Agatha Christie: Und dann gab’s keines mehr

christie_keinesOriginaltitel: And Then There Were None
Aus dem Englischen von Sabine Deitmer
© 1939 by Agatha Christie
Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2014 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
ISBN 978-3-455-17024-5

COVER:

Zehn Männer und Frauen aus ganz unterschiedlichen Kreisen bekommen eine Einladung, die sie auf eine abgeschiedene Insel vor der Küste Devons lockt. Der Gastgeber, ein gewisser U. N. Owen, bleibt unsichtbar. Erst als die Gesellschaft beim Dinner zusammensitzt, ertönt seine Stimme aus einem alten Grammophon und verheißt Unheil. Ein Gast nach dem anderen kommt zu Tode, während die Verbleibenden verzweifelt versuchen, den Mörder zu enttarnen …

REZENSION:

Agatha Christie ist sicher immer noch eine unangefochtene Königin des Krimi-Genres und nachdem ich vor vielen Jahren diese berühmte Geschichte – basierend auf dem Zählreim “Zehn kleine Negerlein” – schon mehrmals als S/W-Film als sehr interessant empfunden hatte, entschloss ich mich eines Tages zum Lesen dieses Klassikers.
Prinzipiell ist die Geschichte recht einfach aufgebaut: Sie beinhaltet 10 Protagonisten, aus unterschiedlichen Kreisen zusammen gewürfelt und doch irgendwie mit losen Fäden verbunden. Diese werden mit verschiedenen Argumenten auf eine abgeschiedene Insel gelockt. Nach und nach reduziert sich die Zahl der Gäste und somit bleibt den jeweils verbliebenen nichts weiter übrig, als im Angesicht des eigenen Todes den Mörder zu finden.
Und dann gab’s keines mehr ist eine recht kurze Geschichte der Autorin, nichts desto trotz fiebert man mit und fragt sich, wer das nächste Opfer sein wird und wer von ihnen wohl der Mörder ist.
Für eine bereits im Jahre 1939 entstandene Geschichte funktioniert sie heute noch immer erstaunlich gut und es macht eine wahre Freude, die Gäste auf Nigger Island gedanklich zu begleiten.
Mit dem Blick der heutigen Zeit merkt man sehr deutlich den Einfluss der Autorin auf aktuellere Geschichten – bis hin in das Horrorgenre, in dem auch des öfteren diverse Gruppen nach und nach dezimiert werden.
Alles in allem kann man dieses Buch trotz seines hohen Alters uneingeschränkt empfehlen, da es durchweg immer noch funktioniert und einen wahren Klassiker des Genres darstellt.
Als einzigen Negativpunkt nahm ich das Vorwort des Verlages wahr, in dem sie darauf hinweisen, dass in diesem Werk – aus heutiger Sicht – diskriminierende Wörter (das N-Wort) vorkommen, der Verlag es aber zu Gunsten der Geschichte nicht ändern wollte.
Es ist erfreulich, dass der Verlag keine Änderungen an diesen Wörtern vorgenommen hat, würde doch dabei der ganze Plot darunter leiden. Gleichzeitig finde ich es aber erschreckend, dass man sich darüber zumindest Gedanken macht und wohl den Versuch startete, das Werk auf die heutige Correctness ab zu ändern. Diese Diskussion kann man in vielen Fällen diskutieren, hat man jedoch das Entstehungsdatum vor Augen, entspricht es einfach einer anderen Zeit und Gedankenwelt und unter diesen Umständen handelt es sich um ein Kulturgut, welches – wie bei allen anderen auch – nicht geändert werden sollte.
Wenn ein Autor Geschichten aus vergangenen Zeiten erzählt oder gar – wie Agatha Christie – in einer anderen Zeit ihre Geschichten schrieb, dann kann man eventuell kurz auf das Entstehungsdatum hinweisen oder auf den historischen Sprachgebrauch, man sollte aber tunlichst Änderungen vermeiden, da wir sonst in Zukunft nur noch politisch korrekte Geschichten zu lesen imstande sein werden und dabei mehr und mehr den normalen Werdegang der Sprache verlieren werden.
Kurzum: Lasst Literatur einfach so, wie es sich der Autor während seines Schreibprozesses dachte und achtet einfach auf den Inhalt und eventuell noch auf die Entstehungszeit dieser Story. Dann sollten auch keine Diskriminierungsgedanken auftreten. Ich würde mich jedenfalls diskriminiert fühlen, wenn ich nur noch “bereinigte” Geschichten lesen dürfte.
Jürgen Seibold/19.06.2016
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HYS063 – Im Gespräch mit Timo Leibig

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Rita Falk: Zwetschgendatschikomplott

Falk_Zwetschgen©2015 Deutscher Taschenbuchverlag GmbH & Co. KG, München
ISBN 978-3-423-26044-2
ca. 272 Seiten

COVER:

Zuerst war da dieser Damenfinger im Schnabel einer Krähe. Zu dem Finger gehörte dann die Dirndl-Leiche im Schlachthof-Container. Jetzt zwei junge tote Dirndlträgerinnen im Neubaugebiet Freiham. Ein Mordsstress ist das in der Löwengrube. Und das ist noch nicht alles. Nur noch mal so zur Erinnerung: Da haben wir also Burschenabschied gefeiert in Niederkaltenkirchen mit dem Simmerl und dem Flötzinger und dem Wolfi. Und irgendwie hab ich mich sogar ein bisserl gefreut auf die Hochzeit mit der Susi. Jetzt ist es natürlich verdammt schade, dass ich die dann ausgerechnet verschlafen habe. Weil ich saudummerweise nach einem Spaziergang in den frühen Morgenstunden auf so einem blöden Hochsitz eingeschlafen und viel zu spät aufgewacht bin. Die Susi war zuerst stocksauer und dann auch ziemlich schnell auf und davon mit diesem Lamborghini-Deppen. Himmelherrgottnochmal, wie soll man sich denn da auf diese Wiesnmorde konzentrieren, wenn’s privat gerade Kuhfladen schneit?
Drei Wiesnmorde in München, ein Bürgeraufstand in Niederkaltenkirchen – und dann diese verfluchte Sache mit der Susi. Als wär das nicht genug, straft die Oma ihren Franz mit Nichtachtung. Kein leichter Fall diesmal für den Eberhofer Franz. Gut, dass zumindest der Birkenberger Rudi zu ihm hält.

REZENSION:

Als treuer Leser der sehr witzigen und eingängig erzählten Erlebnisse des Franz Eberhofer aus dem kleinen und beschaulichen Dörfchen Niederkaltenkirchen in Niederbayern, freute ich mich natürlich schon sehr auf eine Fortsetzung der berühmt gewordenen Reihe von Rita Falk.
Nun lag also der sechste Fall vor mir und ich freute mich unbandig auf den Franz, die Oma, den Papa, die Sushi und den ganzen anderen Bürgern dieses Dorfes.
Zwetschgendatschikomplott geht auch gleich interessant los, denn dem Birkenberger Rudi wird von einer Krähe ein Finger auf seinen Balkon gebracht – und so ein Finger macht sich ja nicht einfach mal von alleine auf den Weg in die weite Welt; da muss es doch auch nicht unerhebliches Anhängsel geben, welches eventuelle sogar noch vom Leben verlassen worden ist. Quasi eine Leiche.
Der Franz und der Rudi machen sich auch sogleich auf die Jagd und schon befinden wir uns erneut auf dr Jagd nach dem Mörder. Rita Falk bleibt sich auch diesmal treu und somit gibt es ausreichend Stops in Niederkaltenkirchen, die den Franz herausfordern und auch wieder einmal bayrisch nachvollziehbar sind, sowie zum Schmunzeln einladen.
Nichts desto trotz konnte mich Zwetschgendatschikomplott nicht in diesem Maße überzeugen, wie seine Vorgängerbände. Die gesamte Geschichte bleibt leider ohne nennenswerte Höhen und Tiefen – somit “plätschert” sie einfach nur so dahin. Vielleicht ist Franz hierin zuviel in München, da die bisherigen Geschichten ihren Fokus doch hauptsächlich in Niederkaltenkirchen hatten. Ganz greifen lässt sich das Gefühl jedenfalls nicht, denn die Ideen scheinen noch vorhanden zu sein. Es wirkte aber alles recht schnell gestrickt, ein wenig blass erzählt und somit stieg keine umfängliche Lesefreude auf. Nichts desto trotz ist natürlich auch dieser Band eine leichte Nebenbei-Unterhaltungslektüre, die man als Freund dieser Reihe natürlich nicht missen möchte – wird aber Zeit, dass der Franz wieder seinen Wirkungskreis aufs Land legt.
Jürgen Seibold/20.02.2016
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Myriane Angelowski: Finkenmoor

finkenmoor© 2012 Hermann-Josef Emons Verlag
eISBN 978-3-86358-135-0
ca. 256 Seiten

COVER:

Zwei Kinder verschwinden an einem düsteren Novembertag am Cuxhavener Finkenmoor spurlos. Als das ganze Ausmaß des Verbrechens ans Tageslicht kommt und der Täter endlich gefasst wird, sind die betroffenen Familien fassungslos über das milde Urteil. Nach Jahren voller Verzweiflung nimmt allmählich ein neuer Gedanke von den Hinterbliebenen Besitz: Rache. Als der Mann das Gefängnis verlässt, hat er nicht die geringste Ahnung, was ihn erwartet. Aber auch die Angehörigen wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Denn die Jäger werden zu Gejagten, und ein erbitterter Kampf um Leben und Tod beginnt …

REZENSION:

Finkenmoor klingt in erster Linie wie ein Krimi. Erfreulicherweise handelt es sich dabei jedoch nicht um einen Krimi der üblichen Machart, denn es geht hierin hauptsächlich um das Rachemotiv, welches man traurigerweise auch sehr gut nachvollziehen kann.
Es verschwinden zwei Kinder am Cuxhavener Finkenmoor und lediglich eins kommt dabei mit dem Leben davon. Man bekommt sofort mit, wer der Täter ist und darüber hinaus wird uns als Leser dieser auch haarklein nahegebracht.
Immer mehr erkennt man dabei seine irritierende Gedankenwelt und sein Unverständnis der Tat gegenüber.
Natürlich kann man die Tat nicht mehr ungeschehen machen – aber wer denkt nicht vielleicht doch an Rache, wenn das eigene Kind von solch einer Schandtat betroffen ist?
Dieser Gedanke wird von der Autorin mehr und mehr in den Kopf des Lesers gepflanzt und man beginnt den Täter zu hassen und die Planungen der Familien zu verstehen.
Myriane Angelowski zeichnet ihre Geschichte sehr detailliert aus. Dies trifft nicht nur auf die Personen hinzu, sondern auch durchweg auf die Örtlichkeit im Umfeld Cuxhavens.
Die Geschichte wühlt auf und wirkt sehr emotional. Lediglich das Ende ging mir fast ein wenig zu schnell. Im Nachgang stellte ich mir dabei aber die Frage, ob noch etwas mehr Boshaftigkeit dem Täter gegenüber gut getan hätte – dabei erkennt man schnell, dass man sich vom Rachevirus infizieren hat lassen.
Eine richtig schöne und gelungen gezeichnete Krimiperle ohne Verwendung üblicher Krimiklischees. Sehr gute und zum Nachdenken anregende Unterhaltung.
Jürgen Seibold/12.11.2015
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