Richard Chizmar: Gwendys Zauberfeder

Originaltitel:Gwendy’s Magic Feather
Aus dem Englischen von Sven-Eric Wehmeyer
©2019 by Richard Chizmar
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27295–8
ca. 271 Seiten

COVER:

DAS BÖSE KOMMT ZURÜCK NACH CASTLE ROCK

Vor vielen Jahren bekam Gwendy von einem mysteriösen Mann einen verfluchten Wunschkasten. Damals konnte sie das unheilvolle Ding wieder loswerden, aber plötzlich tritt es wieder in ihr Leben. Hat das Wiederauftauchen mit den grässlichen Geschehnissen zu tun, die Castle Rock derzeit heimsuchen?

REZENSION:

Nach der doch recht großartigen Geschichte namens „Gwendys Wunschkasten“, die in Zusammenarbeit von Stephen King und oben genanntem Richard Chizmar entstanden ist, liegt nun ein Fortsetzungsroman vor, der noch einmal den Blick auf die nun erwachsen gewordenen Gwendy richtet.
Gwendy selbst arbeitet nach ihren schriftstellerischen Erfolgen mittlerweile als Kongressabgeordnete und steht dementsprechend in der Öffentlichkeit. Eines Tages befindet sich auf ihrem Schreibtisch eine alte Silbermünze – Kenner des ersten Bandes wissen sogleich Bescheid. Der Wunschkasten ist nicht weit und somit wird Gwendy abermals genötigt, die große Herausforderung anzunehmen, die der Wunschkasten seinem aktuellen Besitzer auferlegt.
Im Gegensatz zum ersten Buch hat sich hier Stephen King zurück gezogen und das Zepter zu 100% an Richard Chizmar übergeben. Chizmar selbst führt die Story passend und eingängig fort. Nichts desto trotz kann er den Charme der ersten Geschichte leider nicht mehr erreichen – er bleibt dafür ein wenig zu oberflächlich und lässt auch mögliche Spannungselemente eher unbeachtet liegen.
Das Buch lässt sich für Kenner der Geschichte mit der jungen Gwendy dennoch problemlos genießen, da die Story zwar brav, dennoch ganz gut durchdacht ist. Darüber hinaus gibt es für Fans des Großmeisters eine Vielzahl an Reminiszenzen, die in einer Häufigkeit auftauchen, wie sich wohl King selbst nie getraut hätte. Castle Rock lebt weiter und es macht einem treuen Fan schlicht immer wieder eine Freude, wenn man sich dort aufhalten darf – auch wenn es gerade mal etwa 270 Seiten sind.
Leser, denen Gwendys Wunschkasten nichts sagt, sollten meiner Meinung nach erst einmal die Finger von diesem Wohlfühlroman lassen – zu viel Wissen würden fehlen, um hier die weitere Episode in Gwendys Leben ausreichend akzeptieren zu können.
Alles in allem funktioniert auch dieses Werk ausreichend gut – kommt jedoch nur ansatzweise an die gemeinsame Zusammenarbeit heran. Chizmar hätte hier ruhig etwas mehr Druck aufbauen können – die Grundidee und das Setting hätten es allemal hergegeben. Dennoch eine angenehme Fortsetzung eines kleinen aber feinen Romans der beiden Herren.
hysterika.de / JMSeibold / 16.09.2021

Octavia E. Butler: Wilde Saat

Originaltitel: Wild Seed
Aus dem Amerikanischen von Will Platten
©1980 by Octavia E. Butler
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-53489–6
ca. 477 Seiten

COVER:

Doro ist ein Unsterblicher. Er tötet ohne Reue, wenn er von Körper zu Körper springt, um sich selbst am Leben zu erhalten. Er hat vor nichts und niemandem Angst – bis er der Gestaltwandlerin Anyanwu begegnet, die ihre Heilkräfte nutzt, um den Alterungsprozess aufzuhalten. Vom ersten Moment an begehrt Doro Anyanwu, so sehr er sie auch fürchtet, und sein dreihundert Jahre währendes Werben um sie wird das Schicksal der Menschheit für immer verändern. 

REZENSION:

Die leider bereits verstorbene Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler begibt sich im vorliegenden Buch in die Vergangenheit und führt uns in ein kleines afrikanisches Dorf im Jahre 1690. Dieses wird von Sklavenhändlern verwüstet – dieser Vorgang wiederum führt zur Begegnung zweier Unsterblicher, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Zum einen Doro, der skrupellose Menschenverachter, der auf der Suche nach der perfekten Züchtung ist und zum anderen Anyanwu, die das genaue Gegenteil darstellt und sich darüber hinaus ihrer Fähigkeiten noch nicht zur Gänze bewusst ist.
Butler führt uns recht schnell den Wahnsinn des Sklavenhandels und der Ausbeutung von Menschen vor Augen und schlägt eine Lanze für Minderheiten, was absolut erfrischend und auf eine unglaublich intelligente Art und Weise erzählt ist.
WILDE SAAT ist dabei keineswegs Science-Fiction, sondern eher eine Mischung aus Fantasy, historischer Fiktion und einem Hauch Horror unter Verwendung einer Art Vampirismus. Sie fügt dem Ganzen Sklaverei, Rassismus, Feminismus hinzu und entwickelt dabei einen rundum interessanten Plot, der eher Philosophisch denn zur reinen Unterhaltung betrachtet werden muss.
Teilweise fragte ich mich, wohin Butler ihren Leser führen mag und begann vielfältige Ideen zu entwicklen. Interessanterweise treibt einen die Geschichte auf komplett neue Pfade, denen man sich trotz fehlenden Spannungselementen oder anderen typischen Mitteln schlicht nicht entziehen kann.
Die beiden Unsterblichen führen einen ruhigen, jedoch intensiven Kampf – gefüttert mit einer gewissen Art von Liebe, die beiden ihre Unterschiede zeigt und dennoch immer wieder zu einander führt. Dabei vergehen Jahrhunderte, die von Menschenliebe ebenso strotzen wie vom Gegenteil, gepaart mit dem Wunsch Doros, eine Art „Übermensch“ zu züchten. Doro geht dabei über Leichen und man erkennt deutlich, dass er nicht wirklich viel von der sterblichen Menschheit hält. Während Doro ausbeuterisch unterwegs its, zeigt sich Anyanwu als fürsorgliche Heilerin, die nach und nach auch Doro zeigt, dass sich auch andere Pfade des Lebens beschreiten lassen.
Octavia E. Butler war mir bis zum Genuss dieses Werkes leider absolut kein Begriff – ihre philosophische und einzigartige Art des Erzählens wird mir unvergessen bleiben und insbesondere durch die sehr kluge Darbietung sollte sie ganz oben auf der Liste herausragender Literatur zum Nachdenken stehen.
Sehr gelungen Umsetzung unter Einbeziehung von Alltags- und Rassismusthemen, die manchem die Augen öffnen können, sofern man sich darauf einzulassen gewillt ist.
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Guillermo del Toro & Chuck Hogan: Die Saat – The Strain

Originaltitel: The Strain, The Fall, The Night Eternal
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt (Die Saat) sowie von Alexander Lang (Das Blut, Die Nacht)
©2009, 2010, 2011 by Guillermo Del Toro & Chuck Hogan
© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-3172259–2
ca. 1324 Seiten

COVER:

Sie waren immer hier. Unter uns. Sie haben gewartet. In der Dunkelheit. Jetzt ist ihre Zeit gekommen …
Für Ephraim Goodweather, den Chef der New Yorker Seuchenschutzbehörde, ist es keine Nacht wie jede andere. In dieser Nacht kommt auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen eine gerade gelandete Maschine abrupt zum Stehen, der Funkverkehr bricht ab, alle Lichter erlöschen. Goodweather trommelt sein Team zusammen, und gemeinsam betreten sie das Flugzeug. Ihnen bietet sich ein gespenstisches Bild: Die Passagiere sitzen aufrecht in ihren Sesseln und bewegen sich nicht. Als hätte sie eine gewaltige Kraft in Sekundenschnelle getötet. Nur: Wie ist so etwas möglich? Und: Sind die Passagiere wirklich tot? Nein, es ist keine Nacht wie jede andere. In dieser Nacht beginnt der Kampf gegen das Böse, das gekommen ist, um New York zu erobern.
Und nicht nur New York, sondern die ganze Welt.

REZENSION:

Im vorliegenden Band mit dem Titel „Die Saat – The Strain“ befindet sich der komplette Zyklus von drei Bänden der beiden Autoren Guillermo del Toro und Chuck Hogan – beides nicht gerade unbekannte Namen, insbesondere del Toro konnte als Regisseur sehr gelungene Akzente im Filmbusiness setzen.
Nun ein Werk in Zusammenarbeit, in dem die Welt der Vampire um eine weitere Darbietung fortgesetzt werden soll. Interessanterweise scheint diese Idee von Anfang an zu funktionieren – vor allem der geschickte Start mit den Insassen eines Passagierflugzeuges und im Nachgang die an klassischen Vampirmythen abweichende Art des Erzählens sorgt für eine spannende Erfrischung des Genres.
Der erste Band „Die Saat“ führt dem Vampirgenre interessante Aspekte hinzu beziehungsweise führt neue Aspekte ein. Hier gibt es keinen Gentleman-Vampir der alten Garde sondern hungrige Wesen, die wie ein Sturm über die Menschheit hinwegfegen.
„Die Saat“ zeigt sich somit durchweg als interessanter Baustein des Genres und macht nahezu von vorne bis hinten Spaß und sorgt dementsprechend für eine spannende Unterhaltung, die – auch durch den Cliffhanger am Ende – nach weiteren Episoden lechzen lässt.
„Das Blut“ wirkt ähnlich ambitioniert, schafft leider nicht den Status des ersten Bandes aufrecht zu halten. Während man bei „Die Saat“ noch ein Auge auf die etwas dünne Charakterentwicklung zudrücken konnte, fällt das im zweiten Buch bereits schwerer, da die Geschichte das aufgebaute Niveau nicht mehr halten kann und dadurch andere Punkte verstärkt in den Vordergrund drängen und sich somit nicht mehr hinter einem spannenden Plot verstecken können. Nichts desto trotz lässt sich auch „Das Blut“ noch recht gut konsumieren, während leider der finale Band in eine gewissen Belanglosigkeit fällt und dem Zyklus nichts mehr hinzufügen kann. Ich denke, hier wäre in der Gesamtheit weniger mehr gewesen und mit einem grandiosen Schluss des ersten Bandes hätte das Genre ein neues i-Tüpfelchen bekommen, während durch die beiden Fortsetzungen der gesamte Zyklus leider nicht gleichwertig weiter erzählt wird und somit in seiner Gänze nicht zu einem Nachhaltigen Ende kommt.
Nichts desto trotz freue ich mich im Nachgang, „Die Saat“ gelesen zu haben, da hierin die Story noch außerordentlich gut funktioniert.
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Stephen King: Billy Summers

Originaltitel: Billy Summers
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2021 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27359–7
ca. 717 Seiten

COVER:

Billy ist Kriegsveteran und verdingt sich als Auftragskiller. Sein neuester Job ist so lukrativ, dass es sein letzter sein soll. Danach will er ein neues Leben beginnen. Aber er hat sich mit mächtigen Hintermännern eingelassen und steht schließlich selbst im Fadenkreuz. Auf der Flucht rettet er die junge Alice, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde. Billy muss sich entscheiden. Geht er den Weg der Rache oder der Gerechtigkeit? Gibt es da einen Unterschied? So oder so, die Antwort liegt am Ende des Wegs.

REZENSION:

Wer Stephen King immer noch als reinen Horror-Autoren betitelt, hat schlicht seit Jahrzehnten keine Bücher mehr von ihm gelesen und schwebt gedanklich noch auf einem Wissensniveau zu Zeiten SHININGs und ES.
Stephen Kings Schaffenskreis ist mittlerweile unglaublich weit gezeichnet und deckt nahezu jede Genreabgrenzung ab. Dementsprechend unbeeindruckt oder gar überrascht war ich, als ich las, dass BILLY SUMMERS eher eine Art Thriller zu sein scheint. Mich störte das absolut gar nicht, dachte ich doch an den sagenhaften Reihenstart mit dem Titel MR. MERCEDES – mit dem mir der Großmeister offenbarte, dass auch mir ein Krimi gefallen kann. Er darf nur nicht oberflächlich geschrieben sein und dafür steht der ausufernde Vielschreiber definitiv nicht.
BILLY SUMMERS ist Auftragskiller und nimmt einen letzten Job an, der durch seine Bezahlung problemlos der Start in eine entspannte Zeit ohne weitere Tätigkeiten sein kann.
Als perfekter Planer und Schütze steht dem positiven Ergebnis nichts entgegen – er hatte lediglich nicht mit dem Plan seiner Auftraggeber gerechnet, was zu einer doppelten Flucht seitens Billy Summers führte: Die Flucht vor der Staatsmacht als auch vor den Hintermännern des Auftrags.
Summers baut sich dabei mehrere Identitäten auf und lebt mehrere bürgerliche Leben, in der Hoffnung, dass aus Sicht der Staatsmacht bald sämtliche Vorkehrungen mangels Jagderfolgs reduziert werden.
Gleichzeitig denkt er über Rache nach und entdeckt sich bereits beim Schmieden neuer Pläne.
Eines Tages wird das Opfer einer Gruppenvergewaltigung nahe seiner Wohnung „entsorgt“ – Summers trifft eine Entscheidung und rettet sie (Hauptgedanke wohl die Sorge, dass die Polizei auch bei ihm anklopfen könnte).
Nun stellt sich die Frage nach seinem weiteren Vorgehen: Rache an seinen Auftraggebern? Rache an den Vergewaltigern? Offenbarung seiner echten Tätigkeit gegenüber Alice?
Stephen King holt in bekannter Weise virtuos aus und nimmt uns nicht nur beim täglichen Geschehen mit, sondern taucht auch tief in die Welt Billy Summers ab. Dieser verarbeitet anhand des Schreibens seine eigene Vergangenheit und man erkennt mehr und mehr die Hintergründe seines Tuns als auch die detailliert gezeichnete Persönlichkeit.
Gleichzeitig scheint King in den letzten Jahren seinen Lesern etwas mehr als nur eine gute Geschichte mitgeben zu wollen. Dementsprechend tiefgehend entwickelt sich der Plot und wer Richtung Ende nicht emotional in seinen Gedanken versinkt, sollte nochmal in sich gehen…
BILLY SUMMERS ist erneut ein grandioser Roman eines Schriftstellers, der in oberflächlichen Medien immer noch etwas belächelt wird, da er ja angeblich nur ein Horror-Autor ist. In meinen Augen war King schon immer Literatur – auch wenn es manchmal etwas härter zur Sache ging. Ihm war schon immer die Geschichte rundherum das Wichtigste und das ist auch der Grund, warum ich diesen Schriftsteller auch weiterhin als meinen Schriftsteller Nummer 1 betrachte.
BILLY SUMMERS selbst ist dabei nicht von schlechten Eltern – als sein bestes Werk würde ich es definitiv nicht bezeichnen, nichts desto trotz lohnt sich dieses Buch und offenbart abermals eine weitere Facette dieses unglaublichen Künstlers.
hysterika.de / JMSeibold / 29.08.2021

Wil McCarthy: Zeitflut

Originaltitel: Antediluvian
Aus dem Amerikanischen von Norbert Stöbe
Deutsche Erstausgabe 03/2021
©2019 by Wil McCarthy
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32076-5
ca. 445 Seiten

COVER:

DIE GRÖSSTE ZEITREISE IN DER MENSCHHEITSGESCHICHTE

Die nahe Zukunft. Den beiden Wissenschaftlern Harv Leonel und Tara Mukherjee ist eine bahnbrechende Entdeckung gelungen, die es den Menschen ermöglicht, die Vergangenheit mit eigenen Augen zu sehen. Und so treten Harv und Tara die Reise in die Steinzeit an – und entdecken ein vergessenes Zeitalter der Hochkultur. Doch diese Welt ist in Gefahr. Wenn es den beiden Forschern nicht gelingt, sie zu retten, könnte das Erbe der Menschheit für immer verloren gehen …

DAS GEHEIMNIS DER ZEIT LIEGT IN UNSEREN GENEN

REZENSION:

Die Coverbeschreibung des Verlages ist natürlich als Teaser gedacht – einige wenige Zeilen, um den potenziellen Käufer davon zu überzeugen, dieses Buch mit zur Kasse zu nehmen. Gut, dennoch sollte sie in etwa widerspiegeln, worum es im Buch geht. Bis auf den letzten Satz mit den Genen stimmt nämlich nur partiell der Inhalt der Beschreibung mit dem Inhalt des Buches überein.
Richtig ist, dass die beiden eine bahnbrechende Erfindung gemacht haben und Harv dadurch gedanklich in die Vergangenheit reisen kann, beziehungsweise sein Y-Chromosom die frühen Erlebnisse immer noch in den Tiefen gespeichert hat und Harv diese nun technisch hervorzuholen in der Lage ist.
Er selbst liegt weggetreten im Universitätsgebäude – was seine Erlebnisse geistiger Art jedoch nicht schmälert. Wil McCarthy baut diese Erlebnisse als separat wirkende Geschichten auf und hält sich dabei so gut wie möglich an historische beziehungsweise mystische Bewandtnisse. Da die Erlebnisse mehrere Jahrtausende hinter uns liegen, lässt sich deren Wahrheitsgehalt nicht widerlegen und könnte sich exakt so dargestellt haben.
Das Interessante dabei ist der Umstand, dass McCarthy insgesamt vier Mal Harv in die Vergangenheit schickt und dabei uns zum Beobachter von Geschehnissen macht, die überwiegend Auswirkungen in unsere Zeit haben und auch weiterhin im Rahmen von Sagen, Erzählungen und religiösen Mythen ihre Daseinsberechtigung haben. Wir treffen auf den Grund, wie und warum Menschen auf einer Art Arche das Weite vor einer Sintflut gesucht haben, wie Eva von der Schlange gebissen wurde und was es mit Trollen und dem ersten Seefahrer aller Zeiten auf sich hat.
Der gesamte Roman ist sehr ideenreich aufgebaut und steht und fällt mit der jeweiligen Geschichte in der Geschichte. Während die Flucht vor der Sintflut als erste Geschichte bereits durch ihre doch recht gut aufgebaute Spannungselemente ein grandiosen Zeichen für den Einstieg in dieses Werk setzen konnte, fällt dies sogleich mit der zweiten wieder ein wenig ab. Hier hätte Wil McCarthy unter Umständen etwas weniger Historie und dafür mehr spannende Elemente einbauen könnte, was der Geschichte in ihrer Gesamtheit sicherlich gut getan hätte. Nichts desto trotz bleibt der Plot interessant und etabliert eine interessante Zeitreise-Alternative, die gänzlich ohne die üblichen Paradoxien aufwarten kann – man ist ja nur Beobachter aufgrund der gespeicherten Informationen der eigenen Gene. Somit lässt sich auch nicht gezielt reisen sondern nur auf Basis der eigenen Herkunft. Allein dies würde mir schon richtig viel Freude bereiten, vor allem weil man dabei im Gegensatz zu anderen Zeitreisewerken kein örtliches Risiko eingehen muss.
ZEITFLUT ist interessant, zeugt von einer grandiosen Idee und lässt sich sehr schön lesen. Die Spannungsschraube hätte McCarthy noch deutlich anziehen können und beim Ende darüber hinaus noch etwas runder und nicht so hektisch agieren müssen. Dennoch ein abwechslungsreicher Plot mit historisch angehauchten Elementen, die teils mitreissen, teils nebensächlich wirken. In der Gänze somit ein ziemlich guter Unterhaltungsroman, der sich nicht in den üblichen Zeitreisen-Fahrwassern befindet.
hysterika.de / JMSeibold / 25.07.2021

Scott Thomas: VIOLET

Originaltitel: VIOLET
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kristof Kurz und Stefanie Adam

Deutsche Erstausgabe 07/2021
©2019 by Scott Thomas
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32032-1
ca. 575 Seiten

COVER:

Dreißig Jahre nach dem Tod ihrer Mutter bricht für die Tierärztin Kris Barlow erneut die Welt zusammen: Ihr Mann stirbt bei einem Autounfall. Geschockt beschließt Kris, sich zusammen mit ihrer kleinen Tochter Sadie in das alte Ferienhaus ihrer Familie am Lost Lake, nahe Pacington, zurückzuziehen. Doch der Ort hat sich verändert, die Einwohner sind Fremden gegenüber misstrauisch geworden, denn im Laufe der letzten Jahre verschwanden mehrere Mädchen spurlos. Zunächst schenkt Kris den Warnungen der Leute keine Beachtung, aber dann ereignen sich seltsame Dinge in ihrem Haus. Als auch Sadie beginnt, sich zunehmend merkwürdiger – und unheimlicher – zu verhalten, wird Kris klar, dass sie sich den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss, wenn sie das Leben ihrer Tochter retten will …

REZENSION:

Das Spektrum der Genre, in denen ich mich als leidenschaftlicher Leser bewege, ist sehr weit gefächert. Dennoch liegt meine Liebe von Anfang an im anspruchsvollen Grusel- und Horrorbereich.
In den 80er Jahren wurde ich da noch sehr stark mit neuen Veröffentlichungen über alle möglichen Verlagshäuser hinweg ungebremst bedient. Nach und nach schien dies insbesondere bei den großen Verlagshäusern nachzulassen und man konnte neben dem Publikumsblockbuster Stephen King nur noch wenig neues bei diesen Publikumsverlagen entdecken. Scheinbar scheint sich jemand diesem Problem angenommen zu haben, denn ich erkennen in den letzten Monaten ein kleines Licht am Ende des Tunnels, welches sich immer heller darzustellen scheint. Es gibt nicht mehr nur den Umsatzgarant King, sondern es werden auch weitere Autoren auf dem deutschen Markt unter Vertrag genommen.
Scott Thomas ist einer dieser für uns neuen Namen – sein Debütroman „Kill Creek“ konnte mich bereits durch die interessante und schön altmodisch klingende Idee begeistern.
Nun ein weiterer Roman dieses Autoren mit dem einfach klingenden Titel „Violet“.
Wir begleiten hierin eine Mutter und ihre Tochter in ein altes, heruntergekommenes Ferienhaus, um dort einige Wochen Ruhe zu finden und dabei das Drama um den verunglückten Ehemann verarbeiten zu können.
Wie sich recht schnell herausstellt, gibt es jedoch einige Einflüsse, die das Verhalten ihrer Tochter verändern. Gleichzeitig Personen, die einen zu beobachten scheinen und gruselige Begebenheiten im Hause selbst.
Auch hier erzählt Scott Thomas einen altmodisch wirkenden Gruselroman. Aber genau damit entspricht er meiner Vorliebe und zeigt deutlich, dass ein anspruchsvoller Gruselroman mehr verdeckt als plastisch darstellen muss.
Teilweise so geschickt beschrieben, dass man das Gefühl einer dezent aufkommenden Gänsehaut nicht vermeiden kann.
Sämtliche Versuche, die Geschichte vorherzusehen, scheitern und dementsprechend bleibt man an die Seiten gefesselt, bis man zum unvermeidlichen und grandios erzählten Ende kommt.
„VIOLET“ ist in meinen Augen endlich mal wieder ein grandios erzählter Gruselroman, der sich im Fahrwasser alter Klassiker tummelt und dabei nicht einmal schlecht aussieht. Eine absolute Leseempfehlung für Freunde des anspruchsvollen Schauerromans mit mystischen und/oder geisterhaften Elementen. Von meiner Seite eine klare Leseempfehlung.
hysterika.de / JMSeibold / 04.07.2021

Scott Carson: The Chill

Originaltitel: The Chill
Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler

Deutsche Erstausgabe 07/2021
©2020 by Scott Carson
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
ISBN 978-3-453-44111-8
ca. 494 Seiten

COVER:

Mitten in den Catskills liegt das Dorf Galesburg tief unter den stillen Wassern des Chilewaukee-Stausees, der die Millionenmetropole New York mit Trinkwasser versorgt. Seine Bewohner wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus ihren Häusern vertrieben und zwangsumgesiedelt. Ihre Nachfahren leben noch heute an den Ufern des „Chill“, doch die meisten von ihnen haben ihre Geschichte vergessen. Spencer Ellsworth zum Beispiel, der Sheriff, denkt ebenso ungern an die unrühmliche Rolle, die sein Großvater bei der Evakuierung gespielt hat, wie Gillian Mathers, deren Vorfahren sich mit aller Gewalt gegen die Umsiedlung gewehrt haben. Doch die Vergangenheit ruht nicht in Galesburg, und als nach wochenlangen Regenfällen der Wasserspiegel im Chill immer höher steigt, kommt die Wahrheit über das, was damals wirklich passiert ist, langsam an die Oberfläche – und mit ihr ein uraltes, schreckliches Geheimnis…

REZENSION:

Bereits beim Lesen der Widmung erkennt man eine Verneigung Scott Carsons an den wohl bekanntesten Schriftsteller der heutigen Zeit, welcher auch ein kleines Verkaufszitat auf dem Buchtitel hinterlassen hatte: „Ein großartiger Horror-Roman!“ meinte Stephen King und dementsprechend angefixt war ich auf den Inhalt dieses Buches.
Anspruchsvolle Horror-Romane zeigten sich in letzter Zeit immer seltener im Portfolio der großen Publikumsverlage und dementsprechend froh war ich, dass hier scheinbar endlich mal wieder einem meiner Lieblingsgenre ein weiteres Werk hinzugefügt wird.
„The Chill“ von Scott Carson ist ein gelungen erzählter Geisterroman, der detailliert und fast ein wenig zu langatmig seine Geschichte offenbart. Diese wiederum macht jedoch viel Spaß beim Lesen und überrascht auch ab und an ein klein wenig.
Die teilnehmenden Figuren sind durchweg glaubhaft dargestellt und manch einer wird trotz vorhandener Ecken und Kanten zum Liebling des Lesers.
Carson scheut sich nicht, Klischees und allseits übliche Stilelemente zu verwenden – interessanterweise stört das nicht, da er dabei sehr geschickt vorgeht und ihr Wirkungsgebiet auf erfrischende Art beschreitet.
Die Stausee-Idee mit den noch nicht zur Ruhe gekommenen Einwohnern Galesburgs besitzt unglaublich viel Charme und man fragt sich manchmal, ob man nicht die Seite der Geister für die ehrlichere und somit unterstützenswertere hält.
„The Chill“ ist ein rundum interessanter Roman – dennoch führt das Prädikat „Horror“ definitiv zu weit. „The Chill“ ist vielmehr eine Art mystischer Thriller, da er keinerlei Horrorelemente in sich trägt und somit eine erheblich größere Klientel begeistern könnte, als eine Genreeingrenzung zur Folge haben kann. Horrorfans wären ob der missenden Elemente eher enttäuscht – Thrillerfans, die kein Problem mit einer Prise „Geister“ haben, können hier getrost zugreifen, denn das Buch bietet eine gut durchdachte Geschichte, ein tolles Setting und interessante Protagonisten.
Einige Fragen werden leider nicht beantwortet, dies ist jedoch als eher nebensächlich zu betrachten, da der Rest im großen und Ganzen sehr gut zu überzeugen wusste.
hysterika.de / JMSeibold / 24.06.2021

Adrian Tchaikovsky: Portal der Welten

Originaltitel: The Doors Of Eden
Aus dem Englischen von Irene Holicki
© 2020 by Adrian Tchaikovsky
Deutsche Erstausgabe 05/2021
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-42490-6
ca. 638 Seiten

COVER:

England, in der nahen Zukunft. Vier Jahre nach dem spurlosen Verschwinden ihrer besten Freundin Mal ist die Studentin Lee noch immer traumatisiert. Nach einem mysteriösen Anruf kreuzen sich ihre Wege mit denen des MI5-Agenten Julian Sabreur, der einem Phantom nachjagt. Ist es vielleicht Mal? Aber wo war sie – und wo ist sie jetzt? Als auch noch eine Physikern entführt wird, die über Parallelwelten geforscht hat, beginnt das Gefüge von Lees und Julians Welt auseinander zu brechen. Irgendetwas ist da draußen, und es hat finstere Absichten …

REZENSION:

Adrian Tchaikovsky war mir bis zum Genuss seines Bestsellers „Die Kinder der Zeit“ nicht wirklich ein Begriff. Dementsprechend hoch war bereits meine Erwartungshaltung – lediglich ein wenig getrübt durch die Erfahrungen der danach folgenden Werke, die nach meiner Meinung nach dem genannten Buch nicht ansatzweise Paroli bieten konnten.
Nun ein neues Werk mit ansprechendem Cover und interessant klingendem Titel. „Portal der Welten“ ist dabei ähnlich umfangreich wie „Die Kinder der Zeit“ und schon ertappte ich mich mit einer sich selbst steigenden Erwartungshaltung.
Tchaikovsky zeigt von Anfang an seinen Einfallsreichtum und ist somit beileibe kein simpler SF-Autor, sondern versucht sich erfreulicherweise immer wieder neu zu erfinden. In diesem Fall öffnet er ein sehr weitläufiges Themenfeld – die Parallelwelten, und versucht diese in Verbindung mit einer Agentengeschichte und einem aus Versehen betroffenen Pärchen geschickt in Verbindung zu bringen.
Grandiose Idee und die ersten ca. 200 bis 300 Seiten auch durchweg interessant und gelungen dargestellt. Leider verliert man sich in diesem weit gefächerten Plot durch die mehr und mehr ausufernden Stränge, die der Autor scheinbar noch zusätzlich erzählen wollte. Teilweise werden einem die Rollen der Darsteller nicht ganz bewusst, wodurch sich die Sinnhaftigkeit deren Teilnahme verliert. Die zu Grunde liegende Idee kann von oben betrachtet weiterhin nur als hervorragend beschrieben werden – und allein dieser Umstand hätte den Roman auf das oberste Treppchen gestellt – hätte sich Tchaikovsky nicht in der Fülle seiner Parallelwelten in Verbindung mit seiner eigenen Welt durch zu tiefes Eintauchen verloren.
Somit ein in meinen Augen sehr zwiespältiges Werk mit einer grundsätzlich gelungenen Idee – die Ausführung sollte jedoch dichter, spannender und stringenter gewebt sein, damit der Drang zum Lesen ein ähnliches Suchtgefühlt entwickelt, wie ich es bereits bei „Die Kinder der Zeit“ erleben durfte.
Hysterika.de/JMSeibold/05.06.2021

Grady Hendrix: Southern Gothic

Originaltitel: The Southern Book Club’s Guide To Slaying Vampires
Aus dem Amerikanischen von Jakob Schmidt
Deutsche Erstausgabe 6/2021
© 2020 by Grady Hendrix
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe und Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32139-7
ca. 511 Seiten

COVER:

Patricia Campbell führt eine Vorzeigeehe, hat zwei süße Kinder und ein Haus im schönsten Vorort von Charleston, South Carolina. Doch ihren Mann bekommt sie vor lauter Arbeit kaum zu Gesicht, und ihre Kinder sind zu launischen Teenagern mutiert. Ihr einziger Lichtblick sind die Buchclub-Abende, an denen sie mit ihren Freundinnen ihrer Leidenschaft für True Crime und Serienkiller frönt. Nach einem solchen Abend wird Patricia brutal von ihrer dementen Nachbarin attackiert, die kurz darauf stirbt. Wenig später zieht deren Neffe James Harris nach Charleston. Er ist höflich, belesen und sieht unverschämt gut aus. Doch irgendetwas stimmt mit ihm nicht, und als im ärmeren Viertel der Stadt immer mehr Kinder verschwinden, vermuten Patricia und ihre Freundinnen, dass James mehr Ted Bundy als Brad Pitt ist. In Wahrheit ist er jedoch eine ganz andere Sorte Monster – und Patricia hat es schon längst in ihr Heim gelassen …

REZENSION:

Es ist jetzt schon eine sehr lange Zeit her, dass mich ein Vampir-Roman überzeugen konnte. Viel zu sehr hänge ich persönlich an den Qualitäten sehr früher Werke – beginnend mit Stokers Dracula und Kings Salem`s Lot. Die moderne Art des Vampirtums konnte oder wollte ich nicht verstehen. Sicher war ich dazu auch nie als Zielgruppe gedacht und somit widerstand ich dem Versuch verstehen zu wollen, warum unsterbliche Vampire sich mit dem täglichen Schulbesuch plagen und eher mit Teenagerliebe denn mit dem notwendigen Stillen des Blutdurstes beschäftigt sind.
Nun liegt vor mir das Werk von Grady Hendrix und ich bin nach erfolgtem Lesegenuss sehr positiv überrascht, dass jemand diesem sehr alten Thema ein schmackhaftes Sahnehäubchen aufgesetzt hat.
Im Gegensatz zu anderen Werken spielt der Vampir lange Zeit keine wirkliche Rolle. Wir begleiten Patricia durch ihr konservatives Leben und bei ihrem täglichen „Ich-kümmer-mich-um-die-Kinder-und-meinen-Mann“-Klischee. Patricia lebt recht behütet in einer schmuckvollen Vorortgegend, in dem das Zusperren der Türen nicht notwendig scheint. Ihr Mann ist oft auf Dienstreisen, die Kinder zicken herum und sie holt sich ihre Abwechslung durch Teilnahme an einem kleinen Buchclub, den die Freundinnen selbst gründeten, um ein wenig ihrem Einerlei entkommen zu können. Alle erhoffen sich etwas mehr Abwechslung oder Spannung – trauen sich gleichzeitig jedoch nicht, dafür auch etwas zu tun. Sie spielen ihre klassische Hausfrauenrolle (wir befinden uns in den 80ern!) und scheinen damit zufrieden. Eines Tages tritt James Harris als neuer Bewohner in diese Gegend ein und bereits durch sein grandioses Aussehen werden die Damen nervös. Nun geschehen jedoch auch irritierende Dinge, was dazu führt, dass Patricia – nach erfolgtem Studium der einschlägig bekannten Vampirliteratur – zur Erkenntnis kommt, dass es sich bei ihm um einen Vampir handelt.
Selbstverständlich steht sie mit ihrem Glauben alleine da und wird wegen ihrer kruden Ideen und Vorstellungen ins Abseits geschoben. Patricia gibt jedoch nicht auf, um lediglich in ihre vorgegebene Rolle zurück zu fallen – nein, sie geht ihren Weg und dieser führt ungebremst zu einem Showdown, wie es vom Leser erwartet wird.
SOUTHERN GOTHIC ist eine Danksagung und ein Geschenk an alle Mütter, die sich dem Wind entgegenstellen, um dadurch ihren Kindern das Leben zu erleichtern
SOUTHERN GOTHIC bietet einen spannenden Plot, der rasant, flüssig, eingängig und teils mit einer humorvollen Note dargeboten wird. Ein Buch, welches mich rundum zu überraschen wusste und trotz der hohen Seitenzahl viel zu schnell zu Ende war.
Spannung und dezenter Grusel kommt nicht zu kurz, einige brutale als auch blutige Szenen werden darüber hinaus geschickt eingewoben. Hendrix erweitert dadurch sehr geschickt seine Zielgruppe in die unterschiedlichsten Richtungen.
Kurzum eine absolute Leseempfehlung, unabhängig, ob man Vampire nun mag oder nicht – hier in Gestalt von James Harris eher ein Mittel zum Zweck. Ich habe jede Seite genossen und bin immer noch überrascht, wie ein Autor der heutigen Zeit durch seinen Vampir-Thriller diesem fast ausgelutschten Genre noch etwas hinzufügen, wenn nicht sogar wiederbeleben konnte. Klare Empfehlung eines mir bis dato eher unbekannten Schriftstellers.
Hysterika.de/JMSeibold/23.05.2021

Hannes Rastam: QUICK – Die Erschaffung eines Serienkillers

Originaltitel: Fallet Thomas Quick – Att skapa en seriemördare
Aus dem Schwedischen von Nike Karen Müller
©2012 by Hannes Rastam
©2013 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-67732-6
ca. 559 Seiten

COVER:

Der Fall Thomas Quick hat nicht nur in Schweden hohe Wellen geschlagen, weltweit erhitzt dieser unfassbare Justizskandal die Gemüter. In den Jahren 1992 und 2001 gesteht Thomas Quick dreißig Morde und wird für acht davon verurteilt. Nachdem immer wieder Zweifewl an der tatsächlichen Schuld von Quick aufkommen, trifft sich der investigative Journalist Hannes Rastam mit Quick und arbeitet sich durch 50.000 Seiten Gerichtsprotokolle, Polizeiverhöre und Therapieaufzeichnungen. Fazit der Recherche: Es gibt keinen stichfeste Beweis für Thomas Quicks Schuld. Er ist unschuldig.

REZENSION:

Sture Ragnar Bergwall, der sich von 1980 bis 2002 Thomas Quick nannte, behauptete, 33 Menschen getötet zu haben. Nach Erhalt von gewissen Psychotherapien widerrief er seine Geständnisse, was dazu führte, dass Sich der investigative Journalist Hannes Rastam mit diesem Fall intensiv zu beschäftigen begann. Er war einer der wenigen, der Thomas Quick in der Psychiatrischen Anstalt besuchen konnte und dabei einen mittlerweile recht gesprächig wirkenden Insassen kennenlernen durfte. Rastam begann den kompletten Thomas-Quick-Fall aufzuarbeiten und wühlte sich dabei durch sämtliche vorliegenden Dokumente. Nach und nach stellte sich deutlich heraus, dass es sich hierbei um einen der größten Justizskandale handelt, der über die Grenzen Schwedens hinausgeht.
Thomas Quicks Geständnisse waren geschickt durch gewisse Befragungstechniken geleitet und Quick selbst holte sich seine Informationen aus Tageszeitungen beziehungsweise Dokumentationen. Er war psychisch krank und suchte sich dadurch eine gewisse Art der Anerkennung – im Gegenpol die Ermittler und Anwälte, die dadurch eine Vielzahl an ungeklärten Mordfällen auflösen konnten.
Teilweise glaubten selbst Angehörige der Opfer nicht an die Schuld von Thomas Quick – den Beteiligten Anwälten und Polizisten konnte dies jedoch in ihrer Meinung nicht mehr beeinflussen. Dementsprechend befand sich Thomas Quick bis zur finalen Aufarbeitung durch Hannes Rastam 20 Jahre innerhalb der Mauern der psychiatrischen Anstalt.
Das vorliegende Buch ist somit ein sehr wichtiges Buch, da es den Schlüssel zur Freilassung von Thomas Quick darstellt. Es ist dementsprechend trocken dargeboten, da es sich nämlich keinesfalls um einen Roman handelt, sondern um das Ergebnis der journalistischen Arbeit von Hannes Rastam. Nichts desto trotz ist der Inhalt wichtig und es sollte noch viel mehr investigative Journalisten geben, die in der Lage sind, diesen immensen Aufwand leisten zu können. Nur so lassen sich Skandale der unterschiedlichsten Art offenbaren und gewisse Schiefstände wieder gerade rücken.
Hannes Rastam hat leider aufgrund einer Krebserkrankung das Ende der Schlussredaktion seines Buches nicht mehr erlebt – Thomas Quick ist jedenfalls mittlerweile begnadigt, leider hatte dies nur wenig Auswirkungen auf die Beteiligten Personen, die für die langjährige Inhaftierung die Schuld zu tragen hatten.
Ich kannte dieses Fall nicht einmal am Rande – dennoch sorgt das Buch für eine sehr tiefgehende Betrachtung dieses Justizskandals. Darüber hinaus lernt man sehr viel über geschickte Fragetechniken, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen.
Sicherlich wird QUICK in unseren Kreisen kein Blockbuster – nichts desto trotz ist es ein wichtiges Buch und dementsprechend positiv ist es zu betrachten, dass es nun – im Rahmen einer Verfilmung – auch auf unserem Markt erhältlich ist.
Hysterika.de/JMSeibold/11.04.2021

Stephen King: Später

Originaltitel: Later
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt 

©2021 by Stephen King
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27335-1
ca. 304 Seiten

COVER:

Jamie Conklin wächst in Manhattan auf und wirkt wie ganz ein normaler Junge. Mit seiner alleinerziehenden Mutter Tia teilt er jedoch ein Geheimnis: Er kann von klein auf die Geister kürzlich Verstorbener sehen und mit ihnen reden. Und die Toten müssen alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Tia ist Literaturagentin und hat sich gerade aus großer finanzieller Not gekämpft, da stirbt ihr lukrativster Autor. Der langersehnte Abschlussband seiner großen Bestsellersaga blieb leider unvollendet – wäre da nicht Jamies Gabe. Das Befragen der Toten ruft allerdings auch ungewollte Dämonen herbei.

REZENSION:

Egal wie hoch der Stapel ungelesener Bücher auch sein mag: Ein neuer King wird vorgezogen – diesmal wohl eine Art „Ich sehe tote Menschen“, wie man es bereits aus „The Sixth Sense“ zu kennen meint. Interessanterweise konnte ich diesen Gedanken auch einige Zeit nicht ablegen. Jamie wirkte doch eine gewisse Zeit wie der Junge im angesprochenen Blockbuster mit Bruce Willis.
Stephen King wäre aber nicht Stephen King, wenn er einfach kopieren würde. Somit bleibt es nur kurz bei diesem Gedanken und SPÄTER entwickelt sich trotz der für King recht geringen Seitenzahl zu einem Crossover von Coming-of-Age, einen Touch Horror und recht viel Crime, gewürzt mit Toten, die schlicht noch ein wenig benötigen, bis sie sich auf eine nicht näher definierte Art davon machen beziehungsweise verschwinden. Während dieses Zeitraums zwischen Ableben und endgültigem Verblassen kann Jamie mit ihnen direkt von Kind zu Totem sprechen. Die Toten sind dabei aus irgendwelchen Gründen dazu gezwungen, immer die Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten, was es natürlich für den Fragesteller recht einfach macht.
Auch in diesem Werk brilliert King mit seinem unnachahmlichen Schreibstil. Erneut konnte ich mich der Geschichte nicht entziehen, obwohl sie in ihrer Gänze zwar grandios, dennoch nicht in einer Riege mit den Blockbustern des Autors zu nennen sein wird.
Stephen King scheint etwas nachdenklicher zu werden und lässt uns als treuen Leser daran teilhaben. Jamies Geschichte wird in der Ich-Form dargelegt und dementsprechend nahe rückt man an seinen Protagonisten. Der Schwenk von Crime in Richtung klassischem King-Horror wird in Richtung Ende vermehrt vollzogen – dennoch bleibt der Horroraspekt mit Sicherheit für jeden verdaulich und somit nicht zu dick aufgetragen. Ein bisschen mehr hätte der Geschichte sicher nicht geschadet – insbesondere alte Hasen wie ich würden sich mal wieder über etwas fieseres aus Kings Feder freuen.
Nichts desto trotz handelt es sich bei SPÄTER um einen guten Wurf meines Lieblingsautors. Mit den gerade mal 300 Seiten konnte er nicht so viel ausschweifen, wie von ihm bekannt – dennoch handelt es sich um eine eingängige und gut funktionierende Novelle mit interessanten Aspekten. Irritierenderweise lässt es seinen Leser nach Beenden des Buches sogar kurze Zeit ein wenig über das Leben und den Tod an sich nachdenken. Somit ganz nebenbei ein kleines Werk mit dezentem Nachhall.
Hysterika.de/JMSeibold/15.03.2021

Cixin Liu: Kugelblitz

Originaltitel: Qiúzhuáng shandiàn
Aus dem Chinesischen von Marc Hermann
Deutsche Erstausgabe 06/2020
©2000 by Cixin Liu
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32030-7
ca. 537 Seiten

COVER:

China in der nahen Zukunft. An seinem vierzehnten Geburtstag muss der junge Chen miterleben, wie seine Eltern vor seinen Augen getötet werden. Ein mehrere Tausend Grad heißer Feuerball fährt in ihr altes Haus und verwandelt alles in Asche – ein Kugelblitz. Fortan hat Chen nur noch ein Ziel im Leben: Er will diesem rätselhaften Naturphänomen auf den Grund gehen und es erforschen. Der Weg dorthin führt ihn weit weg von seiner Heimat in der chinesischen Provinz über sturmgepeitschte Gebirge bis in die Hauptstadt und tief hinab in die Geheimlabore des Verteidigungsministeriums. Dort trifft Chen, inzwischen ein anerkannter Wissenschaftler, auf die Waffensystementwicklerin Lin Yun, die genauso wie er von Kugelblitzen besessen ist.
Für ihr gemeinsames Ziel müssen sie nicht  nur politische und technische Hürden überwinden, sondern auch ihre Beziehung zueinander auf den Prüfstand stellen. Nach endlosen Versuchsreihen und vielen Rückschlägen machen die beiden schließlich eine atemberaubende Entdeckung, die Chen an die Grenzen der Physik führt und ihn vor eine Entscheidung stellt: Wem gilt seine Loyalität – seiner Obsession mit Kugelblitzen, seiner Partnerin Lin Yun, seinen Auftraggebern aus dem Ministerium – oder allein der Wissenschaft?

REZENSION:

Cixin Liu konnte mich durch seine großangelegte Trisolaris-Reihe nicht nur im Genre Science Fiction mit einer neuen prosaischen Art überzeugen, sondern auch mit den darin befindlichen philosophischen Ansätzen zu interessanten persönlichen Gedankengängen animieren.
Dementsprechend euphorisch widmete ich  mich dem bei uns in Deutschland vor kurzem veröffentlichten Werk mit dem Titel „Kugelblitz“.
Etwas später erfuhr ich, dass es sich dabei eher um ein Frühwerk des Autors handelt – nichts desto trotz klang der Inhalt außerordentlich interessant.
Bereits einige Seiten später schaffte es Cixin Liu durch seine geschickte Einführung und den daraus resultierenden Begebenheiten, mich abermals mitzunehmen. Liu startet außerordentlich spannend und man entwickelt als Leser von Seite zu Seite ein absolutes Eigeninteresse an den kuriosen Kugelblitzen. Leider kann dieses hohe Niveau durch den Autor nicht durchgehalten werden und man erkennt nach und nach, dass die beteiligten Personen relativ oberflächlich gezeichnet sind und sich die Geschichte mehr und mehr zu einem extremen Hard-SF-Plot entwickelt, der gefühlt nur noch auf Basis der wissenschaftlichen Diskussionen seinen Antrieb findet.
Als Einstieg in die Welt von Cixin Liu kann somit „Kugelblitz“ nicht empfohlen werden – als interessanter Blick auf die persönliche Entwicklung eines mittlerweile grandiosen Autoren funktioniert es relativ gut. Wer somit in die Welt dieses Schriftstellers eintauchen möchte, sollte sich unbedingt „Die drei Sonnen“ zulegen und somit mit der Trisolaris-Trilogie starten. „Kugelblitze“ steht ein gutes Stück unter dessen Niveau und ist eher für Kenner der Materie beziehungsweise absolute Freunde wissenschaftlicher Diskussionen innerhalb der Welt von tiefgehender Hard-Science-Fiction vorbehalten. Als antriebsvoller Unterhaltungsplot konnte es mich leider nur partiell überzeugen.
Hysterika.de/JMSeibold/13.02.2021

Joe R. Lansdale: Das Dickicht

Originaltitel: THE THICKET
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel
©2013 by Joe R. Lansdale
© 2014 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50135-3
Taschenbuchausgabe: ©2016 by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-67677-0
ca. 331 Seiten

COVER:

Allein in einer gewalttätigen Welt, muss Jack schnell erwachsen werden, wenn er seine Schwester retten will. Und er braucht dringend Hilfe, die beste, die er kriegen kann. Aber die einzigen Kopfgeldjäger, die zur Verfügung stehen, sind Shorty, der Zwerg, und Eustace, der Sohn eines ehemaligen Sklaven. Zusammen mit Jimmie Sue, einer genauso klugen wie käuflichen Dame, nehmen sie die Verfolgung in eine berüchtigte Gegen auf: das Dickicht. Dort sprudelt aus den ersten windschiefen Bohrtürmen illegal das flüssige Gold, doch Jack ist fest überzeugt: Blut ist dicker als Öl.

REZENSION:

Wie bereits in früheren Rezensionen angemerkt, handelt es sich bei Joe R. Lansdale um einen von mir neu entdeckten Autoren, der mich interessanterweise mit seinen Werken in die Welt des Wilden Westens transferiert, womit ich seit meiner Kindheit nach Abschluss der „Western von Gestern“-Reihe nicht mehr gerechnet hätte.
Erneut sorgte Lansdale für eine tiefgründige und gleichzeitig rundum witzig wirkende Geschichte. Beinahe nebenbei sind seine Geschichten ein Kampf gegen Oberflächlichkeit, Dummheit und Rassismus- man muss sich aber auf diesen Gedanken auch einlassen, da sich dies nur nebenbei offenbart.
Seine teilnehmenden Personen stehen für sich alleine und mir fällt nur schwer ein Schriftsteller auf, dessen Figuren so rundum interessant, tiefgehend gezeichnet und beinahe witzig agierend wirken. Auch in „Das Dickicht“ schafft Lansdale dies problemlos und erneut offenbarte er mir einen Roman im Fahrwasser eines Huckleberry Finn. Gleichzeitig wirkt „Das Dickicht“ jedoch ein wenig zu sehr vorhersehbar, was mich dann doch ein klein wenig enttäuschte.
Es fällt mir dennoch schwer, allzu streng mit diesem Werk umzugehen, da die sprachliche Qualität für sich alleine steht und Lansdale seinen Leser nahezu allein mit seinen unnachahmlichen Vergleichen zu überzeugen weiß.
Nichtsdestotrotz scheint „Das Dickicht“ in seiner Gänze ein klein wenig schwächer zu sein als bereits durch andere Werke von diesem Autor in meiner Lesehistorie bekannt. Dennoch blieb mir auch hier nichts weiter übrig, als dieser Geschichte bis zum Ende folgen zu müssen – somit hat Joe R. Lansdale wohl doch noch gewonnen…
Hysterika.de/JMSeibold/28.12.2020

Francesco Dimitri: Das Buch der verborgenen Dinge

Originaltitel: The Book of Hidden Things
Aus dem Englischen von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 03/2020
©2018 by Francesco Dimitri
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32035-2
ca. 428 Seiten

COVER:

Einst waren Fabio, Mauro, Tony und Arturo, genannt Art, unzertrennlich. Sie wuchsen im Salento im tiefsten Süden Italiens auf, einer Gegend so flach und einsam, so trocken und windig und so eigenwillig, dass sie einen nie loszulassen scheint. Einer Gegend, in der eigene Regeln über Land, Meer und Menschen herrschen und die Sacra Corona Unita die Macht innehat. Gemeinsam haben die vier Freunde ihre ersten Erfahrungen mit Mädchen gemacht, gemeinsam den ersten Joint geraucht. Und gemeinsam hüteten sie ein dunkles Geheimnis. Inzwischen sind sie erwachsen geworden, und jeder von ihnen führt sein eigenes Leben, aber einmal im Jahr treffen sie sich in ihrem Heimatort Casalfranco – das haben sie einander nach dem Schulabschluss versprochen.

Doch dieses Mal ist alles anders, denn Art taucht nicht auf. Ausgerechnet Art, der sie damals auf den Pakt eingeschworen hat. Beunruhigt fahren Fabio, Mauro und Tony zu Arts abgelegenen Bauernhof – nur um das Anwesen völlig verlassen vorzufinden. Sofort ist ihnen klar, dass ihrem Freund etwas zugestoßen sein muss, und sie machen sich auf die Suche nach ihm. Eine Suche, die sie nicht nur in ihre eigene Vergangenheit führt, sondern auch zu einem magischen Geheimnis – und zum Buch der Verborgenen Dinge …

REZENSION:

„Das Buch der verborgenen Dinge“ spielt auf der Halbinsel Salento im tiefsten Süden Italiens. Salento ist der Absatz des italienischen Stiefels und diesem Umstand entsprechend hört man von den Protagonisten im vorliegenden Roman nicht viel Positives darüber.
Dennoch scheint Francesco Dimitri diese Gegend in seinem kuriosen Werk zu huldigen – auch wenn er das auf eine umstrittene Art durchzuführen scheint.
Salento scheint eher karg zu sein, gefüllt mit typischen Dorfmenschen, die ihr eigenes Leben leben, in Ruhe gelassen werden wollen und jeden Hang zur Außergewöhnlichkeit zu vermeiden beziehungsweise missachten versuchen.
Hier wuchsen die vier Freunde auf – ein langweiliger Start in einem langweiligen Dorf namens Casalfranco. Am Ende ihrer Schulzeit schworen sie sich dennoch, sich einmal im Jahr in ihrer Stammpizzeria zu treffen – ein Schwur, den sie nahezu komplett viele Jahre einhielten.
Nun kam jedoch der Initiator dieses Paktes nicht und es entwickelten sich sorgenvolle Gedanken, da gerade Arturo für seine Wechselhaftigkeit bekannt ist und darüber hinaus bereits Kontakte zur Sacra Corona Unita hatte – diese Organisation steht für die eigentliche Macht im Salento.
Die drei Freunde machen sich auf die Suche nach Arturo – wir als Leser erfahren dabei alles über die eigentlichen Abgründe und Erlebnisse aller Beteiligten, bis hin zum Buch der verborgenen Dinge…
Francesco Dimitris Buch ist nicht nur eine Hommage an das Salento im tiefen Italien, sondern auch eine an eine tiefgehende Männerfreundschaft. Er lässt uns detailverliebt am Leben dieser Personen teilhaben und holt dabei sehr weit in die Vergangenheit aus. Nahezu kein Geheimnis bleibt ungeklärt oder gar weiterhin verschlossen vor des Lesers Augen. Jeder einzelne dunkle Fleck wird beleuchtet und nebenbei erwähnt gibt es da nicht gerade wenige.
„Das Buch der verborgenen Dinge“ lebt von seiner Suche nach Art und im Besonderen von den Erlebnissen aller Beteiligten. Es ist eine Geschichte über eine kuriose Freundschaft, gefüttert mit Sex, Gewalt und einer Vielzahl an philosophischen Gedanken.
Die Darbietung und insbesondere die Gedankenwelt der jeweils in der Ich-Form erzählenden Protagonisten konnte mich mit ausreichend Interesse bei der Stange halten – dennoch war ich ein wenig enttäuscht, dass, entgegen der ursprünglichen Annahme, doch kein nennenswertes phantastisches Element vorhanden ist. Dies wäre kein Problem, jedoch wird einem diesem Werk in diesem Bereich (und vereinzelt auch als Horror) dargeboten.
Der Grundstock wäre vorhanden gewesen und ein kleiner Schubs in diese Richtung hätte diesem sprachlich grandiosen Werk auch außerordentlich gut getan. Leider war dem nicht so, und somit konnte es den Sprung von der guten zur sehr guten Unterhaltung nicht vornehmen. Nichts desto trotz handelt es sich um eine solide Unterhaltung mit interessanten Gedanken und philosophischen Überlegungen über Freundschaften – trotzdem hätte ich mir ein klein wenig mehr hinter diesem neugierig machenden Buchtitel erwartet.
Hysterika.de/JMSeibold/08.11.2020

Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer

Originaltitel: EDGE OF DARK WATER
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel
©2012 by Joe R. Lansdale
©2013 der deutschen Ausgabe by J.G. Cotta’sche Buchhandung Nachf. GmbH
©2014 der Taschenbuchausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-608-50131-5 (Hardcover, www.tropen.de)
ISBN 978-3-453-67656-5 (Heyne Taschenbuch)
ca. 320 Seiten

COVER:

Sue Ellen findet, dass ihre tote Freundin May Lynn etwas Besseres verdient hat. Wenn schon kein Filmstar mehr aus ihr werden kann, wie sie sich erträumt hat, soll wenigstens ihre Asche in Hollywood verstreut werden. Beim Durchsuchen von May Lynns Habseligkeiten stößt sie mit ihren Freunden Terry und Jinx auf einen Hinweis, der sie zur Beute eines Banküberfalls führt. Zusammen mit Sue Ellens labiler Mutter flüchten die drei Hals über Kopf mit einem Floß in Richtung Süden. Habgierige Verwandte und der wenig gesetzestreue Constable heften sich sofort an ihre Fersen. In Panik geraten die Flüchtenden jedoch erst, als sie merken, dass der sagenumwobene Killer Skunk ebenfalls hinter ihnen her ist. Dem wahnsinnigen Fährtenleser ist angeblich noch nie jemand entkommen.

REZENSION:

Die Zahl der von mir gelesenen Lansdale-Bücher steigt langsam, aber stetig. Auch wenn die jeweilige Geschichte der bisher von mir gelesenen Werke mal mehr, mal weniger überzeugen konnte, traf der Autor mich mit seiner Sprachgewalt jedes Mal bis ins Mark.
auch im vorliegenden „Dunkle Gewässer“ steht Lansdale diesem hohen Qualitätsanspruch in nichts nach. Hinzu kommt hier noch eine grandiose Geschichte, die abermals auf Basis der dargelegten Bildgewalt rundum zu überzeugen weiß.
Prinzipiell ist der grundsätzliche Tenor auch hier recht nachvollziehbar beziehungsweise vorhersehbar. Nichts desto trotz überzeugt Lansdale mit seiner detaillierten Darstellung aller beteiligten Personen und zeigt erneut eher depressive Familienwelten, schafft es aber – wie auch in anderen Werken – seiner Figur einen Ausweg zu bieten.
ich bin mir sicher, dass hier unglaublich viele Wahrheiten versteckt sind und dementsprechend intensiv wirken die Geschehnisse in seinen Werken und auch ganz besonders in diesem Werk. „Dunkle Gewässer“ ist ein sehr rasant erzählter Plot in dem drei Freunde und Sue Ellens Mutter auf einem Floß dem eigenen Wahnsinn des Lebens zu entkommen versuchen.
Lansdale ist ein König der Darbietung authentisch wirkender Umgangssprache. Darüber hinaus leben seine Geschichten von Vergleichen, wie man sie nur bei ganz wenigen Schriftstellern zu finden in der Lage ist und er schert sich absolut nichts über irgendwelche Grenzen, wodurch des Lesers Überzeugung weiter angetrieben wird. Es dauert nicht lange und man findet sich als Leser auf dem Floß wieder und betrachtet die authentisch dargelegte Gegend um den Sabine River, dessen Landschaft meines Wissens bereits mehrmals vom Autor als Hintergrund verwendet worden ist.
Alles in allem erneut eine verrückte Geschichte, die dennoch eindrucksvoll ist und sich viel zu schnell dem Ende zu neigt – Lansdale war bisher für mich ein Geheimtipp, mittlerweile weiß ich, dass ich mich nach und nach seinen Werken widmen muss. Es scheint einem schlicht nichts anderes übrig zu bleiben.
Hysterika.de/JMSeibold/08.11.2020