Robert McCammon: Boy’s Life

Originaltitel: Boy’s Life
Übersetzung: Nicole Lischewski
© 1983 by Robert McCammon
Copyright Gesamtausgabe © 2020 LUZIFER-Verlag
ISBN 978-3-95835-486-9
ca. 576 Seiten

COVER:

Es ist 1964 in dem kleinen idyllischen Städtchen Zephyr, wo die Bewohner entweder in der Papierfabrik am Tecumseh River oder in dem örtlichen Milchbetrieb arbeiten. Es ist ein einfaches Leben, aber doch voller Wunder für den zwölfjährigen Cory Mackenson. Eines Morgens werden er und sein Vater Zeuge, wie ein Auto vor ihnen von der Straße abkommt und in einem See versinkt. Am Steuer aber befand sich ein nackter, geschundener Körper, mit Handschellen an das Lenkrad gefesselt. Mit der Zeit vergessen oder verdrängen die Bewohner des Ortes den seltsamen Vorfall, doch Cory und sein Vater wollen dem Geheimnis auf die Spur kommen. Ihre Suche führt sie in eine Welt, wo Unschuld und Bosheit aufeinanderprallen und Magie und Fantasie mit der Realität zu verschmelzen scheinen …

REZENSION:

Coming-Of-Age-Romane sind spätestens seit Stephen Kings „ES“ eine Spielwiese, die immer wieder gerne verwendet wird. Die Schwierigkeit dabei scheint jedoch nicht einfach zu überwinden zu sein, gibt es doch nur eine Handvoll wirklich herausragender Werke in diesem kleinen Subgenre. Hierbei fallen Titel wie Malfis „December Park“, Simmons „Elm Haven“ und natürlich bereits besagtes „ES“, welches sich in den letzten 30 Jahren zu meinem Lieblingsbuch gemausert hat.
Bei der Recherche nach weiteren Werken in diesem Bereich stößt man recht schnell auf „Boy’s Life“ von Robert McCammon, welches bereits aus den 80er Jahren ist, glücklicherweise vor kurzem neu vom Luzifer-Verlag herausgegeben worden ist.
Die Übersetzung inklusive der daraus folgenden Eingängigkeit ist perfekt ausbalanciert und auch hier begeben wir uns in ein kleines Nest im vom Rassismus geprägten Amerika. Wir begleiten Cory auf seinem Weg ins Erwachsen werden und versuchen dabei ganz nebenbei noch einen vermeintlichen Mordfall zu klären. Dieser wiederum ist lediglich der übergeordnete Faden, welcher ab und an aufgenommen und durch dezente Hinweise oder Erkenntnisse weiter vorangetrieben wird. Die Auflösung ist schlüssig, interessant und dennoch anders, als man vorher erwartet konnte. Nichts desto trotz ist dieser Weg ein kleiner Nebenschauplatz dieses Buches – es geht hier vielmehr um das Erwachsenwerden und dem Drang, sich die Magie dieser Zeit so lange wie nur irgend möglich aufrechterhalten zu können. Cory durchlebt magische, spannende, freundschaftliche, gefährliche und traurige Momente. Jedes Kapitel beinahe eine Geschichte in sich selbst – gefüttert mit einer Unmenge an Seitensträngen, die nichts mit dem Toten im See verbindet, jedoch dieser Geschichte ihre allumfassende erzählerische Kraft schenken.
McCammons Charaktere sind liebevoll gezeichnet und jeder Einzelne steht für sich selbst und offenbart sein persönliches Leben oder zumindest seinen persönlichen Anteil in Bezug auf Corys Umfeld. Die 60er Jahre sind getrieben vom Umbruch der stiefmütterlichen Kleinstadt in die Welt der Industrie und Massenabfertigung. Der stetig vorhandene Rassismus steht konträr zur teilweisen Hilfsbereitschaft vereinzelter Weißer gegenüber der schwarzen Community als auch der gegenseitigen Hilfsbereitschaft im umgekehrten Fall. Die Akzeptanz wächst – irritiert durch unsinnige und boshafte Tätigkeiten einzeln Verblendeter.
Als Kind und Jugendlicher kämpft man noch um Anerkennung – bei Zuwiderhandlung ist in der genannten Zeit noch mit körperlicher Züchtigung zu rechnen. Dennoch erkennt man ein positives Elternhaus – gleichzeitig kann auch dieses Kartenhaus durch Arbeitslosigkeit oder andere Eingriffe von außen plötzlich zusammenfallen und die Karten des Lebens neu mischen.
All dies legt McCammon in diesem stark erzählten Buch dar und sorgt dafür, dass sein Leser mit den gleichen wechselhaften Gefühlen zu kämpfen hat, wie Cory Mackenson in seiner Rolle als Hauptdarsteller in „Boy’s Life“.
Es kommt wahrlich nicht oft vor, dass ich am Ende eines Buches mit meinen eigenen Emotionen und Erinnerungen kämpfen muss – dieses Buch hat es – wie nur wenige vor ihm – auf seine eigene Art und Weise geschafft.
Allein dafür danke ich dem Autor aus tiefstem Herzen und sehe von den wenigen aufkommenden Längen zur Mitte des Buches einfach mal ab.
Interessant wäre nun noch zu erfahren, ob mit diesem Buch die Riege der außerordentlichen Coming-Of-Age-Storys im Stile der o.g. Schriftsteller abgeschlossen ist, oder ob es tatsächlich noch weitere Beispiele mit einer ähnlichen Qualität und erzählerischen Kraft geben sollte…
Jürgen M. Seibold/23.08.2020

Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss

Originaltitel: A Fine Dark Line
Aus dem amerikanischen Englisch von Heide Franck
Die deutsche Erstausgabe erschien 2012 im Golkonda Verlag, Berlin
©2003 by Joe R. Lansdale
Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung des Golkonda Verlags, Berlin
Suhrkamp Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-518-46497-7
ca. 351 Seiten

COVER:

East Texas, 1958. Stans Welt ist von Gewalt geprägt: Sein bester Freund wird zu Hause verprügelt, die Küchenhilfe lebt bei einem gewalttätigen Mann, und selbst Stans Vater wird handgreiflich, wenn es um die Familienehre geht. Das einzige Gegenprogramm liefern das Autokino von Stans Vater und die faszinierenden alten Geschichten um ein Spukhaus auf dem Hügel, einen kopflosen Geist am Bahndamm und zwei in ein und derselben Nacht ermordete Mädchen. Als Stan eines heißen Sommertages im Wald ein geheimnisvolles Kästchen findet, beginnt er, begleitet von seinem treuen Hund Nub und unterstützt von dem mürrischen schwarzen Filmvorführer und Ex-Polizisten Buster, Detektiv zu spielen – ohne zu ahnen, worauf er sich da eingelassen hat.

REZENSION:

Joe R. Lansdale gehört schon seit langem zur Riege der mit Preisen überschütteten Autoren. Er bedient dabei unterschiedliche Genre und überzeugt laut meinen bisher eingeholten Informationen mit seiner Art des Erzählens eine treue Leserschaft. Interessanterweise war mir der Name des Schriftstellers eher kein Begriff. Lediglich durch gewisse Recherchetätigkeiten kam es ab und an vor, dass auch dieser Name vereinzelt genannt worden ist.
Eines Tages wagte ich mich auf das Experiment seine Werke näher kennen zu lernen. Ich schnappte mir – vor vier Jahren(!) – die Trilogie „Drive-In“ und hoffte auf erholsame Stunden mit einem für mich bis dato nicht wirklich bekannten Schriftsteller. Das erste Werk in dieser Trilogie überzeugte mich auch ziemlich gut, was jedoch – laut meiner damaligen Rezension – durch die beiden anschließenden Geschichten komplett relativiert worden ist. Das Kapitel Lansdale hat sich somit für mich erst einmal erledigt und ich widmete mich wieder anderen Werken von anderen Erzählern.
Nun, im Jahre 2020, wagte ich durch erneutes „immer-wieder-über-diesen-Namen-stolpern“ einen neuen Start in seine schriftstellerische Welt. Ich besorgte mir „Ein feiner dunkler Riss“ und erhoffte mir abermals eine faszinierte Unterhaltung.
Sehr schnell stellte sich dabei heraus, dass der Autor im Gegensatz zu meinem ersten Eindruck wahrlich ein Könner seines Fachs zu sein scheint. Die Geschichte – angesiedelt in den 50er Jahren in Texas – zog mich in ihren Bann und ließ mich auch nicht mehr los. Lansdale schreibt ehrlich, glaubhaft und rundherum interessant. Seine teilhabenden Personen lassen einen nicht mehr los und ganz nebenbei zeigt er durch seine schonungslose Wahrheit auch noch den Irrsinn des damaligen Rassismus in Bezug auf Schwarze, welcher leider nahezu uneingeschränkt bis in die heutige Zeit ausstrahlt. Das mittlerweile verpönte N-Wort taucht in diesem Werk sehr oft auf – es steht jedoch nie für sich selbst, sondern zeigt lediglich auf deutliche Art, wie dumm sich die Abgrenzung weiß/schwarz darlegt.
Seine darüber liegende Geschichte ist von einer gewissen Ruhe gefüllt und es passiert auch nicht wirklich viel spannendes. Dennoch lässt es einen nicht mehr los, da man sich dieser Episode aus dem Leben Stanleys nicht mehr entziehen kann. Seine Umgebung ist geprägt von Rassismus und Gewalt, während seine Familie trotz der strikten Trennung von Schwarzen zu Weißen nebenbei und fast ungewollt – lediglich angeheizt durch normalen Menschenverstand und Anständigkeit – für ein Aufbrechen dieser unsäglichen Denkweise sorgen.
Um die Erzählweise zu verstehen, verweise ich kurz auf die sprachliche Qualität von Stephen King in seinen umfangreichen Werken wie zum Beispiel „ES“. Diese Werke leben insbesondere von der Schwätzigkeit des Schriftstellers. Damit meine ich, King erzählt eine Vielzahl an Geschichten innerhalb seiner eigentlichen Geschichte. Diese Sidekicks sind oft ausufernd dargelegt und treiben den eigentlichen Plot oberflächlich betrachtet in keiner Weise nach vorne. Nichts desto trotz klammern sie sich an ihren Leser fest und offenbaren eine Realitätswelt hinter dem Ursprungsplot.
„Ein feiner dunkler Riss“ könnte eine dieser Sidekicks innerhalb einer Stephen King Story sein. Auch ihr kann man sich nicht mehr entziehen und man bekommt das Gefühl, dass sich hier nichts als die blanke Wahrheit abzeichnet.
Ein fantastisches Werk, welches zum ersten Mal in meinem Leben dafür sorgte, dass ich mir alle Werke eines Autors der Reihe nach in mein Notizbuch geschrieben habe. Diese werden wohl nun in aller Ruhe nach und nach ihren Zugang in meine kleine Welt finden…
Jürgen Seibold/13.06.2020

James Baldwin: Nach der Flut das Feuer

Originaltitel: The Fire Next Time
Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow
Neuübersetzung 2019
©1962, 1963 by James Baldwin
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
eBook ISBN 978-3-423-43585-7
ca. 128 Seiten

COVER:

James Baldwin war zehn Jahre alt, als er zum ersten Mal Opfer weißer Polizeigewalt wurde. Dreißig Jahre später, 1963, brach ›Nach der Flut das Feuer ‒ The Fire Next Time‹ wie ein Inferno über die amerikanische Gesellschaft herein und wurde sofort zum Bestseller. Baldwin rief dazu auf, dem rassistischen Alptraum, der die Weißen ebenso plage wie die Schwarzen, gemeinsam ein Ende zu machen. Ein Ruf, der heute wieder sein ganzes provokatives Potenzial entlädt: »Die Welt ist nicht länger weiß, und sie wird nie mehr weiß sein.«

REZENSION:

Durch Zufall bin ich auf dieses Essay von James Baldwin gestoßen. Es ist ein dünnes Büchlein und dennoch in seiner Wortgewalt mit einer Tragweite, die trotz seiner Entstehung Anfang der 1960er Jahre weiterhin durch und durch eine Gültigkeit besitzt. Dabei ist der Fokus nicht nur auf das Land der Vereinigten Staaten zu legen – nein, auch wir im behüteten Europa stehen dem in nichts nach.
Rassismus ist überall vorhanden und es stellt sich immer wieder die Frage, wie man dem entgegen treten soll beziehungsweise, wie man den Knoten des Rassismus nachhaltig zerstören kann. Neben großen Themen, die überall detailliert diskutiert werden (oft mit lediglich weißen Gästen, was bereits einen Faustschlag in das Gesicht der Betroffenen darstellt), gibt es auch eine Vielzahl an „kleinen“ Unzulänglichkeiten, die durch ungenügenden, engstirnige Erziehung oder schlicht Unwissen, wenn nicht gar Dummheit entstehen oder entstanden sind. Als kleines Beispiel verweise ich auf eine Tätigkeit als ehemaliger Trainer einer Fußballmannschaft – die Spieler waren alle ca. 13/14 Jahre alt. Eines Tages bekamen wir einen neuen Spieler, der aus Südafrika zu uns gezogen ist. Nun, die Mannschaft hat diesen Spieler mit offenen Armen empfangen – dennoch gab es ab und an bei Auswärtsspielen unflätige Bemerkungen von Erwachsenen. Der Höhepunkt fand am letzten Spieltag von ihm statt, da er wieder mit seiner Familie aus familiären Gründen wieder zurück nach Johannesburg musste. Wir organisierten eine Auswechslung von ihm während den letzten Minuten mit Abklatschen bei seinen Mitspielern und einem Applaus durch alle zu uns gehörenden Eltern. Also ähnlich, wie bei einem Profifussballer. Diesen tollen Abschied konterkarierte jedoch ein uns nicht bekannter Zuschauer mit der Bemerkung „was machen die denn für einen Hype um dieses Migrantenbürscherl“.
Natürlich haben wir uns diese Person verbal zur Brust genommen – dennoch ist uns dabei auch allen klar gewesen, dass damit seine Meinung nicht behoben wird. Man kann wohl schon froh sein, wenn so eine Person zumindest mal kurz zuhört. Seine persönliche Meinung wird sich nicht ändern. Alles in allem schlicht ein Idiot – doch auch hier stellt sich die Frage: Wie kann man so jemanden „heilen“?
Darüber hinaus stehen wir auch in anderen Bereichen immer wieder auf der privilegierten Stufe: Nehmen wir doch einfach mal das Marketing von Verlagshäusern. Mir ist bewusst, dass in dieser Klientel der Gedanke gut gemeint ist und nicht rassistisch motiviert ist. Dennoch – und da schließe ich mich James Baldwin an – wird bei Büchern von „Schwarzen“ zum Beispiel so oder ähnlich geschrieben: „Eine starke schwarze Stimme…“, „Der Autor, die Autorin zeigt, dass auch aus Afrika/Asien/Arabien/… großartige Literatur kommen kann…“
So eine Werbung impliziert dezent, dass man nicht davon ausgeht, dass auch aus diesen Ecken der Welt starke Worte kommen können.
Und hier treffen wir auf James Baldwin, der seine Erfahrungen bereits vor 60 Jahren niedergeschrieben hat und dessen Worte noch immer eine unveränderte Bedeutung inne haben: Er fragt sich in seinem Essay, warum man auf die Farbe einer Person aufmerksam machen muss – bei einem Weißen wird das doch auch nicht gemacht.
Und genau das sollten wir uns immer vor Augen halten: Nur gemeinsam können wir es schaffen, diese vermeintliche Rassentrennung in einer Welt, in der es keine „Rassen“ gibt oder geben sollte zu beseitigen. Ein jeder Schritt in diese Richtung – und möge er noch so klein sein – ist ein guter Schritt. Fangen wir doch einfach damit an.
Jürgen Seibold/10.06.2020

HYS114 – Die Virusverschwörung

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HYS111 – Dummgeteilte Aufmerksamkeit

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HYS110 – FCK Rassismus

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Adeyemi, Tomi: Children of Blood and Bone – Goldener Zorn

Originaltitel: Children of Bood and Bone
Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer
©2018 by Tomi Adeyemi Books Inc.
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2018 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-8414-4029-7
ca. 623 Seiten

COVER:

Sie töteten meine Mutter.
Sie raubten uns die Magie.
Sie zwangen uns in den Staub.
Jetzt erheben wir uns.

Zélies Welt war einst voller Magie. Flammentänzer spielten mit dem Feuer, Geistwandler schufen schillernde Träume, und Seelenfänger wie Zélies Mutter wachten über Leben und Tod. Bis zu der Nacht, als ihre Kräfte versiegten und der machthungrige König von Orisha jeden einzelnen Magier töten ließ. Die Blutnacht beraubte Zélie ihrer Mutter und nahm einem ganzen Volk die Hoffnung.

Jetzt hat Zélie eine einzige Chance, die Magie nach Orisha zurückzuholen. Ihre Mission führt sie über dunkle Pfade, wo rachedurstige Geister lauern, und durch glühende Wüsten, die ihr alles abverlangen. Dabei muss sie ihren Feinden immer einen Schritt voraus sein. Besonders dem Kronprinzen, der mit allen Mitteln verhindern will, dass die Magie je wieder zurückkehrt …

REZENSION:

Children of Blood and Bone ist das Debüt von Tomi Adeyemi, einer amerikanischen Autorin mit nigerianischen Wurzeln. Dieser Umstand wäre mir im Prinzip absolut egal – er wurde aber beim Marketing jeweils hervorgehoben. Somit handelt es sich hier um einen Fantasyroman mit afrikanischen Wurzeln. Gleichzeitig angeblich eine klare Ansage gegen Rassismus.
Nun, alles in allem schon mal eine hoch angelegte Latte für einen Roman, der dabei auch noch mehr in die Richtung Jugendbuch zu schielen scheint.
Ich persönlich bin oft irritiert, in welche Richtung man als Leser gedrängt werden soll. Dabei stellte ich in meinem nicht gerade kurzen Leseleben viel zu oft fest, dass hoch gelobte Ansätze meistens dem dann folgenden Inhalt nicht gerecht werden.
Nichts desto trotz wollte ich auch diesem Werk eine Chance geben und widmete mich nahezu euphorisch dem Inhalt.
Die Geschichte hatte mich bereits nach einige Seiten in den Fängen. Der Umstand, dass hier nebenbei eine Story gegen Rassismus entstehen sollte, kann aber von mir nicht bestätigt werden. Gut, die beiden gegeneinander agierenden Fronten sind Weiße gegen Schwarze. Die Schwarzen sind dabei das unterdrückte Volk. Soviel passt, um ein Zeichen zu setzen. Ich kann dem dennoch nicht uneingeschränkt folgen, da nur kurz am Anfang darauf hingewiesen wird, dass das Volk Zélies dunkelhäutig ist und somit recht schnell im Laufe der Geschichte als unwesentlich wahrgenommen wird. Man liest somit von zwei Völkern, von denen eines unterdrückt worden ist und sich nun erhebt. Sehr viele Fantasyromane erzählen ähnlich angesiedelte Geschichten.
Desweiteren erzählt mir Tomi Adeyemi zu wenig von der eigentlichen Welt und insbesondere zu wenig vom Volk der Magier. Sie sind für den Leser zwar unglaublich sympathisch und man ist sofort auf der Seite der Unterdrückten – dennoch erfährt man einfach zu wenig über sie. Das ist etwas enttäuschend, da die Autorin sich doch in ihrem Studium auch der afrikanischen Mythologie und Kultur widmete.
Die Geschichte selbst konnte mich trotzdem in der ersten Hälfte einigermaßen gut unterhalten – leider ließ das aber in der zweiten Hälfte stark nach. Sie entwickelte sich sehr klischeehaft und der weitere Verlauf war stark vorhersagbar. Die Protagonisten wirken sehr stereotypisch und als dann auch noch eine „überkreuz-Liebesgeschichte“ integriert worden ist, wollte ich nur noch das unvermeidliche und nicht überraschende Ende erreichen.
Wenn ich gedanklich einen Schritt zurück gehe und das Buch nun versuche mit den Augen eines lesenden Jugendlichen zu betrachten, komme ich leider auch nicht zu einem wirklich besseren Ergebnis: Ja, es könnte gefallen und als Fantasyroman funktionieren. Die Sperrspitze gegen Rassismus ist aber definitiv zu schwach besetzt. Hier helfen nur noch die flammenden Schlussworte der Autorin, in der sie eine Kampfansage gegen Unterdrückung formuliert. Warum nicht gleich auf fingerzeigende Art und Weise direkt in ihrer Story?
Ich hatte mich wirklich sehr gefreut – war aber schlicht zu wenig und zu simpel umgesetzt.
Es gibt jedoch noch einen weiteren Kritikpunkt, der mich im Lesefluss ziemlich störte: Die Geschichte ist ausschließlich in der Ich-Form erzählt. Dies wäre noch ganz in Ordnung, wenn man nicht mit mehreren Personen zu tun hätte. Der Kapitelüberschrift kann man die aktuell in der Ich-Form dargestellte Person entnehmen. Mir persönlich fiel das sehr schwer, da durch die nicht sehr langen Kapitel der Lesefluss meiner Meinung nach stark gelitten hat. Kaum konnte ich mich mit einer Person einigermaßen gut identifizieren, war „ich“ schon wieder eine andere. Somit ein plötzlicher Break, der regelmäßig irritierte. Darüber hinaus musste ich im seltenen Falle eines nicht abgeschlossenen Kapitels jeweils nachsehen, wer ich denn nun gerade war.
Die Ich-Form halte ich von Grund auf schon für recht anstrengend. Vor allem, wenn man es gewohnt ist, in eine Geschichte einzutauchen, man aber sich mit der gerade gelesenen Figur nicht wirklich identifizieren kann. Dann auch noch mehrere verschiedene Personen mit nicht sehr leicht zu greifenden Namen?
Auch wenn diese Rezension nun ein wenig negativ klingt: Children of Blood and Bone ist dennoch ein einigermaßen guter Fantasyroman. Er wird lediglich aus meiner Sicht seinem Hype nicht gerecht und die Autorin könnte noch viel mehr auf die kulturelle, mythologische und gegen Unterdrückung kämpfende Pauke hauen. Gerade als Lesestoff für Jugendliche sollte man nicht zu zimperlich vorgehen. Hier müssen klare und eindringliche Ansagen kommen (wurde mir auch im Zuge des Buchtestes von einigen Jugendlichen so bestätigt).
Vielleicht legt sie ja in den Folgebänden noch eine Schippe drauf – ich würde es ihr jedenfalls gönnen.
Jürgen Seibold/20.04.2019

Kern, Claudia: Divided States Of America

Herausgeber: Amigo Grafik, Ludwigsburg
©2017 Claudia Kern
ISBN 978-3-95981-499-7
ca. 615 Seiten

COVER:

Quo Vadis, USA?

Joseph Johnson, der neue Präsident der USA, polarisiert. Der Wahlkampf war hart und schmutzig, das Land ist gespalten. Extremistengruppen tauchen aus dem Untergrund auf und die Menschen sind verunsichert. Johnson sucht die Schuld bei Terror und illegaler Einwanderung, nicht bei seiner eigenen Inkompetenz. Um sich zu profilieren, erlässt er ein Dekret, das alle legalen Einwanderer zum Tragen eines Ausweises verpflichtet. Der Beschluss schlägt ein wie eine Bombe, Nationalisten und Neonazis feiern. Plötzlich ist es politisch korrekt, ein Rassist zu sein.

Washington State, Oregon und Kalifornien weigern sich, das Dekret umzusetzen, und bieten Zuflucht. Die große Völkerwanderung beginnt. Der Gouverneur von Arizona schließt die Grenzen, um die Flüchtlingsströme aufzuhalten, obwohl er selbst nicht hinter dem Dekret steht. Doch wer sich nach dem höchsten Amt des Landes sehnt, darf keine Ideal haben.

Die Flüchtlinge stauen sich in Arizona und es werden mehr und mehr. Aktivistengruppen nutzen die Situation als Bühne für ihre eigenen Anliegen, dann treten auch noch Nazis auf den Plan. Johnsons Machtbasis bröckelt, die Zustände im Land geraten außer Kontrolle. Die Vereinigten Staaten schlittern unaufhaltsam ins Chaos und das Spiel mit der Angst wird zum Todeskampf einr ganzen Nation. Doch die größte Katastrophe steht ihr noch bevor.

REZENSION:

Sicherlich hatte Claudia Kern mit diesem umfangreichen Werk hauptsächlich die Geschehnisse während als auch nach der Wahl in den Staaten vor Augen, als sie sich der Erstellung dieses Werkes widmete.
Mit dieser außerordentlich gut erzählten Geschichte versucht sie dabei, auf mögliche, nicht gerade positive, Entwicklungen hin zu weisen. Mit „Divided States Of America“ entstand somit ein politischer Thriller mit einem sehr gut durchdachten und interessanten Gedankenspiel, dessen Titel wahrlich Programm ist.
Dabei zeigt sich nun leider, dass die Autorin nicht weit weg von der Realität zu sein scheint. Dies allein macht ihr Buch sogleich erschreckender, denn so nach und nach scheint es sogar schlimmer zu werden, als sich die Autorin wohl in ihren kühnsten Träumen je erdacht haben konnte.
Hätte man ihr vor Jahren bei mancher Szene noch Unglaubwürdigkeit vorgeworfen, trifft sie nun mit Divided States Of America direkt in das aktuelle politische Herz. Erstaunlicherweise nicht nur in das Herz des amerikanischen Staates – spielen doch unsere europäischen Länder mittlerweile eine ganz ähnlich klingende Melodie.
Claudia Kern lässt ausreichend Freiraum für das verstärkte Auftreten des Rechtsradikalismus. Sehr deutlich schwingt das kleingeistige Denken von unzufriedenen Menschen mit, die gleichzeitig unbewusst von machthungrigen „Vorstadtnazis“ ausgebeutet werden und sich dabei auch noch einer Gruppe zugehörig fühlen.
Teilweise rast mir ihre Geschichte ein wenig zu schnell von Handlungsstrang zu Handlungsstrang – im Nachgang denke ich aber, dies könnte lediglich an dem Umstand liegen, dass man schlichtweg detaillierter über jeden einzelnen Aspekt lesen wollen würde.
Man kann sich nun mit diesem Buch gemütlich auf der Couch zurücklehnen und mit dem Hintergedanken „Ist ja weit weg dieses Amerika“ einfach einen weiteren politischen Thriller genießen.
Kann man, aber in diesem Fall funktioniert es leider nicht: „Divided States Of America“ spielt zwar mit den aktuellen Geschehnissen in den Staaten seit Auftreten dieses neuen Präsidenten – nichts desto trotz lassen sich viele ihrer beschriebenen Entwicklungen mittlerweile auch vor unserer eigenen Haustüre problemlos erkennen.
Alleine deshalb lohnt sich schon dieser gelungene Roman. Vielleicht schafft er es auch, manches Auge ein klein wenig zu öffnen…
Jürgen Seibold/28.08.2018

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Ruff, Matt: Lovecraft Country

Originaltitel: Lovecraft Country
Aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube
© 2016 Matt Ruff
Alle Rechte der deutschen Ausgabe © Carl Hanser Verlag München 2018
ISBN 978-3-446-25820-4
Ca. 428 Seiten

COVER:

Atticus Turners Verhältnis zu seinem Vater Montrose war schon immer schwierig. Doch als der von einem Tag auf den anderen aus Chicago verschwindet, macht sich der zweiundzwanzigjährige Atticus wohl oder übel auf die Suche. Auch wenn Montrose` letzte Spur nach „Lovecraft Country“ in Neuengland führt, Mitte der fünfziger Jahre ein Ort der schärfsten Rassegesetze.
Zusammen mit seinem Onkel George, Herausgeber des Safe Negro Travel Guide, und Jugendfreundin Letitia gelangt Atticus schließlich bis zum Anwesen der Braithwhites. Im alten Herrenhaus tagt der Adamitische Orden der Alten Morgenröte, eine rassistische Geheimloge, mit deren Hilfe der junge Caleb Braithwhite nichts weniger als die Weltherrschaft anstrebt. Doch dafür braucht er Atticus, und nicht nur ihn.

REZENSION:

Matt Ruff legt mit seinem neuesten Werk „Lovecraft Country“ einen Roman vor, dessen Inhalt zwar durch einen gemeinsamen Faden zusammengehalten wird, dennoch vielmehr als Episodenroman zu betrachten ist. Es handelt sich dabei um mehrere Geschichten, die in ihrer Gänze problemlos als Roman funktionieren – somit ist „Lovecraft Country“ definitiv keine geschickt verpackte Kurzgeschichtensammlung.
Die Vorgehensweise erinnert etwas an die heutige Serienlandschaft: Einzelne Episoden, die in Richtung gemeinsames Ziel laufen, dabei von einer weiteren, übergeordneten und verbindenden Hauptrahmenhandlung verbunden werden.
Zeitlich befinden wir uns im Jahre 1954. Örtlich in den Vereinigten Staaten. Der Rassenhass ist auf seinem Höhepunkt und Matt Ruff nimmt dies sehr detailliert und geschichtlich korrekt in sein Werk auf. Als Leser sieht man sich konfrontiert von kuriosen Schwarz-Weiß-Gesetzen und vordergründig anständigen, weißen Bürgern, die sich ja nur um ihr Land kümmern.
Diese rassistischen Züge und Erlebnisse zwischen den Buchdeckeln regen unglaublich zum Nachdenken an – immer wieder stellt man sich die Frage, ob wir Menschen seit den 50er Jahren überhaupt etwas dazu gelernt haben…
Neben den eben erwähnten Themen erleben die Protagonisten natürlich noch erheblich mehr. Sie sind dabei konfrontiert mit einer rassistischen Loge, Geisterhäusern, Zauberern und sogar der Weg in fremde Welten bleibt nicht aus.
Matt Ruff lässt eine sehr interessante Ideenvielfalt auf den Leser los. Paart diese kuriosen Geschichten dabei beinahe nebenbei mit historisch korrekten Begebenheiten.
Am Stärksten ist sein Buch beim Auftreten des Rassenhasses – hier wird man direkt in die Welt der Protagonisten hineingezogen und man würde am liebsten das Wort erheben. Im Laufe des Buches lässt dieser Bereich etwas nach – als ob der Autor nun verstärkt seinen Fokus auf die eigentlichen Episoden legen musste.
„Lovecraft Country“ ist ein wahrlich gelungenes Werk auf hohem literarischen Niveau. Ich persönlich empfand etwa die erste Hälfte des Buches am Stärksten in seiner Aussagekraft. In der zweiten Hälfte sackte es etwas ab, konnte dennoch weiterhin ausreichend überzeugen.
Alles in allem ein wirklich interessant erzähltes Werk, bei dem man sich nicht ganz sicher ist, welcher Aspekt gruseliger ist: Die Horrorelemente oder der real existierende soziale Horror?
Jürgen Seibold/07.07.2018

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HYS079 – Rassismusspam

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