Hansen, Thore D.: Die Reinsten

©2019 by Golkonda Verlags GmbH & Co. KG, München – Berlin
ISBN 978-3-946503-90-3
ca. 422 Seiten

COVER:

Die Erde im Jahr 2191: Hundertfünfzig Jahre nach einer verheerenden Zeit von Kriegen, Seuchen und Klimakatastrophen führt die künstliche Intelligenz Askit die letzten Überlebenden in eine Ära des Friedens. Elite der neuen Welt sind die Reinsten, die als Wissenschaftler für die Regeneration des Planeten arbeiten. Ihre Persönlichkeitsentwicklung wird von Askit ständig überwacht und gesteuert.

Eve Legrand wird von der KI in der wichtigsten Prüfung ihres Lebens als Reinste anerkannt. Doch anstatt von Askit ausgewählt zu werden, um die Erholung des Planeten von den Folgen des verheerenden Klimawandels voranzutreiben, wird sie ohne Erklärung verstoßen. Ihr bleibt nur die Flucht in die Zonen, die nicht von Askit kontrolliert werden. Eve wird dort mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die ihre gesamten Werte und Vorstellungen radikal infrage stellt. Und während sie beginnt, die Welt mit anderen Augen zu sehen, begreift Eve, dass Askit sie zum Werkzeug bestimmt hat: Es liegt in ihrer Hand, die Menschheit zu retten oder sie endgültig zu vernichten.

REZENSION:

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich endlich eine ansehnliche Zahl an Romanen mit den unausweichlichen Effekten des Klimawandels beschäftigen. Wie in den meisten ist es auch im vorliegenden Buch nicht gerade schön, was so alles auf uns zu kommt.
Thore D. Hansen stellt eine Welt dar, die absolut plausibel ist. Keinerlei Punkt wird beschönigt – im Gegenteil, seine Geschichte wirkt sehr wissenschaftlich und zeigt jeglichen Umstand einigermaßen detailliert ausgebreitet dar.
Die Reinsten ist somit eine Art Dystopie – eine „Art“ deshalb, da wir uns auf dem besten Wege dorthin befinden und eine Vielzahl bereits eingetroffen ist.
Fiktional bleibt beinahe nur die KI namens Askit, welche die Rolle des übergeordneten „Kümmerers“ übernommen hat. Somit prinzipiell schon einmal eine Verbeugung vor der außerordentlich gelungenen Idee mit einer Vielzahl an Fäden, die direkt mit unserer Gegenwart verbunden sind.
Dennoch konnte mich der Roman nicht wirklich überzeugen, geschweige denn begeistern. Dies liegt an der erzählerischen Vorgehensweise des Autors. Die schriftstellerische Qualität lässt nicht viel zu wünschen übrig, aber das Wort alleine reicht leider nicht, um einen Leser mitfiebern zu lassen. In diesem Fall dreht sich Thore D. Hansen leider zu oft im Kreis und man fragt sich, wann nun endlich der nächste Gang reingelegt und etwas Tempo aufgenommen wird. Darüber hinaus hatte ich keinen Zugang zur Hauptdarstellerin aufbauen können. Geschieht dies in einem Roman, versucht man als Leser andere Ebenen zu greifen, um noch ein wenig in das Geschehen eintauchen zu können. Da Eve in ihrer Rolle jedoch sehr dominant wirkt, ich nicht mit ihr warm geworden bin, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir über Sinn und Zweck dieser Story Gedanken machte.
Das ist sehr schade, da die Idee wahrlich gut ausgearbeitet worden ist und die dargestellte Welt nach der Klimakatastrophe nur eine Hand breit weg zu sein scheint. Nichts desto trotz wirkte alles etwas aufgesetzt und die handelnden Personen nahmen vieles zu leicht hin. Sobald jemand Kontur bekam, die Umstände aber für eine Änderung sprachen, drehte sich die Figur sogleich in die richtige Richtung und verlor dadurch erhebliche Glaubwürdigkeit.
Kurzum: Die Reinsten strotzt vor einer unglaublich gelungenen Idee und könnte sicherlich auch manchen Leser positiv überraschen. Für mich hat es leider nicht gereicht, da die Handlung durch die sehr ausführliche Buchbeschreibung nahezu abgesteckt worden ist und es keine außergewöhnlichen Überraschungen gab, um mich bei der Stange halten zu können.
Jürgen Seibold/28.11.2019

Andreas Brandhorst: Das Erwachen

©Piper Verlag GmbH, München 2017
ISBN 978-3-492-06080-6
ca. 736 Seiten

COVER:

Kenia. Ein unscheinbarer Computer wird von einem Virus befallen. Ein kleines Programm, das sich rasend schnell im Internet ausbreitet und unzählige Rechner auf der ganzen Welt miteinander vernetzt. Überall kommt es zu Störfällen, die Stromversorgung bricht zusammen. Alles, was am Internet hängt, gerät außer Kontrolle. Die Regierungen beschuldigen sich gegenseitig, die Staaten geraten an den Rand eines globalen Krieges. Der Hacker Alex Krohn und seine Verbündete Giselle suchen nach einem Weg, das Virus aufzuhalten. Doch dabei entdecken sie etwas viel Größeres: Der Moment, vor dem die Wissenschaftler immer gewarnt haben, ist gekommen – die erste Maschinenintelligenz ist erwacht …

REZENSION:

Es gibt eine ganze Reihe an Büchern und Filmen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, auf Basis der aktuellen Forschungen den mahnenden Finger zu heben. Teilweise gut verkleidet als dystopische Werke, teilweise sehr detailverliebt und erklärend. Viele davon konnten mich zwar sehr gut unterhalten, dennoch konnten sie die auftretende Gefahr nicht ausreichend genug widerspiegeln, um den mahnenden Finger im Gedächtnis des Lesers bzw. Betrachters bei zu behalten.
Nun nimmt sich Andreas Brandhorst dem Thema der Maschinenintelligenz an. Bisher eher bekannt als herausragender Science-Fiction-Autor schweift er mit seinem neuesten Werk namens “Das Erwachen” in das Genre des Thrillers ab.
Brandhorst ist mir dabei bekannt als ein Autor, der sich die Arbeit nicht allzu einfach macht. Dementsprechend gut sind sämtliche seiner Werke recherchiert und ich fragte mich oft, warum er sich für seine Zukunftsszenarien soviel Mühe macht – könnte er doch einfach alles erfinden, wie er es denn möchte. Wohl deshalb sind seine SF-Romane jedoch so angesehen, wirkt doch seine Technik und insbesondere die von ihm jeweils verbreiteten philosophischen Gedanken sehr dicht gewebt und klar herausgestellt.
Nun also ein Roman, der in etwa in unserer Zeit spielt und dabei die technische Abhängigkeit innerhalb eines Thrillers zum Thema hat.
Mal davon abgesehen, dass die reinen Thriller-Elemente dem Genre entsprechen und dadurch ab und an vorhersehbar sind, wirkt “Das Erwachen” insbesondere durch die detaillierte Ausführung Brandhorsts in Bezug auf die Entstehung der Maschinenintelligenz und ganz besonders unserer Abhängigkeit zur heutigen Technik.
Man könnte sich eigentlich ruhig zurücklehnen und sich keine Gedanken darüber machen, wenn plötzlich in der Vielzahl an vernetzten Rechnern ein Virus dafür sorgt, dass sich eine Maschinenintelligenz bildet. Wenn man jedoch ein klein wenig mehr darüber nachdenkt – wozu dieses Buch hervorragend hilft – erkennt man sehr deutlich, dass sich erheblich mehr dahinter verbirgt als lediglich ein eventuell nicht mehr vorhandenes Internet. Sind doch mittlerweile fast alle von uns genutzten Geräte, Verkehrsnetze, Kraftwerke und vieles mehr miteinander verbunden – welche Macht würde dadurch entstehen, wenn diese plötzlich jemand autark steuern könnte? Noch schlimmer: Was wäre, wenn es sich dabei um eine lernende Maschine handelt, die nicht wirklich Rücksicht auf die auf diesem Planeten lebende, menschliche Spezies nehmen muss.
Brandhorst lässt einen dementsprechend mitfiebern und man hofft, das die Menschheit irgendwie noch die Kurve bekommen wird.
Brandhorst wäre natürlich nicht Brandhorst, wenn er nicht auch ein wenig philosophieren könnte und seine “Endlösung” sorgt definitiv für einige tiefgehende Gedanken nach Beenden des Buches. Wäre wahrlich schön, wenn es wirklich so funktionieren könnte – aber macht euch selbst ein Bild.
Alles in allem ein wirklich außerordentlich gut geschriebener Thriller, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Normalerweise würde ich Brandhorst bitten, weiter in seinem Genre zu schreiben – nun muss ich das revidieren und würde mich auch über weitere Bücher aus dem Thriller-Genre von ihm freuen. Bin mal gespannt, welche Ideen dieser Autor noch aufweisen kann.
Jürgen Seibold/02.10.2017
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Philip Kerr: Game Over

Kerr_GameOverOriginaltitel: Gridiron
© 1996 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg
“Gridiron” © 1995 by thynKER ltd
ISBN 978-3-499-22400-3
ca. 544 Seiten

COVER:

Ein High-Tech-Hochhaus in Los Angeles wird zur tödlichen Falle, als der Zentralcomputer plötzlich verrückt spielt. Mit dem ersten Toten beginnt für den Stararchitekten Ray Richardson ein wahrer Alptraum, mit jedem weiteren Toten steigert sich der Horror.

REZENSION:

Als ich die Beschrreibung des Buches Game Over von Philip Kerr gelesen hatte, dachte ich sogleich an frühere Horrorfilme wie zum Beispiel “Fahrstuhl des Schreckens”. Diese spielten schon vor langer Zeit mit einer kleinen Verschiebung der Normalität: Die Technik macht nicht nur, was sie machen soll.
Philip Kerr geht noch einen Schritt weiter und bringt uns in ein komplett neu konstruiertes Hochhaus vor seiner eigentlichen Eröffnung. Die letzten Vorbereitungen werden durchgeführt, jedoch kommen nach und nach einzelne Personen ohne anzunehmende Fremdeinwirkung ums Leben.
Sehr schnell stellt sich dabei heraus, dass die Menschen zum Spielball des hochentwickelten Computersystems werden, welches in diesem Haus sämtliche Versorgungseinrichtungen vollautomatisch steuert und dabei selbstlernend funktioniert.
Philip Kerr legt dabei einen sehr gut durchdachten und für das Entstehungsjahr bereits sehr visionären und immer noch zum größten Teil technisch passenden Thriller vor, der sich durchweg flüssig und eingängig lesen lässt. Seine Charakter bestehen aus sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten, die gut vom Autor gezeichnet werden.
Die Allmacht des Computersystems wird plausibel dargelegt und man springt bereits nach kurzer Einführungszeit von Geschehnis zu Geschehnis. Ein durchweg gut strukturierter Roman mit einer einfachen aber dennoch klaren Botschaft. Gleichzeitig ein typischer Thriller, den man sich sehr gut auch als abendfüllenden Unterhaltungsfilm vorstellen könnte.
Kurzum: Ein sehr gut durchdachter und spannender Unterhaltungsroman für einige angenehme Lesestunden voller Spannung in einem atemberaubenden Gebäude.
Jürgen Seibold/27.08.2016
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HYS057 – Künstliche Intelligenz

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