Tchaikovsky, Adrian: Die Kinder der Zeit

Originaltitel: Children Of Time
Aus dem Englischen von Birgit Herden
Deutsche Erstausgabe 03/2018
©2015 by Adrian Czajkowski
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31898-4
ca. 670 Seiten

COVER:

Die letzten Menschen haben eine sterbende Erde verlassen, um in den Tiefen des Alls ein neues Zuhause zu finden. Als sie auf den Planeten Eden stoßen, scheint ihnen das Glück sicher: ideale Konditionen und eine florierende Ökosphäre. Doch was sie nicht wissen – es waren bereits Menschen hier gewesen, vor langer Zeit. Menschen, die Eden als Versuchsplaneten für ein vermessenes Projekt künstlicher Evolution ausersehen hatten. Doch ihr Experiment damals hat ungeahnte Spuren hinterlassen, und nun treffen ihre Nachfahren auf die vergessenen Kinder ihres Versuchs. Wer von ihnen wird das Erbe von Eden antreten?

REZENSION:

„Die Kinder der Zeit“ von Adrian Tchaikovsky führt uns in die tiefsten Weiten des Universums. Problemlos nimmt uns der Autor bei der Hand und lässt ungebremst Jahrhunderte vor unseren Augen vergehen. Wir lernen die Arche Gilgamesch kennen, in deren Bauch sich die letzten Überlebenden unserer Rasse befinden. Sie befinden sich – eingefroren – auf der Suche nach einem neuen, bewohnbaren Planeten. Wen wundert es: Science Fiction-Romane zeigen die Zukunft und ich könnte mir gut vorstellen, dass der Weg zum sterbenden Planeten Erde kein langer mehr sein wird.
In den Weiten des Alls lernen wir als Leser in einem zweiten Erzählstrang auch die Vorgänge beim Planeten Eden kennen: Hier wurde durch eine Wissenschaftlerin eine Evolution gestartet, um Erkenntnisse der Entwicklung feststellen zu können.
Hier entsteht jedoch – entgegen den Vorgaben, der Verwendung von menschenähnlichen Affen – eine komplett neue Spezies – die sich auf Basis von Spinnentieren entwickelte.
Nun könnte man es sich als Leser ganz einfach machen: Spinnen sind eklig – die Menschen haben eine zweite Chance verdient. Nein, so einfach läuft es aber nicht. Adrian Tchaikovsky schafft es virtuos, des Lesers Gehirn mit eigenen philosophischen Gedanken abschweifen zu lassen. Man lernt das Volk der Spinnen in ihrer gesamten Entwicklung kennen – man bekommt in Bezug zu den verbliebenen Menschen nicht wirklich den Wunsch nach einem Re-Start. Sind wir doch auch in vielen vielen Jahren nichts weiter als eine egoistische und auf den eigenen Vorteil beharrende Spezies.
Wie gesagt, das Herz schlägt relativ schnell für das Volk Edens.
Nichts desto trotz bleibt die Geschichte rundum interessant und evolutionstechnisch spannend. Die Spinnen schlagen in ihrer Entwicklung zuerst einen ähnlichen Weg wie die Menschheitsgeschichte ein – nach und nach scheinen sie sich aber weiter zu entwickeln. Scheinbar zu etwas besserem.
Vielleicht befinden wir uns auch auf diesem Weg – wir müssen dazu aber wohl noch einige Jahrtausende durchhalten, bis wir es endgültig kapieren.
„Die Kinder der Zeit“ ist jedenfalls ein durchweg cleverer Roman, der dem Begriff „Evolution“ seinen eigenen Stempel aufdrückt und dabei diesen auf simpelste Art und Weise auch noch erklärt.
Ein Buch, dessen Vielzahl an Seiten nichts weiter als eine kleine Hürde darstellen. Man ist schlicht dazu gezwungen, sich durch die annähernd 700 Seiten treiben zu lassen. Allein dafür ziehe ich bereits meinen Hut.
Jürgen Seibold/20.11.2018

 

Rosenbaum, Benjamin: Die Auflösung

Originaltitel: The Unraveling
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Thon
©2017 Benjamin Rosenbaum
©Piper Verlag GmbH, München 2018
ISBN 978-3-492-70467-0
ca. 368 Seiten

COVER:

In ferner Zukunft leben die Menschen in einer Gesellschaft, die von Biotechnologie und IT geprägt ist. In einer Zeit, in der sich die Geschlechtergrenzen aufgelöst haben und jeder mehrere Körper besitzt, muss die junge Fift ihre Stellung im System behaupten. Doch als sie sich mit dem schlecht beleumundeten Biotechniker Shria anfreundet, gerät alles außer Kontrolle. Ungewollt geraten Fift und Shria in ein skandalöses Kunstspektakel, das in Wirklichkeit der Auftakt einer Revolte gegen das starre System ist. Plötzlich werden sie zu Prominenten und unfreiwilligen Trägern von Umbrüchen …

REZENSION:

Benjamin Rosenbaum versucht sich mit seinem Science-Fiction-Thriller „Die Auflösung“ an einer sehr interessanten, zukünftigen Welt. Hauptsächlich geprägt von IT und Biotechnologie lässt er seine Protagonisten auftreten. Sehr positiv auch der Versuch, Geschlechtergrenzen als aufgelöst zu vermitteln.
Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass Benjamin Rosenbaum hier zu viel des Guten versucht hat, beziehungsweise es nicht durchgehend plausibel oder eingängig vor dem Leser zu entfalten versucht. Seine Welt ist viel zu verwirrend für Bewohner der aktuellen Gegenwart, um den Leser ohne große Erklärungen bei der Hand nehmen zu können. Hier hätte der Autor erheblich stärker in das Detail gehen müssen.
Darüber hinaus ist bereits das Auflösen der Geschlechtergrenzen eine Schwierigkeit in sich, mit der man erst einmal gedanklich klarkommen muss – insbesondere, wenn man das Gefühl nicht los wird, dass auch der Autor eher in Richtung weiblich/männlich zu erzählen beginnt (auch wenn es eventuell anders von ihm gemeint ist). Rosenbaum bleibt nicht bei dieser Thematik, sondern erschwert es uns als Leser auch noch und versucht uns klar zu machen, dass man auch noch mehrere Körper sein Eigen nennt.
Schon konnte ich ihm leider nicht mehr rundum folgen. Hinzu kommt ein nicht gerade simpler Stil des Autors plus ein sehr starker Hang zur schnellen Abwechslung beim Absatzwechsel – ohne dabei den Leser bei der Hand zu nehmen.
Irgendwie wurde ich beim Lesen das Gefühl nicht los, dass hier ein Autor auf Teufel komm raus den Versuch startet, der Menschheit ein literarisch hochwertiges Buch zu hinterlassen. Stellt sich die Frage, warum eigentlich? Geschichten müssen einfach als Geschichte funktionieren – dann kann man auch tiefere Motive vermitteln.
Hier hat es leider nicht funktioniert und somit reihte sich „Die Auflösung“ leider in das Regal der abgebrochenen Bücher ein. Schade – die grundsätzliche Idee klang ganz interessant.
Jürgen Seibold/02.11.2018

Khan, Katie: Schwerelos

Originaltitel: Hold Back The Stars
Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Kempen
Deutsche Erstausgabe 01/2018
©2017 by Katie Wood
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31843-3
ca. 414 Seiten

COVER:

Das Weltall, in der Nähe des Erdorbits: Eigentlich ist es ein ganz normaler EVA-Einsatz, als die junge Astronautin Carys und ihr Freund und Kollege Max die Laertes verlassen. Doch dann löst sich die Sicherheitsleine und die beiden werden von ihrem Raumschiff getrennt. Zwei Menschen schweben schwerelos und allein in der Weite des Alls. Hilflos müssen sie mit ansehen, wie ihr Schiff immer weiter in der Dunkelheit verschwindet. Jetzt können sie sich nur noch aneinander festhalten – und die Atemluft in den Lebenserhaltungssystemen ihrer Raumanzüge reicht für genau neunzig Minuten. Neunzig MInuten, um ihr Leben zu retten.

Direkt unter ihnen leuchtet die Erde – zum Greifen nah und doch unerreichbar. Der Ort, an dem sie sich einst ineinander verliebt haben und den sie verlassen haben, um zusammen zu sein. Der Ort, an den sie nun um jeden Preis zurückkehren wollen. Doch die Zeit arbeitet erbarmungslos gegen sie …

REZENSION:

Auf Basis der Coverbeschreibung erwartete ich bei diesem Werk einen durchdachten Überlebenskampf zweier Protagonisten. Mir schwebte sozusagen eine Geschichte vor, die sich in etwa bei „Der Marsianer“ einordnen könnte.
Katie Khan wirft ihren Leser auch ungebremst in diese dramatische und nahezu unlösbare Situation in den Weiten des Weltalls. Ihre diesbezügliche Art des Erzählens lässt einen sogleich mitfiebern. Die Science-Fiction Elemente sind sehr gut recherchiert und glaubwürdig eingefügt.
Während Rückblenden lernen wir die beiden Protagonisten als auch die Zukunftsvision der Autorin kennen. Bei der Vision hatte sie mich als Leser noch – bei den beiden Hauptdarstellern schwenkte die Geschichte zu einem Liebesroman, der zwar teils interessante Ansätze der philosophischen Art vorweisen konnte, dennoch ein Liebesroman ist.
Aus diesem Grund verlies mich die Lust, mich dem Werk, trotz der interessanten Begebenheiten im Weltraum, weiter zu widmen. Ich entscheid mich somit zu einem Abbruch, da ich nicht gewillt war, über die für mich uninteressanten Teile quer zu lesen bzw. diese zu überblättern.
Ich denke dennoch, dass dieses Werk seine Klientel finden wird und bereits inne hat. Jeder Leser, der nicht vor Liebesromanen zurückschreckt, kann sich hier rundum aufgehoben fühlen. Gleichzeitig könnte damit manch einer problemlos in das Genre SF hinein schnuppern und damit eventuell ein für sich neues Genre entdecken.
Jürgen Seibold/28.09.2018

Suarez, Daniel: BIOS

Originaltitel: Change Agent
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Deutsche Erstausgabe
©2017 by Rowohlt Verlag, GmbH
„Change Agent“ ©2017 by Daniel Suarez
ISBN 978-3-499-29133-3
ca. 542 Seiten

COVER:

DAS WILD, DAS DU JAGST: DU BIST ES SELBST

Im Jahr 2045 ist das Zeitalter der Technik Geschichte; die biologische Moderne ist angebrochen. Algen und Pilze bauen Autogehäuse, die Boomstädte Asiens werden nachts von Leuchtbäumen erhellt. Auch vor dem menschlichen Körper macht die Bio-Revolution nicht halt. Jeder will hochgezüchtete Designer-Babys, ob legal oder nicht. Die Zeche zahlen andere.

Kenneth Durand leitet bei Interpol den Kampf gegen diese Genkriminalität. Und ein Mann steht dabei im Fadenkreuz: Marcus Demang Wyckes, Kopf eines so mächtigen wie skrupellosen Kartells. Eines Tages erwacht Durand aus dem Koma. Man hat ihn entführt. Er sieht anders aus. Seine DNA ist verändert. Er ist Marcus Demang Wyckes. Der Mann, der weltweit gesucht wird.

REZENSION:

Daniel Suarez mausert sich mit seinen wissenschaftlich und technikverliebten Thrillern mehr und mehr zu einem futuristisch angehauchten Erbe von Autoren, wie zum Beispiel Michael Crichton. Ebenso wie dieses Vorbild, sind seine Romane mal atemberaubend gut, mal ein wenig belanglos. Nichts desto trotz machen fast alle seine Werke ausreichend Spaß beim Lesen, vermitteln eine Botschaft und sorgen für zumeist durchgehend spannende Unterhaltung.
Auch im vorliegenden BIOS begeben wir uns in eine Zukunftsvision des Autoren. Sein Plot spielt im Jahre 2045 – die Nähe zur heutigen Zeit passt dabei ziemlich gut, da die meisten von ihm dargelegten Techniken in ihren ersten Entwicklungsstufen bereits vorliegen und somit möglich sind und wohl in den nächsten Jahren stärker in den Vordergrund treten können.
BIOS erinnert in seiner Gänze ein wenig an einen Agentenfilm – sehr Bondlastig angelehnt – mit einem Bösewicht und seinem gegenüberstehenden Ideal der Rechtschaffenheit.
Über den Plot selbst möchte ich mich gar nicht zu sehr auslassen, da der Klappentext das Grundgerüst der Geschichte recht gut umreißt.
Neben der sehr plausibel wirkenden Zukunftsvision erinnert der handelnde Plot stark an einige Filme der ausgehenden 90er Jahre. Hier scheint sich der Autor wohl hemmungslos bedient zu haben, um seiner interessanten und beängstigenden Vision eine an die Seiten fesselnde Handlung zu bieten.
Ab und an wirkt seine Story leider sehr stark konstruiert. Wohl um den Ablauf in die gewünschte Richtung zu biegen. Zumeist kann man jedoch problemlos darüber hinwegsehen.
Schlussendlich bleibt ein sehr spannender Thriller ohne großartige Handlungsüberraschungen plus einigen Momenten, bei denen man besser ein Auge zudrückt oder man sich kurzzeitig auf das Niveau eines drittklassigen B-Movies herablässt.
Anderseits ist BIOS aber auch eine sehr interessante und glaubwürdig erzählte Vision der nahen Zukunft – inklusive einer neuen kapitalistischen Weltordnung, die nicht von der Hand zu weisen ist. Gefühlt scheint die Zukunftsvision dem Autor wichtiger gewesen zu sein, als der eigentliche Plot. Dennoch ist BIOS ein rundum unterhaltsamer und spannender Action-Thriller, der den Leser ähnlich unterhalten kann, wie der Gang in das Kino zu einem ähnlich gelagerten Film.
Jürgen Seibold/27.09.2018

Sullivan, James A.: Die Granden von Pandaros

©Piper Verlag GmbH, München 2017
ISBN 978-3-492-70418-2
ca. 640 Seiten

COVER:

Cosima Amberson und John A. Glennscaul sind lebende Legenden. Als Gründer der mächtigen Schattenkonzerne Amberson Unbound und Glennscaul Unlimited werden die beiden Konkurrenten im ganzen All respektiert und gefürchtet – jedenfalls wurden sie das. Nachdem die beiden zwei Jahre lang auf einem defekten Raumfrachter im All festsaßen, haben sich die Machtverhältnisse im Weltraum geändert. Weder Cosima noc John können dies hinnehmen – auch wenn die beiden Erzfeinde dafür zusammenarbeiten müssen. Bei dem Diebstahl eines scheinbar harmlosen KI-Moduls geraten sie jedoch in das Visier eines mächtigen Gegners. Die beiden Konzernbosse müssen schnellstmöglich hinter das Geheimnis der KI kommen, um die Informationen zu ihrem Vorteil zu nutzen oder für immer unterzugehen.

REZENSION:

In James A. Sullivans neuestem Werk begeben wir uns in die ferne Zukunft. Die Galaxis wird von mächtigen Konzernen beherrscht.
Zusätzlich gibt es noch die Granden: Die machtvollen Lenker von intergalaktischen Schattenfirmen, die teils legal, teils illegal operieren. Wie sich sehr schnell herausstellt, sind die Granden oft mächtiger und angesehener als die Führer von „legalen“ Konzernen.
Cosima Amberson und John A. Glennscaul sind zwei konkurrierende Granden. Bereits seit frühester Zeit kämpfen sie erbittert gegeneinander, damit keiner jeweils die alleinige Vorherrschaft übernehmen kann.
Nach und nach lernt man in dieser Geschichte die eigentlichen Gründe für die Entstehung dieser Feindschaft kennen – diese ist auch nicht uninteressant, ein wenig klischeebeladen, dennoch zur Story passend.
Bereits am Anfang des Buches wenden wir uns diesen beiden zu: Erbittert bekämpfen sie sich auf einem defekten Raumfrachter. Während ihres Kampfes werden sie von ihren Begleitern verlassen und finden sich somit plötzlich allein auf diesem Frachter wieder. 2 Jahre hängen sie dort fest und müssen gemeinsam um ihr Überleben kämpfen.
Nach ihrer Rettung stellt sich sehr heraus, dass ihre Imperien übernommen worden sind. Gemeinsam versuchen sie nun, ihre Konzerne wieder zu altem Glanz zu führen.

Im vorliegenden Werk geht es unverzüglich rasant los. Die beiden Kontrahenten wirken in ihrer Darstellung durchweg interessant und lassen keinen Versuch außen vor, dem anderen eine Falle zu legen. Selbstverständlich werden sie durch die 2 Jahre auf dem Frachter ein wenig zusammengeschweißt. Diese Episode in Sullivans Werk strotzt vor interessanten Begebenheiten und einem furios eingewobenen Witz, der mich immer wieder zum Schmunzeln brachte. Leider wird dieser vermeintlich lange Zeitraum vom Autor viel zu kurzgehalten. Urplötzlich steht die Rettung vor der Tür und die wundervoll erzählte Episode auf dem Frachter findet ihr jähes Ende.
Schade, hierzu hätte er sich meiner Meinung nach noch länger und detaillierter auslassen können.
Aber was solls, die Story geht ja weiter. Ab diesem Augenblick wird die Geschichte so eine Art „Ocean’s Eleven“ im Weltraum. Ehrlich gesagt macht das auch relativ viel Spaß. Beide konkurrieren miteinander, wachsen aber – wie bereits geahnt – mehr und mehr zusammen. Die Handlung treibt rasant und ausreichend spannend nach vorne und die grundsätzliche Geschichte fand bei mir genug Anklang, um weiterhin am Ball zu bleiben.
Etwas außergewöhnliches ist „Die Granden von Panderos“ nicht wirklich. Dennoch handelt es sich um einen soliden SF-Unterhaltungsroman mit sehr interessanten Kontrahenten, bei denen man sich als Leser fast nicht entscheiden kann, wem man nun mehr Sympathie entgegenbringen soll.
Jürgen Seibold/27.07.2018

Die Granden von Pandaros: Roman – KAUFEN BEI AMAZON

Rieks, Josefine: Serverland

© Carl Hanser Verlag München 2018
ISBN 978-3-446-25898-3
Ca. 170 Seiten

COVER:

Reiner ist Mitte zwanzig und arbeitet bei der Deutschen Post. Er sammelt Laptops und wird damit nicht nur zu einem Experten einer lange vergangenen Zeit.
Der schüchterne Computernerd wird auch zum Begründer einer Jugendbewegung, die sich auf Industriebrachen versammelt und das verklärt, was es früher wohl einmal gab – die Freiheit einer Gesellschaft, die alles miteinander teilt. Mit Hilfe einer Autobatterie gelingt es Reiner, eine Verbindung zu lange stillgelegten Servern herzustellen. Die Jugendlichen sehen, was seit Jahrzehnten keiner mehr gesehen hat: Das Internet.
Serverland erzählt von einer Zukunft, die sich anfühlt wie die Vergangenheit. Ein Romandebüt, das man mit weit aufgerissenen Augen liest.

REZENSION:

Als ich das Cover zu diesem Buch gelesen habe, war ich ohne jeglichen zeitlichen Verlust hin und weg von dieser Idee. Meine Gedanken drifteten ab in eine zukünftige Welt ohne Internet. Das Internet nicht nur abgeschaltet, sondern gar verboten. Diese Idee hat ungeahntes Potential für eine Dystopie der besonderen Art.
Als mich das Buch erreichte, war ich dann doch überrascht, dass es sich um gerade mal 170 Seiten handelt. Wie soll auf diesem begrenzten Raum eine Geschichte mit einer so weit gefassten und nahezu unbegrenzten Idee diese Vielzahl an Möglichkeiten abdecken?
Nun, gehen wir in Richtung Buch:
Eines Tages schafft es aber der Computernerd Reiner, mit Hilfe einer Autobatterie alte Server in einem Gewerbepark zum Leben zu erwecken. Die Dinge nehmen ihren Lauf und die Jugendlichen träumen von der angeblichen freiheitlichen Vergangenheit in der jeder jedes miteinander – zumindest virtuell – geteilt hat.
Ehrlich gesagt reicht dies schon als Erklärung – die Jugendlichen, welche sich in Folge dessen auf dem Areal breit machen scheinen irgendwie nichts weiter zu vollbringen, als von YouTube-Videos unserer Gegenwart überrascht und geplättet zu sein. Erstaunlich, welche Rolle das Musikvideo von Robin Williams übernimmt – dies nur, weil die Kids noch nie so etwas gesehen haben: Ein Mann tanzt umringt von Frauen und entkleidet sich bis auf die Knochen. Tja, das Video war schon sehr effektvoll produziert – aber als Beginn einer „Bewegung“?
Hätte SERVERLAND nicht die geringe Anzahl von gerade mal 170 Seiten innegehabt, ich hätte es schlichtweg abgebrochen. Bei 170 Seiten dachte ich mir, vielleicht kommt noch der eigentliche Sinn oder eine gewisse Moral dieser Geschichte.
Leider wurde ich durchweg enttäuscht. Der Schreibstil Josefine Rieks ist zwar eingängig und hätte durchweg Potenzial für interessante Bücher. Die vorliegende Geschichte war ihr aber scheinbar eine Nummer zu groß. Als etwas älterer Leser wird man das Gefühl nicht los, dass die Autorin schlichtweg zu jung für eine Welt ohne Internet ist und somit nicht durchdringend greifen kann, welche Auswirkungen ein gezwungenes Abschalten in der heutigen Zeit zur Folge hätte.
Darüber hinaus wird die Geschichte schlicht zu leicht erzählt. Allein der Gedanke, das Web ist seit Jahrzehnten nicht vorhanden – dennoch hat sich sonst absolut nichts technisch in dieser Welt getan? Das ist meiner Meinung nach nicht wirklich glaubwürdig. Josefine Rieks Welt wirkt (auch technisch) wie das Ende der 80er Jahre. Bei einem Zukunftsroman sollte zumindest ein klein wenig etwas vorangegangen sein. Insbesondere der Wegfall des Internets hätte ungeahnte Auswirkungen auf unser Leben. Allein das Verschwinden von zur Verfügung stehenden Informationen würde in manchen Ländern zu Ausschreitungen führen.
In Serverland scheint das Web lediglich aus YouTube zu bestehen.
Alles was somit bei diesem Buch übrigbleibt: Eine tolle Idee, ein guter Schreibstil, aber leider eine Geschichte ohne greifbare Botschaft, geschweige denn einer Handlung, die mich als Leser positiv überrascht und somit manches Auge zudrücken lässt.
Jürgen Seibold/07.07.2018

Serverland: Roman – KAUFEN BEI AMAZON

Scalzi, John: Kollaps – Das Imperium der Ströme 1

Originaltitel: The Collapsing Empire
©2017 by John Scalzi
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2017 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN: 978-3-10-490541-9
Ca. 416 Seiten

COVER:

Cardenia Wu-Patrick tritt als Imperiatrix das schwere Erbe ihres Vaters an. Gerade erst in die Geheimnisse des Reiches eingeweiht, sieht sie sich vor eine schier unlösbare Aufgabe gestellt.
Der junge Wissenschaftler Marce Claremont begibt sich auf die gefährliche Reise ins Zentrum der Galaxis, um die Imperiatrix zu warnen: Die Ströme stehen vor dem Kollaps, das Sternenreich der Menschen droht zu zerbrechen.
Lady Kiva Lagos landet auf dem abgelegenen Planeten „End“ – mitten in einem Bürgerkrieg. Bald wird der jungen Erbin eines mächtigen Handelshauses klar, dass sich hier die Zukunft der Galaxis entscheidet.

REZENSION:

Wenn bei neu erschienenen Science-Fiction-Romanen der Name John Scalzi vom Cover prangt, ist man als Leser dieser Materie sogleich angetan. John Scalzi steht für mich als Autor von sehr interessanten und nicht zu technisch aufgeladenen SF-Romanen, deren Plot oft versucht, der aktuellen Gegenwart etwas zum Nachdenken mit zu geben, dabei jedoch gleichzeitig auf flotte Art und Weise für spannende Unterhaltung überzeugen möchte.
Auch im vorliegenden Erstling einer neuen Reihe mit dem Oberbegriff „Das Imperium der Ströme“ geht Scalzi diesen Weg:
Einerseits begleiten wir einer begrenzten Zahl an Hauptprotagonisten durch spannend und detailliert gezeichnete Begebenheiten. Andererseits zeigt Scalzi, dass wir Menschen gewisse Möglichkeiten ausschließlich zur Vermehrung von Macht und dem eigenen Vorteil verwenden. In diesem Fall sind es die „Ströme“, mit deren Hilfe es uns Menschen möglich ist, lange Strecken von Planet zu Planet innerhalb kurzer Zeit zu überbrücken. Eine Reise zu einem fremden Planeten dauert somit nicht mehr eine gewisse Anzahl an Jahren, sondern nur noch – je nach Entfernung – eine gewisse Anzahl an Monaten. Hierdurch entstehen natürlich Siedlungen auf fremden Planeten und dementsprechend schnell Handelsbeziehungen zwischen diesen Planeten. Je mehr Anschlüsse ein Planet durch die natürlich vorkommenden Ströme zu anderen Planeten aufweisen kann, desto mächtiger wird dieser.
Nach und nach kristallisiert sich aber heraus, dass sich die Ströme eines Tages auflösen werden. Die Intrigen und Machtspiele steigen in das Unermessliche.
Scalzi lässt uns dabei ungebremst teilhaben und schafft es virtuos, seine durchweg brillant durchdachte Geschichte ohne jegliches Auftreten einer Langatmigkeit zu erzählen.
Jede Figur ist mit allen Ecken und Kanten gezeichnet. Der Sprachgebrauch immer dem jeweiligen Nutzer entsprechend dargelegt: Somit von tiefsinnig bis vulgär alles erdenkliche vorhanden. Erneut somit ein Scalzi, der mich nahezu uneingeschränkt überzeugen konnte. Sicher hat auch diese Story ab und an etwas Potenzial, um zum absoluten Blockbuster zu werden – aber das ist bereits Jammern auf hohem Niveau. Meiner Meinung nach hätte Scalzi auch ganz einfach seine gesamte Geschichte in einem dicken Buch abwickeln können – aber nur, weil eine Reihe immer dafür sorgt, dass man ungeduldig auf den nächsten Band warten muss und nicht einfach ungebremst durchlesen kann.
Nun, hilft nichts – somit bleibt einem nichts anderes übrig, als gierig zu warten. Die Geschichte hat es jedenfalls verdient.
Jürgen Seibold/26.06.2018

Kollaps – Das Imperium der Ströme 1: Roman – KAUFEN BEI AMAZON

Baxter, Stephen: Das Ende der Menschheit

Originaltitel: The Massacre of Mankind
Aus dem Englischen übersetzt von Peter Robert
©2017 by Stephen Baxter
©2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31845-8
ca. 588 Seiten

COVER:

Vierzehn Jahre sind vergangen, seit die Marsianer auf der Suche nach neuen Wasser- und Rohstoffquellen zur Erde kamen. Seit sie mit den Hitzestrahlen ihrer dreibeinigen Kampfmaschinen die Städte Englands in Schutt und Asche legten. Und seit sie an den Mikroben der Erde zugrunde gingen. Vierzehn Jahre, in denen nun Wohlstand und Fortschritt in England herrschen – die Gefahr aus dem All ist gebannt.
Nur Walter Jenkins, der einst selbst im Krieg gegen die Marsianer kämpfte und in seinem Bestseller „Die Aufzeichnungen“ die Schrecken der Invasion festhielt, traut dem Frieden nicht. Sie werden wiederkommen, davon ist Jenkins überzeugt. Und sie werden aus ihrer Niederlage gelernt haben. Doch niemand glaubt ihm. Er wird belächelt und als traumatisierter Kriegsveteran abgestempelt. Aber dann kommt der Tag, an dem die ersten Geschützfeuer am Himmel gesichtet werden. Und diesmal ist nicht nur England betroffen. Berlin, San Francisco, Tokio – die Marsianer landen überall auf der Erde. Das Ende der Menschheit hat begonnen …

REZENSION:

Bereits im Jahre 1898 veröffentlichte H. G. Wells das literarische Meisterstück „Krieg Der Welten“ und spätestens nach der dramatischen Radio-Umsetzung durch Orson Welles ging dieser Roman in die Geschichte der Weltliteratur ein.
Nachdem nun die obligatorischen Jahre des Copyrights vergangen sind, gibt es viele verschiedene Ansätze, dieser dicht erzählten und dennoch dramatisch wirkenden Story etwas drauf zu setzen.
Interessant dabei ist der Umstand, dass es H. G. Wells möglich war, mit gerade einmal etwa 120 Seiten ein Meisterwerk abzuliefern und alle weiteren Versuche sich daran zu messen, bereits an der Seitenzahl kläglich scheitern.
Nun liegt mit Stephen Baxters „Das Ende der Menschheit“ ein nicht unerheblich dickeres (ca. 588 Seiten) Werk vor und bereits beim Betrachten des Buches fragt man sich, ob das als offizielle Fortsetzung des Krieges der Welten nicht doch zu viel des Guten zu sein scheint.
Leider trifft genau dies ein – mir ist bewusst, dass Baxter gerne in seinen Büchern etwas weiter ausholt und ich halte ihn durch andere Werke von ihm auch für einen begnadeten Autoren. Er hätte sich dennoch nicht dieses Meisterwerk mit dem Gedanken einer Fortsetzung zur Brust nehmen sollen. Vielleicht hätte es funktioniert, wenn er sich erheblich kürzer gehalten hätte.
Nun, ich selbst war gänzlich unvoreingenommen und versuchte das große Vorbild einfach aus zu blenden. Könnte ja sein, das „Das Ende der Menschheit“ dennoch eine geniale Geschichte beinhaltet.
Baxter versucht auch auf sehr geschickte Weise den damaligen Flair aufrecht zu halten. Gleichzeitig verliert er sich aber in den immer wieder gleichen Erlebnissen. Teils einfach so vor sich hin erzählt, teils auf der Jagd nach simplen Effekten. Interessantes wurde zu schnell abgehakt – Kämpfe immer wieder ausgebreitet.
Simpel gesagt: Ein Kriegsbericht mit unendlich vielen Seiten – ein Abbruch ist vorprogrammiert und auch ich konnte mich dem nicht entziehen.
Vielleicht sollte man einfach die Finger von alten Meistern lassen – oder deren grundsätzliche Idee als Einstieg in eine eigene Geschichte verwenden. Ich weiß, Baxter könnte das – und ich frage mich, warum er sich die Mühe gemacht hat, sich dieser Fortsetzung zu widmen und nicht einfach selbst einen neuen Roman mit einer eigenen Idee entwickelt hat. Ich glaube, bei diesem Vorbild kann man nur verlieren.
Dummerweise funktioniert „Das Ende der Menschheit“ auch nicht wirklich, wenn man versucht, „Krieg der Welten“ gedanklich auszublenden.
Jürgen Seibold/27.05.2018

Das Ende der Menschheit: Roman – KAUFEN BEI AMAZON

Shusterman, Neal: Scythe – Die Hüter des Todes

Originaltitel: Scythe – Arc of a Scythe
Aus dem Amerikanischen von Pauline Kurbasik und Kristian Lutze
©2016 by Neal Shusterman
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2017 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-7373-5506-3
ca. 516 Seiten

COVER:

Die Scathe sind auserwählt, um zu töten. Sie entscheiden, wer lebt und wer stirbt. Sie sind die Hüter des Todes in einer fast perfekten Welt.
Als Citra und Rowan – gegen ihren Willen – für die Ausbildung zum Scythe berufen werden, bleiben ihnen nur zwei Dinge: ihre Freundschaft, die vielleicht mehr als Freundschaft ist, und die hohen moralischen Regeln der Scythe, die das Töten irgendwie erträglich machen. Doch nicht alle Hüter des Todes halten sich noch an die uralten Regeln der Gilde, und aus einem Grund, der für Citra unbegreiflich bleibt, fühlt Rowan sich von diesen dunklen Scythe angezogen.

Bald stehen Citra und Rowan auf unterschiedlichen Seiten und kämpfen doch um das Gleiche: das perfekte Leben, das richtige Sterben, ihre Liebe.

REZENSION:

Wir befinden uns bei diesem Buch von Neal Shusterman in einer nahezu perfekten Welt in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft. In dieser nahezu perfekten Welt gibt es keine Kriege und als Sahnehäubchen: Man stirbt nicht mehr! Als Mensch altert man zwar ganz normal, man kann sich aber in gewissen Intervallen zu einem Wunschalter zurück resetten lassen. Man wird somit älter, ohne irgendwelche körperlichen Gebrechen zu bekommen. Sollte man zum Beispiel überfahren und somit getötet werden, kommt man einfach in ein besonderes Krankenhaus, welches einen wieder zurückholt. Regierungen sind abgeschafft – lediglich eine übergeordnete künstliche Intelligenz wacht über die Menschheit. Diese ist autark, human und ausgesprochen sozial.
Wie gesagt: Eine nahezu perfekte Welt.
Selbstverständlich spricht das Bevölkerungswachstum gegen das unendliche Leben. Aus diesem Grund gibt es eine Gilde mit dem Namen SYTHE, deren Mitglieder dafür zuständig sind, Menschen „nach zu lesen“ – das heißt, diese Gildenmitglieder sind die einzigen Menschen, die die Macht haben, andere Menschen zu töten. Dies allein, um dem Bevölkerungswachstum entgegentreten zu können.
Dies entspricht dem früheren Sensenmann, der sich um das ordnungsgemäße Ableben von Menschen kümmerte. In Scythe ist es eine weltweit aufgestellte Gilde.
Natürlich ist es auch für eine Gilde dieser Art notwendig, für Nachwuchs zu sorgen. Aus diesem Grund werden Citra und Rowan als Auszubildende berufen – beide hatten dies ehrlich gesagt nicht wirklich vor…
Während ihrer Ausbildung kommen die beiden sich nach und nach näher – sie wissen aber auch, dass nur einer von beiden am Ende ausgewählt werden wird. Die erste Amtshandlung des dann neu Ausgewählten soll dabei darin bestehen, den anderen hinzurichten.
Allein diese kurze Beschreibung hätte schon ausreichend Potenzial für einen Roman. Neal Shusterman lässt es aber dabei nicht bewenden und führt uns auch die unterschiedlichen Ströme der Scythe vor. Die Einen sind sehr konservativ und hassen selbst das Töten. Dementsprechend vorsichtig und umsichtig gehen sie vor. Die Anderen wiederum sehen im Töten eine Art Sport oder gar Spiel und sorgen skrupellos und nach eigenem Gutdünken für das Ableben einer Vielzahl von Menschen, bleiben dabei aber immer haarscharf den Regeln der Scythe treu – beugen diese aber so weit es geht.
Recht viel mehr sollte hier nicht gesagt sein – man möchte ja nicht zu viel verraten.
Scythe ist vom erzählerischen Stil Shustermans her sowohl als Jugend- wie auch Erwachsenenbuch einzuordnen. Für Erwachsene ist der Schreibstil dementsprechend als leicht und überaus eingängig zu empfinden. Nichts desto trotz funktioniert die Geschichte bravourös und ich konnte mich ihr einfach nicht mehr entziehen. Im Gegenteil, sofort nach Beendigen des Buches musste ich es meinem gesamten Umfeld altersunabhängig empfehlen.
Es handelt sich einfach um einen absoluten Pageturner mit einer sehr interessanten und erfrischenden Geschichte. Darüber hinaus eine ausgesprochen tolle Idee, die aus einer Dystopie eine Utopie macht und dennoch eine perfekte Welt ein klein wenig unperfekt macht.
Das Buch funktioniert sehr gut als Einzelband, auch wenn ich davon ausgehe, dass man sich unbedingt auch die beiden noch folgenden Bände zu Gemüte führen möchte. Man kann dabei nur hoffen, dass der Autor dabei dieses extrem hohe Level auch weiterhin einhalten kann und somit mit seiner gesamten Trilogie zu überzeugen weiß.
Scythe ist jedenfalls in meinen Augen ein absolutes Highlight für nahezu jede Altersgruppe ab etwa 16 Jahren. Man kann nur hoffen, dass die Hüter des Todes nicht zu schnell zu einem selbst kommen und man somit noch viele hochwertige Bücher wie dieses genießen kann.
Kurzum: Eine absolute Empfehlung!
Jürgen Seibold/29.03.2018

Scythe – Die Hüter des Todes – KAUFEN BEI AMAZON

Dath, Dietmar: Der Schnitt durch die Sonne

©2017 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-10-397306-8
ca. 361 Seiten

COVER:

Sechs Menschen – eine Schülerin, ein Koch, ein Finanzberater, eine Mathematikerin, ein Gitarrist und eine Pianistin – reisen zur Sonne. Ihr Auftrag: drei Aufgaben zu lösen, die mit dem Verschwinden des sogenannten Koronakindes zu tun haben. Das Koronakind ist ein hochintelligentes Wesen, das einen gewaltigen Konflikt auf der Sonne entfacht und die Gemeinschaft schließlich verlassen hat. Die Menschen geraten zwischen die Fronten dieses Konflikts und weiten ihn sogar auf die Erde aus.

REZENSION:

Bei diesem Buch scheinen sich wirklich die Geister zu scheiden. Sehr hochgelobt von diversen Kritikern, platziert in der Phantastik-Bestenliste (durch die ich darauf aufmerksam geworden bin) und gleichzeitig auch einige Stimmen, die exakt das Gegenteil beschreiben.
Neben diesen unterschiedlichen Aussagen und der interessanten Coverbeschreibung war es natürlich für mich unbedingt notwendig, mich auch diesem Werk zu widmen.
Wie sich dabei jedoch leider herausstellen sollte, gehöre ich wohl zur zweiten Kategorie an Kritikern: Die, denen das Buch nicht zusagen konnte.
Sicherlich, der Schreibstil Dietmar Dath‘ war meiner Meinung nach sehr interessant und konnte mich auch einige Zeit lang an den Seiten festhalten. Nichts desto trotz konnte ich absolut keinen Zugang zur Geschichte finden und entschied mich dann zu einer Tätigkeit, die ich als Vielleser immer noch unglaublich ungern durchführe: Ich habe das Buch bei knapp der Hälfte abgebrochen.
Nichts desto trotz kann man dadurch sehr schön erkennen, dass Meinungen immer die Betrachtung einer einzelnen Person ist und Geschmäcker schlichtweg unterschiedlich sind. In diesem Fall hat es bei mir einfach nicht funktioniert – gleichzeitig erkenne ich aber durch meine Recherche sehr deutlich, dass „Der Schnitt durch die Sonne“ dennoch scheinbar problemlos seine Klientel begeistern kann.
Ich finde es auch schade, dass es bei mir nicht zu einer Wirkung führte, da mich das grundsätzliche Konzept der Geschichte sehr interessiert hat. Aber manchmal sollen manche Dinge einfach nicht sein.
Jürgen Seibold/11.03.2018

Der Schnitt durch die Sonne: Roman – KAUFEN BEI AMAZON

Chu, Wesley: Zeitkurier

Originaltitel: Time Salvager
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Deutsche Erstausgabe 09/2017
©2016 by Wesley Chu
©2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31733-8
ca. 493 Seiten

COVER:

Die Erde hat sich in der Zukunft in ein verseuchtes Ödland verwandelt, und die Menschheit musste ins äußere Sonnensystem ausweichen. Dort, in den Weiten des Alls, sind Ressourcen allerdings ein seltener Luxus, und so bedient sich die menschliche Zivilisation der Zeitreise als letztes Mittel. Sogenannte Zeitkuriere reisen in die Vergangenheit, um dort nach Ressourcen und Antworten zu suchen. Bei seinem letzten Auftrag macht der Zeitkurier James Griffin-Mars jedoch einen fatalen Fehler: Er greift in die Zeitlinie ein – und rettet eine Frau. Jetzt bleibt ihnen nur noch die Flucht in die Gegenwart …

REZENSION:

In Wesley Chus Zeitkurier befinden wir uns in einer dystopischen Zukunft. Die Menschheit lebt in den Weiten des Alls. Unser Planet ist nichts mehr als ein ödes Land. Nur noch wenige Menschen trotzen den Gefahren auf unserem bisherigen Planeten. Dabei sind sie aber nichts weiter als arme, hungernde Hinterbliebene einer längst vergangenen Welt.
Nachdem auch für die verbleibenden, im Weltraum lebenden Menschen die Ressourcen ein endliches Gut sind, entwickelte sich eine Behörde, die auf Basis ihrer Zeitkuriere in die Vergangenheit eintreten, um Antworten als auch Ressourcen zu finden und in die gegenwärtige Gegenwart zu bringen.
Einer dieser Zeitkuriere ist James Griffin-Mars, der sehr erfolgreich seit Jahren eine dieser Stellen inne hat. Auf seiner letzten Reise entschied er sich jedoch zu einem Fauxpax: Er nahm eine Frau aus der Vergangenheit mit in seine Gegenwart. Dadurch brach er das oberste Gesetz der Zeitreisenden. Unverzüglich beginnt die Jagd auf diesen Gesetzesbrecher.
Nach und nach stellt sich dabei heraus, dass sich noch erheblich mehr dahinter verbirgt als lediglich die Festsetzung eines Outlaws.
Wesley Chu schreibt sehr eingängig und lässt – insbesondere in der ersten Buchhälfte – absolut nichts an Spannung missen. Seine Darstellung der Zeitreisen mit den dazugehörigen Problemen von eventuellen zeitlichen Konflikten oder gar Paradoxien umgeht er interessant, gut erklärt und einigermaßen glaubwürdig. Zeitreisen sind ja immer etwas Besonderes im Genre der SF und es lässt sich sicherlich über bestimmte Vorgänge tiefgehend diskutieren. Für mich als Unterhaltungsleser ist es wichtig, dass es einigermaßen plausibel klingt und dies ist Chu in meinen Augen ganz gut gelungen. Wie es in Wirklichkeit ist, weiß sowieso niemand…
Es stellt sich sehr schnell heraus, dass sich natürlich in der Geschichte etwas mehr befindet als nur der kleine Fehler eines Agenten. In der zweiten Hälfte wird das auch immer deutlicher und schon befinden wir uns auch noch in der Welt der Intrigen großer Mächte und Konzerne.
Die zweite Hälfte bekommt zwar vom Autor in diesem Bereich etwas mehr Handlung geschenkt, verliert dadurch aber deutlich an spannenden Elementen. Es ist aber dennoch weiterhin ausreichend interessant und somit harrt man der Auflösung entgegen. Ab und an nervt die von ihm in seine Gegenwart gebrachte Frau (Eliese) ein wenig stark, aber darüber drückte ich einfach manchmal ein Auge zu. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass irgendjemand so vehement auftritt, wenn er gerade mehrere hundert Jahre in die Zukunft gebracht worden ist. Aber lassen wir das – scheinbar wollte Wesley Chu es eben exakt so haben. Nach und nach gewöhnt man sich auch wieder an diesen Aspekt und wenn man nicht zu tiefsinnig über die gesamte Geschichte nachzudenken versucht, klappt es auch wunderbar mit ihr. Zeitkurier ist nichts Tiefgehendes und nachhaltiges – aber ein wunderbar erzählter und spannender Science-Fiction Roman mit einer interessanten Idee. Sicherlich ein wenig erzählt, wie man es von der Leinwand gewohnt ist, aber ab und an halte ich diese Vorgehensweise auch in Büchern für ausreichend.
Alles in allem ein sehr unterhaltsamer, interessanter und recht spannender SF-Roman für einige unterhaltsame Stunden. Tja, und was will man eigentlich mehr?
Jürgen Seibold/01.03.2018

Zeitkurier: Roman – KAUFEN BEI AMAZON

Bordage, Pierre: Die Sphären

Originaltitel: Les Dames Blanches
Aus  dem Französischen von Carola Fischer
©2015 Librairie Atalante, Nantes
©2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31848-9
ca. 443 Seiten

COVER:

Eines Tages entdeckt man im Westen Frankreichs eine riesige weiße Kugel. Niemand weiß, woher sie kommt oder was es mit diesem eigenartigen Phänomen auf sich hat. Dann verschwindet der dreijährige Léo beim Spielen spurlos. Seine Mutter Èlodie ist verzweifelt, denn die weiße Kugel scheint ihren Sohn regelrecht verschluckt zu haben. Doch Léos Fall ist erst der Anfang – auf der ganzen Welt tauchen diese sogenannten „weißen Damen“ auf, auf der ganzen Welt verschwinden Kinder. Alle Versuche, das Rätsel zu lösen und die Kinder von diesem geheimnisvollen Phänomen fernzuhalten, scheitern – die Kleinen werden geradezu magisch von den „weißen Damen“ angezogen. Der französischen Regierung ist schnell klar, dass die Kugeln zerstört werden müssen, bevor alle Kinder in ihnen verschwinden. Doch so einfach sind die „weißen Damen“ nicht zu besiegen, und schon bald versinkt das ganze Land in Chaos …

REZENSION:

Ohne jegliche Vorwarnung befindet sich eines Tages in der Nähe des Hauses von Èlodie eine weiße Kugel. Léo, ihr Kind, läuft auf diese zu und ist urplötzlich verschwunden. Recht schnell ist das Gebiet vom Militär eingegrenzt. Nachdem man aber keinerlei Möglichkeit hat, irgendwo an dieser Kugel eine Unregelmäßigkeit zu entdecken, geht man noch einige Zeit davon aus, dass Èlodie etwas mit dem Verschwinden ihres Kindes zu tun hat.
Dies löst sich recht schnell auf. Erscheinen doch weltweit immer mehr Kugel wie aus heiterem Himmel. Recht schnell wird klar: Man muss diese Kugeln vernichten.
Es stellt sich dabei heraus, dass es absolut nicht möglich ist, den Kugeln irgendetwas an zu tun. Nicht einmal ein Kratzer erscheint auf der makellosen, weißen Oberfläche.
Man ist ratlos und weiterhin verschwinden Kinder unter vier Jahren in diesen Gebilden.
Recht schnell vereinigen sich die Regierungen und erlassen ein menschenunwürdiges Gesetz: Familien müssen dafür sorgen, dass ausreichend Kinder unter vier Jahren als Kanonenfutter zur Verfügung stehen. Bepackt mit Sprengstoff entlässt man diese Kinder in diese Kugeln und hofft dadurch, für eine Vernichtung zu sorgen…
Pierre Bordage legt mit Die Sphären einen durchweg interessant erzählten Science-Fiction-Plot vor, der mehr oder weniger in unserer Zeit spielt und überwiegend ohne jegliche außerirdische Aktivität funktioniert. Seine „weiße Damen“ zeigen sich ausschließlich durch Präsenz. Sie sind einfach da und werden immer größer.
Dabei zerbricht nebenbei unser Kommunikationssystem und die Menschen spalten sich in Befürworter der neuen Gesetze als auch in Gegner.
Bordage spielt dabei stark mit den Gefühlen seines Lesers. Gleichzeitig konfrontiert er die Menschheit mit einem Spiegel, um die Frage aufzuwerfen, ob wir in der Lage wären, exakt so zu handeln. Zählt nur die Allgemeinheit oder hat das Individuum auch seine Berechtigung?
Bordage erzählt seinen Plot auf Basis einer nicht unerheblichen aber dennoch begrenzten Zahl an Protagonisten. Man darf aber dabei nie vergessen, dass sein Phänomen der weißen Kugeln weltweit aufgestellt ist. Im Laufe des Buches ist die gesamte Zahl der vorhandenen Kugeln in das Unermessliche gestiegen. Dabei findet die Menschheit trotz ihres theoretischen Überlegenheitsgedankens keine sinnvolle Möglichkeit, sich diesem inaktiven Feind zu entledigen.
Ich möchte hier nun nicht weiter in die Geschichte eintauchen, da sonst die Gefahr bestehen könnte, ein wenig zu viel zu verraten. Die Sphären ist jedenfalls ein SF-Thriller, der rundum für absolut gelungene Unterhaltung sorgt. Dabei versucht er auch uns allen einen Spiegel vor zu halten und man stellt sich des Öfteren die Frage, wie man sich selbst in dieser Situation fühlen würde.
Die Geschichte ist durchweg spannend und sehr eingängig erzählt. Ein absoluter Pageturner, der das Science-Fiction-Genre einfach mal so nebenbei in unseren Garten verlegt.
Als einziger Wermutstropfen in dieser Story zeigte sich das Ende. Pierre Bordage wollte hier sehr philosophisch agieren. Das war auch notwendig und löst den gesamten Plot nachhaltig und glaubwürdig auf. Dennoch wunderte ich mich, warum er sich dabei nicht etwas mehr Zeit lassen konnte. Seine Auflösung ist plötzlich da, kurz erklärt und schon wieder weg. Hier hätte ich mir definitiv etwas mehr Detail oder Ausschweifung gewünscht. Insbsondere, da die Geschichte auf dieses Ende hinlief und er exakt dort seine Moral darlegen wollte.
Schade, aber so richtig abwerten konnte das Ende die gelungene Story dann doch nicht mehr. Mir hat sie jedenfalls ziemlich gut gefallen.
Jürgen Seibold/27.01.2018

Die Sphären: Roman – KAUFEN BEI AMAZON

Kristoff, Jay / Kaufman, Amie: Illuminae – Die Illuminae Akten_01

Originaltitel: Illuminae. The Illuminae Files_01
Aus dem amerikanischen Englisch von Gerald Jung & Katharina Orgaß
©2015 LaRoux Industries Pty Ltd. Und Neverafter Pty Ltd.
Deutsche Erstausgabe 2017
© für die deutschsprachige Ausgabe: 2017 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
ISBN 978-3-423-76183-3
ca. 600 Seiten

COVER:

Gestern noch dachte Kady, das Schlimmste, was ihr bevorsteht, ist die Trennung von ihrem Freund Ezra. Heute dann wird ihr Planet angegriffen.

Kady und Ezra verlieren sich bei der Flucht und gelangen auf unterschiedliche Raumschiffe. Doch die Fliehenden werden immer noch von dem feindlichen Kampfschiff verfolgt. Und damit nicht genug: Ein XXX, freigesetzt bei dem Angriff mit biochemischen Waffen, mutiert mit grauenhaften Folgen. Und dann ist da noch AIDAN, die Künstliche Intelligenz der Flotte, die von Raumtemperatur über Antrieb bis Nuklearwaffen alles an Bord steuert. Eigentlich soll AIDAN sie beschützen, aber er verhält sich mehr als seltsam.

All das und noch viel mehr wird von dem Führungsstab vertuscht. Kady versucht herauszufinden, was vor sich geht, doch dazu braucht sie Ezras Hilfe. Und so wendet sich Kady an den Jungen, mit dem sie nie wieder ein Wort sprechen wollte …

REZENSION:

Wenn man das Buch ILLUMINAE in der Hand hält und oberflächlich durchblättert, sieht man nur Textfragmente, Dialoge, Zeichnungen, weggeschwärzte Textstellen, vermeintliche Dokumente, kurze Statusmeldungen.
Hätte mich Jay Kristoff mit einem seiner Fantasyepen nicht bereits von sich überzeugen können, wäre ich mir recht sicher, mich nicht an dieses Buch getraut zu haben. Schlußendlich stellte sich aber heraus, dass es sich doch auf eine erfrischende und gänzlich neuartige Art gelohnt hat, sich diesem eher für den Jugendbereich gedachten Buch zu widmen.
Das Buch erzählt seine Geschichte anhand von Protokollen, Dokumenten und „Dateien“. Textstellen sind teilweise geschwärzt, was hauptsächlich für Kraftausdrücke vorgenommen worden ist, dennoch die Dokumente etwas realistischer machen.
Man folgt somit einem Sammelsurium an aufgetauchten Unterlagen zu einem Angriff einer Gesellschaft auf einen kleinen Planeten. Dabei lernt man die beiden hauptsächlichen Protagonisten kennen, die ihre Kommunikation überwiegend im geheimen durch Nutzung von Logins anderer Schiffsbewohner vornehmen. Meistens „reiten“ sie dabei auf einer unserer E-Mail angelehnten Kommunikationsart.
Ich fragte mich wirklich lange, ob sich so ein Konzept durchgehend über eine Bandbreite von nahezu 600 Seiten durchhalten lässt. Insbesondere, ob dabei auch ein klein wenig Spannung aufkommen kann. Sicher, ab und an gab es schon Augenblicke, an denen es mir fast zu schwer geworden ist, mich weiterhin dieser untypischen Erzählart zu folgen. Bin ich doch eher ein Freund des ausholenden erzählerischen Textes. Nach und nach entwickelt sich aber interessanterweise dennoch eine sehr gelungene Story, die gleichzeitig Fasetten unterschiedlicher Genre zusammenfügt: Wir treffen hier auf eine sich liebendes Jugendpärchen in einem ScienceFiction-Roman und dürfen auch vor Zombies nicht zurückschrecken. Als Sahnehäubchen noch ein allumfassender Schiffscomputer, der nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben scheint und immer mehr zu einer Gefahr für alle noch lebenden Menschen wird.
ILLUMINAE wird sicherlich nicht jedem gefallen. Ich konnte mich aber nach und nach mit dieser Idee anfreunden und irgendwie entwickelt sich beim Lesen von lediglich „Dokumenten“ eine Art Voyeurismus, dem man sich nicht mehr entziehen kann.
Die gesamte Story ist in einem Fluss auf Basis dieser Dokumente erzählt. Beide Autoren schafften es dabei sogar, diesen Stil bis zum Ende durchzuhalten und dennoch für einen ausgesprochen gut erzählten Schluss zu sorgen.
Funktionieren wird dieses Buch wohl hauptsächlich in der gedruckten Version. So kann ich es auch einigermaßen gut empfehlen. Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass hier eine gänzlich andere Art des Erzählens vorgenommen wird und es darüber hinaus wohl eher in Richtung Jugendbuch geht. Dennoch ist es ein ausgesprochen interessantes Konzept, eine geniale Idee und ich finde es auch klasse, dass sich ein Verlag auf so eine Veröffentlichung einlässt. Ist ja eben etwas Anderes und nicht für jeden geeignet. Ich fand es schlußendlich sehr interessant, bin mir aber gleichzeitig nicht sicher, ob ich noch weitere solche Bücher lesen könnte. Trotzdem ein sehr gelungenes Experiment.
Jürgen Seibold/20.12.2017

Illuminae. Die Illuminae-Akten_01 – KAUFEN BEI AMAZON

Matthias Oden: Junktown

Originalausgabe 06/2017
©2017 by Matthias Oden
©2017 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31821-2
ca. 400 Seiten

COVER:

Diese Zukunft ist ein Schlaraffenland: Konsum ist Pflicht, Rauschmittel werden vom Staat verabreicht, und Beamte achten darauf, dass ja keine Langeweile aufkommt. Die Wirklichkeit in »Junktown«, wie die Hauptstadt nur noch genannt wird, sieht anders aus. Eine eiserne Diktatur hält die Menschen im kollektiven Drogenwahn, dem sich niemand entziehen darf, und Biotech-Maschinen beherrschen den Alltag. Als Solomon Cain, Inspektor der Geheimen Maschinenpolizei, zum Tatort eines Mordes gerufen wird, ahnt er noch nicht, dass dieser Fall ihn in die Abgründe von Junktown und an die Grenzen seines Gewissens führen wird. Denn was bleibt vom Menschen, wenn der Tod nur der letzte große Kick ist?

REZENSION:

Wir befinden uns in einer Welt der nicht allzu fernen Zukunft. Die gesamte Gesellschaft ist dazu gezwungen, dem Konsumwahn zu frönen. Müll wird nicht mehr weggeschmissen, sondern geschickt vor den Wohnungen drapiert, um jedem zu zeigen, was man sich so alles leisten kann. Es gibt sogar extra Firmen, die Müll für diesen Zweck anbieten. Somit ist jeder gezwungen, dieser Gesellschaft zu folgen, da er sonst denunziert wird.
Gleichzeitig sind Drogen nicht nur eine Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen – nein, sie sind sogar Pflicht und müssen konsumiert werden.
In dieser Welt gibt es nur noch wenige natürlich geborene Menschen. Vielmehr setzt sich die gezielte, industrielle Entwicklung der Menschen durch. Je nach zukünftigem Einsatzort werden diese genetisch geplant und entwickelt.
In dieser Welt geschieht nun ein sehr untypischer Mord: Es wird ein Maschinenwesen – eine Gebärmutter – getötet. Diese Wesen sind mehrstöckig und dienen dem Staat zum Austragen der bestellten Kinder.
Dieses Wesen ist auch so ziemlich das einzige in Odens Buch, welches ich nur wenig greifen konnte. Hier muss man schon sehr stark seine Fantasie aktivieren, um dies zu akzeptieren und zu verstehen. Gibt es doch im realen Leben absolut keine Ähnlichkeit, die man zum besseren Verständnis als Vergleich heranziehen könnte. Man stellt sich immer wieder die Frage, wie ein Beziehungsdrama unter Einbeziehung eines künstlichen Wesens stattfinden kann. Hat man sich dem jedoch gestellt, kann man dieser utopischen Krimi-/Thrillermischung problemlos folgen.
Matthias Odens Junktown baut eine sehr interessante und beängstigende Welt auf, der man nach einigen Anfangsschwierigkeiten recht gut folgen kann. Sein Schreibstil ist flüssig und eingängig. Sein Ideenreichtum lässt absolut nichts zu wünschen übrig.
Gäbe es die detailliert erzählte Welt nicht in diesem Maße, wäre Junktown wohl nichts weiter als ein weiterer Krimi, der ganz gut zu unterhalten weiß. Erfreulicherweise schafft es Oden jedoch, seiner Story eine Umgebung zu widmen, die seinen Krimi eine Stufe höher legt.
Sehr stark erinnert sein Plot an Orwells Klassiker “1984” und durch die abschließende Befragung seines Protagonisten bleibt dieser Vergleich bis zum Ende bestehen.
Oden erzählt somit nicht nur einen Krimi in einer gesellschaftlich beängstigenden Welt sondern hält uns auch einen gesellschaftlichen Spiegel vor. Es entsteht somit – wie auch in “1984” – eine Zukunftsvision, die wir tunlichst vermeiden sollten.
Alles in allem ein sehr gut gelungener Roman mit einem außergewöhnlichen Plot und Setting. Die Figuren könnten noch ein klein wenig lebendiger und facettenreicher wirken, dennoch führt dies nicht wirklich zu einer Abwertung dieser spannenden Story.
Jürgen Seibold/19.11.2017

 

Liu Cixin: Die drei Sonnen

Deutsche Erstausgabe 01/2017
©2006 by Liu Cixin
©2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31716-1
ca. 592 Seiten

COVER:

China, Ende der 1960er-Jahre: Während im ganzen Land die Kulturrevolution tobt, beginnt eine kleine Gruppe von Astrophysikern, Politkommissaren und Ingenieuren ein streng geheimes Forschungsprojekt. Ihre Aufgabe: Signale ins All zu senden und noch vor allen anderen Nationen Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen. Fünfzig Jahre später wird diese Vision Wirklichkeit – auf eine so erschreckende, umwälzende und globale Weise, dass dieser Kontakt das Schicksal der Menschheit für immer verändern wird.

REZENSION:

In unserer, eher vom Westen geprägten Welt, ist es doch immer noch recht selten, dass ein Buch eines chinesischen Autors seinen Weg zu uns findet. Ich bin sehr froh, dass es im Falle Liu Cixins dennoch funktioniert hat. Wir müssten sonst einen sehr interessant erzählten Science Fiction Roman missen.
Cixin erschafft in seinem Buch “Die drei Sonnen” einen weit ausholenden Bogen über etwa 50 Jahre. Er spart dabei nichts aus und beginnt fast mit einer historischen Betrachtung der revolutionären Zeit Chinas. Nebenbei entwickelt sich sehr ruhig und langsam der Science-Fiction-Anteil seiner Geschichte. Dieser ist gefüllt mit einer Vielzahl an wissenschaftlichen Erklärungen und einem recht oft auftretenden Plot innerhalb der virtuellen Welt eines Spiels.
Diese beiden Pole wurden mir beinahe zu viel, da ich mir eine gewisse Zeit nicht sicher war, ob ich diesen allumfassenden Wissenschaftsbackground überhaupt benötige (ich verstehe davon das meiste eh nicht…) und ich mich sehr oft fragte, was mir der Autor mit seinen Szenen innerhalb der Spielewelt sagen möchte.
Nach und nach lüftete Cixin das Geheimnis und die Geschichte konnte mich immer stärker überzeugen.
Es gibt eine ausreichende Anzahl an unterschiedlichen Handlungsfäden, die alle auch aus unterschiedlichen Genre kommen könnten.
Die wissenschaftlichen Elemente sind glaubwürdig, manchmal ein wenig zu viel nach meinem Geschmack,  dennoch in dieser Story notwendig, um zur richtigen Richtung zu kommen.
Urplötzlich entwickelt sich eine Bedrohung, deren Auswüchse man mit dem Lesen lediglich dieses Buches noch nicht wirklich erfassen kann. Dafür folgt aber demnächst der zweite Band aus dieser Reihe.
Alles in allem ein sehr interessantes Werk, bei dem ich durch die Vielzahl an für mich nicht verständlichen Wissenschaftsthemen lange überlegte, ob ich es nur gut oder doch sehr gut finden soll.
Nun, ich entscheide mich dafür, dieses Werk als eine außerordentlich gute Bereicherung im SF-Genre zu betrachten und bin trotz einiger für mich unnötiger Seiten froh, es gelesen zu haben.
Ein jedenfalls sehr erfrischendes neues Werk im Genre und ich denke, allein dafür sollte man schon sein Haupt vor dem Autor verneigen.
Jürgen Seibold/27.08.2017
Die drei Sonnen: Roman – KAUFEN BEI AMAZON