Connie Willis: Die Jahre des schwarzen Todes

willis_schwarzenTodesOriginaltitel: Doomsday Book
Übersetzung von Walter Brumm
Überarbeitete Neuausgabe 12/2011
© 1992 by Connie Willis
© 2011 der überarbeiteten Neuausgabe by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München
eISBN 9783641074890
ca. 784 Seiten

COVER:

Es sollte das größte Abenteuer ihres Lebens werden: Die junge Kivrin wird aus dem Jahr 2054 ins mittelalterliche England geschickt. Doch bei der Übertragung kommt es zu Problemen, und so landet die Geschichtsstudentin nicht wie geplant im Jahr 1320, sondern im Jahr 1348 – dem Todesjahr, in dem die Pest England entvölkerte. Und eine Rückkehr in die Zukunft scheint unmöglich zu sein …

REZENSION:

Wir befinden uns im Jahre 2054 und es besteht die Möglichkeit der Zeitreisen. Verwendet werden diese jedoch ausschließlich zur historischen Forschung. Mit Hilfe dieser Möglichkeit werden Historiker in unterschiedliche Zeiten geschickt, um direkt vor Ort ihre Feldforschung vornehmen zu können.
Das Mittelalter ist dabei jedoch noch nicht berücksichtigt worden, da diese Epoche für den Zeitreisenden als zu gefährlich eingestuft worden ist. Doch auch in dieser Universität gibt es diverse Machtkämpfe und so nutzt der stellvertretende Dekan Mr. Gilchrist die Abwesenheit seines Vorgesetzten, um seine Studentin Kivrin eben doch in die dunkle Zeit des Jahres 1320 zu senden. Dem gegenüber steht ihr Mentor, Mr. Dunworthy, der die schützende Hand auf Kevrin legt und sich dagegen ausspricht.
Die Reise findet natürlich trotz aller Vorbehalte statt und dabei geschieht ein fataler Fehler: Kivrin landet nicht im geplanten 1320 sondern im Jahre 1348. Grundsätzlich wäre das wohl kein großer Lapsus, wäre das nicht exakt die Zeit, in der sich die Pest ausbreitet und dabei die halbe Bevölkerung Europas zu Tode kommen lässt.
Nebenbei erwähnt ist Kivrin von einem Virus befallen worden und landet bewusstlos in besagtem Jahr des Mittelalters. Sie wird dabei von jemandem gefunden und zu einem Landsitz verbracht.
Man kümmert sich dort sehr gut um sie, jedoch weiß sie durch ihre Bewusstlosigkeit ihren Ankunftsort nicht mehr – benötigt diesen aber zu einer bestimmten Zeit, um wieder vom „Netz“ zurückgeholt werden können.
Kivrin versucht sich nun erst einmal zurecht zu finden und geht dabei noch lange davon aus, im ursprünglich geplanten Jahr zu sein.
Während sie sich im Mittelalter befindet plagt sich ihr Mentor mit ganz anderen Problemen: Er möchte Kivrin so schnell wie möglich zurückholen, wird dabei aber nicht nur von Mr. Gilchrist angehalten sondern auch noch von einem plötzlich aufgetretenen Virus, der zur Folge hatte, dass die gesamte Stadt unter Quarantäne gestellt worden ist…
Connie Willis Roman ist durch diese beiden zeitlichen Ebenen etwas zwiespältig in meiner Betrachtungsweise. Sämtliche Begebenheiten im Mittelalter fesselten mich ungemein und ich war jedesmal froh, wenn in ihrem Werk ein Kapitel in der Zukunft von einem in der Vergangenheit abgelöst worden ist. Die Geschehnisse bei Kivrin waren sehr detailliert beschrieben und scheinen bis auf wenige Ausnahmen auch durchweg historisch korrekt dargestellt zu sein. Man liest hier von einem ehrlichen und dreckigen Mittelalter ohne jegliche Beschönigung oder Romantik. Das Jahr 1348 ist dreckig und düster. Gleichzeitig vollgestopft mit Vorurteilen, Meinungen bis hin zum religiösen Wahn. Connie Willis kommt dabei gänzlich ohne die typischen mittelalterlichen Themen wie zum Beispiel Ritter, Turniere, Burgen etc. aus – nein, wir befinden uns immer in dem kleinen Dorf und lernen die dort befindlichen Personen im Detail kennen.
Dieser Bereich ist absolut fesselnd und berührend. Jedes einzelne Wort kann man fast als so geschehen hinnehmen und es hat mir wirklich jeder einzelne Part darin gefallen.
Im Umkehrschluss jedoch der andere, sich mit den Mittelalter-Kapiteln abwechselnde Part: die Geschehnisse in der Zukunft: Rasant und leicht zu lesen, jedoch wirkt das alles sehr stark konstruiert. Los geht es dabei mit dem plötzlichen Virus, bei dem ich noch ein Auge zudrücken konnte – aber, dass Mr. Dunworthy gefühlte tausendmal durch ein Besetztzeichen am Telefon ausgebremst worden ist, strengte dann doch sehr an. Die „Hatz“ Dunworthys ließ sich zwar leicht und sehr eingängig lesen, die Kraft des Buches liegt jedoch im Mittelalter. Nichts desto trotz ist die Genreverknüpfung im Großen und Ganzen sehr gut gelungen. Fans des SF-Genres werden zwar wenig technisch Originelles finden, da das Jahr 2054 – bis auf die Möglichkeit der Zeitreisen – sehr stark unserem ähnelt. Durch Verwendung von Smartphones wirkt unser aktuelles Jahr sogar moderner. Technische Details des Genres hat sich die Autorin sogleich komplett gespart, was ich positiv fand, manchen Fan des Genres aber wohl nicht ausreichend sein dürfte. Fans des Historik-Genres können mit diesem Buch ganz sachte an das SF-Genre zugeführt werden. Selbst wenn ihnen dieser Teil nicht gefallen sollte: Die Erlebnisse Kivrins werden das wieder wettmachen.
Alles in allem ein schöner Brückenschlag zwischen zwei sehr weit auseinander stehenden Genreabgrenzungen, mit einem sehr detailliertem, pestgeladenen Mittelalter und einem etwas arg konstruiertem Ursprung in der Zukunft. „Die Jahre des schwarzen Todes“ hat aber in seiner Gänze trotzdem außerordentlich gut funktioniert, mich unterhalten und dabei mit wenigen Abstrichen durchweg überzeugt.
Jürgen Seibold/30.08.2016
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