meine Liebe von Anfang an im anspruchsvollen Grusel- und Horrorbereich.
In den 80er Jahren wurde ich da noch sehr stark mit neuen Veröffentlichungen über alle möglichen Verlagshäuser hinweg ungebremst bedient. Nach und nach schien dies insbesondere bei den großen Verlagshäusern nachzulassen und man konnte neben dem Publikumsblockbuster Stephen King nur noch wenig neues bei diesen Publikumsverlagen entdecken. Scheinbar scheint sich jemand diesem Problem angenommen zu haben, denn ich erkennen in den letzten Monaten ein kleines Licht am Ende des Tunnels, welches sich immer heller darzustellen scheint. Es gibt nicht mehr nur den Umsatzgarant King, sondern es werden auch weitere Autoren auf dem deutschen Markt unter Vertrag genommen.
Scott Thomas ist einer dieser für uns neuen Namen – sein Debütroman „Kill Creek“ konnte mich bereits durch die interessante und schön altmodisch klingende Idee begeistern.
Nun ein weiterer Roman dieses Autoren mit dem einfach klingenden Titel „Violet“.
Wir begleiten hierin eine Mutter und ihre Tochter in ein altes, heruntergekommenes Ferienhaus, um dort einige Wochen Ruhe zu finden und dabei das Drama um den verunglückten Ehemann verarbeiten zu können.
Wie sich recht schnell herausstellt, gibt es jedoch einige Einflüsse, die das Verhalten ihrer Tochter verändern. Gleichzeitig Personen, die einen zu beobachten scheinen und gruselige Begebenheiten im Hause selbst.
Auch hier erzählt Scott Thomas einen altmodisch wirkenden Gruselroman. Aber genau damit entspricht er meiner Vorliebe und zeigt deutlich, dass ein anspruchsvoller Gruselroman mehr verdeckt als plastisch darstellen muss.
Teilweise so geschickt beschrieben, dass man das Gefühl einer dezent aufkommenden Gänsehaut nicht vermeiden kann.
Sämtliche Versuche, die Geschichte vorherzusehen, scheitern und dementsprechend bleibt man an die Seiten gefesselt, bis man zum unvermeidlichen und grandios erzählten Ende kommt.
„VIOLET“ ist in meinen Augen endlich mal wieder ein grandios erzählter Gruselroman, der sich im Fahrwasser alter Klassiker tummelt und dabei nicht einmal schlecht aussieht. Eine absolute Leseempfehlung für Freunde des anspruchsvollen Schauerromans mit mystischen und/oder geisterhaften Elementen. Von meiner Seite eine klare Leseempfehlung.
hysterika.de / JMSeibold / 04.07.2021

Scott Carson: The Chill

Originaltitel: The Chill
Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler

Deutsche Erstausgabe 07/2021
©2020 by Scott Carson
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
ISBN 978-3-453-44111-8
ca. 494 Seiten

COVER:

Mitten in den Catskills liegt das Dorf Galesburg tief unter den stillen Wassern des Chilewaukee-Stausees, der die Millionenmetropole New York mit Trinkwasser versorgt. Seine Bewohner wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus ihren Häusern vertrieben und zwangsumgesiedelt. Ihre Nachfahren leben noch heute an den Ufern des „Chill“, doch die meisten von ihnen haben ihre Geschichte vergessen. Spencer Ellsworth zum Beispiel, der Sheriff, denkt ebenso ungern an die unrühmliche Rolle, die sein Großvater bei der Evakuierung gespielt hat, wie Gillian Mathers, deren Vorfahren sich mit aller Gewalt gegen die Umsiedlung gewehrt haben. Doch die Vergangenheit ruht nicht in Galesburg, und als nach wochenlangen Regenfällen der Wasserspiegel im Chill immer höher steigt, kommt die Wahrheit über das, was damals wirklich passiert ist, langsam an die Oberfläche – und mit ihr ein uraltes, schreckliches Geheimnis…

REZENSION:

Bereits beim Lesen der Widmung erkennt man eine Verneigung Scott Carsons an den wohl bekanntesten Schriftsteller der heutigen Zeit, welcher auch ein kleines Verkaufszitat auf dem Buchtitel hinterlassen hatte: „Ein großartiger Horror-Roman!“ meinte Stephen King und dementsprechend angefixt war ich auf den Inhalt dieses Buches.
Anspruchsvolle Horror-Romane zeigten sich in letzter Zeit immer seltener im Portfolio der großen Publikumsverlage und dementsprechend froh war ich, dass hier scheinbar endlich mal wieder einem meiner Lieblingsgenre ein weiteres Werk hinzugefügt wird.
„The Chill“ von Scott Carson ist ein gelungen erzählter Geisterroman, der detailliert und fast ein wenig zu langatmig seine Geschichte offenbart. Diese wiederum macht jedoch viel Spaß beim Lesen und überrascht auch ab und an ein klein wenig.
Die teilnehmenden Figuren sind durchweg glaubhaft dargestellt und manch einer wird trotz vorhandener Ecken und Kanten zum Liebling des Lesers.
Carson scheut sich nicht, Klischees und allseits übliche Stilelemente zu verwenden – interessanterweise stört das nicht, da er dabei sehr geschickt vorgeht und ihr Wirkungsgebiet auf erfrischende Art beschreitet.
Die Stausee-Idee mit den noch nicht zur Ruhe gekommenen Einwohnern Galesburgs besitzt unglaublich viel Charme und man fragt sich manchmal, ob man nicht die Seite der Geister für die ehrlichere und somit unterstützenswertere hält.
„The Chill“ ist ein rundum interessanter Roman – dennoch führt das Prädikat „Horror“ definitiv zu weit. „The Chill“ ist vielmehr eine Art mystischer Thriller, da er keinerlei Horrorelemente in sich trägt und somit eine erheblich größere Klientel begeistern könnte, als eine Genreeingrenzung zur Folge haben kann. Horrorfans wären ob der missenden Elemente eher enttäuscht – Thrillerfans, die kein Problem mit einer Prise „Geister“ haben, können hier getrost zugreifen, denn das Buch bietet eine gut durchdachte Geschichte, ein tolles Setting und interessante Protagonisten.
Einige Fragen werden leider nicht beantwortet, dies ist jedoch als eher nebensächlich zu betrachten, da der Rest im großen und Ganzen sehr gut zu überzeugen wusste.
hysterika.de / JMSeibold / 24.06.2021

Grady Hendrix: Southern Gothic

Originaltitel: The Southern Book Club’s Guide To Slaying Vampires
Aus dem Amerikanischen von Jakob Schmidt
Deutsche Erstausgabe 6/2021
© 2020 by Grady Hendrix
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe und Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32139-7
ca. 511 Seiten

COVER:

Patricia Campbell führt eine Vorzeigeehe, hat zwei süße Kinder und ein Haus im schönsten Vorort von Charleston, South Carolina. Doch ihren Mann bekommt sie vor lauter Arbeit kaum zu Gesicht, und ihre Kinder sind zu launischen Teenagern mutiert. Ihr einziger Lichtblick sind die Buchclub-Abende, an denen sie mit ihren Freundinnen ihrer Leidenschaft für True Crime und Serienkiller frönt. Nach einem solchen Abend wird Patricia brutal von ihrer dementen Nachbarin attackiert, die kurz darauf stirbt. Wenig später zieht deren Neffe James Harris nach Charleston. Er ist höflich, belesen und sieht unverschämt gut aus. Doch irgendetwas stimmt mit ihm nicht, und als im ärmeren Viertel der Stadt immer mehr Kinder verschwinden, vermuten Patricia und ihre Freundinnen, dass James mehr Ted Bundy als Brad Pitt ist. In Wahrheit ist er jedoch eine ganz andere Sorte Monster – und Patricia hat es schon längst in ihr Heim gelassen …

REZENSION:

Es ist jetzt schon eine sehr lange Zeit her, dass mich ein Vampir-Roman überzeugen konnte. Viel zu sehr hänge ich persönlich an den Qualitäten sehr früher Werke – beginnend mit Stokers Dracula und Kings Salem`s Lot. Die moderne Art des Vampirtums konnte oder wollte ich nicht verstehen. Sicher war ich dazu auch nie als Zielgruppe gedacht und somit widerstand ich dem Versuch verstehen zu wollen, warum unsterbliche Vampire sich mit dem täglichen Schulbesuch plagen und eher mit Teenagerliebe denn mit dem notwendigen Stillen des Blutdurstes beschäftigt sind.
Nun liegt vor mir das Werk von Grady Hendrix und ich bin nach erfolgtem Lesegenuss sehr positiv überrascht, dass jemand diesem sehr alten Thema ein schmackhaftes Sahnehäubchen aufgesetzt hat.
Im Gegensatz zu anderen Werken spielt der Vampir lange Zeit keine wirkliche Rolle. Wir begleiten Patricia durch ihr konservatives Leben und bei ihrem täglichen „Ich-kümmer-mich-um-die-Kinder-und-meinen-Mann“-Klischee. Patricia lebt recht behütet in einer schmuckvollen Vorortgegend, in dem das Zusperren der Türen nicht notwendig scheint. Ihr Mann ist oft auf Dienstreisen, die Kinder zicken herum und sie holt sich ihre Abwechslung durch Teilnahme an einem kleinen Buchclub, den die Freundinnen selbst gründeten, um ein wenig ihrem Einerlei entkommen zu können. Alle erhoffen sich etwas mehr Abwechslung oder Spannung – trauen sich gleichzeitig jedoch nicht, dafür auch etwas zu tun. Sie spielen ihre klassische Hausfrauenrolle (wir befinden uns in den 80ern!) und scheinen damit zufrieden. Eines Tages tritt James Harris als neuer Bewohner in diese Gegend ein und bereits durch sein grandioses Aussehen werden die Damen nervös. Nun geschehen jedoch auch irritierende Dinge, was dazu führt, dass Patricia – nach erfolgtem Studium der einschlägig bekannten Vampirliteratur – zur Erkenntnis kommt, dass es sich bei ihm um einen Vampir handelt.
Selbstverständlich steht sie mit ihrem Glauben alleine da und wird wegen ihrer kruden Ideen und Vorstellungen ins Abseits geschoben. Patricia gibt jedoch nicht auf, um lediglich in ihre vorgegebene Rolle zurück zu fallen – nein, sie geht ihren Weg und dieser führt ungebremst zu einem Showdown, wie es vom Leser erwartet wird.
SOUTHERN GOTHIC ist eine Danksagung und ein Geschenk an alle Mütter, die sich dem Wind entgegenstellen, um dadurch ihren Kindern das Leben zu erleichtern
SOUTHERN GOTHIC bietet einen spannenden Plot, der rasant, flüssig, eingängig und teils mit einer humorvollen Note dargeboten wird. Ein Buch, welches mich rundum zu überraschen wusste und trotz der hohen Seitenzahl viel zu schnell zu Ende war.
Spannung und dezenter Grusel kommt nicht zu kurz, einige brutale als auch blutige Szenen werden darüber hinaus geschickt eingewoben. Hendrix erweitert dadurch sehr geschickt seine Zielgruppe in die unterschiedlichsten Richtungen.
Kurzum eine absolute Leseempfehlung, unabhängig, ob man Vampire nun mag oder nicht – hier in Gestalt von James Harris eher ein Mittel zum Zweck. Ich habe jede Seite genossen und bin immer noch überrascht, wie ein Autor der heutigen Zeit durch seinen Vampir-Thriller diesem fast ausgelutschten Genre noch etwas hinzufügen, wenn nicht sogar wiederbeleben konnte. Klare Empfehlung eines mir bis dato eher unbekannten Schriftstellers.
Hysterika.de/JMSeibold/23.05.2021

Stephen King: Später

Originaltitel: Later
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt 

©2021 by Stephen King
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27335-1
ca. 304 Seiten

COVER:

Jamie Conklin wächst in Manhattan auf und wirkt wie ganz ein normaler Junge. Mit seiner alleinerziehenden Mutter Tia teilt er jedoch ein Geheimnis: Er kann von klein auf die Geister kürzlich Verstorbener sehen und mit ihnen reden. Und die Toten müssen alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Tia ist Literaturagentin und hat sich gerade aus großer finanzieller Not gekämpft, da stirbt ihr lukrativster Autor. Der langersehnte Abschlussband seiner großen Bestsellersaga blieb leider unvollendet – wäre da nicht Jamies Gabe. Das Befragen der Toten ruft allerdings auch ungewollte Dämonen herbei.

REZENSION:

Egal wie hoch der Stapel ungelesener Bücher auch sein mag: Ein neuer King wird vorgezogen – diesmal wohl eine Art „Ich sehe tote Menschen“, wie man es bereits aus „The Sixth Sense“ zu kennen meint. Interessanterweise konnte ich diesen Gedanken auch einige Zeit nicht ablegen. Jamie wirkte doch eine gewisse Zeit wie der Junge im angesprochenen Blockbuster mit Bruce Willis.
Stephen King wäre aber nicht Stephen King, wenn er einfach kopieren würde. Somit bleibt es nur kurz bei diesem Gedanken und SPÄTER entwickelt sich trotz der für King recht geringen Seitenzahl zu einem Crossover von Coming-of-Age, einen Touch Horror und recht viel Crime, gewürzt mit Toten, die schlicht noch ein wenig benötigen, bis sie sich auf eine nicht näher definierte Art davon machen beziehungsweise verschwinden. Während dieses Zeitraums zwischen Ableben und endgültigem Verblassen kann Jamie mit ihnen direkt von Kind zu Totem sprechen. Die Toten sind dabei aus irgendwelchen Gründen dazu gezwungen, immer die Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten, was es natürlich für den Fragesteller recht einfach macht.
Auch in diesem Werk brilliert King mit seinem unnachahmlichen Schreibstil. Erneut konnte ich mich der Geschichte nicht entziehen, obwohl sie in ihrer Gänze zwar grandios, dennoch nicht in einer Riege mit den Blockbustern des Autors zu nennen sein wird.
Stephen King scheint etwas nachdenklicher zu werden und lässt uns als treuen Leser daran teilhaben. Jamies Geschichte wird in der Ich-Form dargelegt und dementsprechend nahe rückt man an seinen Protagonisten. Der Schwenk von Crime in Richtung klassischem King-Horror wird in Richtung Ende vermehrt vollzogen – dennoch bleibt der Horroraspekt mit Sicherheit für jeden verdaulich und somit nicht zu dick aufgetragen. Ein bisschen mehr hätte der Geschichte sicher nicht geschadet – insbesondere alte Hasen wie ich würden sich mal wieder über etwas fieseres aus Kings Feder freuen.
Nichts desto trotz handelt es sich bei SPÄTER um einen guten Wurf meines Lieblingsautors. Mit den gerade mal 300 Seiten konnte er nicht so viel ausschweifen, wie von ihm bekannt – dennoch handelt es sich um eine eingängige und gut funktionierende Novelle mit interessanten Aspekten. Irritierenderweise lässt es seinen Leser nach Beenden des Buches sogar kurze Zeit ein wenig über das Leben und den Tod an sich nachdenken. Somit ganz nebenbei ein kleines Werk mit dezentem Nachhall.
Hysterika.de/JMSeibold/15.03.2021

Stephen King: Wolves of the Calla

©2003 by Stephen King
This paperback edition published in 2012 by Hodder & Stoughton
ISBN 978-1-444-72348-9
ca. 771 Seiten

COVER:

Determined to reach the Dark Tower, gunslinger Roland and his companions emerge from the forests in the Mid-World on a path that leads to a tranquil valley community of farmers and ranchers in the borderlands.

Beyond the town, the rocky ground rises towards the dark source of affliction. Danger is imminent – the Wolves of the Calla are gathering once again, their unspeakable depredation poised to threaten the soul of the community. Roland and his companions must venture all as they face an unknown adversary. And the future of the Mid-World once again faces crimson chaos.

Wolves of the Calla is the magnificent fifth novel in Stephen King’s epic Dark Tower series that continues to captivate processions of readers.

AND THE TOWER IS CLOSER …

REZENSION:

Wenn man bei einem Epos von einem Lebenswerk sprechen kann, dann ist es sicherlich die Reise Rolands in Richtung des Dunklen Turms. Diese Werke begleiten nicht nur den Autor bereits seit mehreren Jahrzehnten, sondern auch Leser wie mich, die ebenfalls 30 Jahre benötigten, um Roland bis zum Ende seiner Reise begleiten zu dürfen.
Der Dunkle Turm ist dabei jedoch auch ein Gesamtkunstwerk, welches eine Vielzahl von Werken Kings miteinander verknüpft und durch den Mut, auch verschiedene Genre miteinander zu verweben, etwas ganz Besonderes in der Welt der Literatur darstellt.
Der Dunkle Turm ist Western, Horror, Fantasy, Thriller, Liebe, Science Fiction, Dystopie und noch vieles mehr in einem. Gleichzeitig uneingeschränkt philosophisch und zum Nachdenken anregend.
In „Wolves of the Calla“ treffen wir nicht nur auf den Priester aus Salems Lot sondern begeben uns auch des Öfteren nach New York, um die Fäden in Richtung Turm auf den richtigen Weg zu bringen. Schlussendlich wird gemeinsam mit den Dorfbewohnern der Calla gegen die regelmäßig kommenden Wölfe gekämpft, um diesen endgültig klar zu machen, dass die Bürger es nicht mehr länger akzeptieren, dass in gewissen Abständen Kinder als Opfer abgeholt werden.
Die Story ist unglaublich dicht und grandios erzählt. Selbst durch die bei mir etwas angespannte Konzentration beim Lesen in der Originalsprache konnte mich nicht davon abbringen, förmlich an die Seiten geheftet zu sein. Wolves oft he Calla ist definitiv einer der stärkeren Bände der Werke um den Dunklen Turm. Die Figuren werden einem immer vertrauter und der Turm rückt ungebremst näher, auch wenn in diesem Werk weder der Mann in Schwarz noch der Turm selbst eine Rolle gespielt hat. Das ka-tet ist hierin selbst für die weitere Entwicklung verantwortlich und stellt sich diesem Anspruch auch ohne besondere Einwände. Dabei werden sie ihrem Ruf gerecht und zeigen die Stärke einer zusammengewachsenen Gemeinschaft.
Kennt man Stephen King, weiß man jedoch auch, dass solche Verflechtungen – wie im realen Leben – auch erneut brüchig werden können und somit immer zu pflegen sind.
Wer sich dem Dunklen Turm stellt kommt natürlich auch nicht an diesem Werk vorbei. Während der vierte Band viel aus dem Leben Rolands erzählte, begleiten wir hier wieder das Team auf ihrem Weg in Richtung Zentrum der Balken. Der Weg ist das Ziel und hier leuchtet der fünfte Band förmlich, da er durchgehend Lesefreude bereitet und man spätestens jetzt die Gefährten in das Herz geschlossen hat. Trotz ihrer persönlichen Unterschiede agieren sie hier als geschlossene Einheit und bauen dabei das Selbstvertrauen der Farmer auf, um sich gemeinsam mit ihnen deren Feinden zu stellen.
Sollte jemand neu einsteigen wollen: Vor Lesen dieses fünften Bandes hilft es übrigens ungemein, wenn man Salem’s Lot („Brennen muss Salem“) bereits kennt, da hier in diesem fünften Band Pater Callahan eine nennenswerte Rolle spielt und man seine Verweise in Richtung Barlow und dem kleinen Städtchen Salem nur durch Kenntnis des genannten Buches verstehen wird.
Hysterika.de/JMSeibold/17.01.2021

Stephen King: Blutige Nachrichten

Originaltitel: If It Bleeds“
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2020 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27307-8
ca. 559 Seiten

COVER:

In der Vorweihnachtszeit richtet eine Paketbombe an einer Schule nahe Pittsburgh ein Massaker an. Kinder sterben. Holly Gibney verfolgt die furchtbaren Nachrichten im Fernsehen. Der Reporter vor Ort erinnert sie an den gestaltwandlerischen Outsider, den sie glaubt vor nicht allzu langer Zeit zur Strecke gebracht zu haben. Ist jene monströse, sich von Furcht nährende Kreatur wiedererwacht?

Die titelgebende Geschichte „Blutige Nachrichten“ – eine eigenständige Fortsetzung des Bestsellers Der Outsider – ist nur einer von vier Kurzromanen in Stephen Kings neuer Kollektion, die uns an so fürchterliche wie faszinierende Orte entführt.

Mit einem Nachwort des Autors zur Entstehung jeder einzelnen Geschichte.

REZENSION:

Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich es bis zur deutschen Veröffentlichung dieses Kurzromanbandes meines Lieblingsschriftstellers schlicht nicht ausgehalten. Dementsprechend konnten treue Leser meines Blogs bereits im Mai ein klein wenig über die herausragende Qualität dieses neuen Buches erfahren.
Wenn ich ein Werk auf Englisch lese bin ich mir nicht immer uneingeschränkt sicher, ob ich auch alles wie vom Autor dargelegt verstanden habe. Somit war es natürlich auch unbedingt notwendig, dass ich mir ein Bild über die deutsche Ausgabe mache und dabei prüfen kann, ob meine fremdsprachige Leseleistung einigermaßen passt und darüber hinaus, wie gut eine Übersetzung in unsere Sprache funktioniert.
Beides scheint gelungen zu sein und abermals war ich von diesen vier Geschichten überwiegend begeistert. Diese Begeisterung führte dazu, dass man mich an einem Wochenende nur noch lesend vorgefunden hatte und ich dieses Buch leider zu schnell zu Ende brachte. Gut, die Kreativität Stephen Kings ist ungebrochen und wer ihn immer noch lediglich als Horrorautor tituliert, hat wohl noch nicht wirklich viele Bücher von ihm gelesen.
In „Blutige Nachrichten“ befinden sich gerade mal 4 Geschichten, womit der Begriff Kurzgeschichtenband nahezu obsolet ist. Immerhin schafft es fast jede Geschichte in den Bereich der 3-stelligen Seitenzahl – die titelgebende Story mit der allseits bekannten Holly Gibney in der Hauptrolle bewegt sich mit ca. 230 Seiten im Rahmen eines Romans.
Begonnen wird mit „Mr. Harrigans Telefon“: Eine liebevolle Geschichte über eine generationenübergreifende Freundschaft, die sich eher nach und nach und ohne große Besonderheiten entwickelte.
Der junge Craig liest dem alleinlebenden Mr. Harrigan gegen Bezahlung Geschichten vor. Er hätte dies auch ohne das Gefühl eines „Jobs“ gemacht, dennoch ist es natürlich für ein Kind eine gelungene und einfache Art, sich ein paar Dollar zu verdienen. Craig führt Mr. Harrigan dabei auch in die Welt der aufkommenden Smartphones ein und hilft ihm beim Entdecken des ersten iPhones. Als Mr. Harrigan verstarb, legte Craig dieses Telefon in die Jackentasche des sich ihm Sarg befindlichen Verstorbenen. Was danach geschah, entspricht auf den Punkt genau der Erwartungshaltung eines Stephen King Lesers der früheren Zeit. Gerade mal knappe 90 Seiten gefüllt mit einer gehörigen Portion Freundschaft und einem sehr dezenten, klassisch gehaltenen Gruseleffekt, der sich in der Verknüpfung vom Dies- und Jenseits offenbart. Früher wäre diese kleine Geschichte sicher mit in die TV-Serie „Tales from the dark side“ mit aufgenommen worden.
Als nächstes folgt „Chucks Leben“, eine Geschichte, die durch eine umgekehrte Erzählweise für Aufmerksamkeit sorgt. King dreht den Plot und beginnt mit dem letzten Akt, um dann in Richtung ersten Akt fort zu fahren. Diese Geschichte bereitete mir in der Originalausgabe ein wenig Kopfschmerzen und ich war sichtlich gespannt, ob das an meinem Verständnis lag. Sie konnte mich nun erheblich besser überzeugen – gleichzeitig halte ich trotz der interessanten Idee weiterhin für die schwächste Geschichte in diesem Band. Sie ist dennoch in ihrer erfrischenden Art herausragend – was bereits jetzt zeigt, wie gut ich die noch beiden folgenden Geschichten halte.
Bei der dritten, titelgebenden Geschichte handelt es sich um eine Art „The Outsider“-Part II. Wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass diese nur uneingeschränkt funktioniert, wenn man zumindest die Geschichte des Outsiders kennt.
Kings Hauptdarstellerin Holly Gibney trat bereits in den Bill Hodges-Büchern erfolgreich auf – dabei noch gefühlt als Nebenrolle. Mittlerweile hat sie sich in Kings Welt immer mehr in den Vordergrund gedrängt, konnte dabei bereits im Outsider geschickt ihre ersten Duftmarken hinterlassen, um nun in dieser Geschichte als Hauptdarstellerin aufzutreten.
Die Story selbst ist – wie in letzter Zeit sehr oft bei Stephen Kings Output – eine Geschichte über Freundschaft. Darüber hinaus eine gelungene Erweiterung beziehungsweise Fortführung des Buches „Der Outsider“.
Schlußendlich zeigt King in „Ratte“ eines seiner Lieblingsthemen: Ein Autor, der sich in die Einsamkeit zwingt, um endlich ein Buch vollenden bzw. schreiben zu können. Alleine in einer schwer erreichbaren Hütte nimmt er sich eine Auszeit von seiner Familie, um endlich – nach seinen rudimentären Erfolgen als Kurzgeschichtenautor – einen vollwertigen Roman zu verfassen. Neben einem aufkommenden Sturm trifft ihn auch noch eine starke Erkältung mit ausreichend Fieber, um an den weiteren aufkommenden und mysteriösen Geschehnissen zu zweifeln…
King spielt hier mit der Gedankenwelt eines Schriftstellers und führt ihn dabei auch noch zu einer Entscheidung über Leben und Tod mit der Fragestellung, wie weit er für die Vollendung seines Werkes zu gehen bereit wäre.
Erneut ein Meisterwerk und eine gelungene Darbietung des Abwechslungsreichtums eines grandiosen und in meinen Augen unerreichten Schriftstellers.
Hysterika.de/JMSeibold/05.10.2020

Silvia Moreno-Garcia: Mexican Gothic

First published in Great Britain in 2020 by Jo Fletcher Books
©2020 Silvia Moreno-Garcia
ISBN 978-1-52940-27-4
ca. 301 Seiten

COVER:

When glamorous socialite Noemi Taboada receives a frantic letter from her newly-wed cousin begging to be rescued from a mysterious doom, itˋs clear something is desperately amiss. Catalina has always had a flair for the dramatic, but her claims that her husband is poisoning her and her visions of restless ghosts sound remarkable, even for her.

Noemi`s chic gowns and perfect lipstick are more suited to cocktail parties than amateur sleuthing, but she immediately heads to High Place, a remote mansion in the Mexican countryside, determined to discover what is so affecting her cousin.

Tough and smart, she possesses an indomitable will, and she is not afraid: not of her cousin`s new husband, who is both menacing and alluring; not of his father, the ancient patriarch who seems to be fascinated by Noemi; and not of the house itself, which begins to invade Noemi`s dreams with visions of blood and doom.

Her only ally in this inhospitable abode is the family`s youngest son. Shy and gentle, he wants to help – but he might also be hiding dark knowledge of his family`s past. For there are many secrets behind the walls of High Place. The family`s once colossal wealth and faded mining empire kept them from prying eyes, but as Noemi digs deeper she unearths stories of violence and madness.

And Noemi, mesmerized by the terrifying yet seductive world of High Place, may soon find it impossible to leave this enigmatic house behind …

REZENSION:

“Mexican Gothic” steht ganz im Zeichen beziehungsweise Erbe altehrwürdiger Haunted-House-Romane und versucht in diesem Bereich seinen Stempel aufzudrücken. Im Gegensatz zu den klassischen Werken handelt es sich hier um eine erfrischend neue Schriftstellerin, die sich bereits mit einigen Veröffentlichungen einen positiven Namen machen konnte. Aktuell scheint „Mexican Gothic“ in deutscher Sprache noch nicht zur Verfügung zu stehen – ich denke aber, dies ist sicher nur noch eine Frage der Zeit, bis sich diesem unterhaltsamen Werk ein hiesiger Verlag zu widmen gedenkt.
Silvia Moreno-Garcia erzählt ihre Geschichte außerordentlich interessant und möchte dabei einen großen Bogen spannen. Ihre Hauptdarstellerin ist eine relativ „normale“ Frau, die sich selbst noch nicht ganz sicher über ihren eigenen Werdegang zu sein scheint. Ihre bisherigen Leistungen bestehen im Verführen von Männern, Teilhabe an Parties und dem Wechseln von Studienfächern. Nichts desto trotz wird sie von ihrem Vater in das Herrenhaus High Place geschickt, um dort mehr über die aktuelle Situation ihrer Cousine herauszufinden, die ihrem Noemis Vater einen sehr konfusen Brief geschickt hatte, der verworren klingt, jedoch auch sichtlich einen Hilferuf darstellt.
Im Weiteren begegnen wir einer alten Familie, die ihren Reichtum auf dem Rücken von ausgebeuteten Mexikanern aufgebaut hatten. Ausgebeutet in einer sehr ergiebigen Silbermine, die jedoch auch für viele dort Beschäftigte zum Grab wurde.
Die Ingredienzen der Geschichte lassen den Flair des besagten Genres neu auferstehen – dennoch kann Silvia Moreno-Garcia dem nicht wirklich viel Neues hinzufügen. Dies liegt aber keineswegs an ihrer erzählerischen Qualität, sondern sicherlich eher am Umstand, dass nahezu jedes „Gothic-House“ bereits im Laufe der Jahre in vielen literarischen Werken seine eigenen Geheimnisse preis geben musste.
Die Geschichte ist dabei trotzdem sehr unterhaltend und führt trotz mancher Vorhersagbarkeit zu interessanten Aspekten und einigermaßen spannenden Lesestunden.
Alles in allem eine Schriftstellerin mit richtig gutem Potenzial und einem sehr interessanten Schaffensergebnis. Somit ein nicht sagenhafter, doch ziemlich guter Tipp, um sich etwas erfrischend und geliftet wieder einmal in ein altes Herrenhaus zu begeben. Die Geister sind zwar etwas natürlicherer Natur, aber gerade das sorgt für ein wenig Abwechslung in dieser literarischen Spielart der Gothic-Fantasy, wie es wohl im englischsprachigen Raum genannt wird.
Abschließend möchte ich noch dazu sagen, dass ich das Cover absolut sagenhaft finde. Dies hat mich bei der Recherche nicht losgelassen, da es in Bezug auf einen “Gruselroman” eher zu romantisch aufgebaut ist – gleichzeitig besitzt es auch eine gewisse Intensität, die schlicht neugierig zu machen scheint.
Hysterika.de/04.10.2020

Matias Faldbakken: Wir sind fünf

Originaltitel: Vi er fem
Aus dem Norwegischen von Maximilian Stadler
©2019 by Matias Faldbakken

©2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27299-6
ca. 254 Seiten

COVER:

In der Nähe von Oslo in einem Ort namens Råset führt Tormod Blystad mit seiner Frau und seinen zwei Kindern ein beschauliches Leben. Nach einer wilden Jugend mit Alkohol und Drogen ist aus Tormod ein verlässlicher Vater und Ehemann geworden. Aber in jeder Familie gibt es eine Lücke, die gefüllt werden muss. So kommt der kleine Elchhund Snusken auf den Hof. Besonders die Kinder lieben das Tier sehr, doch eines Tages verschwindet Snusken spurlos. Ein Ersatz muss her, und Tormod beginnt in seiner Werkstatt mit einer merkwürdigen Mischung aus Ton zu experimentieren. Gleichzeitig taucht ein alter Freund auf, ein schlechter Einfluss, und mit viel Bier und Amphetaminen feiern sie das Widersehen. Sicher verschanzt in der geschlossenen Männerwelt der Werkstatt, schenken sie dem Tonklumpen ihre volle Aufmerksamkeit. Einem Tonklumpen, der nach und nach ein Eigenleben entwickelt und bald nicht mehr zu kontrollieren ist.

REZENSION:

Gefühlt kommt es nicht gerade oft vor, dass sich ein Werk aus der skandinavischen Welt auf unseren Markt verirrt. Ab und an scheint es jedenfalls vorzukommen und somit liegt mit „Wir sind fünf“ das neueste Werk des bereits recht erfolgreich agierenden Künstlers Matias Faldbakken vor. In diesem Fall geht der Begriff „Künstler“ nicht nur auf seine Tätigkeiten als bildender Künstler zurück, denn nach Abschluss dieser außergewöhnlichen Geschichte lässt sich dieser Begriff auch auf seine Tätigkeit als Autor erweitern.
„Wir sind fünf“ beschreibt eine ziemlich konservativ gewordene Familie, die ihr trautes Familienleben in einem kleinen Ort in der Nähe Oslos lebt. Klischeegerecht gesteht die Familie aus einem Ehepaar, zwei Kindern und dem hinzukommenden, kleinen Hund. Snusken, der kleine Elchhund, verschwindet jedoch urplötzlich und ist auch nicht mehr auffindbar. Dementsprechend zieht sich ein kleiner Riss durch die Bilderbuchfamilie. Tormod zieht sich in seine hauseigene Werkstatt zurück und bastelt vor sich hin. Seine Kinder nehmen daran freudestrahlend immer öfter teil, während sich seine Ehefrau mehr und mehr von ihm distanziert. Bei den Basteleien entwickelt Tormod einen Tonklumpen, der plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Dies geht soweit, dass er nicht nur den Platz Snuskens einnehmen wird, sondern gar der Grund ist, warum das Buch „Wir sind fünf“ betitelt worden ist. Somit ein neues Familienmitglied.
Gleichzeitig verstärkt sich jedoch der Riss im Eheleben und auch die Gefahr durch den zum Leben erweckten Tonklumpen wächst ins Unermessliche.
Matias Faldbakkens Geschichte klingt rundum kurios und erinnert in seiner Grundstory an den Plot des alten Horror-B-Movies mit dem Titel „Der Blob“. Im Gegensatz zu diesem Film schafft es Faldbakken auf humorische, tiefgehende und zum Nachdenken animierende Art und Weise einen humorvollen und gleichzeitig bösen Roman zu kreieren, wie man ihn üblicherweise nicht zu erwarten gedenkt. Er schafft innerhalb von gerade mal 250 Seiten eine Fabel aufzubauen, die nicht nur eine Familie, das Dorfleben und das aufwallende Grauen aufs Korn nimmt – nein, er überschreitet Grenzen und gibt der zeitgenössischen Literatur mit einem Touch Phantastik einen ganz neuen Drive.
Hysterika.de/27.09.2020