Nicola Bardola: Mercury in München

©2021 by Nicola Bardola
©2021 by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27352–8
ca. 432 Seiten

COVER:

„Ich haben einen Ort gefunden, der sich München  nennt, in dem ich mich unauffällig bewegen kann. Das ist für mich die reinste Entspannung.“
Freddie Mercury

Farrokh Bulsara, besser bekannt als Freddie Mercury, wurde als Komponist und Leadsänger der Rockband Queen zu einem der berühmtesten Frontmänner der Musikgeschichte, dessen Leben auch dreißig Jahre nach seinem viel zu frühen Tod die Menschen fasziniert.

Das Buch Mercury in München legt den Fokus auf die außerordentlichen Jahre in der Isarmetropole von 1979 bis 1985, die für Freddie Freiheit und Lebenslust bedeuten. Nirgendwo sonst kann der geniale Popstar so sehr er selbst sein.
Ohne von den Medien und Verehrer*innen belästigt zu werden, lebt Freddie in München seine Sexualität aus und lässt sich gleichzeitig zu seinem einzigen Soloalbum Mr. Bad Guy inspirieren. In den legendären Musicland Studios in Bogenhausen entstehen neben diesem Album auch mehrere Bandklassiker.

In München lernt er Barbara Valentin kennen. Dieser wichtigen Beziehung wird im Buch nicht weniger Aufmerksamkeit geschenkt als Freddies Münchner Amour fou mit Winnie Kirchberger. Auch das atmosphärisch bedeutende Dreieck München-Montreaux-London wird beleuchtet.

Der Autor Nicola Bardola hat viele Archive durchstöbert und eine ganze Reihe Zeitzeug*innen für das Buch interviewt.
Entstanden ist ein umfassendes Porträt von Mercurys Münchner Jahren, in vielerlei Hinsicht wohl die besten in seinem Leben.

REZENSION:

Schon mal vorneweg: Ich bin zwar ein sehr großer Musikfan, jedoch trafen meine persönlichen Vorlieben eher selten Bands, die sich im Genre Queens befanden. Dementsprechend kannte ich Queen lediglich oberflächlich – insbesondere durch die typischen 80er-Jahre-Songs, die damals im Radio rauf- und runtergespielt worden sind.
Auch wenn ich heute mit einer etwas älter gewordenen Sichtweise verstehen kann, warum Bohemian Rhapsody für sich steht, war es mir damals nicht nur nicht bewusst, nein, ich konnte das Lied auch nicht ausstehen.
Nichts desto trotz sah ich dieses Buch und ich dachte mir, der Bezug auf München könnte ganz interessant sein und das Leben Mercurys etwas anders darstellen, als es übliche, breit angelegte Biografien üblicherweise vornehmen.
Exakt dies war auch der Fall, denn Nicola Bardola geht sehr umfangreich und detailliert auf die Jahre in München ein. Es ist erstaunlich, welches Sog diese Stadt damals hatte und insbesondere, wie offen sie scheinbar für freie Entfaltung auf allen Ebenen stand.
Das Buch ist eine tiefgehende Hommage an diesen sagenhaften Leadsänger und Komponisten, darüber hinaus auch ein Zeugnis über die heutzutage etwas verschlafen wirkende Hauptstadt Bayerns mit ihren verruchten und gleichzeitig spannenden Vierteln, wie man sie heute wohl nur noch schwer zu finden in der Lage ist.
In München konnte sich Freddie unbeschwert auslassen und musste sich nicht dauernd vor allen möglichen Fans, Journalisten und anderen Personenkreisen der aggressiven Art verstecken. Hier konnte er problemlos mit einigen wenigen Leuten zum Chinesischen Turm gehen, zu Fuß in die Bar gehen, mit Freunden und Freundinnen ohne darauf folgende Pressemeldungen die Nächte genießen.
Hier gab es Liebe, Drogen, Alkohol, Freundschaften und ein legendär werdendes Studio, in dem einige der bekanntesten Lieder dieser Band entstanden sind.
Für mich war es absolut neu zu erfahren, dass die Schwulen- und Lesbenszene in München so präsent war – damals war man wohl seiner Zeit voraus, wobei ich mich frage, was geschehen ist, dass man sich da heute so schwer damit tut, dies einfach akzeptieren zu können.
In Bardolas Buch kommen sehr viele Zeitzeugen zu Wort, dabei gibt es nur wenig negatives zu lesen, was für die Präsenz Freddie Mercurys spricht. Bardola hat ein sehr intensives Werk entwickelt, welches nicht nur die Zeit Freddies in München seinem Leser nahebringt, sondern auch den Menschen Freddie Mercury selbst. Darüber hinaus befinden sich im Buch nicht nur dazugehörige Bilder mit Freddie, sondern auch detaillierte Angaben über alle relevanten Örtlichkeiten. Am Anfang des Buches ein kleiner Stadtplan mit Detailansicht und Nennung der wichtigsten Örtlichkeiten, Dadurch lässt sich das Buch auch als Hilfe verwenden, um wahrlich in die Fußstapfen Mercury zu treten – sicherlich sehr interessant, auch wenn es die ein oder andere Bar nicht mehr gibt.
Alles in allem ein Buch, dass auch mich als Nicht-Queen-Fan überzeugen konnte – ich bin mir sicher, dass Queen-Fans hier viel Neues offenbart wird und sie auch den ein oder anderen Platz persönlich besuchen werden. Für Fans ein absolutes Muss, für Interessierte gleichwertig lohnenswert, da es eine Epoche darstellt und nebenbei die Persönlichkeit eines der wichtigsten Frontmänner des Rockbusiness zu zeigen versucht.
hysterika.de / JMSeibold / 14.11.2021

Kim Stanley Robinson: Das Ministerium für die Zukunft

Originaltitel: The Ministry For The Future
Aus dem Amerikanischen von Paul Bär
Deutsche Ausgabe 10/2021
©2020 by Kim Stanley Robinson
©2021 dieser Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32170-0
ca. 717 Seiten

COVER:

Indien, fünf Jahre in der Zukunft. Eine Hitzewelle lässt die Temperaturen auf weit über 50° C steigen. Der junge Arzt Frank May versucht alles, um die Menschen in seinem Stadtviertel zu retten, doch vergeblich: Binnen einer Woche sterben Millionen.
Zürich, wenige Jahre später. Mary Murphy leitet eine UN-Behörde, die als das Ministerium für die Zukunft bekannt ist. Sie soll den Klimawandel aufhalten, doch ihr Ministerium kann nur Empfehlungen aussprechen, die von Industrie und Politik geflissentlich ignoriert werden. Eines Abends trifft Mary auf Frank, der ihr vorwirft, ihre Organisation könne auf legalem Wege nicht das tun, was wirklich nötig wäre. Doch rechtfertigt eine Katastrophe, die ohnehin nicht mehr aufzuhalten ist, den Einsatz von Gewalt?

REZENSION:

Kim Stanley Robinson ist in meiner persönlichen Lesewelt ein sehr durchwachsener Autor. Einige Werke liebe ich, andere Werke können mich beinahe gar nicht beeindrucken oder gar überzeugen. Nichts desto trotz versuche ich mich immer wieder an diesem ideenreichen und hochwertigen Autor, somit auch an diesem neuesten Werk.
„Das Ministerium für die Zukunft“ ist im Gegensatz zu anderen Werken Robinsons kein Science-Fiction-Werk der fernen Zukunft, sondern beinahe Gegenwart, da wir uns hierin lediglich einige Jahre in der Zukunft befinden und die Welt sich wie aktuell durch beinahe jeden Wissenschaftler vorhergesagt darstellt.
Somit ein kleiner Schritt in die Zukunft des Klimawandels und wie sollte es anders sein: Wir steigen sogleich mit einem dramatischen Temperaturanstieg in Indien ein. Bei Temperaturen um die 50° C ist klar, dass dies Millionen von Opfern kostet und man stellt sich bereits beim Lesen die Frage, ob wir dem noch entgehen können.
Der Einstieg konnte somit bereits absolut überzeugen und ich freute mich auf einen durchweg spannenden Plot im Fahrwasser des vorangeschrittenen Klimawandels. Dies auch in der Hoffnung, noch mehr über die jeweiligen Abhängigkeiten und auch die auftretenden Risiken beziehungsweise Gefahren zu lesen.
Robinson legt zwar einen wahrlich tiefgründigen und bedeutenden Roman vor – gleichzeitig ließ die Überzeugung jedoch nach, da sein Plot nach und nach eher wie ein Bericht zu klingen scheint und die handelnden Personen – wenn sie denn auftreten – nur als Beiwerk fungieren und nur oberflächlich gezeichnet sind.
Ja, die im Buch enthaltenen Informationen sind interessant und offenbaren die Dramatik des Klimawandels – Leugner beziehungsweise Zweifler werden jedoch eher mit einem spannenden und nervenaufreibenden Plot zu fangen und zu überzeugen sein, als mit einem tiefgründigen darbieten der Daten, Entwicklungen und politischen Missstände; natürlich nur, wenn diese Leute überhaupt mit dem geschriebenen Wort zu fangen sind…
Der Ansatz von Robinson ist nachvollziehbar, notwendig und die Darbietung nicht nur glaubhaft, sondern fundiert vorgelegt. „Das Ministerium für die Zukunft“ wirkt dadurch jedoch leider wie ein Sachbuch über den Klimawandel denn wir ein hochkarätiger Roman, wodurch er mich in seiner Überzeugungsarbeit verloren hat. Man kann wissenschaftliche und hochkarätig wichtige Themen auch dementsprechend transportieren: Entweder sogleich als Fachbuch ohne handelnde Personen oder als anspruchsvollen Roman, jedoch dann natürlich in seiner kompletten Ausarbeitung, was eine voranschreitende und im besten Falle spannende Storyline bedingt. Schätzings „Der Schwarm“ konnte dies ganz gut beweisen und sorgte trotz seiner Darbietung als Thriller für viele ökologische Erkenntnisse und Aha-Effekte in der Leserschaft. Ein ähnliche Vorgehensweise hätte diesem vorliegenden Buch sicher ganz gut getan. Schade, da ich mich wirklich extrem auf einen Robinson mit einbezogenem Klimawandel in der erzählerischen Qualität wie bei „New York 2140“ gefreut habe.
hysterika.de / JMSeibold / 07.11.2021

Jonathan Carroll: Das Land des Lachens

Originaltitel: Land of Laughs
Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein
Überarbeitete Neuausgabe 10/2021
©1980 by Jonathan Carroll
©2021 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32104-5
ca. 366 Seiten

COVER:

„Mein Traum war es, eine Biografie von Marshall France zu schreiben, dem wunderbaren und sehr mysteriösen Autor der schönsten Kinderbücher der Welt. Bücher wie Das Land des Lachens und Der Sternenteich, die mir im Laufe meines dreißigjährigen Lebens immer wieder geholfen hatten, nicht den Verstand zu verlieren …“

Nach vier Jahren als Englischlehrer an einer Privatschule in Neuengland erfüllt sich Thomas Abbey diesen Traum und macht sich gemeinsam mit seiner Freundin Saxony – eine ebenso glühende Marshall-France-Verehrerin wie er selbst – auf den Weg in die kleine Stadt Galen in Missouri, wo France bis zu seinem frühen Tod ein zurückgezogenes Leben geführt hat.

In Galen angekommen, werden Thomas und Saxony von den Bewohnern ausgesprochen herzlich aufgenommen. Vor allem Anna, die schöne Tochter von Marshall France, scheint Gefallen an Thomas zu finden, und so erlaubt sie ihm nicht nur die Biografie ihres Vaters zu schreiben, sondern gewährt ihm auch Zugang zu dessen persönlichsten Aufzeichnungen.
Thomas wird immer tiefer in die Welt und die Geschichten Marshall Frances hineingezogen, sodass er lange nicht bemerkt, dass es in Galen nicht mit rechten Dingen zugeht. Und als er dem Geheimnis schließlich auf die Spur kommt, ist es bereits zu spät …

REZENSION:

Der Englischlehrer Thomas Abbey ist der Sohn eines berühmten Schauspielers. Dieser Umstand führt dazu, dass er regelmäßig als nichts weiter wahrgenommen wird, da jeder nur nach seiner Beziehung oder Erinnerungen zu seinem bereits verstorbenen Vater fragt. Thomas fühlt sich dadurch regelmäßig in den Hintergrund gedrängt und dementsprechend schlecht sieht es mit seinem Selbstbewusstsein aus.
Durch ein Buch des Schriftstellers Marshall France, welches er als Kind schlicht nicht mehr losgelassen hatte, versuchte er dieser Realität zu entfliehen und in die Welt der Literatur abzutauchen. Im Zuge dessen wurde er zu einem glühenden Verehrer des Schriftstellers France und begegnet dabei der ebenfalls recht kuriosen Saxony, die er beim Kauf einer seltenen France-Ausgabe in einem Buchantiquariat kennen lernt.
Beide machen sich auf den Weg nach Galen, um eine Biografie über ihren literarischen Meister zu schreiben. Galen ist eine kleines Städtchen in Missouri und dort lebt unter anderem auch Anna, die hübsche Tochter des verstorbenen Autors Marshall France.
Thomas und Saxony leben sich recht schnell dort ein und werden in die frühere Lebensumgebung Frances nicht nur aufgenommen, sondern tauchen auch tief hinab in die Gedankenwelt des Autors durch eine Vielzahl an Schriftstücken, Fragmenten, Notizen, Journalen aus der Hinterlassenschaft des Autors.
Nach und nach erkennt Thomas, dass sich scheinbar erheblich mehr hinter der oberflächlichen Kleinstadtfassade verbirgt und dies alles auch mit dem Erbe Frances verknüpft zu sein scheint…
„Das Land des Lachens“ als auch der Schriftsteller Jonathan Carroll waren mir trotz meiner umfangreichen Leseleidenschaft bis dato absolut kein Begriff. Das Buch selbst ist aus dem Jahre 1980 und wohl sein erster Roman, wie es der hintere Klappentext als auch kurze Recherchen im Web offenbaren. Selten recherchiere ich nach Autoren, doch in diesem Falle war es mir wichtig, da ich nach Beenden dieses Werkes nicht glauben konnte, dass dieser Künstler an mir Vorüberging. Wie sich zeigen sollte, war mir nicht ein einziges seiner Werke ein Begriff – ich bin mir aber leider sicher, dass es wohl mehreren Personen so gehen wird.
„Das Land des Lachens“ sollte jedoch in einer ähnlichen Riege stehen, wie andere Klassiker der Weltliteratur und darüber hinaus auch noch Pflichtlektüre in den Schulen werden.
Meine Meinung entsteht aufgrund der Vielfältigkeit im vorliegenden Buch, dem interessanten Nicht-beachten von Genregrenzen und gleichzeitigem Verwenden von nahezu jedem Genre, sei es Liebesroman, Fantastik, Mystik und ein Touch Thriller. Jonathan Carroll bedient dies alles und noch viel mehr. Seine Geschichte besitzt das Potenzial, Menschen die wahren Gründe des Lesens beizubringen. Menschen, die es gewohnt sind, in Bücher und deren Welten abzutauchen, wissen sicher, was ich damit meine. „Das Land des Lächelns“ kann es dem Rest der Welt auf eine sehr eingängige und unglaublich bildhafte Art und Weise nahebringen. Ein literarischer und phantastischer Roman, der die Freude am Lesen am Brennen hält oder eben neu zu entfachen weiß. Eine Geschichte, die geschickt Realität mit dem geschriebenen Wort vermengt und ineinander verwebt, um dann wieder mit einer weiteren Pointe für den nächsten sagenhaften Touch zu sorgen.
Ein Buch, das jeder Freund des geschriebenen Wortes gelesen haben soll – ein Buch, das aus Freundschaft zur Literatur entstanden ist – ein Buch, welches in seiner erzählerischen Kraft für sich alleine spricht…
hysterika.de / JMSeibold / 02.11.2021

Thomas Olde Heuvelt: ECHO

Originaltitel: Echo
Aus dem Niederländischen von Gabriele Haefs
Deutsche Erstausgabe 10/2021
©2019 by Thomas Olde Heuvelt
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32098-7
ca. 717 Seiten

COVER:

Nick Grevers hat alles, was man sich vom Leben wünschen kann: Er sieht gut aus, kommt viel in der Welt herum und hat keine Geldsorgen. Seit drei Jahren ist er mit seinem Freund Sam zusammen, gemeinsam leben sie in Amsterdam. Es könnte also alles wunderbar sein, wäre da nicht Nicks Leidenschaft für alpine Hochtouren. Sam teilt Nicks Passion für die Berge ganz und gar nicht, und so ist es wieder einmal Augustin Laber, mit dem Nick in den Schweizer Alpen unterwegs ist. Eines Tages entdecken die beiden einen Gipfel, den sie nicht kennen. Auch die Einheimischen scheinen nichts darüber zu wissen, außer, dass der Berg Le Maudit heißt. Nicks und Augustins Neugierde ist geweckt, spontan beschließen sie, dem mysteriösen Gipfel zu erklimmen. Eine Tour de Force, die zu einem Trip durch die Hölle wird …

Als Sam Avery einen Anruf der Schweizer Polizei erhält, ist ihm sofort klar, dass das eingetreten ist, was er immer befürchtet hat: Nick ist in den Bergen verunglückt. Er liegt schwer verletzt im Krankenhaus, Augustin ist tot. Was ist auf dem Maudit geschehen? Warum verhält sich Nick in den darauffolgenden Wochen zusehends unheimlicher? Hat er gar etwas mit Augustins Tod zu tun? Noch während Sam versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden, wird Nick zur tödlichen Gefahr für jeden, der ihm begegnet.

REZENSION:

Obwohl mich Heuvelts HEX nicht wirklich überzeugen konnte, entschied ich mich dazu, seinem umfangreichen neuen Werk mit dem Titel ECHO dennoch eine Chance zu geben. Vielleicht lohnt es sich gar und ich kann mich der Meinung vom De Telegraaf anschließen, die Thomas Olde Heuvelt als den neuen Stephen King titulieren.
Nun, knapp über 700 Seiten später würde ich mich dem zwar nicht anschließen – nichts desto trotz schaffte es Heuvelt auf eine sehr interessante Art und Weise mich überzeugen zu können.
Heuvelt macht es jedoch seinem Leser nicht einfach – sein Schreibstil ist eher als  ungewöhnlich zu betrachten, und er scheut auch nicht davor zurück, recht sprunghaft zu agieren. Dennoch liebt er die Details und lässt seinen Leser tief in die Geschichte eintauchen, was dazu führt, dass man selbst die Kälte der Bergwelt zu spüren scheint – gleichzeitig wird es einem aber auch ab und an ein wenig zu viel des Guten und somit wäre es für die Geschichte ganz gut gewesen, wenn sie nur etwa 500 statt 700 Seiten beansprucht hätte.
Dies ist aber bereits der einzige kleine Haken, da die Story erfrischend neu ist und eine ähnliche Gruselthematik nur schwer zu finden sein wird. ECHO wirkt als Idee herausragend und scheut sich auch nicht, dies offen zu legen.
Der Wahnsinn beginnt recht schleichend, wird jedoch im Laufe der Storyline immer intensiver und drängender. Die Spannungselemente sind hervorragend eingebaut, können unter Umständen jedoch nicht jeden Horrorfan überzeugen, da dieses Werk trotz der mystischen Begebenheiten in der Machart doch eher einem übernatürlichem Thriller entspricht. Teilweise wirkt ECHO wie ein früher Horrorroman, was ihn umso sympathischer macht, da hier bekannte Anleihen verwendet werden und trotzdem perfekt in ihre Umgebung eingebettet sind. Man nehme nur die wütenden, beziehungsweise ängstlichen Dorfbewohner, die ähnlich eines Lynchmobs vor dem Chalet erscheinen und ihr Opfer zu holen gedenken. Diese symbolischen Szenen sorgen für die Lesefreude an diesem umfangreichen Werk. Heuvelt ist dabei sehr ausschweifend, detailversessen und lässt somit nichts missen – was jedoch auch ein wenig die persönliche Fantasie nimmt und dadurch filmhaft zu wirken scheint.
Nichts desto trotz hat Thomas Olde Heuvelt mit diesem Werk ein deutliches Zeichen gesetzt und meiner Meinung nach sein vorheriges Werk deutlich übertroffen.
Ein neuer Stephen King ist er trotzdem noch nicht – er könnte aber so langsam den gleichen Weg einschlagen, wenn er weiterhin auf einem zumindest ähnlichem Niveau zu haften gedenkt.
hysterika.de / JMSeibold / 01.11.2021

Jasper DeWitt: Der Angstsammler

Originaltitel: The Patient
Aus dem Englischen von Martin Ruf
Deutsche Erstausgabe 10/2021
©2020 by Jasper DeWitt, LLC
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-42465-4
ca. 256 Seiten

COVER:

„Joseph E.M. war 1973 im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal aufgenommen worden, und eine entsprechende Markierung verriet, dass er sich noch immer in der Obhut der Klinik befand. Die Akte war so dicht mit Staub bedeckt, dass ich mir kaum vorstellen konnte, dass jemand sie während der letzten zehn Jahre geöffnet hatte. Doch die klinischen Notizen waren noch immer vorhanden und in überraschend gutem Zustand, ebenso wie das grobkörnige Schwarz-Weiß-Foto eines blonden Jungen, der mit weit aufgerissenen Augen und wilder Miene in die Kamera starrte. Das bloße Betrachten des Bildes flößte  mir ein Gefühl der Schutzlosigkeit ein.“

Parker machte es sich zur Aufgabe herauszufinden, was hinter der mysteriösen Krankengeschichte von Joe steckt – gegen den Willen seiner Vorgesetzten. Und gegen eine innere Stimme, die ihn bereits warnt, als er das erste Mal den langen Flur zu Joes abgelegenem Zimmer hinuntergeht. Doch seine Neugierde ist stärker und er kann sich der Faszination, die von Joe ausgeht, nicht entziehen. Ist Joe wirklich so verrückt, wie alle behaupten? Oder steckt etwas ganz anderes hinter seinen Symptomen? Etwas, das so abgründig und dunkel ist, dass es sich jedem menschlichen Verständnis entzieht …

REZENSION:

In „Der Angstsammler“ erfahren wir durch seinen persönlichen Blog die Erlebnisse des jungen Psychiaters Parker, der in einer Nervenheilanstalt in Connecticut seinen Dienst antritt und dort mitbekommt, dass sich hier ein Patient seit seinem sechsten Lebensjahr befindet. Gemäß seinen Nachforschungen scheint Joe unheilbar und jeder, der sich ihm zu intensiv nähert, verliert seinen Verstand oder begeht unvorhersehbar Selbstmord.
Natürlich zieht dies Parker faszinierend an und er macht alles, um die Möglichkeit zu erhalten, selbst einen Therapieversuch an Joe zu unternehmen.
Die Vorgesetzten sind skeptisch und eher dagegen – nichts desto trotz wagen sie sich auf seine Initiative ein und geben ihm zeitweise freie Hand. In den ersten Gesprächen zeigt sich Joe sehr kooperativ und wirkt alles andere als verrückt – ist Joe somit ein Gefangener der Klinik, um die monatlichen Zahlungen der reichen Eltern zu erhalten oder spielt Joe auch mit Parkers Leben auf perfide Art und Weise?
Der mir bis dato unbekannte Jasper DeWitt (was wohl ein Pseudonym eines Journalisten ist) legt einen sehr geschickt konstruierten Thriller vor, der in Richtung Ende seinen vorgezeichneten Weg verlässt und dezent den Pfad des Horrorgenres beschreitet. Ein Werk welches seinen Leser definitiv nicht mehr loslässt – die Kapitel sehr kurz, rasant und rundherum spannend in ihrer Darbietung. Es bleibt einem nichts weiter übrig, als weiter zu lesen. Der Plot ist erfrischend anders geschrieben und zeigt sich als Beiträge in einem Blog, der von Parker verwendet wird, um seinen Lesern die persönlichen Erlebnisse nahezubringen. Bereits durch diesen Umstand merkt man natürlich, dass Parker keineswegs das Zeitliche im Laufe der Geschichte segnen wird – somit ist eine gewisse Neuentdeckung oder gar Auflösung vorgegeben.
„Der Angstsammler“ ist relativ ruhig erzählt und lebt von seinen Dialogen – insbsondere die Gespräche mit Joe sind natürlich herausragend und lassen einen tief in die Nervenheilanstalt und die Gedankenwelt der beiden Charaktere eintauchen.
„Der Angstsammler“ ist somit sehr intelligent erzählt und zeigt sich in seiner Gänze als herausragendes Beispiel, wie grandios, tiefgehend und mit einem gewissen Twist versehen auch kurze Romane funktionieren können.
Alles in allem ein perfekt erzählter Spannungsroman mit psychologischem Tiefgang und gewissen Verneigungen als auch Anleihen an früheren Werken der klassischen Psychothriller sowie einem kleinen Touch Lovecraft.
Somit ein rundherum zu empfehlendes Werk, bei dem mich allein der deutsche Titel etwas stört: Im Original heisst das Buch „The Patient“ und das wäre auch der richtige Titel für dieses Werk. „Der Patient“ impliziert höchstens das Vorhandensein von Joe und den Gedanken nach dessen Heilung. „Der Angstsammler“ greift der Geschichte leider etwas vor, was einem im Laufe der Geschichte immer bewusster wird. Meiner Meinung nach ist „Der Patient“ durchdachter, unvorhersehbarer und stimmiger – die Änderung hätte man sich schlicht sparen können.
Gleichwohl: Der Geschichte schadet es natürlich nicht…
hysterika.de / JMSeibold / 17.10.2021

Guillermo del Toro & Chuck Hogan: Die Schatten (Die Blackwood-Aufzeichnungen 1)

Originaltitel: The Hollow Ones
Aus dem Amerikanischen von Kristof Kurz
Deutsche Erstausgabe 03/2021
©2020 by Guillermo del Toro and Chuck Hogan
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-44112-5
ca. 415 Seiten

COVER:

Mississippi-Delta, 1962. Ausgerechnet Earl Solomon, einer der ersten schwarzen FBI-Agenten, soll im Süden einen Lynchmord aufklären – an einem Weißen. Der Tatverdächtige ist ein kleiner schwarzer Junge, der offensichtlich geistesgestört ist. Solomon will den Fall schon aufgeben, da taucht ein Engländer auf, der sich als Hugo Blackwood vorstellt und behauptet, ein böser Geist hätte von dem Kind Besitz ergriffen. Was Solomon in der kommenden Nacht erlebt, verändert sein Leben für immer.

New Jersey, 2019. FBI-Agentin Odessa Hardwicke muss ihren Partner erschießen, als dieser plötzlich ausrastet und ein Kind angreift. Im Moment seines Todes meint sie, einen Schatten zu sehen, der seinen Körper verlässt. Odessa wird suspendiert und soll den Schreibtisch eines ehemaligen Kollegen namens Earl Solomon ausräumen. Als sie ihm von den Schatten berichtet, schickt er sie zu dem einzigen Mann, der der Menschheit jetzt noch helfen kann: Hugo Blackwood …

REZENSION:

Die beiden „The Strain“-Erfinder starten mit „Die Schatten“ eine neue Reihe um den mysteriösen Hugo Blackwood und bleiben sich dabei in ihrer grundsätzlichen Machart rundherum treu: rasantes Tempo, mysteriöse Begebenheiten und ein sich entwickelndes Ermittlerduo, welches bereits durch die kuriose Zusammenkunft für sich sprechen konnte.
Die Story beginnt sehr stark und lässt uns als Leser ungebremst an der mysteriösen Entwicklung teilhaben: Die FBI-Agentin Odessa Hartwicke wird mit ihrem Partner zu einem Einsatz gerufen, bei dem gerade ein Familienvater dabei ist, seine gesamte Familie auszulöschen. Er tötet eine Person nach der anderen und versucht sich schlussendlich seiner jüngsten Tochter zu widmen, als die Agenten ihm Einhalt zu bieten versuchten. Nun dreht sich jedoch plötzlich der Eröffnungsplot, denn auf einen Schlag ist Odessa damit konfrontiert, dass plötzlich ihr Partner Walt auf das Kind loszugehen scheint und sie ihn nur durch einen Schuss aufhalten kann.
Hier beginnt die Welt der Schatten und der Name Blackwood taucht in ihrer Recherche immer öfter auf.
Del Toro und Hogan bleiben sich – wie bereits erwähnt – sehr treu und man bekommt fast das Gefühl, sich hier in einem Seitenplot zu „The Strain“ zu befinden. Natürlich ist dem nicht so, dennoch überzeugen sie mit einer absolut rasanten und durchweg unterhaltsamen Geschichte, gefüttert mit einem immer mysteriöser werdendem Setting. Darüber hinaus offenbaren die Autoren durch Sprünge in die Vergangenheit durchweg die Hintergründe, legen diese nicht nur dar, sondern nehmen diese in unsere Zeit geschickt und nun verstärkt durch deren Nachhall mit, um sie in ihrem übergreifenden Aufbau zu verstärken.
„Die Schatten“ bleiben dabei trotzdem eher eine leichte Unterhaltung und bieten dem Genre zwar sehr interessante Ermittler, jedoch nicht wirklich viel Neues. Dennoch macht dieses Buch unglaublich viel Spaß und sorgt für eine rundum gelungene Unterhaltung mit mysteriösen Gegnern und einem sehr interessanten Hugo Blackwood, dessen Ambitionen und Hintergründe sicher in weiteren Bänden noch vertieft werden.
Ein wunderbarer Start einer hoffentlich schnell voranschreitenden Reihe – aktuell scheint hier noch nicht wirklich was vorzuliegen? Pure Unterhaltung für einen spannenden und gemütlichen Leseabend zum persönlichen Abschalten und Abtauchen.
Würde mich darüber hinaus nicht wundern, wenn hier nicht auch – wie bei „The Strain“ – eine dementsprechende Film-Serie entsteht.
hysterika.de / JMSeibold / 16.10.2021

John Marrs: The Watchers – Wissen kann tödlich sein

Originaltitel: The Minders
Aus dem Englischen übersetzt von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 09/2021
©2020 by John Marrs
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32137-3
ca. 542 Seiten

COVER:

„Vor Kurzem hat das Kollektiv die IT-Systeme einzelner Staaten gehackt. Die Technologien, mit denen wir uns schützen, entwickeln sich nicht so schnell, wie diejenigen, mit denen wir angegriffen werden. Und aus diesem Grund plädiere ich für einen neuen Ansatz, um unsere Daten offline zu sichern.“
Edward Karczewski, Leiter Operative Abwicklung

Auf den ersten Blick haben Restaurantbesitzerin Flick, Dauersingle Charlie, Ingenieurin Sinead und der alleinerziehende Vater Bruno nichts gemeinsam – außer, dass sie alle in einer tiefen Lebenskrise stecken: Flick muss einen tragischen Verlust verkraften, Charlie ist einsam, nachdem alle seine Freunde Familien gegründet haben, Sinead wird von ihrem Ehemann drangsaliert und Bruno wurde von seiner Frau betrogen. Sie alle klicken eines schönen Abends auf einen Link, der sie zu einem schwierigen Rätsel führt. Wer das Rätsel löst, der bekommt die Chance auf ein neues Leben, so verspricht es die Social-Media-Anzeige. Keiner der vier ahnt, dass dieser Link sie direkt in ein geheimes Regierungsprogramm katapultiert. Ausgestattet mit einer neuen Identität, beginnen sie fernab von ihren Heimatstädten ein völlig neues Leben im Wohlstand – das einzige, das sie dafür tun müssen, ist, die Staatsgeheimnisse Großbritanniens mit ihrem Leben zu schützen. Doch einer von ihnen ist ein Verräter, und schon bald beginnt eine mörderische Jagd auf die Wächter …

REZENSION:

John Marrs legt mit „The Watchers“ einen weiteren Near-Future-Thriller vor, der sich nicht nur mit seinen beiden Vorgängern messen, sondern sich auch in deren Fahrwasser befindet. „The Watchers“ ist somit das dritte Werk von Marrs, welches zwar komplett eigenständig funktioniert, jedoch nahezu nahtlos an die Vorgänger anschließt. Insbesondere durch einige kleine Spoiler innerhalb dieses Buches wäre es vorteilhaft, wenn man sich zuerst mit „The One“ und „The Passengers“ befasst, da einige Informationen darin in „The Watchers“ als Basis angenommen werden und eben auch ein wenig erweitert bzw. gespoilert werden.
Darüber hinaus muss ich ganz ehrlich sagen, dass der Genuss der beiden genannten Bücher auch essentieller Art ist, da diese beiden Werke in ihrer Machart auf einem erheblich höherem Spannungslevel spielen als der neueste Wurf John Marrs’.
Die grundsätzliche Idee ist abermals als sehr interessant zu betrachten: 5 absolut unbekannte und nicht verlinkte Personen werden auf Basis eines Rätsels ausgesucht und in ein anderes Leben transferiert, um sich unbeachtet um die Staatsgeheimnisse Großbritanniens zu kümmern. Zu kümmern heißt hier nichts weiter, als dass man diese Daten implantiert bekommt und sich diese auch zeitweise mit den eigenen Gedanken zu vermischen scheinen. Hintergrund dieser Idee ist der Umstand, dass die technischen Errungenschaften der Hacker schneller voranschreiten als die Abwehrmechanismen des Staates. Aus diesem Grund versucht man die Speicherung der Daten außerhalb der digitalen Welt – somit „offline“.
John Marrs bisherige Werke legten den Maßstab außerordentlich hoch – dementsprechend gespannt war ich auf dieses Werk, in der Hoffnung, Marrs legt hier noch einen drauf.
„The Watchers“ kann diesen Wunsch leider nicht erfüllen – viel zu viel Zeit lässt sich der Autor und darüber hinaus besteht nahezu keine Chance, sich mit den fünf Personen in irgendeiner Art zu identifizieren, um deren Gedankenwelt aufzusaugen.
Im Gegensatz zu seinen grandiosen Vorgängern in diesem Near-Future-Setting bleibt er erstaunlich blass und unnötig langatmig. Darüber hinaus ist einem innerhalb kürzester Zeit klar, wie sich die Story entwickeln wird – John Marrs bestätigt dies durch einen fehlenden Überraschungseffekt, der eventuell noch für eine kleine Steigerung meiner Meinung hätte sorgen können.
Warum er bereits nach einigen Seiten einen harten Spoiler zu „The One“ und „The Passenger“ offenbart, entzieht sich meiner Kenntnis – sicher gibt es doch Leser, die eventuell durch „The Watchers“ auf diesen Autor aufmerksam werden.
Alles in allem zeigt sich „The Watchers“ als seelenloser Actionfilm ohne besonderen Tiefgang. Die Darsteller bleiben oberflächlich und der schnelle Kapitelcut sorgt zusätzlich dafür, dass sich keiner der Beteiligten tiefer entfalten kann. Das Potenzial wäre vorhanden gewesen, da jeder der Fünf mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hatte – nur zeigt dies der Autor allenfalls beifällig.
Die Grundidee und das Setting ist interessant, die Storyline zu dünn und zu leicht nachvollziehbar. Nach wie vor lassen sich die beiden genannten Werke uneingeschränkt empfehlen, „The Watchers“ schafft es jedoch nicht, auch nur annähernd an deren Qualität heran zu kommen.
hysterika.de / JMSeibold / 16.10.2021

Richard Chizmar: Gwendys Zauberfeder

Originaltitel:Gwendy’s Magic Feather
Aus dem Englischen von Sven-Eric Wehmeyer
©2019 by Richard Chizmar
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27295–8
ca. 271 Seiten

COVER:

DAS BÖSE KOMMT ZURÜCK NACH CASTLE ROCK

Vor vielen Jahren bekam Gwendy von einem mysteriösen Mann einen verfluchten Wunschkasten. Damals konnte sie das unheilvolle Ding wieder loswerden, aber plötzlich tritt es wieder in ihr Leben. Hat das Wiederauftauchen mit den grässlichen Geschehnissen zu tun, die Castle Rock derzeit heimsuchen?

REZENSION:

Nach der doch recht großartigen Geschichte namens „Gwendys Wunschkasten“, die in Zusammenarbeit von Stephen King und oben genanntem Richard Chizmar entstanden ist, liegt nun ein Fortsetzungsroman vor, der noch einmal den Blick auf die nun erwachsen gewordenen Gwendy richtet.
Gwendy selbst arbeitet nach ihren schriftstellerischen Erfolgen mittlerweile als Kongressabgeordnete und steht dementsprechend in der Öffentlichkeit. Eines Tages befindet sich auf ihrem Schreibtisch eine alte Silbermünze – Kenner des ersten Bandes wissen sogleich Bescheid. Der Wunschkasten ist nicht weit und somit wird Gwendy abermals genötigt, die große Herausforderung anzunehmen, die der Wunschkasten seinem aktuellen Besitzer auferlegt.
Im Gegensatz zum ersten Buch hat sich hier Stephen King zurück gezogen und das Zepter zu 100% an Richard Chizmar übergeben. Chizmar selbst führt die Story passend und eingängig fort. Nichts desto trotz kann er den Charme der ersten Geschichte leider nicht mehr erreichen – er bleibt dafür ein wenig zu oberflächlich und lässt auch mögliche Spannungselemente eher unbeachtet liegen.
Das Buch lässt sich für Kenner der Geschichte mit der jungen Gwendy dennoch problemlos genießen, da die Story zwar brav, dennoch ganz gut durchdacht ist. Darüber hinaus gibt es für Fans des Großmeisters eine Vielzahl an Reminiszenzen, die in einer Häufigkeit auftauchen, wie sich wohl King selbst nie getraut hätte. Castle Rock lebt weiter und es macht einem treuen Fan schlicht immer wieder eine Freude, wenn man sich dort aufhalten darf – auch wenn es gerade mal etwa 270 Seiten sind.
Leser, denen Gwendys Wunschkasten nichts sagt, sollten meiner Meinung nach erst einmal die Finger von diesem Wohlfühlroman lassen – zu viel Wissen würden fehlen, um hier die weitere Episode in Gwendys Leben ausreichend akzeptieren zu können.
Alles in allem funktioniert auch dieses Werk ausreichend gut – kommt jedoch nur ansatzweise an die gemeinsame Zusammenarbeit heran. Chizmar hätte hier ruhig etwas mehr Druck aufbauen können – die Grundidee und das Setting hätten es allemal hergegeben. Dennoch eine angenehme Fortsetzung eines kleinen aber feinen Romans der beiden Herren.
hysterika.de / JMSeibold / 16.09.2021

Octavia E. Butler: Wilde Saat

Originaltitel: Wild Seed
Aus dem Amerikanischen von Will Platten
©1980 by Octavia E. Butler
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-53489–6
ca. 477 Seiten

COVER:

Doro ist ein Unsterblicher. Er tötet ohne Reue, wenn er von Körper zu Körper springt, um sich selbst am Leben zu erhalten. Er hat vor nichts und niemandem Angst – bis er der Gestaltwandlerin Anyanwu begegnet, die ihre Heilkräfte nutzt, um den Alterungsprozess aufzuhalten. Vom ersten Moment an begehrt Doro Anyanwu, so sehr er sie auch fürchtet, und sein dreihundert Jahre währendes Werben um sie wird das Schicksal der Menschheit für immer verändern. 

REZENSION:

Die leider bereits verstorbene Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler begibt sich im vorliegenden Buch in die Vergangenheit und führt uns in ein kleines afrikanisches Dorf im Jahre 1690. Dieses wird von Sklavenhändlern verwüstet – dieser Vorgang wiederum führt zur Begegnung zweier Unsterblicher, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Zum einen Doro, der skrupellose Menschenverachter, der auf der Suche nach der perfekten Züchtung ist und zum anderen Anyanwu, die das genaue Gegenteil darstellt und sich darüber hinaus ihrer Fähigkeiten noch nicht zur Gänze bewusst ist.
Butler führt uns recht schnell den Wahnsinn des Sklavenhandels und der Ausbeutung von Menschen vor Augen und schlägt eine Lanze für Minderheiten, was absolut erfrischend und auf eine unglaublich intelligente Art und Weise erzählt ist.
WILDE SAAT ist dabei keineswegs Science-Fiction, sondern eher eine Mischung aus Fantasy, historischer Fiktion und einem Hauch Horror unter Verwendung einer Art Vampirismus. Sie fügt dem Ganzen Sklaverei, Rassismus, Feminismus hinzu und entwickelt dabei einen rundum interessanten Plot, der eher Philosophisch denn zur reinen Unterhaltung betrachtet werden muss.
Teilweise fragte ich mich, wohin Butler ihren Leser führen mag und begann vielfältige Ideen zu entwicklen. Interessanterweise treibt einen die Geschichte auf komplett neue Pfade, denen man sich trotz fehlenden Spannungselementen oder anderen typischen Mitteln schlicht nicht entziehen kann.
Die beiden Unsterblichen führen einen ruhigen, jedoch intensiven Kampf – gefüttert mit einer gewissen Art von Liebe, die beiden ihre Unterschiede zeigt und dennoch immer wieder zu einander führt. Dabei vergehen Jahrhunderte, die von Menschenliebe ebenso strotzen wie vom Gegenteil, gepaart mit dem Wunsch Doros, eine Art „Übermensch“ zu züchten. Doro geht dabei über Leichen und man erkennt deutlich, dass er nicht wirklich viel von der sterblichen Menschheit hält. Während Doro ausbeuterisch unterwegs its, zeigt sich Anyanwu als fürsorgliche Heilerin, die nach und nach auch Doro zeigt, dass sich auch andere Pfade des Lebens beschreiten lassen.
Octavia E. Butler war mir bis zum Genuss dieses Werkes leider absolut kein Begriff – ihre philosophische und einzigartige Art des Erzählens wird mir unvergessen bleiben und insbesondere durch die sehr kluge Darbietung sollte sie ganz oben auf der Liste herausragender Literatur zum Nachdenken stehen.
Sehr gelungen Umsetzung unter Einbeziehung von Alltags- und Rassismusthemen, die manchem die Augen öffnen können, sofern man sich darauf einzulassen gewillt ist.
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Guillermo del Toro & Chuck Hogan: Die Saat – The Strain

Originaltitel: The Strain, The Fall, The Night Eternal
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt (Die Saat) sowie von Alexander Lang (Das Blut, Die Nacht)
©2009, 2010, 2011 by Guillermo Del Toro & Chuck Hogan
© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-3172259–2
ca. 1324 Seiten

COVER:

Sie waren immer hier. Unter uns. Sie haben gewartet. In der Dunkelheit. Jetzt ist ihre Zeit gekommen …
Für Ephraim Goodweather, den Chef der New Yorker Seuchenschutzbehörde, ist es keine Nacht wie jede andere. In dieser Nacht kommt auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen eine gerade gelandete Maschine abrupt zum Stehen, der Funkverkehr bricht ab, alle Lichter erlöschen. Goodweather trommelt sein Team zusammen, und gemeinsam betreten sie das Flugzeug. Ihnen bietet sich ein gespenstisches Bild: Die Passagiere sitzen aufrecht in ihren Sesseln und bewegen sich nicht. Als hätte sie eine gewaltige Kraft in Sekundenschnelle getötet. Nur: Wie ist so etwas möglich? Und: Sind die Passagiere wirklich tot? Nein, es ist keine Nacht wie jede andere. In dieser Nacht beginnt der Kampf gegen das Böse, das gekommen ist, um New York zu erobern.
Und nicht nur New York, sondern die ganze Welt.

REZENSION:

Im vorliegenden Band mit dem Titel „Die Saat – The Strain“ befindet sich der komplette Zyklus von drei Bänden der beiden Autoren Guillermo del Toro und Chuck Hogan – beides nicht gerade unbekannte Namen, insbesondere del Toro konnte als Regisseur sehr gelungene Akzente im Filmbusiness setzen.
Nun ein Werk in Zusammenarbeit, in dem die Welt der Vampire um eine weitere Darbietung fortgesetzt werden soll. Interessanterweise scheint diese Idee von Anfang an zu funktionieren – vor allem der geschickte Start mit den Insassen eines Passagierflugzeuges und im Nachgang die an klassischen Vampirmythen abweichende Art des Erzählens sorgt für eine spannende Erfrischung des Genres.
Der erste Band „Die Saat“ führt dem Vampirgenre interessante Aspekte hinzu beziehungsweise führt neue Aspekte ein. Hier gibt es keinen Gentleman-Vampir der alten Garde sondern hungrige Wesen, die wie ein Sturm über die Menschheit hinwegfegen.
„Die Saat“ zeigt sich somit durchweg als interessanter Baustein des Genres und macht nahezu von vorne bis hinten Spaß und sorgt dementsprechend für eine spannende Unterhaltung, die – auch durch den Cliffhanger am Ende – nach weiteren Episoden lechzen lässt.
„Das Blut“ wirkt ähnlich ambitioniert, schafft leider nicht den Status des ersten Bandes aufrecht zu halten. Während man bei „Die Saat“ noch ein Auge auf die etwas dünne Charakterentwicklung zudrücken konnte, fällt das im zweiten Buch bereits schwerer, da die Geschichte das aufgebaute Niveau nicht mehr halten kann und dadurch andere Punkte verstärkt in den Vordergrund drängen und sich somit nicht mehr hinter einem spannenden Plot verstecken können. Nichts desto trotz lässt sich auch „Das Blut“ noch recht gut konsumieren, während leider der finale Band in eine gewissen Belanglosigkeit fällt und dem Zyklus nichts mehr hinzufügen kann. Ich denke, hier wäre in der Gesamtheit weniger mehr gewesen und mit einem grandiosen Schluss des ersten Bandes hätte das Genre ein neues i-Tüpfelchen bekommen, während durch die beiden Fortsetzungen der gesamte Zyklus leider nicht gleichwertig weiter erzählt wird und somit in seiner Gänze nicht zu einem Nachhaltigen Ende kommt.
Nichts desto trotz freue ich mich im Nachgang, „Die Saat“ gelesen zu haben, da hierin die Story noch außerordentlich gut funktioniert.
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Stephen King: Billy Summers

Originaltitel: Billy Summers
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2021 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27359–7
ca. 717 Seiten

COVER:

Billy ist Kriegsveteran und verdingt sich als Auftragskiller. Sein neuester Job ist so lukrativ, dass es sein letzter sein soll. Danach will er ein neues Leben beginnen. Aber er hat sich mit mächtigen Hintermännern eingelassen und steht schließlich selbst im Fadenkreuz. Auf der Flucht rettet er die junge Alice, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde. Billy muss sich entscheiden. Geht er den Weg der Rache oder der Gerechtigkeit? Gibt es da einen Unterschied? So oder so, die Antwort liegt am Ende des Wegs.

REZENSION:

Wer Stephen King immer noch als reinen Horror-Autoren betitelt, hat schlicht seit Jahrzehnten keine Bücher mehr von ihm gelesen und schwebt gedanklich noch auf einem Wissensniveau zu Zeiten SHININGs und ES.
Stephen Kings Schaffenskreis ist mittlerweile unglaublich weit gezeichnet und deckt nahezu jede Genreabgrenzung ab. Dementsprechend unbeeindruckt oder gar überrascht war ich, als ich las, dass BILLY SUMMERS eher eine Art Thriller zu sein scheint. Mich störte das absolut gar nicht, dachte ich doch an den sagenhaften Reihenstart mit dem Titel MR. MERCEDES – mit dem mir der Großmeister offenbarte, dass auch mir ein Krimi gefallen kann. Er darf nur nicht oberflächlich geschrieben sein und dafür steht der ausufernde Vielschreiber definitiv nicht.
BILLY SUMMERS ist Auftragskiller und nimmt einen letzten Job an, der durch seine Bezahlung problemlos der Start in eine entspannte Zeit ohne weitere Tätigkeiten sein kann.
Als perfekter Planer und Schütze steht dem positiven Ergebnis nichts entgegen – er hatte lediglich nicht mit dem Plan seiner Auftraggeber gerechnet, was zu einer doppelten Flucht seitens Billy Summers führte: Die Flucht vor der Staatsmacht als auch vor den Hintermännern des Auftrags.
Summers baut sich dabei mehrere Identitäten auf und lebt mehrere bürgerliche Leben, in der Hoffnung, dass aus Sicht der Staatsmacht bald sämtliche Vorkehrungen mangels Jagderfolgs reduziert werden.
Gleichzeitig denkt er über Rache nach und entdeckt sich bereits beim Schmieden neuer Pläne.
Eines Tages wird das Opfer einer Gruppenvergewaltigung nahe seiner Wohnung „entsorgt“ – Summers trifft eine Entscheidung und rettet sie (Hauptgedanke wohl die Sorge, dass die Polizei auch bei ihm anklopfen könnte).
Nun stellt sich die Frage nach seinem weiteren Vorgehen: Rache an seinen Auftraggebern? Rache an den Vergewaltigern? Offenbarung seiner echten Tätigkeit gegenüber Alice?
Stephen King holt in bekannter Weise virtuos aus und nimmt uns nicht nur beim täglichen Geschehen mit, sondern taucht auch tief in die Welt Billy Summers ab. Dieser verarbeitet anhand des Schreibens seine eigene Vergangenheit und man erkennt mehr und mehr die Hintergründe seines Tuns als auch die detailliert gezeichnete Persönlichkeit.
Gleichzeitig scheint King in den letzten Jahren seinen Lesern etwas mehr als nur eine gute Geschichte mitgeben zu wollen. Dementsprechend tiefgehend entwickelt sich der Plot und wer Richtung Ende nicht emotional in seinen Gedanken versinkt, sollte nochmal in sich gehen…
BILLY SUMMERS ist erneut ein grandioser Roman eines Schriftstellers, der in oberflächlichen Medien immer noch etwas belächelt wird, da er ja angeblich nur ein Horror-Autor ist. In meinen Augen war King schon immer Literatur – auch wenn es manchmal etwas härter zur Sache ging. Ihm war schon immer die Geschichte rundherum das Wichtigste und das ist auch der Grund, warum ich diesen Schriftsteller auch weiterhin als meinen Schriftsteller Nummer 1 betrachte.
BILLY SUMMERS selbst ist dabei nicht von schlechten Eltern – als sein bestes Werk würde ich es definitiv nicht bezeichnen, nichts desto trotz lohnt sich dieses Buch und offenbart abermals eine weitere Facette dieses unglaublichen Künstlers.
hysterika.de / JMSeibold / 29.08.2021

Wil McCarthy: Zeitflut

Originaltitel: Antediluvian
Aus dem Amerikanischen von Norbert Stöbe
Deutsche Erstausgabe 03/2021
©2019 by Wil McCarthy
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32076-5
ca. 445 Seiten

COVER:

DIE GRÖSSTE ZEITREISE IN DER MENSCHHEITSGESCHICHTE

Die nahe Zukunft. Den beiden Wissenschaftlern Harv Leonel und Tara Mukherjee ist eine bahnbrechende Entdeckung gelungen, die es den Menschen ermöglicht, die Vergangenheit mit eigenen Augen zu sehen. Und so treten Harv und Tara die Reise in die Steinzeit an – und entdecken ein vergessenes Zeitalter der Hochkultur. Doch diese Welt ist in Gefahr. Wenn es den beiden Forschern nicht gelingt, sie zu retten, könnte das Erbe der Menschheit für immer verloren gehen …

DAS GEHEIMNIS DER ZEIT LIEGT IN UNSEREN GENEN

REZENSION:

Die Coverbeschreibung des Verlages ist natürlich als Teaser gedacht – einige wenige Zeilen, um den potenziellen Käufer davon zu überzeugen, dieses Buch mit zur Kasse zu nehmen. Gut, dennoch sollte sie in etwa widerspiegeln, worum es im Buch geht. Bis auf den letzten Satz mit den Genen stimmt nämlich nur partiell der Inhalt der Beschreibung mit dem Inhalt des Buches überein.
Richtig ist, dass die beiden eine bahnbrechende Erfindung gemacht haben und Harv dadurch gedanklich in die Vergangenheit reisen kann, beziehungsweise sein Y-Chromosom die frühen Erlebnisse immer noch in den Tiefen gespeichert hat und Harv diese nun technisch hervorzuholen in der Lage ist.
Er selbst liegt weggetreten im Universitätsgebäude – was seine Erlebnisse geistiger Art jedoch nicht schmälert. Wil McCarthy baut diese Erlebnisse als separat wirkende Geschichten auf und hält sich dabei so gut wie möglich an historische beziehungsweise mystische Bewandtnisse. Da die Erlebnisse mehrere Jahrtausende hinter uns liegen, lässt sich deren Wahrheitsgehalt nicht widerlegen und könnte sich exakt so dargestellt haben.
Das Interessante dabei ist der Umstand, dass McCarthy insgesamt vier Mal Harv in die Vergangenheit schickt und dabei uns zum Beobachter von Geschehnissen macht, die überwiegend Auswirkungen in unsere Zeit haben und auch weiterhin im Rahmen von Sagen, Erzählungen und religiösen Mythen ihre Daseinsberechtigung haben. Wir treffen auf den Grund, wie und warum Menschen auf einer Art Arche das Weite vor einer Sintflut gesucht haben, wie Eva von der Schlange gebissen wurde und was es mit Trollen und dem ersten Seefahrer aller Zeiten auf sich hat.
Der gesamte Roman ist sehr ideenreich aufgebaut und steht und fällt mit der jeweiligen Geschichte in der Geschichte. Während die Flucht vor der Sintflut als erste Geschichte bereits durch ihre doch recht gut aufgebaute Spannungselemente ein grandiosen Zeichen für den Einstieg in dieses Werk setzen konnte, fällt dies sogleich mit der zweiten wieder ein wenig ab. Hier hätte Wil McCarthy unter Umständen etwas weniger Historie und dafür mehr spannende Elemente einbauen könnte, was der Geschichte in ihrer Gesamtheit sicherlich gut getan hätte. Nichts desto trotz bleibt der Plot interessant und etabliert eine interessante Zeitreise-Alternative, die gänzlich ohne die üblichen Paradoxien aufwarten kann – man ist ja nur Beobachter aufgrund der gespeicherten Informationen der eigenen Gene. Somit lässt sich auch nicht gezielt reisen sondern nur auf Basis der eigenen Herkunft. Allein dies würde mir schon richtig viel Freude bereiten, vor allem weil man dabei im Gegensatz zu anderen Zeitreisewerken kein örtliches Risiko eingehen muss.
ZEITFLUT ist interessant, zeugt von einer grandiosen Idee und lässt sich sehr schön lesen. Die Spannungsschraube hätte McCarthy noch deutlich anziehen können und beim Ende darüber hinaus noch etwas runder und nicht so hektisch agieren müssen. Dennoch ein abwechslungsreicher Plot mit historisch angehauchten Elementen, die teils mitreissen, teils nebensächlich wirken. In der Gänze somit ein ziemlich guter Unterhaltungsroman, der sich nicht in den üblichen Zeitreisen-Fahrwassern befindet.
hysterika.de / JMSeibold / 25.07.2021

Scott Thomas: VIOLET

Originaltitel: VIOLET
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kristof Kurz und Stefanie Adam

Deutsche Erstausgabe 07/2021
©2019 by Scott Thomas
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32032-1
ca. 575 Seiten

COVER:

Dreißig Jahre nach dem Tod ihrer Mutter bricht für die Tierärztin Kris Barlow erneut die Welt zusammen: Ihr Mann stirbt bei einem Autounfall. Geschockt beschließt Kris, sich zusammen mit ihrer kleinen Tochter Sadie in das alte Ferienhaus ihrer Familie am Lost Lake, nahe Pacington, zurückzuziehen. Doch der Ort hat sich verändert, die Einwohner sind Fremden gegenüber misstrauisch geworden, denn im Laufe der letzten Jahre verschwanden mehrere Mädchen spurlos. Zunächst schenkt Kris den Warnungen der Leute keine Beachtung, aber dann ereignen sich seltsame Dinge in ihrem Haus. Als auch Sadie beginnt, sich zunehmend merkwürdiger – und unheimlicher – zu verhalten, wird Kris klar, dass sie sich den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss, wenn sie das Leben ihrer Tochter retten will …

REZENSION:

Das Spektrum der Genre, in denen ich mich als leidenschaftlicher Leser bewege, ist sehr weit gefächert. Dennoch liegt meine Liebe von Anfang an im anspruchsvollen Grusel- und Horrorbereich.
In den 80er Jahren wurde ich da noch sehr stark mit neuen Veröffentlichungen über alle möglichen Verlagshäuser hinweg ungebremst bedient. Nach und nach schien dies insbesondere bei den großen Verlagshäusern nachzulassen und man konnte neben dem Publikumsblockbuster Stephen King nur noch wenig neues bei diesen Publikumsverlagen entdecken. Scheinbar scheint sich jemand diesem Problem angenommen zu haben, denn ich erkennen in den letzten Monaten ein kleines Licht am Ende des Tunnels, welches sich immer heller darzustellen scheint. Es gibt nicht mehr nur den Umsatzgarant King, sondern es werden auch weitere Autoren auf dem deutschen Markt unter Vertrag genommen.
Scott Thomas ist einer dieser für uns neuen Namen – sein Debütroman „Kill Creek“ konnte mich bereits durch die interessante und schön altmodisch klingende Idee begeistern.
Nun ein weiterer Roman dieses Autoren mit dem einfach klingenden Titel „Violet“.
Wir begleiten hierin eine Mutter und ihre Tochter in ein altes, heruntergekommenes Ferienhaus, um dort einige Wochen Ruhe zu finden und dabei das Drama um den verunglückten Ehemann verarbeiten zu können.
Wie sich recht schnell herausstellt, gibt es jedoch einige Einflüsse, die das Verhalten ihrer Tochter verändern. Gleichzeitig Personen, die einen zu beobachten scheinen und gruselige Begebenheiten im Hause selbst.
Auch hier erzählt Scott Thomas einen altmodisch wirkenden Gruselroman. Aber genau damit entspricht er meiner Vorliebe und zeigt deutlich, dass ein anspruchsvoller Gruselroman mehr verdeckt als plastisch darstellen muss.
Teilweise so geschickt beschrieben, dass man das Gefühl einer dezent aufkommenden Gänsehaut nicht vermeiden kann.
Sämtliche Versuche, die Geschichte vorherzusehen, scheitern und dementsprechend bleibt man an die Seiten gefesselt, bis man zum unvermeidlichen und grandios erzählten Ende kommt.
„VIOLET“ ist in meinen Augen endlich mal wieder ein grandios erzählter Gruselroman, der sich im Fahrwasser alter Klassiker tummelt und dabei nicht einmal schlecht aussieht. Eine absolute Leseempfehlung für Freunde des anspruchsvollen Schauerromans mit mystischen und/oder geisterhaften Elementen. Von meiner Seite eine klare Leseempfehlung.
hysterika.de / JMSeibold / 04.07.2021

Scott Carson: The Chill

Originaltitel: The Chill
Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler

Deutsche Erstausgabe 07/2021
©2020 by Scott Carson
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
ISBN 978-3-453-44111-8
ca. 494 Seiten

COVER:

Mitten in den Catskills liegt das Dorf Galesburg tief unter den stillen Wassern des Chilewaukee-Stausees, der die Millionenmetropole New York mit Trinkwasser versorgt. Seine Bewohner wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus ihren Häusern vertrieben und zwangsumgesiedelt. Ihre Nachfahren leben noch heute an den Ufern des „Chill“, doch die meisten von ihnen haben ihre Geschichte vergessen. Spencer Ellsworth zum Beispiel, der Sheriff, denkt ebenso ungern an die unrühmliche Rolle, die sein Großvater bei der Evakuierung gespielt hat, wie Gillian Mathers, deren Vorfahren sich mit aller Gewalt gegen die Umsiedlung gewehrt haben. Doch die Vergangenheit ruht nicht in Galesburg, und als nach wochenlangen Regenfällen der Wasserspiegel im Chill immer höher steigt, kommt die Wahrheit über das, was damals wirklich passiert ist, langsam an die Oberfläche – und mit ihr ein uraltes, schreckliches Geheimnis…

REZENSION:

Bereits beim Lesen der Widmung erkennt man eine Verneigung Scott Carsons an den wohl bekanntesten Schriftsteller der heutigen Zeit, welcher auch ein kleines Verkaufszitat auf dem Buchtitel hinterlassen hatte: „Ein großartiger Horror-Roman!“ meinte Stephen King und dementsprechend angefixt war ich auf den Inhalt dieses Buches.
Anspruchsvolle Horror-Romane zeigten sich in letzter Zeit immer seltener im Portfolio der großen Publikumsverlage und dementsprechend froh war ich, dass hier scheinbar endlich mal wieder einem meiner Lieblingsgenre ein weiteres Werk hinzugefügt wird.
„The Chill“ von Scott Carson ist ein gelungen erzählter Geisterroman, der detailliert und fast ein wenig zu langatmig seine Geschichte offenbart. Diese wiederum macht jedoch viel Spaß beim Lesen und überrascht auch ab und an ein klein wenig.
Die teilnehmenden Figuren sind durchweg glaubhaft dargestellt und manch einer wird trotz vorhandener Ecken und Kanten zum Liebling des Lesers.
Carson scheut sich nicht, Klischees und allseits übliche Stilelemente zu verwenden – interessanterweise stört das nicht, da er dabei sehr geschickt vorgeht und ihr Wirkungsgebiet auf erfrischende Art beschreitet.
Die Stausee-Idee mit den noch nicht zur Ruhe gekommenen Einwohnern Galesburgs besitzt unglaublich viel Charme und man fragt sich manchmal, ob man nicht die Seite der Geister für die ehrlichere und somit unterstützenswertere hält.
„The Chill“ ist ein rundum interessanter Roman – dennoch führt das Prädikat „Horror“ definitiv zu weit. „The Chill“ ist vielmehr eine Art mystischer Thriller, da er keinerlei Horrorelemente in sich trägt und somit eine erheblich größere Klientel begeistern könnte, als eine Genreeingrenzung zur Folge haben kann. Horrorfans wären ob der missenden Elemente eher enttäuscht – Thrillerfans, die kein Problem mit einer Prise „Geister“ haben, können hier getrost zugreifen, denn das Buch bietet eine gut durchdachte Geschichte, ein tolles Setting und interessante Protagonisten.
Einige Fragen werden leider nicht beantwortet, dies ist jedoch als eher nebensächlich zu betrachten, da der Rest im großen und Ganzen sehr gut zu überzeugen wusste.
hysterika.de / JMSeibold / 24.06.2021

Adrian Tchaikovsky: Portal der Welten

Originaltitel: The Doors Of Eden
Aus dem Englischen von Irene Holicki
© 2020 by Adrian Tchaikovsky
Deutsche Erstausgabe 05/2021
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-42490-6
ca. 638 Seiten

COVER:

England, in der nahen Zukunft. Vier Jahre nach dem spurlosen Verschwinden ihrer besten Freundin Mal ist die Studentin Lee noch immer traumatisiert. Nach einem mysteriösen Anruf kreuzen sich ihre Wege mit denen des MI5-Agenten Julian Sabreur, der einem Phantom nachjagt. Ist es vielleicht Mal? Aber wo war sie – und wo ist sie jetzt? Als auch noch eine Physikern entführt wird, die über Parallelwelten geforscht hat, beginnt das Gefüge von Lees und Julians Welt auseinander zu brechen. Irgendetwas ist da draußen, und es hat finstere Absichten …

REZENSION:

Adrian Tchaikovsky war mir bis zum Genuss seines Bestsellers „Die Kinder der Zeit“ nicht wirklich ein Begriff. Dementsprechend hoch war bereits meine Erwartungshaltung – lediglich ein wenig getrübt durch die Erfahrungen der danach folgenden Werke, die nach meiner Meinung nach dem genannten Buch nicht ansatzweise Paroli bieten konnten.
Nun ein neues Werk mit ansprechendem Cover und interessant klingendem Titel. „Portal der Welten“ ist dabei ähnlich umfangreich wie „Die Kinder der Zeit“ und schon ertappte ich mich mit einer sich selbst steigenden Erwartungshaltung.
Tchaikovsky zeigt von Anfang an seinen Einfallsreichtum und ist somit beileibe kein simpler SF-Autor, sondern versucht sich erfreulicherweise immer wieder neu zu erfinden. In diesem Fall öffnet er ein sehr weitläufiges Themenfeld – die Parallelwelten, und versucht diese in Verbindung mit einer Agentengeschichte und einem aus Versehen betroffenen Pärchen geschickt in Verbindung zu bringen.
Grandiose Idee und die ersten ca. 200 bis 300 Seiten auch durchweg interessant und gelungen dargestellt. Leider verliert man sich in diesem weit gefächerten Plot durch die mehr und mehr ausufernden Stränge, die der Autor scheinbar noch zusätzlich erzählen wollte. Teilweise werden einem die Rollen der Darsteller nicht ganz bewusst, wodurch sich die Sinnhaftigkeit deren Teilnahme verliert. Die zu Grunde liegende Idee kann von oben betrachtet weiterhin nur als hervorragend beschrieben werden – und allein dieser Umstand hätte den Roman auf das oberste Treppchen gestellt – hätte sich Tchaikovsky nicht in der Fülle seiner Parallelwelten in Verbindung mit seiner eigenen Welt durch zu tiefes Eintauchen verloren.
Somit ein in meinen Augen sehr zwiespältiges Werk mit einer grundsätzlich gelungenen Idee – die Ausführung sollte jedoch dichter, spannender und stringenter gewebt sein, damit der Drang zum Lesen ein ähnliches Suchtgefühlt entwickelt, wie ich es bereits bei „Die Kinder der Zeit“ erleben durfte.
Hysterika.de/JMSeibold/05.06.2021