Hannes Rastam: QUICK – Die Erschaffung eines Serienkillers

Originaltitel: Fallet Thomas Quick – Att skapa en seriemördare
Aus dem Schwedischen von Nike Karen Müller
©2012 by Hannes Rastam
©2013 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-67732-6
ca. 559 Seiten

COVER:

Der Fall Thomas Quick hat nicht nur in Schweden hohe Wellen geschlagen, weltweit erhitzt dieser unfassbare Justizskandal die Gemüter. In den Jahren 1992 und 2001 gesteht Thomas Quick dreißig Morde und wird für acht davon verurteilt. Nachdem immer wieder Zweifewl an der tatsächlichen Schuld von Quick aufkommen, trifft sich der investigative Journalist Hannes Rastam mit Quick und arbeitet sich durch 50.000 Seiten Gerichtsprotokolle, Polizeiverhöre und Therapieaufzeichnungen. Fazit der Recherche: Es gibt keinen stichfeste Beweis für Thomas Quicks Schuld. Er ist unschuldig.

REZENSION:

Sture Ragnar Bergwall, der sich von 1980 bis 2002 Thomas Quick nannte, behauptete, 33 Menschen getötet zu haben. Nach Erhalt von gewissen Psychotherapien widerrief er seine Geständnisse, was dazu führte, dass Sich der investigative Journalist Hannes Rastam mit diesem Fall intensiv zu beschäftigen begann. Er war einer der wenigen, der Thomas Quick in der Psychiatrischen Anstalt besuchen konnte und dabei einen mittlerweile recht gesprächig wirkenden Insassen kennenlernen durfte. Rastam begann den kompletten Thomas-Quick-Fall aufzuarbeiten und wühlte sich dabei durch sämtliche vorliegenden Dokumente. Nach und nach stellte sich deutlich heraus, dass es sich hierbei um einen der größten Justizskandale handelt, der über die Grenzen Schwedens hinausgeht.
Thomas Quicks Geständnisse waren geschickt durch gewisse Befragungstechniken geleitet und Quick selbst holte sich seine Informationen aus Tageszeitungen beziehungsweise Dokumentationen. Er war psychisch krank und suchte sich dadurch eine gewisse Art der Anerkennung – im Gegenpol die Ermittler und Anwälte, die dadurch eine Vielzahl an ungeklärten Mordfällen auflösen konnten.
Teilweise glaubten selbst Angehörige der Opfer nicht an die Schuld von Thomas Quick – den Beteiligten Anwälten und Polizisten konnte dies jedoch in ihrer Meinung nicht mehr beeinflussen. Dementsprechend befand sich Thomas Quick bis zur finalen Aufarbeitung durch Hannes Rastam 20 Jahre innerhalb der Mauern der psychiatrischen Anstalt.
Das vorliegende Buch ist somit ein sehr wichtiges Buch, da es den Schlüssel zur Freilassung von Thomas Quick darstellt. Es ist dementsprechend trocken dargeboten, da es sich nämlich keinesfalls um einen Roman handelt, sondern um das Ergebnis der journalistischen Arbeit von Hannes Rastam. Nichts desto trotz ist der Inhalt wichtig und es sollte noch viel mehr investigative Journalisten geben, die in der Lage sind, diesen immensen Aufwand leisten zu können. Nur so lassen sich Skandale der unterschiedlichsten Art offenbaren und gewisse Schiefstände wieder gerade rücken.
Hannes Rastam hat leider aufgrund einer Krebserkrankung das Ende der Schlussredaktion seines Buches nicht mehr erlebt – Thomas Quick ist jedenfalls mittlerweile begnadigt, leider hatte dies nur wenig Auswirkungen auf die Beteiligten Personen, die für die langjährige Inhaftierung die Schuld zu tragen hatten.
Ich kannte dieses Fall nicht einmal am Rande – dennoch sorgt das Buch für eine sehr tiefgehende Betrachtung dieses Justizskandals. Darüber hinaus lernt man sehr viel über geschickte Fragetechniken, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen.
Sicherlich wird QUICK in unseren Kreisen kein Blockbuster – nichts desto trotz ist es ein wichtiges Buch und dementsprechend positiv ist es zu betrachten, dass es nun – im Rahmen einer Verfilmung – auch auf unserem Markt erhältlich ist.
Hysterika.de/JMSeibold/11.04.2021

Stephen King: Später

Originaltitel: Later
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt 

©2021 by Stephen King
©2021 der deutschsprachigen Ausgabe Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27335-1
ca. 304 Seiten

COVER:

Jamie Conklin wächst in Manhattan auf und wirkt wie ganz ein normaler Junge. Mit seiner alleinerziehenden Mutter Tia teilt er jedoch ein Geheimnis: Er kann von klein auf die Geister kürzlich Verstorbener sehen und mit ihnen reden. Und die Toten müssen alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Tia ist Literaturagentin und hat sich gerade aus großer finanzieller Not gekämpft, da stirbt ihr lukrativster Autor. Der langersehnte Abschlussband seiner großen Bestsellersaga blieb leider unvollendet – wäre da nicht Jamies Gabe. Das Befragen der Toten ruft allerdings auch ungewollte Dämonen herbei.

REZENSION:

Egal wie hoch der Stapel ungelesener Bücher auch sein mag: Ein neuer King wird vorgezogen – diesmal wohl eine Art „Ich sehe tote Menschen“, wie man es bereits aus „The Sixth Sense“ zu kennen meint. Interessanterweise konnte ich diesen Gedanken auch einige Zeit nicht ablegen. Jamie wirkte doch eine gewisse Zeit wie der Junge im angesprochenen Blockbuster mit Bruce Willis.
Stephen King wäre aber nicht Stephen King, wenn er einfach kopieren würde. Somit bleibt es nur kurz bei diesem Gedanken und SPÄTER entwickelt sich trotz der für King recht geringen Seitenzahl zu einem Crossover von Coming-of-Age, einen Touch Horror und recht viel Crime, gewürzt mit Toten, die schlicht noch ein wenig benötigen, bis sie sich auf eine nicht näher definierte Art davon machen beziehungsweise verschwinden. Während dieses Zeitraums zwischen Ableben und endgültigem Verblassen kann Jamie mit ihnen direkt von Kind zu Totem sprechen. Die Toten sind dabei aus irgendwelchen Gründen dazu gezwungen, immer die Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten, was es natürlich für den Fragesteller recht einfach macht.
Auch in diesem Werk brilliert King mit seinem unnachahmlichen Schreibstil. Erneut konnte ich mich der Geschichte nicht entziehen, obwohl sie in ihrer Gänze zwar grandios, dennoch nicht in einer Riege mit den Blockbustern des Autors zu nennen sein wird.
Stephen King scheint etwas nachdenklicher zu werden und lässt uns als treuen Leser daran teilhaben. Jamies Geschichte wird in der Ich-Form dargelegt und dementsprechend nahe rückt man an seinen Protagonisten. Der Schwenk von Crime in Richtung klassischem King-Horror wird in Richtung Ende vermehrt vollzogen – dennoch bleibt der Horroraspekt mit Sicherheit für jeden verdaulich und somit nicht zu dick aufgetragen. Ein bisschen mehr hätte der Geschichte sicher nicht geschadet – insbesondere alte Hasen wie ich würden sich mal wieder über etwas fieseres aus Kings Feder freuen.
Nichts desto trotz handelt es sich bei SPÄTER um einen guten Wurf meines Lieblingsautors. Mit den gerade mal 300 Seiten konnte er nicht so viel ausschweifen, wie von ihm bekannt – dennoch handelt es sich um eine eingängige und gut funktionierende Novelle mit interessanten Aspekten. Irritierenderweise lässt es seinen Leser nach Beenden des Buches sogar kurze Zeit ein wenig über das Leben und den Tod an sich nachdenken. Somit ganz nebenbei ein kleines Werk mit dezentem Nachhall.
Hysterika.de/JMSeibold/15.03.2021

Cixin Liu: Kugelblitz

Originaltitel: Qiúzhuáng shandiàn
Aus dem Chinesischen von Marc Hermann
Deutsche Erstausgabe 06/2020
©2000 by Cixin Liu
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32030-7
ca. 537 Seiten

COVER:

China in der nahen Zukunft. An seinem vierzehnten Geburtstag muss der junge Chen miterleben, wie seine Eltern vor seinen Augen getötet werden. Ein mehrere Tausend Grad heißer Feuerball fährt in ihr altes Haus und verwandelt alles in Asche – ein Kugelblitz. Fortan hat Chen nur noch ein Ziel im Leben: Er will diesem rätselhaften Naturphänomen auf den Grund gehen und es erforschen. Der Weg dorthin führt ihn weit weg von seiner Heimat in der chinesischen Provinz über sturmgepeitschte Gebirge bis in die Hauptstadt und tief hinab in die Geheimlabore des Verteidigungsministeriums. Dort trifft Chen, inzwischen ein anerkannter Wissenschaftler, auf die Waffensystementwicklerin Lin Yun, die genauso wie er von Kugelblitzen besessen ist.
Für ihr gemeinsames Ziel müssen sie nicht  nur politische und technische Hürden überwinden, sondern auch ihre Beziehung zueinander auf den Prüfstand stellen. Nach endlosen Versuchsreihen und vielen Rückschlägen machen die beiden schließlich eine atemberaubende Entdeckung, die Chen an die Grenzen der Physik führt und ihn vor eine Entscheidung stellt: Wem gilt seine Loyalität – seiner Obsession mit Kugelblitzen, seiner Partnerin Lin Yun, seinen Auftraggebern aus dem Ministerium – oder allein der Wissenschaft?

REZENSION:

Cixin Liu konnte mich durch seine großangelegte Trisolaris-Reihe nicht nur im Genre Science Fiction mit einer neuen prosaischen Art überzeugen, sondern auch mit den darin befindlichen philosophischen Ansätzen zu interessanten persönlichen Gedankengängen animieren.
Dementsprechend euphorisch widmete ich  mich dem bei uns in Deutschland vor kurzem veröffentlichten Werk mit dem Titel „Kugelblitz“.
Etwas später erfuhr ich, dass es sich dabei eher um ein Frühwerk des Autors handelt – nichts desto trotz klang der Inhalt außerordentlich interessant.
Bereits einige Seiten später schaffte es Cixin Liu durch seine geschickte Einführung und den daraus resultierenden Begebenheiten, mich abermals mitzunehmen. Liu startet außerordentlich spannend und man entwickelt als Leser von Seite zu Seite ein absolutes Eigeninteresse an den kuriosen Kugelblitzen. Leider kann dieses hohe Niveau durch den Autor nicht durchgehalten werden und man erkennt nach und nach, dass die beteiligten Personen relativ oberflächlich gezeichnet sind und sich die Geschichte mehr und mehr zu einem extremen Hard-SF-Plot entwickelt, der gefühlt nur noch auf Basis der wissenschaftlichen Diskussionen seinen Antrieb findet.
Als Einstieg in die Welt von Cixin Liu kann somit „Kugelblitz“ nicht empfohlen werden – als interessanter Blick auf die persönliche Entwicklung eines mittlerweile grandiosen Autoren funktioniert es relativ gut. Wer somit in die Welt dieses Schriftstellers eintauchen möchte, sollte sich unbedingt „Die drei Sonnen“ zulegen und somit mit der Trisolaris-Trilogie starten. „Kugelblitze“ steht ein gutes Stück unter dessen Niveau und ist eher für Kenner der Materie beziehungsweise absolute Freunde wissenschaftlicher Diskussionen innerhalb der Welt von tiefgehender Hard-Science-Fiction vorbehalten. Als antriebsvoller Unterhaltungsplot konnte es mich leider nur partiell überzeugen.
Hysterika.de/JMSeibold/13.02.2021

Joe R. Lansdale: Das Dickicht

Originaltitel: THE THICKET
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel
©2013 by Joe R. Lansdale
© 2014 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-50135-3
Taschenbuchausgabe: ©2016 by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-67677-0
ca. 331 Seiten

COVER:

Allein in einer gewalttätigen Welt, muss Jack schnell erwachsen werden, wenn er seine Schwester retten will. Und er braucht dringend Hilfe, die beste, die er kriegen kann. Aber die einzigen Kopfgeldjäger, die zur Verfügung stehen, sind Shorty, der Zwerg, und Eustace, der Sohn eines ehemaligen Sklaven. Zusammen mit Jimmie Sue, einer genauso klugen wie käuflichen Dame, nehmen sie die Verfolgung in eine berüchtigte Gegen auf: das Dickicht. Dort sprudelt aus den ersten windschiefen Bohrtürmen illegal das flüssige Gold, doch Jack ist fest überzeugt: Blut ist dicker als Öl.

REZENSION:

Wie bereits in früheren Rezensionen angemerkt, handelt es sich bei Joe R. Lansdale um einen von mir neu entdeckten Autoren, der mich interessanterweise mit seinen Werken in die Welt des Wilden Westens transferiert, womit ich seit meiner Kindheit nach Abschluss der „Western von Gestern“-Reihe nicht mehr gerechnet hätte.
Erneut sorgte Lansdale für eine tiefgründige und gleichzeitig rundum witzig wirkende Geschichte. Beinahe nebenbei sind seine Geschichten ein Kampf gegen Oberflächlichkeit, Dummheit und Rassismus- man muss sich aber auf diesen Gedanken auch einlassen, da sich dies nur nebenbei offenbart.
Seine teilnehmenden Personen stehen für sich alleine und mir fällt nur schwer ein Schriftsteller auf, dessen Figuren so rundum interessant, tiefgehend gezeichnet und beinahe witzig agierend wirken. Auch in „Das Dickicht“ schafft Lansdale dies problemlos und erneut offenbarte er mir einen Roman im Fahrwasser eines Huckleberry Finn. Gleichzeitig wirkt „Das Dickicht“ jedoch ein wenig zu sehr vorhersehbar, was mich dann doch ein klein wenig enttäuschte.
Es fällt mir dennoch schwer, allzu streng mit diesem Werk umzugehen, da die sprachliche Qualität für sich alleine steht und Lansdale seinen Leser nahezu allein mit seinen unnachahmlichen Vergleichen zu überzeugen weiß.
Nichtsdestotrotz scheint „Das Dickicht“ in seiner Gänze ein klein wenig schwächer zu sein als bereits durch andere Werke von diesem Autor in meiner Lesehistorie bekannt. Dennoch blieb mir auch hier nichts weiter übrig, als dieser Geschichte bis zum Ende folgen zu müssen – somit hat Joe R. Lansdale wohl doch noch gewonnen…
Hysterika.de/JMSeibold/28.12.2020

Francesco Dimitri: Das Buch der verborgenen Dinge

Originaltitel: The Book of Hidden Things
Aus dem Englischen von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 03/2020
©2018 by Francesco Dimitri
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32035-2
ca. 428 Seiten

COVER:

Einst waren Fabio, Mauro, Tony und Arturo, genannt Art, unzertrennlich. Sie wuchsen im Salento im tiefsten Süden Italiens auf, einer Gegend so flach und einsam, so trocken und windig und so eigenwillig, dass sie einen nie loszulassen scheint. Einer Gegend, in der eigene Regeln über Land, Meer und Menschen herrschen und die Sacra Corona Unita die Macht innehat. Gemeinsam haben die vier Freunde ihre ersten Erfahrungen mit Mädchen gemacht, gemeinsam den ersten Joint geraucht. Und gemeinsam hüteten sie ein dunkles Geheimnis. Inzwischen sind sie erwachsen geworden, und jeder von ihnen führt sein eigenes Leben, aber einmal im Jahr treffen sie sich in ihrem Heimatort Casalfranco – das haben sie einander nach dem Schulabschluss versprochen.

Doch dieses Mal ist alles anders, denn Art taucht nicht auf. Ausgerechnet Art, der sie damals auf den Pakt eingeschworen hat. Beunruhigt fahren Fabio, Mauro und Tony zu Arts abgelegenen Bauernhof – nur um das Anwesen völlig verlassen vorzufinden. Sofort ist ihnen klar, dass ihrem Freund etwas zugestoßen sein muss, und sie machen sich auf die Suche nach ihm. Eine Suche, die sie nicht nur in ihre eigene Vergangenheit führt, sondern auch zu einem magischen Geheimnis – und zum Buch der Verborgenen Dinge …

REZENSION:

„Das Buch der verborgenen Dinge“ spielt auf der Halbinsel Salento im tiefsten Süden Italiens. Salento ist der Absatz des italienischen Stiefels und diesem Umstand entsprechend hört man von den Protagonisten im vorliegenden Roman nicht viel Positives darüber.
Dennoch scheint Francesco Dimitri diese Gegend in seinem kuriosen Werk zu huldigen – auch wenn er das auf eine umstrittene Art durchzuführen scheint.
Salento scheint eher karg zu sein, gefüllt mit typischen Dorfmenschen, die ihr eigenes Leben leben, in Ruhe gelassen werden wollen und jeden Hang zur Außergewöhnlichkeit zu vermeiden beziehungsweise missachten versuchen.
Hier wuchsen die vier Freunde auf – ein langweiliger Start in einem langweiligen Dorf namens Casalfranco. Am Ende ihrer Schulzeit schworen sie sich dennoch, sich einmal im Jahr in ihrer Stammpizzeria zu treffen – ein Schwur, den sie nahezu komplett viele Jahre einhielten.
Nun kam jedoch der Initiator dieses Paktes nicht und es entwickelten sich sorgenvolle Gedanken, da gerade Arturo für seine Wechselhaftigkeit bekannt ist und darüber hinaus bereits Kontakte zur Sacra Corona Unita hatte – diese Organisation steht für die eigentliche Macht im Salento.
Die drei Freunde machen sich auf die Suche nach Arturo – wir als Leser erfahren dabei alles über die eigentlichen Abgründe und Erlebnisse aller Beteiligten, bis hin zum Buch der verborgenen Dinge…
Francesco Dimitris Buch ist nicht nur eine Hommage an das Salento im tiefen Italien, sondern auch eine an eine tiefgehende Männerfreundschaft. Er lässt uns detailverliebt am Leben dieser Personen teilhaben und holt dabei sehr weit in die Vergangenheit aus. Nahezu kein Geheimnis bleibt ungeklärt oder gar weiterhin verschlossen vor des Lesers Augen. Jeder einzelne dunkle Fleck wird beleuchtet und nebenbei erwähnt gibt es da nicht gerade wenige.
„Das Buch der verborgenen Dinge“ lebt von seiner Suche nach Art und im Besonderen von den Erlebnissen aller Beteiligten. Es ist eine Geschichte über eine kuriose Freundschaft, gefüttert mit Sex, Gewalt und einer Vielzahl an philosophischen Gedanken.
Die Darbietung und insbesondere die Gedankenwelt der jeweils in der Ich-Form erzählenden Protagonisten konnte mich mit ausreichend Interesse bei der Stange halten – dennoch war ich ein wenig enttäuscht, dass, entgegen der ursprünglichen Annahme, doch kein nennenswertes phantastisches Element vorhanden ist. Dies wäre kein Problem, jedoch wird einem diesem Werk in diesem Bereich (und vereinzelt auch als Horror) dargeboten.
Der Grundstock wäre vorhanden gewesen und ein kleiner Schubs in diese Richtung hätte diesem sprachlich grandiosen Werk auch außerordentlich gut getan. Leider war dem nicht so, und somit konnte es den Sprung von der guten zur sehr guten Unterhaltung nicht vornehmen. Nichts desto trotz handelt es sich um eine solide Unterhaltung mit interessanten Gedanken und philosophischen Überlegungen über Freundschaften – trotzdem hätte ich mir ein klein wenig mehr hinter diesem neugierig machenden Buchtitel erwartet.
Hysterika.de/JMSeibold/08.11.2020

Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer

Originaltitel: EDGE OF DARK WATER
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel
©2012 by Joe R. Lansdale
©2013 der deutschen Ausgabe by J.G. Cotta’sche Buchhandung Nachf. GmbH
©2014 der Taschenbuchausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-608-50131-5 (Hardcover, www.tropen.de)
ISBN 978-3-453-67656-5 (Heyne Taschenbuch)
ca. 320 Seiten

COVER:

Sue Ellen findet, dass ihre tote Freundin May Lynn etwas Besseres verdient hat. Wenn schon kein Filmstar mehr aus ihr werden kann, wie sie sich erträumt hat, soll wenigstens ihre Asche in Hollywood verstreut werden. Beim Durchsuchen von May Lynns Habseligkeiten stößt sie mit ihren Freunden Terry und Jinx auf einen Hinweis, der sie zur Beute eines Banküberfalls führt. Zusammen mit Sue Ellens labiler Mutter flüchten die drei Hals über Kopf mit einem Floß in Richtung Süden. Habgierige Verwandte und der wenig gesetzestreue Constable heften sich sofort an ihre Fersen. In Panik geraten die Flüchtenden jedoch erst, als sie merken, dass der sagenumwobene Killer Skunk ebenfalls hinter ihnen her ist. Dem wahnsinnigen Fährtenleser ist angeblich noch nie jemand entkommen.

REZENSION:

Die Zahl der von mir gelesenen Lansdale-Bücher steigt langsam, aber stetig. Auch wenn die jeweilige Geschichte der bisher von mir gelesenen Werke mal mehr, mal weniger überzeugen konnte, traf der Autor mich mit seiner Sprachgewalt jedes Mal bis ins Mark.
auch im vorliegenden „Dunkle Gewässer“ steht Lansdale diesem hohen Qualitätsanspruch in nichts nach. Hinzu kommt hier noch eine grandiose Geschichte, die abermals auf Basis der dargelegten Bildgewalt rundum zu überzeugen weiß.
Prinzipiell ist der grundsätzliche Tenor auch hier recht nachvollziehbar beziehungsweise vorhersehbar. Nichts desto trotz überzeugt Lansdale mit seiner detaillierten Darstellung aller beteiligten Personen und zeigt erneut eher depressive Familienwelten, schafft es aber – wie auch in anderen Werken – seiner Figur einen Ausweg zu bieten.
ich bin mir sicher, dass hier unglaublich viele Wahrheiten versteckt sind und dementsprechend intensiv wirken die Geschehnisse in seinen Werken und auch ganz besonders in diesem Werk. „Dunkle Gewässer“ ist ein sehr rasant erzählter Plot in dem drei Freunde und Sue Ellens Mutter auf einem Floß dem eigenen Wahnsinn des Lebens zu entkommen versuchen.
Lansdale ist ein König der Darbietung authentisch wirkender Umgangssprache. Darüber hinaus leben seine Geschichten von Vergleichen, wie man sie nur bei ganz wenigen Schriftstellern zu finden in der Lage ist und er schert sich absolut nichts über irgendwelche Grenzen, wodurch des Lesers Überzeugung weiter angetrieben wird. Es dauert nicht lange und man findet sich als Leser auf dem Floß wieder und betrachtet die authentisch dargelegte Gegend um den Sabine River, dessen Landschaft meines Wissens bereits mehrmals vom Autor als Hintergrund verwendet worden ist.
Alles in allem erneut eine verrückte Geschichte, die dennoch eindrucksvoll ist und sich viel zu schnell dem Ende zu neigt – Lansdale war bisher für mich ein Geheimtipp, mittlerweile weiß ich, dass ich mich nach und nach seinen Werken widmen muss. Es scheint einem schlicht nichts anderes übrig zu bleiben.
Hysterika.de/JMSeibold/08.11.2020

Joe R. Lansdale: Die Kälte im Juli

Originaltitel: COLD IN JULY
Aus dem Amerikanischen von Teja Schwaner
©1989 by Joe R. Lansdale
© 2015 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-41818-9
ca. 255 Seiten

COVER:

Eine Kleinstadt in Texas, Ende der achtziger Jahre, in einer heißen Sommernacht. Richard Dane, Familienvater und arbeitsamer Bürger, schreckt aus dem Schlaf. Geräusche dringen aus der unteren Etage seines Hauses. Richard nimmt die Waffe, die er griffbereit neben seinem Bett hat, und schleicht sich aus dem Schlafzimmer. Wenige Sekunden später ist nichts mehr wie zuvor. Richard befindet sich in einem wahren Albtraum: Vor ihm liegt der Einbrecher, den er erschossen hat, die Tapete seines Wohnzimmers ist mit Blut besudelt. Auch wenn ihm jeder versichert, richtig und in Notwehr gehandelt zu haben, ist Richard tief erschüttert. Doch die Bedrohung ist realer, als er denkt. Ben Russel, Vater des Einbrechers und ein harter Gewalttäter, beginnt, Richard und dessen Familie systematisch zu terrorisieren. Richard schreitet zur Tat. Es gelingt ihm, Russel zu überwältigen, aber die Ereignisse nehmen plötzlich eine völlig neue Wendung. Richard muss sich fragen, wer seine wahren Feinde sind. Es wird Blut fließen, viel Blut …

REZENSION:

Es ist noch gar nicht so lange her, als ich Joe R. Lansdale für mich entdecken konnte. Mein Einstieg war bei ihm eher von der schwierigen Art, da ich mit seiner Drive-In-Saga begonnen hatte und ihn zwar sprachlich für außerordentlich hielt, gleichzeitig jedoch diesem LSD-Trip nicht ganz folgen konnte.
Nichts desto trotz fangen seine weiteren Werke nahezu problemlos an, mich von der hohen Qualität dieses Schriftstellers zu überzeugen.
„Die Kälte im Juli“ ist nun ein weiteres – bereits älteres – Werk, welches ich mir in den letzten Tagen zu Gemüte führen konnte.
Unter dem Titel „Cold In July“ wurde dieser Thriller bereits als Filmadaption veröffentlicht, was zeigt, dass es sich hier um einen recht stringent erzählten Thriller der klassischen Art zu handeln scheint. Exakt dies bestätigt auch der Inhalt des Buches: Lansdale fängt rasant mit dem Einbruch bei den Danes an und lässt uns dann einige Zeit auf ruhig erzählte Weise einen falschen Pfad beschreiten. Sobald sich die Tür der Erkenntnis öffnet, kann man sich der spannenden und sehr rasanten Erzählweise nicht mehr entziehen.
„Die Kälte im Juli“ macht dabei auf typische Noir-Thriller-Weise richtig viel Freude beim Lesen. Gleichzeitig ist es dennoch ein etwas schwächeres Werk des Autors, da er in diesem absolut keine Risiken einzugehen bereit ist und seinen Plot beinahe überraschungslos darbietet. Nichts desto trotz sind Geschichten manchmal auch einfach nur als pure Unterhaltung gedacht und diesen Ansatz fährt „Die Kälte im Juli“ ungebremst bis zum Finale.
Alles in allem ein grandioser Page-Turner ohne besonderen Tiefgang, dennoch mit einer durchweg interessanten und abwechslungsreichen Story im Bauch. Bei anderen Autoren würde man es eventuell mehr hochloben – für einen Lansdale ist es in der Retrospektive betrachtet ein wenig unter dem erwarteten Niveau.
Hysterika.de/JMSeibold/29.10.2020

John Niven: Die F*CK-IT-LISTE

Originaltitel: THE F*CK-IT LIST
Aus dem Englischen von Stephan Glietsch
©2020 by John Niven
© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-26847-0
ca. 317 Seiten

COVER:

Amerika in der nahen Zukunft. Nachdem Donald Trump zwei Amtszeiten durchregiert hat, ist jetzt seine Tochter Ivanka an der Macht. Das Land ist tief gespalten, die Jahre populistischer Politik haben ihre Spuren hinterlassen, mit extremen Folgen. Das Recht auf Abtreibung wurde ausgehöhlt, Waffenkontrolle so gut wie nicht mehr vorhanden, die Asylpolitik ist hochgradig fremdenfeindlich.

Derweil erhält Frank Brill, ein anständiger Zeitungsredakteur in einer Kleinstadt, der gerade in den Ruhestand getreten ist, eine folgenschwere Diagnose: Krebs im Endstadium. Anstatt sich all die Dinge vorzunehmen, die er schon immer machen wollte, erstellt er eine sogenannte Fuck-it-Liste. In seinem Leben musste er wiederholt Tiefschläge erleiden, nun beschließt er sich an den Menschen zu rächen, die für diese Tragödien verantwortlich zeichneten. Schritt für Schritt setzt er seinen Plan in die Tat um, bis ihm ein Redneck-Sheriff auf die Schliche kommt.

REZENSION:

Bereits der Gedanke an zwei vergangene Amtszeiten Trumps und einer gerade laufenden Amtszeit seiner Tochter lässt sich als bitterböse betrachten und zeigt deutlich die Richtung, die John Niven einschlagen möchte: Die Fuck-it-Liste ist eine bitterböse Satire, die aktuell ausreichend Potenzial enthält, um zur Wahrheit zu werden. Aus diesem Grund zeigt sich dieser Roman rundherum politisch, bringt dies jedoch erfreulicherweise nur nach und nach in den Vordergrund und zeigt dabei sehr deutlich, welche Gefahren entstehen können, wenn sich diese dystopischen Gedanken bewahrheiten sollten.
Nebenbei handelt es sich um einen Thriller, in dem der todgeweihte Frank Brill seine Fuck-It-Liste abarbeiten möchte und somit jeden Menschen töten will, der in irgendeiner Art und Weise mit den Tiefschlägen seines Lebens mitverantwortlich zeichnet. Seine Opfer steigen dabei im Schwierigkeitsgrad, da nicht nur Privatpersonen etwas mit seinem Lebenslauf zu tun haben. Mehr sei hier nicht gesagt, da die Gefahr des Spoilerns doch zu hoch ist und der Pfad in dieser Geschichte sehr stringent durchdacht ist.
Die Story von John Niven ist erfrischend anders und vermischt auf eine geniale Weise politische Satire mit einem Rache-Thriller. Obwohl: Wenn wir nicht aufpassen, wird sich die Satire bewahrheiten, dementsprechend sollte dieses Buch zu einer vorgeschriebene Schullektüre für alle Bewohner der Vereinigten Staaten werden.
John Niven zeigt sehr deutlich die Gefahren und führt uns vor, dass es definitiv nicht richtig ist, per radikaler Stimmabgabe zu protestieren. Man sollte sich eher darüber Gedanken machen, welche Inhalte verbreitet werden und somit immer im Auge behalten, was passieren würde, wenn die vermeintliche Protestwahl zu einem positiven Ergebnis kommt.
„Die Fuck-It-Liste“ lässt sich schnell lesen, ist bitterböse in ihrer Darstellung, nimmt kein Blatt vor den Mund und nimmt nicht nur Trump sondern auch viele weitere Mechanismen aufs Korn. Eine wunderbare Abwechslung mit leicht verpacktem Tiefgang.
Die Realität ist nicht weit davon entfernt – wollen wir hoffen, dass sie nicht wie hierin dargestellt eintritt.
Hysterika.de/JMSeibold/11.10.2020

Stephen King: Blutige Nachrichten

Originaltitel: If It Bleeds“
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2020 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27307-8
ca. 559 Seiten

COVER:

In der Vorweihnachtszeit richtet eine Paketbombe an einer Schule nahe Pittsburgh ein Massaker an. Kinder sterben. Holly Gibney verfolgt die furchtbaren Nachrichten im Fernsehen. Der Reporter vor Ort erinnert sie an den gestaltwandlerischen Outsider, den sie glaubt vor nicht allzu langer Zeit zur Strecke gebracht zu haben. Ist jene monströse, sich von Furcht nährende Kreatur wiedererwacht?

Die titelgebende Geschichte „Blutige Nachrichten“ – eine eigenständige Fortsetzung des Bestsellers Der Outsider – ist nur einer von vier Kurzromanen in Stephen Kings neuer Kollektion, die uns an so fürchterliche wie faszinierende Orte entführt.

Mit einem Nachwort des Autors zur Entstehung jeder einzelnen Geschichte.

REZENSION:

Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich es bis zur deutschen Veröffentlichung dieses Kurzromanbandes meines Lieblingsschriftstellers schlicht nicht ausgehalten. Dementsprechend konnten treue Leser meines Blogs bereits im Mai ein klein wenig über die herausragende Qualität dieses neuen Buches erfahren.
Wenn ich ein Werk auf Englisch lese bin ich mir nicht immer uneingeschränkt sicher, ob ich auch alles wie vom Autor dargelegt verstanden habe. Somit war es natürlich auch unbedingt notwendig, dass ich mir ein Bild über die deutsche Ausgabe mache und dabei prüfen kann, ob meine fremdsprachige Leseleistung einigermaßen passt und darüber hinaus, wie gut eine Übersetzung in unsere Sprache funktioniert.
Beides scheint gelungen zu sein und abermals war ich von diesen vier Geschichten überwiegend begeistert. Diese Begeisterung führte dazu, dass man mich an einem Wochenende nur noch lesend vorgefunden hatte und ich dieses Buch leider zu schnell zu Ende brachte. Gut, die Kreativität Stephen Kings ist ungebrochen und wer ihn immer noch lediglich als Horrorautor tituliert, hat wohl noch nicht wirklich viele Bücher von ihm gelesen.
In „Blutige Nachrichten“ befinden sich gerade mal 4 Geschichten, womit der Begriff Kurzgeschichtenband nahezu obsolet ist. Immerhin schafft es fast jede Geschichte in den Bereich der 3-stelligen Seitenzahl – die titelgebende Story mit der allseits bekannten Holly Gibney in der Hauptrolle bewegt sich mit ca. 230 Seiten im Rahmen eines Romans.
Begonnen wird mit „Mr. Harrigans Telefon“: Eine liebevolle Geschichte über eine generationenübergreifende Freundschaft, die sich eher nach und nach und ohne große Besonderheiten entwickelte.
Der junge Craig liest dem alleinlebenden Mr. Harrigan gegen Bezahlung Geschichten vor. Er hätte dies auch ohne das Gefühl eines „Jobs“ gemacht, dennoch ist es natürlich für ein Kind eine gelungene und einfache Art, sich ein paar Dollar zu verdienen. Craig führt Mr. Harrigan dabei auch in die Welt der aufkommenden Smartphones ein und hilft ihm beim Entdecken des ersten iPhones. Als Mr. Harrigan verstarb, legte Craig dieses Telefon in die Jackentasche des sich ihm Sarg befindlichen Verstorbenen. Was danach geschah, entspricht auf den Punkt genau der Erwartungshaltung eines Stephen King Lesers der früheren Zeit. Gerade mal knappe 90 Seiten gefüllt mit einer gehörigen Portion Freundschaft und einem sehr dezenten, klassisch gehaltenen Gruseleffekt, der sich in der Verknüpfung vom Dies- und Jenseits offenbart. Früher wäre diese kleine Geschichte sicher mit in die TV-Serie „Tales from the dark side“ mit aufgenommen worden.
Als nächstes folgt „Chucks Leben“, eine Geschichte, die durch eine umgekehrte Erzählweise für Aufmerksamkeit sorgt. King dreht den Plot und beginnt mit dem letzten Akt, um dann in Richtung ersten Akt fort zu fahren. Diese Geschichte bereitete mir in der Originalausgabe ein wenig Kopfschmerzen und ich war sichtlich gespannt, ob das an meinem Verständnis lag. Sie konnte mich nun erheblich besser überzeugen – gleichzeitig halte ich trotz der interessanten Idee weiterhin für die schwächste Geschichte in diesem Band. Sie ist dennoch in ihrer erfrischenden Art herausragend – was bereits jetzt zeigt, wie gut ich die noch beiden folgenden Geschichten halte.
Bei der dritten, titelgebenden Geschichte handelt es sich um eine Art „The Outsider“-Part II. Wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass diese nur uneingeschränkt funktioniert, wenn man zumindest die Geschichte des Outsiders kennt.
Kings Hauptdarstellerin Holly Gibney trat bereits in den Bill Hodges-Büchern erfolgreich auf – dabei noch gefühlt als Nebenrolle. Mittlerweile hat sie sich in Kings Welt immer mehr in den Vordergrund gedrängt, konnte dabei bereits im Outsider geschickt ihre ersten Duftmarken hinterlassen, um nun in dieser Geschichte als Hauptdarstellerin aufzutreten.
Die Story selbst ist – wie in letzter Zeit sehr oft bei Stephen Kings Output – eine Geschichte über Freundschaft. Darüber hinaus eine gelungene Erweiterung beziehungsweise Fortführung des Buches „Der Outsider“.
Schlußendlich zeigt King in „Ratte“ eines seiner Lieblingsthemen: Ein Autor, der sich in die Einsamkeit zwingt, um endlich ein Buch vollenden bzw. schreiben zu können. Alleine in einer schwer erreichbaren Hütte nimmt er sich eine Auszeit von seiner Familie, um endlich – nach seinen rudimentären Erfolgen als Kurzgeschichtenautor – einen vollwertigen Roman zu verfassen. Neben einem aufkommenden Sturm trifft ihn auch noch eine starke Erkältung mit ausreichend Fieber, um an den weiteren aufkommenden und mysteriösen Geschehnissen zu zweifeln…
King spielt hier mit der Gedankenwelt eines Schriftstellers und führt ihn dabei auch noch zu einer Entscheidung über Leben und Tod mit der Fragestellung, wie weit er für die Vollendung seines Werkes zu gehen bereit wäre.
Erneut ein Meisterwerk und eine gelungene Darbietung des Abwechslungsreichtums eines grandiosen und in meinen Augen unerreichten Schriftstellers.
Hysterika.de/JMSeibold/05.10.2020

Matias Faldbakken: Wir sind fünf

Originaltitel: Vi er fem
Aus dem Norwegischen von Maximilian Stadler
©2019 by Matias Faldbakken

©2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27299-6
ca. 254 Seiten

COVER:

In der Nähe von Oslo in einem Ort namens Råset führt Tormod Blystad mit seiner Frau und seinen zwei Kindern ein beschauliches Leben. Nach einer wilden Jugend mit Alkohol und Drogen ist aus Tormod ein verlässlicher Vater und Ehemann geworden. Aber in jeder Familie gibt es eine Lücke, die gefüllt werden muss. So kommt der kleine Elchhund Snusken auf den Hof. Besonders die Kinder lieben das Tier sehr, doch eines Tages verschwindet Snusken spurlos. Ein Ersatz muss her, und Tormod beginnt in seiner Werkstatt mit einer merkwürdigen Mischung aus Ton zu experimentieren. Gleichzeitig taucht ein alter Freund auf, ein schlechter Einfluss, und mit viel Bier und Amphetaminen feiern sie das Widersehen. Sicher verschanzt in der geschlossenen Männerwelt der Werkstatt, schenken sie dem Tonklumpen ihre volle Aufmerksamkeit. Einem Tonklumpen, der nach und nach ein Eigenleben entwickelt und bald nicht mehr zu kontrollieren ist.

REZENSION:

Gefühlt kommt es nicht gerade oft vor, dass sich ein Werk aus der skandinavischen Welt auf unseren Markt verirrt. Ab und an scheint es jedenfalls vorzukommen und somit liegt mit „Wir sind fünf“ das neueste Werk des bereits recht erfolgreich agierenden Künstlers Matias Faldbakken vor. In diesem Fall geht der Begriff „Künstler“ nicht nur auf seine Tätigkeiten als bildender Künstler zurück, denn nach Abschluss dieser außergewöhnlichen Geschichte lässt sich dieser Begriff auch auf seine Tätigkeit als Autor erweitern.
„Wir sind fünf“ beschreibt eine ziemlich konservativ gewordene Familie, die ihr trautes Familienleben in einem kleinen Ort in der Nähe Oslos lebt. Klischeegerecht gesteht die Familie aus einem Ehepaar, zwei Kindern und dem hinzukommenden, kleinen Hund. Snusken, der kleine Elchhund, verschwindet jedoch urplötzlich und ist auch nicht mehr auffindbar. Dementsprechend zieht sich ein kleiner Riss durch die Bilderbuchfamilie. Tormod zieht sich in seine hauseigene Werkstatt zurück und bastelt vor sich hin. Seine Kinder nehmen daran freudestrahlend immer öfter teil, während sich seine Ehefrau mehr und mehr von ihm distanziert. Bei den Basteleien entwickelt Tormod einen Tonklumpen, der plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Dies geht soweit, dass er nicht nur den Platz Snuskens einnehmen wird, sondern gar der Grund ist, warum das Buch „Wir sind fünf“ betitelt worden ist. Somit ein neues Familienmitglied.
Gleichzeitig verstärkt sich jedoch der Riss im Eheleben und auch die Gefahr durch den zum Leben erweckten Tonklumpen wächst ins Unermessliche.
Matias Faldbakkens Geschichte klingt rundum kurios und erinnert in seiner Grundstory an den Plot des alten Horror-B-Movies mit dem Titel „Der Blob“. Im Gegensatz zu diesem Film schafft es Faldbakken auf humorische, tiefgehende und zum Nachdenken animierende Art und Weise einen humorvollen und gleichzeitig bösen Roman zu kreieren, wie man ihn üblicherweise nicht zu erwarten gedenkt. Er schafft innerhalb von gerade mal 250 Seiten eine Fabel aufzubauen, die nicht nur eine Familie, das Dorfleben und das aufwallende Grauen aufs Korn nimmt – nein, er überschreitet Grenzen und gibt der zeitgenössischen Literatur mit einem Touch Phantastik einen ganz neuen Drive.
Hysterika.de/27.09.2020

John Marrs: The Passengers

Originaltitel: The Passengers
Aus dem Englischen übersetzt von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 07/2020
© 2020 by John Marrs
Copyright © 2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32072-7
ca. 495 Seiten

COVER:

„Guten Morgen, Claire. Sie dürften bemerkt haben, dass sich ihr Fahrzeug nicht mehr unter ihrer Kontrolle befindet. Ab sofort bestimme ich, wohin es geht. Im Augenblick gibt es nur eines, das Sie wissen sollten: In zwei Stunden und dreißig Minuten sind Sie höchstwahrscheinlich tot.“

Als die hochschwangere Lehrerin Claire Arden diese Worte aus den Lautsprechern ihres nagelneuen selbstfahrenden Autos vernimmt, glaubt sie zunächst, ihr Wagen sei defekt. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass sie tatsächlich in ihrem Auto gefangen ist. Und sie ist nicht die Einzige: das alternde Starlet Sofia Bradbury, der suizidgefährdete Jude Harrison, das Ehepaar Sam und Heidi Cole, die gedemütigte Ehefrau Shabana Khartri, Kriegsveteran Victor Patterson und die Asyl suchende Bilquis Hamila sitzen ebenfalls in autonomen Fahrzeugen, deren Systeme gehackt wurden. Sie alle befinden sich nun auf einem fatalen Kollisionskurs. Gelingt es Verkehrsminister Jack Larsson und den Behörden nicht, den Täter binnen drei Stunden zu fassen und die Autos zum Anhalten zu bringen, kommt es zur Katastrophe. Doch damit nicht genug: Der Täter streamt das ganze live im Internet, und die Zuschauer können über Leben und Tod der acht Passagiere abstimmen. Es ist der Beginn einer höllischen Fahrt, im Laufe derer zahlreiche Lügen, Intrigen und Geheimnisse ans Tageslicht kommen …

REZENSION:

John Marrs konnte bereits durch sein letztes Werk mit dem Titel „The One“ positiv überzeugen und sorgte bereits dort für etwas Unbehagen, da seine Welt nur knapp vor unserer aktuellen Gegenwart liegt. Sämtliche von ihm dort und auch im aktuellen Werk angesprochenen Themen sind bereits vorhanden oder eben prinzipiell möglich. Während es im seinem ersten Buch noch um einen Abgleich der DNA ging, um den perfekten Partner zu finden, wenden wir uns nun dem autonomen Fahrzeug zu.
Wer ein wenig die üblichen Nachrichtenkanäle verfolgt, wird sicher mitbekommen haben, dass dieses Thema mehr und mehr an Bedeutung findet. Nahezu sämtliche Hersteller der Automobilbranche wenden sich verstärkt dieser Möglichkeit zu. Erste technische Vorboten finden sich in unseren aktuellen Fahrzeugen und es ist sicherlich nur noch eine Frage der Zeit, bis man sich keine weitere Gedanken mehr auf dem Weg in die Arbeit machen muss, als schlicht einzusteigen.
In der Welt von John Marrs befinden wir uns in England und exakt zwischen dem Schritt zur vollkommenen Autonomie der Fahrzeuge. Momentan sind noch die üblichen Verbrenner unterwegs, durch erhöhte Steuern, teurere Versicherungen und anderen Maßnahmen, setzt sich das selbstfahrende Auto jedoch ungebremst durch. Darüber hinaus gibt ein Gesetz vor, dass in einigen Jahren die Zulassung von „normalen“ Fahrzeugen nicht mehr erlaubt sein wird. Ehrlich gesagt hat diese Idee auch einen gewissen Reiz: Allein, wenn ich mir vorstelle, dass ich beim täglichen Pendeln im eigenen PKW Bücher lesen könnte, bekomme ich bereits glänzende Augen. Aber gut, John Marrs‘ Buch wäre kein Thriller, wenn er seine Protagonisten einfach in die Arbeit fahren lassen würde…
In „The Passengers“ befinden sich plötzlich 8 Personen in der Hand einer Hackergruppe, die die Kontrolle über deren Fahrzeuge übernommen haben. Was durch Sicherheitsmaßnahmen nicht möglich schien, wird nun Realität und die Navigationssysteme sind auf Kollision programmiert.
Dieser Terrorakt allein sorgt bereits für ausreichende Spannung und man kann sich definitiv nicht mehr von der rasanten Entwicklung lösen. Man fiebert mit jedem einzelnen Passagier mit und gleichzeitig beginnt man damit, die dafür zuständige Kommission bis auf wenige Ausnahmen zu hassen.
John Marrs bleibt jedoch keineswegs bei seiner Kritik in Richtung autonomer Fahrzeuge, sondern holt sogleich noch weiter aus und führt jegliche negativen Aspekte der sozialen Medien mit in das Feld. Plötzlich stimmen fremde Menschen über Facebook, Twitter, etc. über das Überleben der Fahrer ab – dies lediglich durch gestreute Informationen oder persönlichen Präferenzen.
Nach und nach stellt sich auch heraus, dass es noch weit mehr Aspekte gibt, die gegen diese Art der Fortbewegung sprechen – darüber hinaus stellt sich heraus, dass jeder Passagier irgendeine Leiche im Keller hat.
Abermals bleibt sich John Marrs treu und hält der aktuellen Entwicklung einen Spiegel vor. Im Gegensatz zu „The One“ wirkt „The Passenger“ weniger konstruiert und dementsprechend wertiger als auch spannender in seiner Umsetzung. Die Auflösung ist atemberaubend und nicht wirklich zu ahnen – die beschriebene Nacharbeit nach Ablauf der genannten Kollisionszeit etwas zu gut gemeint. Dies hätte er auch weglassen können, schadete aber dem Gesamtkonstrukt nicht mehr.
Im Ganzen betrachtet ist „The Passenger“ erheblich besser als „The One“, auf welches der Autor ab und an hinweist. Somit gelang ihm ein rundum spannender, eingängig erzählter und glaubwürdig dargelegter Plot, der nur noch schwer von ihm zu toppen ist. Ein spannungsgeladener Thriller, der für gelungene Unterhaltung sorgt und sicherlich auch perfekt als Film funktionieren könnte.
Jürgen M. Seibold/04.09.2020

Shaun Hamill: Das Haus der finsteren Träume

Originaltitel: A COSMOLOGY OF MONSTERS
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Deutsche Erstausgabe 05/2020
© 2019 by Shaun Hamill
© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31995-0
ca. 461 Seiten

COVER:

Die USA in den 1960er-Jahren: Harry Turner, ein geradezu fanatischer Verehrer von H.P. Lovecraft, verliebt sich in die Buchhändlerin Margaret. Sie heiraten, gründen eine Familie und leben in bescheidenen, aber glücklichen Verhältnissen, obwohl Margaret immer wieder von nächtlichen Schreckensvisionen heimgesucht wird, die direkt aus Lovecrafts Horrorgeschichten stammen könnten. Auch die drei Kinder Sydney, Eunice und Noah werden ständig von Albträumen geplagt. Selbst an Harry gehen die grausamen Bilder nicht vorüber, und so beschließt er eines Tages, auf seinem Grundstück ein Geisterhaus zu bauen, und zwar das größte und unheimlichste, das Amerika je gesehen hat. Was ihm leicht gelingt, denn die Monster, die darin ihr Unwesen treiben, sind echt. Der Einzige, der diese Tatsache akzeptiert, ist Noah. Als er eines Tages den Ungeheuern die Tür öffnet, wird das Leben der Turners zum Albtraum …

REZENSION:

Bei manchen Büchern bin ich hin- und hergerissen, was ich von ihnen halten soll. „Das Haus der finsteren Träume“ landet exakt in dieser Kategorie und dementsprechend irritiert aber auch berührt hat es mich nach seinen letzten Buchstaben hinterlassen.
Vorweg möchte ich darauf hinweisen, dass die Coverbeschreibung den Leser guter Horrorliteratur in eine falsche Erwartungshaltung führt und es aus diesem Grund sein kann, dass der ein oder andere von diesem Buch enttäuscht sein könnte. Es ist nämlich definitiv nicht so, dass hier ein Geisterhaus mit echten Monstern entsteht. Das gebaute Geisterhaus in diesem Buch ist nichts weiter als die Einnahmequelle der Familie und entspricht den üblichen Häusern dieser Art, gefüllt mich künstlichem Blut, selbstentworfenen Kleidern der makabren Art und unter Zuhilfenahme von verkleideten Menschen, die durch ihre Darbietungen den Eintritt zahlenden Besucher erschrecken sollen.
Haupthandlung dieser Geschichte von Shaun Hamill ist vielmehr die Turner-Familie selbst und dies wird hauptsächlich dargelegt am Leben von Noah Turner, der zwar durch sein geringes Alter erst ein wenig später als Person auftritt, dennoch als Erzähler der Geschichte fungiert. Noah ist das letzte Kind des Ehepaars Turner. Seinen Vater hat er nicht mehr wirklich kennen gelernt, da dieser krankheitsbedingt verstorben ist.
Die Familie lebt sehr bescheiden und versucht durch die Geisterhaus-Einnahmen um die Runden zu kommen. Eines Tages sieht Noah ein Monster an seinem Fenster – völlig befreit von jeglicher Angst freundet er sich mit diesem an und die Geschehnisse nehmen ihren Lauf…

„Das Haus der finsteren Träume“ ist alles andere als ein Horrorroman. Gut, es gibt eine ganze Horde an Reminiszenzen zu H.P. Lovecraft und anderen namhaften Autoren des Genres. Allein die Kapitelnamen sprechen bereits für sich. Dennoch lässt es sich in besagtem Genre nur schwer uneingeschränkt einordnen, da es sich vielmehr um ein ausgeklügeltes Familiendrama handelt, welches in seiner Gänze ganz gut funktioniert und bei einer ablenkungsfreien Coverbeschreibung den Leser in die richtige Spur hätte bringen können.
Hamills Story ist dabei etwas bedrückend und depressiv, lässt sich jedoch sehr flüssig lesen. Dargeboten wird der Inhalt überwiegend in der Ich-Form, welche uns Noah auf eine sehr enge und sehr persönliche Weise nahebringt.
Noah ist der typische Heranwachsende voll Zweifel und dem Drang, alles einigermaßen richtig machen zu wollen, ohne bereits zu wissen, worum es im Leben eigentlich so geht.
Die Familie lebt dabei in ihrer eigenen Welt – dementsprechend spielt es auch fast keine Rolle, dass der jüngste Spross ein Monster als Freund hat – es bekommt schlicht keiner wirklich mit.
„Das Haus der finsteren Träume“ schwankt durch die Korrelation zwischen Noah und dem Monster immer wieder in die Welt der Jugendbücher mit leichtem Drang in Richtung Kitsch. Dem gegenüber nimmt Hamill aber auch kein Blatt vor den Mund und lässt die beiden auch sexuell aufeinander treffen – somit verlässt er in diesen Augenblicken das Jugend-Bücherregal wieder und driftet in die Welt der Erwachsenen-Literatur.
Erzählerisch passt bei diesem neuen Autor fast alles: Er zeigt erstaunlich viel Genre-Kenntnis, erzählt eingängig und sorgt für einen ganz interessanten, wenn auch bedrückenden Plot. Für ein Debüt schon mal ganz ordentlich – nichts desto trotz wirkt es noch etwas holprig im Versuch, seinen angestammten Platz in der Welt der phantastischen Literatur zu finden. Eventuell würde es schon ausreichen, wenn man keine falschen Erwartungen legt, sondern ganz klar die echte Richtung vorgibt.
Jürgen M. Seibold/13.08.2020

Jon Savage: Sengendes Licht, die Sonne und alles andere

Originaltitel: This Searing Light, The Sun And Everything Else. Joy Division – The Oral History
Aus dem Englischen von Conny Lösch
©2019 by Jon Savage
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27251-4
ca. 383 Seiten

COVER:

„WIR WOLLTEN BLOSS ETWAS ERSCHAFFEN, DASS SICH GUT ANHÖRTE UND UNSERE GEFÜHLE AUSDRÜCKTE. AN SO ETWAS WIE EINE KARRIERE HABEN WIR GAR NICHT GEDACHT. ES GAB KEINEN PLAN.“
Bernard Sumner

JOY DIVISION tauchten Mitte der Siebzigerjahre in Manchester auf und sorgten zusammen mit dem Label Factory dafür, dass die graue Industriestadt in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Bis heute gelten sie als einflussreichste Protagonisten des Post-Punk und Bezugspunkt für nachfolgende Entwicklungen wie Gothic Rock, Dark Wave oder Indie-Rock. Obwohl die Band nur zwei offizielle Studioalben aufnahm, sorgten diese und einige legendenumwitterte Liveauftritte dafür, dass Joys Division zur aufregendsten Undergroundband ihrer Zeit aufstiegen. Doch kurz vor der ersten großen Amerika-Tour nahm sich Sänger Ian Curtis das Leben.

In SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE hat Jon Savage Interviews mit zentralen Figuren der Joy-Division-Geschichte aus dem letzten dreißig Jahren zu einer Oral History zusammengestellt, darunter Bernard Sumner, Peter Hook, Stephen Morris, Deborah Curtis, Paul Morley, Tony Wilson, Terry Mason, Rob Gretton und Martin Hannett. Es ist die Erzählung einer Band, die das Bild einer ganzen Stadt bestimmte, wie diese Band auf ungewöhnliche Art zusammenfand, wie ihre Musik eine ganze Generation bewegte, wie jungen Menschen mit elektrischen Gitarren und literarischen Vorlieben die Welt veränderten. Und es ist auch die niederschmetternde Geschichte, wie Krankheit und innere Dämonen einen charismatischen Sänger und visionären Texter dazu brachten, der Welt zu entfliehen.

REZENSION:

Es gibt vereinzelte Bands innerhalb der Musikgeschichte, die bahnbrechend für die weitere Entwicklung der Musikentwicklung waren. Eine dieser Bands ist JOY DIVISION, die Anfang der 80er Jahre unbewusst vom ausklingenden Punk in die darauffolgende Welt der Musik traten. Dabei öffneten sie für nachfolgende Bands musikalische Türen und wurden wegweisend für Dark Wave, Gothic und Alternative. Mit gerade mal zwei offiziellen Studioalben gingen sie in die Musikgeschichte ein und glänzen darin noch heute.
Ihre Musik ist getrieben von einer visionären Kraft, wie man sie nur selten vorfindet – dabei wollten sie nichts weiter als Musik machen, um dem eintönigen Alltag der darbenden Industriestadt Manchester ein wenig zu entfliehen.
In SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE (was für ein genialer Titel!) lässt Jon Savage die Band auf Basis von Erzählungen beteiligter Personen auferstehen.
Am 18. Mai 2020 jährt sich der Todestag des charismatischen Ian Curtis bereits zum 40. Mal und somit wurde es auch wieder Zeit, sich mit dieser Ausnahmeband zu beschäftigen.
SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE ist dabei nicht nur für Fans und Kenner der Musik Joy Divisions eine Offenbarung – nein, ich bin überzeugt, dass der Inhalt auch sehr interessant für Musikliebhaber jeglicher Couleur sein kann, immerhin erzählt es die Geschichte einer Band aus einer Zeit, in der Musik noch für sich selbst funktioniert hatte und der Drang danach nicht nur dem öden Kommerz geschuldet war. Joy Divison machten ihre Musik aus Leidenschaft und nichts weiter. Dass sie dabei etwas Besonderes entwickelten, war ihnen selbst sicherlich überhaupt nicht bewusst. Hier ging es nur um die Jagd nach dem nächsten Auftritt, möge die Location noch so klein sein.
Das Buch deckt auf eine sehr persönliche Art und Weise alles auf, was sich im Umfeld dieser Band zugetragen hatte. Dennoch, die innere Welt Ian Curtis‘ bleibt auch nach Genuss dieses Werkes verborgen und somit ist es weiterhin nur spekulativ, warum sich Ian Curtis zwei Tage vor der Abreise in die Vereinigten Staaten das Leben genommen hat. Sicherlich kämpfte hier ein sehr zerrissener Mensch mit seinen inneren Dämonen und somit bleibt einem auch nichts weiter übrig, als mit unbeantworteten Fragen dem Abgang dieses sagenhaften Menschen zu bedauern. Immerhin bleibt er durch seine Musik am Leben und auch hier sei gesagt, dass diese trotz der bereits vergangenen 40 Jahre weiterhin zeitgemäß ist und wohl noch lange bleiben wird.
Die Zusammenstellung der verschiedenen Stimmen durch Jon Savage wirkt dabei rundum authentisch und man fühlt sich beinahe mitten drin. Insbesondere die Texte des zweiten Albums mit dem Titel „Closer“ erscheinen in einem komplett neuen Licht.
Die letzten, sehr traurigen und intensiven Seiten las ich mit Joy Division als Begleitmusik. Dies sorgte für eine bedrückende Gänsehaut, da man auf der einen Seite Erzählungen über die letzten Tage des mittlerweile wohl manisch-depressiven Ian Curtis liest und gleichzeitig die düsteren Klänge von „Isolation“, „She‘s Lost Control“, „Love Will Tear Us Apart“ und ganz besonders „Atmosphere“ den Raum um einen herum füllen. In dieser Konstellation ein sehr eingängiger, tiefgehender und nachdenklich stimmender Schluss, wie er nur selten beim Genuss eines Buches vorkommt.
Interessanterweise hörte ich während des Schreibens dieser Rezension einen Alternativ-Radiosender an und wie als ganz besonderer Fingerzeig spielten sie beim Beenden dieser Worte von mir ebenfalls ein Werk dieser bahnbrechenden und viel zu kurzlebigen Band.
Als kleines Fazit sei noch angemerkt, dass dieses Buch nicht zu wenig und nicht zu viel verspricht – dabei schlicht und ergreifend den Weg von gleichwertig agierenden Freunden ohne jeglichen Plan zu einer historisch nennenswerten Band offenbart. Perfekt in seiner stringenten Timeline zusammengestellt.
Jürgen Seibold/07.06.2020

Basma Abdel Aziz: Das Tor

Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Deutsche Erstausgabe 05/2020
©2013 by Basma Abdel Aziz
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32046-8
ca. 283 Seiten

COVER:

Ein nicht näher benanntes Land im Nahen Osten: Seit den sogenannten „Schändlichen Ereignissen“ wird die Bevölkerung massiv von der Regierung unterdrückt. Peinlich genau achtet die Sicherheitsgarde auf die Einhaltung der Gesetze, und wer gegen die Regeln verstößt, verschwindet spurlos in den dunklen Kellern der Behörden. Für alles brauchen die Bürger die Genehmigung des Staates, für die sie sich vor einem großen Tor anstellen müssen. Doch die Schlange der Menschen, die in der brütenden Hitze warten, wird von Tag zu Tag länger, denn das Tor öffnet sich nicht. Da ist zum Beispiel die junge Lehrerin Ines, die eine Unbedenklichkeitsbescheinigung braucht, nachdem sie den kritischen Aufsatz einer Schülerin in der Klasse vorgelesen hat. Oder der Regimekritiker Yahya, der die Erlaubnis benötigt, sich einer lebensnotwendigen Operation zu unterziehen. Oder die namenlose alte Frau, die einfach nur Brot kaufen möchte. Sie und viele andere warten Tag und Nacht vor dem Tor – vergebens, aber dennoch voller Hoffnung, dass es irgendwann aufgehen wird …

REZENSION:

Basma Abdel Aziz ist eine ägyptische Autorin, die sich in ihrer Heimat unermüdlich für den Kampf gegen Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte einsetzt. Dies zeigt sich auch sehr deutlich in ihrem Buch „Das Tor“, welches darüber hinaus auch die Nähe zu den Gegebenheiten des arabischen Frühlings nicht verneinen kann. Das Buch selbst ist bereits aus dem Jahre 2013 und dementsprechend nah werden sich die Vorgänge nach dem Tag des Zorns noch im Kopf der Autorin befunden haben.
In „Das Tor“ befinden wir uns in einem nicht näher benannten, totalitären Staat im Nahen Osten, in dem man für beinahe alles eine behördliche Genehmigung benötigt. Für den Erhalt dieser Genehmigungen ist es notwendig, sich am Tor anzustellen, hinter dem sich die Behörden befinden. Die dabei entstehende Schlange wird immer länger – wir reden hier bereits von einer eigenen Welt, mit Menschen, die bis zu zwei Kilometer vom Tor entfernt stehen. Dies alles in der brütenden Hitze und voller Hoffnung, dass sich das Tor endlich öffnet und man eintreten darf.
Die Schlange wird von Tag zu Tag länger, da sich das Tor nicht öffnet – die Stimmung scheint zu kippen…
„Das Tor“ von Basma Abdel Aziz wird auf dem Cover mit George Orwells Klassiker „1984“ und Kafkas „Der Prozess“ auf einen Ebene gebracht. Teilweise kann ich mich dem auch anschließen, sind solche Bücher doch unglaublich wichtig und müssen unbedingt erzählt werden. Gleichzeitig hat jedoch Basma Abdel Aziz auch einige Chancen liegen gelassen und ist schlicht zu nett in ihrer Ausführung. Gut, sie drückt den Finger in die Wunde und zeigt bravurös Missstände von Diktaturen auf. Der totalitäre Staat wird gefühlt aus dem Bauch heraus regiert – dementsprechend unsinnig wirken die Gesetze und Vorschriften.
Wir dürfen uns auch als Leser der demokratischen Welt dabei nicht zurücklehnen, da wir von vielen dieser Vorgänge auch nicht weit weg sind.
Doch zurück: In „Das Tor“ erzählt die Autorin die Erlebnisse einiger Protagonisten, die dringend eine Bescheinigung benötigen und somit vor dem Tor verharren. Dies alles wirkt interessant, doch zu trocken und freundlich dargelegt. Wenn ich mir vor Augen führe, wie viele Menschen es in der brütenden Hitze vor einem seit Wochen verschlossenen Tor sein müssen, dann kann ich mir schlichtweg nicht vorstellen, dass dies unter Wahrung der öffentlichen Ordnung geschieht. Menschen gingen schon für weit weniger aufeinander los, so schade das auch ist.
Alles in allem ist „Das Tor“ eine sehr interessante Dystopie, deren Inhalt mehr und mehr in Richtung Realität driftet. Somit eine absolut gelungene Idee, die jedoch viel zu nett dargelegt worden ist. Hier hätte die Autorin noch erheblich aggressiver werden können, oder einen stringenteren Weg einschlagen müssen, damit der Plot einen Drive bekommt, der den Leser an die Seiten haftet. Durch die gleichmäßige und fast monotone Darbietung der eigentlich dramatischen Probleme verliert man den Drang, hier das notwendige Extra heraus holen zu wollen. Somit leider ein lediglich ganz netter, interessanter Plot, der unglaublich viel Potenzial für erheblich mehr gehabt hätte.
Jürgen Seibold/01.06.2020

Stephen Chbosky: Der unsichtbare Freund

Originaltitel: Imaginary Friend
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
©2019 by Stephen Chbosky
©2019 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27243-9
ca. 912 Seiten

COVER:

Die alleinerziehende Kate muss mit ihrem siebenjährigen Sohn Christopher dringend untertauchen. Das beschauliche Örtchen Mill Grove, Pennsylvania, scheint dafür ideal zu sein. Eine Straße führt hinein, eine hinaus. Ringsum liegt dichter Wald. Doch kurz nach ihrem Umzug beginnt der kleine Christopher eine Stimme zu hören. Und merkwürdige Zeichen zu sehen. Zeichen, die ihn in den Wald locken.
Sechs Tage lang bleibt er dort verschollen. Als er wieder auftaucht, kann er sich nicht erinnern, was geschehen ist. Aber plötzlich hat er besondere Fähigkeiten. Und einen Auftrag: ein Baumhaus mitten im Wald zu errichten. Wenn er es nicht bis Weihnachten schafft, so die Stimme des unsichtbaren Freundes, wird der ganze Ort untergehen. Ehe sie sichs versehen, befinden sich Christopher, seine Mutter und alle Einwohner von Mill Grove mitten im Kampf zwischen Gut und Böse.

REZENSION:

Davon mal abgesehen, dass mir der Name Stephen Chbosky absolut gar nichts gesagt hatte, sorgte das gelungene Cover dennoch dafür, mein Interesse zu wecken. Üblicherweise finde ich das gar nicht so gut, denn ein Buch sollte natürlich nur auf Basis seiner sinnvoll zusammengefügten Buchstaben bewertet werden. Nichts desto trotz sorgte diese dezente Umsetzung für Aufmerksamkeit. Als ich dann auf dem Rücken gelesen habe, dass dieses Buch an die epischen Romane meines Lieblingsautors Stephen King erinnert, stieg jedoch meine Skepsis, da es sehr viele Bücher mit ähnlichen Verweisen gibt, diese jedoch lediglich für Enttäuschung sorgen konnten. Da ist wohl oft lediglich der Wunsch Vater des Gedankens.
Erfüllt mit diesen Gedanken entschied ich mich trotzdem, mich diesem Werk von knapp über 900 Seiten zu widmen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…
Die Geschichte um Christopher fühlt sich bereits nach einigen Seiten wie ein Roman von Stephen King an: Wir befinden uns in einer Kleinstadt, der Personenkreis wird abgesteckt und plötzlich geschieht etwas in kleinbürgerlicher, heimischer Umgebung. Hier ist es so, dass der mit seiner alleinerziehenden Mutter in Mill Grove lebende Christopher eines Tages im naheliegenden Wald verschwindet und urplötzlich nach sechs Tagen wieder auftaucht. Ab diesem Zeitpunkt besitzt er einige Besonderheiten, über die ich hier nicht näher eingehen möchte.
Sämtliche Dorfbewohner werden tiefgehend beleuchtet und wie so oft, hat selbst die ordentlichste und „normalste“ Familie irgendeine „Leiche“ im Keller. Nicht alles ist golden, was glänzt. Diese Darbietung ähnelt komplett dem literarischen Vorbild Stephen Chboskys – gleichzeitig entwickelt er ausreichend eigene Ideen, um sich ein wenig davon abgrenzen zu können. Chboskys Schreibstil ist sehr lebendig und rundum eingängig gehalten. Es lässt sich problemlos jede Seite genießen und die Story selbst entwickelt sich von Seite zu Seite immer mehr in Richtung „das-könnte-ein-Highlight-werden-Buch“.
Problemlos wechselt Chbosky die erzählerischen Ebenen und somit muss seinem Leser natürlich auch klar sein, dass hier auch die eigene Fantasie gefordert wird, denn mit dem Eintritt in den Wald treibt es uns ab und an auch in andere Welten.
Interessanterweise schafft er es dabei nicht nur, den Leser auf eine phantasievolle, hervorragende und spannende Art zu unterhalten, sondern auch einen über 300 Seiten andauernden Show-Down hinzulegen, wie man ihn nur selten sieht. Dabei zusätzlich gewürzt mit einer Wendung, die man zwar ahnen, jedoch nicht wirklich vorhersagen kann. Chapeau!
In der Danksagung des Autors wird sein großes Vorbild erneut erwähnt, darüber hinaus gibt es noch den Vermerk auf die Serie „Stranger Things“ auf dem Buchrücken. Gut, das Vorbild passt und auch die Anleihen in Richtung „Stranger Things“ sind nicht von der Hand zu weisen – alles in allem jedoch eher eine Art „Stranger Things“ auf Speed. Insbesondere die phantastischen Bereiche haben eher etwas von einem Neil Gaiman und gehen somit tiefer als die bisherigen Berührungen der Serie mit der anderen Seite.
Schlussendlich eines der Werke, die mir klar machen, warum ich so gerne meine Bücher in der Welt der Phantastischen Literatur aussuche. Einfach nur: Perfekt!
Jürgen Seibold/23.04.2020