Tolkien, J.R.R.: Geschichten aus dem gefährlichen Königreich

Originaltitel: Tales from the Perilous Realm
Für die deutsche Ausgabe: ©1975/1984/1999/2011/2019 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96449-3
ca. 336 Seiten

COVER:

Alle Geschichten jenseits von Mittelerde zum ersten Mal im Taschenbuch.

Die von dem bekannten Tolkien-Künstler Alan Lee illustrierte Ausgabe enthält:
Bauer Giles von Ham,
Roverandum,
Die Abenteuer des Tom Bombadil,
Der Schmied von Großholzingen,
Blatt von Tüftler.

REZENSION:

Bei „Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ von J.R.R. Tolkien fragte ich mich als erstes, ob hier erneut Fragmente aus dem Vermächtnis des großartigen Schriftstellers hervor gekramt worden sind und man viel persönliche Liebe zur Welt des Autors benötigt, um dem Buch etwas abgewinnen zu können.
Erfreulicherweise hatte ich mich getäuscht, denn in diesem Buch treffen wir auf fünf märchenhafte Erzählungen, von denen zumindest vier absolut nichts mit dem Herr-der-Ringe-Kosmos zu tun haben. Lediglich Tom Bombadil ist eine bekannte Figur aus Mittelerde – die hier aufgeführte Geschichte ist in diesem Werk – zumindest aus meiner Sicht – auch die schwächste. Dies liegt aber ausschließlich an der Erzählform, da es sich bei „Die Abenteuer des Tom Bombadil“ um mehrere in Gedichtform erzählte Werke handelt. Dieser Art des Erzählens konnte ich bereits als Schüler nicht viel abgewinnen und so begeisterte mich auch dieser Part nicht besonders – dennoch: sprachlich gibt es nichts einzuwenden und die Erlebnisse Bombadils sind nicht uninteressant.
Wahrlich gigantisch sind im vorliegenden Buch die übrigen vier Kurzgeschichten. Jede davon losgelöst von der Mittelerde und jede davon alleine in sich funktionierend und wahrlich sagenhaft.
„Bauer Giles von Ham“ ist dabei mein absoluter Favorit. Ich habe schon lange nicht mehr eine generationsübergreifend funktionierende Geschichte gelesen, die rundum überraschend und voller Witz ausgebreitet ist. Ich hätte noch erheblich mehr über den von Glück verfolgten Bauern lesen können. Hut ab vor dieser Geschichte. Dem gefolgt kommt „Roverandom“, bei der ich mich bereits fragte, wie die bereits vorhandene Qualität aufrechterhalten werden könnte. Tolkien scheint aber auch ein König der vordergründig simplen Geschichte zu sein, handelt es sich dabei doch um eine Art „Gute-Nacht-Geschichte“ für Kinder, die aber ebenso bei mir problemlos Wirkung zeigen konnte. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann mich zum letzten Mal eine Geschichte mit einem Hund als Hauptdarsteller dermaßen begeistern konnte. Hier trifft man wirklich auf alles Mögliche: Der Mann im Mond spielt eine zentrale Rolle, wir begegnen Zauberern, Meereswesen und noch vielem mehr. Eine echte Fabel mit einem dezenten Nachhall, der dem Ganzen eine Krone aufsetzt und somit ebenfalls bei jedem Eindruck hinterlassen sollte.
Nach den Abenteuern von Tom Bombadil folgt „Der Schmied von Großholzingen“. Eine Geschichte in der Tolkien sein Faible für elbische Einflüsse geschickt aufblitzen lässt. Voller Witz schafft er es auch hier, für eine dezente Nachdenklichkeit zu sorgen, ohne dabei irgendeinen Finger heben zu wollen. Last but not least noch die fast am Anspruchsvollsten wirkende Geschichte mit dem Titel „Blatt von Tüftler“. Hierin scheint Tolkien seinem Leser etwas mehr mitgeben zu wollen. Nichts desto trotz verströmt sie einen Charme, wie er besser nicht sein kann.
„Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ ist in meinen Augen ein Abschluss wie er besser nicht sein kann. „Abschluss“ meine ich bewusst in Hinblick auf die letzten Veröffentlichungen, die zum Teil nur schwer verdaulich waren, beziehungsweise nur bei echten Fans funktionieren konnten.
„Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ funktioniert uneingeschränkt bei jedem einigermaßen menschlich gebliebenen Leser – ein klein wenig erhaltene Kindheit wäre jedoch hilfreich. Ich werde jedenfalls mindestens 4 dieser 5 Geschichten in meinem Herzen behalten, wobei ich ein absoluter Fan von Bauer Giles geworden bin…
Jürgen Seibold/15.10.2019

Tolkien, J.R.R.: DER HERR DER RINGE

© J.G. Cotta’sche Buchhandlung
ISBN 978-3-608-93984-2
Band 1: Die Gefährten – ca. 608 Seiten
Band 2: Die zwei Türme – ca. 510 Seiten
Band 3: Die Rückkehr des Königs – ca. 444 Seiten

COVER:

Die Gefährten

Ein beschauliches Dorf im Auenland.
Alles ist ruhig und friedlich, bis der jungen Hobbit Frodo einen unvorstellbar gefährlichen Auftrag bekommt: Er muss eine Fahrt quer durch Mittelerde ins düstere Morder antreten, um dort den Einen Ring der Macht zu zerstören …
Denn nur so kann die dunkle Herrschaft Saurons gebrochen werden.

Die zwei Türme

Die Gefährten mussten sich trennen: Frodo und Sam ziehen ganz alleine weiter den Fluss Anduin hinab. Ganz allein? Eine zwielichtige Gestalt schleicht ihnen nach, wohin sie auch gehen.

Die Rückkehr des Königs

Die Armeen des dunklen Herrschers Sauron dringen immer weiter vor. Endlich schließen sich Menschen, Zwerge, Elben und Ents zusammen, um gemeinsam in die Schlacht gegen das Böse zu ziehen. Und währenddessen kämpfen Frodo und Sam sich weiter in Mordor vor, um den Einen Ring für immer zu zerstören.

REZENSION:

Ich bin mir absolut sicher, dass es keine Worte über den Inhalt dieser sagenhaften Geschichte von J.R.R. Tolkien bedarf. Jedem Kenner der phantastischen Literatur war dieses Buch per se ein Begriff – nach Erscheinen der wahrhaft gut umgesetzten Verfilmung wurde diese fantastische Welt mit Sicherheit auch dem Rest der Welt nahegebracht.
Man könnte nun viel über den Unterschied Film / Buch diskutieren – aber hier geht es nicht um Filme.
Davon abgesehen stellt sich überhaupt die Frage, ob nicht sowieso schon ausreichend über dieses Werk geschrieben worden ist.
Nun, auch ich möchte einige Worte verlieren:
DER HERR DER RINGE war mir bereits als Kind ein Begriff. Ich kann überhaupt nicht mehr nachvollziehen, wie oft ich dieses Werk aus diversen Regalen gezogen und darin geblättert habe. Es zog mich immer wieder an – allein schon wegen seiner Fülle und meinem dementsprechenden Respekt vor diesem dicken Werk.
Als ich das Buch wiederum zum ersten Mal gelesen hatte, war ich schon ein wenig älter – somit schon in einem sehr reifen Jugendalter. Sozusagen bereits an der Tür des Erwachsenwerdens anklopfend.
Auch mich hatte es relativ schnell gefesselt und es ist und bleibt die unumstrittene Bibel der Fantasy – da führt schlicht kein Weg daran vorbei.
Noch heute steht das berühmte rote Buch in meinem Regal. Damals für teures Geld gekauft und bis heute absolut stolz darauf.
Dieses Werk hatte ich dann natürlich nicht nur einmal gelesen – sehr genau kann ich mich noch daran erinnern, es erneut vor meinen Augen ausgebreitet zu haben, als der Film von Peter Jackson veröffentlicht worden ist. Nebenbei erwähnt: Ja, das Buch ist natürlich tiefgründiger und detaillierter, somit besser – nichts desto trotz halte ich auch den Film in seiner Umsetzung für absolut fabelhaft. Ist eben ein anderes Medium.
Als dann zu Zeiten des Films die Übersetzung von Wolfgang Krege auf den Markt kam, bekam ich sehr viel über die teils kontrovers geführten Diskussionen innerhalb der Fangemeinde mit. Ein wahres Feuerwerk an Beschimpfungen wurde losgelassen.
Ich hielt mich da geflissentlich raus – entschied mich aber dazu, mir die Übersetzung von Krege nicht an zu tun. So wirklich gab es auch keine Notwendigkeit, hatte ich doch die alte Übersetzung in einer wunderschönen Ausgabe weiterhin in meinem Fundus.
Nun befinden wir uns im Jahre 2019 und es ist – wie vom Verlag mitbekommen – ein besonderes Jahr, denn DER HERR DER RINGE feiert Jubiläum.
Durch diesen Umstand fand die neu aufgelegte Krege-Übersetzung seinen Weg zu mir.
Gedanklich an die früheren Diskussionen erinnert, wusste ich nicht wirklich, ob ich mir dieses Werk antun soll.
Nun, hätte ich es nicht getan, wäre es ein Fehler gewesen!
Ja, die frühere Übersetzung ist getragener und wie aus einer anderen Zeit gefallen. Dies spricht stark für die Geschehnisse in Mittelerde. Gleichzeitig lässt sich die Krege-Übersetzung aber ausgesprochen flüssig und erheblich eingängiger lesen, was mir persönlich unglaublich gut gefallen und auch gutgetan hat.
DER HERR DER RINGE war trotz seines Glanzes ein Werk mit hohem Anspruch und man musste sich diesem auch konzentriert beugen. Dies lässt sich auch weiterhin jederzeit vornehmen, da die alte Übersetzung nicht von der Welt ist. Nichts desto trotz kann man bei Kreges Übersetzung förmlich über die Seiten fliegen und hierdurch bekam dieses mir bereits bekannte und mehrfach gelesene Werk einen interessanten neuen Schwung, der dafür sorgte, dass ich diese Vielzahl an Seiten in kürzester Zeit gelesen hatte.
Doch darüber hinaus hat die neue Übersetzung auch dafür gesorgt, dass nun DER HERR DER RINGE auch weiterhin mein absolutes Lieblingsbuch in diesem Genre bleibt. Hier scheint das dezente Abstauben wahrlich gute Arbeit geleistet zu haben.
Ehrlich gesagt verstehe ich auch das harte Herangehen der Fans nicht: Es geht keineswegs die Welt unter, wenn ein Übersetzer einen dezent neuen Weg zur Verjüngung einer sagenhaften Geschichte wagt. Sollte man damit nicht einverstanden sein, ist es wirklich nicht notwendig, wutentbrannt los zu schreiten – nein, man kann einfach weiterhin die bisherige Version lesen und lesen und lesen…
Somit einfach akzeptieren, genießen oder bleiben lassen.
Ich persönlich halte nun beide Versionen für sinnvoll: Die eine, falls man hochkonzentriert und etwas getragen in Tolkiens Welt abtauchen möchte, die andere, falls man relativ flüssig, rasant und eingängig eine tolle Geschichte lesen möchte.
Die Entscheidung bleibt jedem selbst überlassen. Schlecht ist wahrlich keine der beiden Varianten.
Jürgen Seibold/09.07.2019

Durfee, Brian Lee: Der Mond des Vergessens – Die fünf Kriegerengel 1

Originaltitel: The Forgetting Moon. The Five Warrior Angels Book 1
Aus dem Amerikanischen von Andreas Heckmann
©2016 by Brian Lee Durfee
Für die deutsche Ausgabe: ©2018 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96141-6
ca. 888 Seiten

COVER:

Von immer schlimmeren Wahnvorstellungen besessen, regiert Jovan, der älteste Sohn des gefallenen Königs, über Gul Kana. Verzweifelt versuchen seine Schwestern Jondralyn und Tala, die tyrannische Herrschaft zu beenden. Kann das Königreich die Bedrohung durch die näher rückende Armee, die alles bislang Dagewesenen an Grausamkeit übertrifft, überstehen?
Kann es sich gegen die neue Religion Raijaels behaupten? Und hat das Schicksal des jungen Nail etwas mit einer uralten Prophezeiung zu tun? Mit seinen Freunden, die ihn begleiten, gerät er in immer größere Gefahr.

REZENSION:

Ein Buch, schwer wie ein Ziegelstein. Dann auch noch der erste Ziegelstein einer Reihe.
Über 800 Seiten und dennoch gerade mal der Start eines neuen fantastischen Epos?
Gleichzeitig ein Coverbild, welches voller Klischees den Leser gedanklich an Fantasybücher der 80er/90er Jahre erinnern lässt? Kann das sein? Soll der für Qualität und nicht für Quantität bekannte Klett-Cotta-Verlag dermaßen danebengegriffen haben? Ich kann es mir fast nicht vorstellen.
„Der Mond des Vergessens“ musste trotzdem immer wieder auf meinem Stapel ungelesener Bücher etwas nach unten weichen und einem anderen Buch den Vortritt lassen.
Dafür gab es mehrere Gründe, die sich aus den oben genannten Gedanken ergaben:
Es ist extrem dick.
Das Bild wirkt sehr klischeehaft.
Die Coverbeschreibung klingt in ihrem Versuch, den Inhalt dieses Wälzers zu erklären, etwas verwirrend beziehungsweise dünn wie jede andere Coverbeschreibung.
Und nochmal: Es ist extrem dick und dabei erst Band 1! Soll ich mich wirklich einem weiteren Epos-Start widmen? Gibt es nicht schon genug noch nicht zu Ende geführte Epen dieses Genres?
Tja, eines Tages war es soweit und ich widmete mich mit zwiespältigen Gefühlen diesem Werk.
Wie so oft bei umfangreichen Werken, strotzt auch dieses von einer Vielzahl an teilnehmenden Personen. Hierfür ist – wie oft in diesem Genre – extra ein Anhang integriert. Ich bin aber der Meinung, ein Autor sollte so gut erzählen können, dass man als Leser eben nicht für Erläuterungen oder Familienbeschreibungen immer wieder nach hintern blättern muss.
Schon mal vorweg: Interessanterweise hatte mich das Buch bereits nach dem Prolog fest im Griff. Trotz des eher langsamen Einstiegs Brian Lee Durfees in seine Welt und trotz der noch unbekannten, dafür in hoher Zahl auftretenden Personen, schaffte er es, mich durch seine Lebendigkeit an die Seiten zu fesseln.
Vorab ein kleines Fazit: Endlich mal wieder ein absoluter Blockbuster im Bereich der Fantasy!

Durfee liefert einen High-Fantasy-Roman mit einer Vielzahl an verschiedenen Handlungsebenen und einer daraus resultierenden Komplexität, die sich jedoch durch seine Art des Erzählens beinahe gänzlich aufzulösen scheint. Man wird das Gefühl nicht los, in diesem Werk mehreren verschiedenen Geschichten zu folgen.
Jede einzelne für sich absolut interessant – aber: scheinbar auch lange Zeit voneinander losgelöst.
Nach und nach schafft es Durfee nahezu virtuos, diese Stränge zu einem Netz zusammen zu fügen, wie es nicht schöner sein könnte.
Sprachlich bleibt er sehr eingängig und überzeugt mit Handlungen und eben nicht mit langen, ausschweifenden Erklärungen und Umschreibungen, wie es leider zu oft in diesem Genre vorzukommen scheint. Im Gegenteil, er überzeugt schlicht durch seine Geschichte und umschreibt oder erklärt nur, wenn es seiner Meinung nach absolut notwendig wird.
Man erkennt dabei deutlich: Es funktioniert! Man taucht als Leser viel stärker in die Welt ein – vielleicht liegt das an dem Umstand, dass man bis zu einem gewissen Grade, die Welt selbst in den eigenen Gedanken entstehen lassen kann und man vom Autor nur eine gewisse Richtung präsentiert bekommt.
Durfee kümmert sich einfach auf liebevolle und sehr detaillierte Weise um seine Story – dabei ist zu beachten: Er scheut auch nicht vor Gewalt zurück und stellt diese auch uneingeschränkt dar. Ich halte das für notwendig, ehrlich und passend. Wer damit nicht klar kommt, sollte aber von solchen Werken die Finger lassen.
Alles in allem handelt es sich bei „Der Mond des Vergessens“ um einen absolut und uneingeschränkt zu empfehlenden Start einer neuen Reihe. Auch wenn es mich ärgert, dass Fantasyautoren scheinbar nur noch im großen Maßstab Bücher schreiben können – hier stört es mich nicht, denn ich freue mich wirklich sehr auf die Fortsetzung und hätte diese gerne nahtlos zur Hand genommen.
„Der Mond des Vergessens“ ist schlussendlich eines meiner Jahreshighlights in diesem Genre!
Jürgen Seibold/28.09.2018