Jutta Profijt: Kühlfach zu vermieten

Originalausgabe 2010
c 2010 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
ca. 304 Seiten / € 9,95

COVER:

Eine Hitzewelle rollt über Köln. Die Leute sterben wie die Fliegen und die Stadt weiß nicht mehr, wohin mit den Leichen. Da hat der profitgierige neue Leiter des Rechtsmedizinischen Instituts eine folgenschwere Idee: Er will leer stehende Kühlfächer an Bestattungsunternehmen vermieten. Ab sofort hält das Chaos Einzug in die sonst so geordnete Welt von Rechtsmediziner Dr. Martin Gänsewein: Unbefugte gehen am RMI ein und aus, Leichen oder Teile von ihnen verschwinden, und dubiose Obduktionsbefunde bei anonymen Toten häufen sich. Martin beauftragt den prollig-nervigen Pascha (seines Zeichens Autoknacker zu Lebzeiten und nun unfreiwillig auf Erden wandelnder Geist), der Sache auf den Grund zu gehen. Pascha passt das gar nicht, wo er doch gerade auf Liebespfaden wandelt …

REZENSION:

Bei manchen Büchern sorgt der liebenswerte Zufall für interessante Erfahrungen literarischer Art. Lag doch Jutta Profijts “Kühlfach zu vermieten” ganz unbeachtet auf meiner Couch, da ich auf meinem Nachtkästchen gerade ein anderes Werk für den abendlichen Genuß liegen hatte.
Nun liegt also dieses Buch neben einem frustrierten Fernsehschauer, der sich in der dritten Werbung dachte, jetzt wäre ein Buch für den Zeitvertreib recht. Zu Faul, um nach oben zu gehen und das aktuell im Lesemodus befindliche Buch zu holen, nahm ich das neben mir liegende Buch und begann einfach mal völlig unmotiviert zu Lesen.
Ab diesem Augenblick war mir nicht mehr bewusst, dass es sich an diesem Abend um einen Fernsehabend handelte – Jutta Profijt und besonders Pascha hatten mich in ihrer Hand.
Selten, dass Krimis bei mir wirken, da diese zumeist vorhersehbar, fad, langweilig und immer wieder das selbe zu sein scheinen. Wie schon des öfteren betont, bin ich eher der spannenderen Genre zugetan – oder aber dem bissigen Humor.
Nun gibt es hier plötzlich einen Krimi mit einem toten Hauptdarsteller, der mit einer rotzfrechen Schnauze das Leben eines menschlich komplett anders gearteten Pathologen schwierig macht. Diese beiden scheinen sich nicht gesucht, aber doch irgendwie gefunden zu haben.
Nebenbei lästert die Autorin durch den hinzugefügten, neuen Chef des rechtsmedizinischen Instituts auch noch über die unsagbaren Dummheiten der nur auf Kostenreduzierung und Effektivitätssteigerung bedachten Vorgesetzten. Dies alles sehr glaubwürdig – trotz Geist – und durchweg humorvoll dargelegt.
Ich kann dieses Buch nur noch uneingeschränkt empfehlen und werde diesen Glücksgriff nun fortsetzen: ich beginne sogleich mit dem ersten Buch dieser Serie – wie konnte ich dies nur übersehen?
Jürgen Seibold/13.02.2011

Christina Wahldén: Verschleppt

Originaltitel: Till salu
Aus dem Schwedischen von Marie-Sophie Kasten
Deutsche Erstausgabe September 2006
c 2006 der deutschsprachigen Ausgabe bei Knaur Taschenbuch.
ca. 335 Seiten / € 7,95

COVER:

Eine kleine Stadt nahe der finnischen Grenze. Ein scharf bewachtes Haus am Waldrand mit auffällig vielen Besuchern. Um Hinweisen auf Frauenhandel mit Russinnen nachzugehen, reisen die Stockholmer Polizisten Ek und Flores in Schwedens kalten Norden. In der verschworenen Gemeinschaft des Ortes stoßen die beiden Ermittler auf eine Mauer des Schweigens. Niemand weiß etwas, niemand will etwas gesehen haben. Erst als ein Informantin in der Nähe des anrüchigen Hauses tot aufgefunden wird, kommt der Stein ins Rollen…

REZENSION:

Mit “Verschleppt” legt Christina Wahlden ihr Debüt als Krimiautorin vor und nimmt sich sogleich einem sehr intensiven Thema an.
Ihr in Schweden angesiedelter Roman bedient sich auf höchst interessante Weise dem Menschenhandel zum Zwecke der Prostitution.
Die Ermittlungen er beiden auswertigen Polizisten in der kleinen Stadt nahe der finnischen Grenze gehen nur sehr träge voran, da sie bei der ansässigen Dorfgemeinschaft auf eine sehr starke Mauer des Schweigens treffen.
Der Stein kommt auch erst nach dem Mord einer Zeugin mehr und mehr ins Rollen…
Christina Wahlden bleibt in ihrem zügig zu lesenden Roman sehr nahe an der Realität und kann dadurch den Leser sehr überzeugend unterhalten.
Alles in allem bleibt ein spannender, interessanter und sehr informativer Krimi, der seinem Leser gekonnt die Zeit zu vertreiben weiß (was sehr wichtig sein kann). In seiner Gesamtheit kann er jedoch leider nicht aus der Masse der Kriminalromane herausstechen.
Sonja Seibold/28.10.2006

Henrik Tandefelt: Lauf, Helin, lauf!

Originaltitel: Som om
Übersetzung: Knut Krüger
c 2004 der deutschsprachigen Ausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München

COVER:

Selten hatte sich Kriminalkommissar Knut Lindström so auf die Sommerferien gefreut. Gemeinsam mit seiner Frau Ingbritt und Freund Josef Friedmann nebst Hund beginnt er mit der Renovierung ihres Landhauses. Ansonsten wollen sie sich ganz dem Müßiggang hingeben. Doch die Beschaulichkeit in der südschwedischen Provinz findet rasch ein Ende: Beim Tapetenablösen stößt Ingbritt auf eine fast dreißig Jahre alte Zeitungsnotiz, die von einem mysteriösen Unfall berichtet, der bis heute nicht aufgeklärt scheint.
Ingbritt beginnt zu recherchieren – und muss sich beeilen, denn der Fall könnte bald verjährt sein. Dann geht es Schlag auf Schlag: Helin Arras, ein kurdisches Mädchen, verschwindet mitsamt der Mutter. Wenige Wochen später wird im Kanal der Kleinstadt Ekemala eine stark verweste Leiche gefunden. Jetzt ist es endgültig vorbei mit der Sommerruhe: unfreiwillig geraten Lindström, seine Frau und Friedmann mitten hinein in die polizeilichen Ermittlungen…

“Es gibt einen neuen Stern am schwedischen Krimihimmel: Henrik Tandefelt, der mit seinem eigenen, ironisch-amüsanten Stil eine Nische zwischen all den anderen schwedischen Krimiautoren entdeckt hat.”
Smalands-Tidningen

Henrik Tandefelt, in Helsinki geboren, unterrichtet “Medien” an einem Gymnasium in Smaland. In den vergangenen Jahren war er sowohl in Finnland als auch in Schweden als Künstler und Fotograf, am Theater und als Journalist tätig. “Lauf, Helin, lauf!” ist sein zweiter Josef-Friedmann-Krimi.

REZENSION:

In diesem Buch gibt es weder schockierende Elemente, noch starke Spannung, noch blutige Darstellungen – macht aber trotzdem unwahrscheinlich viel Spaß beim Lesen.
Henrik Tandefelt schrieb mit “Lauf, Helin, lauf!” einen Krimi, der sich von den üblichen Konventionen und Mitstreitern dieses Genres erfreulich und erheblich absetzt und bereits allein durch diese Neuartigkeit und Unvorhersehbarkeit zu überzeugen weiß. Er bedient sich hierzu mehreren vordergründig nicht zusammengehörenden Handlungssträngen, die locker und leicht erzählt werden, jedoch durch diese Weise und einem ganz dezenten “Thrill” den Leser an das Buch fesseln.
Sehr positiv hervorzuheben ist auch der dezent erhobene Zeigefinger des Autors, mit dem er auf sehr viele Missstände innerhalb der Gesellschaft hinweist, ohne jedoch im Fluss der Geschichte aufdringlich als “Mahnfinger” aufzufallen. Sämtliche dargestellten Vorurteile und Probleme (Rassismus, Homosexualismus, Prostitution, Vergewaltigung, Politik,…) sind sicherlich länderübergreifend vorhanden und somit für jeden Leser leicht nachvollziehbar – werden aber als zur Geschichte gehörend wahrgenommen und führen den Leser somit eher nebenbei zu einem gewissen “Nachdenken”.
Als Schlusswort sei nur gesagt: Erstaunlich, was Schweden so alles zu bieten hat!
Jürgen Seibold / 29.05.04

Sobo Swobodnik: Balla Balla

Originalausgabe März 2008
c 2008 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
ca. 236 Seiten / 8,95 €

COVER:

”Wir haben gewonnen!” Als Agnes den Brief auf den Tresen vom “Froh und Munter” legt, schwant Paul Plotek nichts Gutes. Und richtig, seine Freundin hat beim Preisausschreiben ein Wochenende in Hamburg gewonnen. Plotek will nicht nach Hamburg. Und er will auch keinen Kurzurlaub. Viel lieber will er in seiner Stammkneipe sitzen, Weißbier trinken, Fußball schauen und Schweinebraten essen. Es hilft ihm jedoch alles nichts, er muss mit. Trost spendet ihm da allein die Aussicht, sich heimlich ein Spiel des Zweitligisten SpVg Altona-Nord anzusehen, während Agnes beim Sightseeing ist. Doch wie es der Zufall so will, trifft Plotek der Ball, den einer der Superstürmer statt ins Tor mitten in die Zuschauer donnert. Bewusstlos wird Plotek in die Klinik eingeliefert, wo er sich ein Zimmer mit einem beim selben Spiel verletzten Fußballer teilt. Am nächsten Tag ist der Mittelstürmer plötzlich tot. Und Plotek steckt unfreiwillig mittendrin in seinem nächsten Kriminalfall…

REZENSION:

Bei Sobo Swobodnik hat man das Gefühl, er hat sich zu oft die einschlägigen Serien im Bayerischen Rundfunk angesehen, denn genau so wie in den Blockbustern aus Bayern wie, z.B. Monaco Franze, Das bayerische Amtsgericht und ähnliches, erzählt er seine Geschichte um den Protagonisten Paul Plotek: Voller hintergründigem Witz, einem Hauptdarsteller, den man normalerweise nicht mögen würde, aber dennoch im Laufe der Erzählung mehr und mehr zu lieben scheint, Seitenhiebe und unzählige Zitate um und aus dem Fußballbusiness, Verschwörungstheorien – und so weiter und so weiter…
Seine Story ist lediglich knappe 250 Seiten lang und dennoch voller Unglaublichkeiten, für die manch andere Autoren ganze Schmöker produzieren müssten. Sicherlich ist der Swobodnik’sche Witz nicht jedermanns Sache – lässt man diesen aber an sich heran, kommt man aus dem Schmunzeln überhaupt nicht mehr heraus und man hat nebenbei (vor allem als Mann) so ein wenig das Gefühl, dass doch in jedem Mann ein kleiner Plotek steckt.
Der Kriminalfall ist beinahe Nebensache. Das Buch lebt vielmehr von den persönlichen Gedanken und Erlebnissen Ploteks und führt uns dabei vom südlichsten Zipfel der Republik nach Hamburg, in dem Plotek nicht nur durch Fußball sondern auch durch die Lotterlichkeiten dieser Stadt von einem Geschehnis ins andere stolpert. Swobodnik benutzt dabei einen Anfangs nicht sehr eingängigen Schreibstil – dies löst sich aber im Laufe der Lektüre beim Leser mehr und mehr auf. Übrig bleibt ein einigermaßen spannender Plot, der durch seinen Erzählreichtum, seinem Witz und Ironie, besonders aber durch den Antitypen des Paul Plotek lebt. Dadurch einmal ein erfreulich anders gearteter Krimi, der die üblichen Mechanismen des Genres außer Acht lässt und lediglich durch die Geschichte an sich lebt und hervorsticht.
Jürgen Seibold/18.02.2008

Julia Spencer-Fleming: Die bleiche Hand des Schicksals

Originaltitel: Out of the Deep I Cry
Aus dem Amerikanischen von Frauke Czwikla
Deutsche Erstausgabe Juli 2007
c 2007 für die deutschsprachige Ausgabe bei Knaur Taschenbuch
ca. 540 Seiten / 8,95 €

COVER:

Als Dr. Rouse, der Chefarzt der renommierten Jonathan-Klinik, plötzlich spurlos verschwindet, glauben die meisten Bewohner der kleinen Stadt Millers Kill im Norden des Staates New York an einen Racheakt. Denn kurz zuvor war der Arzt von einer wütenden Patientin angegriffen worden. Aber die Ermittlungen von Sheriff Russ Van Alstyne und Pastorin Clare Fergusson führen in die Vergangenheit. Das Duo deckt ein Verbrechen auf, das mehr als siebzig Jahre zurückliegt und lange Schatten auf die Gegenwart wirft.

REZENSION:

Julia Spencer-Fleming legt mit “Die bleiche Hand des Schicksals” einen weiteren Fall für ihr Ermittlerduo Russ und Clare vor, in dem sie diesmal über das verschwinden des renommierten Chefarztes Dr. Rouse ermitteln.
Julia Spencer-Fleming bleibt dabei ihrem bisherigen Niveau treu und schafft es beinahe spielerisch den Leser bei sich zu behalten. Das Spannungsniveau könnte meiner Meinung nach etwas höher sein, aber durch die Darstellung des sympathischen Duos und deren Beziehung bleibt genug interessantes für die Fans dieses Genres.
Somit ein weiterer interessanter Plot um die beiden Hauptprotagonisten und sicherlich ein weiterer Grund für die Fans auf die Folgebände bzw. weitere Fälle zu warten.
Jürgen Seibold/01.11.2008

Ralph Sander: Semper und der tote Vulkanier

Blitz-Verlag GmbH, Windeck – 2003
Reihe: Black Collection (Band 3)
 

COVER:

Die Woche hört für Kommissar Jan Semper und seine neue Kollegin Martina Kamps schlecht auf: Von einer STAR-TREK-Convention wird ein Mord gemeldet – ein toter Vulkanier.
Für Semper nimmt damit ein Fall seinen Lauf, der ihn in völlig neue Welten entführt. Zusammen stoßen die beiden in einen Kosmos vor, dessen unendliche Weiten von einer für ihn fremden Spezies bevölkert werden: den Science Fiction-Fans.

Ralph Sander, der Roman- und STAR-TREK-Sachbuchautor kennt die Science Fiction-Szene genau. Er weiß worüber er schreibt.

REZENSION:

Eigentlich lese ich immer ein Buch nach dem anderen. Als dieses Buch eintraf, las ich gerade einen Wälzer, in dem ich mich ein wenig zum Umblättern überreden musste. Aus diesem Grund kam „Semper und der tote Vulkanier“ gerade zur richtigen Zeit und ich schob es dazwischen….
Wenn man vom Cover ausgeht, denkt man sofort an einen Science Fiction-Roman. Die Beschreibung auf der Rückseite des Buches relativiert das jedoch sofort und man weiß, das es sich um einen Kriminalfall in unserer Gegenwart handelt. Einzige Beziehung zur SF: Es wird ein Teilnehmer (Vulkanier) einer Star Trek Convention in Köln ermordet aufgefunden.
Die Geschichte entwickelt sich ziemlich zügig und lässt sich sehr gut lesen. Die beiden Charaktere Semper und seine neue Kollegin Kamps sind zwar etwas oberflächlich beschrieben, jedoch trotzdem in ihrer Art und Interaktion ein „Pärchen“, zu dem man sehr leicht eine Beziehung aufbauen kann. Dies finde ich persönlich immer sehr wichtig, da damit der Leser regelrecht „mitfiebern“ und die Handlungsweisen sehr gut nachvollziehen kann. An der Umwelt des Kriminalfalles (Star Trek Convention – Science Fiction Themen allgemein – Treffen der Fans – Gesprächsthemen der Fans – …..) erkennt man sehr stark die Affinität des Autors Ralph Sander. Man merkt ihm das vorhandene SF-Know How an und spürt auch die Freude, die er mit Sicherheit am Schreiben dieser Geschichte hatte.
Diese SF-Randgeschichten sind eigentlich auch fast das schönste an diesem Buch: Die beiden Akteure erleben einiges bei/mit den vermeintlich „durchgeknallten“ Fanatikern und Ralph Sander schafft es durch die dargestellte Unwissenheit von Kamps und dem einigermaßen guten SF-Wissen seiner Kollegin ein gleichzeitig fast lehrreiches Buch zu erstellen, in dem einem lesenden Laien die Star Trek-Welt auf einfache Weise etwas näher gebracht wird. Dies jedoch so dezent, daß ein Kenner sich dadurch nicht gestört fühlt.
Alles in allem ist „Semper und der tote Vulkanier“ ein gutes Krimibuch, das zu unterhalten weiß und beim Leser sicherlich ein Verlangen nach mehr Fällen dieses Duos zur Folge hat.
JS/08.10.03

Lars Rambe: Die Spur auf dem Steg

Originaltitel: Sparen pa bryggan
Aus dem Schwedischen von Holger Wolandt und Lotta Rüegger
Deutsche Erstausgabe Januar 2010
c 2007 Lars Rambe by agreement with Grand Agency
c 2010 der deutschsprachigen Ausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

COVER:

Einem Insassen der Nervenklinik von Strängnäs gelingt 1965 mitten in der Nacht während eines verheerenden Schneesturms die Flucht. Am nächsten Morgen findet man ihn und eine junge Frau ermordet und festgefroren im Eis. Im November 2005 werden am frühen Morgen zwei Polizisten zum Fundort einer Leiche gerufen. Die Spuren dieses Falls führen weit zurück in die Vergangenheit – zu einem Doppelmord, der vierzig Jahre zuvor geschah.

Zane Radcliffe: Todesgruß

Originaltitel: The Killer’s Guide to Iceland
Übersetzung: Wibke Kuhn
Deutsche Erstausgabe Oktober 2006
c 2005 by Zane Radcliffe
c 2006 für die deutschsprachige Ausgabe bei Knaur Taschenbuch, München
ca. 509 Seiten / € 7,95

COVER:

Vor fünf Jahren musste Callum Pope einen schweren Schlag verkraften: Seine Freundin wurde bestialisch ermordet. Jetzt will er ein neues Leben anfangen und zeiht aus dem heimatlichen Glasgow nach Reykjavik, zu Bírna Sveinsdóttir, einer geheimnisvollen Gletscherforscherin, die sein Herz zum Schmelzen gebracht hat. Doch den Schrecken seiner Vergangenheit ist Callum nicht entkommen: Auf einmal erhält er Mails von einem Unbekannten, in denen dieser minutiös grausame Morde schildert. Ist der Unbekannte der Täter von damals? Und woher weiß er von Callums neuem Leben auf Island?

REZENSION:

Zane Radcliffes angeblicher “nordischer Thriller, der unter die Haut” gehen soll, hat definitiv mehrere Probleme: Erstens ist es weder ein Thriller, noch geht er – zweitens – unter die Haut. Drittens stellt sich noch die Frage, wer den Aufkleber “mörderisch spannend” auf das Buch geklebt hat: Gelesen hat dieser das Buch sicherlich nicht.
Todesgruß legt sich vielmehr als eine Art Beziehungsroman mit detaillierter Beschreibung Islands dar. Das Beziehungsproblem bleibt bis weit über die Hälfte des Buches bestehen und aufgrund der Langatmigkeit und Spannungslosigkeit kann ich nicht mal mitteilen, ob es zumindest irgendwann zu einem Krimi geworden ist – Ich musste es leider zuklappen, da eine weitere Lektüre aus diesen Gründen absolut nicht möglich war.
Mit Langatmigkeit, Spannungslosigkeit und dem nicht auffindbaren Krimi kann man leider Fans dieses Genres absolut nicht vorm Ofen hervorlocken.
Grundsätzlich sind die meisten nordischen Krimis ja recht bekannt für ihre Eingängigkeit und Spannung – Zane Radcliffe gehört aber sicherlich nicht dazu.
Todesgruß könnte durch die genauen Islandbeschreibungen jedoch beinahe als Reiseführer funktionieren – dazu müsste man nur noch Bilder mit einbauen.
Vielleicht sollte sich Zane Radcliffe eher diesem Genre zuwenden.
Jürgen Seibold/02.06.2007

Jutta Profijt: Schmutzengel

Ca. 286 Seiten / 8,95 €
Originalausgabe 2010
c 2010 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

COVER:

Job weg, Freund weg und Wohnung so gut wie weg. Aber Corinna (31) wäre nicht Enkelin ihrer patenten Oma aus der Eifel, wenn sie sich nicht umgehend an die Neugestaltung ihres Lebens machen würde, und zwar mit einer genialen Geschäftsidee: Sie gründet die „Schmutzengel“ – ein Dienstleistungsunternehmen, das gestressten Managern und unbeholfenen Muttersöhnchen die Organisation des lästigen Haushalts und der anstrengenden Freizeit abnimmt. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, die Aufträge purzeln nur so herein, alles läuft bestens. Bis zu dem Tag, an dem im Haus eines neuen und sehr peniblen Kunden plötzlich ein Toter liegt. Besorgt um das Image ihrer Firma, beschließt Corinna: Der muss weg! Doch wie und wohin?

Peter Probst: Blinde Flecken

Ca. 252 Seiten / 8,95 €
Originalausgabe Februar 2010
c 2010 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

COVER:

Ein dubioser Auftrag führt den Münchner Privatermittler Anton Schwarz zu seiner getrennt von ihm lebenden Frau, die er immer noch liebt. Tim Burger, einer ihrer ehemaligen Schüler, sitzt wegen einer Amokfahrt mit tödlichen Folgen im Gefängnis. Rechtsanwalt Loewi glaubt, dass Tim Burger Werkzeug eines rechtsradikalen Netzwerks ist und die Amokfahrt einen antisemitischen Hintergrund hatte. Er beauftragt Schwarz mit raschen Ermittlungen im braunen Sumpf. Schon bald verdichten sich die Hinweise darauf, dass Tim Burgers Entlassung kurz bevorsteht. Und dass er wieder zuschlagen wird. Denn in den Jahren der Haft hat dieser Mann sich in eine tickende Zeitbombe verwandelt …
Der erste Fall für Anton Schwarz.

REZENSION:

“Blinde Flecken” ist der erste Roman einer neuen Reihe um den Ex-Polizisten Anton Schwarz.
Der Autor Peter Probst führt den Leser in Schwarz’ erstem Fall sogleich in die braune Szene Münchens. Dabei kann man sehr gut das persönliche Wissen des Autors um die bayerische Hauptstadt erkennen. Es sind jedoch nicht nur die Örtlichkeiten der Stadt gut dargelegt – vielmehr schafft es Probst auch, den neu entstandenen Ermittler sehr lebendig, sympathisch und trotzdem ziemlich unkonventionell Auftretend dar zu stellen.
Das ist auch das Positive an diesem sonst ziemlich typischen Kriminalfall – würde Anton Schwarz nicht umfänglich mit all seinen Facetten dargestellt werden: Es wäre nichts weiter als der nächste Krimiroman innerhalb einer gleichwertigen riesigen Auswahl auf dem Markt.
Der Roman lässt sich relativ leicht lesen und führt den Leser geschickt durch die Seiten – bis hin zur recht spannend dargestellten Auflösung.
Die Spannung ist jedoch auch ein kleines Manko des Romans. Natürlich bin ich eher ein Leser der etwas härteren Thriller-Gangart – nichts desto trotz würde es auch dem Krimigenre nicht schaden, wenn etwas mehr an der Spannungsschraube gedreht werden würde.
Was das Thema in “Blinde Flecken” betrifft, habe ich genau deshalb dieses Buch gelesen. Ich rechnete mit recht viel Einblick, bzw. faktenreichen Darstellungen der rechtsradikalen Szene. Dies bleibt einem der Autor leider etwas schuldig – da wäre sicherlich noch genug Potenzial – was auch gleichzeitig der fehlenden Spannung gut tun würde.
Nichts desto trotz ist “Blinde Flecken” ein ziemlich interessant erzählter Krimi um einen sympathischen Ermittler, der sicher noch einige Fälle zu lösen haben wird.
Jürgen Seibold/11.07.2010

Henning Mankell: Wallanders erster Fall

Titel der schwedischen Originalausgabe: Pyramiden (Ordfront Verlag, Stockholm 1999)
Übersetzung: Wolfgang Butt
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München – April 2004

COVER:

Als Kurt Wallander seinen ersten Fall löst, ist er Anfang Zwanzig, ein junger Polizeianwärter und bis über beide Ohren in Mona verliebt. In einer Zeit, da die Polizei mit Schlagstöcken gegen Demonstranten vorgeht, wird seine Berufswahl nicht nur von seinem Vater kritisiert. Eines Abends findet er seinen Nachbarn Halén erschossen auf dem Küchenboden. Die Kriminalpolizei tippt auf Selbstmord, doch Wallander zweifelt an dieser Erklärung, um so mehr, als Haléns Wohnung in Flammen aufgeht und man wenig später auf eine weitere Leiche stößt. Am Ende dieser Ermittlung hat Wallander eine Menge Fehler gemacht und leichtsinnig sein Leben riskiert, doch sein außerordentliches kriminalistisches Talent gilt als erwiesen. – Von Wallanders erstem Fall bis zu einem ausgewachsenen Kriminalroman, “Die Pyramide”, reicht das Spektrum dieser Geschichten, die alle vor dem 8. Januar 1990, dem Beginn der Wallander-Romane spielen.

Henning Mankell, geboren 1948 in Härjedalen, ist einer der angesehensten und meistgelesenen schwedischen Schriftsteller. Er lebt als Theaterregisseur und Autor abwechselnd in Maputo/Mosambik und in Schweden. Mit Kurt Wallander schuf er einen der weltweit beliebtesten Kommissare. Auf deutsch sind von Mankell bislang erschienen: “Mörder ohne Gesicht”, “Hunde von Riga”, “Die weiße Löwin”, “Der Mann, der lächelte”, “Die falsche Fährte”, “Die fünfte Frau”, “Mittsommermond”, “Die Brandmauer”, “Die Rückkehr des Tanzlehrers” und “Vor dem Frost”, Kriminalromane. Außerdem: “Der Chronist der Winde”, “Die rote Antilope”, “Tea-Bag” und “Das Auge des Leoparden”, Romane; die Erzählungen “Wallanders erster Fall” sowie das Theaterstück “Butterfly Blues”.

REZENSION:

Ich wuchs in einem Elternhaus auf, in dem im Bücherregal eine mir unbegreifliche Anzahl von Heinz G. Konsalik – Büchern stand. Allein durch diesen Umstand gibt es Bücher, die ich nicht einmal von der Seite ansehe. Ich habe mich – aus Interesse, vielleicht aber auch einfach um was anderes zu lesen – für ganz andere Bereiche entschieden. Hierunter fallen natürlich Fantasybücher, historische Bücher, Thriller, Science Fiction und Horror. Der klassische Krimi hat mich bisher (durch den Konsalik-Einfluss und den anderen Büchern im Regal meiner Eltern) so gut wie gar nicht interessiert. Krimi war für mich immer so etwas wie „Tatort“, „Derrick“, ein wenig Agatha Christie oder Edgar Wallace – dies alles nur durch Erfahrungen im Fernsehen.
Zu diesem Bereich zählte ich bisher alles, was durch die verschiedenen Buchclubs, Hitparaden, etc. so hochgelobt und von der (älteren?) Masse gelesen wurde.
Somit in der jetzigen Zeit auch die Bücher von Henning Mankell. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir ein Buch von ihm zu kaufen und hätte sicherlich jeden Bekannten gefragt, ob er mich denn nicht kenne – falls dieser mit einem dieser Bücher als Geschenk mein Haus betreten hätte.
Nun erhielt ich jedoch „Wallanders ersten Fall“ und stöhnte erst mal auf. Kurt Wallander kannte ich bisher ebenfalls nur durch die Darstellungen in Buchkatalogen und von einem Film, den ich mir einmal aus Mangel an einem besseren Fernsehprogramm und der dazugehörigen Langeweile mal angesehen habe. Okay – der Film war leidlich spannend – aber deshalb ein Buch lesen?
Na, egal: Lesen wir halt „Wallanders ersten Fall“:
Dieses Buch beinhaltet fünf Kurzgeschichten, wobei eine davon durch seine Länge wohl eher als Roman zu betrachten ist.
Begonnen wird mit Wallanders erstem Fall und ich war sichtlich überrascht. Die Geschichte ist zwar noch ein wenig simpel gestrickt, gibt aber bestimmt vielen Wallander-Fans einen guten Blick auf den Ursprung Kurt Wallanders. Unter simpel meine ich, das es doch ein wenig zu einfach wäre vom Polizisten zum Kriminaler zu werden, in dem man sich bei Ermittlungen einer anderen Abteilung „einmischt“ – mal davon abgesehen, wurde dieser Umstand jedoch trotzdem relativ glaubwürdig dargestellt. Die knapp über hundert Seiten des ersten Falles waren somit für mich leidlich spannend aber doch ganz flüssig und interessant erzählt. Konnte mich aber noch nicht als neuen Wallander-Fan an sich ziehen.
„Der Mann mit der Maske“ hat mich hierbei schon mehr überzeugt. Die Geschichte ist zwar leider (!) sehr kurz und erstreckt sich nur über ca. 25 Seiten, war aber erheblich spannender und legte trotz dieser Kürze viel mehr Einblicke in das Innere von Kurt Wallander dar. Weiter ging es dann mit der vierzigseitigen Geschichte „Der Mann am Strand“ – Diese Geschichte und die darauffolgende „Der Tod des Fotografen“ öffneten mir das Potenzial Henning Mankells. Man erkennt hierbei sein kriminalistisches Know-How sowie seine Freude an der Darstellung und dem Aufbau seines Protagonisten. Diese beiden Geschichten machen sichtlich Spaß zu lesen und sind auch erheblich spannender erzählt als die vorangegangenen. Ob das daran liegt, das hier Kurt Wallander schon älter ist und als Kommissar arbeitet? Wenn ja, dann sehe ich die ersten beiden noch als Lehrstück des zukünftigen Kommissars – Sollte das der Fall sein, hat Henning Mankell beabsichtigt oder unbeabsichtigt einen sehr guten Einstieg in die Welt des Kurt Wallander geschaffen.
Die letzte Geschichte „Die Pyramide“ toppt das Ganze noch einmal um einiges. Nach dem dies die längste Geschichte in diesem Band ist, scheint es mir so, als ob die wahre Kunst des Henning Mankell sich erst darlegt, wenn er etwas ausschweifender erzählen kann. Somit scheint er ein sehr guter Romanautor zu sein, der einfach – wie viele andere Autoren auch – eine erzählerische Plattform benötigt in der er sich ausbreiten kann um den Leser zu fesseln und zu überzeugen.
Nach Genuss dieser letzten Geschichte in diesem Buch muss ich zugeben, daß Henning Mankell ein begnadeter Krimiautor ist und mit seiner Kurt-Wallander-Reihe sicherlich zu den heutigen Top-Five der „klassischen“ Kriminalromanschreiber zählt.
Vielleicht sollte ich einen Bekannten, der mir ein Mankell-Buch schenken möchte doch nicht des Hauses verweisen….
Jürgen Seibold / 16.05.04

Sandra Lessmann: Die Sündentochter

Originalausgabe Mai 2006
c 2006 by Knaur Taschenbuch
ca. 605 Seiten / € 8,95

COVER:

Ein düsterer Abend im London des Jahres 1666: Hilflos muss Richter Orlando Trelawney mit ansehen, wie eine Hebamme kaltblütig ermordet wird. Nur um Haaresbreite entgeht Anne, die Tochter des Opfers, ebenfalls dem Tod.
Voll Entsetzen über die grausame Tat wendet sich Orlando an seinen Freund, den Arzt Jeremy Blackshaw. Zunächst steht Jeremy vor einem Rätsel – zumal Anne beharrlich schweigt. Und doch scheint das junge Mädchen mehr über die Hintergründe der Bluttat zu wissen. Wen aber schützt Anne? Was steckt hinter dem scheinbar sinnlosen Mord?
Während Jeremy und Orlando noch nach einer Antwort auf diese Fragen suchen, bricht der große Brand von London aus, der die Lösung des Falls fast unmöglich macht…

REZENSION:

Mit ihrem neuen Buch “Die Sündentochter” ist der Autorin Sandra Lessmann ein herausragendes Werk zwischen historischem Roman und Kriminalgeschichte gelungen.
Bereits die ersten Seiten der Lektüre beginnen sehr spannend und man ist sofort in die Geschichte mit eingebunden.
Doch es geht in ihrem Roman nicht nur um Mord. Auch die Liebe und Romantik kommt nicht zu kurz.
Darüber hinaus beschreibt die Autorin sehr wirklichkeitsgetreu  die katastrophalen Bedingungen in den damaligen Gefängnissen, die Schlacht zwischen Holland und England, sowie die Konflikte zwischen den Religionen. Obwohl sich in dieser Geschichte ein Ereignis an das andere fügt, wirkt ihr Buch trotzdem nicht überladen.
Auch der große Brand von London und vor allem die Schicksale der einzelnen Romanfiguren werden sehr lebendig, detailverliebt und fesselnd beschrieben.
Alles in allem eine sehr vielseitige Geschichte und was am wichtigsten ist: Bis zur letzten Seite durch und durch spannend.
Sonja Seibold/24.10.2006

Kari Köster-Lösche: Mit der Flut kommt der Tod

c 2005 by Droemer Verlag

COVER:

Husum 1894. Als der junge Wasserbauinspektor Sönke Hansen den Auftrag erhält, sich auf der Hallig Langeness für die Errichtung eines Steindeiches einzusetzen, ahnt er nicht, welchen Wirbel sein Besuch bei den liebenswert-störrischen Halligmenschen auslösen wird.
Kurz darauf wird auf Langeness die Leiche eines Mannes gefunden, der Sönke auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich ist. Und unversehens sieht sich der junge Friese in einen Fall verwickelt, der immer weitere Kreise zieht. Mehr noch: Auf mysteriöse Weise scheint er auch in Zusammenhang zu stehen mit dem Verschwinden seiner Verlobten Gerda, die Sönke verzweifelt sucht. Im empfindlichen politischen Umfeld von Friesen, Dänen und Preußen und immer auf der Hut vor dem unberechenbaren Oberdeichgraf, macht sich Sönke Hansen an die Lösung seines ersten Falls…

Kari Köster-Lösche, 1946 in Lübeck geboren, veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Bücher, bevor sie mit ihren historischen Romanen, darunter Die Hakima, Die Heilerin von Alexandria sowie Die Wagenlenkerin ein begeistertes Publikum fand. Kari Köster-Lösche lebt als freie Schriftstellerin auf der Hallig Langeness und an der nordfriesischen Küste.

REZENSION:

Wasserbauinspektor Sönke war in Kari Köster-Lösche’s Roman “Mit der Flut kommt der Tod” schlichtweg zur falschen Zeit am falschen Ort und sieht sich nun als Verantwortlicher in der Auflösung des Krimifalles, der sich kurzweilig erzählt in diesem Buch offenbart.
Die Autorin schafft es virtuos ihre Geschichte sehr spannend und zum Weiterlesen animierend zu erzählen. In ihrer Darstellung ist sie erfreulicherweise sehr bildhaft und man sieht sich problemlos an die Deiche des Nordens der Republik versetzt.
Dadurch liegt mit “Mit der Flut kommt der Tod” ein sehr stimmiger Krimi vor, der jeden Krimineueinsteiger bzw. nicht zu hart besaitete Leser zu überzeugen weiß. Bekenner der etwas härteren Krimi- und Thrillerkost sollten jedoch ihre Finger davon lassen – dafür gibt es sicherlich andere Gerichte zum Lesen.
Jürgen Seibold/02.02.2007

Renate Kampmann: Fremder Schmerz

c by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2008
ca. 494 Seiten / 19,90 €

COVER:

Dr. Frank Gotthardt und seine Frau Claudia sind in den Flammen ihrer brennenden Berliner Villa ums Leben gekommen. Die Polizei verfügt über keinerlei Hinweise auf ein Verbrechen und glaubt an Selbstmord. Leonie Simon, Rechtsmedizinerin an der Charité in Berlin, hat allerdings eine schreckliche Vermutung. Zwei Jahre zuvor, im Januar 2005, war sie zusammen mit dem Ehepaar Gotthardt in Khao Lak, um nach der Tsunamikatastrophe bei der Identifizierung der Opfer zu helfen. Die Bilder verfolgen sie noch immer, vor allem aber die schockierende Entdeckung, dass nicht hinter jeder vermeintlichen Hilfe Mitgefühl und soziales Engagement steckt. Als Leonie erfährt, dass ein Zahnarzt, der etliche deutsche Opfer identifiziert hatte, gefoltert und ermordet wurde, nimmt sie auf eigene Faust Ermittlungen auf. Doch dann geschehen weitere Morde, und Leonie muss in eine ganz andere Richtung denken. Drei Jahre nach dem Tsunami ist die Welle des Todes in Deutschland gelandet.

REZENSION:

Mit “fremder Schmerz” legt Renate Kampmann einen weiteren Leonie Simon-Roman vor und beweist, dass es noch genug im Leben der Rechtsmedizinerin zu erzählen gibt.
Abermals führt uns Renate Kampmann sehr detailverliebt in die forensische Welt und öffnet mehrere Handlungsstränge, die Richtung Ende des Buches geschickt zusammen gewoben werden. Leider verlässt sich Renate Kampmann auf ihre Figur und verliert dadurch die Aufrechterhaltung der zu erwartenden Spannungsspitzen, was einen Krimileser zumeist ein wenig enttäuscht. Sicherlich sind Krimis nicht mit Thriller gleichzusetzen – nichts desto trotz sollte eine Grundspannung mitschwingen, damit der Leser aktiv dabei bleiben kann.
Renate Kampmann zeigt aber ihre Stärken in der Darstellung der Hauptfigur und ihrem Umfeld. Lediglich in Richtung Ende des Buches wird die Autorin ein wenig hektisch und man hat das Gefühl, sie musste bei einer bestimmten Seitenzahl zum Ende kommen.
Jürgen Seibold/01.11.2008

Heinz Herbert: Kontakt Ülkü – Ein Harry Bieber Roman

c Heinz Herbert im Ines Herbert Verlag, Offenbach/Main

COVER:

Das Aufeinanderprallen von Kulturen, religiöser Fundamentalismus, ausländische Jugendliche in einer deutschen Großstadt, bilden den Hintergrund für ein weiteres Abenteuer des Offenbacher Rechtsanwalts Harry Bieber. Der lässt sich auf diese Eskapade nur allzu bereitwillig ein, denn es ist die undercover agierende Kriminalbeamtin Jasmin Ülkü, die “Mondauge” jagt. Und für die riskiert Bieber alles.

REZENSION:

“Kontakt Ülkü” handelt von dem Offenbacher Anwalt Harry Bieber, der sich als Kontaktperson für die undercover agierende Polizeibeamtin Jasmin Ülkü zur Verfügung stellt. Diese Aufgabe ist für ihn mehr als schwierig, da er mit Jasmin Ülkü eine lockere, aber trotzdem von Liebe geprägte Beziehung führt. Jasmin Ülkü ist auf der Jagd nach einer Untergrundorganisation um den berüchtigten Führer “Mondauge”, welche von fundamentalistischen Grundzügen durchzogen ist.
Nebenbei gibt es noch einen zweiten Fall, um den sich Harry Bieber als Anwalt kümmern muss.
Beide Fälle, insbesondere der Fundamentalismus, werden von Heinz Herbert spannend und in flüssiger Weise dargestellt und erzählt. Er schafft es hierbei sehr geschickt, die Leichtgläubigkeit der Anhänger Mondauges darzustellen und legt dar, wie leicht Jugendliche zu besonderen “Aktionen” zu überreden sind. Insbesondere, wenn diese ihren Platz in der Welt suchen und im von Arbeitslosigkeit und unterschiedlichen Kulturen geprägten Offenbach von einer Erfolglosigkeit in die andere tappen.
Sehr geschickt werden diese Gruppierungen und Probleme der ausländischen Jugendlichen, sowie deren Leichtgläubigkeit im Angesicht eines rethorisch sehr geschickt agierenden “Führers” dargestellt und vom Leser ohne Probleme als glaubhaft, wenn nicht sogar als “wahr” empfunden.
Heinz Herbert arbeitet teilweise konventionell, in dem er einen beinahe klassischen Kriminalroman ablieferte, bekommt durch die Aktualität zur heutigen Zeit jedoch viel Tiefgang und präsentiert einen extrem unkonventionellen Schluss, der den Leser beinahe die Tränen aus den Augen drückt.
Alles in allem ein Kriminalroman mit vielen aktuellen Bezügen und geschickt pendelnd zwischen ironischer, ehrlicher und von der jugendlichen Ausdrucksweise geprägten Ausführungen, die die Glaubwürdigkeit noch erheblich unterstreichen. Man fühlt sich beinahe mittendrin und in der Versuchung, die Jugendlichen auf ihre Irrwege und Leichtgläubigkeit aufmerksam zu machen.
Jürgen Seibold/01.05.2005