Kim Stanley Robinson: Das Ministerium für die Zukunft

Originaltitel: The Ministry For The Future
Aus dem Amerikanischen von Paul Bär
Deutsche Ausgabe 10/2021
©2020 by Kim Stanley Robinson
©2021 dieser Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32170-0
ca. 717 Seiten

COVER:

Indien, fünf Jahre in der Zukunft. Eine Hitzewelle lässt die Temperaturen auf weit über 50° C steigen. Der junge Arzt Frank May versucht alles, um die Menschen in seinem Stadtviertel zu retten, doch vergeblich: Binnen einer Woche sterben Millionen.
Zürich, wenige Jahre später. Mary Murphy leitet eine UN-Behörde, die als das Ministerium für die Zukunft bekannt ist. Sie soll den Klimawandel aufhalten, doch ihr Ministerium kann nur Empfehlungen aussprechen, die von Industrie und Politik geflissentlich ignoriert werden. Eines Abends trifft Mary auf Frank, der ihr vorwirft, ihre Organisation könne auf legalem Wege nicht das tun, was wirklich nötig wäre. Doch rechtfertigt eine Katastrophe, die ohnehin nicht mehr aufzuhalten ist, den Einsatz von Gewalt?

REZENSION:

Kim Stanley Robinson ist in meiner persönlichen Lesewelt ein sehr durchwachsener Autor. Einige Werke liebe ich, andere Werke können mich beinahe gar nicht beeindrucken oder gar überzeugen. Nichts desto trotz versuche ich mich immer wieder an diesem ideenreichen und hochwertigen Autor, somit auch an diesem neuesten Werk.
„Das Ministerium für die Zukunft“ ist im Gegensatz zu anderen Werken Robinsons kein Science-Fiction-Werk der fernen Zukunft, sondern beinahe Gegenwart, da wir uns hierin lediglich einige Jahre in der Zukunft befinden und die Welt sich wie aktuell durch beinahe jeden Wissenschaftler vorhergesagt darstellt.
Somit ein kleiner Schritt in die Zukunft des Klimawandels und wie sollte es anders sein: Wir steigen sogleich mit einem dramatischen Temperaturanstieg in Indien ein. Bei Temperaturen um die 50° C ist klar, dass dies Millionen von Opfern kostet und man stellt sich bereits beim Lesen die Frage, ob wir dem noch entgehen können.
Der Einstieg konnte somit bereits absolut überzeugen und ich freute mich auf einen durchweg spannenden Plot im Fahrwasser des vorangeschrittenen Klimawandels. Dies auch in der Hoffnung, noch mehr über die jeweiligen Abhängigkeiten und auch die auftretenden Risiken beziehungsweise Gefahren zu lesen.
Robinson legt zwar einen wahrlich tiefgründigen und bedeutenden Roman vor – gleichzeitig ließ die Überzeugung jedoch nach, da sein Plot nach und nach eher wie ein Bericht zu klingen scheint und die handelnden Personen – wenn sie denn auftreten – nur als Beiwerk fungieren und nur oberflächlich gezeichnet sind.
Ja, die im Buch enthaltenen Informationen sind interessant und offenbaren die Dramatik des Klimawandels – Leugner beziehungsweise Zweifler werden jedoch eher mit einem spannenden und nervenaufreibenden Plot zu fangen und zu überzeugen sein, als mit einem tiefgründigen darbieten der Daten, Entwicklungen und politischen Missstände; natürlich nur, wenn diese Leute überhaupt mit dem geschriebenen Wort zu fangen sind…
Der Ansatz von Robinson ist nachvollziehbar, notwendig und die Darbietung nicht nur glaubhaft, sondern fundiert vorgelegt. „Das Ministerium für die Zukunft“ wirkt dadurch jedoch leider wie ein Sachbuch über den Klimawandel denn wir ein hochkarätiger Roman, wodurch er mich in seiner Überzeugungsarbeit verloren hat. Man kann wissenschaftliche und hochkarätig wichtige Themen auch dementsprechend transportieren: Entweder sogleich als Fachbuch ohne handelnde Personen oder als anspruchsvollen Roman, jedoch dann natürlich in seiner kompletten Ausarbeitung, was eine voranschreitende und im besten Falle spannende Storyline bedingt. Schätzings „Der Schwarm“ konnte dies ganz gut beweisen und sorgte trotz seiner Darbietung als Thriller für viele ökologische Erkenntnisse und Aha-Effekte in der Leserschaft. Ein ähnliche Vorgehensweise hätte diesem vorliegenden Buch sicher ganz gut getan. Schade, da ich mich wirklich extrem auf einen Robinson mit einbezogenem Klimawandel in der erzählerischen Qualität wie bei „New York 2140“ gefreut habe.
hysterika.de / JMSeibold / 07.11.2021

Robinson, Kim Stanley: Roter Mond

Originaltitel: Red Moon
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jakob Schmidt
Deutsche Erstausgabe 09/2019
©2018 by Kim Stanley Robinson
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32010-9
ca. 621 Seiten

COVER:

Dreißig Jahre in der Zukunft: Der Mond ist kolonisiert. Am lunaren Südpol, wo die Sonne niemals untergeht, haben Amerikaner und Chinesen ihre Basen in den Kraterwänden eingerichtet. Für Fred Fredericks ist es der erste Flug zum Mond. Im Auftrag von Swiss Quantum Works soll er einen Quantenkommunikator, mit dem sich absolut abhörsichere Gespräche führen lassen, an die chinesische Mondbehörde liefern und installieren. Doch bei der Übergabe wird Chang Yazu, der ranghöchste Verwaltungsbeamte, vergiftet, und Fred wird bei dem Anschlag schwer verletzt. Als er wieder zu sich kommt, steht er im Verdacht, der Mörder zu sein. Um seine Unschuld beweisen zu können, muss Fred aus der Mondbasis fliehen – und trifft dabei auf eine unwahrscheinliche Verbündete: Chan Qi, die Tochter des chinesischen Finanzministers. Sie ist aus persönlichen Gründen auf den Mond gekommen, und das, was sie dort erlebt, wird den Lauf der Geschichte verändern – auf Luna ebenso wie auf der Erde …

REZENSION:

Nach dem unglaublich interessant erzählten Buch von Kim Stanley Robinson mit dem Titel New York 2140, konnte ich es beinahe nicht mehr erwarten, mich wieder diesem mir bis dorthin unbekannten Autoren wieder zuwenden zu können. Dementsprechend erfreut war ich, als der neue mit Roter Mond betitelte Roman das Licht der Welt erblickte.
Ein kurzes Verweilen bei der knappen Inhaltsbeschreibung tat sein Übriges und so freute ich mich auf einen gelungenen Plot voll thrillerhaften Intrigen auf unserem erdnahen Trabanten.
Erstaunlicherweise schaffte es Kim Stanley Robinson in diesem Fall jedoch nicht, mich mit dem gleichen Sog an die Seiten und somit an seine Geschichte zu heften, wie bei dem gerade erwähnten Werk. Roter Mond wirkt einfach zu langatmig und eintönig ausschweifend erzählt. Robinson wollte in diesem Werk anscheinend ein wenig zu viel auf einmal vermitteln – seine klar als Metaphern verpackten Szenen verlieren sich dabei beziehungsweise ihren Leser beim Versuch, den eigentlichen Handlungsfaden aufrecht zu halten. Die Verknüpfungen als auch seine zu Grunde liegende Message wird einem recht schnell klar – dennoch würde sich viel besser auch unter Verwendung von erheblich mehr integrierter Spannung und erheblich weniger nichtssagenden Dialogen eine kritische Nachricht an die politisch interessierten Leser vermitteln. In diesem Fall siegte trotz meiner anfänglichen Euphorie die Belanglosigkeit als auch die nicht vorantreibenden Dialoge und es blieb mir nichts anderes übrig, als mich diesem Werke zu entziehen. Es fiel mir wahrlich schwer, da ich New York 2140 nahezu „gefressen“ hatte und den grundsätzlichen, sozialpolitischen Hintergedanken des vorliegenden Romans auch recht schnell verstand und zu akzeptieren gewillt war. Nichts desto trotz ist es auch oder gerade bei Romanen mit eingebauten Botschaften wichtig, den Leser bei der Hand zu nehmen und umfänglich zu überzeugen. In diesem Fall hat es bei mir jedenfalls leider nicht funktioniert.
Jürgen Seibold/15.01.2020