C.K. McDonnell: The Stranger Times

Originaltitel: The Stranger Times
Übersetzung aus dem Englischen von André Mumot
©2021 by C.K. McDonnell
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
ISBN 978-3-8479-0090–0
ca. 462 Seiten

COVER:

Dunkle Kräfte sind am Werk – und The Stranger Times geht ihnen auf den Grund. Die Wochenzeitung ist Großbritanniens erste Adresse für Unerklärtes und Unerklärliches. Zumindest behauptet sie das …
Gleich in Hannahs erster Arbeitswoche bei der Zeitung kommt es zu einer skurrilen Tragödie, und The Stranger Times muss tatsächlich investigativen Journalismus betreiben. Hannah und ihre Kollegen sind schockiert: Einige der Geschichte, die sie zuvor selbst als Unsinn abgetan hatten, sind furchtbar real.

The Stranger Times ist der Auftakt zu einer furiosen Trilogie. Feinster britischer Humor gepaart mit einer mysteriösen Spurensuche, angeführt von einer jungen Frau, die ihr altes Leben hinter sich lassen will.

REZENSION:

The Stranger Times ist eine Wochenzeitung, die sich mit den Unerklärlichen Dingen befasst. Somit kann man hierin etwas über die kuriosesten Erlebnisse lesen. Dabei schreckt die Zeitung weder von einem in einen Menschen hineingefahrenen David Bowie ab, um ein neues Album aufzunehmen, noch von irgendwelchen Außerirdischen oder eine um die Häuser ziehende Nessie. Eine Wochenzeitung also, die sicherlich viel Spaß beim Lesen bereitet, es aber bestimmt mit der tief gehenden Recherche nicht ganz so ernst nimmt.
Hannah – in Trennung lebende Frau, die sich nun selbst um ihren Unterhalt kümmern möchte – bewirbt sich dort und wird am Ende eines sehr irritierenden Einstellungsgesprächs prompt genommen. Sie ist nun stellvertretende Chefredakteurin und muss sich gemeinsam mit dem verrückt wirkenden Vorgesetzten namens Banecroft um die Zukunft der Zeitung kümmern.
Eines Tages wird ein ihnen bekannter Journalistenanwärter tot aufgefunden. Die Polizei geht von Selbstmord aus – die Kollegen der Stranger Times sehen das anders. Somit sind sie nun auf ernsthafte Journalistentätigkeit angewiesen, um den ihrer Meinung nach vorherrschenden Mord aufzuklären. Interessanterweise scheinen die Umstände des Mordes jedoch uneingeschränkt in die Welt der Geschichten der Stranger Times zu passen …
Man erkennt sehr deutlich, dass The Stranger Times von einem Stand-up-Comedian geschrieben worden ist. Die Geschichte macht von Anfang an Spaß, konnte bereits den ersten Pflock im Prolog einsetzen und spätestens nach dem ersten Kapitel war es um mich geschehen. Sämtliche Mitarbeiter der Stranger Times sprechen für sich und stellen sich als rundum kuriose Geschöpfe dar, die man aufgrund deren individualistischen Auftretens einfach nur ins Herz schließen kann. Ganz vorne dabei natürlich die Hauptdarstellerin Hannah, die sich gegenüber dem verrückt wirkenden Banecroft behaupten muss und dies auch recht schnell zu schaffen scheint. Banecroft selbst zeigt sich als Chef, den man sicher nicht haben möchte – im Laufe der Story zeigt sich dennoch, dass er auch ein Herz zu haben scheint.
McDonnell’s The Stranger Times ist ein Buch vollgepackt mit Ironie, kuriosen Gegebenheiten und einem durchgehenden Augenzwinkern. Ein Buch, welches von Anfang an schlicht und einfach Freude bereitet und sich selbst dabei nicht allzu ernst nimmt.
In meinen Augen ein wahrer Pageturner mit einer rasanten Geschichte, eingängig erzählt und voller sympathischer Teilnehmer, deren Auftreten sehr ungewöhnlich ist. The Stranger Times ist ein Buch, welches mich erfreulicherweise überraschen konnte. Insbesondere zu Anfang glänzt es ganz deutlich und ich kann mir nur schwer vorstellen, wie McDonnell in den beiden noch folgenden Bänden dieses Niveau aufrechterhalten möchte. Insbesondere, da nun der anfängliche Überraschungseffekt abgehakt ist und die Personen ihre Rollen eingenommen haben. Ich lasse mich jedoch gerne davon erneut überraschen und freue ich dementsprechend auf die nächsten beiden Bücher dieser sehr kuriosen und humorvollen Trilogie.
hysterika.de / JMSeibold / 01.01.2022

Stuart Turton: Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Originaltitel: The Seven Deaths of Evelyn Hardcastle
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
©2018 Raven Books
Für die deutsche Ausgabe:
©2019 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50421–7
ca. 605 Seiten

COVER:

Familie Hardcastle lädt zu einem Ball auf ihr Anwesen Blackheath. Alle Gäste amüsieren sich, bis ein fataler Pistolenschus die ausgelassene Feier beendet.
Evelyn Hardcastle, die Tochter des Hauses, wird tot aufgefunden. Unter den Gästen befindet sich jemand, der mehr über diesen Tod weiß, denn am selben Tag hat Aiden Bishop eine seltsame Nachricht erreicht: „Heute Abend wird jemand ermordet werden. Es wird nicht wie ein Mord aussehen, und man wird den Mörder daher nicht fassen. Bereinigen Sie dieses Unrecht, und ich zeige Ihnen den Weg hinaus.“ Tatsächlich wird Evelyn nicht nur ein Mal sterben. Bis der Mörder entlarvt ist, wiederholt sich der dramatische Tag in Endlosschleife. Doch damit nicht genug: Immer, wenn ein neuer Tag anbricht, erwacht Aiden im Körper eines anderen Gastes und muss das Geflecht aus Feind und Freund neu entwirren. Jemand will ihn mit allen Mitteln davon abhalten, Blackheath jemals wieder zu verlassen.

REZENSION:

Nach dem grandiosen „Der Tod und das dunkler Meer“ von Stuart Turton entschied ich mich dazu, seinen an mir vorbeigegangenen Debütroman noch nach zu holen. Immerhin zeigte bereits ein Blick auf die Storyline von „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“, dass es sich hier wohl nicht um einen typischen Allerweltskrimi zu handeln scheint.
Im Gegenteil: Der Plot ist außergewöhnlich interessant und zeugt von einem sehr hohen und kreativen Einfallsreichtum des Autors. Gut, ähnliche Ideen gab es schon in anderen Ausführungen – nichts desto trotz kann ich mich nicht daran erinnern, diese hier entstandene Mischung bereits anderseits gelesen zu haben. Das vorliegende Buch zeigt die Jagd nach einem Mörder. Der Jäger ist jedoch alles andere als ein typischer Ermittler, denn es geht vielmehr darum, diesen Fall zu lösen, damit Aiden Bishop das täglich wiederkehrende Szenario beenden darf. Solange dies nicht geschieht, befindet er sich in einer Endlosschleife und ist sich dessen vollumfänglich bewusst.
Erschwerend kommt hinzu, dass er sich nicht nur alleine auf die Suche macht, sondern auch in anderen Körpern/Personen aktiv werden muss. Eine interessant klingende Möglichkeit, die jedoch in der Fülle zu Problemen und gedanklichen Irritationen führt.
„Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist durchweg geschickt und hochinteressant konstruiert – dennoch konnte mich „Der Tod und das dunkle Mehr“ eher für mich begeistern. Dies liegt vor allem an der komplizierten Bauweise des Romans, für den man sich zum einen am Besten gleich mehrere Lesestunden pro Session Zeit nimmt und noch besser: man sich ein Notizbuch daneben legt, damit man noch nachvollziehen kann, wo und in wem man sich gerade befindet. Turton springt stark in seinen Zeitfenstern umher und somit befindet man sich urplötzlich nach Tag 7 wieder in Tag 2 und zurück.
Somit definitiv kein Roman zum kurz mal weg lesen – vielmehr ein hochwertig konstruierter Plot, der ein wenig den Flair alter Agatha Christie Romane verströmt und nebenbei phantastische Elemente zu integrieren weiß. Ein Buch für Kenner mit der Möglichkeit, konzentriert einem Plot folgen zu können.
hysterika.de / JMSeibold / 27.12.2021

Jussi Adler-Olsen: Natrium Chlorid

Originaltitel: Natrium Chlorid
Aus dem Dänischen von Hannes Thiess
Originalausgabe 2021
2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
©2021 Jussi Adler-Olsen / All rights reserved / J.P. / Politikens Forlagshus A/S, Kopenhagen
ISBN 978-3-423-28280–2
ca. 528 Seiten

COVER:

Der Selbstmord einer Frau an ihrem 60. Geburtstag führt zur Wiederaufnahme eines ungeklärten Falls aus dem Jahr 1988, der Marcus Jacobsen damals mit seinem besten Ermittler Carl Mörk zusammengebracht hat. Seit über drei Jahrzehnten fallen Menschen einem gerissenen Killer zum Opfer, der tötet, ohne dass ihm ein Mord nachgewiesen werden kann. Er wählt Opfer und Todeszeitpunkt mit Bedacht und Präzision.
Hinrichtungen werden als Unfälle oder Suizide getarnt, doch auch Selbstjustiz ist nicht auszuschließen, sein Motiv scheint jedes Mittel zu rechtfertigen. Sollte Carl die Logik des Killers richtig deuten, ist mit dem nächsten Mord schon binnen weniger Tage zu rechnen.

Und währen die Corona-Maßnahmen die Ermittlungsarbeiten des Sonderdezernats Q zusätzlich erschweren, bewegt sich ein alter Fall auf Carl zu wie eine Giftschlange, die Witterung mit ihrer Beute aufgenommen hat …

REZENSION:

„Natrium Chlorid ist nun bereits der neunte Fall für das Sonderdezernat Q, welches sich seit band 1 von Jussi Adler-Olsen um längst vergessene Fälle kümmert. Da die Bücher zumindest auf der persönlichen Ebene der Dezernatsmitglieder aufbauen, sind einem Leser der ersten Stunde natürlich alle Eigenheiten des Teams bekannt. Neueinsteigern könnte es ein wenig schwer fallen, hier ausreichenden Zutritt bekommen zu können – es spricht aber nichts dagegen, einfach mit Fall 1 anzufangen.
Das Team ist mittlerweile sehr eng zusammengewachsen und jeder steht wie eine Front für den anderen ein. Auch im neuesten Band zeigt sich der herausragende Ideenreichtum Adler-Olsens dar, denn seine Fälle sind nahezu alle aus vergangenen Zeit, jedoch mit der Gegenwart verwoben. Dadurch ermittelt das Team nicht nur in längst vergessenen Akten, sondern schafft es das durch zumeist auch einen aktuellen Fall mit zu lösen.
Der Schreibstil ist weiterhin herausragend und sehr eingängig. Man fühlt sich sofort wieder mitten drin in der Sonderdezernat-Tätigkeit – dies, obwohl es nun doch einige Zeit bis zum neunten Fall gedauert hat. Der Fall selbst ist ebenfalls sehr eigenständig und geschickt konstruiert. Lediglich in der Ausarbeitung hinkt Band neun den vorangegangenen Bänden nach. Bisher gab es sehr viele Spannungseffekte, tief gehende Erlebnisse und geschickt platzierte Thriller-Elemente. Natrium Chlorid ist gut erzählt, lässt diese hohe Qualität dennoch etwas missen. Somit zeigt sich das aktuelle Werk von Adler-Olsen als sehr guter Krimi, der jedoch im Fahrwasser anderer Standardkrimis diese lediglich begleitet – seine anderen Werke übernahmen das Steuer und zeigten der Konkurrenz, wie man spannend erzählte Krimis konstruiert und erzählt. Natrium Chlorid ist natürlich weiterhin ein ganz guter Kriminalroman – nichts desto trotz in Hinblick auf die Sonderdezernat Q-Reihe einer der Schwächeren davon.
hysterika.de / JMSeibold / 11.12.2021

Stuart Turton: Der Tod und das dunkle Meer

Originaltitel: The Devil and the Dark Water
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
©2020 by Stuart Turton
Für die deutsche Ausgabe
©2021 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr.1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50491-0
ca. 608 Seiten

COVER:

Gerade noch hat Samuel Pipps im Auftrag der mächtigen Männer der Ostindien-Kompanie einen kostbaren Schatz in der Kolonie Batavia wiedergefunden.
Nun befindet er sich auf dem Weg zu seiner Hinrichtung. Sein Assistent und Freund Arent Hayes ist mit an Bord der Saardam. Ebenso der Generalgouverneur von Batavia und seine Frau Sara Wessel.
Doch kaum auf See, geschehen unerklärliche Morde. Ein Flüstern weht durch das Schiff, das alle an Bord dazu verführt, ihren dunkelsten Wünschen nachzugeben. Pipps muss seinem Freund Arent und Sara dabei helfen, einem Rätsel auf die Spur zu kommen, das weit in die Vergangenheit zurückreicht. Bevor das Schiff sinkt und sie alle in die Tiefe reißt.

REZENSION:

Jeder, der meinen Rezensionen ein wenig folgt, weiß sicherlich, dass sich darunter nur sehr wenige Kriminalromane befinden. Dies liegt hauptsächlich an dem Umstand, dass die Masse der veröffentlichten Kriminalromane üblicherweise dem gleichen Schema folgen und somit mich zumeist nicht wirklich überzeugen konnten.
Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen musste ich mich jedoch nach kurzem Blick auf das Cover des neuen Buches von Stuart Turton diesem unbedingt widmen. Wie gesagt: Aus nicht nachvollziehbaren Gründen, denn auch der Name Stuart Turton war mir schlicht nicht bekannt.
Nun also ein Kriminalroman auf einem Ostindienfahrer im Jahre 1634 – interessanterweise wohl ausschließlich auf besagtem Schiff.
Stuart Turton beginnt ungebremst und lässt sogleich am Kai von Batavia einen Menschen auf mysteriöse Art in Flammen aufgehen. Dies hält natürlich niemanden davon ab, die anstrengende Reise nach Amsterdam abzubrechen und somit lernen wir eine nicht gerade geringe Anzahl an Mitfahrern kennen, die nach und nach ihren jeweils persönlichen Antrieb offenbaren. Turton beschreibt das Leben und die Jagd nach dem sagenumwobenen Alten Tom sehr detailliert und lässt uns als Leser intensiv daran teilhaben. Er öffnet eine Vielzahl an verschiedenen Türen und man findet sich in einer Geschichte voll Aberglaube, Gier nach Macht, Gewalt, Sexismus und tiefem Glauben in alle Richtungen wieder.
Bereits nach einigen wenigen Seiten stellte sich mir das Buch als reinrassiger Pageturner vor, der einen nicht mehr losließ. Gleichzeitig versucht man natürlich gemeinsam mit Arent die Hintergründe zu erforschen – wie Arent glaubt man als Leser natürlich auch nicht an einen Daemonen, der sein Unwesen auf dem Schiff treibt – oder steckt doch ein wenig Magie, wenn nicht gar der echte Teufel in Gestalt des Alten Tom dahinter?
Die Gefahr auf dem Schiff steigt, die Begleitschiffe sind nicht mehr sichtbar, ein Sturm zieht auf, die Essensrationen werden knapp, der Mörder weiterhin unentdeckt. Die Situation spitzt sich zu und trotz ausufernder Leseerfahrung offenbart sich mir noch immer nicht der Weg in Richtung Lösung. Dies bleibt auch so, da Turton mit „Der Tod und das dunkle Meer“ nichts weiter als ein Meisterwerk erschaffen hat, welches sich im Fahrwasser alter Kriminalfälle befindet, die durch ihre Who-done-it-Machart auch heutzutage ab und an durch kreative Ideen erneut überzeugen können. Ich denke dabei an den recht aktuellen Film „Knives Out“, der in etwa eine angleichende Vorgehensweise darstellt und erst am Ende offenbart, wie sich die Wahrheit dar zu stellen scheint. Turton übertreibt hier sogar und sorgt dafür, dass er dem Leser beim ersten Aha-Effekt in Richtung Ende ein komplett neues Szenario offenbart – ich möchte hier natürlich nichts verraten, aber „Der Tod und das dunkle Meer“ überrascht bis zur letzten Seite.
Schlussendlich zeigt mir dieses Werk, dass wohl auch im Genre der Kriminalromane noch intelligente Überraschungen möglich sind und man als Autor nicht immer das gleiche und simple Schema des „Todesfalls und dann suchen wir den Mörder“ erstellen muss – ein Hinwenden in Richtung kreative Ideen, falsche Fährten, umfangreiche Pläne und Ziele führt zu neuen Lesern und bleibt bei diesen nachhaltig im Gedächtnis.
In meinen Augen jedenfalls ein absolutes Meisterwerk eines Autors, der angeblich mit seinem Debüt „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ bereits für Furore sorgen konnte und somit wohl sein Handwerk absolut versteht.
Ich werde mir jedenfalls nicht nur diesen Namen merken, sondern mich auch schlau machen, wo ich kurzfristig sein Debüt herbekomme – denn ist es nur halb so gut wie „Der Tod und das dunkle Meer“, dann reicht es schon für eine angenehme Lesezeit.
Stuart Turton: Danke für dieses grandiose Werk!
hysterika.de / JMSeibold / 26.10.2021

Rita Falk: Rehragout-Rendezvous

Originalausgabe 2021
©2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
ISBN 978-3-423-26273-6
ca. 301 Seiten

COVER:

„Ich kenn den Steckenbiller Lenz jetzt seit siebenundvierzig Jahren“, keift mir die Mooshammer Liesl daher. „Seit siebenundvierzig Jahren verbringt der Lenz jedes Weihnachtsfest daheim. Und seit siebenundvierzig Jahren …“
„Ja, versteh schon“, muss ich sie hier unterbrechen. „Aber nochmals, Liesl: Der Steckenbiller Lenz, der ist erwachsen. Es gibt keine Vermisstenanzeige. Und ohne Vermisstenanzeige keine Ermittlungen.“

Zefix! Daheim hockt der Leopold und jammert, weil seine Familie in Thailand festsitzt wegen so einem depperten Virus. Im Rathaus herrscht Zickenkrieg, seit der Bürgermeister sich die Hax’n gebrochen hat, weil die Susi, die macht jetzt einen auf Möchtegern-Bürgermeisterin. Die Oma tritt in den Kochstreik, und der Steckenbiller Lenz bleibt ums Verrecken verschwunden. Als dann auf dem Steckenbiller-Acker ein Goldzahn auftaucht, heuert der hyperaktive Rudi den pensionierten Leichenspürhund Wilhelm an. Und vorbei ist’s mit der Ruhe für den Franz. Denn der Goldzahn war nur der Anfang …

REZENSION:

Rita Falks Erfolgsserie geht nun bereits in die elfte Runde. Zwischendurch stellte ich mir die Frage, ob sich das Thema nicht nach und nach selbst auflösen wird. Insbesondere durch den ein oder anderen Hänger in manchem Vorgängerband stellte sich mir diese Frage. Interessanterweise konnte Rita Falk jedoch immer wieder zur rechten Zeit die Kurve bekommen und dem Thema etwas Neues abgewinnen.
Nun also ein Buch ohne erkennbaren Mordfall – dafür im Gegenzug ein sehr intensives Eintauchen in die direkte Umgebung des Eberhofers: Oma streikt und kommt ihren Pflichten nicht mehr nach, die Susi macht das Gegenteil und kommt mehr Pflichten nach, als sie wohl sollte – immerhin nimmt sie ohne große Nachfrage das Amt des Bürgermeisters als Stellvertreterin ein, da der Meister selbst sich seinen Hax’n gebrochen hat und somit bis auf Weiteres ausfällt.
Dabei entstehen neue Erkenntnisse über die jeweiligen Persönlichkeiten der Mitbürger von Franz. Oma chillt ihr Leben, Essen gibt es halt dann für die verwöhnte Truppe nicht. Susi lässt die Managerin heraushängen und kleidet sich auch dementsprechend adäquat ein.
Nur der Franz bleibt der Franz und steht beinahe kopfschüttelnd und fast hilflos daneben.
Hinzu schleicht sich nach und nach ein Fall ein, der hauptsächlich durch den Rudi in den Vordergrund gedrängt wird.
Prinzipiell beinahe wie gehabt, dennoch abermals interessant und zum Schmunzeln anregend.
Grundsätzlich hätten der Geschichte noch einige Schenkelklopfer gut getan – alles in allem scheint es der Story aber auch ganz gut zu tun, hier mehr auf die Persönlichkeiten Wert zu legen.
Rehragout-Rendezvous lässt sich salopp lesen, macht erneut viel Freude und sorgt für witzige Provinzunterhaltung, an der ich mich einfach nicht satt lesen kann. Die gesamte Reihe um den Eberhofer Franz ist bei mir der einzige Blick in eine komplett andere Leserichtung und auch dieser Band sorgte schlussendlich dafür, dass ich ebenfalls hoffe, noch sehr lange und sehr viel über die Bewohner Niederkaltenkirchens lesen zu können.
hysterika.de / JMSeibold / 11.10.2021

Natasha Pulley: Der Uhrmacher in der Filigree Street

Originaltitel: The Watchmaker of Filigree
Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer
©2015 by Natasha Pulley
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by J.G.Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-11682–3
ca. 448 Seiten

COVER:

London, Oktober 1883. Thaniel Steepleton, ein einfacher Angestellter im Innenministerium, kehrt nach der Arbeit in seine winzige Mietwohnung heim. Da findet er auf seinem Kopfkissen eine goldene Taschenuhr. Es ist ihm ein Rätsel, was es mit ihr auf sich hat. Sechs Monate später explodiert im Gebäude von Scotland Yard eine Bombe. Thaniel wurde gewarnt, weil seine Uhr gerade noch rechtzeitig ein Alarmsignal gab. Nun macht er sich auf die Suche nach dem Uhrmacher und findet Keita Mori. Hat der freundliche Einzelgänger aus Japan etwas zu verbergen? Und dann begegnet Thaniel auch noch Grace Carrow, die ebenfalls eine Uhr von Mori besitzt. Als Frau und Naturwissenschaftlerin kämpft sie in einer völlig von Männern dominierten Gesellschaft um ihre Rechte und ihre Zukunft.

REZENSION:

Thaniel Steepletons Tagesablauf gleicht einem Uhrwerk: Jeden Tag der selbe Trott im Innenministerium als Angestellter in der Telegrafieabteilung.
Eines Tages liegt jedoch eine goldene Uhr auf seinem Kopfkissen – was für einen Einbruch spricht, der umgekehrter nicht sein könnte.
Öffnen lässt sich die Uhr jedoch nicht und dennoch scheint sie etwas Besonderes zu sein.
Eines Tages befindet sich Thaniel in einem Pub in der Nähe des Scotland Yard-Gebäudes. Urplötzlich lässt die Uhr ein Alarmgeräusch von sich, was dazu führt, dass Thaniel hastig den Raum verlässt, da er nicht ungebührlich auffallen möchte. Recht zeitnah explodiert eine Bombe im Yard-Gebäude, deren Druck auch Auswirkungen auf die Besucher der Gaststätte hatte – Thaniel bleibt somit unbeschadet und wurde darüber hinaus von dieser ominösen Uhr gerettet.
Bereits der Start dieser Geschichte lässt den Leser ungebremst in die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts eintauchen. London pulsiert förmlich und befindet sich am Scheideweg ins moderne Zeitalter. Natasha Pulley geht jedoch einen Schritt weiter und füttert ihre außergewöhnliche Geschichte mit der Jagd nach Bombenlegern, einer Frau, die um ihre Rechte kämpft und einem Hauptdarsteller, dessen langweiliges Leben durch das Kennenlernen eines freundlichen Japaners mit besonderen Fähigkeiten eine ganz neue Ebene beschreitet.
„Der Uhrmacher in der Filigree Street“ ist eine absolut außergewöhnliche Geschichte, die sich keiner Schublade zuordnen lässt – ich denke, genau aus diesem Grund habe ich sie zu lieben begonnen und konnte mich ihrem Sog nicht mehr entziehen.
Hinzu kommt die Fähigkeit der Autorin, die Rolle Keita Moris lange Zeit im Dunklen zu lassen und nahezu bis zum Ende für neue Facetten zu sorgen.
Sämtliche handelnden Personen sind ihrer Rolle entsprechend tief gehend gezeichnet und wirken in ihrer Gesamtheit beinahe wie ein Kunstwerk. Die Geschichte ist sehr atmosphärisch und schafft es auf grandiose Art sogar Vielleser nicht nur zu überzeugen, sondern gar zu überraschen.
Perfekte, intelligent erzählte Lektüre, die Genreabgrenzungen nicht nur missachtet, sondern in sich aufnimmt. Kurzum ein rundum gelungenes Werk, welches zwar nach mehr verlangt, jedoch nur schwer zu toppen sein wird.
Ein absolutes und dabei wunderschönes Highlight mit einer Vielzahl an Überraschungen. Hier erkennt man wieder, warum es sich lohnt, Bücher zu lesen…
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Stephen King: Billy Summers

Originaltitel: Billy Summers
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2021 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27359–7
ca. 717 Seiten

COVER:

Billy ist Kriegsveteran und verdingt sich als Auftragskiller. Sein neuester Job ist so lukrativ, dass es sein letzter sein soll. Danach will er ein neues Leben beginnen. Aber er hat sich mit mächtigen Hintermännern eingelassen und steht schließlich selbst im Fadenkreuz. Auf der Flucht rettet er die junge Alice, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde. Billy muss sich entscheiden. Geht er den Weg der Rache oder der Gerechtigkeit? Gibt es da einen Unterschied? So oder so, die Antwort liegt am Ende des Wegs.

REZENSION:

Wer Stephen King immer noch als reinen Horror-Autoren betitelt, hat schlicht seit Jahrzehnten keine Bücher mehr von ihm gelesen und schwebt gedanklich noch auf einem Wissensniveau zu Zeiten SHININGs und ES.
Stephen Kings Schaffenskreis ist mittlerweile unglaublich weit gezeichnet und deckt nahezu jede Genreabgrenzung ab. Dementsprechend unbeeindruckt oder gar überrascht war ich, als ich las, dass BILLY SUMMERS eher eine Art Thriller zu sein scheint. Mich störte das absolut gar nicht, dachte ich doch an den sagenhaften Reihenstart mit dem Titel MR. MERCEDES – mit dem mir der Großmeister offenbarte, dass auch mir ein Krimi gefallen kann. Er darf nur nicht oberflächlich geschrieben sein und dafür steht der ausufernde Vielschreiber definitiv nicht.
BILLY SUMMERS ist Auftragskiller und nimmt einen letzten Job an, der durch seine Bezahlung problemlos der Start in eine entspannte Zeit ohne weitere Tätigkeiten sein kann.
Als perfekter Planer und Schütze steht dem positiven Ergebnis nichts entgegen – er hatte lediglich nicht mit dem Plan seiner Auftraggeber gerechnet, was zu einer doppelten Flucht seitens Billy Summers führte: Die Flucht vor der Staatsmacht als auch vor den Hintermännern des Auftrags.
Summers baut sich dabei mehrere Identitäten auf und lebt mehrere bürgerliche Leben, in der Hoffnung, dass aus Sicht der Staatsmacht bald sämtliche Vorkehrungen mangels Jagderfolgs reduziert werden.
Gleichzeitig denkt er über Rache nach und entdeckt sich bereits beim Schmieden neuer Pläne.
Eines Tages wird das Opfer einer Gruppenvergewaltigung nahe seiner Wohnung „entsorgt“ – Summers trifft eine Entscheidung und rettet sie (Hauptgedanke wohl die Sorge, dass die Polizei auch bei ihm anklopfen könnte).
Nun stellt sich die Frage nach seinem weiteren Vorgehen: Rache an seinen Auftraggebern? Rache an den Vergewaltigern? Offenbarung seiner echten Tätigkeit gegenüber Alice?
Stephen King holt in bekannter Weise virtuos aus und nimmt uns nicht nur beim täglichen Geschehen mit, sondern taucht auch tief in die Welt Billy Summers ab. Dieser verarbeitet anhand des Schreibens seine eigene Vergangenheit und man erkennt mehr und mehr die Hintergründe seines Tuns als auch die detailliert gezeichnete Persönlichkeit.
Gleichzeitig scheint King in den letzten Jahren seinen Lesern etwas mehr als nur eine gute Geschichte mitgeben zu wollen. Dementsprechend tiefgehend entwickelt sich der Plot und wer Richtung Ende nicht emotional in seinen Gedanken versinkt, sollte nochmal in sich gehen…
BILLY SUMMERS ist erneut ein grandioser Roman eines Schriftstellers, der in oberflächlichen Medien immer noch etwas belächelt wird, da er ja angeblich nur ein Horror-Autor ist. In meinen Augen war King schon immer Literatur – auch wenn es manchmal etwas härter zur Sache ging. Ihm war schon immer die Geschichte rundherum das Wichtigste und das ist auch der Grund, warum ich diesen Schriftsteller auch weiterhin als meinen Schriftsteller Nummer 1 betrachte.
BILLY SUMMERS selbst ist dabei nicht von schlechten Eltern – als sein bestes Werk würde ich es definitiv nicht bezeichnen, nichts desto trotz lohnt sich dieses Buch und offenbart abermals eine weitere Facette dieses unglaublichen Künstlers.
hysterika.de / JMSeibold / 29.08.2021

Stephen King: Später

Originaltitel: Later
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt 

©2021 by Stephen King
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27335-1
ca. 304 Seiten

COVER:

Jamie Conklin wächst in Manhattan auf und wirkt wie ganz ein normaler Junge. Mit seiner alleinerziehenden Mutter Tia teilt er jedoch ein Geheimnis: Er kann von klein auf die Geister kürzlich Verstorbener sehen und mit ihnen reden. Und die Toten müssen alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Tia ist Literaturagentin und hat sich gerade aus großer finanzieller Not gekämpft, da stirbt ihr lukrativster Autor. Der langersehnte Abschlussband seiner großen Bestsellersaga blieb leider unvollendet – wäre da nicht Jamies Gabe. Das Befragen der Toten ruft allerdings auch ungewollte Dämonen herbei.

REZENSION:

Egal wie hoch der Stapel ungelesener Bücher auch sein mag: Ein neuer King wird vorgezogen – diesmal wohl eine Art „Ich sehe tote Menschen“, wie man es bereits aus „The Sixth Sense“ zu kennen meint. Interessanterweise konnte ich diesen Gedanken auch einige Zeit nicht ablegen. Jamie wirkte doch eine gewisse Zeit wie der Junge im angesprochenen Blockbuster mit Bruce Willis.
Stephen King wäre aber nicht Stephen King, wenn er einfach kopieren würde. Somit bleibt es nur kurz bei diesem Gedanken und SPÄTER entwickelt sich trotz der für King recht geringen Seitenzahl zu einem Crossover von Coming-of-Age, einen Touch Horror und recht viel Crime, gewürzt mit Toten, die schlicht noch ein wenig benötigen, bis sie sich auf eine nicht näher definierte Art davon machen beziehungsweise verschwinden. Während dieses Zeitraums zwischen Ableben und endgültigem Verblassen kann Jamie mit ihnen direkt von Kind zu Totem sprechen. Die Toten sind dabei aus irgendwelchen Gründen dazu gezwungen, immer die Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten, was es natürlich für den Fragesteller recht einfach macht.
Auch in diesem Werk brilliert King mit seinem unnachahmlichen Schreibstil. Erneut konnte ich mich der Geschichte nicht entziehen, obwohl sie in ihrer Gänze zwar grandios, dennoch nicht in einer Riege mit den Blockbustern des Autors zu nennen sein wird.
Stephen King scheint etwas nachdenklicher zu werden und lässt uns als treuen Leser daran teilhaben. Jamies Geschichte wird in der Ich-Form dargelegt und dementsprechend nahe rückt man an seinen Protagonisten. Der Schwenk von Crime in Richtung klassischem King-Horror wird in Richtung Ende vermehrt vollzogen – dennoch bleibt der Horroraspekt mit Sicherheit für jeden verdaulich und somit nicht zu dick aufgetragen. Ein bisschen mehr hätte der Geschichte sicher nicht geschadet – insbesondere alte Hasen wie ich würden sich mal wieder über etwas fieseres aus Kings Feder freuen.
Nichts desto trotz handelt es sich bei SPÄTER um einen guten Wurf meines Lieblingsautors. Mit den gerade mal 300 Seiten konnte er nicht so viel ausschweifen, wie von ihm bekannt – dennoch handelt es sich um eine eingängige und gut funktionierende Novelle mit interessanten Aspekten. Irritierenderweise lässt es seinen Leser nach Beenden des Buches sogar kurze Zeit ein wenig über das Leben und den Tod an sich nachdenken. Somit ganz nebenbei ein kleines Werk mit dezentem Nachhall.
Hysterika.de/JMSeibold/15.03.2021

Stephen King: Wolves of the Calla

©2003 by Stephen King
This paperback edition published in 2012 by Hodder & Stoughton
ISBN 978-1-444-72348-9
ca. 771 Seiten

COVER:

Determined to reach the Dark Tower, gunslinger Roland and his companions emerge from the forests in the Mid-World on a path that leads to a tranquil valley community of farmers and ranchers in the borderlands.

Beyond the town, the rocky ground rises towards the dark source of affliction. Danger is imminent – the Wolves of the Calla are gathering once again, their unspeakable depredation poised to threaten the soul of the community. Roland and his companions must venture all as they face an unknown adversary. And the future of the Mid-World once again faces crimson chaos.

Wolves of the Calla is the magnificent fifth novel in Stephen King’s epic Dark Tower series that continues to captivate processions of readers.

AND THE TOWER IS CLOSER …

REZENSION:

Wenn man bei einem Epos von einem Lebenswerk sprechen kann, dann ist es sicherlich die Reise Rolands in Richtung des Dunklen Turms. Diese Werke begleiten nicht nur den Autor bereits seit mehreren Jahrzehnten, sondern auch Leser wie mich, die ebenfalls 30 Jahre benötigten, um Roland bis zum Ende seiner Reise begleiten zu dürfen.
Der Dunkle Turm ist dabei jedoch auch ein Gesamtkunstwerk, welches eine Vielzahl von Werken Kings miteinander verknüpft und durch den Mut, auch verschiedene Genre miteinander zu verweben, etwas ganz Besonderes in der Welt der Literatur darstellt.
Der Dunkle Turm ist Western, Horror, Fantasy, Thriller, Liebe, Science Fiction, Dystopie und noch vieles mehr in einem. Gleichzeitig uneingeschränkt philosophisch und zum Nachdenken anregend.
In „Wolves of the Calla“ treffen wir nicht nur auf den Priester aus Salems Lot sondern begeben uns auch des Öfteren nach New York, um die Fäden in Richtung Turm auf den richtigen Weg zu bringen. Schlussendlich wird gemeinsam mit den Dorfbewohnern der Calla gegen die regelmäßig kommenden Wölfe gekämpft, um diesen endgültig klar zu machen, dass die Bürger es nicht mehr länger akzeptieren, dass in gewissen Abständen Kinder als Opfer abgeholt werden.
Die Story ist unglaublich dicht und grandios erzählt. Selbst durch die bei mir etwas angespannte Konzentration beim Lesen in der Originalsprache konnte mich nicht davon abbringen, förmlich an die Seiten geheftet zu sein. Wolves oft he Calla ist definitiv einer der stärkeren Bände der Werke um den Dunklen Turm. Die Figuren werden einem immer vertrauter und der Turm rückt ungebremst näher, auch wenn in diesem Werk weder der Mann in Schwarz noch der Turm selbst eine Rolle gespielt hat. Das ka-tet ist hierin selbst für die weitere Entwicklung verantwortlich und stellt sich diesem Anspruch auch ohne besondere Einwände. Dabei werden sie ihrem Ruf gerecht und zeigen die Stärke einer zusammengewachsenen Gemeinschaft.
Kennt man Stephen King, weiß man jedoch auch, dass solche Verflechtungen – wie im realen Leben – auch erneut brüchig werden können und somit immer zu pflegen sind.
Wer sich dem Dunklen Turm stellt kommt natürlich auch nicht an diesem Werk vorbei. Während der vierte Band viel aus dem Leben Rolands erzählte, begleiten wir hier wieder das Team auf ihrem Weg in Richtung Zentrum der Balken. Der Weg ist das Ziel und hier leuchtet der fünfte Band förmlich, da er durchgehend Lesefreude bereitet und man spätestens jetzt die Gefährten in das Herz geschlossen hat. Trotz ihrer persönlichen Unterschiede agieren sie hier als geschlossene Einheit und bauen dabei das Selbstvertrauen der Farmer auf, um sich gemeinsam mit ihnen deren Feinden zu stellen.
Sollte jemand neu einsteigen wollen: Vor Lesen dieses fünften Bandes hilft es übrigens ungemein, wenn man Salem’s Lot („Brennen muss Salem“) bereits kennt, da hier in diesem fünften Band Pater Callahan eine nennenswerte Rolle spielt und man seine Verweise in Richtung Barlow und dem kleinen Städtchen Salem nur durch Kenntnis des genannten Buches verstehen wird.
Hysterika.de/JMSeibold/17.01.2021

Timo Leibig: Blasse Spuren

© Timo Leibig
ISBN 978-1-689933926
ca. 240 Seiten

COVER:

Luisa Mäderer kämpft mit den Geistern der Vergangenheit. Die Suche nach ihrem Vater, der vor 33 Jahren spurlos verschwand, scheint aussichtslos – bi sihr ein ominöses Paket zugestellt wird. Voller neuer Hoffnung beauftragt sie Privatdetektivin Leonore Goldmann.
Leonore nimmt umgehend die Ermittlungen auf und reist ins Allgäu, wo sich die Spuren von Luisas Vater einst verloren. Doch einige alte Bekannte leben dort noch, und Leonore beschleicht schnell das Gefühl, dass sie mehr wissen, als sie zugeben. Und dann ist da noch der Inhalt jenes Pakets, der sie alle in helle Aufregung versetzt …

REZENSION:

Vorweg erwähnt halte ich das Ermittlerduo Goldmann und Brandner für eine absolut gelungene und in den bisherigen Werken grandios erzählte Idee des wohl immer erfolgreicher werdenden Krimi-Autor Timo Leibig. Dementsprechend passend halte ich seine Vorgehensweise, der sympathischen Leonore eine eigene Reihe zu widmen, da sie sonst aufgrund der Geschehnisse in den Büchern über das Ermittlerduo immer mehr in Richtung Abstellgleis hätte fahren müssen.
„Blasse Spuren“ ist nun der zweite Einzelfall der nun als Privatdetektivin ermittelnden Leonore Goldmann. Selbstständige Privatdetektive im Stile Leonores können sich ihre Fälle aussuchen, sind dabei aber auch abhängig von den ihnen zugetragenen Geschehnissen. Somit kann es sich um eine simple Nachforschung ebenso handeln, wie auch Mordfälle oder anderen zu entdeckenden Begebenheiten. In diesem Falle treibt es Leonore in ein kleines Dorf – eher gezeichnet vom eigenen Verfall und der Geheimniskrämerei der darin lebenden Dorfbewohner. Goldmann lässt sich davon nicht beirren und versucht herauszufinden, warum der Vater von Luisa Mäderer vor 33 Jahren verschwunden ist.
„Blasse Spuren“ beinhaltet erstaunlich viele Informationen über das verschlafene Dorf, demgegenüber wenig aufreibende Ermittlungsarbeit. Die Idee des Falles wiederum konnte mich durch seine erfrischende und doch recht unkonventionelle Idee ganz gut überzeugen. Leider war der Weg dorthin etwas simpel gestrickt und für einen Autor dieser bereits bewiesenen Qualität etwas arg konstruiert. Nun gebe ich zu, dass es Krimis bei mir schon von jeher etwas schwerer haben, dennoch konnte mich Timo Leibig in anderen Fällen problemlos überzeugen, wodurch er hier in seiner Darbietung einen etwas zu einfachen Weg geht. Krimiliebhabern wird diese Episode aus Leonore Goldmanns Leben dennoch gefallen und auch ich möchte dieses Buch nicht als schlecht deklarieren. Es handelt sich um eine solide Arbeit, die relativ gut unterhalten kann, dabei jedoch leider keine Besonderheiten aufzuweisen in der Lage ist. Ein rechter softer Krimi mit geistig recht einfach gestrickten „Bösewichten“, denen man wohl auch ohne den beruflichen Background einer Leonore Goldmann auf die Schliche gekommen wäre.
JMSeibold/20.09.2020

Tobias Bachmann: Despina Jones & die Fälle der okkulten Bibliothek

©acabus Verlag, Hamburg 2020
ISBN 978-3-86282-779-4
ca. 290 Seiten

COVER:

In der Bibliothek für okkulte Fälle ist Despina Jones Ermittlerin der besonderen Art:

Als Nekromantin kann sie mit den Geistern Verstorbener reden. Doch auch Tote können launenhafte, eigensinnige Zeugen sein. Bei der Auflösung ihrer Fälle wird sie von einem vielseitigen Team unterstützt, das in der antiquarischen Bibliothek ihres Onkels sitzt.

Ein Priester bittet das Ermittler-Team um Hilfe, als ein Leichnam in einer der ältesten Kirchen Londons entdeckt wird. Der unbekannte Mann wurde wie Christus ans Kreuz genagelt.
Despina tappt im Dunkeln, da der Verstorbene sich selbst für Jesus hält und seiner Wiederauferstehung entgegenfiebert. Bald findet sich das Team in einem Strudel religiöser Denkweisen und Praktiken wieder, der es an die Pforten ihrer persönlichen Hölle bringt.

REZENSION:

Despina Jones & die Fälle der okkulten Bibliothek scheint das erste Buch einer neu angehenden Serie zu sein – zumindest klingt der Titel schwer danach, da sich im vorliegenden Buch natürlich nur ein Fall befindet. Dieser wiederum zeigt sich sogleich als Herausforderung für das Team um Despina Jones, da es um nichts geringeres als Gekreuzigte wie zu Jesu-Zeiten geht. Welche Rolle spielen dabei die okkulten Bücher, die nur relevant zu sein scheinen, wenn alle drei Exemplare vorliegen? Warum die religiös aufgeladenen Todesfälle?
Tobias Bachmann gründet hiermit eine recht interessante und mit okkulten Phänomenen aufgeladene Reihe um eine grandiose Ermittlerin, die nebenbei auch noch Nekromantin ist, was zur Folge hat, dass sie mit den Toten sprechen kann und dies auch dementsprechend vollzieht – es gibt ja keine besseren Zeugen, als die Toten selbst…
Die Geschichte hat es mir prinzipiell sehr angetan. Bachmann scheut vor keine Darstellung zurück und beschreibt auch die Kreuzigungen sehr explizit. Ich persönlich halte dies für eine gute Alternative zum üblichen Mystic-Allerlei – somit ein aus Krimi und Thriller, gewürzt mit ein klein wenig Horror. Alles Ingredienzen, die für Überzeugung sorgen – gleichzeitig bleiben in diesem Band die Figuren noch ein wenig blass und überraschen nie in ihrer eigenen Rolle. Hier ist definitiv noch Potenzial vorhanden, welches der Autor in eventuell geplanten Folgebänden ja noch gezielt ausarbeiten kann. Bachmann selbst agiert sehr sprachbegabt und die gesamte Geschichte lässt sich außerordentlich leicht und eingängig konsumieren. Bereits dadurch hoffe ich sehr auf weitere Fälle, da die Idee wahrlich für sich selbst spricht. Man sollte dennoch darauf achten, noch ein wenig mehr Tiefgang und Detailverliebtheit einzubauen, dann könnte die Welt um Despina Jones eine Besondere werden.
hysterika.de/01.08.2020

Andreas Gruber: Der Judasschrein

©2020 by Andreas Gruber
Copyright Gesamtausgabe ©2020 LUZIFER-Verlag
ISBN 978-3-95835-480-7
ca. 529 Seiten

COVER:

In dem abgeschiedenen Dorf Grein am Gebirge, eingeschlossen zwischen den Bergen und einem Fluss, wird eine verstümmelte Mädchenleiche entdeckt, der fast alle Rückenwirbel fehlen. Als Kommissar Alex Körner und sein Team mehrere Exhumierungen anordnen, nehmen die Ermittlungen eine ungeahnte Wendung. Zudem spitzt sich die Lage zu, als der vom Dauerregen stark angeschwollene Fluss über die Ufer tritt. Vom Hochwasser eingeschlossen und von der Außenwelt abgeschnitten, kommt eine schreckliche Wahrheit ans Licht und die grausamen Morde gehen weiter …

REZENSION:

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Tragkraft der damals nicht gerade als erfolgreich zu betrachtende Autor namens Lovecraft bis in unsere aktuelle Zeit hat. Erneut hat sich mit dem vorliegenden Buch ein Schriftsteller diesem Erbe gewidmet und einen mit lovecraftschen Elementen angereicherten Kriminalroman geschrieben. Dabei handelt es sich um den österreichischen Krimi-Export Andreas Gruber, der mir selbst bis dato eher durch gewisse, frühe Kurzgeschichten ein dezenter Begriff war. Mir ist aber bewusst, dass Gruber mittlerweile bei Krimifans ein sehr hoch angesehener Name geworden ist.
Nun also ein Versuch, Ermittlungsmaßnahmen in einem abgeschiedenen Dorf darzulegen und dabei auch noch die Kurve zu einem Meister der phantastischen Horror-Literatur zu bekommen. Ein hehrer Ansatz, da üblicherweise Krimifans eher die Finger von allzu brutalen Erzählungen und gleichzeitig Grusel- oder gar Horrorfans die Finger von zu brav erzählten Fällen weglassen.
Andreas Gruber versucht dennoch diesen schwierigen Brückenschlag und erzählt im Großen und Ganzen eine interessante Geschichte mit einem geschickt aufgebauten Plot. Zum Ende hin zusätzlich gewürzt mit einem dezenten Twist, der einem Lovecraft gerecht wird und der gesamten Geschichte noch ein kleines i-Tüpfelchen aufsetzt.
So positiv dies alles klingt, schaffte es der Autor dennoch nicht, mich gänzlich von seiner Geschichte und deren Darbietung zu überzeugen.
Insbesondere der lange und recht spannungsbefreite Kriminalplot bis weit über die Hälfte des Buches hinaus ließ mich immer wieder überlegen, ob ich das Buch nicht einfach für beendet erkläre. In diesem Fall interessierte mich jedoch stark die weitere Entwicklung und ganz besonders wollte ich wissen, wann denn nun die Welt Lovecrafts ihren Auftritt findet.
Sehr spät zeigt sich das Grauen und viel zu rasant wurde das Ende der Geschichte eingeläutet und abgehakt. Trotz dem kommenden Grauen im Fahrwasser von H.P. Lovecraft konnte mich die Geschichte durch ihren langen Vorlauf und dem intensiven Festhalten am Krimigenre nicht mehr überzeugen. Darüber hinaus könnte es in meinen Augen für reine Genreleser etwas schwierig werden: Den einen wird es zu starker und zu fantastischer Tobak – den anderen ist der Plot zu sanft. Somit nicht Fisch, nicht Fleisch, was ich außerordentlich schade finde, da Andreas Gruber sehr gut erzählen kann und man merkt, dass er sich auch in der Welt des Lovecraft ausreichend auskennt.
In meinen Augen war es eine nette Unterhaltung mit leider zu viel Längen, dafür einem zu rasant abgespulten Ende – im Gegenzug dazu ein sehr interessantes Setting und eine grundsätzlich gute Idee.
hysterika.de/18.07.2020

Timo Leibig: Nacht im März

©2018, Timo Leibig
ISBN 9781980616900
ca. 211 Seiten

COVER:

Leonora Goldmann ermittelt.

Marion Sievert ahnt Schlimmes: Ihr Mann betrügt sie. Um sich Gewissheit zu verschaffen, beauftragt sie Privatdetektivin Leonore Goldmann.
Leonore nimmt umgehend die Ermittlungen auf – und wird bald von einem unguten Gefühl erfasst. Was sie herausfindet, wirft immer neue Fragen auf: Wer sind die vier ominösen Freunde des Ehemanns? Was haben sie mit zwei Prostituierten zu tun? Und wohin verschwinden sie alle spurlos in einer winterlichen Märznacht?

Nacht im März ist der erste Kriminalfall für Leonore Goldmann aus der erfolgreichen Thrillerreihe um das Ermittlerduo Goldmann und Brandner.

REZENSION:

Die Bücher von Timo Leibig um das Ermittlerduo Goldmann und Brandner sind absolut zu empfehlen. Selbst ich als überwiegender Verweigerer von Kriminalromanen konnte mich mit diesen uneingeschränkt und auf spannende Art unterhalten. Interessanterweise sind mir die beiden richtig ans Herz gewachsen, was dazu führen sollte, dass ich auch die weiteren Werke dieses Schriftstellers immer gerne nicht nur zur Kenntnis nehmen sondern auch zu lesen bereit bin.
Nun also der erste Fall, in dem Leonore Goldmann als freischaffende Detektivin ihren ersten richtigen Fall ohne Hilfe ihres bisherigen Partners bekommt und sich dabei in höchste Gefahr begibt. Es beginnt alles ziemlich harmlos und klischeebeladen: Eine Frau wird das Gefühl nicht los, dass ihr Angetrauter sie betrügt. Seine frühere Sexsucht scheint sich wieder aktiviert zu haben; die Gute ist mit den Nerven am Ende.
Leibig fängt ziemlich klassisch und ruhig an – würde er dies so beibehalten, hätte diese Geschichte wahrlich nichts wirklich Interessantes zu bieten. Er geht aber natürlich einen Schritt weiter und greift etwas tiefer in die Trickkiste. Somit erkennt man sehr schnell, dass sich hier einiges mehr dahinter befindet, als lediglich eine gehörnte Ehefrau.
Leonore begibt sich dabei in höchste Gefahr – und als Leser fühlt man sich erneut auf eine ausreichend gute Art und Weise unterhalten. Vor allem innerhalb der klassischen Genre-Abgrenzung findet dieser nur knapp über 200 Seite umfangreiche Plot seinen Platz. Ein somit gut durchdachter Kriminalroman für einige interessante Lesestunden. Auch wenn ich weiterhin mehr auf der Seite der Geschichten stehe, in denen beide gemeinsam ermitteln, ist doch dieser Nebenplot eine schöne Abwechslung für den Leser, der diese Personen bereits des Öfteren begleiten durfte. Als dezente Kritik sei angemerkt, dass in dieser Geschichte die ein oder andere Situation arg konstruiert wirkt, Timo Leibig dies dennoch ganz gut vermittelt und man somit mit einem geschlossenen Auge getrost an manchen Zufall glauben kann. Auch im realen Leben wirkt manche Situation ein wenig unglaubwürdig und somit bin ich auch gerne bereit hier ein Auge zuzudrücken. Als Neuling in der Welt des Krimiautors Leibig sollte man dieses Buch eventuell nicht gleich lesen – lieber zuerst mit den fünf Büchern um das Ermittlerduo starten, dann wird man auch mit diesem vorliegenden nicht wirklich enttäuscht.
hysterika.de/24.06.2020

Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss

Originaltitel: A Fine Dark Line
Aus dem amerikanischen Englisch von Heide Franck
Die deutsche Erstausgabe erschien 2012 im Golkonda Verlag, Berlin
©2003 by Joe R. Lansdale
Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung des Golkonda Verlags, Berlin
Suhrkamp Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-518-46497-7
ca. 351 Seiten

COVER:

East Texas, 1958. Stans Welt ist von Gewalt geprägt: Sein bester Freund wird zu Hause verprügelt, die Küchenhilfe lebt bei einem gewalttätigen Mann, und selbst Stans Vater wird handgreiflich, wenn es um die Familienehre geht. Das einzige Gegenprogramm liefern das Autokino von Stans Vater und die faszinierenden alten Geschichten um ein Spukhaus auf dem Hügel, einen kopflosen Geist am Bahndamm und zwei in ein und derselben Nacht ermordete Mädchen. Als Stan eines heißen Sommertages im Wald ein geheimnisvolles Kästchen findet, beginnt er, begleitet von seinem treuen Hund Nub und unterstützt von dem mürrischen schwarzen Filmvorführer und Ex-Polizisten Buster, Detektiv zu spielen – ohne zu ahnen, worauf er sich da eingelassen hat.

REZENSION:

Joe R. Lansdale gehört schon seit langem zur Riege der mit Preisen überschütteten Autoren. Er bedient dabei unterschiedliche Genre und überzeugt laut meinen bisher eingeholten Informationen mit seiner Art des Erzählens eine treue Leserschaft. Interessanterweise war mir der Name des Schriftstellers eher kein Begriff. Lediglich durch gewisse Recherchetätigkeiten kam es ab und an vor, dass auch dieser Name vereinzelt genannt worden ist.
Eines Tages wagte ich mich auf das Experiment seine Werke näher kennen zu lernen. Ich schnappte mir – vor vier Jahren(!) – die Trilogie „Drive-In“ und hoffte auf erholsame Stunden mit einem für mich bis dato nicht wirklich bekannten Schriftsteller. Das erste Werk in dieser Trilogie überzeugte mich auch ziemlich gut, was jedoch – laut meiner damaligen Rezension – durch die beiden anschließenden Geschichten komplett relativiert worden ist. Das Kapitel Lansdale hat sich somit für mich erst einmal erledigt und ich widmete mich wieder anderen Werken von anderen Erzählern.
Nun, im Jahre 2020, wagte ich durch erneutes „immer-wieder-über-diesen-Namen-stolpern“ einen neuen Start in seine schriftstellerische Welt. Ich besorgte mir „Ein feiner dunkler Riss“ und erhoffte mir abermals eine faszinierte Unterhaltung.
Sehr schnell stellte sich dabei heraus, dass der Autor im Gegensatz zu meinem ersten Eindruck wahrlich ein Könner seines Fachs zu sein scheint. Die Geschichte – angesiedelt in den 50er Jahren in Texas – zog mich in ihren Bann und ließ mich auch nicht mehr los. Lansdale schreibt ehrlich, glaubhaft und rundherum interessant. Seine teilhabenden Personen lassen einen nicht mehr los und ganz nebenbei zeigt er durch seine schonungslose Wahrheit auch noch den Irrsinn des damaligen Rassismus in Bezug auf Schwarze, welcher leider nahezu uneingeschränkt bis in die heutige Zeit ausstrahlt. Das mittlerweile verpönte N-Wort taucht in diesem Werk sehr oft auf – es steht jedoch nie für sich selbst, sondern zeigt lediglich auf deutliche Art, wie dumm sich die Abgrenzung weiß/schwarz darlegt.
Seine darüber liegende Geschichte ist von einer gewissen Ruhe gefüllt und es passiert auch nicht wirklich viel spannendes. Dennoch lässt es einen nicht mehr los, da man sich dieser Episode aus dem Leben Stanleys nicht mehr entziehen kann. Seine Umgebung ist geprägt von Rassismus und Gewalt, während seine Familie trotz der strikten Trennung von Schwarzen zu Weißen nebenbei und fast ungewollt – lediglich angeheizt durch normalen Menschenverstand und Anständigkeit – für ein Aufbrechen dieser unsäglichen Denkweise sorgen.
Um die Erzählweise zu verstehen, verweise ich kurz auf die sprachliche Qualität von Stephen King in seinen umfangreichen Werken wie zum Beispiel „ES“. Diese Werke leben insbesondere von der Schwätzigkeit des Schriftstellers. Damit meine ich, King erzählt eine Vielzahl an Geschichten innerhalb seiner eigentlichen Geschichte. Diese Sidekicks sind oft ausufernd dargelegt und treiben den eigentlichen Plot oberflächlich betrachtet in keiner Weise nach vorne. Nichts desto trotz klammern sie sich an ihren Leser fest und offenbaren eine Realitätswelt hinter dem Ursprungsplot.
„Ein feiner dunkler Riss“ könnte eine dieser Sidekicks innerhalb einer Stephen King Story sein. Auch ihr kann man sich nicht mehr entziehen und man bekommt das Gefühl, dass sich hier nichts als die blanke Wahrheit abzeichnet.
Ein fantastisches Werk, welches zum ersten Mal in meinem Leben dafür sorgte, dass ich mir alle Werke eines Autors der Reihe nach in mein Notizbuch geschrieben habe. Diese werden wohl nun in aller Ruhe nach und nach ihren Zugang in meine kleine Welt finden…
Jürgen Seibold/13.06.2020

Adler-Olsen, Jussi: Opfer 2117

Originaltitel: Offer 2117
Aus dem Dänischen von Hannes Thiess
©2019 Jussi Adler-Olsen
Originalausgabe 2019
©2019 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
ISBN 978-3-423-28210-9
ca. 588 Seiten

COVER:

Seit über zehn Jahren wirkt Assad wie eine geheimnisvolle Naturgewalt im Sonderdezernat Q in Kopenhagen …

Zypern, Am Strand von Ayia Napa wird der Journalist Joan Aiguader Zeuge, wie Helfer eine Tote aus dem Wasser ziehen. Die Frau aus dem Nahen Osten ist das „Opfer 2117“ auf der „Tafel der Schande“ am Strand von Barcelona, die die Zahl der im Mittelmeer ertrunkenen Bootsflüchtlinge anzeigt. Ihr Bild geht um die Welt. Die Tote am Strand ist eine Frau, die Assad einst sehr nahestand. Mit einem Schlag kehren die Gespenster aus seiner Vergangenheit zurück: Ghaalib, ein irakischer Krimineller, hat bereits einmal sein Leben zerstört – jetzt will er Assad für immer vernichten.

Und mit Assad im Zentrum der Ereignisse beginnt für Carl Mørck und sein Team ein nervenzerfetzender, atemloser Countdown, um eine Katastrophe im Herzen Europas zu verhindern.

Zur selben Zeit kündigt ein psychisch gestörter Gamer telefonisch beim Sonderdezernat Q ein Massaker in Kopenhagen an: Er wolle Rache nehmen für eine ertrunkene Flüchtlingsfrau im Mittelmeer …

REZENSION:

Die Sonderdezernat-Reihe ist eine als Thriller angepriesene Krimi-Reihe. Somit passt sie vom Grundsatz her nicht wirklich in mein übliches Lesespektrum. Nichts desto trotz konnte mich Jussi Adler-Olsen bereits vom ersten Band weg rundum überzeugen und ich freute mich dementsprechend auf jeden weiteren Band dieser herausragenden Reihe.
Das Team selbst ist mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten zusammengewürfelt. Alle bewegen sich dabei am Rande eines psychischen Zusammenbruchs und gleichzeitig scheint dies der dünne Faden zu sein, der diese Kollegen auch persönlich und privat bombenfest zusammenschweißt.
„Opfer 2117“ ist bereits der achte Fall des Sonderdezernats Q  – gleichzeitig ein komplett anders ausgerichteter in seiner Art der Erzählung. Bisher gab es eine recht stringente Handlungslinie und das Ermittlerteam kümmerte sich um bereits vergangene, dennoch nie richtig abgeschlossene Fälle. Dabei gab es in nahezu jedem Buch auch einen Faden in die Gegenwart, dennoch war die Vorgehensweise klar gegeben.
Im vorliegenden Buch scheint nichts mehr diesem bisherigen Ablauf zu entsprechen: Es gibt keinen bereits abgeschlossenen, noch zu klärenden Fall, das Team ist aktuell fast zerbrochen, Rose findet weiterhin noch nicht wieder zurück und der uns immer noch sympathische, doch eher unbekannte Assad scheint auf irgendeine Art und Weise eine Beziehung zu dieser Toten am Strand von Ayia Napa zu haben.
Jussi Adler-Olsen greift sich ein sehr politisches Thema und verknüpft dies zu einem uns alle betreffenden, europäischen Problem. Landesgrenzen spielen keine Rolle – im Gegenteil, er zeigt auf, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit darüber hinweg notwendig sein kann.
Teilweise dachte ich mir, dass das Thema der Flüchtlinge, verknüpft mit der Planung von terroristischen Anschlägen im Herzen Europas für eine Geschichte dieser Art zu wuchtig wird. Der Autor konnte aber bei jeglichem Aufblitzen dieses Problems ein wenig vom Gas gehen und geschickt darlegen, dass er sehr wohl mit dieser Problematik umzugehen und sogar damit zu spielen weiß.
Gut, einige kleine Begebenheiten sind der Dramaturgie geschuldet ein wenig künstlich herangezogen, nichts desto trotz störte das keineswegs, sondern sorgte höchstens dafür, dass der Spannungsaufbau immer weiter angezogen werden konnte.
Nebenbei versucht Adler-Olsen noch einen kleinen psychisch gestörten Gamer mit in seine Geschichte als separates Zuckerstück einzubauen – notwendig wäre dieser Aspekt nicht gewesen, da die eigentliche, vordergründige Handlung bereits ausreichend erzählerischen Stoff bieten konnte. Trotzdem sorgte dieser Aspekt immer wieder dafür, den bekannten, sehr trockenen Witz des Ermittlerteams hervor holen zu können – dieses Markenzeichen wurde nämlich durch Adler-Olsen der Haupthandlung geschuldet in diesem Buch arg vernachlässigt.
„Opfer 2117“ ist scheinbar ein Herzenswerk des Schriftstellers und darüber hinaus ein klares politisches Statement. Auf die Handlung bezogen ein besonderes Werk in dieser Reihe, welches der Person Assads geschuldet war und dessen Persönlichkeit nun nach vielen Jahren vor dem Leser offenbart worden ist.
Erneut ein wahrer Blockbuster und ich freue mich bereits sehr auf eine Fortführung dieser Reihe – erhoffe mir dabei aber auch, dass der nächste Band nicht ganz so tiefgründig ist und den bekannten Witz wieder mehr in den Vordergrund kommen lässt. Auch wenn es in diesem Werk absolut notwendig war, so vorzugehen, wie es der Autor vorgenommen hat.
Das Sonderdezernat Q bleibt in seiner gesamten Reihe ein absoluter Tipp und wer diese Werke noch nicht kennt, sollte einfach mal mit dem ersten Fall (Erbarmen) anfangen – eine Enttäuschung wird nicht auftreten.
Jürgen Seibold/09.02.2020