Liu, Cixin: Jenseits der Zeit

Originaltitel: SISHEN YONGSHENG
Aus dem Chinesischen von Karin Betz
Deutsche Erstausgabe 04/2019
©2010 by Cixin Liu
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31766-6
ca. 990 Seiten

COVER:

Mehrere Hundert Jahre sind vergangen, seitdem die Existenz einer fremden Zivilisation im All nachgewiesen wurde. Jahrhunderte, in denen sich die feindliche Flotte der Trisolarier unaufhaltsam der Erde genähert hat. Viele Strategien wurden ersonnen, um dieser übermächtigen Gefahr zu begegnen, so etwa die Operation Wandschauer, bei der vier Auserwählte in vollkommender Abschottung einen Abwehrplan schmieden sollten. Wider jedes Erwarten war diese Strategie erfolgreich – es gelang dem Wandschauer Luo Ji nicht nur, die Trisolarier zu bedrohen, sondern sein Plan bewirkte sogar einen Waffenstillstand. Die Erde schien gerettet.
Ein halbes Jahrhundert später hat sich das Leben auf der Erde völlig verändert. Als Teil des Waffenstillstands war ein kultureller Austausch zwischen Menschen und Trisolariern verabredet worden, und die Hochtechnologie der Außerirdischen hat der Menschheit zu neuem Wohlstand verholfen. Erstmals scheint eine friedliche Koexistenz möglich. Aber der Frieden hat die Menschen unvorsichtig werden lassen. Cheng Xin, eine Raumfahrtingenieurin des 21. Jahrhunderts, wird aus dem Kälteschlaf geweckt, um den greisen Luo Ji als Wächter über das Abkommen mit Trisolaris abzulösen. Doch darauf haben die Trisolarier nur gewartet, und sie schlagen blitzschnell zu. Nun liegt es an Cheng Xin und an einem sterbenskranken jungen Mann, der zu einer geheimen Mission ins All gesandt wurde, die Menschheit aus ihrer größten Krise herauszuführen …

Mit Jenseits der Zeit vollendet Cixin Liu seine preisgekrönte Trisolaris-Trilogie, die eine zukunftsweisende Perspektive auf die Menschheit in den Weiten des Alls eröffnet.

REZENSION:

Jenseits der Zeit ist der abschließende Band der Trisolaris-Trilogie des chinesischen Schriftstellers Cixin Liu. Der erste Band konnte noch sehr gut als eigenständiges Werk fungieren. Spätestens zum zweiten Band mit dem Titel Der dunkle Wald war das Wissen des vorherigen Bandes unbedingt notwendig. In Jenseits der Zeit bleibt einem schlicht nichts anderes übrig, da sonst sämtliche Fäden verknüpfungslos vor des Lesers Augen schweben würden. Interessanterweise wirkt der dritte Band als ob es von einem anderen Autor geschrieben worden wäre, da die Vorgehensweise etwas abweicht. Jenseits der Zeit wirkt oft wie ein Bericht anstatt eines typisch gehaltenen Romans. Nichts desto trotz kann man sich diesem Werk ebenso wenig entziehen, wie den beiden voran gestellten Büchern.
Cixin Liu steht dafür keineswegs für das Darbieten eines spannungsgeladenen Science-Fiction-Romans voll epischer Schlachten – nein, Liu steht für tiefgründige, philosophische Gedanken und spannt mit seinen drei Büchern einen zeitlichen Bogen über mehrere Milliarden Jahren ohne dabei jeglichen Faden zu verlieren.
Da der Autor sein Werk in der nicht gerade einfach zu nennenden chinesischen Sprache geschrieben hatte, möchte ich sogleich meinen Hut vor der genialen Übersetzung und somit vor der Übersetzerin ziehen: Dieses Mammutwerk war sicher nicht einfach und dabei ist es ihr sogar gelungen, dieses schwierig zu fassende Thema absolut eingängig in der übersetzten Version dar zu legen. Perfekt.
Die Gegebenheiten in Lius Roman sind gespickt mit physikalischen Ausflügen, deren tieferer Sinn beziehungsweise Wahrheitsgehalt von mir nicht wahrgenommen oder überprüft werden kann. Da es sich um eine Geschichte handelt, nehme ich dies alles einfach als gegeben hin und widmete mich rein der Geschichte. Teilweise war es fast schon ein wenig zu viel der technischen und physikalischen Erklärung, wodurch auch einige Seiten weniger bestimmt nicht geschadet hätten. Davon abgesehen schaffte es Cixin Liu dabei jedoch immer wieder, exakt zum perfekten Augenblick seinen Fokus zurück auf die eigentliche Story zu legen, wodurch niemals Langeweile aufkam.
Freunde der gepflegten Spannung in detaillierter Darbietung können eventuell noch Gefallen am ersten Buch mit dem Titel Die drei Sonnen finden – alle weiteren Werke lassen Spannungsspitzen nicht wirklich aufkommen, leben eher von ihrer unglaublich weitläufig ausgebreiteten Philosophie.
Allein die Benutzung eines Märchens als zukünftiger Wegweiser der Menschheit ist herausragend – gleichzeitig war dieses Märchen bereits interessant genug, um eine eigene Veröffentlichung bekommen zu können.
Jenseits der Zeit ist somit ein rundum gelungener Abschluss einer anspruchsvollen, hochwertigen, philosophischen und zum Nachdenken führenden Trilogie. Ein absoluter Höhepunkt des Genres für Freunde anspruchsvoller Literatur.
Jürgen Seibold/26.12.2019

Liu, Cixin: Der dunkle Wald

Originaltitel: Heian Senlin
Aus dem Chinesischen von Karin Betz
Deutsche Erstausgabe 04/2018
©2008 by Liu Cixin
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31765-9
ca. 815 Seiten

COVER:

Seit die Astrophysikerin Ye Wenjie vor einigen Jahrzehnten Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation hergestellt hat, ist die Welt in Aufruhr. Die Trisolarier, benannt nach ihrem Planeten, der um drei Sonnen kreist, sind mit einer Invasionsflotte in Richtung Erde gestartet. Nichts kann sie aufhalten, haben sie doch bereits künstliche Partikel zur Erde gesandt, die die physikalischen Vorgänge auf der ganzen Welt manipulieren und die Ankunft der Fremden in vierhundert Jahren vorbereiten sollen. In dieser verzweifelten Situation beschließen die Vereinten Nationen, ein besonderes Abwehrprogramm ins Leben zu rufen: die sogenannten „Wandschauer“. Vier Auserwählte erhalten den Auftrag, unabhängig voneinander und unter größter Geheimhaltung Pläne zur Abwehr der trisolarischen Flotte zu entwickeln. Drei von ihnen sind berühmte Wissenschaftler und Politiker, der Vierte aber ist ein völlig Unbekannter.

Als Astronom und Soziologe hat Luo Ji nicht viel erreicht. Als er eines Tages eine Einladung zur Vollversammlung der Vereinten Nationen erhält und bei der Bekanntgabe des Abwehrprogramms auch noch auf das Podium gerufen wird, versteht er die Welt nicht mehr. Er soll der vierte Wandschauer sein? Von diesem Tag an nimmt sein Leben eine völlig neue Bahn. Und schon bald muss Luo Ji feststellen, dass er der einzige Wandschauer ist, den die Trisolarier um jeden Preis tot sehen wollen. Denn sein Plan ist anders als alles, was die Menschheit je zuvor unternommen hat.

REZENSION:

„Der dunkle Wald“ ist die Fortsetzung von „Die drei Sonnen“ und gleichzeitig der zweite Band der Trisolaris-Trilogie.
Bereits der erste Band konnte mich mit einer sehr anspruchsvollen und interessant angelegten Geschichte uneingeschränkt überzeugen. Nun also der zweite Wurf des chinesischen Autors Cixin Liu.
Interessanterweise spielt „Der dunkle Wald“ einige Jahrzehnte später als sein Vorgänger. Vor diesem Hintergrund funktioniert das gesamte Buch als alleinstehendes Werk und es ist nicht unbedingt notwendig, den Vorgänger zu kennen. Selbstverständlich möchte ich diesen aber nicht missen…
Nun sind die Trisolarier also auf dem Weg und möchten uns schlicht und einfach von unserem Planeten tilgen. Auch die Trisolarier können sich nicht auf einfachstem Weg irgendwie in unser System beamen und somit dauert ihr Eroberungsfeldzug auch ganze 400 Jahre, bis sie in Eroberungsentferung kommen. Stephen Hawking warnte bereits vor Außerirdischen, die auf dem Weg zu uns sind – denn wenn jemand dazu in der Lage ist, dann ist er auch technisch auf einer ganz anderen Ebene als wir. Dementsprechend kopflos agiert auch die Menschheit und Cixin Liu geht detailliert darauf ein. Man erkennt sehr schön sein Gedankenbild und sein kritischer Blick auf nahezu jegliche Regierungsform auf unserem blauen Planeten. Der im Buch auftretende Frust ist absolut nachvollziehbar: Regierungen denken meist nur in Legislaturperioden und nun ist eine Gefahr auf dem Weg, die erst in vierhundert Jahren zur echten Gefahr wird?
Liu geht aber nicht nur auf diesen Umstand ein. Wie bereits im ersten Band ist er ein begnadeter Philosoph und führt auch im vorliegenden Buch Ideen und Lösungen ein, mit denen man schlichtweg nicht rechnet, aber in ihrem Ergebnis wirksam und nachvollziehbar funktionieren.
„Der dunkle Wald“ ist gespickt mit tiefgehenden Elementen, tiefgründenden Ideen, unterschiedlichen Gedankenbildern und eine gehörige Portion Kritik an bestehenden Systemen. Ein absolut unglaublicher Science-Fiction-Roman der in seiner Erzählweise keine leichte Kost darstellt, dafür den Leser mit einer rundum durchdachten und hochwertigen Geschichte überzeugen und somit auf hohem Niveau unterhalten kann. Ein absolutes Highlight für den gehobenen Anspruch. Ein Werk zum Mitdenken – es bietet dabei eine Vielzahl an Gedankenbildern, die den Leser auch nach dem letzten Buchstaben noch grübeln lassen. Eine absolute Empfehlung des Genres und ein erneuter Appetizer zum abschließenden Band.
Jürgen Seibold/10.03.2019