Natasha Pulley: Der Uhrmacher in der Filigree Street

Originaltitel: The Watchmaker of Filigree
Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer
©2015 by Natasha Pulley
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by J.G.Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-11682–3
ca. 448 Seiten

COVER:

London, Oktober 1883. Thaniel Steepleton, ein einfacher Angestellter im Innenministerium, kehrt nach der Arbeit in seine winzige Mietwohnung heim. Da findet er auf seinem Kopfkissen eine goldene Taschenuhr. Es ist ihm ein Rätsel, was es mit ihr auf sich hat. Sechs Monate später explodiert im Gebäude von Scotland Yard eine Bombe. Thaniel wurde gewarnt, weil seine Uhr gerade noch rechtzeitig ein Alarmsignal gab. Nun macht er sich auf die Suche nach dem Uhrmacher und findet Keita Mori. Hat der freundliche Einzelgänger aus Japan etwas zu verbergen? Und dann begegnet Thaniel auch noch Grace Carrow, die ebenfalls eine Uhr von Mori besitzt. Als Frau und Naturwissenschaftlerin kämpft sie in einer völlig von Männern dominierten Gesellschaft um ihre Rechte und ihre Zukunft.

REZENSION:

Thaniel Steepletons Tagesablauf gleicht einem Uhrwerk: Jeden Tag der selbe Trott im Innenministerium als Angestellter in der Telegrafieabteilung.
Eines Tages liegt jedoch eine goldene Uhr auf seinem Kopfkissen – was für einen Einbruch spricht, der umgekehrter nicht sein könnte.
Öffnen lässt sich die Uhr jedoch nicht und dennoch scheint sie etwas Besonderes zu sein.
Eines Tages befindet sich Thaniel in einem Pub in der Nähe des Scotland Yard-Gebäudes. Urplötzlich lässt die Uhr ein Alarmgeräusch von sich, was dazu führt, dass Thaniel hastig den Raum verlässt, da er nicht ungebührlich auffallen möchte. Recht zeitnah explodiert eine Bombe im Yard-Gebäude, deren Druck auch Auswirkungen auf die Besucher der Gaststätte hatte – Thaniel bleibt somit unbeschadet und wurde darüber hinaus von dieser ominösen Uhr gerettet.
Bereits der Start dieser Geschichte lässt den Leser ungebremst in die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts eintauchen. London pulsiert förmlich und befindet sich am Scheideweg ins moderne Zeitalter. Natasha Pulley geht jedoch einen Schritt weiter und füttert ihre außergewöhnliche Geschichte mit der Jagd nach Bombenlegern, einer Frau, die um ihre Rechte kämpft und einem Hauptdarsteller, dessen langweiliges Leben durch das Kennenlernen eines freundlichen Japaners mit besonderen Fähigkeiten eine ganz neue Ebene beschreitet.
„Der Uhrmacher in der Filigree Street“ ist eine absolut außergewöhnliche Geschichte, die sich keiner Schublade zuordnen lässt – ich denke, genau aus diesem Grund habe ich sie zu lieben begonnen und konnte mich ihrem Sog nicht mehr entziehen.
Hinzu kommt die Fähigkeit der Autorin, die Rolle Keita Moris lange Zeit im Dunklen zu lassen und nahezu bis zum Ende für neue Facetten zu sorgen.
Sämtliche handelnden Personen sind ihrer Rolle entsprechend tief gehend gezeichnet und wirken in ihrer Gesamtheit beinahe wie ein Kunstwerk. Die Geschichte ist sehr atmosphärisch und schafft es auf grandiose Art sogar Vielleser nicht nur zu überzeugen, sondern gar zu überraschen.
Perfekte, intelligent erzählte Lektüre, die Genreabgrenzungen nicht nur missachtet, sondern in sich aufnimmt. Kurzum ein rundum gelungenes Werk, welches zwar nach mehr verlangt, jedoch nur schwer zu toppen sein wird.
Ein absolutes und dabei wunderschönes Highlight mit einer Vielzahl an Überraschungen. Hier erkennt man wieder, warum es sich lohnt, Bücher zu lesen…
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Kevin Hearne: Tinte & Siegel

Originaltitel: Ink & Sigil
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
© 2020 by Kevin Hearne
Für die deutsche Ausgabe
© 2021 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-98203-9
ca. 376 Seiten

COVER:

Ja, Al MacBharreis ist gesegnet, er ist aber auch verflucht. Jeder, der seine Stimme hört, geht sofort mit unvorstellbarem Hass auf ihn los. Und schlimmer noch: Alle seine Lehrlinge sind früher oder später dem Tod geweiht. Fergus wurde bei den Highland-Spielen von einem schlecht geworfenen Baumstamm erschlagen, Ramsey wurde von schusseligen amerikanischen Touristen, die auf der falschen Straßenseite unterwegs waren, überfahren. Als sein letzter Lehrling Gordie tot in seiner Wohnung in Glasgow aufgefunden wird – er erstickte an einem rosinenhaltigen Gebäck -, entdeckt Al, dass Gordie ein geheimes. verbrecherisches Doppelleben führte und in einen schwunghaften Menschenhandel mit nichtmenschlichen Wesen verstrickt war…

REZENSION:

Die Idee hinter der Chronik des Siegelmagiers ließ mich aufhorchen und sorgte dafür, dass ich diesem Start einer neuen Reihe von Kevin Hearne gerne eine Chance zu geben bereit war.
Es stellte sich dabei recht schnell raus, dass die Idee mit den Siegeln tatsächlich etwas erfrischend neues in sich hatte. Darüber hinaus wirkte zumindest am Anfang die Idee des verfluchten „Ermittlers“ sehr interessant in ihrer Darbietung – auf Dauer wurde dann jedoch der Dialog per elektronischer Smartphone-Unterstützung dann doch recht anstrengend beim Lesen. Hearne entschied sich dazu, MacBharreis’ Sätze mit eckigen Klammern darzustellen, was den Lesefluss vernachlässigbar abbremst, jedoch für mich die trotzdem hohe Zahl an Wörtern in den Dialogen von Al etwas unglaubwürdig wird. Darüber hinaus erkannte ich im Verlauf der Geschichte, dass diese Vorgehensweise dann doch irgendwann etwas anstrengend wurde.
Hearnes offenbart viele interessante fantastische Figuren und schreibt sehr eingängig. Der Plot ist humorvoll und seine Figuren wahrlich grandios gezeichnet. Nichts desto trotz verlor mich der Autor im Laufe der Geschichte und konnte mich nicht mehr durchgängig überzeugen. In Richtung Ende war es mir dann nahezu egal, wie die Geschichte beendet wird – die Ideen für sich konnten mich somit in ihrer Gänze nicht überzeugen.
Nichts desto trotz bin ich davon überzeugt, dass Tinte & Siegel durch die interessante Vorgehensweise ihre Fans finden wird. Ich wünsche dies diesem Werk sogar, da die dahinterliegende Idee nicht nur fantastisch sonder auch erfrischend ist – auch wenn es für mich nun im Rahmen dieser Reihe nicht mehr weiter gehen wird.
Hysterika.de/JMSeibold/24.05.2021

Brian Lee Durfee: Das pechschwarze Herz – Die fünf Kriegerengel 2

Originaltitel: The Blackest Heart. The Five Warrior Angels 2
Aus dem Amerikanischen von Olaf Schenk
©2019 by Brian Lee Durfee
Für die deutsche Ausgabe ©2020 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96142-3
ca. 1.096 Seiten

COVER:

Die fünf Kriegerengel sind offenbart worden und nun müssen ihre mystischen Waffen gefunden werden. Nur so kann sich endlich eine uralte Prophezeiung erfüllen. Was, wenn doch nicht? Der Geschichtsschreibung der Fünf Inseln ist nicht mehr zu trauen …
Und mitten in den Konflikten um Religion und Thron wird sich das Schicksal des Waisenjungen Nail entscheiden.
Oder wird sich an ihm das Schicksal aller entscheiden?

REZENSION:

Der Verlag beziehungsweise der Autor machen es einem wirklich nicht gerade leicht. Wie ich meiner letzten Durfee-Rezension entnehmen konnte, ist es nun bereits nahezu 2 Jahre her, als ich den ersten Band dieser umfangreichen Geschichte gelesen hatte. Nun also der zweite Teil – ehrlich gesagt hatte ich überhaupt keinen wirklichen Schimmer mehr über die Geschehnisse im Vorgänger. Alles was ich noch wusste, war der Umstand, das mir dieser außerordentlich gut gefallen hatte und ich in meiner damaligen Rezension von nichts geringerem, als vom Highlight des Jahres sprach.
Jetzt also „Das pechschwarze Herz“ und sogleich stellte ich mir die Frage, ob ich mich einerseits wieder an die bereits gelesenen Seiten erinnern kann und das Buch andererseits nicht denselben Fehler wie viele Trilogien zur Folge hat und nicht mehr die bereits vorgelegte Qualität aufrechterhalten kann. Zwei Jahre sind eine lange Zeit und somit gibt es viele äußere Einflüsse, die das Gegenteil hervorbringen könnten.
Auch gab es in diesem Buch leider keine Zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse – bei so langen Wartezeiten wäre das definitiv angemessen eine Art „was bisher geschah“ als erneuten Eintritt an den Anfang des Buches zu stellen. Dementsprechend schwer fiel mir auch zuerst der erneute Zutritt in diese Geschichte – sämtliche Namen waren eine gewisse Zeit nur mehr Schall und Rauch für mich. Ich konnte mich gerade noch ein wenig an den Waisen Nail erinnern; was er im Detail vollbracht hatte: Entschwunden in die Welt des Vergessens.
Interessanterweise schien sich nach einigen Dutzend Seiten das Tor der Erinnerung wieder zu öffnen und der damalige Sog trieb mich erneut hinweg in eine ganz besondere Welt.
Eine Welt gefüllt mit Intrigen, fantastischen Begebenheiten, interessanten Persönlichkeiten und eine dazugehörige, komplex aufgebaute Geschichte, in der jedes Kapitel für sich alleine steht und funktioniert. Durfee schreibt klischeegeladen, driftet dabei aber nicht ab von seinem eigenen Ziel und schafft es dadurch nahezu virtuos, eine rundum herausragende High-Fantasy-Geschichte darzubieten, wie es aktuell nur noch wenige herzustellen in der Lage sind. In meinen Augen findet sich hier nichts Negatives und ich kann an Durfee und Klett-Cotta nur noch den Wunsch aussprechen, dass sie sich nicht abermals zwei ganze Jahre bis zum finalen Band Zeit lassen werden, sondern so schnell wie nur irgend möglich „Die fünf Kriegerengel“ zu ihrem Abschluss bringen lassen.
Jürgen Seibold/03.06.2020