Simon Stålenhag: The Electric State

Originaltitel: Passagen
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
©Simon Stålenhag 2017
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2019 Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
ISBN 978-3-596-70379-1
ca. 141 Seiten

COVER:

EINE REISE BIS ANS ENDE DER WELT …
UND DARÜBER HINAUS

Nach einem Drohnenkrieg hat sich Amerika in einen postapokalyptischen Friedhof verwandelt: Wie fremdgesteuert streifen die Menschen durch ein zerfallendes Land. Und während die alte Welt stirbt, erhebt sich etwas Neues aus den Ruinen, das noch keinen Namen hat.

Mitten durch das Chaos bahnt sich eine junge Frau mit ihrem Roboter einen Weg nach Westen. Auf der Suche nach ihrem Bruder unternimmt sie eine einsame Reise durch die Überreste unserer Zivilisation.

REZENSION:

THE ELECTRIC STATE von Simon Stålenhag war nicht wirklich im Fokus meiner zu lesenden Bücher. Interessanterweise fand es dennoch seinen Weg in meine Hände und ich entschied mich, diesem Werk ebenfalls eine Chance zu geben. Das Buch selbst ist im Großformat und ein illustrierter, dystopischer Roman. Mit seinen gerade mal ungefähr 140 Seiten wirkt es durch den doch recht üppigen Preis etwas teuer – da man aber einen Bildband in Händen hält, relativiert sich dieses Gefühl sogleich. Bereits beim anfänglichen Durchblättern lässt man sich durch die realistisch wirkenden Zeichnungen gefangen nehmen. Beinahe alleine erzählen sie die düstere Geschichte der jungen Frau und ihrem kleinen Roboter auf der Suche nach ihrem Bruder. THE ELECTRIC STATE ist vordergründig nichts weiter als ein nettes Roadmovie, welches vom Inhalt seiner Geschichte allein nichts Besonderes zu sein scheint. Durch den geschickten Wechsel von Bild und Text entsteht jedoch ein sehr ergreifendes und tiefgründiges Werk, welches zu überraschen weiß und den Blick auf jeder Seite für längere Zeit haften lässt. Auch im Nachgang lässt sich dieses Werk immer wieder hervorholen und wie ein echter fotografischer Bildband lässt man hierin jede Zeichnung einzeln auf sich wirken und zart jede in ihm befindliche Geschichte auferstehen.
Ein Buch für Sammler und Kenner und ein Buch, welches für ein wenig Abwechslung im phantastischen Genre sorgen kann. Meines Wissens gibt es noch weitere Bände dieses künstlerisch ambitionierten Zeichners/Autors und es hat wohl auch bereits Netflix für erste Umsetzungen in filmischer Form gesorgt.
Absolut interessant, wie eine Mischung aus Graphic Novel und Roman funktionieren kann und eine Geschichte auf eine neue sinnliche Ebene heben kann.
Jürgen Seibold/12.04.2020

Michael Dissieux: Richtung Nirgendwo – Melodys Song

©2020 by KOVD Verlag, Herne
ISBN 978-3-96698-607-6
ca. 383 Seiten

COVER:

Drei Jahre war ich unterwegs gewesen, immer auf der Suche nach dem letzten Überlebenden. Ich kam durch Dörfer, die keine Namen mehr trugen, und Städte, die so still wie ein Friedhof waren. Ich begann zu trinken, um die Dämonen zu vertreiben, schrie, um eine menschliche Stimme zu hören und weinte, wenn meine tote Tochter in den Nächten zu mir kam. Drei Jahre blieb ich alleine. Dann sah ich den Rauch am Horizont …

REZENSION:

Michael Dissieux hatte sich spätestens durch seine dystopische Reihe „Graues Land“ in diesem Genre einen nicht gerade unerheblichen Namen gemacht. Eine kurze Suche auf meinem Blog zeigte mir, dass seit meiner letzten Rezension zu einem seiner Titel bereits sagenhafte 7 Jahre vergangen sind und auch das mit Michael Dissieux durchgeführte Interview im Podcast fand bereits im Oktober 2014 statt.
Nun ist mir durch Zufall in den sozialen Medien eine dezente Werbung zu seinem neuesten Werk mit dem Titel „Richtung Nirgendwo – Melodys Song“ aufgefallen. Ein klein wenig ging ich mit mir ins Gericht, da ich kurz das Gefühl hatte, hier fällt einem Autor nichts Neues ein und somit versucht er sich erneut an einer Variante eines dystopischen Romans.
Dem gegenüber stand jedoch meine damalige Meinung zu Michael Dissieux – war er doch in meinen Augen ein sehr einfühlsamer, geschickt zu erzählen wissender und somit begnadeter Schriftsteller. Erfreulicherweise konnte mich dieser Aspekt überzeugen und ich wagte es, meinen Blick in dieses Werk zu werfen.
Auch hier offenbart Dissieux eine postapokalyptische Welt. Die Menschheit ist schlicht nicht mehr vorhanden und wir begleiten als Leser den in der Ich-Form erzählenden, lange Zeit namenlosen Hauptdarsteller auf seiner dreijährigen Reise durch die Staaten.
Unglaublich schnell verliert man sich in dieser Geschichte und selbst bei den kurzen Lesepausen denkt man darüber nach, wie man selbst vorgehen würde, wäre man urplötzlich der vermeintlich letzte Mensch auf diesem Planeten.
Michael Dissieux lässt viele Fragen der eigentlichen Apokalypse unbeantwortet – und wenn ich ehrlich bin, tut das dieser Geschichte auch richtig gut. Man kann sich selbst seine Gedanken darüber machen, um dann jedoch gleich feststellen zu müssen, dass es absolut irrelevant ist und man als letzter Überlebender ganz andere Sorgen mit sich zu tragen hat.
„Richtung Nirgendwo – Melodys Song“ ist ein sehr melancholisch erzählter Roman und bedient sich stark den Gedanken des Protagonisten mit allen seinen positiven und negativen Eigenschaften. Interessanterweise war dies auch der hauptsächliche Grund, warum ich mich für dieses Buch entschieden habe, bin ich doch aktuell eher auf der Suche nach dem Besonderen und ein weiteres dystopisches Werk mit herumlungernden und mordenden Gegnern hätte mich trotz der eventuellen Action sicher nicht mehr begeistern können. Im Gegenzug dazu konnte mich dieses Buch rundherum begeistern und ich ziehe meinen Hut vor der aufkommenden Kraft zwischen den Umschlägen.
Anfangs dachte ich noch in Kategorien, die dafür sorgten, dass meine gedankliche Vorhersage die typischen Wege dieses Genres einschlug – Michael Dissieux schiebt diese jedoch wie einen zarten Vorhang mit Leichtigkeit zur Seite und lässt uns nicht nur weiterhin nachdenklich sondern auch mit offenem Mund zurück.
„Richtung Nirgendwo – Melodys Song“ ist endlich ein Roman in diesem Genre, der es nebenbei auch noch schafft, dass man sich als Leser tiefgehende Gedanken über das Leben an sich macht und wer zum Ende dieses Werkes unberührt bleibt, der sollte sich Gedanken über seine eigene Psyche machen.
Ein absolut überraschendes Endzeit-Drama, wundervoll erzählt und in seiner Gänze ein Meisterwerk.
Jürgen Seibold/06.04.2020

Aliette de Bodard: Das Haus der gebrochenen Schwingen

Originaltitel: The House of Shattered Wings
Aus dem Englischen von Simon Weinert
Deutsche Erstausgabe August 2017
© 2015 Aliette de Bodard
© 2017 der deutschsprachigen Ausgabe Knaur Verlag, München
ISBN 978-3-426-51986-8
ca. 478 Seiten

COVER:

“Alles, was dir lieb und wert ist, wird zerschmettert; alles, was du erbaut hast, wird zu Staub zerfallen; alles, was du gesammelt hast, wird der Sturm davontragen …”

Paris liegt in Trümmern. Menschen, Magier und gefallene Engel kämpfen um die Herrschaft über die zerstörte Stadt. Silberspitzen, einst das mächtigste magische Haus der Stadt, steht vor dem Untergang. Von seinem Anführer Luzifer Morgenstern fehlt jede Spur, und ein tödlicher Fluch fordert immer mehr Opfer unter seinen Anhängern. Drei Außenseiter könnten die Rettung sein: der gefangene Magier Philippe, die junge Gefallene Isabelle und die Alchemistin Madeleine, die abhängig ist von einer zerstörerischen magischen Droge. Doch mit ihrem Wissen könnten die drei Haus Silberspitzen auch endgültig zu Fall bringen …

REZENSION:

Wenn man sich das Cover dieses Buches durchliest, fühlt man sich als Freund guter fantastischer Literatur wie ein Mensch, der seit Wochen nichts gegessen hat und dem nun im Angesicht seiner Leibspeise das Wasser im Munde zusammenläuft.
Hinzu kommt eine Vielzahl an außerordentlich namhaften Auszeichnungen. Was kann man als Leser da einfach mehr erwarten?
Dementsprechend freudestrahlend widmete ich mich diesem Buch und hoffte auf eine nicht enden wollende fantastische Unterhaltung mit einem Plot, der es in sich hat.
Nun, vielleicht bin ich zu anspruchsvoll oder erwartete einfach etwas anderes. In meinen Augen soll eine Geschichte aber grundsätzlich den Leser nicht nur mit einer interessanten Idee überzeugen, sondern diese auch in aller bildlichen Pracht und voller Spannung dem Leser vor Augen führen. Wenn man dann auch noch mit offenem Mund den Blick nicht mehr von den Seiten abwenden kann, hat es ein Autor geschafft und seinen Leser an die Hand genommen.
Tja, all dies schafft leider “Das Haus der gebrochenen Schwingen” trotz der unglaublich interessant klingenden Idee auf keiner Seite – beziehungsweise auf keiner Seite, bis ich das Werk nach wohlwollenden 120 Seiten zur Seite legte, um mich anderen Büchern widmen zu können.
Ich kann nicht nachvollziehen, warum dieses Werk einige namhafte Preise einheimsen konnte – vielleicht ist deren Ansatz ein anderer, als der eines Lesers, der gut geschriebene Geschichten verwendet, um vom normalen Alltag Abstand zu finden.
Vielleicht liegt es an einer holprigen Übersetzung? Dies jedenfalls glaube ich eher nicht und somit liegt es wohl an der Story selbst.
Irgendwie liest man nur von irgendwelchen Personen, die in irgendwelchen ausschweifenden Dialogen von irgendwelchen vergangenen Zeiten labern. Die Sätze dabei sehr oft sehr lang und mit Bindestrichen verknüpft in unermessliche Längen gezogen. Dabei wurde jegliches Auftreten eines kleinen, dezenten Spannungsbogens sofort wieder in die Kiste zurückgerufen. Darüber hinaus sorgte dieser Stil dafür, dass man sich mit absolut keiner Person identifizieren konnte und der eigentliche Handlungsfaden immer wieder verloren ging.
Kurzum gesagt: Ich habe den Inhalt dieses Buches selbst nach 120 Seiten immer noch nicht wirklich verstanden.
Schade, denn die Geschichte hätte unglaublich viel Potenzial zu einer herausragenden Story. Hat jedoch in dieser Ausführung in meinen Augen nicht funktioniert.
Jürgen Seibold/26.08.2017
Das Haus der gebrochenen Schwingen: Roman – KAUFEN BEI AMAZON