Ilisch, Maja: Die Spiegel von Kettlewood Hall

Originalausgabe April 2018
© 2018 Knaur Verlag
© 2018 Maja Ilisch
ISBN 978-3-426-52078-9
ca. 447 Seiten

COVER:

England 1886: Kettlewood Hall. Mehr als den Namen kennt Iris nicht. Ihre Mutter verliert kein Wort über das Herrenhaus, in dem sie früher als Dienstmädchen gearbeitet hat. Doch als Iris nach dem Tod ihrer Mutter eine kostbare alte Schachfigur findet, ahnt sie, woher diese stammt. Iris träumt von einem besseren Leben als dem einer Fabrikarbeiterin, und diese Figur ist der Schlüssel dazu – und zu dem Geheimnis ihrer eigenen Herkunft. Nur mit ihrer Hoffnung und der Schachfigur im Gepäck macht Iris sich auf den Weg nach Kettlewood. Doch seltsame Dinge gehen im Haus vor, und hinter den Spiegeln scheint etwas zu leben.
Was verschweigen die Kettlewoods? Bevor sie weiß, wie ihr geschieht, ist Iris Teil eines Spiels um Leben, Tod – und Liebe.

REZENSION:

Es ist schon einige Zeit vergangen, seit ich mich diesem Buch widmete. Das Buch liegt seitdem auf einem Bücherstapel, der nicht als üblicher „Stapel ungelesener Bücher“ fungiert, sondern als „Stapel unrezensierter Bücher“. Dies liegt an dem Umstand, dass ich mir zwar viele Werke durch meine Jury-Tätigkeiten zu Gemüte führe, jedoch es einige Monate gab, in denen ich mir nicht sicher war, ob ich weiterhin über alles gelesene Rezensionen veröffentlichen möchte. Da die Entscheidung für den momentanen Zeitabschnitt zu Gunsten der Rezensionen gefallen ist, versuche ich nun diesen Stapel im Nachgang einigermaßen gut ab zu arbeiten.
Natürlich ist es leichter, sich über ein Buch aus zu lassen, wenn man es gerade geschlossen hat und der Eindruck noch rundum frisch durch das eigene Gehirn wabert.
Als ich dabei „Die Spiegel von Kettlewood Hall“ zur Hand nahm, konnte ich mir zuerst nicht wirklich daran erinnern, es überhaupt gelesen zu haben – der Blick auf die Coverbeschreibung öffnete urplötzlich eine gedankliche Schublade und sämtliche Empfindungen wurden erneut herausgelassen.
Oberflächlich betrachte würde ich das Buch von Maja Ilisch als typisches Frauenbuch einordnen. In Zeiten der Diversität wäre das natürlich ein klein wenig zu kurz gesprungen und würde manche oberflächlichen Gedanken nur bestätigen. Nichts desto trotz geht es mir einfach ab und an so, wenn sich das Wort „Liebe“ auf der Coverbeschreibung befindet.
Natürlcih widmete ich mich trotzdem diesem Werk und ich war sehr schnell gefesselt von der liebevollen und detailliert gezeichneten Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Beim Schreiben dieser Worte sah ich Iris deutlich vor meinen Augen: Die kleine Fabrikarbeiterin, die sich beinahe ihrem Schicksal beugt und lediglich durch eine hochwertige und somit teuer wirkende Schachfigur von einem besseren Leben träumt.
Iris macht sich auf den Weg nach Kettlewood Hall und wird dort sogar positiv begrüßt und als nahezu gleichwertige aufgenommen.
Maja Ilisch schafft es dabei sehr geschickt, sowohl die vergangene Zeit als auch das dazugehörige Leben mit allen Höhen und Tiefen aufleben zu lassen. Ihre Geschichte wirkt beinahe wie die alten Klassiker und lässt ihren Leser somit die Tür in diese Zeiten öffnen.
Ehrlich gesagt hat es mich selbst ein wenig überrascht, aber Maja Ilisch konnte mich fangen und dementsprechend fixiert war ich auf den Fortgang dieser sehr klassisch und leicht düster wirkenden Geschichte.
Ich persönlich liebe es, wenn es jemand schafft, dieses Gefühl von alten Gruselfilmen mit alten, gruseligen Häusern zu wecken. Ich war sichtlich erstaunt, dass gerade eine deutsche und frische Autorin dazu nahezu problemlos in der Lage zu sein scheint.
Jürgen Seibold/07.06.2019