T.A. Wegberg: Klassenziel

WEGBERG_KLasseISBN 978-3-499-21624-4
€ 8,99

COVER:

Siebzehn Leben hat Dominik bei einem Amoklauf in der Schule ausgelöscht – und am Ende auch sein eigenes verloren. Schuldgefühle, Trauer, Medienrummel und die Trennung seiner Eltern bringen Dominiks Bruder Jamie an seine Grenzen.
In Berlin muss er wieder bei Null anfangen und versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen. Nicht ganz einfach, wenn die eigene Familie in Trümmern liegt und man ständig Angst haben muss, als Bruder eines Massenmörders erkannt zu werden. Doch dann lernt er Kenji kennen, der Musikmachen genauso liebt wie Jamie und sogar eine eigene Band hat…

REZENSION:

Ist es ein Außenseiter zu sein, die Abgegrenztheit, die einen zu einem Amoklauf treibt? Die Aggression, die sich aus der Verzweiflung entwickelt nie irgendwo anzukommen oder angenommen zu werden? Oder letztlich der Hass Ziele verpeilt zu haben? Ziele im Leben, die man dadurch erreichen möchte, indem man Menschen zu Zielen macht und ihre Leben damit auslöscht.

Letztlich erreicht man dadurch meistens den eigenen Tod, ob Selbstmord oder von einem Sondereinsatzkommando niedergestreckt.

Und trotzdem bleibt ein Stück Unvergänglichkeit – denn keiner wird die Opfer so schnell vergessen und jeder der Angehörigen wird sich an den Täter erinnern, der ein zusätzliches Grab in den Medienberichten finden wird, sobald diese nicht mehr die Presse und das Fernsehen überfluten. Und wer kann schon von sich behaupten, sein Name sei archiviert?

Wie aber fühlt man sich als Bruder eines solchen Amokläufers? Wie ergeht es einem, wenn plötzlich alle über einen herfallen, als hätte man selbst die Waffe abgedrückt, mit der Freunde, Klassenkameraden, Schüler anderer Stufen und Lehrer verletzt oder getötet wurden?

Wie soll man es ertragen, wenn die eigenen Eltern sich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt trennen?

Und wie soll man darauf reagieren, wenn die eigene Welt plötzlich zusammenbricht? Ein neues Leben aufbauen, während der Bruder das alte und zig andere beendet hat?

Aber wie?

Genau das muss Jamie im Roman „Klassenziel“ von T. A. Wegberg herausfinden.

Eine Suche nach Antworten auf nicht mehr zu beantwortende Fragen …

Dieser Thematik widmet sich das im Rowohlt Verlag erschienene Taschenbuch mit beeindruckender Sensibilität.
Dieses Buch kommt ohne ausschweifende Grausamkeit klar, ohne dabei die Brutalität zu verschleiern.

Erschienen ist es unter der ISBN 978-3-499-21624-4 für € 8.99 und wirklich lesenswert …

Miriam Stephanie Reese

Dezember 2012 

 

Klassenziel KAUFEN BEI AMAZON

Tanya A. Wegberg: memory error – oder Wie mein Vater über den Jordan ging

Rowohlt Tb.
ca. 320 Seiten / € 8,95

COVER:

Der 17-jährige Jordan Askani lebt seit einigen Monaten in Berlin und hat keine Ahnung, wie er dort hingekommen ist. Nach einem längeren Klinikaufenthalt und der Diagnose »Dissoziative Störung« hat er einen Platz in einem betreuten Jugendwohnprojekt bekommen. Gemeinsam mit sieben weiteren Jugendlichen und zwei Sozialpädagogen lebt er in einer Villa am Branitzer Platz und besucht ein Gymnasium.
Jordan wird von einem Traumatherapeuten psychologisch betreut, mit dem er versucht, seine Kindheit und Jugend im niederrheinischen Wallfahrtsort Kevelaer zu rekonstruieren. Mühsam und in kleinen Schritten erschließen sich ihm die verschütteten Erinnerungen an den frühen Tod seiner Mutter, an das spurlose Verschwinden seines großen Bruders, an den Missbrauch und den Selbstmord seiner älteren Schwester und schließlich auch daran, dass er selbst von seinem Vater misshandelt und sexuell missbraucht wurde.
Die Folgen dieser traumatischen Erlebnisse überschatten seinen Alltag noch immer: Er leidet unter dissoziativen Fugues, also Zeitabschnitten, in denen er meist längere Strecken zurücklegt und an die er hinterher keine Erinnerung mehr hat. Auch zahlreiche kleinere Aussetzer im Alltag, Selbstverletzungen, Alpträume, das Vergessen von wichtigen Informationen, häufige Kopfschmerzen und ein gelegentliches Gefühl der Unwirklichkeit gehören zu seinem Krankheitsbild.
Vor allem aber belastet Jordan die Frage, ob er für den Brand seines Elternhauses und dadurch auch für den Tod seines Vaters verantwortlich ist – ein Ereignis, an das er sich zwar nicht erinnern kann, das
aber seiner Reise nach Berlin unmittelbar vorausgegangen sein muss. Trotz intensiver polizeilicher Ermittlungen gibt es keine Hinweise auf eine Brandstiftung, aber auch keine eindeutige Entlastung für Jordan.
Kraftquellen sind für ihn sein selbstironischer, fatalistischer Humor, der katholische Glaube, eine überdurchschnittliche Intelligenz, verbunden mit unstillbarem Wissensdurst, sowie die hübsche, selbstbewusste Natalie und ihre Schwester Rebecca, mit denen er erste erotische Erfahrungen sammelt.
Sehr wichtig sind für Jordan auch die Freundschaften, die er mit zweien seiner Mitbewohner schließt: mit dem hyperaktiven, anstrengenden, aber gutherzigen Tim und besonders mit seinem »Seelenbruder« Robin, einem tablettenabhängigen und suizidgefährdeten Goth-Punk, der ihn die ebenso spröde wie zärtliche Verbundenheit zweier verletzter, verlorener Kinder erfahren lässt.
Immer auf dem schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Filmriss, unternimmt Jordan verzweifelte Versuche, die Kontrolle zu bewahren: Er setzt sein hübsches Gesicht, seine kindlich-unschuldige Ausstrahlung und eine gespielt naive Fügsamkeit ein, um andere für sich einzunehmen, was bei Erwachsenen allerdings besser funktioniert als bei Gleichaltrigen.
Mit großem Ehrgeiz arbeitet er an seiner Wirkung auf andere und bemüht sich, seine Mitmenschen unbemerkt zu manipulieren. Zu ihrer Kategorisierung vergibt er Sympathiepunkte auf einer Skala von eins bis zehn. Doch immer wieder ist er zu emotional oder zu wenig abgebrüht, um seinen eigenen Ansprüchen zu genügen, und häufig kollidieren sie auch mit seiner religiösen Grundeinstellung.
Das Wiedersehen mit seinem jahrelang verschwundenen Bruder Samuel schließlich bewirkt endlich, woran Hypnose und Gesprächstherapie bisher gescheitert sind: Jordans letzte große entscheidende Gedächtnislücke – der Tod des Vaters und die Reise nach Berlin – füllt sich mit Bildern in einer sinnvollen chronologischen Abfolge. Die Wucht der Erinnerungen ist schmerzlich, aber sie bedeutet auch die allmähliche Abkehr von Schuldgefühlen, Selbstzweifeln und Ängsten und öffnet den Weg in ein selbstbestimmtes Erwachsenenleben.

REZENSION:

Manche Dinge sind so perfekt, die bedürfen dem überhaupt nicht, dass man sie kaputt redet oder schreibt, selbst dann nicht, wenn die Sache an sich, um die es geht, kaputt ist.
Und dieses Buch ist krank! Oh nein, das ist keinesfalls abwertend gemeint, ganz im Gegenteil… !
Jordan, der 17-jährige Protagonist dieses Romans, leidet unter einer dissoziativen Störung, ausgelöst durch ein traumatisches Erlebnis, an das er sich aber nicht erinnern kann.
Überhaupt plagen ihn Gedächtnislücken, Fugues – unerwartet verschwindet er plötzlich aus seiner gewohnten Umgebung und taucht irgendwo anders wieder auf, manchmal nach wenigen Minuten, ein anderes Mal nach einigen Tagen, und kann sich nicht daran erinnern, wie er dort hin kam und was er dort machte, wenn er plötzlich wieder Herr seiner selbst wird.
Diese Aussetzer quälen ihn – aber für den Leser seiner Geschichte ist es alles andere als eine Qual ihn durch diese Kapitel seines Lebens zu begleiten.
Dieses Buch ist irre, weil der sympathische Titel-(anti)-held am Rande des Wahnsinns spaziert – und jeder, der auf etwas steht, dass verrückt und zugleich realistisch ist, wird „Memory Error“ zwangsläufig lieben.
Dieser Roman befasst sich mit so ernsten, schwerwiegenden Themen, wie amnetischen Episoden, selbst verletzendem Verhalten, Essstörungen und gar Missbrauch. Nichts, was man mit Leichtigkeit übergehen oder wegstecken würde. Und dennoch schafft es der Schreibstil der Autorin in all der Verzweiflung einen amüsanten Unterton mitschwingen zu lassen, der stets etwas tröstendes ausstrahlt.
„Memory Error“ hat zurecht den Status eines Kultbuches verdient!
Obwohl das Buch von einem Jugendlichen handelt, im jugendlichen Ton geschrieben wurde und als Jugendbuch deklariert ist, würde ich es nicht nur junggebliebenen Erwachsenen empfehlen, sondern jedem, der älter ist als 14 Jahre.
Ob nun der Vater über den Jordan ging, Jordan von seinem Vater übergangen wurde oder warum es zu dem Untertitel kam, das kann ich nur jedem anraten selbst herauszufinden.
Der sich zunehmend selbst verlierende Protagonist leitet jedenfalls jeden Leser dazu an, sich ständig auf die neue Suche nach sich selbst zu begeben und alles zu hinterfragen und Antworten nicht einfach bloß so im Raum stehen zu lassen.
Miriam Stephanie Reese (2009)

Tanya A. Wegberg: Herzbesetzer

Dead Soft Verlag
 

COVER:

Was, wenn du einen Menschen getötet hast? Was, wenn dieser Mensch dein kleiner Bruder war? Und was, wenn jemand versucht, seine Stelle einzunehmen? Eindringlich, entwaffnend ehrlich und mit schrägem Humor erzählt Julian von sich und Anoki, dem verlassenen Anarchojungen, der als Pflegekind in sein Elternhaus einzieht. Der „Ersatzbruder“ sorgt nicht nur durch leer gefressene Kühlschränke, dubiose Einnahmequellen und ein reichlich unkonventionelles Rechtsverständnis für Aufregung in der Familie, sondern reißt Julian auch unbekümmert aus dessen emotionaler Vakuumverpackung, ohne zu ahnen, was er dadurch freisetzt … “Herzbesetzer“ ist ein temperamentvoller Roman über Begehren und Bedenken, Verlustangst und Verlobungsfeiern, über familiäre Folter und geschmacklose Grabgestaltung. Und er macht dem Leser deutlich, warum man für einen geliebten Menschen nicht nur alles tun, sondern auch manches lassen sollte

REZENSION:

Dieser Roman beginnt mit einer Art Ritual – mit etwas, das immer zu einem bestimmten Zeitpunkt gemacht wird. Nun könnte man denken, dass das irgendwann so was wie normal geworden wäre – wenn es sich nicht um ein Familienessen zum Todestag eines Angehörigen handelte, dem des jüngsten Sohnes und kleinen Bruders des 24-jährigen Ich-Erzählers Julian.
Mit Alltag hat das Wiederkehrende also nichts zu tun – schon gar nicht, weil Julian die Schuld daran eingeimpft wird, er habe den Unfall, bei dem Benny starb, verursacht.
Tröpfchenweise – mal durch einen Blick, dann eine Geste oder gar verbal- wird er, trotz eines polizeilichen Ermittlungsverfahrens gegen ihn, welches eingestellt wurde, von seinen Eltern angeklagt. Und er versucht sich selbst zu rechtfertigen…
Warum übermannte ihn die Müdigkeit nach einem Discobesuch? Warum schlief er am Steuer ein? Und warum – warum, hatte er sich von seinen minderjährigen Bruder überhaupt überreden lassen ihn mitzunehmen?
Julians Leben hatte sich danach in einer Grauzone eingependelt und war zu einer Tristesse geworden – er war geduldet und erduldete das wiederum. Selbst als er längst ausgezogen war und Neuruppin den Rücken gekehrt hatte, konnte er nicht nach vorne blicken.
Von einem Job und einer Wohnung in Berlin hatte sich Julian ein anderes Vergessen versprochen – doch die Erinnerungen an Geschehenes verfolgten ihn ständig…
Einerseits gab es keine Kompromisse, sondern nur schwarz oder weiß, und andererseits lebte er trotzdem genau in diesem Zwischenraum – vertrieben aus dem Paradies der elterlichen Zuneigung, weil er eine Art Kainsmörder war. Zwar anders als Abel – denn er liebte Benny und hätte ihm nie etwas angetan – doch er war zum Brudermörder geworden.
Umso entsetzter war Julian, als ihm seine Familie eines Tages offerierte, dass sie ein Pflegekind aufnehmen werden; einen Jungen im Alter wie Benny – was natürlich meinte, einen, der jetzt so alt ist, wie Benny es war als das Unfassbare passierte. Für Julian unbegreiflich… Was sollte das? Ein Ersatz in einer Lücke, die nicht zu schliessen war?
Doch dieses Mal wurde kein grau geduldet – schwarz oder weiß! Das hieß: Keine Einwände, keine Diskussionen, Julian hatte Entscheidungen mitzutragen, sich jedoch vorher rauszuhalten, sie mitzutreffen.
Und so kam Anoki ins Spiel – ein 14-jähriger, pubertierender, verlassener bunter Paradiesvogel, ausgesetzt von seinen Eltern an einer Autobahnraststätte,  der so partout nicht in das kleinbürgerliche Kleinstadtleben passen wollte und der zudem Julian überhaupt nicht in sein Leben passte. Was sollte er bitteschön mit einem Ersatzbruder? Zudem mit einem, der unkonventionell war, dessen Rechtsverständnis sehr frei und zu seinen Gunsten von ihm interpretiert wurde, der sonderbare Geldquellen auftat und der außerdem einen sehr eigenen Stil hatte…
Während Anoki Julians Eltern schon bald über den Kopf wuchs mit seinen Eskapaden, grub sich dieser Junge immer tiefer in seine Gedanken, bis er kaum mehr einen anderen fassen konnte.
Und dann besetzte Anoki auch noch Julian Herz – „Herzbesetzer“ eben…
Ein Titel, der hervorragend zu der Geschichte über das sehr einnehmende Wesen des Heimkindes passt, in das sich sein Pflegebruder, der schon bald zu seinem Ziehvater werden soll, auch noch verliebt…
Dabei kann man diesem Roman jedoch an keiner Stelle den Stempel einer Pädophilen-Story aufdrücken. Vielmehr handelt dieses Buch von verworrenen, verwirrenden Familienkonstellationen, der Suche Halt bei jemandem zu finden und natürlich von Liebe; wobei dies keine romantische Schnulze ist, sondern eher den Weg zweier junger Männer beschreibt, die beide lernen müssen Verantwortung zu übernehmen…
Tragisch-komische Situationen, geschildert mit viel Ironie – dieses Buch zeichnet sein schwarzer Humor aus. Und letztlich wird sich auch jeder für eine Seite entscheiden…
Plädoyer: Facettenreich an Emotionen. Dieser Roman ist für mich wie eine Achterbahnfahrt – spannend die ganzen Höhen und Tiefen der Figuren mitzuerleben…

Nach „Memory Error oder Wie mein Vater über den Jordan ging“ knüpft T. A. Wegberg an das Erfolgskonzept moderner Sprache an.
Diese Bücher verbieten sich keiner Worte, sondern erlauben sich etwas so zu sagen, wie man es auch von Angesicht zu Angesicht ausdrücken würde – klare Aussage: Dadurch gewinnen nicht nur der Schreibstil des Autoren, sondern auch die Figuren an Persönlichkeit!

Ich kann nur jedem dieses im Dead Soft Verlag erschienene Buch (ISBN 978-3-934442-56-6) nahe legen – es wird auch Dein/Ihr Herz besetzen…
Miriam Stephanie Reese
(Mai 2010)