Octavia E. Butler: Wilde Saat

Originaltitel: Wild Seed
Aus dem Amerikanischen von Will Platten
©1980 by Octavia E. Butler
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-53489–6
ca. 477 Seiten

COVER:

Doro ist ein Unsterblicher. Er tötet ohne Reue, wenn er von Körper zu Körper springt, um sich selbst am Leben zu erhalten. Er hat vor nichts und niemandem Angst – bis er der Gestaltwandlerin Anyanwu begegnet, die ihre Heilkräfte nutzt, um den Alterungsprozess aufzuhalten. Vom ersten Moment an begehrt Doro Anyanwu, so sehr er sie auch fürchtet, und sein dreihundert Jahre währendes Werben um sie wird das Schicksal der Menschheit für immer verändern. 

REZENSION:

Die leider bereits verstorbene Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler begibt sich im vorliegenden Buch in die Vergangenheit und führt uns in ein kleines afrikanisches Dorf im Jahre 1690. Dieses wird von Sklavenhändlern verwüstet – dieser Vorgang wiederum führt zur Begegnung zweier Unsterblicher, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Zum einen Doro, der skrupellose Menschenverachter, der auf der Suche nach der perfekten Züchtung ist und zum anderen Anyanwu, die das genaue Gegenteil darstellt und sich darüber hinaus ihrer Fähigkeiten noch nicht zur Gänze bewusst ist.
Butler führt uns recht schnell den Wahnsinn des Sklavenhandels und der Ausbeutung von Menschen vor Augen und schlägt eine Lanze für Minderheiten, was absolut erfrischend und auf eine unglaublich intelligente Art und Weise erzählt ist.
WILDE SAAT ist dabei keineswegs Science-Fiction, sondern eher eine Mischung aus Fantasy, historischer Fiktion und einem Hauch Horror unter Verwendung einer Art Vampirismus. Sie fügt dem Ganzen Sklaverei, Rassismus, Feminismus hinzu und entwickelt dabei einen rundum interessanten Plot, der eher Philosophisch denn zur reinen Unterhaltung betrachtet werden muss.
Teilweise fragte ich mich, wohin Butler ihren Leser führen mag und begann vielfältige Ideen zu entwicklen. Interessanterweise treibt einen die Geschichte auf komplett neue Pfade, denen man sich trotz fehlenden Spannungselementen oder anderen typischen Mitteln schlicht nicht entziehen kann.
Die beiden Unsterblichen führen einen ruhigen, jedoch intensiven Kampf – gefüttert mit einer gewissen Art von Liebe, die beiden ihre Unterschiede zeigt und dennoch immer wieder zu einander führt. Dabei vergehen Jahrhunderte, die von Menschenliebe ebenso strotzen wie vom Gegenteil, gepaart mit dem Wunsch Doros, eine Art „Übermensch“ zu züchten. Doro geht dabei über Leichen und man erkennt deutlich, dass er nicht wirklich viel von der sterblichen Menschheit hält. Während Doro ausbeuterisch unterwegs its, zeigt sich Anyanwu als fürsorgliche Heilerin, die nach und nach auch Doro zeigt, dass sich auch andere Pfade des Lebens beschreiten lassen.
Octavia E. Butler war mir bis zum Genuss dieses Werkes leider absolut kein Begriff – ihre philosophische und einzigartige Art des Erzählens wird mir unvergessen bleiben und insbesondere durch die sehr kluge Darbietung sollte sie ganz oben auf der Liste herausragender Literatur zum Nachdenken stehen.
Sehr gelungen Umsetzung unter Einbeziehung von Alltags- und Rassismusthemen, die manchem die Augen öffnen können, sofern man sich darauf einzulassen gewillt ist.
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Liu, Cixin: Jenseits der Zeit

Originaltitel: SISHEN YONGSHENG
Aus dem Chinesischen von Karin Betz
Deutsche Erstausgabe 04/2019
©2010 by Cixin Liu
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31766-6
ca. 990 Seiten

COVER:

Mehrere Hundert Jahre sind vergangen, seitdem die Existenz einer fremden Zivilisation im All nachgewiesen wurde. Jahrhunderte, in denen sich die feindliche Flotte der Trisolarier unaufhaltsam der Erde genähert hat. Viele Strategien wurden ersonnen, um dieser übermächtigen Gefahr zu begegnen, so etwa die Operation Wandschauer, bei der vier Auserwählte in vollkommender Abschottung einen Abwehrplan schmieden sollten. Wider jedes Erwarten war diese Strategie erfolgreich – es gelang dem Wandschauer Luo Ji nicht nur, die Trisolarier zu bedrohen, sondern sein Plan bewirkte sogar einen Waffenstillstand. Die Erde schien gerettet.
Ein halbes Jahrhundert später hat sich das Leben auf der Erde völlig verändert. Als Teil des Waffenstillstands war ein kultureller Austausch zwischen Menschen und Trisolariern verabredet worden, und die Hochtechnologie der Außerirdischen hat der Menschheit zu neuem Wohlstand verholfen. Erstmals scheint eine friedliche Koexistenz möglich. Aber der Frieden hat die Menschen unvorsichtig werden lassen. Cheng Xin, eine Raumfahrtingenieurin des 21. Jahrhunderts, wird aus dem Kälteschlaf geweckt, um den greisen Luo Ji als Wächter über das Abkommen mit Trisolaris abzulösen. Doch darauf haben die Trisolarier nur gewartet, und sie schlagen blitzschnell zu. Nun liegt es an Cheng Xin und an einem sterbenskranken jungen Mann, der zu einer geheimen Mission ins All gesandt wurde, die Menschheit aus ihrer größten Krise herauszuführen …

Mit Jenseits der Zeit vollendet Cixin Liu seine preisgekrönte Trisolaris-Trilogie, die eine zukunftsweisende Perspektive auf die Menschheit in den Weiten des Alls eröffnet.

REZENSION:

Jenseits der Zeit ist der abschließende Band der Trisolaris-Trilogie des chinesischen Schriftstellers Cixin Liu. Der erste Band konnte noch sehr gut als eigenständiges Werk fungieren. Spätestens zum zweiten Band mit dem Titel Der dunkle Wald war das Wissen des vorherigen Bandes unbedingt notwendig. In Jenseits der Zeit bleibt einem schlicht nichts anderes übrig, da sonst sämtliche Fäden verknüpfungslos vor des Lesers Augen schweben würden. Interessanterweise wirkt der dritte Band als ob es von einem anderen Autor geschrieben worden wäre, da die Vorgehensweise etwas abweicht. Jenseits der Zeit wirkt oft wie ein Bericht anstatt eines typisch gehaltenen Romans. Nichts desto trotz kann man sich diesem Werk ebenso wenig entziehen, wie den beiden voran gestellten Büchern.
Cixin Liu steht dafür keineswegs für das Darbieten eines spannungsgeladenen Science-Fiction-Romans voll epischer Schlachten – nein, Liu steht für tiefgründige, philosophische Gedanken und spannt mit seinen drei Büchern einen zeitlichen Bogen über mehrere Milliarden Jahren ohne dabei jeglichen Faden zu verlieren.
Da der Autor sein Werk in der nicht gerade einfach zu nennenden chinesischen Sprache geschrieben hatte, möchte ich sogleich meinen Hut vor der genialen Übersetzung und somit vor der Übersetzerin ziehen: Dieses Mammutwerk war sicher nicht einfach und dabei ist es ihr sogar gelungen, dieses schwierig zu fassende Thema absolut eingängig in der übersetzten Version dar zu legen. Perfekt.
Die Gegebenheiten in Lius Roman sind gespickt mit physikalischen Ausflügen, deren tieferer Sinn beziehungsweise Wahrheitsgehalt von mir nicht wahrgenommen oder überprüft werden kann. Da es sich um eine Geschichte handelt, nehme ich dies alles einfach als gegeben hin und widmete mich rein der Geschichte. Teilweise war es fast schon ein wenig zu viel der technischen und physikalischen Erklärung, wodurch auch einige Seiten weniger bestimmt nicht geschadet hätten. Davon abgesehen schaffte es Cixin Liu dabei jedoch immer wieder, exakt zum perfekten Augenblick seinen Fokus zurück auf die eigentliche Story zu legen, wodurch niemals Langeweile aufkam.
Freunde der gepflegten Spannung in detaillierter Darbietung können eventuell noch Gefallen am ersten Buch mit dem Titel Die drei Sonnen finden – alle weiteren Werke lassen Spannungsspitzen nicht wirklich aufkommen, leben eher von ihrer unglaublich weitläufig ausgebreiteten Philosophie.
Allein die Benutzung eines Märchens als zukünftiger Wegweiser der Menschheit ist herausragend – gleichzeitig war dieses Märchen bereits interessant genug, um eine eigene Veröffentlichung bekommen zu können.
Jenseits der Zeit ist somit ein rundum gelungener Abschluss einer anspruchsvollen, hochwertigen, philosophischen und zum Nachdenken führenden Trilogie. Ein absoluter Höhepunkt des Genres für Freunde anspruchsvoller Literatur.
Jürgen Seibold/26.12.2019