Wilckens, Carl: 13 – Das Tagebuch, Band 2: Die Anstalt

©acabus Verlag, Hamburg 2018
ISBN 978-3-86282-572-1
ca. 298 Seiten

COVER:

Godric End, ehemaliger Auftragsmörder auf der Swimming Island, erzählt den Insassen von Zellenblock 13 seine Geschichte:

Die Suche nach meiner Schwester führt mich nach Treedsgow. Ich bin halb erfroren und ausgehungert, als ich dort ankomme. Die einst wohlhabende Stadt wird von Banditen beherrscht. In der Nervenheilanstalt Sankt Laplace macht der Leiter fragwürdige Experimente an Menschen.

Ich vertraue niemandem, aber ich wage zu hoffen. Ich bin ein Lügner. Ein Dieb. Ein Killer. Um meine Ziele zu erreichen, ist mir jedes Mittel recht. Trotzdem nennt man mich einen Helden. Aber die Wahrheit über mich ist ein scheues und manchmal hässliches Tier.

Wer immer noch glaubt, die Magie sei ein Mythos, hat die Zeichen nicht gesehen. Sie war lange verschollen, aber jetzt wagt sie sich langsam hervor und zeigt mir die Welt hinter den Spiegeln. Währenddessen verlöschen die Sterne.

Ihr sollt meine Geschichte hören. Von meiner Zeit in Treedsgow und meiner Begegnung mit dem König der Banditen. Von meinen unfassbaren Entdeckungen in der Nervenheilanstalt Sankt Laplace, von der Welt hinter den Spiegeln und dem Untergang der Welt.

REZENSION:

Godric End sitzt weiterhin im Zellenblock 13 und erzählt seinen Mitinsassen für kleine Gefälligkeiten, wie zum Beispiel einer Kippe, seine eigene Lebensgeschichte.
Man fragt sich, warum seine Mitgefangenen daran so interessiert sind – bereits im ersten Band lernte man Godric End als untypischen Helden kennen, dessen Ruf ihm vorauseilt und dabei für viele verzweifelte Menschen zu einer Art Lichtgestalt mit gewissem Hoffnungsschimmer geworden ist. Godric selbst sieht sich in keiner Weise innerhalb so einer Rolle – im Gegenteil, er agiert sehr zielstrebig und sucht auch hier lediglich weiterhin seine Schwester. Dabei ist ihm auch nahezu jedes Mittel recht.
Godric End ist wahrlich ein Zeitgenosse, dessen Freundschaft man nicht unbedingt haben möchte – seine Feindschaft aber gleich noch weniger. Dennoch kann man sich als Leser seiner Geschichte ebenfalls nicht wirklich entziehen. Man fühlt sich beinahe wie einer seiner Zellengenossen.
Der zweite Band von Carl Wilckens über den Antihelden Godric End ist in seiner Gänze tatsächlich noch besser als der erste Wurf des Autors. Erneut glänz er mit einer spannenden und gut konstruierten Geschichte. Man kann sich der Suche Godrics nicht entziehen – die Erlebnisse wirken interessanter und ausgegorener.
Ich hoffe hier sehr, dass Wilckens nicht den Fehler vieler mehr-Bände-Autoren macht und seine Geschichte mit steigender Anzahl an Bänden eines Tages nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Hält er jedoch dieses Niveau, könnte ich mir vorstellen, dem Leben Godrics noch einige wenige Bände folgen zu wollen – wie gesagt: Zu viel sollte es meiner Meinung nach jedoch nicht werden. Dies sei nur ein gut gemeinter Rat eines Viellesers, der langsam ein wenig genervt vom unsäglichen Serienwahn ist. Mir persönlich wäre es lieber, wenn qualitativ hochwertige Erzähler ihre Geschichten auf diesem Niveau auch zu Ende bringen können. Ich hoffe, Carl Wilckens kann diesem Anspruch gerecht werden – bis jetzt hat es ja geklappt.
Jürgen Seibold/25.11.2018

 

Niemann, Swantje: Drúdir – Dampf & Magie

©2017 by Edition Roter Drache
ISBN 978-3-946425-36-6
ca. 410 Seiten

COVER:

Ein neues Zeitalter ist angebrochen – aber die dunkle Magie der Vergangenheit kehrt zurück!

Dampfkraft und die genialen Maschinen der zwergischen Erfinder haben die Welt unwiderruflich verändert. Magie gilt als Relikt einer Zeit, in der Zauberei und Religion Werkzeuge der Unterdrückung waren. Deshalb ist es dem jungen Uhrmacher Drúdir nahezu unmöglich, seine magische Begabung zu akzeptieren. Doch als sein bester Freund ermordet wird, kann er nicht tatenlos bleiben.

Die Suche nach der Wahrheit führt ihn in die unterirdische Seestadt Schwarzspiegel. Dort begegnet er unerwarteten Verbündeten und entdeckt, wie fragil der innere Frieden der neugegründeten Zwergenrepublik ist. Seine Ermittlungen bringen ihn auf die Spur einer Verschwörung, die die Freiheit aller bedroht. Drúdir muss in eine Welt der Geheimnisse, Intrigen und Gewalt eintauchen, um das Unheil abzuwenden …

Drúdir kombiniert eine von Magie und uralten Mythen durchdrungene Fantasywelt in der Tradition Tolkiens mit dezenten Steampunk-Elementen und entwirft sein ganz eigenes Zwergenbild. Die Handlung entfaltet sich vor einem komplexen Hintergrund sozialer und politischer Spannungen, der an das Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts erinnert.

REZENSION:

Bei Swantje Niemanns Debütroman Drúdir bin ich durch und durch zwiegespalten in meiner Meinung. Einerseits finde ich die Idee außerordentlich klasse, Steampunk-Elemente mit klassischer Fantasy zu vermengen. Allein dafür ziehe ich vor der Autorin meinen Hut. Andererseits war es mir trotz dieser genialen Idee und dem absolut durchdachten und perfekt ausgearbeiteten Plot nicht durchweg möglich, ihrem Plot zu folgen.
Es schwankte zwischen fesselnden Kapiteln und Themen, denen ich dann plötzlich nicht folgen konnte. Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, dass es bei diesem Werk durch die tiefgehende und durchdachte Erzählweise einfach notwendig ist, sich diesem Werk ungestört zu widmen. Vielleicht war das der Grund, warum ich immer wieder gedanklich herausgerissen worden bin und somit nicht zur Gänze eintauchen konnte.
Wie bereits erwähnt ist Niemanns Geschichte um Drúdir bis in den kleinsten Winkel herausragend durchdacht und dargelegt. Die Vermengung der Genres hat mir außerordentlich gut gefallen und hätte sogar noch etwas stärker sein können. Es ist sehr interessant, wenn magische Elemente plötzlich nicht im Vordergrund stehen, sondern eher verpönt zu sein scheinen – gleichzeitig sich aber bei einigen Personen immer noch als Eigenschaft herauskristallisieren.
Vielleicht hätte es mir geholfen, wenn die Jagd nach dem Mörder etwas rasanter vonstatten gegangen wäre. Außerdem musste ich mich durch die verwendete Schrift doch sehr arg auf die Buchstaben konzentrieren (bin einfach nicht mehr der Jüngste…).
Alles in allem ist Swantje Niemann ein herausragendes Debüt mit einer erfrischenden Idee gelungen. Ich bin davon überzeugt, dass sie damit ihre Klientel finden wird. Ich würde es ihr jedenfalls sehr wünschen – auch wenn ich mich nicht ganz bis zum Ende des Buches durchgepflügt habe.
Jürgen Seibold/21.05.2018

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Ryan, Anthony: Das Erwachen des Feuers – Draconis Memoria 1

Originaltitel: The Waking Fire. Book One oft he Draconis Memoria
Aus dem Englischen von Sara Riffel & Birgit Maria Pfaffinger
©2016 by Anthony Ryan
Für die deutsche Ausgabe:
©2017 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmBh, Stuttgart
ISBN 978-3-608-94974-2
ca. 724 Seiten

COVER:

Im riesigen Gebiet von Mandinorien gilt Drachenblut als das wertvollste Gut. Rote, grüne, blaue und schwarze Drachen werden gejagt, um an ihr Blut zu kommen.
Das daraus gewonnene Elixier verleiht den wenigen Gesegneten übernatürliche Kräfte.
Kaum jemand kennt die Wahrheit: Die Drachen werden immer weniger und schwächer. Sollten sie aussterben, wäre ein Krieg Mandinoriens mit dem benachbarten Corvantinischen Kaiserreich unausweichlich.

REZENSION:

Anthony Ryan war mir bis zu seinem Rabenschatten-Epos absolut kein Begriff. Sein Lied des Blutes konnte mich aber rundum zufrieden zurücklassen und somit konnte ich bei diesem neuen Start einer Trilogie natürlich nur zugreifen.
DAS LIED DES BLUTES war eine Geschichte, die zwar herausragend erzählt worden ist, dennoch dem normalen Schema eines Fantasyromans entsprach. In seinem aktuellen Werk geht Anthony Ryan auf eine sehr interessante Weise gänzlich anders vor. DAS ERWACHEN DES FEUERS ist zwar ebenso ein Fantasyroman unter Verwendung einer selbst erfundenen Welt. Gleichzeitig aber auch gewürzt mit Steampunkelementen und darüber hinaus eine Piratengeschichte als auch ein Spionageroman.
Diese geschickte Nutzung verschiedenster Elemente unter Verwendung von nur wenigen Hauptcharakteren, macht zwar unglaublich viel Spaß beim Lesen, sorgt aber auch für einen etwas schwierigen Einstieg in die Geschichte. Dies mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass bereits der erste Band mit nicht gerade wenigen Seiten aufwartet. Dementsprechend weit holt Ryan aus und dementsprechend detailverliebt lässt er seine Geschichte langsam auferstehen.
Seine verschiedenen Drachenarten und die dazugehörigen Fähigkeiten durch Nutzung des Blutes sind eine sehr interessante Idee, die etwas Neues zum Drachengenre beitragen kann.
Sobald man einigermaßen die Fäden aufgenommen hat, kann man problemlos in die jeweiligen Erzählstränge abtauchen und sich dem reinen Genuss widmen.
Erneut erzählt Ryan literarisch hochwertig – etwas stärker sogar, als in seiner Rabenschatten-Trilogie – wodurch es unbedingt notwendig ist, immer konzentriert dabei zu bleiben. Nach und nach öffnet sich aber sein erzählerischer Fluss und es wird immer einfacher den weiteren Erlebnissen der Protagonisten zu folgen.
Es bleibt einem nach dem holprigen Start plötzlich nichts anderes mehr übrig, als dem weiteren Fortgang der Geschichte ungebremst zu folgen.
Anthony Ryan hat bereits sein Talent bei seiner Rabenschatten-Trilogie bewiesen – erstaunlich, dass er hier noch einen draufsetzen kann.
Alles in allem ein sehr empfehlenswerter Roman mit einer Vielzahl an erfrischenden und neu wirkenden Ideen. Man kann nur noch gespannt sein, wie sich die Geschichte weiter entwickeln wird. Band 1 wirkt ja beinahe – bis auf wenige Ausnahmen – wie ein abgeschlossener Roman. Aber wie man weiß, sollen ja noch zwei weitere folgen…
Jürgen Seibold/08.04.2018

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Bennett, Robert Jackson: Die Stadt der tausend Treppen

Originaltitel: City of Stairs
Aus dem Amerikanischen von Eva Bauche-Eppers
©2014 by Robert Jackson Bennett
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
ISBN 978-3-404-20861-6
ca. 620 Seiten

COVER:

Einst besaß die Stadt Bulikov die Gunst der Götter – mit ihrer Macht eroberte sie die Welt. Bis ihre göttlichen Beschützer vernichtet wurden. Heute ist Bulikov nur eine weitere Kolonie Saypurs. Die heiligen Wunder und Schreine sind verschwunden, alles Göttliche wurde verboten.

In diese unterdrückte Stadt kommt Shara Thivani. Offiziell ist die bescheidene junge Frau nur eine weitere Nachwuchsdiplomatin, doch hinter der Fassade verbirgt sich eine Meisterspionin. Sie ist nach Bulikov gekommen, um den Mörder ihres Mentors zu fassen, doch eine Verbrecherjagd in Bulikov birgt ungeahnte Gefahren. Denn man weiß nie, wann eine Treppe im Nichts endet, sich plötzlich der nächste Abgrund auftut, wo vorher keiner war, oder ein Schritt zu viel einen in die Vergangenheit trägt …

REZENSION:

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde man beim Genuss eines Buches aus dem Genre der fantastischen Literatur eher belächelt denn ernst genommen. Mag sein, dass früher dieses Genre eher im Jugendbereich eine Rolle gespielt hatte und nur wenige Bücher im Erwachsenenbereich klar Stellung beziehen konnten.
Erfreulicherweise scheint diese Zeit jedoch vorüber gegangen zu sein – man hat eine schier unermessliche Auswahl an herausragender fantastischer Literatur.
Robert Jackson Bennett schließt sich dem mit „Die Stadt der tausend Treppen“ auf virtuose Art an und legt einen Fantasyroman vor, der anspruchsvoll, tiefgehend und darüber hinaus genreübergreifend neue Maßstäbe zu setzen scheint.
Seine Geschichte spielt in einer fantastischen Welt – gleichzeitig verknüpft er diese mit dem Genre des Steampunk und legt eine reinrassige Agentengeschichte als Oberbau darüber. Garniert mit politischen Strukturen, Machtkämpfen und daraus folgenden Intrigen ohne Rücksicht auf Verluste. Seine Stadt ist nicht gerade ein Ort, den man sich als Rückzugsort aussuchen würde: Im Gegenteil, die Bewohner haben es wahrlich nicht leicht, werden unterdrückt und Religionen, Gottheiten und bereits das darüber sprechen ist verboten.
Die Stadt Bulikov wird nicht von der Geschichte losgelöst im Detail aufgeführt und gezeichnet, sondern vom Autoren nach und nach in der Story langsam aufgebaut und erhält dadurch eingehendere Konturen, da man sich in diesem Fall gefühlt direkt darin befindet.
Man begleitet hauptsächlich Agentin Shara auf ihrer Suche nach dem Mörder ihres Mentors, einem herausragenden Wissenschaftler.
Anfangs viel mir persönlich der Einstieg ein klein wenig schwer. Nach und nach fiel es mir aber immer einfacher, mich mit den Gegebenheiten dieser Welt abzufinden, die Umstände besser zu erkennen und somit umfänglich in Bulikov eintauchen zu können. Ab diesem Augenblick konnte ich mich dem Ideenreichtum in dieser Geschichte nur noch schwer entziehen und freute mich auf jede weitere Seite.
Ein wahres Meisterstück mit erfrischend neu wirkenden Ideen, deren Zusammenfügen beinahe für ein neues Genre sorgen. Dezentes Crossover par excellence. Ein anspruchsvolles und dennoch eingängiges Werk mit Fokus auf die Umgebung und soziale als auch politische Strukturen.  Rundum empfehlenswert. Man kann nur noch hoffen, dass die Nachfolgebände dem in nichts nahestehen.
Jürgen Seibold/16.12.2017

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