C Pam Zhang: Wie viel von diesen Hügeln ist Gold

Originaltitel: How much of these Hills is Gold
Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Regul
© 2020 by C Pam Zhang
Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-10-397392-1
ca. 348 Seiten

COVER:

Mit einer Pistole in den Händen und der Leiche des Vaters auf dem Rücken des Pferdes, sind die chinesischen Waisenkinder Lucy und Sam auf der Flucht durch die Prärie. Auf der Suche nach einem Ort für sein Begräbnis – und einem Zuhause, das so unerreichbar scheint wie das versprochene Gold in den Hügeln.

REZENSION:

In diesem Debüt von C Pam Zhang befinden wir uns irgendwann mitten im amerikanischen Zeitalter des Goldrausches. Eine detailliertere Fixierung findet nicht statt und würde diesem Buch auch nicht gerecht werden, da es durch eine historische Einordnung in ein zu enges Korsett gedrückt werden würde.
Wir begleiten die chinesischen Geschwister Lucy und Sam auf ihrer Flucht aus ihrer schummrigen Hütte, die sie nach dem Tod ihres Vaters und einem beinahe Banküberfall überstürzt verlassen mussten. Mit einem gestohlenen Gaul machen sie sich auf den Weg und suchen einen geeigneten Begräbnisort für ihren Vater, der heimlich von Sam in einer Kiste verstaut mitgenommen worden ist. Beide sind nichts weiter als Kinder und begegnen den unterschiedlichsten Abenteuern getränkt mit Rassismus dem Wunsch Sams, ein Junge zu sein.
nach und nach offenbart sich eine Geschichte, die eine Decke über eine Vielzahl an Themen ausbreitet und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Lucy und Sam auf der Suche nach einer echten Heimat in einem fremden und von Vorurteilen geprägtem Land. Lucy und Sam als Figuren, die nahezu überall auf dieser Welt vorkommen können – viel zu stark befinden wir uns immer noch im Kampf gegen Unsinnigkeiten, die simpelst durch Akzeptanz und Toleranz vom Erdboden weggefegt werden könnten. Lucy und Sam als Figuren auf der Suche nach einer echten Heimat ohne ihnen selbst bekannte Wurzeln, geführt durch einen Drang nach Zugehörigkeit. Lucy und Sam als Figuren, die in einer amerikanischen Western-Einwanderergeschichte bisher nur selten berücksichtigt worden sind.
Eine nachdenklich stimmende und tiefgründige Geschichte, die sich teils zart, teils brutal erzählt offenbart und dementsprechend stark einen bleibenden Eindruck hinterlassen kann. C Pam Zhang schreibt mutig und erfrischend unkonventionell. Ein grandioses Debüt, welches erst in Richtung letztes Drittel ein wenig an Fahrt verliert. Nichts desto trotz zeigt sich ein grandioses Talent und beweist, dass es immer noch sprachliche Überraschungen in der modernen Literatur zu geben scheint.
hysterika.de / JMSeibold/28.07.2021

Wil McCarthy: Zeitflut

Originaltitel: Antediluvian
Aus dem Amerikanischen von Norbert Stöbe
Deutsche Erstausgabe 03/2021
©2019 by Wil McCarthy
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32076-5
ca. 445 Seiten

COVER:

DIE GRÖSSTE ZEITREISE IN DER MENSCHHEITSGESCHICHTE

Die nahe Zukunft. Den beiden Wissenschaftlern Harv Leonel und Tara Mukherjee ist eine bahnbrechende Entdeckung gelungen, die es den Menschen ermöglicht, die Vergangenheit mit eigenen Augen zu sehen. Und so treten Harv und Tara die Reise in die Steinzeit an – und entdecken ein vergessenes Zeitalter der Hochkultur. Doch diese Welt ist in Gefahr. Wenn es den beiden Forschern nicht gelingt, sie zu retten, könnte das Erbe der Menschheit für immer verloren gehen …

DAS GEHEIMNIS DER ZEIT LIEGT IN UNSEREN GENEN

REZENSION:

Die Coverbeschreibung des Verlages ist natürlich als Teaser gedacht – einige wenige Zeilen, um den potenziellen Käufer davon zu überzeugen, dieses Buch mit zur Kasse zu nehmen. Gut, dennoch sollte sie in etwa widerspiegeln, worum es im Buch geht. Bis auf den letzten Satz mit den Genen stimmt nämlich nur partiell der Inhalt der Beschreibung mit dem Inhalt des Buches überein.
Richtig ist, dass die beiden eine bahnbrechende Erfindung gemacht haben und Harv dadurch gedanklich in die Vergangenheit reisen kann, beziehungsweise sein Y-Chromosom die frühen Erlebnisse immer noch in den Tiefen gespeichert hat und Harv diese nun technisch hervorzuholen in der Lage ist.
Er selbst liegt weggetreten im Universitätsgebäude – was seine Erlebnisse geistiger Art jedoch nicht schmälert. Wil McCarthy baut diese Erlebnisse als separat wirkende Geschichten auf und hält sich dabei so gut wie möglich an historische beziehungsweise mystische Bewandtnisse. Da die Erlebnisse mehrere Jahrtausende hinter uns liegen, lässt sich deren Wahrheitsgehalt nicht widerlegen und könnte sich exakt so dargestellt haben.
Das Interessante dabei ist der Umstand, dass McCarthy insgesamt vier Mal Harv in die Vergangenheit schickt und dabei uns zum Beobachter von Geschehnissen macht, die überwiegend Auswirkungen in unsere Zeit haben und auch weiterhin im Rahmen von Sagen, Erzählungen und religiösen Mythen ihre Daseinsberechtigung haben. Wir treffen auf den Grund, wie und warum Menschen auf einer Art Arche das Weite vor einer Sintflut gesucht haben, wie Eva von der Schlange gebissen wurde und was es mit Trollen und dem ersten Seefahrer aller Zeiten auf sich hat.
Der gesamte Roman ist sehr ideenreich aufgebaut und steht und fällt mit der jeweiligen Geschichte in der Geschichte. Während die Flucht vor der Sintflut als erste Geschichte bereits durch ihre doch recht gut aufgebaute Spannungselemente ein grandiosen Zeichen für den Einstieg in dieses Werk setzen konnte, fällt dies sogleich mit der zweiten wieder ein wenig ab. Hier hätte Wil McCarthy unter Umständen etwas weniger Historie und dafür mehr spannende Elemente einbauen könnte, was der Geschichte in ihrer Gesamtheit sicherlich gut getan hätte. Nichts desto trotz bleibt der Plot interessant und etabliert eine interessante Zeitreise-Alternative, die gänzlich ohne die üblichen Paradoxien aufwarten kann – man ist ja nur Beobachter aufgrund der gespeicherten Informationen der eigenen Gene. Somit lässt sich auch nicht gezielt reisen sondern nur auf Basis der eigenen Herkunft. Allein dies würde mir schon richtig viel Freude bereiten, vor allem weil man dabei im Gegensatz zu anderen Zeitreisewerken kein örtliches Risiko eingehen muss.
ZEITFLUT ist interessant, zeugt von einer grandiosen Idee und lässt sich sehr schön lesen. Die Spannungsschraube hätte McCarthy noch deutlich anziehen können und beim Ende darüber hinaus noch etwas runder und nicht so hektisch agieren müssen. Dennoch ein abwechslungsreicher Plot mit historisch angehauchten Elementen, die teils mitreissen, teils nebensächlich wirken. In der Gänze somit ein ziemlich guter Unterhaltungsroman, der sich nicht in den üblichen Zeitreisen-Fahrwassern befindet.
hysterika.de / JMSeibold / 25.07.2021

Scott Thomas: VIOLET

Originaltitel: VIOLET
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kristof Kurz und Stefanie Adam

Deutsche Erstausgabe 07/2021
©2019 by Scott Thomas
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32032-1
ca. 575 Seiten

COVER:

Dreißig Jahre nach dem Tod ihrer Mutter bricht für die Tierärztin Kris Barlow erneut die Welt zusammen: Ihr Mann stirbt bei einem Autounfall. Geschockt beschließt Kris, sich zusammen mit ihrer kleinen Tochter Sadie in das alte Ferienhaus ihrer Familie am Lost Lake, nahe Pacington, zurückzuziehen. Doch der Ort hat sich verändert, die Einwohner sind Fremden gegenüber misstrauisch geworden, denn im Laufe der letzten Jahre verschwanden mehrere Mädchen spurlos. Zunächst schenkt Kris den Warnungen der Leute keine Beachtung, aber dann ereignen sich seltsame Dinge in ihrem Haus. Als auch Sadie beginnt, sich zunehmend merkwürdiger – und unheimlicher – zu verhalten, wird Kris klar, dass sie sich den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss, wenn sie das Leben ihrer Tochter retten will …

REZENSION:

Das Spektrum der Genre, in denen ich mich als leidenschaftlicher Leser bewege, ist sehr weit gefächert. Dennoch liegt meine Liebe von Anfang an im anspruchsvollen Grusel- und Horrorbereich.
In den 80er Jahren wurde ich da noch sehr stark mit neuen Veröffentlichungen über alle möglichen Verlagshäuser hinweg ungebremst bedient. Nach und nach schien dies insbesondere bei den großen Verlagshäusern nachzulassen und man konnte neben dem Publikumsblockbuster Stephen King nur noch wenig neues bei diesen Publikumsverlagen entdecken. Scheinbar scheint sich jemand diesem Problem angenommen zu haben, denn ich erkennen in den letzten Monaten ein kleines Licht am Ende des Tunnels, welches sich immer heller darzustellen scheint. Es gibt nicht mehr nur den Umsatzgarant King, sondern es werden auch weitere Autoren auf dem deutschen Markt unter Vertrag genommen.
Scott Thomas ist einer dieser für uns neuen Namen – sein Debütroman „Kill Creek“ konnte mich bereits durch die interessante und schön altmodisch klingende Idee begeistern.
Nun ein weiterer Roman dieses Autoren mit dem einfach klingenden Titel „Violet“.
Wir begleiten hierin eine Mutter und ihre Tochter in ein altes, heruntergekommenes Ferienhaus, um dort einige Wochen Ruhe zu finden und dabei das Drama um den verunglückten Ehemann verarbeiten zu können.
Wie sich recht schnell herausstellt, gibt es jedoch einige Einflüsse, die das Verhalten ihrer Tochter verändern. Gleichzeitig Personen, die einen zu beobachten scheinen und gruselige Begebenheiten im Hause selbst.
Auch hier erzählt Scott Thomas einen altmodisch wirkenden Gruselroman. Aber genau damit entspricht er meiner Vorliebe und zeigt deutlich, dass ein anspruchsvoller Gruselroman mehr verdeckt als plastisch darstellen muss.
Teilweise so geschickt beschrieben, dass man das Gefühl einer dezent aufkommenden Gänsehaut nicht vermeiden kann.
Sämtliche Versuche, die Geschichte vorherzusehen, scheitern und dementsprechend bleibt man an die Seiten gefesselt, bis man zum unvermeidlichen und grandios erzählten Ende kommt.
„VIOLET“ ist in meinen Augen endlich mal wieder ein grandios erzählter Gruselroman, der sich im Fahrwasser alter Klassiker tummelt und dabei nicht einmal schlecht aussieht. Eine absolute Leseempfehlung für Freunde des anspruchsvollen Schauerromans mit mystischen und/oder geisterhaften Elementen. Von meiner Seite eine klare Leseempfehlung.
hysterika.de / JMSeibold / 04.07.2021

Frank Schätzing: Was, wenn wir einfach die Welt retten? – Handeln in der Klimakrise

©2021, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
ISBN 978-3-462-00201-0
ca. 336 Seiten

COVER:

Wir leben in einem Thriller. Nie waren wir so vielen potenziellen Schrecknissen gleichzeitig ausgesetzt wie heute. Wenn wir also dem Klimaschutz vorübergehend unsere Aufmerksamkeit entzogen haben, um eine Pandemie zu besiegen, ist das schlichtweg menschlich. Was nichts daran ändert, dass der Klimawandel die größte existenzielle Bedrohung unserer Geschichte darstellt, und ebenso wenig wie ein Virus lässt er mit sich reden. Zeit, zurück ins Handeln zu finden.
Wissenschaftlich fundiert, spannend und nie ohne Humor entwirft Frank Schätzing verschiedene Szenarien unserer Zukunft, in denen wir mal versagt, mal obsiegt haben. Wir lernen die Protagonisten und Antagonisten kennen, Verantwortliche aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Aktivisten, Leugner und Verschwörungstheoretiker, bevor der Autor den Blick aufs Panorama des Machbaren öffnet, auf eine Vielzahl unserer Optionen und gar nicht so fernen Superlösungen.
„Was, wenn wir einfach die Welt retten?“ ist ein Plädoyer für Mut und Zuversicht. Wir können die Herausforderung meistern, wenn wir nur wollen: mit Wissen, Willenskraft, positivem Denken, Kreativität, der Liebe zu unserem Planeten und ein bisschen persönlichem Heldentum, wie man es im Thriller braucht.

REZENSION:

Bücher, die sich mit der meiner Meinung nach definitiv vorhandenen Klimakrise befassen, sprießen wie Pilze aus dem Boden. Teils hochwissenschaftlich und nur schwer zu lesen, teils eingängig und dadurch sehr überzeugend wirkend in ihrer Darstellung. Die dazugehörigen Autoren waren jedoch zumeist eher aus der wissenschaftlichen oder zumindest davon betroffenen Ecke. Erfreulicherweise erweitert sich die schreibende Klientel und dadurch auch der Kreis der Empfänger. Insbesondere, wenn sehr namhafte Autoren plötzlich den in Arbeit befindlichen, neuen Thriller zur Seite legen und sich lieber mit diesem erheblich wichtigeren Thema befassen, erkennt man die Dringlichkeit und die Notwendigkeit der ungebremsten Bekanntmachung des Themas.
Frank Schätzing hat sicherlich eine nicht gerade als gering zu nennende Community – dementsprechend hoffe ich, dass er weitere Personen vom Vorhandensein dieser Thematik überzeugen kann.
Schätzing wandelt dabei zwischen humorvoller Darbietung und wissenschaftlich fundiertem Inhalt. Dementsprechend wirkt er nur partiell etwas trocken und sorgt für eine nahezu ungebremste und dabei zum Nachdenken anregende Unterhaltung. Er zeigt auf, dass man bereits mit kleinsten Schritten ein kleiner Held zur Weltrettung werden kann und vermeidet es deutlich, den typischen deutschen Meckeransatz mitzutragen. Ebenfalls sehr typisch ist der Versuch, sich für eine Richtung entscheiden zu wollen – als Beispiel fällt mir hier u.a. die elendige Diskussion über Elektro- oder Wasserstoffauto ein – dabei merken die Menschen nicht, dass sie damit nur die Lösung verschleppen, da sie schlicht Angst vor dem Neuen haben. Wie Schätzing bin auch ich der Meinung, dass man keine 100% Einzellösung anstreben sondern einfach mal mit einem „sowohl-als-auch“ anfangen könnte.
„Was, wenn wir einfach die Welt retten?“ erfindet das Thema nicht neu und bietet jemandem, der sich bereits mit der Thematik befasst hatte etwas richtig neues. Nichts desto trotz könnte das Buch einige noch unschlüssige Personen bei der Hand nehmen und mit ihnen die ersten Schritte zu einer Lösung oder einem neuem Denken bis hin zu einer neuen Erkenntnis begleiten. Allein dafür lohnt es sich bereits und es ist gut, dass Schätzing einen Plot über den realen Thriller in dem wir leben geschrieben hat.
Alles in allem eine sehr stringente und ausreichend humorvolle Beschäftigung mit einem Thema, dass doch nun hoffentlich endlich mal von jedem bearbeitet wird.
Ich hoffe sehr, dass diese ewigen Diskussionen endlich ein Ende finden und der Mensch an sich einfach seinen Beitrag zur Lösung bietet – dabei ist es definitiv nicht notwendig, sofort von 0 auf 100% zu gehen, jeder einzelne Schritt ist ein guter Schritt und sorgt für den Drang nach dem nächsten Schritt. Man ist auch nicht sofort auf einem Berg, man beginnt immer mit einem klitzekleinen Prozentsatz, dem ersten Schritt und einige Zeit später fragt man sich, wie man das nur schaffen konnte.
hysterika.de / JMSeibold / 04.07.2021

Scott Carson: The Chill

Originaltitel: The Chill
Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler

Deutsche Erstausgabe 07/2021
©2020 by Scott Carson
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
ISBN 978-3-453-44111-8
ca. 494 Seiten

COVER:

Mitten in den Catskills liegt das Dorf Galesburg tief unter den stillen Wassern des Chilewaukee-Stausees, der die Millionenmetropole New York mit Trinkwasser versorgt. Seine Bewohner wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus ihren Häusern vertrieben und zwangsumgesiedelt. Ihre Nachfahren leben noch heute an den Ufern des „Chill“, doch die meisten von ihnen haben ihre Geschichte vergessen. Spencer Ellsworth zum Beispiel, der Sheriff, denkt ebenso ungern an die unrühmliche Rolle, die sein Großvater bei der Evakuierung gespielt hat, wie Gillian Mathers, deren Vorfahren sich mit aller Gewalt gegen die Umsiedlung gewehrt haben. Doch die Vergangenheit ruht nicht in Galesburg, und als nach wochenlangen Regenfällen der Wasserspiegel im Chill immer höher steigt, kommt die Wahrheit über das, was damals wirklich passiert ist, langsam an die Oberfläche – und mit ihr ein uraltes, schreckliches Geheimnis…

REZENSION:

Bereits beim Lesen der Widmung erkennt man eine Verneigung Scott Carsons an den wohl bekanntesten Schriftsteller der heutigen Zeit, welcher auch ein kleines Verkaufszitat auf dem Buchtitel hinterlassen hatte: „Ein großartiger Horror-Roman!“ meinte Stephen King und dementsprechend angefixt war ich auf den Inhalt dieses Buches.
Anspruchsvolle Horror-Romane zeigten sich in letzter Zeit immer seltener im Portfolio der großen Publikumsverlage und dementsprechend froh war ich, dass hier scheinbar endlich mal wieder einem meiner Lieblingsgenre ein weiteres Werk hinzugefügt wird.
„The Chill“ von Scott Carson ist ein gelungen erzählter Geisterroman, der detailliert und fast ein wenig zu langatmig seine Geschichte offenbart. Diese wiederum macht jedoch viel Spaß beim Lesen und überrascht auch ab und an ein klein wenig.
Die teilnehmenden Figuren sind durchweg glaubhaft dargestellt und manch einer wird trotz vorhandener Ecken und Kanten zum Liebling des Lesers.
Carson scheut sich nicht, Klischees und allseits übliche Stilelemente zu verwenden – interessanterweise stört das nicht, da er dabei sehr geschickt vorgeht und ihr Wirkungsgebiet auf erfrischende Art beschreitet.
Die Stausee-Idee mit den noch nicht zur Ruhe gekommenen Einwohnern Galesburgs besitzt unglaublich viel Charme und man fragt sich manchmal, ob man nicht die Seite der Geister für die ehrlichere und somit unterstützenswertere hält.
„The Chill“ ist ein rundum interessanter Roman – dennoch führt das Prädikat „Horror“ definitiv zu weit. „The Chill“ ist vielmehr eine Art mystischer Thriller, da er keinerlei Horrorelemente in sich trägt und somit eine erheblich größere Klientel begeistern könnte, als eine Genreeingrenzung zur Folge haben kann. Horrorfans wären ob der missenden Elemente eher enttäuscht – Thrillerfans, die kein Problem mit einer Prise „Geister“ haben, können hier getrost zugreifen, denn das Buch bietet eine gut durchdachte Geschichte, ein tolles Setting und interessante Protagonisten.
Einige Fragen werden leider nicht beantwortet, dies ist jedoch als eher nebensächlich zu betrachten, da der Rest im großen und Ganzen sehr gut zu überzeugen wusste.
hysterika.de / JMSeibold / 24.06.2021

Ferdinand von Schirach: TERROR – Ein Theaterstück und eine Rede

Neuausgabe Oktober 2016
btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
© 2016 Ferdinand von Schirach
ISBN 978-3-442-71496-4
ca. 164 Seiten

COVER:

Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt die Piloten, Kurs auf die voll besetzte Allianz-Arena in München zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug ab, alle Passagiere sterben. Der Mann muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Zuschauer und Leser, sie müssen über Schuld und Unschuld urteilen.

Ein Theaterstück von bedrückender Aktualität. Es stellt die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Werden wir uns für die Freiheit oder die Sicherheit entscheiden? Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz der Terrorgefahr noch gilt?

Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015 hat auf schrecklichste Weise gezeigt, wie hoch der Preis sein kann, den wir für unsere Freiheit zahlen müssen. Schirachs Rede auf Charlie Hebdo, die ebenfalls in diesem band enthalten ist, ist ein Plädoyer für die Freiheit des Wortes, für unsere Zivilisation im Angesicht ihrer Feinde.

REZENSION:

Ein Terrorist kapert ein Flugzeug und lässt Kurs auf die voll besetzte Allianz-Arena in München nehmen. Ein Kampfpilot der Luftwaffe entscheidet eigenmächtig und gegen den ausdrücklichen Befehl seiner Vorgesetzten. Er schießt die Lufthansa Maschine ab und 164 Menschen werden getötet.
Demgegenüber stehen ca. 70.000 Menschen, die gerettet wurden.
Ferdinand von Schirach stellt in seinem Theaterstück auf Basis der Gerichtsverhandlung dieses Dilemma vor und bringt den Leser in eine echte Entscheidungssituation: Kann man Menschenleben gegeneinander aufrechnen? Lassen sich 164 Tote in Kauf nehmen, wenn dabei 70.000 gerettet werden? Wo befindet sich die Grenze dieser Zahl? Wie würde man entscheiden, wenn jemand Bekanntes sich im Flugzeug befinden würde?
Schirachs TERROR ist sehr geschickt konstruiert und dementsprechend eingängig entwickelt sich die Darstellung des Falles. Es gibt keine Diskussionen, die sich vom Fall lösen – nein, der Pilot gibt seine Tat uneingeschränkt zu. Doch wie soll man urteilen? Ist er frei zu sprechen, da er 70.000 Menschen gerettet hat oder entscheidet man sich für ein Tötungsdelikt in 164 Fällen?
TERROR ist ein sehr kurzes Buch – dennoch lässt es einen lange nicht los. Ferdinand von Schirach füttert seinen Leser mit allen zur Verfügung stehenden Fakten – lässt ihn aber in seiner Entscheidungsfindung alleine. Doch trotz allem Verständnis für den Gedankengang des Piloten stellt man sich die Frage, ob sein Vorgehen richtig war. Schirach bietet diese Antwort nicht – er offenbart beide Gerichtsurteile, was es dem Leser zusätzlich schwer macht, da man definitiv selbst eine Entscheidung für sich beanspruchen muss. Es gibt kein richtig oder falsch – wir befinden uns in einem moralischen Dilemma – gefüttert durch Vorgaben unserer Verfassung. Zu leicht findet man sich in einer Entscheidungshaltung, die sich jedoch nach einem weiteren Nachdenken wieder aufzulösen scheint.
TERROR ist im Dialog geschrieben, kurz gehalten und trotzdem ein brandaktuelles Drama mit einer Szenerie, die ähnlich immer wieder vorkommen kann.
Ein kluges Meisterwerk welches oberflächliche Meinungen und rasante Entscheidungen in Frage stellt und grundlegende Diskussionen anstößt.
Kurz, prägnant, Pflicht.
hysterika.de / JMSeibold/21.06.2021

Miriam Gebhardt: Die Weiße Rose

Die Weisse Rose von Miriam Gebhardt

© 2017 Deutsche Verlags-Anstalt, München
ISBN 978-3-421-04730-4
ca. 367 Seiten

COVER:

Über die Beteiligung der Deutschen an den Verbrechen des Nationalsozialismus wissen wir inzwischen viel. Sozialpsychologen, Gewaltforscher und Historiker haben ausgiebig über die unheimliche Verwandlung ganz normaler Menschen zu Tätern und Mitläufern geforscht. Doch was wissen wir von den anderen? Von den Menschen, die immun blieben gegen die Indoktrination, die den Gehorsam verweigerten und mutig gegen das Unrecht kämpften?
Am Beispiel der Weißen Rose, der wohl bekanntesten deutschen Widerstandsgruppe, forscht die Historikerin und Bestsellerautorin Miriam Gebhardt nach den Voraussetzungen für innere Autonomie, widerständiges Denken und Handeln. Sie beleuchtet die Biographien der Aktivisten um Sophie und Hans Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf und Kurz Huber, und macht deutlich, wie wichtig Familie, Freundschaften und Umfeld für die Mitglieder der Gruppe waren. Nicht zuletzt zeigt Gebhardt mit dieser neuen Geschichte der Weißen Rose, wie viel die Botschaft der jungen Aktivisten uns heute noch zu sagen hat.

REZENSION:

Die Geschichte der Weißen Rose hat auch mich bereits seit meiner Jugendzeit sehr intensiv berührt, aber auch begeistert. Es wurde eine Vielzahl an Werken veröffentlicht und im Rückblick an früher bin ich mir auch sicher, eine nicht gerade geringe Zahl davon auch gelesen zu haben. Trotz dieser recht tiefgehenden Betrachtung bin auch ich nicht davor gefeit gewesen, bei der Weißen Rose zuerst an Sophie und dann eventuell noch an ihren Bruder Hans zu denken. Doch ist dies der bisherigen Erzählweise geschuldet, wodurch der Blick stark auf diese beiden Personen gelenkt worden ist. Selbstverständlich waren die Geschwister nur ein Teil der im Nachgang „Weiße Rose“ betitelten und viel zu kurzlebigen Widerstandsgruppe des Zweiten Weltkrieges. Natürlich ist dies unfair gegenüber den weiteren Mitgliedern, die ebenfalls zu einem nicht gerade unerheblichen Teil auch mit ihrem Leben bezahlen mussten – vielleicht ist es aber auch im Hinblick auf die weitere Jahrzehnte bis zum heutigen Tag auch nicht das Schlechteste, das gerade eine Frau im Bewusstsein bleibt – aber das ist eine andere Geschichte.
Miriam Gebhardt schafft einen sehr geschickten Umriss und erarbeitet die gesamte Geschichte der Weißen Rose unter Beteiligung aller betroffenen Personen auf eine wissenschaftliche Art, jedoch unter Beibehaltung von sehr guter und rundum interessant wirkender Erzählweise. „Die Weiße Rose“ von Gebhardt möchte aufzeigen, wie bisherige, euphorische BDM- oder HJ-Mitglieder zu starken Widerstandskämpfern wurden. Dies gelingt ihr auch relativ gut, wobei natürlich für die jeweiligen Beweggründe Annahmen getroffen werden müssen, die sich aufgrund der vorliegenden Informationen und Belege ergeben. Nichts desto trotz ist das vorliegende Werk bereits dadurch etwas besonderes, da der Blick nicht nur auf die bekannten Gesichter gelenkt wird, sondern jedem nennenswerten Mitglied dieser Gruppe seinen dementsprechenden Platz mit dem Wunsch nach Erkennung der Beweggründe bietet.
Sophie Scholl wird sicherlich im weiteren Verlauf des Gedenkens durch die bisherigen Darstellungen die Hauptrolle inne haben – dennoch ist es unbedingt notwendig, auch den gesamten Kreis zu betrachten, was Miriam Gebhardt außerordentlich gut gelingt.
„Die Weiße Rose“ bietet somit eine sehr gute Erarbeitung der Hintergründe und Geschehnisse aus einer Zeit, die wir mit dem heutigen Verständnis nur noch schwer zu verstehen in der Lage sind. Aber gerade deshalb sind solche Bücher und das darin befindliche Verständnis notwendig. Nur so ist man gerüstet, sich nicht zu einfach auf rechte Propaganda oder radikale Veränderungen einzulassen, sondern vielmehr durch Erweiterung und Einbeziehung des eigenen Wissens dagegen zu halten.
hysterika.de / JMSeibold/06.06.2021

Adrian Tchaikovsky: Portal der Welten

Originaltitel: The Doors Of Eden
Aus dem Englischen von Irene Holicki
© 2020 by Adrian Tchaikovsky
Deutsche Erstausgabe 05/2021
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-42490-6
ca. 638 Seiten

COVER:

England, in der nahen Zukunft. Vier Jahre nach dem spurlosen Verschwinden ihrer besten Freundin Mal ist die Studentin Lee noch immer traumatisiert. Nach einem mysteriösen Anruf kreuzen sich ihre Wege mit denen des MI5-Agenten Julian Sabreur, der einem Phantom nachjagt. Ist es vielleicht Mal? Aber wo war sie – und wo ist sie jetzt? Als auch noch eine Physikern entführt wird, die über Parallelwelten geforscht hat, beginnt das Gefüge von Lees und Julians Welt auseinander zu brechen. Irgendetwas ist da draußen, und es hat finstere Absichten …

REZENSION:

Adrian Tchaikovsky war mir bis zum Genuss seines Bestsellers „Die Kinder der Zeit“ nicht wirklich ein Begriff. Dementsprechend hoch war bereits meine Erwartungshaltung – lediglich ein wenig getrübt durch die Erfahrungen der danach folgenden Werke, die nach meiner Meinung nach dem genannten Buch nicht ansatzweise Paroli bieten konnten.
Nun ein neues Werk mit ansprechendem Cover und interessant klingendem Titel. „Portal der Welten“ ist dabei ähnlich umfangreich wie „Die Kinder der Zeit“ und schon ertappte ich mich mit einer sich selbst steigenden Erwartungshaltung.
Tchaikovsky zeigt von Anfang an seinen Einfallsreichtum und ist somit beileibe kein simpler SF-Autor, sondern versucht sich erfreulicherweise immer wieder neu zu erfinden. In diesem Fall öffnet er ein sehr weitläufiges Themenfeld – die Parallelwelten, und versucht diese in Verbindung mit einer Agentengeschichte und einem aus Versehen betroffenen Pärchen geschickt in Verbindung zu bringen.
Grandiose Idee und die ersten ca. 200 bis 300 Seiten auch durchweg interessant und gelungen dargestellt. Leider verliert man sich in diesem weit gefächerten Plot durch die mehr und mehr ausufernden Stränge, die der Autor scheinbar noch zusätzlich erzählen wollte. Teilweise werden einem die Rollen der Darsteller nicht ganz bewusst, wodurch sich die Sinnhaftigkeit deren Teilnahme verliert. Die zu Grunde liegende Idee kann von oben betrachtet weiterhin nur als hervorragend beschrieben werden – und allein dieser Umstand hätte den Roman auf das oberste Treppchen gestellt – hätte sich Tchaikovsky nicht in der Fülle seiner Parallelwelten in Verbindung mit seiner eigenen Welt durch zu tiefes Eintauchen verloren.
Somit ein in meinen Augen sehr zwiespältiges Werk mit einer grundsätzlich gelungenen Idee – die Ausführung sollte jedoch dichter, spannender und stringenter gewebt sein, damit der Drang zum Lesen ein ähnliches Suchtgefühlt entwickelt, wie ich es bereits bei „Die Kinder der Zeit“ erleben durfte.
Hysterika.de/JMSeibold/05.06.2021

Kevin Hearne: Tinte & Siegel

Originaltitel: Ink & Sigil
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
© 2020 by Kevin Hearne
Für die deutsche Ausgabe
© 2021 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-98203-9
ca. 376 Seiten

COVER:

Ja, Al MacBharreis ist gesegnet, er ist aber auch verflucht. Jeder, der seine Stimme hört, geht sofort mit unvorstellbarem Hass auf ihn los. Und schlimmer noch: Alle seine Lehrlinge sind früher oder später dem Tod geweiht. Fergus wurde bei den Highland-Spielen von einem schlecht geworfenen Baumstamm erschlagen, Ramsey wurde von schusseligen amerikanischen Touristen, die auf der falschen Straßenseite unterwegs waren, überfahren. Als sein letzter Lehrling Gordie tot in seiner Wohnung in Glasgow aufgefunden wird – er erstickte an einem rosinenhaltigen Gebäck -, entdeckt Al, dass Gordie ein geheimes. verbrecherisches Doppelleben führte und in einen schwunghaften Menschenhandel mit nichtmenschlichen Wesen verstrickt war…

REZENSION:

Die Idee hinter der Chronik des Siegelmagiers ließ mich aufhorchen und sorgte dafür, dass ich diesem Start einer neuen Reihe von Kevin Hearne gerne eine Chance zu geben bereit war.
Es stellte sich dabei recht schnell raus, dass die Idee mit den Siegeln tatsächlich etwas erfrischend neues in sich hatte. Darüber hinaus wirkte zumindest am Anfang die Idee des verfluchten „Ermittlers“ sehr interessant in ihrer Darbietung – auf Dauer wurde dann jedoch der Dialog per elektronischer Smartphone-Unterstützung dann doch recht anstrengend beim Lesen. Hearne entschied sich dazu, MacBharreis’ Sätze mit eckigen Klammern darzustellen, was den Lesefluss vernachlässigbar abbremst, jedoch für mich die trotzdem hohe Zahl an Wörtern in den Dialogen von Al etwas unglaubwürdig wird. Darüber hinaus erkannte ich im Verlauf der Geschichte, dass diese Vorgehensweise dann doch irgendwann etwas anstrengend wurde.
Hearnes offenbart viele interessante fantastische Figuren und schreibt sehr eingängig. Der Plot ist humorvoll und seine Figuren wahrlich grandios gezeichnet. Nichts desto trotz verlor mich der Autor im Laufe der Geschichte und konnte mich nicht mehr durchgängig überzeugen. In Richtung Ende war es mir dann nahezu egal, wie die Geschichte beendet wird – die Ideen für sich konnten mich somit in ihrer Gänze nicht überzeugen.
Nichts desto trotz bin ich davon überzeugt, dass Tinte & Siegel durch die interessante Vorgehensweise ihre Fans finden wird. Ich wünsche dies diesem Werk sogar, da die dahinterliegende Idee nicht nur fantastisch sonder auch erfrischend ist – auch wenn es für mich nun im Rahmen dieser Reihe nicht mehr weiter gehen wird.
Hysterika.de/JMSeibold/24.05.2021

Grady Hendrix: Southern Gothic

Originaltitel: The Southern Book Club’s Guide To Slaying Vampires
Aus dem Amerikanischen von Jakob Schmidt
Deutsche Erstausgabe 6/2021
© 2020 by Grady Hendrix
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe und Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32139-7
ca. 511 Seiten

COVER:

Patricia Campbell führt eine Vorzeigeehe, hat zwei süße Kinder und ein Haus im schönsten Vorort von Charleston, South Carolina. Doch ihren Mann bekommt sie vor lauter Arbeit kaum zu Gesicht, und ihre Kinder sind zu launischen Teenagern mutiert. Ihr einziger Lichtblick sind die Buchclub-Abende, an denen sie mit ihren Freundinnen ihrer Leidenschaft für True Crime und Serienkiller frönt. Nach einem solchen Abend wird Patricia brutal von ihrer dementen Nachbarin attackiert, die kurz darauf stirbt. Wenig später zieht deren Neffe James Harris nach Charleston. Er ist höflich, belesen und sieht unverschämt gut aus. Doch irgendetwas stimmt mit ihm nicht, und als im ärmeren Viertel der Stadt immer mehr Kinder verschwinden, vermuten Patricia und ihre Freundinnen, dass James mehr Ted Bundy als Brad Pitt ist. In Wahrheit ist er jedoch eine ganz andere Sorte Monster – und Patricia hat es schon längst in ihr Heim gelassen …

REZENSION:

Es ist jetzt schon eine sehr lange Zeit her, dass mich ein Vampir-Roman überzeugen konnte. Viel zu sehr hänge ich persönlich an den Qualitäten sehr früher Werke – beginnend mit Stokers Dracula und Kings Salem`s Lot. Die moderne Art des Vampirtums konnte oder wollte ich nicht verstehen. Sicher war ich dazu auch nie als Zielgruppe gedacht und somit widerstand ich dem Versuch verstehen zu wollen, warum unsterbliche Vampire sich mit dem täglichen Schulbesuch plagen und eher mit Teenagerliebe denn mit dem notwendigen Stillen des Blutdurstes beschäftigt sind.
Nun liegt vor mir das Werk von Grady Hendrix und ich bin nach erfolgtem Lesegenuss sehr positiv überrascht, dass jemand diesem sehr alten Thema ein schmackhaftes Sahnehäubchen aufgesetzt hat.
Im Gegensatz zu anderen Werken spielt der Vampir lange Zeit keine wirkliche Rolle. Wir begleiten Patricia durch ihr konservatives Leben und bei ihrem täglichen „Ich-kümmer-mich-um-die-Kinder-und-meinen-Mann“-Klischee. Patricia lebt recht behütet in einer schmuckvollen Vorortgegend, in dem das Zusperren der Türen nicht notwendig scheint. Ihr Mann ist oft auf Dienstreisen, die Kinder zicken herum und sie holt sich ihre Abwechslung durch Teilnahme an einem kleinen Buchclub, den die Freundinnen selbst gründeten, um ein wenig ihrem Einerlei entkommen zu können. Alle erhoffen sich etwas mehr Abwechslung oder Spannung – trauen sich gleichzeitig jedoch nicht, dafür auch etwas zu tun. Sie spielen ihre klassische Hausfrauenrolle (wir befinden uns in den 80ern!) und scheinen damit zufrieden. Eines Tages tritt James Harris als neuer Bewohner in diese Gegend ein und bereits durch sein grandioses Aussehen werden die Damen nervös. Nun geschehen jedoch auch irritierende Dinge, was dazu führt, dass Patricia – nach erfolgtem Studium der einschlägig bekannten Vampirliteratur – zur Erkenntnis kommt, dass es sich bei ihm um einen Vampir handelt.
Selbstverständlich steht sie mit ihrem Glauben alleine da und wird wegen ihrer kruden Ideen und Vorstellungen ins Abseits geschoben. Patricia gibt jedoch nicht auf, um lediglich in ihre vorgegebene Rolle zurück zu fallen – nein, sie geht ihren Weg und dieser führt ungebremst zu einem Showdown, wie es vom Leser erwartet wird.
SOUTHERN GOTHIC ist eine Danksagung und ein Geschenk an alle Mütter, die sich dem Wind entgegenstellen, um dadurch ihren Kindern das Leben zu erleichtern
SOUTHERN GOTHIC bietet einen spannenden Plot, der rasant, flüssig, eingängig und teils mit einer humorvollen Note dargeboten wird. Ein Buch, welches mich rundum zu überraschen wusste und trotz der hohen Seitenzahl viel zu schnell zu Ende war.
Spannung und dezenter Grusel kommt nicht zu kurz, einige brutale als auch blutige Szenen werden darüber hinaus geschickt eingewoben. Hendrix erweitert dadurch sehr geschickt seine Zielgruppe in die unterschiedlichsten Richtungen.
Kurzum eine absolute Leseempfehlung, unabhängig, ob man Vampire nun mag oder nicht – hier in Gestalt von James Harris eher ein Mittel zum Zweck. Ich habe jede Seite genossen und bin immer noch überrascht, wie ein Autor der heutigen Zeit durch seinen Vampir-Thriller diesem fast ausgelutschten Genre noch etwas hinzufügen, wenn nicht sogar wiederbeleben konnte. Klare Empfehlung eines mir bis dato eher unbekannten Schriftstellers.
Hysterika.de/JMSeibold/23.05.2021

Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

Originaltitel: La sombra del viento
Erschienen 2001 bei Editorial Planeta S.A., Barcelona
Aus dem Spanischen von Peter Schwaar
© Carlos Ruiz Zafón, 20021
© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Frankfurt a.M. 2003
Suhrkamp Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-518-45800-6
ca. 563 Seiten

COVER:

Als sich der zehnjährige Daniel Sempere, der allein mit seinem Vater im grauen Barcelona der Franco-Ära lebt, auf dem geheimen „Friedhof der vergessenen Bücher“ ein Buch aussuchen darf, greift er nach einem verstaubten Exemplar von Der Schatten des Windes. Daniel ist fasziniert von dem Buch und macht sich auf die Suche nach seinem Autor, einem gewissen Julián Carax, von dem keiner zu wissen scheint, ob er noch lebt oder was ihm widerfahren ist. Mit den Jahren gerät Daniel immer mehr in den Bann dieser mysteriösen Gestalt, und die Menschen, denen er begegnet, und die Frauen, in die er sich verliebt, scheinen nur Figuren in einem Spiel, dessen Regeln er nicht kennt. Fast ist es, als ob sich die vergangene Geschichte in seinem eigenen Leben wiederhole, das von dem Schatten furchtbarer Ereignisse verdunkelt zu werden droht.

REZENSION:

Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón befindet sich schon seit Jahren auf meiner „Noch-zu-lesen-Liste“. Geblendet von den hochtrabenden Kritiken und dem mysteriös angehauchten Covertext und einer Bibliothek voll vergessener Bücher führte zum nachhallenden Drang, sich eines Tages diesem Werk unbedingt widmen zu wollen.
Interessanterweise schienen wir dieses Buch bereits eine ähnliche Zeit in unserem Haushalt zu haben, denn als ich es mir bei der örtlichen Bibliothek ausleihen wollte, erkannte meine liebe Frau das Cover und meinte, sie hatte dieses Buch vor Jahren geschenkt bekommen, jedoch noch nicht gelesen. Sie stöberte dann ein wenig unter ihren Büchern und brachte mir oben genanntes Werk. Ich glaube, solche Episoden verstehen nur Büchernarren, die nicht mehr richtig wissen, was sich so alles an Werken in ihrem Hause befindet…
Nun zurück zum Buch: Der Schatten des Windes beginnt fulminant und konnte mich nahezu ungebremst für sich gewinnen. Wie gerne würde ich ebenfalls im Friedhof der vergessenen Bücher schmökern und eines davon mein eigen nennen. Sprachlich auf einem sehr hohen Niveau begleiten wir den jungen Daniel auf dem Weg zum Erwachsenwerden und auf der Suche nach Hintergründen von Julián Carax.
So genial und herausragend ich die ersten etwa 20% dieses Buches lieben lernte, so enttäuschte mich der weitere Plot. Nichts desto trotz versuchte ich noch bei der Stange zu bleiben, da die Vorschusslorbeeren des Anfangs wahrlich herausragend waren. Schlußendlich beschloss ich mich jedoch kurz vor der Zielgeraden (es fehlten gerade noch 150 Seiten) das Werk als beendet zu betrachten, da ich ihm nichts mehr gleichbedeutendes entnehmen konnte.
Juliáns Jagd nach dem Autor von Der Schatten des Windes verliert sich in Nebensächlichkeit und wäre nicht die herausragende Nebenperson namens Fermin gewesen, ich hätte mich sicher bereits früher zum Abbruch entschieden.
Julián selbst scheint sich ungebremst in jede weibliche Person, der er begegnet, zu verlieben und geht relativ dilettantisch auf seiner Jagd nach weiteren Erkenntnissen vor. Gut, Zafóns Sprache ist angenehm und teilweise sehr philosophisch – leider fehlte mir trotzdem ein gewisser Antrieb in der Geschichte selbst. Nur als reiner Betrachter eines recht normal wirkenden Lebens möchte ich als Leser nicht wirken, da muss ein klein wenig mehr geschehen, um bei mir einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Schlußendlich verstehe ich sehr wohl, warum dieses Buch bei vielen Menschen einen gewissen Stellenwert innehaben zu scheint, Geschmäcker sind jedoch verschieden und bei mir hat es schlicht nicht bis zum finalen Ende funktioniert.
Hysterika.de/JMSeibold/13.05.2021

C. A. Fletcher: Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt

Originaltitel: A Boy and His Dog at the End of the World
Erschienen 2019 bei Orbit, an Imprint of Little, Brown Book Group London
Deutsch von Vanessa Lamatsch
© der Originalausgabe 2019 by Man Sunday Ltd.
© der deutschsprachigen Ausgabe 2020 by Penhaligon in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
ISBN 978-3-7645-3232-1
ca. 475 Seiten

COVER:

Mein Name ist Griz. Meine Kindheit war anders als deine. Ich hatte keine Freunde, einfach aus dem Grund, dass ich außer meiner Familie kaum jemanden kenne. Überhaupt bin ich in meinem ganzen Leben nur einer Handvoll Menschen begegnet. Zwar sagen meine Eltern, dass die Welt einst bevölkert war, doch jetzt gibt es nur noch uns. Aber wir sind nicht einsam auf unserer entlegenen Insel. Wir haben einander – und unsere Hunde. Doch dann kam der Dieb, und er stahl meinen Hund. Aber wenn es kein Gesetz mehr gibt, das Diebstahl bestraft, werde ich ihn mir zurückholen. Denn was bleibt von unserer Menschlichkeit übrig, wenn wir nicht für jene, die wir lieben, alles, wirklich ALLES tun …

REZENSION:

Als ich das Cover dieses Buches von C. A. Fletcher zum ersten Mal sah, konnte es durch seine schlichte Darstellungsweise und dem ansprechenden Titel bereits für eine nicht unerhebliche Steigerung meiner Aufmerksamkeit sorgen. Selbst Inhaber zweier Hunde stellte ich mir sogleich eine dystopische Endzeitstimmung vor, in der sich ein Junge mit seinem Hund auf den unvermeidlichen Weg durch eine zerstörte Welt macht und dabei eine Vielzahl an gemeinsamen Abenteuern erleben wird.
Ein Blick auf die Coverbeschreibung reduzierte diese selbst gesteckte Erwartung und brachte sie in eine andere Bahn: Nun befinden wir uns zwar weiterhin in einer dystopischen Welt, jedoch wurde dem Jungen sein Hund eines Tages gestohlen.
Gut, somit macht er sich nicht gemeinsam mit seinem Hund auf den Weg, sondern versucht seinen wieder zurück zu bekommen.
Trotz meiner anders gerichteten Erwartungen widmete ich mich diesem Werk, da ich dennoch gespannt auf die dabei entstehende Entwicklung war – insbesondere, da ich aktuell sehr stark auf der Suche nach dem besonderen Plot in der phantastischen Literatur bin und wie bereits erwähnt, das Cover alleine schon für eine gewisse Abwechslung zu sorgen wusste.
Die Story beginnt auch recht interessant und man bekommt einen zwar nicht detailliert dargelegten, dennoch ganz geschickt offenbarten Blick auf die sich darbietende Welt.
Eine Dystopie, deren Ursache nebensächlich ist und somit das Hauptanliegen des Autors auf der Familie des Jungen liegt.
„Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt“ ist eine Geschichte über Freundschaft – leider in meinen Augen etwas zu oberflächlich und in seiner Entwicklung zu langweilig dargestellt. Ein Plot dieser Art besitzt Potenzial ohne Ende und kann durch geschickte Erzählweise ein sehr breites Leserspektrum für sich gewinnen. Bei mir hat es nicht gezündet und ein weiterer Testleser aus meinem Haushalt bestätigte dies lediglich.
Alles in allem eine grandiose Idee und grundsätzlich endlich einmal eine neue, erfrischende Idee in der ausufernden Welt der dystopischen Literatur. Bücher über Freundschaft und Zusammenhalt sind gerade in der heutigen Zeit sehr wichtig – dennoch sollten auch diese den Leser bei der Hand nehmen und gerade in diesem Genre durch gewisse Besonderheiten (Spannung, Liebe zum Detail, Antrieb, stringentes Vorgehen) überzeugen. Dann würde es auch mit einem Plot dieser Art problemlos funktionieren.
Vielleicht eher was für sehr junge Leser?
Hysterika.de/JMSeibold/12.05.2021

Paul Watson: Wenn der Ozean stirbt, sterben auch wir

Originaltitel: Urgence! Il faut sauver les océans
Erschienen 2020 bei Editions Glénat, Frankreich
Aus dem englischen von René Stein
© Delius Klasing & Co. KG, Bielefeld
ISBN 978-3-667-12091–5
ca. 121 Seiten

COVER:

NICHT KLAGEN – HANDELN!

„Man kann die Welt nicht verändern, ohne Wellen zu schlagen.“ Das ist schon immer Paul Watsons Credo. Und genau das tut der Gründer von Sea Shepherd auch: Wellen schlagen, aufmerksam machen, aufrütteln. Weil „Wasser das Blut des Planeten ist“ und weil wir es zu vergiften drohen, richtet er sich mit einem neuen Manifest an uns alle. Schonungslos ehrlich berichtet er vom fortschreitenden Klimawandel und den sterbenden Ozeanen. Damit wir uns bewusst werden. Darüber, dass wir nicht der Mittelpunkt der Natur sind, sondern nur ein Teil von ihr. Darüber, dass unser Planet stirbt. Durch unser Zutun. Und dass es unsere Aufgabe ist, ihn zu retten.

KÄMPFERISCH UND ENTSCHLOSSEN RICHTET SICH DIESER WECKRUF AN ALLE: WIR MÜSSEN ENDLICH HANDELN!

REZENSION:

Es gibt eine sicherlich schier unendliche Zahl an Büchern, wissenschaftlichen Erkenntnissen und vielem mehr, was uns Menschen die Augen öffnen soll, damit wir endlich kapieren, dass die rasante Entwicklung in Bezug auf den Klimawandel und der Vernichtung unserer Ressourcen sehr wohl menschengemacht ist. Viele dieser Werke sind sehr schwarz-weiß gezeichnet und man wird entweder mit wissenschaftlichen Abhandlungen gelangweilt oder der Autor versucht uns klar zu machen, dass wir ab sofort unser Leben komplett ändern sollen. Sehr oft ist dies jedoch nicht von heute auf morgen möglich und dementsprechend oft lassen es die Menschen dann einfach sein, da man ja gelernt bekommen hat, dass nur ein kompletter Schwenk etwas nutzt.
Paul Watson, seines Zeichen Gründer von Sea Shepherd, geht einen einfacheren Weg und legt diesen auf geschickte und eingängige Weise im vorliegenden, gerade mal 120 Seiten dünnen Büchlein dar. Er gibt zu, selbst ein Heuchler zu sein, da er ebenfalls mit dem Flugzeug von A nach B reist, seine Schiffe Diesel zum Antrieb benötigen und er somit ebenfalls nicht zu einhundert Prozent auf alles nur erdenklich  mögliche zu Gunsten unseres Planeten verzichtet. Gleichzeitig nutzt er jedoch auch diese Mittel, um etwas gegen Wilderer, Meeresverschmutzung und dem Töten majestätischer Meeresbewohner wie zum Beispiel Wale, Schildkröten und Delphine zu unternehmen.
Der Titel „Wenn der Ozean stirbt, sterben auch wir“ ist etwas reißerisch und klingt stark nach einer plakativen wissenschaftlichen Abhandlung. Erfreulicherweise ist dies absolut keineswegs der Fall. Paul Watson erzählt lieber aus erster Hand und legt seine Gedanken dar. Zahlen, Daten, Fakten kommen nur vereinzelt vor und sind eher nebensächlich eingestreut, da er vielmehr mit Nachdruck seine Gedanken offenbart und jedem Leser etwas offenbart, was jedem halbwegs gebildeten Menschen grundsätzlich bereits bewusst sein sollte.
Er zeigt auf, was man selbst tun kann und lässt den Leser erkennen, dass seine Regeln wahrlich simpel sind und grundsätzlich verwendet werden können – nicht nur in Bezug auf den Klimawandel, sondern auch auf das allgemeines Leben. Sie könnten sich ebenso gut in einem Business-Ratgeber befinden, wodurch sich zeigt, dass der Weg das Ziel ist und der Weg auch nicht wirklich recht steinig zu sein scheint.
Watson bringt interessante Beispiele und macht dafür erstaunlich wenig Werbung für seine eigenen Hilfsorganisation. Vielmehr verweist er zusätzlich auf andere Organisationen am Ende des kleines Büchleins.
Von uns Lesern erwartet er lediglich, dass wir beginnen, uns selbst zu helfen und dabei ist bereits ein kleiner Schritt ein Schritt in die richtige Richtung.
Kurzum: Die einen machen es mit Spenden, andere räumen Strände, Ortschaften, Spielplätze auf, wieder andere verzichten auf Fleisch und/oder Meerestiere… Jeder einzelne Baustein ist ein richtiger Baustein und manchmal erkennt man dabei auch, dass nach Etablierung des einen Steins ein weiterer problemlos hinzugefügt werden kann.
Ich habe mir dieses kleine Buch gekauft, als ich noch vom Inhalt der grandiosen und bedrückenden Dokumentation namens „Seaspiracy“ berührt war. Das kleine Büchlein von Paul Watson macht nun bereits bei uns die Runde und sorgt für den ein oder anderen Aha-Effekt – bis Hin zum Ändern von Nahrungsquellen und manch anderen kleinen Schritten.
Alles in allem  eine kurzweilige Lektüre, dass ein ernstes Thema auf interessante Art und Weise offenbart und – zumindest bei mir – ein weiteres Bausteinchen war, um mich mit diesem Thema nicht nur weiter zu beschäftigen, sondern auch noch den Schritt in Richtung weitere Bausteine zu Gunsten unseres Planeten und dessen Tierwelt zu ergreifen und weiter zu beschreiten.
Hysterika.de/JMSeibold/18.04.2021

Dee Brown: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses

Originaltitel: Bury My Heart at Wounded Knee
Aus dem amerikanischen Englisch von Helmut Degner
New York: Holt, Rinehart and Winston 1970
© Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1972
© dieser Ausgabe 2012 Anaconda Verlag GmbH, Köln
ISBN 978-3-86647-836-7
ca. 542 Seiten

COVER:

Kaum ein zweites Buch hat den Blick der Amerikaner auf die Geschichte ihrer Nation so radikal verändert wie Dee Browns Bestseller „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“.
Fernab aller Wildwest-Romantik erzählt Brown in farbiger, kraftvoller Prosa von der Besiedlung des amerikanischen Westens aus der Sicht der „Native Americans“, führt ergreifend die grausame Gier der weißen Siedler und den verzweifelten Kampf der Indianerstämme gegen die skrupellose Landnahme vor Augen. Die Leser der New York Times kürten Browns 1970 erstmals erschienenen Tatsachenbericht zu einem der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts.

REZENSION:

Dee Brown arbeitete als Reporter und wurde danach Lehrer und Bibliothekar. Er wuchs in Arkansas auf und freundete sich zu dieser Zeit mit zahlreichen Indianern an. Ihm wurde dabei bewusst, dass die Darstellung dieser Völker in nahezu allen amerikanischen Filmen nicht der Realität entsprach.
Mit seinem bahnbrechenden Werk „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ konnte er für eine erheblich höhere Wertschätzung der Indianer sorgen. Es handelt sich dabei um eine Darstellung der Besiedlung Amerikas aus Sicht der damaligen Ureinwohner.
Seine Darstellung ist dabei sehr trocken aufgeführt. Er beschreibt lediglich eine Spanne von circa 30 Jahren und zeigt dabei deutlich, dass diese kurze Zeit für die nahezu vollkommene Auslöschung der Indianervölker ausgereicht hatte. Die „Weißen“ zeigten sich deutlich als skrupellos und rücksichtslos gegenüber die vermeintlichen „Wilden“.
Das erschreckende in diesem Buch zeigt sich deutlich von Kapitel zu Kapitel: Dee Brown erzählt historisch korrekt und von verschiedenen Stämmen. Gleichzeitig wirkt jedes einzelne Kapital wie das vorherige. Hierdurch verstärkt sich die Problematik und der Irrsinn der Landnahme unter Ausrottung dieser Völker. Man benötigt dadurch etwas länger, um dieses Werk zu lesen – dies ist absolut diesem erschreckenden Umstand geschuldet, dass wir „Weißen“ absolut keine Rücksicht auf andere Völker nehmen und nur egoistisch agieren. Ich sage hier bewusst „wir Weißen“, da man sich nicht einfach zurücklehnen kann und auf die ach so bösen Amerikaner verweisen kann – nein, hier handelte es sich immer noch sehr stark um Einwanderer aus Europa und somit um unsere Vorfahren. Keiner ist hierbei ohne Schuld und man kann sicherlich dieses nachdenkliche Buch in den verschiedensten Ländern platzieren.
Dee brown hat es geschafft, den amerikanischen Ureinwohnern eine echte Stimme zu geben. Meiner Meinung nach sollte dieses Buch in den Schulen der Vereinigten Staaten zur Pflichtlektüre werden. Ein kleines niedergeschriebenes Denkmal für sehr naturverbundene Völker, die unseren Planeten sicher im Einklang mit ihm bewohnten und dabei von technisch mächtigeren Völkern aus der alten Welt nahezu vernichtet worden sind.
Ein reales Szenario, welches nicht nur den Amerikanern einen Spiegel vor hält.
Hysterika.de/JMSeibold/14.04.2021

Hannes Rastam: QUICK – Die Erschaffung eines Serienkillers

Originaltitel: Fallet Thomas Quick – Att skapa en seriemördare
Aus dem Schwedischen von Nike Karen Müller
©2012 by Hannes Rastam
©2013 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-67732-6
ca. 559 Seiten

COVER:

Der Fall Thomas Quick hat nicht nur in Schweden hohe Wellen geschlagen, weltweit erhitzt dieser unfassbare Justizskandal die Gemüter. In den Jahren 1992 und 2001 gesteht Thomas Quick dreißig Morde und wird für acht davon verurteilt. Nachdem immer wieder Zweifewl an der tatsächlichen Schuld von Quick aufkommen, trifft sich der investigative Journalist Hannes Rastam mit Quick und arbeitet sich durch 50.000 Seiten Gerichtsprotokolle, Polizeiverhöre und Therapieaufzeichnungen. Fazit der Recherche: Es gibt keinen stichfeste Beweis für Thomas Quicks Schuld. Er ist unschuldig.

REZENSION:

Sture Ragnar Bergwall, der sich von 1980 bis 2002 Thomas Quick nannte, behauptete, 33 Menschen getötet zu haben. Nach Erhalt von gewissen Psychotherapien widerrief er seine Geständnisse, was dazu führte, dass Sich der investigative Journalist Hannes Rastam mit diesem Fall intensiv zu beschäftigen begann. Er war einer der wenigen, der Thomas Quick in der Psychiatrischen Anstalt besuchen konnte und dabei einen mittlerweile recht gesprächig wirkenden Insassen kennenlernen durfte. Rastam begann den kompletten Thomas-Quick-Fall aufzuarbeiten und wühlte sich dabei durch sämtliche vorliegenden Dokumente. Nach und nach stellte sich deutlich heraus, dass es sich hierbei um einen der größten Justizskandale handelt, der über die Grenzen Schwedens hinausgeht.
Thomas Quicks Geständnisse waren geschickt durch gewisse Befragungstechniken geleitet und Quick selbst holte sich seine Informationen aus Tageszeitungen beziehungsweise Dokumentationen. Er war psychisch krank und suchte sich dadurch eine gewisse Art der Anerkennung – im Gegenpol die Ermittler und Anwälte, die dadurch eine Vielzahl an ungeklärten Mordfällen auflösen konnten.
Teilweise glaubten selbst Angehörige der Opfer nicht an die Schuld von Thomas Quick – den Beteiligten Anwälten und Polizisten konnte dies jedoch in ihrer Meinung nicht mehr beeinflussen. Dementsprechend befand sich Thomas Quick bis zur finalen Aufarbeitung durch Hannes Rastam 20 Jahre innerhalb der Mauern der psychiatrischen Anstalt.
Das vorliegende Buch ist somit ein sehr wichtiges Buch, da es den Schlüssel zur Freilassung von Thomas Quick darstellt. Es ist dementsprechend trocken dargeboten, da es sich nämlich keinesfalls um einen Roman handelt, sondern um das Ergebnis der journalistischen Arbeit von Hannes Rastam. Nichts desto trotz ist der Inhalt wichtig und es sollte noch viel mehr investigative Journalisten geben, die in der Lage sind, diesen immensen Aufwand leisten zu können. Nur so lassen sich Skandale der unterschiedlichsten Art offenbaren und gewisse Schiefstände wieder gerade rücken.
Hannes Rastam hat leider aufgrund einer Krebserkrankung das Ende der Schlussredaktion seines Buches nicht mehr erlebt – Thomas Quick ist jedenfalls mittlerweile begnadigt, leider hatte dies nur wenig Auswirkungen auf die Beteiligten Personen, die für die langjährige Inhaftierung die Schuld zu tragen hatten.
Ich kannte dieses Fall nicht einmal am Rande – dennoch sorgt das Buch für eine sehr tiefgehende Betrachtung dieses Justizskandals. Darüber hinaus lernt man sehr viel über geschickte Fragetechniken, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen.
Sicherlich wird QUICK in unseren Kreisen kein Blockbuster – nichts desto trotz ist es ein wichtiges Buch und dementsprechend positiv ist es zu betrachten, dass es nun – im Rahmen einer Verfilmung – auch auf unserem Markt erhältlich ist.
Hysterika.de/JMSeibold/11.04.2021