Harry, Debbie: FACE IT – Die Autobiografie

Originaltitel: Face It
Aus dem Amerikanischen von Philip Bradatsch, Torsten Groß, Harriet Fricke und Frank Dabrock
©2019 by Deborah Harry
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27162-3
ca. 429 Seiten

COVER:

Debbie Harry ist Musikerin, Schauspielerin, Aktivistin und der Inbegriff des New York City cool. Sie und ihre Band Blondie entwickelten einen neuen Sound, der die Welten des Rock, Punk, Disco, Reggae und Hip Hop verschmolz und dabei einige Klassiker der Musikgeschichte schuf. Als Muse arbeitete sie mit den größten Künstlern der letzten vier Jahrzehnte zusammen. Doch trotz eines Lebens im Rampenlicht behielt sie ihr Innenleben immer für sich – bis jetzt.
In einer Mischung aus offenherzigem Storytelling und vielen eindrucksvollen Fotos, Fan-Art-Bildern und Illustrationen – viele davon bis jetzt unveröffentlicht – bietet FACE IT sehr viel mehr als die übliche Musikerbiografie. Es ist das umfassende Porträt einer echten Ikone.
Die wilden Siebzigerjahre in New York City, in denen Blondie neben den Ramones, Television, Talking Heads, Iggy Pop oder David Bowie zur Speerspitze der Punkbewegung aufstiegen, werden mit all dem Dreck und Rotz der damaligen Zeit lebendig. Debbies Memoiren folgen ihrem Weg vom Nummer-eins-Erfolg zur Heroinsucht, der schweren Krankheit ihres Weggefährten Chris Stein, einem herzzerreißenden Bankrott, der Auflösung von Blondie, einer facettenreichen Karriere als Schauspielerin in über dreißig Filmen, einer erfolgreichen Solokarriere, dem triumphalen Comeback der Band und ihrem nimmermüden Einsatz für Umweltschutz und die Rechte der LGBTQ-Community.
FACE IT ist die kinoreife Geschichte einer Frau, die ihren eigenen Weg gegangen ist und für viele nachfolgende Künstlerinnen als Vorreiterin neue Standards gesetzt hat. Wir treffen auf viele glamouröse Weggefährten, die über die Jahre Debbies Weg gekreuzt haben – von Andy Warhol über Jean-Michel Basquiat, Marina Abramovíc, David Cronenberg bis John Waters. Sie alle sind Teil einer unterhaltsamen, oftmals schockierenden, bewegenden, witzigen und auch Augen öffnenden Autobiografie.

REZENSION:

Im Gegensatz zu meinen üblichen Buch-Genres kann es sicherlich nicht schaden, den Horizont etwas zu erweitern und sich somit einer ganz interessant klingenden Autobiografie zu widmen. Es handelt sich dabei um das Leben Deborah Harrys – besser bekannt als Debbie Harry und ganz besonders bekannt als Blondie.
Gedanklich konnte ich mich diesem Werk komplett unaufgeregt widmen, da Blondie mir zwar bekannt war, ich einige Songs sehr gerne mochte und mag, ein Doppelalbum mein eigen nenne, dennoch keine Fan-Attitüden entwickelte. Nichts desto trotz bin ich ein großer Fan der von ihr bedienten Musiksparte und somit weckte FACE IT ausreichend Interesse in mir.
Wie sich dabei herausstellen sollte, wurde ich auch keineswegs enttäuscht.
FACE IT ist nicht  neben den erzählten Erlebnissen der Ausnahmekünstlerin eine Hommage an ihre Fans. Dies zeigt sie insbesondere an der Vielzahl an Fan-Art-Zeichnungen und Bildern, die in diesem Buch zum Teil erstmalig veröffentlicht worden sind.
Neben der Vielzahl an wundervollen künstlerischen Werken lässt uns Debbie an ihrem Leben teilhaben. Als Fan oder Beobachter von Berühmtheiten geht man oft davon aus, dass eine berühmte Klientel auch sogleich im Gelde schwimmt – auch Debbie Harry beweist in ihrem Werk das Gegenteil und ich bin erneut erschüttert, wie ausbeuterisch die Schlipsträger gegenüber von Künstlern auftreten. Bei Blondie ist die gesamte Band laut dieser Biografie während ihrer erfolgreichsten Phase eigentlich am tiefsten Punkt ihres Lebens. Kein Geld, eine Tour jagt die andere, künstlerische Freiheiten werden aufgrund von Verträgen eingeschränkt, Drogen bestimmen den Tagesrhythmus. Nichts desto trotz ist Debbie Harry eine Sperrspitze für die Rolle der Frau und konnte damit – wohl unbewusst – bestimmt einige Wege für nachfolgende Generationen bereiten.
FACE IT macht unglaublich viel Spaß und funktioniert auch bei „Nicht“-Fans, da es schlicht ein Spiegelbild der damaligen Zeit darstellt. Als einzigen Vorwurf könnte ich ihr die etwas fehlende Lebendigkeit und persönliche Tiefe vorwerfen. Es fehlen schlicht die Emotionen – gleichzeitig kann ich dies aber auch ganz gut verstehen, da sie wohl nicht zu viel persönliches von sich preisgeben möchte – es handelt sich ja bei FACE IT glücklicherweise nicht um einen Nachruf, sondern um ein Werk einer rundum interessanten Frau mit einem Leben voller Punk, Drogen und dem Kampf um Anerkennung.
FACE IT zeigte mir, dass auch Autobiografien überzeugend, interessant und nachdenklich wirken können. Ein kleiner Blick durch das Schlüsselloch in ein fremdes Leben. Wahrlich ein interessantes Werk mit einem positiv klingenden Nachhall.
Schön, dass ich eine nur am Rande betrachtete Künstlerin neu entdecken konnte.
Jürgen Seibold/10.12.2019

Scharer, Whitney: Die Zeit des Lichts

Originaltitel: The Age of Light
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
©2019 by Whitney Scharer
Für die deutsche Ausgabe ©2019 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96340-3
ca. 392 Seiten

COVER:

„Ich würde lieber ein Bild machen, als eines zu sein“ – zu dieser Erkenntnis kommt Lee Miller im Alter von zweiundzwanzig Jahren, und so gibt sie ihre Modelkarriere in New York auf, um nach Paris zu ziehen. Geld oder einen Plan hat sie nicht, dafür aber eine Kamera, mit der sie die französische Hauptstadt erkundet. Inmitten der schillernden Künstlerwelt der Dreißigerjahre verliebt sie sich in den ebenso genialen wie eifersüchtigen Man Ray, der sie als Assistentin einstellt und sie in seinem Studio unterrichtet. Ihre Freunde sind Picasso und Cocteau, gemeinsam durchtanzen sie die Nächte und machen Ausflüge ans Meer. Lee jedoch kämpft vor allem darum, in dieser Welt männlicher Genies selbst als Künstlerin ernstgenommen zu werden. Berühmt wird sie erst in den Kriegsjahren und mit den Fotografien, die sie im besiegten Deutschland macht, in den befreiten Konzentrationslagern und in Hitlers Badewanne. Whitney Scharer zeichnet das Porträt einer glanzvoll abgründigen Epoche und einer Frau, die sich nie vereinnahmen ließ.

REZENSION:

In ihrem Debütroman „Die Zeit des Lichts“ erzählt Whitney Scharer vom Leben der Fotografin Lee Miller.
Lee Miller war eine sehr selbstbewusste Frau in einer Zeit, in der das weibliche Geschlecht eher als Figur im Schatten ihres Partners zu stehen hatte. Gleichzeitig eine Epoche voller Tatendrang, neu aufstrebenden Künstlern, neuen Möglichkeiten und kurzzeitig unbehelligt von irgendwelchen Kriegen.
Lee Miller selbst begann als erstes eine typische Modelkarriere, hielt sich dort aber nie wirklich aufgehoben, da sie sich nicht als reines Objekt verkaufen wollte. Aus diesem Grund schwenkte sie in die Welt der Fotografie und entwickelte sich zu einem hartnäckigen Konterpart zu ihrer ebenfalls in diesem Sujet sehr bekannten Liebesbeziehung namens Man Ray.
Wie oft üblich, begann auch Lee Miller ihre ersten Erfahrungen als Assistentin eines bereits hochrangigen Fotografen zu machen. Dabei ist es natürlich hilfreich, dass dieser bereits bekannte Fotograf Man Ray ist, wodurch sich ihre Beziehung natürlich auch in diesem Thema verfestigte. Durch diesen tiefgehenden Kontakt findet findet sie den Zugang zur Welt der Kunst und versuchte darin alles, um nicht nur Ernst genommen zu werden, sondern auch glaubwürdige Anerkennung zu finden.
Richtig berühmt wurde Lee Miller erst als Kriegsfotografin, die sich nicht davor scheute, die Gräueltaten im besiegten Deutschland nachhaltig und bedrückend festzuhalten.
Leider ist in Whitney Scharers Werk dieser außerordentlich interessante Part des Lebens von Lee Miller eher nebensächlich erzählt. Darüber hinaus fehlte mir als Liebhaber der Fotografie das umfängliche, liebevolle und detaillierte Eingehen in diese Thematik. Lee und Man lebten in einer Zeit, in der es das simple „Knipsen“ noch nicht gab und somit wäre es sehr interessant gewesen, wenn die Autorin auch dieses Thema stärker beleuchtet hätte.
Bereits dadurch hat in meinen Augen der Roman bereits an Kraft und Stärke verloren – immerhin handelte es sich hier um die wirkliche Leidenschaft Millers, mit einem wahren Hürdenlauf bis zum Durchbruch als echte Künstlerin.
Lee Miller wäre ein leuchtendes Beispiel für eine kraftvolle Hauptdarstellerin, die sich in einer männerdominierenden Welt durchsetzt. Dennoch scheint in diesem Werk die Liebesgeschichte mit all ihren Höhen und Tiefen die hauptsächliche Rolle zu spielen, wodurch der ursprüngliche Ansatz an Glanz verloren hat. Man liest von vielen Partys, irrwitzigen Veranstaltungen und interessanten Personen des Kunstgeschehens – dennoch wird lediglich die Beziehung zwischen Ray und Miller im Detail beleuchtet; obwohl doch nahezu alles andere erheblich interessanter wäre und auch mit Sicherheit mehr Zündstoff beinhalten würde. Allein ihre Tätigkeiten in den ausgehenden Wirren des 2. Weltkriegs hätten bereits das Potenzial für eigene Romane. Ihr Weg vom vor der Kamera stehenden Model zur eigenständigen und erfolgreichen Fotografin ebenso. Whitney Scharer reißt dass alles an, dennoch bleibt in der Gänze nicht sehr viel mehr übrig als ein Liebesroman mit zwei real existierenden Personen. Sozusagen eine glatt gebügelte Biographie. Gut geschrieben, eingängig zu lesen, trotzdem für mich als Freund der künstlerischen Fotografie erheblich zu wenig in der Umsetzung. Die fotografischen Themen und ihr Weg hin zur künstlerischen Fotografin und im Anschluss ihre Erlebnisse als Kriegsfotografin hätten mich erheblich mehr interessiert als kleinliche Streitigkeiten zwischen ihr und ihrem eifersüchtigen Konterpart.
Jürgen Seibold/26.10.2019

Guse, Juan S.: Miami Punk

@2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-10-397393-8
ca. 634 Seiten

COVER:

Der Atlantik hat sich von der Küste Miamis zurückgezogen. Über Nacht legt sein Verlust unsichtbare Abhängigkeiten offen, hinterlässt überall klaffende Lücken – im Alltag, in Familien, in den Institutionen. Es fehlt an Arbeit, an Utopien. Und so breitet sich zwischen leerbleibenden Hotels und dem ausgetrockneten Hafen eine seltsam traurige Atmosphäre aus. Mittendrin: Radikale Pilger, ein spiritualistischer Kongress, die Behörde 55, eine Indie-Game-Programmiererin, eine Arbeiterfamilie, eine Soziologin und ein E-Sport-Team aus Wuppertal.

REZENSION:

Mit „Miami Punk“ wollte ich mich einem Werk widmen, welches trotz der relativ nichtssagenden Beschreibung außerordentlich und erfrischend neu geklungen hat. Das Setting wirkte sehr interessant und konnte mich durch die kunstvolle, surrealistische Anmutung bereits vor Öffnen des Buches überzeugen.
Die kargen Beschreibungen über das Buch weckten meine Neugierde – was nur noch verstärkt wurde durch die sehr positiven Meldungen aus der Presse. Scheint sich doch hier etwas gänzlich Neues im literarischen Markt der phantastischen Literatur aufgetan zu haben.
Juan S. Guse besitzt auch einen sehr schönen Schreibstil und eine Interessante Art des Erzählens, mit der er mich zumindest zu Beginn überzeugen konnte. Dabei schwenkt er seine Herangehensweise beim Erzählen je nach darstellender Figur, was dem Inhalt einige Zeit zu Gute kommt.
Wie gesagt, anfangs wirken diese Elemente wirklich herausragend und gut. Leider relativiert sich dies durch notwendige aber hierin fehlende Spitzen.
Sicher, die Trostlosigkeit wird unglaublich gut dargestellt – ich bin mir aber nicht sicher, ob ich diese Trostlosigkeit als Leser wirklich auch rundum empfinden möchte, um einer dementsprechenden Geschichte folgen zu können.
Als Leser muss man wahrlich sehr viel Aufwand betreiben, um der Geschichte auf längere Zeit genug Interesse entgegenbringen zu können. Mir ist es leider nicht gelungen, da trotz des prinzipiell sehr gelungenen Settings und der Grundidee die Ausarbeitung doch zu viel zu wünschen übrigließ, um mich bei der Stange halten zu können. Den prinzipiellen Handlungsfäden fehlte schlichtweg die notwendige Zugabe an Dramatik, Spannung oder zumindest interessanten Ebenen, um den Leser bei der Hand zu nehmen und ihn mit nicht sinkendem Interesse von Seite zu Seite zu tragen.
Schlußendlich lediglich ein zwar sprachlich herausragender, dennoch nur dezent dystopischer Gesellschaftsroman, der in seiner Gänze zu kompliziert erzählt worden ist. Damit machte es der Autor seinem Leser leider nahezu unmöglich, die darin enthaltene – sicher sehr tiefgehende – Botschaft zu erkennen und als ausreichend interessant zu empfinden..
Jürgen Seibold/17.09.2019

Doctorow, Cory: Walkaway

Originaltitel: Walkaway
Aus dem Englischen von Jürgen Langowski
Deutsche Erstausgabe 07/2018
©2017 by Craphound LLC
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31793-2
ca. 736 Seiten

COVER:

Mitte des 21. Jahrhunderts: Die Erde ist vom Klimawandel gezeichnet, die Staaten werden von Ultra-Reichen regiert, und die Städte haben sich für die normalen Bürger in Gefängnisse verwandelt. Aber es ist auch eine Welt, in der sich Lebensmittel, Kleidung und sogar Behausungen per 3D-Druck ohne großen Aufwand produzieren lassen. Warum also in einem so kaputten System ausharren? Warum nicht einfach … weggehen? Und so werden vier ungleiche Helden zu „Walkaways“. Sie lassen die Zivilisation hinter sich und suchen nach Freiheit und Selbstbestimmung. Und machen die vielleicht größte Entdeckung aller Zeiten.

REZENSION:

Bei manchen Büchern passt die genannte Thematik einfach wie die Faust aufs Auge. Der sehr reduzierte Text des Covers lässt hoffen und gleichzeitig einiges erwarten. Eine große Utopie des 21. Jahrhunderts wird uns Leser versprochen. Dementsprechend konnte ich es schon gar nicht mehr erwarten, dieses Werk endlich lesen zu können.
Die Erwartungen waren hoch, doch konnten sie auch befriedigt werden?
Nun, vorab gesagt: Leider in meinem Falle nicht. Auch wenn ich es wirklich mit aller Inbrunst versucht hatte und das Buch erst nach 140 Seiten unvollendet beiseitelegen musste – das Hochgefühl konnte ich nicht aufrecht halten.
„Walkaway“ versucht wirklich sehr viel und wird mit Sicherheit bei mancher Klientel damit auch punkten können. Mir persönlich wurde zu wenig Wert auf die Welt als auch die persönlichen Ambitionen der Protagonisten gelegt.
Cory Doctorow erzählt seine Geschichte sehr dialoglastig. Dies würde mich noch nicht mal stören, dennoch konnte er damit keinen sauberen Faden auslegen, an dem ich mich in irgendeiner Art und Weise orientieren könnte. Mir ist weder bewusst geworden, wie sich die beiden Seiten dieser Welt darstellen, noch welche Hintergründe zum „walkaway“ führten.
Vielleicht war es eine simple Schnapsidee der „walkaways“, ihren sicheren Hort zu verlassen – aber selbst wenn es so wäre: Es wurde mir nicht bewusst.
Ich persönlich finde es außerordentlich schade, dass mich dieses Werk nicht überzeugen konnte – die Idee dahinter hat mich wahrlich überzeugt und bei einer anderen Ausarbeitung wäre ich mit wehenden Fahnen voran geschritten, um jedem dieses Buch nahe zu bringen.
Trotz meiner negativen Leseerfahrung und dem vorzeitigen Abbrechen möchte ich noch einen wichtigen, positiven Punkt hinterlassen: Doctorows Schreibstil hat mir prinzipiell außerordentlich gut gefallen. Locker, witzig, eingängig und simpel zu verstehen. Die stringente, handlungsorientierte Vorgehensweise und der dazu gehörige Antrieb hatten mir einfach gefehlt. Im Umkehrschluss werde ich aufgrund seiner grundsätzlichen Art dennoch diesen Namen weiterhin im Auge behalten und ihm somit eine weitere Chance bei seinem nächsten Buch geben.
Jürgen Seibold/12.04.2019

von Aster, Christian: Der Orkfresser

©2018 by J.G.Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-98121-6
ca. 352 Seiten

COVER:

Nachdem Aaron Tristen auf einer Lesung seines Endzeitepos „Engel gegen Zombies“ eine Horde Orks verprügelt hat, liegt seine Laufbahn in Scherben. Er muss sein Leben ändern und vor allem eins: verschwinden. Dabei kommt ihm allerdings ungelegen, dass ihn einer der Orks verklagen will und ein anderer schwanger von ihm ist. Unter einem Pseudonym taucht er unter und begegnet schließlich einem orientalischen Meister, der die Geheimnisse allen Geschichtenerzählens lehrt. Don Quijote, Pu der Bär und Robinson Crusoe werden zu seinen ständigen Begleitern. Zwischen Irrsinn und Legenden mischen sich Vorstellung und Wirklichkeit derart, dass am Ende sicher ist: Literatur ist nicht mehr als nur eine zärtliche Lüge. Aber eben auch nicht weniger.

REZENSION:

Als ich in der Vorschau des Klett-Cotta-Verlages auf dieses Buch aufmerksam geworden bin, musste ich erst einige Zeit in mich gehen, bevor ich mich dazu entschließen konnte, mich diesem Buch zu widmen. Bücher dieser Art stellen sich zu oft auf nur eine Seite der beiden gegensätzlichen Pole „absoluter Schwachsinn“ und „in Genialität ausufernde Geschichte“. Dementsprechend oft ist man von absolutem Schwachsinn umgeben.
In diesem Fall kannte ich aber auch den Namen des Autors und ein kleiner Blick auf meine Seite zeigte mir, dass ich im Jahre 2011 bereits ein Buch von ihm mit dem Titel „Armageddon TV“ für außerordentlich gut empfohlen hatte.
Somit war es dann doch ein leichtes, mich seinem Orkfresser zu widmen.
Von Aster lässt in seinem neusten Werk den überaus erfolgreichen Schriftsteller Aaron Tristen seinen Weg zu sich selbst suchen und zum Ende auch… – Nun, lest selbst.
Aaron ist seiner Meinung nach ein Schriftsteller, dessen literarische Qualitäten für sich selbst sprechen sollten. Leider wurde er aber mit nichtssagendem Mainstream voller Engel, Zombies, Vampire, und allen weiteren Klischees berühmt und erfolgreich.
Dementsprechend leer fühlt er sich – dennoch ist er dazu gezwungen, seine nichtssagende Reihe fort zu setzen. Der Verlag möchte diesen Hype natürlich weiterhin befeuern.
Nach einer Schlägerei mit einem Rudel „Orks“ versucht Aaron auszubrechen und verschwindet unter Verwendung eines anderen Namens nach Leipzig, um dort erst einmal unter zu tauchen.
Dabei lernt er eine Vielzahl an interessanten Personen kennen, tappt erneut von einer blödsinnigen Tat in die nächste, findet aber – auch hierdurch – einen neuen Zugang zur Literatur und ihren Figuren.
Christian von Aster legt eine recht unterhaltsame Geschichte vor, mit der er nicht nur den unzufriedenen Autoren ein kleines Denkmal erbaut, sondern auch der gesamten Branche einen kleinen Spiegel vor hält. Allein dadurch bleibt man dieser Geschichte beim Lesen auch weiterhin treu. Irgendwie erfreut man sich immer mehr an dem doch recht tollpatschig agierenden Hauptdarsteller.
Erfreulicherweise deckt von Aster einige Klischees auf und selbst der gerade noch als stehlender Straßenschläger agierende Typ in Jogginghose entpuppt sich als Freund der zarten Literatur.
Der von Tristen besuchte Leserkreis wirkt fast wie ein Treffen der Anonymen Alkoholiker (zumindest, was die Klischees betrifft – ich möchte keinem zu nahe treten): Jede teilnehmende Person besitzt einen ganz besonderen Background – aus Sicht Tristens auch nicht gerade aus der Welt der „Normalität“ entsprungen. Interessanterweise geben diese der Geschichte auch den nötigen Tiefgang. Christian von Aster bleibt sich aber auch in DER ORKFRESSER treu: Er erzählt bissig, witzig und doch mit nachdenklichem Nachhall. Somit eine sehr interessante Geschichte mit einer gehörigen Liebe zum Autorendasein und der Literatur an sich. Gleichzeitig wird die Literatur erfreulicherweise nicht in besindere Sphären gehoben, sondern es bleibt dabei: Geschichten dienen der Unterhaltung und „Literatur ist nicht mehr als eine zärtliche Lüge.“
Jürgen Seibold/24.11.2018

Michael E. Vieten: Handbuch zur Rettung der Welt

©2017 Vieten, Michael E..
ISBN 978-3740733766
ca.286 Seiten

COVER:

„Schaue nicht nach Westen, schaue nach Osten. Dort geht jeden Morgen eine neue Sonne auf.“

Was erwartet die Menschheit, wenn sie weitermacht, wie bisher?
Anthropozän 2050. Ende des Industriezeitalters.
Es ist genau das passiert, was jeder Mensch hätte wissen müssen. Die Menschen haben die Erde der Gier, der Selbstsucht und der Ignoranz geopfert. Die Umwelt ist größtenteils zerstört. Unbesiegbare Keime, Kriege, Hungersnöte und eine verheerende Pandemie haben den überwiegenden Teil der Menschheit dahingerafft. Der Rest kämpft allein oder in kleinen Gruppen ums Überleben. Jeder ist sich selbst der Nächste. In dieser feindlichen Umgebung lebt die junge Mila in der Hoffnung auf ein fernes Hochtal, in dem die Natur noch intakt sein soll. Mit dem alten Josh macht sie sich auf den gefährlichen Weg und kämpft mit den schrecklichen Folgen des Unterlassens und der Ignoranz der Menschen des 21. Jahrhunderts.

Ein Roman über ein großes Abenteuer, verzweifelte Hoffnung, grenzenlose Zuversicht und aufrichtige Freundschaft.

REZENSION:

Es gibt eine schier unermessliche Vielzahl an dystopischen Romanen. Man begegnet dabei vor allem Zombies, Seuchen, Aliens oder gar Vampiren. Die Ursachen sind zumeist nicht konsequent geklärt, dennoch schwingt oft ein kleines Unbehagen bei diesen Stories mit, die einen irgendwie andauernd darüber nachdenken lassen, ob wir als Menschheit dabei nicht gerade eine unerhebliche Rolle auf dem Weg zur beschriebenen Dystopie hatten.
Nachdem es aber meistens lediglich Überlebensromane sind, kann man da relativ simpel darüber hinwegsehen. Die Spannung allein reicht und warum es plötzlich Zombies gibt, ist doch egal.
Jede Geschichte möchte aber nicht nur etwas erzählen, sondern auch oft etwas vermitteln. Sehr häufig leider gut versteckt und deswegen macht man sich keine großartigen Gedanken als Leser eines typischen Dystopie-Spannungsromans.
Michael E. Vieten legt ebenfalls mit „Handbuch zur Rettung der Welt“ einen kleinen, knackigen Dystopie-Roman vor. Wir begleiten die junge Mila auf ihrem Weg durch eine karge Welt. Sie trifft dabei auf den über 70jährigen Josh, der sich als hilfreicher Zeitgenosse herausstellt und somit bleiben beide zusammen und suchen ein traumhaftes Tal, welches Mila lediglich auf einer alten Postkarte gesehen hat.
Im Gegensatz zu Mila kennt Josh aufgrund seines Alters die Welt, wie wir sie kennen – also: Vor dem Untergang. Diese Verknüpfung nimmt der Autor, greift sich einen Spiegel und lässt uns Menschen der heutigen Zeit nicht nur hineinschauen, sondern haut ihn uns förmlich in die Fresse. Genau so kann es geschehen, wenn wir nicht endlich unseren Allerwertesten hochbekommen und etwas tun.
Die Geschichte selbst lebt exakt von diesem immer wieder auftretenden Vergleich beziehungsweise den Erzählungen Joshs. Mila selbst – Kind der Neuzeit – kann diese Ignoranz nicht verstehen, geschweige denn nachvollziehen.
Michael E. Vieten möchte mit diesem Buch exakt diesen Umstand vermitteln und versucht uns ganz geschickt und nebenbei einiges klar zu machen.
Die Wanderung und der Überlebenskampf der beiden Protagonisten ist dabei lediglich Beiwerk und in meinen Augen eher Mittel zum Zweck.
Würde man „Handbuch zur Rettung der Welt“ auf die eigentliche Wanderschaft in einer dystopischen Welt reduzieren, müsste ich sagen, hier gibt es erheblich bessere Werke, mit erheblich mehr Spannung und anspruchsvollerem Überlebenskampf. Aber: Man darf dieses Buch nicht darauf reduzieren. „Handbuch zur Rettung der Welt“ ist unglaublich lehrreich und versucht, das ein oder andere Auge zu öffnen. Allein deshalb lohnt es sich bereits und somit bleibt mir nichts Anderes übrig, als dieses eingängig und einfach geschriebene Werk zu empfehlen. Lässt man es zu, kann man sehr viel daraus lernen und man bekommt auf unterhaltsame Art und Weise die Fehler unserer aktuellen Generation vorgelegt.
Es muss somit nicht immer ein Fachbuch sein, um jemanden aufrütteln zu können.
Jürgen Seibold/07.12.2017

Handbuch zur Rettung der Welt – KAUFEN BEI AMAZON

Bonner, Stefan / Weiss, Anne: Planet Planlos

Originalausgabe Oktober 2017
©2017 Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-21432-9
ca. 317 Seiten

COVER:

Gestatten, Generation Weltuntergang.

In den Nachrichten herrscht Daueralarm: Das Wetter schlägt Kapriolen, der Meeresspiegel steigt, die Pole schmelzen, und Millionen sind auf der Flucht. Unterdessen wettern Scharfmacher und gut bezahlte Lobbyisten gegen die Klimawissenschaft, Politiker hangeln sich von einer Umweltkonferenz zur nächsten – und eiern planlos um echte Lösungen herum. Und mittendrin wir. Geboren im vergangenen Jahrhundert zwischen Mondlandung und Mauerfall, waren wir die Generation, für die alles besser werden sollte. Wir waren hautnah dabei, als Greenpeace sich ums Waldsterben, die maroden Meere und die Luftverschmutzung kümmerte. Als alle UN-Staaten beschlossen, FCKW den Garaus zu machen, weil das Ozonloch unsere Welt bedrohte. Und als der Technikboom für die Zukunft verhieß: Nichts ist unmöglich.
Unversehens stehen wir vor der drohenden Klimakatastrophe. Und uns ist schleierhaft, wo wir in den letzten Jahrzehnten die falsche Abfahrt genommen haben. Was wissen wir über die globale Erwärmung? Wie schlimm ist es wirklich? Sind wir vielleicht die letzten unserer Art – oder hat eventuell einer einen Plan, die die Menschheit noch zu retten ist?

“In einigen Jahrhunderten werden wir möglicherweise menschliche Kolonien im All haben, aber derzeit haben wir nur diesen einen Planeten, und wir müssen alle zusammen daran arbeiten, ihn zu bewahren.” Stephen Hawking

REZENSION:

Normalerweise schreibe ich Rezensionen über Fantasy, Science Fiction, Thriller und Horror. In diesem Fall mache ich nur oberflächlich betrachtet eine Ausnahme und widme mich einem Sachbuch. Oberflächlich? Ja, denn “Planet Planlos” ist zwar leider beileibe kein Fantasy, aber Science leider ohne Fiction und darüberhinaus ein waschechter gruseliger Horrorthriller. Somit passt dieses Sachbuch perfekt zu den von mir bevorzugten Genres.
Nachdem die beiden Autoren aber keine Geschichte erzählen, sondern die blanke Wahrheit gemäß dem aktuellen Wissensstand, ist der Horror und Thrill erschreckender als ein erfundener Roman je sein könnte.
Immerhin handelt es sich um nichts geringeres als um unseren wunderschönen blauen Planeten.
Dennoch befinden wir uns auf dem besten Wege, diesen mitsamt unserer Spezies in den Müll zu treten. Wobei: Er wird am Ende nahezu ungerührt übrig bleiben – wir sind es, die sich dabei selbst vom Antlitz dieser Kugel tilgen. Die Erde wird sich dann schon wieder nach und nach regenerieren…
Wenn man nur die Augen ein klein wenig offen hält, kann man die Missstände auf ganz simple Art und Weise im normalen Leben betrachten: Früher musste man bei einer Autoreise bei JEDEM Tankstopp die Scheibe putzen, da man fast nichts mehr sehen konnte. Donnerten doch auf unserem Weg über die Autobahn eine Vielzahl an unschuldigen Insekten ungebremst dagegen.
Achtet mal drauf, ob das immer noch der Fall ist. Ihr werdet überrascht sein und dann nicht nach weiteren Studien rufen, die lediglich den Zweck dazu haben, Zeit für irgendwelche Lobbies heraus zu schinden.
Bienen? Tja, als ich ein Kind war, musste man am See und im heimischen Garten extrem auf die kleinen Brummer achten. Die Gefahr war groß, aus Versehen von einer gestochen zu werden.
Gestochen werden war zwar kein nachhaltigen Drama, hat trotzdem weh getan. Heute? Nun, wenn man überhaupt noch irgendwo ein Blumenwieslein finden sollte – Bienen? Nur mit viel Glück.
Ich habe bei der Lektüre dieses Buches auch sehr oft darüber nachdenken müssen, wo verdammt nochmal wir die Ausfahrt verpasst haben. Denn es war – wie von den Autoren beschrieben – wirklich so, dass wir bereits mit einer Vielzahl an Umweltthemen aufgewachsen sind. Diese wurden nach meinem Gefühl irgendwie gemeinsam behoben. Aber nach den 80ern war das alles plötzlich weg. Es kam die Industrie ums Eck, die Generation hatte plötzlich nicht nur mehr Geld zur Verfügung, als die erste Nachkriegsgeneration, es machten sich auch alle möglichen Innovationen auf den Weg, unseren Geldbeutel zu erleichtern. Ich glaube, dabei sind wir definitiv zu weit gegangen.
Nun kann man sich natürlich fragen, was man dagegen tun kann. Sollen wir auf die Regierungen warten? Ich denke nicht, den hier scheint mir der Lobbyismus doch sehr stark vertreten zu sein.
Warum also nicht einfach sich ein wenig schlau machen? Solche Bücher lesen wäre ein Schritt, könnte aber eventuell nicht jedem liegen. Dennoch kann man problemlos nach Alternativen suchen. Sei es der verstärkte Blick auf Bio-Ware, auf Firmen, die es mit der Nachhaltigkeit versuchen, Unternehmen, die unsere Bedürfnisse ohne Einsatz von Chemie oder anderen schadenden Inkredienzen zu befriedigen in der Lage sind. Kurzum: Bewusster durch das Leben gehen.
Dabei muss man auch keineswegs Enthaltsam werden. Vielleicht einfach nur einen Weg zurück in die Zeiten unserer Kindheit, als die Menschen noch ihren Sonntagsbraten machten, die Reste dann die Tage darauf verzehrten. Somit eben nicht unbedingt jeden Tag das billige Massentierhaltungsfleisch für 1,50, sondern bewusst einkaufen und wieder als etwas Besonderes genießen (wer möchte, kann natürlich auch ganz darauf verzichten).
Möglichkeiten gibt es viele und nur wenn sich viele daran beteiligen, kann damit viel bewirkt werden. Politiker bewegt man nur mit großem Zusammenhalt. Wenn wir das hinbekommen, hilft ihnen auch der nette Lobbyist von nebenan nichts mehr.
Denkt einfach darüber nach und versucht den gesunden Menschenverstand wieder zurück in euer Leben zu bringen.
Dieses Buch ist ein wunderbarer Einstieg dazu. Die beiden Autoren schaffen es durch ihre Sprache, dieses dramatische Thema zwar fundiert, dennoch auf recht eingängige, beinahe ab und an witzige Art zu vermitteln. Dabei gehen sie auf eine Vielzahl an bedrückenden Beispielen ein und öffnen einem wirklich geballt die Augen. Sehr plastisch halten sie dem Leser den eigenen CO2-Ausstoß vor Augen und wer dann immer noch nicht an einen Klimawandel glauben möchte, dem kann man wohl nicht mehr wirklich helfen. Der soll dann mit seinem Wegwerfbecher vom Coffe-To-Go-Laden glücklich und zufrieden werden. Alle anderen werden mit Sicherheit sehr viel interessantes und selbst bewegbares in diesem Buche erfahren.
Nachdem das hier ein Rezi ist, die etwas davon geschwebt ist, hier noch der Hinweis, dass dieses Buch sehr empfehlenswert ist und eigentlich zu einer Pflichtlektüre in den Schulen werden sollte. Am Besten sofort, denn es könnte schneller zu spät sein, als man denkt.
Jürgen Seibold/26.11.2017

Planet Planlos: Sind wir zu doof, die Welt zu retten? – KAUFEN BEI AMAZON

George Orwell: 1984

Originaltitel: 1984
Übersetzt von Michael Walter
© 1949 by The Estate of Eric Blair
© für die deutsche Ausgabe: Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2004
ISBN 978-3-548-23410-6
ca. 384 Seiten

COVER:

Ozeanien, eine von drei Supermächten, die die Welt untereinander aufgeteilt haben, stützt sein System auf eine Ideologie, die auf der Veränderlichkeit der Vergangenheit beruht. Im Ministerium für Wahrheit, das für die Verfälschung der Geschichte nach Parteilinie zuständig ist, arbeitet der 39jährige Winston Smith. Eine Liebesaffäre mit Julia, Technikerin an einer Romanschreibmaschine und Aktivistin der Anti-Sex-Liga, wird für Winston zu einem Akt des Widerstands gegen das System. Trotz ständiger Überwachung durch die Gedankenpolizei können die beiden Liebenden sich heimlich in einem Zimmer in dem überwiegend “Proles” bewohnten Teil Londons treffen. Dort lernen sie auch den Widerstandskämpfer O’Brien kennen, der ihnen ein Buch von Emmanuel Goldstein gibt, dem Feind und Gegenstand des Volkshasses. Der Glaube, in ihrer Liebe innere Freiheit zu erlangen und durch die Lektüre des “geheimen Buches” das Wesen ihrer Gesellschaft verstanden zu haben, erweist sich als Trugschluß. Denn irgendwann gewinnt der “Große Bruder” auch Macht über Winston.

REZENSION:

1984 von George Orwell steht gemeinsam mit “Schöne Neue Welt” von Huxley alleine auf einem ganz besonderen Regal. Beide Werke sind Alleinstellungsmerkmal einer jeweils visionären Geschichte, deren Inhalt noch immer eine unbeschreibliche Bedeutung für die heutige Zeit hat.
Obwohl beide Werke gänzlich unterschiedlich vorgehen, wird man ihren Inhalt nicht mehr vergessen und hoffentlich den ein oder anderen gedanklich auf den richtigen Weg bringen.
1984 beschreibt dabei ein totalitäres System, in dem der Bürger durch und durch von der herrschenden Partei gelenkt und geführt wird. Eigene Gedanken sind nicht erwünscht. Die Bürger werden überwacht und können sich dieser Überwachung auch keineswegs entziehen.
Die Partei steht dabei nicht nur für die Gegenwart oder die Zukunft – sie legt auch fest, wie die Vergangenheit ausgesehen hat.
Kleinste Verfehlungen werden geahndet und somit kann es urplötzlich sein, dass jemand einfach verschwindet. “Verschwinden” heisst in diesem System aber gleichzeitig eine absolute Ausrottung sämtlicher Informationen über diesen Bürger – so, als ob er niemals existiert hätte.
Winston Smith versucht sich dem zu entziehen und öffnet sich einem vermeintlichen Widerstand. Nach und nach stellt sich jedoch heraus, dass der “Große Bruder” weit mehr Macht hat, als er sich jemals vorstellen konnte.
1984 ist ein absolutes Pflichtbuch für nahezu jeden Menschen auf diesem Planeten. Orwell hat es zwar mit Sicherheit in Gedanken an die totalitären Systeme des Zweiten Weltkriegs geschrieben, erschuf dabei aber einen sehr visionären Roman mit einer Doppelzüngigkeit, die seinesgleichen sucht.
Sicher, manchesmal wirkt es ein wenig steif und aus seiner Zeit gefallen. Dies stört diesem hintersinnigen Werk aber nicht eine Sekunde.
1984 ist dabei nichts anderes als die Drehung der Jahreszahl, in der Orwell das Buch geschrieben hat (1948), somit ist der Titel nicht wirklich wichtig – im Gegenteil, es bekommt von Tag zu Tag mehr Brisanz, als man sich bereits im Jahre 1984 vorstellen konnte.
Einfach ein Klassiker, den man gelesen haben muss.
Jürgen Seibold/22.03.2017
1984 – KAUFEN BEI AMAZON

George Orwell: Animal Farm

© 1945 by Eric Blair
This edition © the Estate of the late Sonia Brownell Orwell, 1987
ISBN 978-0-141-03613-7
ca. 95 Seiten

COVER:

‘All animals are equal. But some animals are more equal than others.’

Mr Jones of Manor Farm is so lazy and drunken that one day he forgets to feed his livestock. The ensuing rebellion under the leadership of the pigs Napoleon and Snowball leads to the animals taking over the farm. Vowing to eliminate the terrible inequities of the farmyard, the renamed Animal Farm is organized to benefit all who walk on four legs. But as time passes, the ideals of the rebellion are corrupted, then forgotten. And something new and unexpected emerges…

REZENSION:

Vorab gesagt: Im Gegensatz zu Orwells 1984 kommt man mit einem einigermaßen guten Englisch mit diesem Buch erheblich besser zurecht. Dies liegt sicherlich auch daran, dass Orwell bei 1984 viele erfundenen Wörter mit eingeflechtet hatte. Auch wenn dem nicht so sein sollte: Bei Animal Farm handelt es sich laut Orwell um ein Märchen und wohl auch deshalb ist das sprachliche Niveau ein wenig anders angesiedelt.
Das Büchlein ist jedenfalls recht dünn und könnte mit seinen knappen hundert Seiten in der heutigen Zeit sicher auch als etwas längere Kurzgeschichte durchgehen. Trotz dieser Kürze ist das Buch durchweg als absolut interessant und lehrreich zu betrachten. Sozusagen eine Parabel unserer Welt. Orwell hatte zwas damals im Jahre 1945 sicher noch die tiefgehenden Eindrücke des Zweiten Weltkriegs im Auge – insbesondere sicherlich die Strömungen Russlands als auch Nazideutschlands. Nichts desto trotz verliert Animal Farm absolut nichts an Bedeutung, denn scheinbar haben wir Menschen beim Übernehmen von Macht in den letzten 70 Jahren absolut nichts dazu gelernt. Es ist wahrlich kein Wunder, dass der Satz “Jeder ist gleich, manche sind gleicher” zum Sprachgebrauch geworden ist (interessant zu erfahren, dass dieser Sprachgebrauch seinen Ursprung in einem Buch hatte, welches sicherlich nicht jeder gelesen hat).
Es ist sicher immer noch der gleiche Weg: Es gibt eine Revolution mit den besten Absichten. Jemand wird zum neuen Anführer ernannt. Aufgrund seiner machtvollen Position rutscht dieser mehr und mehr in die gleichen Fahrwasser wie der damalige Herrscher. Alle hehren Ziele werden nach und nach demaskiert und anders – zugunsten des Herrschers – neu kommuniziert. Kurzum: Eine Revolution scheint der Wegbereiter zu einer erneuten Revolution zu sein. Geschichte ist wie ein Rad, das sich dreht und dreht – mal ist man oben, mal unten…
Animal Farm ist dadurch eine absolute Pflichtlektüre, die auf einfachem Wege und unter Benutzung von Tieren anstatt Menschen jedem Leser diese Problematik gegenüber hält. Wer es dann immer noch nicht kapiert, dem kann man wohl nicht mehr helfen.
Schlußendlich ein Standardwerk, welches wirklich jeder einmal gelesen haben sollte.
Jürgen Seibold/05.03.2017
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Claire North: Die vielen Leben des Harry August

North_AugustOriginaltitel: The first fifteen lives of Harry August
© 2014 by Claire North
© 2015 für die deutschsprachige Ausgabe by Bastei Lübbe AG, Köln
ISBN 978-3-431-03930-6

COVER:

MANCHMAL IST EIN LEBEN NICHT GENUG, UM DIE WELT ZU RETTEN! Harry August stirbt. Mal wieder. Es ist das elfte Mal, dass Harrys Leben ein Ende findet. Und er weiß genau, wie es weitergehen wird: Er wird erneut im Jahr 1919 geboren werden ― mit all dem Wissen seiner vorherigen Leben. Harry hat akzeptiert, dass er in dieser Zeitschleife festhängt, auch wenn er nicht weiß, wieso … Doch dann steht plötzlich ein junges Mädchen an seinem Sterbebett und überbringt ihm eine erschütternde Botschaft: Der Untergang der Welt steht bevor! Und das auslösende Ereignis findet vermutlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts statt. Harry, der bald wieder im Jahr 1919 sein wird, muss nun nicht weniger tun, als diese Zukunft zu verhindern …

REZENSION:

Vorweg gesagt: Dieses Buch begleitete mich als Hörbuch und somit ist die Wahrnehmung mit Sicherheit ein wenig anders, als beim Lesen der gedruckten Wörter.
Bezogen auf das Hörbuch ziehe ich sogleich meinen Hut vor der großartigen Lesung Stefan Kaminskis, der es problemlos geschafft hat, diese Geschichte unter Berücksichtigung aller Facetten vor zu tragen. Man fühlt sich beinahe wie in einem Hörspiel mit verschiedenen Sprechern, da der Leser jeder Person seinen eigenen Stempel aufgedrückt hat und geschickt auf die jeweilige Stimmung achtete. Hierdurch konnte eine ausreichende Stimmung erzeugt werden, die mich sicherlich mit davon abhielt, nicht zum Ende zu kommen.
Zum Buch: Zeitreise-Romane beziehungsweise Zeitschleife-Romane gibt es mittlerweile einige auf dem Markt. Mal mehr, mal weniger gut. Ich konnte es mir dadurch auch nicht wirklich vorstellen, wie Claire North diesem Thema einen neuen Stempel aufdrücken möchte.

Der Plot ist dennoch außerordentlich interessant und zeugt von einer herausragenden Idee. Claire North schreibt sehr eingängig, legt aber dennoch ein sehr hohes und gut durchdachtes sprachliches Niveau vor. Ihre unterschiedlichen Themen sind sehr gut recherchiert und absolut jeder Satz sinnvoll dort platziert, wo er auch hingehört.
Leider springt sie recht oft zwischen den einzelnen Leben hin und her, was es einem in einem Hörbuch nicht gerade leicht macht, hier noch zu folgen. Darüber hinaus gibt es einige langatmige Stellen und man fragt sich in manchem Leben, warum Harry August so passiv wirkt. Sicher, er versucht das Problem seiner Wiedergeburten zu verstehen. Dennoch lässt er sich einige Leben zu viel vom Nichtstun treiben. Hier hätte die Autorin bestimmt etwas stringenter vorgehen können und eventuell die Thematik mit weniger Leben abhandeln können.
Wie bei vielen Zeitreise- oder Zeitschleifenromanen versucht man selbst gedanklich der Thematik haarklein zu folgen. Dabei entdeckt man sehr oft die berühmten Paradoxien, über die man geflissentlich philosophieren kann oder als gegeben hinnimmt. In diesem Buch stellt man sich diese Frage jedoch sehr oft, denn Harry August erfährt zum Beispiel, nicht gravierend einzugreifen in der Weltgeschichte. Ich glaube, eine Person, die immer wieder am exakt gleichen Tag mit dem gesamten Wissen auf die Welt kommt, würde doch nach einigen Leben doch das ein oder andere ausprobieren. Ist ja egal, man kommt ja wieder auf die erste Spur und hat lediglich eine Erfahrung mehr hinter sich.
Bei diesem Thema stellen sich somit sehr viele Fragen, was per se ja positiv für ein Buch ist. Aber wie gesagt: Etwas weniger wäre vielleicht mehr gewesen.
Natürlich bleibt die Geschichte trotzdem faszinierend – jedoch hätte ich mir persönlich etwas mehr Spannung und etwas weniger „durch die Leben springen“ gewünscht.
Sprachlich gibt es absolut gar nichts an der Autorin aus zu setzen: Sehr eingängig, philosophisch angehaucht und jeder Satz gut durchdacht und passend.
Das Ende war mir dann leider ein wenig zu schnell und zu konstruiert. Hier eröffnete sich erneut eine Vielzahl an Fragen, die schlussendlich leider nicht alle beantwortet worden sind.
Jürgen Seibold/02.08.2016
Die vielen Leben des Harry August: Roman KAUFEN BEI AMAZON

David Bielmann: Freedom Bar

bielmann_Freedom© Riverfield Verlag, Basel
ISBN 978-3-9524523-4-9

COVER:

“Freedom Bar” entwirft eine modern-urbane Welt voller eigenwilliger und liebenswürdiger Alltagshelden, deren Wege und Sehnsüchte sich immer stärker kreuzen:

Der junge Bert Bucher sieht sich als künftiger Rockstar. Da kommt ihm der Tod seiner Großmutter gerade gelegen, so kann er in ihre leer stehende Wohnung in Freiburg ziehen und seine Karriere vorantreiben. Ein Vorhaben, das bald von der schönen Studentin Lana gestört wird.

Johann B. Grab ist Inhaber einer Buchhandlung und sehnt sich zurück in die Welt ohne Internet. Seine griechische Frau hingegen wünscht sich ein Kind, und der zeugungsunfähige Johann ist bereit, zu diesem Zweck einen Mann für sie zu suchen.

Henry Schweizer wohnt in seiner Bar, die er zu seinem persönlichen Sehnsuchtsort gemacht hat. Hier verwässern sich Sorgen im Rausch, abstruse Ideen reifen zu Taten heran und Verlierer werden zu Gewinnern.

REZENSION:

Normalerweise würde ich von einem Buch wie diesem die Finger lassen. Viel zu sehr bin ich in meinen Genre-Abgrenzungen unterwegs und lasse somit beim Schmökern lieber die Finger weg von Büchern, die keine Spannung zu garantieren scheinen.
Nun ist es jedoch so, dass ich bereits vor einigen Jahren etwas von David Bielmann gelesen habe und dabei von seiner Geschichte und dem darin befindlichen Witz sehr angetan war. Gleichzeitig überzeugte mich der Autor mit seinem schriftstellerischen Talent und eingängigen Schreibstil. Aus diesem Grund habe ich mich auch auf dieses Buch eingelassen – obwohl es doch absolut nichts interessantes zu beinhalten scheint. Geht es doch wohl lediglich um die persönlichen Erlebnisse einer Hand voll Protagonisten.
Tja, es geht tatsächlich nur um persönliche Erlebnisse einiger Personen. Diese Personen scheinen auf den ersten Blick auch nicht wirklich interessant zu sein: Ein Möchtegern-Rockstar, der viel zu oft seine Akkorde vergisst; ein Buchhändler, dessen Laden mehr schlecht als recht läuft und darüber hinaus zeugungsunfähig dem Kinderwunsch seiner geliebten Frau entgegensteht und der Inhaber der amerikanisch angehauchten “Freedom Bar” und seinem Traum der großen, weiten Welt, ohne jedoch den Schneid zu haben, den Fuß außerhalb Freiburgs zu setzen.
Klingt alles sehr langweilig: Keine Mörder, keine Psychopathen, kein Science Fiction, kein Horror.
Aber: David Bielmann schaffte es erneut mit seinem intensiven Stil das Leben dieser Personen außerordentlich interessant zu gestalten und ich war erstaunt, wie sehr mich dieses Werk von ihm gefesselt hat. Man taucht in sehr persönlich wirkende Leben unterschiedlicher Personen ein und lernt deren Gedanken und Intentionen bis ins Detail kennen. Ein sehr außergewöhnliches Werk voll Dramatik und Liebe zum Leben. Gleichzeitig eine unterschiedliche Darstellung auf der Suche nach dem täglichen Sinn.
Wahrlich ein absolut eingängiger, interessanter und doch spannend scheinender Geheimtipp, dessen Inhalt ohne jegliche Klischees auskommt und wohl gerade deshalb den Leser fesseln kann. Diesmal eben ohne Kriminalfall, Mörder und Ähnlichem – einfach eine rundum glaubwürdige Darstellung der Sehnsüchte, Träume und Erlebnisse verschiedener Charaktere, deren einziger gemeinsame Nenner das Wohnen unter einem Dach ist.
Dieses Werk kann definitiv nur empfohlen werden.
Jürgen Seibold/17.07.16
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Will Hofmann: Götter

hofmann_Goetter© 2016 b Will Hofmann
Fabulus Verlag
ISBN 978-3-944788-34-0
ca. 400 Seiten

COVER:

Mitten in Deutschland: Selbst ernannte Götter halten Menschen als Sklaven.

In Deutschland gibt es vier geheime Reservate, in denen, nach Geschlechtern getrennt, Männer und Frauen wie Sklaven gehalten und körperlich sowie sexuell durch sogenannte Götter ausgebeutet werden. Diese gebärden sich zu ihrem eigenen Vorteil als Herren über Leben und Tod und führen über ihre Untertanen ein strenges Regiment bis hin zur Todesstrafe. Diesem Terrorregime entfliehen unabhängig voneinander Agnes und Günter. Sie treffen sich zufällig in der Freiheit, tun sich zusammen und müssen das zivilisierte Leben von Grund auf neu lernen. Mithilfe von Freunden gelingt ihnen dieser Prozess erstaunlich schnell. Zugleich entsteht bei ihnen der Wunsch, die vermeintlichen Götter zu entmachten. Werden sie diesen Kampf erfolgreich bestehen?

REZENSION:

Bei Will Hofmanns Roman GÖTTER handelt es sich eine durchweg interessante Idee, die ihre Thematik natürlich ein wenig Plakativ darstellt, man sich aber trotzdem die ganze Zeit fragt, ob so etwas in unserem Umfeld prinzipiell möglich sein könnte. Gleichzeitig ist es eine schöne Parabel über die Abhängigkeiten, die in abgeschlossenen Sekten entstehen können.
GÖTTER handelt hauptsächlich von Agnes und Günter, die beide jeweils in einem von insgesamt vier geheimen Reservaten aufgewachsen und aufgezogen worden sind. Diese Reservate leben beinahe autark – lediglich besucht von ihren Göttern, die ab und an vorbeikommen, gebastelten Tand einsammeln und auch manchen Einwohner als etwas Besonderes auswählen und diesen mitnehmen. Einige Zeit wird die Bewohnerin oder der Bewohner wieder zurück gebracht – interessanterweise wächst dabei sehr oft etwas im Bauch der weiblichen Auserwählten heran. Kurz vorm Niedergang werden diese Frauen wieder geholt und einige Zeit ohne Bauch wieder zurückgebracht. Darüber hinaus gibt es etwas später einen kleinen neuen Mitbewohner, der von den Göttern gebracht wird.
Sehr schnell findet man heraus, dass es sich hierbei um eine moderne Sklaverei handelt und die Götter nichts weiter als Ausbeuter der Reservatsbewohner sind.
Unabhängig voneinander flüchten Agnes und Günter aus ihrem Reservat. Einige Zeit später treffen sie sich auch im relativ naheliegenden Wald und kommen sich näher.
Beim anfänglichen Überlebenskampf und dem Kennenlernen von ganz normalen Gegenständen oder gar Tieren macht die Geschichte am meisten Freude zum Lesen. Ein wenig fühlt man sich an vergangene Zeiten erinnert, als es in den 80ern ein kleiner Film zum Blockbuster gebracht hat: Die blaue Lagune. Mal davon abgesehen, dass dies gleichzeitig für viele Jugendliche beinahe ein Aufklärungsfilm war, erlebte man auch hier die Problematiken des Unbekannten. Der Vergleich hinkt natürlich gewaltig, nichts desto trotz gab es bei mir diesen kurzen Erinnerungsfetzen, da Agnes und Günter sehr ähnlich auch ihre ersten Gehversuche in Sachen Sex durchführen.
Die Idee der vier Reservate ist wirklich außerordentlich interessant. Die Geschichte eingängig erzählt und für ein Debüt wirklich nicht schlecht. Ein wenig störend waren die unterschiedlichen Zeitebenen, die man erst einmal verstehen musste – zum Glück fügte der Autor alles an der richtigen Stelle wieder zusammen.
Auf dem Weg zur Auflösung wirkte alles ein wenig konstruiert und schnell abgehandelt. Gleichzeitig aber mit historischen Aufklärungen, wieso es ein autarkes Gebiet in Deutschland gibt, einigermaßen plausibel dargestellt.
Alles in allem ein recht gelungener Roman, der mich sehr gut zu unterhalten wusste, dessen hektisches Ende jedoch noch etwas mehr Tiefe vertragen könnte.
Jürgen Seibold/31.03.2016
Götter KAUFEN BEI AMAZON

Stephen King: Basar der bösen Träume

King_basarOrignaltitel: Bazaar of Bad Dreams
©2015 by Stephen King
©2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-641-16403-4
ca. 768 Seiten

COVER:

Abermals legt Stephen King, u. a. Träger des renommierten »O.-Henry-Preises«, eine umfassende und vielseitige Kurzgeschichtensammlung vor. Von den insgesamt 20 Storys wurden bislang erst drei auf Deutsch veröffentlicht. Die Originale erschienen teilweise in Zeitschriften; andere sind bislang gänzlich unveröffentlicht.

Nicht immer blanker Horror, aber immer psychologisch packend und manchmal schlicht schmerzhaft wie ein Schlag in die Magengrube – Geschichten, die uns einladen, Stephen Kings Meisterschaft im Erzählen aufs Neue beizuwohnen, oder, wie er selbst in seinem Basar der bösen Träume ausruft: »Hereinspaziert, ich habe die Geschichten eigens für Sie geschrieben. Aber seien Sie vorsichtig. Bestenfalls sind sie bissig und schnappen zu.«

REZENSION:

Im vorliegenden Band vereinen sich zwanzig Kurzgeschichten meines absoluten Lieblingsautors. In der Vergangenheit sah ich King jedoch nicht wirklich als Kurzgeschichtenerzähler, da mir seine ausschweifenden Romane nahezu durch die Bank erheblich mehr zusagten. Nun erneut ein Kurzgeschichtenband, in dem sich teils bereits veröffentlichte, teils neue Kurzgeschichten des Autors wiederfinden lassen. Die Geschichten selbst sind sehr unterschiedlich und somit kann ein Leser, dessen Meinung in Richtung Stephen King immer noch ausschließlich etwas von Horror sagt, hier nicht durchgehend zufrieden sein. Viel zu verschiedene Stimmungen und Genres baut King auf.
Nichts desto trotz schaffte er es erneut nicht umfassend, mich mit diesem Band zu überzeugen. Sicher: Einige Geschichten überzeugten mit jedem Wort – andere jedoch konnten mich in keinster Weise berühren.
Der Schreibstil Kings ist beileibe bei allen außerordentlich, aber trotzdem konnte der Funke nicht immer überspringen. Somit ein ganz netter Band für mich als 100%igen-King-Käufer-und-Leser, aber nun warte ich lieber auf den nächsten Roman.
Positiv sei zu erwähnen, dass Heyne in diesem Fall den Originaltitel einfach mal in das deutsche übersetzt hat und wohl weg ist vom unsäglichen “wir brauchen einen Titel mit nur einem Wort”. Endlich!
Negativ sei zu erwähnen, dass der namhafte Verlag aber ein wenig in der Übersetzung geschludert hat. Im Falle eines 2,99 € Buches eines aufstrebenden Selfpublishers schließe ich wohlwollend meine Augen und kann das akzeptieren – bei diesen doch recht hochpreisigen Büchern erwarte ich aber auch die notwendige Qualität. Hier muss definitiv darauf geachtet werden, insbesondere, da Verlage in der heutigen Zeit durch die aufkommende Konkurrenz immer das Argument bringen, dass bei ihnen eben eine andere Qualität dahinter steckt. Nun, dann möchte ich neben einigen Fehlern in Sätzen auch nicht so etwas offensichtliches lesen, wie “Rache” statt dem Namen “Rachel”. Das darf einfach nicht passieren.
Jürgen Seibold/04.02.2016
Basar der bösen Träume KAUFEN BEI AMAZON

Lena Greiner, Carola Padtberg-Kruse: Nenne drei Nadelbäume

nadelbaeume© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015
ISBN 978-3-548-37562-5
ca. 220 Seiten

COVER:

Wenn Lothar Matthäus die Bibel übersetzt hat, waren Deutschlands Schüler mal wieder besonders kreativ.
Spiegel Online hat Lehrer dazu aufgerufen, die skurrilsten Stilblüten und Fehler aus Prüfungen, Klausuren und Unterrichtsstunden zu verraten und Hunderte von Einsendungen erhalten. Die besten davon sind in diesem Buch versammelt: Witzig, absurd und manchmal zum Verzweifeln – denn wer nichts weiß, kann alles raten.

Wie heißen die Nachkommen des Rehs?
Reh-Kids!

Das weibliche Sexualhormon?
Estragon.

Und der Autor von »Romeo und Julia«?
Philipp Reclam jun.

REZENSION:

Unterteilt in die verschiedenen Fächer beziehungsweise Themengebiete zeigen die Autorinnen eine Vielzahl an schrägen, kuriosen und witzigen Antworten unserer Bildungslandschaft. Sicher, das Werk zeigt nicht wirklich Problematiken im gesamten Bildungswesen auf – sind es doch nur Stilblüten, gesammelt auf Basis eines Aufrufs.
Nichts desto trotz sind manche Antworten wahrlich an den Haaren herbeigezogen oder zeugen von einer unwahrscheinlichen Kreativität der in diesem Augenblick unter Stress stehenden Schüler.
Manchmal fragt man sich natürlich schon, wie der ein oder andere Schüler wohl durch sein weiteres Leben kommen wird – andererseits erinnerte mich das Buch auch an Stilblüten aus meiner Schulzeit. Und oft genug hat es nichts mit grundsätzlichem Wissen zu tun, sondern schlicht und einfach um den lapidaren Umstand, wieder einmal nichts gelernt zu haben.
Die Autorinnen werfen erfreulicherweise nicht einfach nur dieses Sammelsurium vor des Lesers Augen, sondern bauten auch gelungene Einleitungen und viele Erklärungen mit ein. Dadurch wird dieses witzige Buch auch ein klein wenig tiefgehender und man ertappt sich ab und an beim Nachdenken, ob man denn selbst auf der richtigen Fährte gewesen wäre.
Ein sehr schöner Blick in die misslungenen Auswüchse des täglichen Schulstresses und dadurch eine gelungene, leichtgängige Literatur zum nebenbei Lesen.
Dabei fiel mir auch eine etwas umgedrehte Episode aus meinem Schülerleben ein:
Eines Tages waren meine Gedanken während einer Physik-Schulaufgabe nicht nur mangelhaft, sondern leer und somit war es kein Wunder, als ich diese Prüfung mit einer klaren 6 zurück bekommen hatte.
Komischerweise stand aber neben der Sechs ein Punkt, den ich wohl irgendwo in dieser Arbeit ergattert hatte. Gemeinsam mit meinem Sitznachbarn gingen wir jede Frage durch, fanden aber nirgendwo besagten Punkt – auch wenn dieser natürlich notentechnisch keine Rolle spiele, wollte ich doch wissen, woher denn dieser kam.
Ich fragte daraufhin meinen Lehrer und erhielt folgende Antwort: Den Punkt hast du auf deinen Namen bekommen, denn das war das einzige, was von dir fehlerfrei zu finden war. Chapeau!
Vielleicht kann man mit solchen Stilblüten eines Tages auch die Lehrertätigkeiten in einem ähnlichen Werk formulieren.
Jürgen seibold/27.10.2015
Nenne drei Nadelbäume: Tanne, Fichte, Oberkiefer: Die witzigsten Schülerantworten KAUFEN BEI AMAZON

Ken Grimwood: Replay – Das zweite Spiel

replayOriginaltitel: Replay
Deutsche Übersetzung von Norbert Stöbe
© 1986 by Ken Grimwood
© 2004 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
eISBN 978-3-641-10549-5
ca. 411 Seiten

COVER:

Wie wäre es, wenn Sie noch einmal leben könnten? Und noch einmal? Und immer wieder …
Jeff Winston erleidet am 18. Oktober 1988 einen Herzanfall und stirbt. Doch er erwacht wieder zum Leben und befindet sich plötzlich im Schlafsaal seines alten Colleges. Es ist der 6. Mai 1963. Langsam begreift er, dass er sein Leben ein zweites Mal leben kann und er die einmalige Chance hat, diesmal alles besser zu machen. Durch geschickt platzierte Wetten und den Kauf von Aktien erlangt er ein Millionenvermögen. Aber seine Versuche, sein Schicksal und das der ganzen Welt positiv zu beeinflussen schlagen fehl. Auch die Liebe zu Pamela, einer anderen “Wiederkehrerin”, befreit ihn nicht aus dem Albtraum, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint: Denn das Sterben und Wiedererwachen nimmt für Jeff kein Ende …

REZENSION:

Replay – Das zweite Spiel von Ken Grimwood handelt von Jeff Winston, der nach seinem Herzanfall plötzlich wieder erwacht und sich in seiner eigenen Vergangenheit – 25 Jahre vorher – befindet. Das interessante dabei: Er verliert dabei nicht sein Wissen und kann somit sein Leben nicht nur erneut leben sondern auch dabei alles besser machen.
Wie es wohl jeder von uns tun würde, sorgt er erst einmal für ein finanziell ausgesorgtes Leben – es ist ja auch ein leichtes, durch die Kenntnisse der Zukunft zu Reichtum zu kommen.
Fünfundzwanzig Jahre später stirbt er erneut an einem Herzanfall, um sich abermals – nun mit dem Wissen zweier Leben – zurückversetzt zu finden.
Ken Grimwoods Geschichte erinnert hierbei sehr an den berühmten Film vom Murmeltier – das Buch ist jedoch schon vorher entstanden und stand mit Sicherheit als Ideengeber für diesen und manch anderen Film Pate.
In der Science-Fiction angesiedelt, denkt man sogleich an spannungsgeladene Zeitreisethematiken mit tiefgründigen Erklärungen unterschiedlicher Dimensionen. Grimwood lässt dabei jedoch geschickt die Finger weg und legt vielmehr ein sehr philosophisches Werk vor, in dessen Inhalt es über die verschiedenen Möglichkeiten des eigenen Lebens geht. Er zeigt uns seinen Protagonisten als wiederkehrenden und darüber Bescheid wissenden Akteur, der durch diese Begebenheiten nicht nur Erfahrungen sammelt, sondern auch seine Liebe findet.
Wer somit einfach einen Thriller sucht, wird mit diesem Buch definitiv nicht bedient. Lässt man sich aber auf die reine Erzählung ein und desselben Lebens unter verschiedenen Gesichtspunkten und verschiedenen Tätigkeitssträngen ein, dann entdeckt man in diesem Buch eine wahre Perle der Literatur.
Hierin geht es hauptsächlich um die Betrachtung des oft diskutierten Sinns des Lebens und gibt uns als Leser eine ganze Handvoll an verschiedensten Denkanstößen mit auf den Weg.
Wahrlich eine gelungene Abhandlung des Lebens voll Tiefgang, dem man sich trotz fehlender Spannung nahezu nicht entziehen kann.
Jürgen Seibold/03.09.2015
Replay – Das zweite Spiel: Roman KAUFEN BEI AMAZON