Jon Savage: Sengendes Licht, die Sonne und alles andere

Originaltitel: This Searing Light, The Sun And Everything Else. Joy Division – The Oral History
Aus dem Englischen von Conny Lösch
©2019 by Jon Savage
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27251-4
ca. 383 Seiten

COVER:

„WIR WOLLTEN BLOSS ETWAS ERSCHAFFEN, DASS SICH GUT ANHÖRTE UND UNSERE GEFÜHLE AUSDRÜCKTE. AN SO ETWAS WIE EINE KARRIERE HABEN WIR GAR NICHT GEDACHT. ES GAB KEINEN PLAN.“
Bernard Sumner

JOY DIVISION tauchten Mitte der Siebzigerjahre in Manchester auf und sorgten zusammen mit dem Label Factory dafür, dass die graue Industriestadt in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Bis heute gelten sie als einflussreichste Protagonisten des Post-Punk und Bezugspunkt für nachfolgende Entwicklungen wie Gothic Rock, Dark Wave oder Indie-Rock. Obwohl die Band nur zwei offizielle Studioalben aufnahm, sorgten diese und einige legendenumwitterte Liveauftritte dafür, dass Joys Division zur aufregendsten Undergroundband ihrer Zeit aufstiegen. Doch kurz vor der ersten großen Amerika-Tour nahm sich Sänger Ian Curtis das Leben.

In SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE hat Jon Savage Interviews mit zentralen Figuren der Joy-Division-Geschichte aus dem letzten dreißig Jahren zu einer Oral History zusammengestellt, darunter Bernard Sumner, Peter Hook, Stephen Morris, Deborah Curtis, Paul Morley, Tony Wilson, Terry Mason, Rob Gretton und Martin Hannett. Es ist die Erzählung einer Band, die das Bild einer ganzen Stadt bestimmte, wie diese Band auf ungewöhnliche Art zusammenfand, wie ihre Musik eine ganze Generation bewegte, wie jungen Menschen mit elektrischen Gitarren und literarischen Vorlieben die Welt veränderten. Und es ist auch die niederschmetternde Geschichte, wie Krankheit und innere Dämonen einen charismatischen Sänger und visionären Texter dazu brachten, der Welt zu entfliehen.

REZENSION:

Es gibt vereinzelte Bands innerhalb der Musikgeschichte, die bahnbrechend für die weitere Entwicklung der Musikentwicklung waren. Eine dieser Bands ist JOY DIVISION, die Anfang der 80er Jahre unbewusst vom ausklingenden Punk in die darauffolgende Welt der Musik traten. Dabei öffneten sie für nachfolgende Bands musikalische Türen und wurden wegweisend für Dark Wave, Gothic und Alternative. Mit gerade mal zwei offiziellen Studioalben gingen sie in die Musikgeschichte ein und glänzen darin noch heute.
Ihre Musik ist getrieben von einer visionären Kraft, wie man sie nur selten vorfindet – dabei wollten sie nichts weiter als Musik machen, um dem eintönigen Alltag der darbenden Industriestadt Manchester ein wenig zu entfliehen.
In SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE (was für ein genialer Titel!) lässt Jon Savage die Band auf Basis von Erzählungen beteiligter Personen auferstehen.
Am 18. Mai 2020 jährt sich der Todestag des charismatischen Ian Curtis bereits zum 40. Mal und somit wurde es auch wieder Zeit, sich mit dieser Ausnahmeband zu beschäftigen.
SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE ist dabei nicht nur für Fans und Kenner der Musik Joy Divisions eine Offenbarung – nein, ich bin überzeugt, dass der Inhalt auch sehr interessant für Musikliebhaber jeglicher Couleur sein kann, immerhin erzählt es die Geschichte einer Band aus einer Zeit, in der Musik noch für sich selbst funktioniert hatte und der Drang danach nicht nur dem öden Kommerz geschuldet war. Joy Divison machten ihre Musik aus Leidenschaft und nichts weiter. Dass sie dabei etwas Besonderes entwickelten, war ihnen selbst sicherlich überhaupt nicht bewusst. Hier ging es nur um die Jagd nach dem nächsten Auftritt, möge die Location noch so klein sein.
Das Buch deckt auf eine sehr persönliche Art und Weise alles auf, was sich im Umfeld dieser Band zugetragen hatte. Dennoch, die innere Welt Ian Curtis‘ bleibt auch nach Genuss dieses Werkes verborgen und somit ist es weiterhin nur spekulativ, warum sich Ian Curtis zwei Tage vor der Abreise in die Vereinigten Staaten das Leben genommen hat. Sicherlich kämpfte hier ein sehr zerrissener Mensch mit seinen inneren Dämonen und somit bleibt einem auch nichts weiter übrig, als mit unbeantworteten Fragen dem Abgang dieses sagenhaften Menschen zu bedauern. Immerhin bleibt er durch seine Musik am Leben und auch hier sei gesagt, dass diese trotz der bereits vergangenen 40 Jahre weiterhin zeitgemäß ist und wohl noch lange bleiben wird.
Die Zusammenstellung der verschiedenen Stimmen durch Jon Savage wirkt dabei rundum authentisch und man fühlt sich beinahe mitten drin. Insbesondere die Texte des zweiten Albums mit dem Titel „Closer“ erscheinen in einem komplett neuen Licht.
Die letzten, sehr traurigen und intensiven Seiten las ich mit Joy Division als Begleitmusik. Dies sorgte für eine bedrückende Gänsehaut, da man auf der einen Seite Erzählungen über die letzten Tage des mittlerweile wohl manisch-depressiven Ian Curtis liest und gleichzeitig die düsteren Klänge von „Isolation“, „She‘s Lost Control“, „Love Will Tear Us Apart“ und ganz besonders „Atmosphere“ den Raum um einen herum füllen. In dieser Konstellation ein sehr eingängiger, tiefgehender und nachdenklich stimmender Schluss, wie er nur selten beim Genuss eines Buches vorkommt.
Interessanterweise hörte ich während des Schreibens dieser Rezension einen Alternativ-Radiosender an und wie als ganz besonderer Fingerzeig spielten sie beim Beenden dieser Worte von mir ebenfalls ein Werk dieser bahnbrechenden und viel zu kurzlebigen Band.
Als kleines Fazit sei noch angemerkt, dass dieses Buch nicht zu wenig und nicht zu viel verspricht – dabei schlicht und ergreifend den Weg von gleichwertig agierenden Freunden ohne jeglichen Plan zu einer historisch nennenswerten Band offenbart. Perfekt in seiner stringenten Timeline zusammengestellt.
Jürgen Seibold/07.06.2020

HYS102 – tiefgehende Umgebungsbetrachtung

Die neue Podcastfolge:

Zimmermann, Cornelius: Rocking The Forest

©2017 S. Fischer Verlag GmbH
ISBN 978-3-596-29927-0
ca. 364 Seiten

COVER:

Iggy der Wolfmorf ist einer der begnadetsten Forest-Doom-Musiker im ganzen Müützelwald. Klar, dass er mit seiner Band, den Müützel Monotones, beim diesjährigen Rocking the Forest Band Contest unbedingt die „Goldene Dolde“ gewinnen will. Zu dumm nur, dass seine Bandkollegen ihn nur elf Tage vor dem Festival sitzen lassen.
Dem Wolfmorf bleibt nichts anderes übrig, als sich auf eine Odyssee durch den Wald zu begeben, um den erfolgreichsten und legendärsten aller Musikproduzenten zu finden: Blubb die Pfütze. Denn nur er kann Iggy helfen, seinen großen Traum zu verwirklichen. Dabei begegnet er allen möglichen und unmöglichen Wesen und zu allem Überfluss auch noch der allerschönsten und wunderbarsten Wolfmörfin der Welt, die ihm völlig den Kopf verdreht …

REZENSION:

Die grundsätzliche Idee von Cornelius Zimmermann sorgte dafür, dass ich mich unbedingt diesem Werk widmen wollte. Der Verweis auf dem Buch, dass dieses Werk gut für Terry-Pratchett-Leser geeignet ist, erhöhte diesen Wunsch nur noch – sorgte aber natürlich auch für das Auftreten gewisser Erwartungen.
Bereits zu Beginn sorgt der Autor für einige Schmunzeleien während dem Lesen. Der unfreiwillige Abgang Iggys aus dem Proberaum bzw. –baum gefiel mir außerordentlich gut und war witzig als auch nachvollziehbar erzählt.
Die eingestreuten Fußnoten des Autors entsprechen dem oben genannten Vorbild. Gleichzeitig weiß man spätestens dann, dass es hier nicht um einen literarischen Höhepunkt gehen soll, sondern ausschließlich um eine humoristisch erzählte Geschichte.
Die weiteren Seiten – Iggy auf dem Weg – sorgten aber leider dafür, dass ich mich letztendlich doch dazu entscheiden musste, die weitere Lektüre aufzugeben. Ich bin mir aber immer noch nicht ganz sicher, woran das lag, glaube aber, dass ich entweder nicht zur expliziten Zielgruppe gehöre oder andere Gründe dafür ausschlaggeben waren. Hier fällt mir zum Beispiel die nach und nach auftretende Langatmigkeit ein – ebenso wie eine fehlende Spannung, die man aber durch einen konsequenten und strikten Vorwärts-Antrieb innerhalb der Story beheben könnte. Irgendwas hatte mir einfach gefehlt, um mich weiterhin auf Iggys Weg einzulassen.
Sicher, der Schreibstil ist absolut gelungen, Iggy als Figur durchweg sympathisch und man findet immer wieder einen Grund für ein Hochziehen der Mundwinkel – aber: ich verlor schlichtweg den persönlichen Halt an einer vorwärtstreibenden Handlung und somit an der Story selbst.
Das persönliche und notwendige Eintauchen in die Geschichte wollte einfach nicht gelingen.
Schade, da es viel mehr solcher Romane geben sollte und die grundsätzliche Idee doch recht witzig ist.
Jürgen Seibold/27.07.2018

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