Jack Ketchum: Scar

Originaltitel: The Secret Life OF Souls
© 2016 by Dallas Mayr and Lucky McKee
© 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-67717-3
ca. 336 Seiten

COVER:

Mit elf Jahren ist Delia Cross bereits ein gefeierter Fernsehstar – aber nicht glücklich. Ihre Mutter ist von krankhaftem Ehrgeiz getrieben. Ihr Vater dem Alkohol verfallen. Ihr Bruder von Eifersucht zerfressen. Einzig der Familienhund Caity hält immer treu zu ihr. Dann droht ein tragischer Unfall, Delias Karriere für immer zunichte zu machen. Doch sogar ihre Narben werden gegen ihren Willen vermarktet. Bis sie beginnt, sich zu wehren …

REZENSION:

Geschichten, in denen Kinder die tragische Hauptrolle tragen, sind in meinen Augen immer besonders intensiv. Bereits in EVIL ging Jack Ketchum in diese Richtung und präsentierte ohne jegliche Rücksicht auf Verluste einen Ausblick auf die unglaublichen Möglichkeiten des Mobbings, des Gruppenzwangs und der sozialen Abgeschiedenheit.
Während er bei EVIL noch stark auf Horrorelemente Wert zu legen schien, ließ er dies im vorliegenden Buch beinahe durchweg unberücksichtigt. Was jedoch dieser Geschichte keinesfalls schadet – im Gegenteil: Sie bekommt dadurch eine stärkere Glaubwürdigkeit verliehen.
In SCAR lernen wir eine Familie kennen, wie es sie sicherlich unzählige Male auf diesem Planeten gibt. Die Zusammenstellung beinahe klischeehaft: Eltern, 2 Kinder und ein Hund. Nun jedoch auch noch eine Mutter, die schon immer Schauspielerin werden wollte, dabei jedoch auf keinen wirklich grünen Zweig gekommen ist. Aber sie hat ja ein hübsches Töchterchen. Recht jung noch, dennoch – oder gerade deswegen – leicht zu vermarkten. Beide tingeln dabei von einem Fotoshooting zum anderen, von einer Werbeaufnahme zur anderen und von einem Casting zum nächsten.
Delia ist nicht wirklich davon begeistert, spielt aber als anständige Tochter stoisch mit.
Nach und nach erkennt man an Ketchums Geschichte, dass das gesamte Familieneinkommen auf dieser Tätigkeit beruht. Somit sich nahezu alternativlos darstellt. Als dann plötzlich ein sehr dummes Unglück geschieht und dabei Delias Gesicht mit Narben entstellt wird, verdichtet sich diese Problematik in ungeahnte Höhen: Die Krankenhausrechnungen mögen bezahlt sein, Abstriche beim Lebensstandard werden nur ungern gesehen.
Während sich beide Elternteile immer mehr dem Alkohol und neuen Ideen widmen, arrangiert sich Delia mit ihrem neuen Aussehen und ist fast froh, dem Filmwahnsinn damit entgehen zu können.
Die Ehe bröckelt immer mehr, bis kurzfristig eine Lösung am Horizont auftaucht: Man könnte ja auch das verunglückte Kind vermarkten. Am Besten noch gemeinsam mit ihrem Hund, der ihr damals das Leben gerettet hatte.
Ketchum zieht ab da wieder die Dramatik an und führt Delia wieder als Spielball ihrer Mutter vor – diese möchte sich das aber nicht mehr wirklich gefallen lassen und reagiert immer öfter auf eigene Entscheidung und mit unvorhergesehenen Äußerungen.
DasFamiliendrama spitzt sich dadurch immer mehr zu: Der Alkohol fließt und auch der zeitweise Besuch fremder Betten ist nicht mehr wirklich eine Randerscheinung.
SCAR ist beileibe kein Horrorroman, wie viele Fans dieses Autors sicher erwarten würden. Nichts desto trotz ist es Jack Ketchum gelungen, eine Geschichte zu kreieren, die ihren Horror aus der normalen Nachbarschaft zieht. Als Leser fühlt man sich wie ein Voyeur, der seinen Blick in die Tiefen einer angespannten Familie legen darf. Dabei erkennt man sehr deutlich, wie nahe oft Alltäglichkeit, Hoffnung und absoluter Wahnsinn beieinander liegen können.
SCAR wirkt absolut real und dementsprechend glaubwürdig. Aus diesem Grund auch dementsprechend intensiv. Nun gut, auch Freunde der dezent eingestreuten, mystischen Elemente kommen nicht zu kurz: Es gibt ja noch Caity, Delias Hund. Hier könnte man fast sagen, dass klingt nicht gerade nach Realität – aber ich als Hundebesitzer kann nur sagen: Doch, das klingt sehr wohl glaubwürdig. Davon abgesehen gibt es dieser Geschichte eine gewisse freundliche Würze, denn Caity ist einfach der einzige Anker, der Delia noch geblieben ist.
In meinen Augen ein absolut gelungener und intensiver Roman über eine Familie, die von Besessenheit getrieben wird und dabei nicht einmal Rücksicht auf ihre eigenen Kinder nimmt.
Leider befürchte ich, dass es auch viele Beispiele außerhalb des gedruckten Wortes im realen Leben gibt – auch das wird zu keinem guten Ende führen…
Jürgen Seibold/24.09.2017

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Jack Ketchum: Evil

Ketchum_evilOriginaltitel: The Girl Next Door
Aus dem Englischen von Friedrich Mader
© 1989 by Dallas Mayr
© dieser Ausgabe 2005 by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-67502-5
ca. 335 Seiten / € 8,95

COVER:

Eine Vorstadt in den USA der Fünfzigerjahre. Kein schlechter Ort, um seine Jugend zu verbringen – weitab von McCarthys Kommunistenjagd, dem Kalten Krieg und der Atombombe. Doch dieser Ort hat auch seine düsteren Seiten, wie der junge David bald erfahren wird. Denn in der kleinen ruhigen Sackgasse, in der er und seine Freunde wohnen, geschehen in einem Keller Dinge, von denen niemand weiß und die auch nicht ans Tageslicht kommen sollen. Was passiert, wenn der Wahnsinn ungebremst seinen Lauf nimmt und das Böse von den Menschen Besitz ergreift?

REZENSION:

Schon mal vorweg genommen, ist der Titel dieses Buches absolut nicht nachvollziehbar, da der Originaltitel “The Girl Next Door” rein aus Gesichtspunkten des Horrorgenres erheblich wirksamer und befremdlicher wirkt als das platte “Evil”.
Lange habe ich überlegt, ob ich mir dieses Buch zulegen sollte – insbesondere der fehlende Umstand, es direkt als eBook laden zu können, vermieste mir es ein klein wenig. Hin- und hergerissen griff ich dann doch eines Tages beim Taschenbuch zu und widmete mich dieser nach einer wahren Begebenheit entstandenen Geschichte. Laut meinen Informationen spielte sich die reale Begebenheit in einer späteren Zeit statt, als diejenige, die der Autor nun für seine brutale Achterbahnfahrt verwendet. Prinzipiell ist es aber schlichtweg egal, wo der Inhalt dieses Buches stattfindet und woher der Autor seine Idee hat, denn das in diesem Buch erzählte kann sich jederzeit in deinem Nachbarhaus genau so oder zumindest ähnlich abspielen.
Doch was spielt sich denn nun ab in EVIL?
Als Leser dieses Romans begleiten wir David, der uns in Ich-Form seine Erlebnisse als Kind schildert. Bereits durch die Verwendung dieser Art des Schreibens rücken wir als Leser sogleich sehr nah an en Erzähler heran und müssen leider bald erkennen, dass dieser Umstand die Geschichte nur noch erschreckender macht.
David erzählt uns von seiner Kindheit in einem kleinen Nest in den 50ern Amerikas. Er lebt als ganz normaler Junge in einer Sackgasse und vertreibt seine Zeit mit den Nachbarskindern.
Durch einen Unfall verlieren zwei Mädchen ihre Eltern und ziehen daraufhin bei Ruth und ihren Kindern ein. Recht schnell lernt David die größere der beiden Schwestern – Meg – persönlich kennen und hält sie einfach für ziemlich cool.
Ihre Schwester Susan wiederum ist durch besagten Unfall noch an Schienen “gefesselt”, damit ihre reichlichen Knochenbrüche verheilen.
In Ruths Haus befindet sich im Keller ein Bunker, den ihr – nicht mehr bei ihr lebender – Ehemann in einem typischen Anfall von Untergangsangst baute.
Hierin werden sich sehr bald die schrecklichsten Dinge abspielen.
Es beginnt alles sehr langsam und somit beginnt alles ganz einfach mit typischen Hänseleien gegenüber Meg. Diese Hänseleien werden jedoch immer intensiver und plötzlich befindet sie sich gefesselt in besagtem Keller und das menschenverachtende Misshandeln nimmt seinen Lauf. Selbst die Mutter – Ruth – beteiligt sich dabei und verstärkt diese Begebenheiten durch einen in ihr langsam aufwachenden Wahn mehr und mehr. Sehr bald überschreiten sie Grenzen, die man definitiv niemals überschreiten sollte.
Nun könnte man durch die detaillierten Misshandlungserzählungen des Autors schlicht sagen, es handelt sich hier um einen Horrorroman der üblen Art – dem kann ich mich aber ehrlich gesagt nicht wirklich anschließen. EVIL ist erheblich mehr als eine einfach Horrorgeschichte und ich bin mir absolut sicher, dass auch der Autor mehr damit erreichen wollte.
Neben Ruth befinden wir uns in einer Gruppe sehr junger Kinder, die gemeinsam ein Mädchen misshandeln – und exakt hier entsteht eine Gruppendynamik, aus der sich der zweifelnde David nur schlecht entziehen kann. Immerhin handelt es sich hier um gemeinsame Tätigkeiten und darüber hinaus um das Erforschen von gänzlich neuen Erfahrungen.
Jack Ketchum legt hier nicht einfach einen Misshandlungsroman mit detaillierten Beschreibungen vor – er versucht vielmehr uns auf Begebenheiten und psychologische Hintergründe aufmerksam zu machen, die sich überall so abspielen können.
Durch die Verwendung der Ich-Form und dem Prinzip “Kinder-misshandeln-Kinder” kann man sich als Leser dem nicht einfach entziehen, da diese Umstände einen sehr stark mitnehmen und im Nachhinein zum Nachdenken anregen.
Natürlich ist EVIL ein Horrorroman – die Szenen sprechen hier für sich. Aber brutale Szenen hat jeder Freund des Genres sicherlich schon zur Genüge lesen dürfen. Diese sind in Wirklichkeit gar nicht das Problem sondern die Intensität und Hilflosigkeit, die sich in diesem Buch findet. Der Inhalt ist sicher nichts für zartbesaitete Personen – nichts desto trotz halte ich sehr viel davon, wenn ein Autor es schafft, mit der vollen Keule jemanden auf solche wahnsinnigen und jederzeit möglichen Missstände hinzuweisen.
Alles in allem ein durchweg brutales, genial erzähltes und bedrückendes Buch mit einem Thema, dass sicherlich keinen emotionslos übrig lässt.
Jürgen Seibold/15.03.2014
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