John Niven: Die F*CK-IT-LISTE

Originaltitel: THE F*CK-IT LIST
Aus dem Englischen von Stephan Glietsch
©2020 by John Niven
© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-26847-0
ca. 317 Seiten

COVER:

Amerika in der nahen Zukunft. Nachdem Donald Trump zwei Amtszeiten durchregiert hat, ist jetzt seine Tochter Ivanka an der Macht. Das Land ist tief gespalten, die Jahre populistischer Politik haben ihre Spuren hinterlassen, mit extremen Folgen. Das Recht auf Abtreibung wurde ausgehöhlt, Waffenkontrolle so gut wie nicht mehr vorhanden, die Asylpolitik ist hochgradig fremdenfeindlich.

Derweil erhält Frank Brill, ein anständiger Zeitungsredakteur in einer Kleinstadt, der gerade in den Ruhestand getreten ist, eine folgenschwere Diagnose: Krebs im Endstadium. Anstatt sich all die Dinge vorzunehmen, die er schon immer machen wollte, erstellt er eine sogenannte Fuck-it-Liste. In seinem Leben musste er wiederholt Tiefschläge erleiden, nun beschließt er sich an den Menschen zu rächen, die für diese Tragödien verantwortlich zeichneten. Schritt für Schritt setzt er seinen Plan in die Tat um, bis ihm ein Redneck-Sheriff auf die Schliche kommt.

REZENSION:

Bereits der Gedanke an zwei vergangene Amtszeiten Trumps und einer gerade laufenden Amtszeit seiner Tochter lässt sich als bitterböse betrachten und zeigt deutlich die Richtung, die John Niven einschlagen möchte: Die Fuck-it-Liste ist eine bitterböse Satire, die aktuell ausreichend Potenzial enthält, um zur Wahrheit zu werden. Aus diesem Grund zeigt sich dieser Roman rundherum politisch, bringt dies jedoch erfreulicherweise nur nach und nach in den Vordergrund und zeigt dabei sehr deutlich, welche Gefahren entstehen können, wenn sich diese dystopischen Gedanken bewahrheiten sollten.
Nebenbei handelt es sich um einen Thriller, in dem der todgeweihte Frank Brill seine Fuck-It-Liste abarbeiten möchte und somit jeden Menschen töten will, der in irgendeiner Art und Weise mit den Tiefschlägen seines Lebens mitverantwortlich zeichnet. Seine Opfer steigen dabei im Schwierigkeitsgrad, da nicht nur Privatpersonen etwas mit seinem Lebenslauf zu tun haben. Mehr sei hier nicht gesagt, da die Gefahr des Spoilerns doch zu hoch ist und der Pfad in dieser Geschichte sehr stringent durchdacht ist.
Die Story von John Niven ist erfrischend anders und vermischt auf eine geniale Weise politische Satire mit einem Rache-Thriller. Obwohl: Wenn wir nicht aufpassen, wird sich die Satire bewahrheiten, dementsprechend sollte dieses Buch zu einer vorgeschriebene Schullektüre für alle Bewohner der Vereinigten Staaten werden.
John Niven zeigt sehr deutlich die Gefahren und führt uns vor, dass es definitiv nicht richtig ist, per radikaler Stimmabgabe zu protestieren. Man sollte sich eher darüber Gedanken machen, welche Inhalte verbreitet werden und somit immer im Auge behalten, was passieren würde, wenn die vermeintliche Protestwahl zu einem positiven Ergebnis kommt.
„Die Fuck-It-Liste“ lässt sich schnell lesen, ist bitterböse in ihrer Darstellung, nimmt kein Blatt vor den Mund und nimmt nicht nur Trump sondern auch viele weitere Mechanismen aufs Korn. Eine wunderbare Abwechslung mit leicht verpacktem Tiefgang.
Die Realität ist nicht weit davon entfernt – wollen wir hoffen, dass sie nicht wie hierin dargestellt eintritt.
Hysterika.de/JMSeibold/11.10.2020

Stephen King: Blutige Nachrichten

Originaltitel: If It Bleeds“
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2020 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27307-8
ca. 559 Seiten

COVER:

In der Vorweihnachtszeit richtet eine Paketbombe an einer Schule nahe Pittsburgh ein Massaker an. Kinder sterben. Holly Gibney verfolgt die furchtbaren Nachrichten im Fernsehen. Der Reporter vor Ort erinnert sie an den gestaltwandlerischen Outsider, den sie glaubt vor nicht allzu langer Zeit zur Strecke gebracht zu haben. Ist jene monströse, sich von Furcht nährende Kreatur wiedererwacht?

Die titelgebende Geschichte „Blutige Nachrichten“ – eine eigenständige Fortsetzung des Bestsellers Der Outsider – ist nur einer von vier Kurzromanen in Stephen Kings neuer Kollektion, die uns an so fürchterliche wie faszinierende Orte entführt.

Mit einem Nachwort des Autors zur Entstehung jeder einzelnen Geschichte.

REZENSION:

Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich es bis zur deutschen Veröffentlichung dieses Kurzromanbandes meines Lieblingsschriftstellers schlicht nicht ausgehalten. Dementsprechend konnten treue Leser meines Blogs bereits im Mai ein klein wenig über die herausragende Qualität dieses neuen Buches erfahren.
Wenn ich ein Werk auf Englisch lese bin ich mir nicht immer uneingeschränkt sicher, ob ich auch alles wie vom Autor dargelegt verstanden habe. Somit war es natürlich auch unbedingt notwendig, dass ich mir ein Bild über die deutsche Ausgabe mache und dabei prüfen kann, ob meine fremdsprachige Leseleistung einigermaßen passt und darüber hinaus, wie gut eine Übersetzung in unsere Sprache funktioniert.
Beides scheint gelungen zu sein und abermals war ich von diesen vier Geschichten überwiegend begeistert. Diese Begeisterung führte dazu, dass man mich an einem Wochenende nur noch lesend vorgefunden hatte und ich dieses Buch leider zu schnell zu Ende brachte. Gut, die Kreativität Stephen Kings ist ungebrochen und wer ihn immer noch lediglich als Horrorautor tituliert, hat wohl noch nicht wirklich viele Bücher von ihm gelesen.
In „Blutige Nachrichten“ befinden sich gerade mal 4 Geschichten, womit der Begriff Kurzgeschichtenband nahezu obsolet ist. Immerhin schafft es fast jede Geschichte in den Bereich der 3-stelligen Seitenzahl – die titelgebende Story mit der allseits bekannten Holly Gibney in der Hauptrolle bewegt sich mit ca. 230 Seiten im Rahmen eines Romans.
Begonnen wird mit „Mr. Harrigans Telefon“: Eine liebevolle Geschichte über eine generationenübergreifende Freundschaft, die sich eher nach und nach und ohne große Besonderheiten entwickelte.
Der junge Craig liest dem alleinlebenden Mr. Harrigan gegen Bezahlung Geschichten vor. Er hätte dies auch ohne das Gefühl eines „Jobs“ gemacht, dennoch ist es natürlich für ein Kind eine gelungene und einfache Art, sich ein paar Dollar zu verdienen. Craig führt Mr. Harrigan dabei auch in die Welt der aufkommenden Smartphones ein und hilft ihm beim Entdecken des ersten iPhones. Als Mr. Harrigan verstarb, legte Craig dieses Telefon in die Jackentasche des sich ihm Sarg befindlichen Verstorbenen. Was danach geschah, entspricht auf den Punkt genau der Erwartungshaltung eines Stephen King Lesers der früheren Zeit. Gerade mal knappe 90 Seiten gefüllt mit einer gehörigen Portion Freundschaft und einem sehr dezenten, klassisch gehaltenen Gruseleffekt, der sich in der Verknüpfung vom Dies- und Jenseits offenbart. Früher wäre diese kleine Geschichte sicher mit in die TV-Serie „Tales from the dark side“ mit aufgenommen worden.
Als nächstes folgt „Chucks Leben“, eine Geschichte, die durch eine umgekehrte Erzählweise für Aufmerksamkeit sorgt. King dreht den Plot und beginnt mit dem letzten Akt, um dann in Richtung ersten Akt fort zu fahren. Diese Geschichte bereitete mir in der Originalausgabe ein wenig Kopfschmerzen und ich war sichtlich gespannt, ob das an meinem Verständnis lag. Sie konnte mich nun erheblich besser überzeugen – gleichzeitig halte ich trotz der interessanten Idee weiterhin für die schwächste Geschichte in diesem Band. Sie ist dennoch in ihrer erfrischenden Art herausragend – was bereits jetzt zeigt, wie gut ich die noch beiden folgenden Geschichten halte.
Bei der dritten, titelgebenden Geschichte handelt es sich um eine Art „The Outsider“-Part II. Wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass diese nur uneingeschränkt funktioniert, wenn man zumindest die Geschichte des Outsiders kennt.
Kings Hauptdarstellerin Holly Gibney trat bereits in den Bill Hodges-Büchern erfolgreich auf – dabei noch gefühlt als Nebenrolle. Mittlerweile hat sie sich in Kings Welt immer mehr in den Vordergrund gedrängt, konnte dabei bereits im Outsider geschickt ihre ersten Duftmarken hinterlassen, um nun in dieser Geschichte als Hauptdarstellerin aufzutreten.
Die Story selbst ist – wie in letzter Zeit sehr oft bei Stephen Kings Output – eine Geschichte über Freundschaft. Darüber hinaus eine gelungene Erweiterung beziehungsweise Fortführung des Buches „Der Outsider“.
Schlußendlich zeigt King in „Ratte“ eines seiner Lieblingsthemen: Ein Autor, der sich in die Einsamkeit zwingt, um endlich ein Buch vollenden bzw. schreiben zu können. Alleine in einer schwer erreichbaren Hütte nimmt er sich eine Auszeit von seiner Familie, um endlich – nach seinen rudimentären Erfolgen als Kurzgeschichtenautor – einen vollwertigen Roman zu verfassen. Neben einem aufkommenden Sturm trifft ihn auch noch eine starke Erkältung mit ausreichend Fieber, um an den weiteren aufkommenden und mysteriösen Geschehnissen zu zweifeln…
King spielt hier mit der Gedankenwelt eines Schriftstellers und führt ihn dabei auch noch zu einer Entscheidung über Leben und Tod mit der Fragestellung, wie weit er für die Vollendung seines Werkes zu gehen bereit wäre.
Erneut ein Meisterwerk und eine gelungene Darbietung des Abwechslungsreichtums eines grandiosen und in meinen Augen unerreichten Schriftstellers.
Hysterika.de/JMSeibold/05.10.2020

Matias Faldbakken: Wir sind fünf

Originaltitel: Vi er fem
Aus dem Norwegischen von Maximilian Stadler
©2019 by Matias Faldbakken

©2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27299-6
ca. 254 Seiten

COVER:

In der Nähe von Oslo in einem Ort namens Råset führt Tormod Blystad mit seiner Frau und seinen zwei Kindern ein beschauliches Leben. Nach einer wilden Jugend mit Alkohol und Drogen ist aus Tormod ein verlässlicher Vater und Ehemann geworden. Aber in jeder Familie gibt es eine Lücke, die gefüllt werden muss. So kommt der kleine Elchhund Snusken auf den Hof. Besonders die Kinder lieben das Tier sehr, doch eines Tages verschwindet Snusken spurlos. Ein Ersatz muss her, und Tormod beginnt in seiner Werkstatt mit einer merkwürdigen Mischung aus Ton zu experimentieren. Gleichzeitig taucht ein alter Freund auf, ein schlechter Einfluss, und mit viel Bier und Amphetaminen feiern sie das Widersehen. Sicher verschanzt in der geschlossenen Männerwelt der Werkstatt, schenken sie dem Tonklumpen ihre volle Aufmerksamkeit. Einem Tonklumpen, der nach und nach ein Eigenleben entwickelt und bald nicht mehr zu kontrollieren ist.

REZENSION:

Gefühlt kommt es nicht gerade oft vor, dass sich ein Werk aus der skandinavischen Welt auf unseren Markt verirrt. Ab und an scheint es jedenfalls vorzukommen und somit liegt mit „Wir sind fünf“ das neueste Werk des bereits recht erfolgreich agierenden Künstlers Matias Faldbakken vor. In diesem Fall geht der Begriff „Künstler“ nicht nur auf seine Tätigkeiten als bildender Künstler zurück, denn nach Abschluss dieser außergewöhnlichen Geschichte lässt sich dieser Begriff auch auf seine Tätigkeit als Autor erweitern.
„Wir sind fünf“ beschreibt eine ziemlich konservativ gewordene Familie, die ihr trautes Familienleben in einem kleinen Ort in der Nähe Oslos lebt. Klischeegerecht gesteht die Familie aus einem Ehepaar, zwei Kindern und dem hinzukommenden, kleinen Hund. Snusken, der kleine Elchhund, verschwindet jedoch urplötzlich und ist auch nicht mehr auffindbar. Dementsprechend zieht sich ein kleiner Riss durch die Bilderbuchfamilie. Tormod zieht sich in seine hauseigene Werkstatt zurück und bastelt vor sich hin. Seine Kinder nehmen daran freudestrahlend immer öfter teil, während sich seine Ehefrau mehr und mehr von ihm distanziert. Bei den Basteleien entwickelt Tormod einen Tonklumpen, der plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Dies geht soweit, dass er nicht nur den Platz Snuskens einnehmen wird, sondern gar der Grund ist, warum das Buch „Wir sind fünf“ betitelt worden ist. Somit ein neues Familienmitglied.
Gleichzeitig verstärkt sich jedoch der Riss im Eheleben und auch die Gefahr durch den zum Leben erweckten Tonklumpen wächst ins Unermessliche.
Matias Faldbakkens Geschichte klingt rundum kurios und erinnert in seiner Grundstory an den Plot des alten Horror-B-Movies mit dem Titel „Der Blob“. Im Gegensatz zu diesem Film schafft es Faldbakken auf humorische, tiefgehende und zum Nachdenken animierende Art und Weise einen humorvollen und gleichzeitig bösen Roman zu kreieren, wie man ihn üblicherweise nicht zu erwarten gedenkt. Er schafft innerhalb von gerade mal 250 Seiten eine Fabel aufzubauen, die nicht nur eine Familie, das Dorfleben und das aufwallende Grauen aufs Korn nimmt – nein, er überschreitet Grenzen und gibt der zeitgenössischen Literatur mit einem Touch Phantastik einen ganz neuen Drive.
Hysterika.de/27.09.2020

John Marrs: The Passengers

Originaltitel: The Passengers
Aus dem Englischen übersetzt von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 07/2020
© 2020 by John Marrs
Copyright © 2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32072-7
ca. 495 Seiten

COVER:

„Guten Morgen, Claire. Sie dürften bemerkt haben, dass sich ihr Fahrzeug nicht mehr unter ihrer Kontrolle befindet. Ab sofort bestimme ich, wohin es geht. Im Augenblick gibt es nur eines, das Sie wissen sollten: In zwei Stunden und dreißig Minuten sind Sie höchstwahrscheinlich tot.“

Als die hochschwangere Lehrerin Claire Arden diese Worte aus den Lautsprechern ihres nagelneuen selbstfahrenden Autos vernimmt, glaubt sie zunächst, ihr Wagen sei defekt. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass sie tatsächlich in ihrem Auto gefangen ist. Und sie ist nicht die Einzige: das alternde Starlet Sofia Bradbury, der suizidgefährdete Jude Harrison, das Ehepaar Sam und Heidi Cole, die gedemütigte Ehefrau Shabana Khartri, Kriegsveteran Victor Patterson und die Asyl suchende Bilquis Hamila sitzen ebenfalls in autonomen Fahrzeugen, deren Systeme gehackt wurden. Sie alle befinden sich nun auf einem fatalen Kollisionskurs. Gelingt es Verkehrsminister Jack Larsson und den Behörden nicht, den Täter binnen drei Stunden zu fassen und die Autos zum Anhalten zu bringen, kommt es zur Katastrophe. Doch damit nicht genug: Der Täter streamt das ganze live im Internet, und die Zuschauer können über Leben und Tod der acht Passagiere abstimmen. Es ist der Beginn einer höllischen Fahrt, im Laufe derer zahlreiche Lügen, Intrigen und Geheimnisse ans Tageslicht kommen …

REZENSION:

John Marrs konnte bereits durch sein letztes Werk mit dem Titel „The One“ positiv überzeugen und sorgte bereits dort für etwas Unbehagen, da seine Welt nur knapp vor unserer aktuellen Gegenwart liegt. Sämtliche von ihm dort und auch im aktuellen Werk angesprochenen Themen sind bereits vorhanden oder eben prinzipiell möglich. Während es im seinem ersten Buch noch um einen Abgleich der DNA ging, um den perfekten Partner zu finden, wenden wir uns nun dem autonomen Fahrzeug zu.
Wer ein wenig die üblichen Nachrichtenkanäle verfolgt, wird sicher mitbekommen haben, dass dieses Thema mehr und mehr an Bedeutung findet. Nahezu sämtliche Hersteller der Automobilbranche wenden sich verstärkt dieser Möglichkeit zu. Erste technische Vorboten finden sich in unseren aktuellen Fahrzeugen und es ist sicherlich nur noch eine Frage der Zeit, bis man sich keine weitere Gedanken mehr auf dem Weg in die Arbeit machen muss, als schlicht einzusteigen.
In der Welt von John Marrs befinden wir uns in England und exakt zwischen dem Schritt zur vollkommenen Autonomie der Fahrzeuge. Momentan sind noch die üblichen Verbrenner unterwegs, durch erhöhte Steuern, teurere Versicherungen und anderen Maßnahmen, setzt sich das selbstfahrende Auto jedoch ungebremst durch. Darüber hinaus gibt ein Gesetz vor, dass in einigen Jahren die Zulassung von „normalen“ Fahrzeugen nicht mehr erlaubt sein wird. Ehrlich gesagt hat diese Idee auch einen gewissen Reiz: Allein, wenn ich mir vorstelle, dass ich beim täglichen Pendeln im eigenen PKW Bücher lesen könnte, bekomme ich bereits glänzende Augen. Aber gut, John Marrs‘ Buch wäre kein Thriller, wenn er seine Protagonisten einfach in die Arbeit fahren lassen würde…
In „The Passengers“ befinden sich plötzlich 8 Personen in der Hand einer Hackergruppe, die die Kontrolle über deren Fahrzeuge übernommen haben. Was durch Sicherheitsmaßnahmen nicht möglich schien, wird nun Realität und die Navigationssysteme sind auf Kollision programmiert.
Dieser Terrorakt allein sorgt bereits für ausreichende Spannung und man kann sich definitiv nicht mehr von der rasanten Entwicklung lösen. Man fiebert mit jedem einzelnen Passagier mit und gleichzeitig beginnt man damit, die dafür zuständige Kommission bis auf wenige Ausnahmen zu hassen.
John Marrs bleibt jedoch keineswegs bei seiner Kritik in Richtung autonomer Fahrzeuge, sondern holt sogleich noch weiter aus und führt jegliche negativen Aspekte der sozialen Medien mit in das Feld. Plötzlich stimmen fremde Menschen über Facebook, Twitter, etc. über das Überleben der Fahrer ab – dies lediglich durch gestreute Informationen oder persönlichen Präferenzen.
Nach und nach stellt sich auch heraus, dass es noch weit mehr Aspekte gibt, die gegen diese Art der Fortbewegung sprechen – darüber hinaus stellt sich heraus, dass jeder Passagier irgendeine Leiche im Keller hat.
Abermals bleibt sich John Marrs treu und hält der aktuellen Entwicklung einen Spiegel vor. Im Gegensatz zu „The One“ wirkt „The Passenger“ weniger konstruiert und dementsprechend wertiger als auch spannender in seiner Umsetzung. Die Auflösung ist atemberaubend und nicht wirklich zu ahnen – die beschriebene Nacharbeit nach Ablauf der genannten Kollisionszeit etwas zu gut gemeint. Dies hätte er auch weglassen können, schadete aber dem Gesamtkonstrukt nicht mehr.
Im Ganzen betrachtet ist „The Passenger“ erheblich besser als „The One“, auf welches der Autor ab und an hinweist. Somit gelang ihm ein rundum spannender, eingängig erzählter und glaubwürdig dargelegter Plot, der nur noch schwer von ihm zu toppen ist. Ein spannungsgeladener Thriller, der für gelungene Unterhaltung sorgt und sicherlich auch perfekt als Film funktionieren könnte.
Jürgen M. Seibold/04.09.2020

Shaun Hamill: Das Haus der finsteren Träume

Originaltitel: A COSMOLOGY OF MONSTERS
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Deutsche Erstausgabe 05/2020
© 2019 by Shaun Hamill
© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31995-0
ca. 461 Seiten

COVER:

Die USA in den 1960er-Jahren: Harry Turner, ein geradezu fanatischer Verehrer von H.P. Lovecraft, verliebt sich in die Buchhändlerin Margaret. Sie heiraten, gründen eine Familie und leben in bescheidenen, aber glücklichen Verhältnissen, obwohl Margaret immer wieder von nächtlichen Schreckensvisionen heimgesucht wird, die direkt aus Lovecrafts Horrorgeschichten stammen könnten. Auch die drei Kinder Sydney, Eunice und Noah werden ständig von Albträumen geplagt. Selbst an Harry gehen die grausamen Bilder nicht vorüber, und so beschließt er eines Tages, auf seinem Grundstück ein Geisterhaus zu bauen, und zwar das größte und unheimlichste, das Amerika je gesehen hat. Was ihm leicht gelingt, denn die Monster, die darin ihr Unwesen treiben, sind echt. Der Einzige, der diese Tatsache akzeptiert, ist Noah. Als er eines Tages den Ungeheuern die Tür öffnet, wird das Leben der Turners zum Albtraum …

REZENSION:

Bei manchen Büchern bin ich hin- und hergerissen, was ich von ihnen halten soll. „Das Haus der finsteren Träume“ landet exakt in dieser Kategorie und dementsprechend irritiert aber auch berührt hat es mich nach seinen letzten Buchstaben hinterlassen.
Vorweg möchte ich darauf hinweisen, dass die Coverbeschreibung den Leser guter Horrorliteratur in eine falsche Erwartungshaltung führt und es aus diesem Grund sein kann, dass der ein oder andere von diesem Buch enttäuscht sein könnte. Es ist nämlich definitiv nicht so, dass hier ein Geisterhaus mit echten Monstern entsteht. Das gebaute Geisterhaus in diesem Buch ist nichts weiter als die Einnahmequelle der Familie und entspricht den üblichen Häusern dieser Art, gefüllt mich künstlichem Blut, selbstentworfenen Kleidern der makabren Art und unter Zuhilfenahme von verkleideten Menschen, die durch ihre Darbietungen den Eintritt zahlenden Besucher erschrecken sollen.
Haupthandlung dieser Geschichte von Shaun Hamill ist vielmehr die Turner-Familie selbst und dies wird hauptsächlich dargelegt am Leben von Noah Turner, der zwar durch sein geringes Alter erst ein wenig später als Person auftritt, dennoch als Erzähler der Geschichte fungiert. Noah ist das letzte Kind des Ehepaars Turner. Seinen Vater hat er nicht mehr wirklich kennen gelernt, da dieser krankheitsbedingt verstorben ist.
Die Familie lebt sehr bescheiden und versucht durch die Geisterhaus-Einnahmen um die Runden zu kommen. Eines Tages sieht Noah ein Monster an seinem Fenster – völlig befreit von jeglicher Angst freundet er sich mit diesem an und die Geschehnisse nehmen ihren Lauf…

„Das Haus der finsteren Träume“ ist alles andere als ein Horrorroman. Gut, es gibt eine ganze Horde an Reminiszenzen zu H.P. Lovecraft und anderen namhaften Autoren des Genres. Allein die Kapitelnamen sprechen bereits für sich. Dennoch lässt es sich in besagtem Genre nur schwer uneingeschränkt einordnen, da es sich vielmehr um ein ausgeklügeltes Familiendrama handelt, welches in seiner Gänze ganz gut funktioniert und bei einer ablenkungsfreien Coverbeschreibung den Leser in die richtige Spur hätte bringen können.
Hamills Story ist dabei etwas bedrückend und depressiv, lässt sich jedoch sehr flüssig lesen. Dargeboten wird der Inhalt überwiegend in der Ich-Form, welche uns Noah auf eine sehr enge und sehr persönliche Weise nahebringt.
Noah ist der typische Heranwachsende voll Zweifel und dem Drang, alles einigermaßen richtig machen zu wollen, ohne bereits zu wissen, worum es im Leben eigentlich so geht.
Die Familie lebt dabei in ihrer eigenen Welt – dementsprechend spielt es auch fast keine Rolle, dass der jüngste Spross ein Monster als Freund hat – es bekommt schlicht keiner wirklich mit.
„Das Haus der finsteren Träume“ schwankt durch die Korrelation zwischen Noah und dem Monster immer wieder in die Welt der Jugendbücher mit leichtem Drang in Richtung Kitsch. Dem gegenüber nimmt Hamill aber auch kein Blatt vor den Mund und lässt die beiden auch sexuell aufeinander treffen – somit verlässt er in diesen Augenblicken das Jugend-Bücherregal wieder und driftet in die Welt der Erwachsenen-Literatur.
Erzählerisch passt bei diesem neuen Autor fast alles: Er zeigt erstaunlich viel Genre-Kenntnis, erzählt eingängig und sorgt für einen ganz interessanten, wenn auch bedrückenden Plot. Für ein Debüt schon mal ganz ordentlich – nichts desto trotz wirkt es noch etwas holprig im Versuch, seinen angestammten Platz in der Welt der phantastischen Literatur zu finden. Eventuell würde es schon ausreichen, wenn man keine falschen Erwartungen legt, sondern ganz klar die echte Richtung vorgibt.
Jürgen M. Seibold/13.08.2020

Jon Savage: Sengendes Licht, die Sonne und alles andere

Originaltitel: This Searing Light, The Sun And Everything Else. Joy Division – The Oral History
Aus dem Englischen von Conny Lösch
©2019 by Jon Savage
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27251-4
ca. 383 Seiten

COVER:

„WIR WOLLTEN BLOSS ETWAS ERSCHAFFEN, DASS SICH GUT ANHÖRTE UND UNSERE GEFÜHLE AUSDRÜCKTE. AN SO ETWAS WIE EINE KARRIERE HABEN WIR GAR NICHT GEDACHT. ES GAB KEINEN PLAN.“
Bernard Sumner

JOY DIVISION tauchten Mitte der Siebzigerjahre in Manchester auf und sorgten zusammen mit dem Label Factory dafür, dass die graue Industriestadt in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Bis heute gelten sie als einflussreichste Protagonisten des Post-Punk und Bezugspunkt für nachfolgende Entwicklungen wie Gothic Rock, Dark Wave oder Indie-Rock. Obwohl die Band nur zwei offizielle Studioalben aufnahm, sorgten diese und einige legendenumwitterte Liveauftritte dafür, dass Joys Division zur aufregendsten Undergroundband ihrer Zeit aufstiegen. Doch kurz vor der ersten großen Amerika-Tour nahm sich Sänger Ian Curtis das Leben.

In SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE hat Jon Savage Interviews mit zentralen Figuren der Joy-Division-Geschichte aus dem letzten dreißig Jahren zu einer Oral History zusammengestellt, darunter Bernard Sumner, Peter Hook, Stephen Morris, Deborah Curtis, Paul Morley, Tony Wilson, Terry Mason, Rob Gretton und Martin Hannett. Es ist die Erzählung einer Band, die das Bild einer ganzen Stadt bestimmte, wie diese Band auf ungewöhnliche Art zusammenfand, wie ihre Musik eine ganze Generation bewegte, wie jungen Menschen mit elektrischen Gitarren und literarischen Vorlieben die Welt veränderten. Und es ist auch die niederschmetternde Geschichte, wie Krankheit und innere Dämonen einen charismatischen Sänger und visionären Texter dazu brachten, der Welt zu entfliehen.

REZENSION:

Es gibt vereinzelte Bands innerhalb der Musikgeschichte, die bahnbrechend für die weitere Entwicklung der Musikentwicklung waren. Eine dieser Bands ist JOY DIVISION, die Anfang der 80er Jahre unbewusst vom ausklingenden Punk in die darauffolgende Welt der Musik traten. Dabei öffneten sie für nachfolgende Bands musikalische Türen und wurden wegweisend für Dark Wave, Gothic und Alternative. Mit gerade mal zwei offiziellen Studioalben gingen sie in die Musikgeschichte ein und glänzen darin noch heute.
Ihre Musik ist getrieben von einer visionären Kraft, wie man sie nur selten vorfindet – dabei wollten sie nichts weiter als Musik machen, um dem eintönigen Alltag der darbenden Industriestadt Manchester ein wenig zu entfliehen.
In SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE (was für ein genialer Titel!) lässt Jon Savage die Band auf Basis von Erzählungen beteiligter Personen auferstehen.
Am 18. Mai 2020 jährt sich der Todestag des charismatischen Ian Curtis bereits zum 40. Mal und somit wurde es auch wieder Zeit, sich mit dieser Ausnahmeband zu beschäftigen.
SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE ist dabei nicht nur für Fans und Kenner der Musik Joy Divisions eine Offenbarung – nein, ich bin überzeugt, dass der Inhalt auch sehr interessant für Musikliebhaber jeglicher Couleur sein kann, immerhin erzählt es die Geschichte einer Band aus einer Zeit, in der Musik noch für sich selbst funktioniert hatte und der Drang danach nicht nur dem öden Kommerz geschuldet war. Joy Divison machten ihre Musik aus Leidenschaft und nichts weiter. Dass sie dabei etwas Besonderes entwickelten, war ihnen selbst sicherlich überhaupt nicht bewusst. Hier ging es nur um die Jagd nach dem nächsten Auftritt, möge die Location noch so klein sein.
Das Buch deckt auf eine sehr persönliche Art und Weise alles auf, was sich im Umfeld dieser Band zugetragen hatte. Dennoch, die innere Welt Ian Curtis‘ bleibt auch nach Genuss dieses Werkes verborgen und somit ist es weiterhin nur spekulativ, warum sich Ian Curtis zwei Tage vor der Abreise in die Vereinigten Staaten das Leben genommen hat. Sicherlich kämpfte hier ein sehr zerrissener Mensch mit seinen inneren Dämonen und somit bleibt einem auch nichts weiter übrig, als mit unbeantworteten Fragen dem Abgang dieses sagenhaften Menschen zu bedauern. Immerhin bleibt er durch seine Musik am Leben und auch hier sei gesagt, dass diese trotz der bereits vergangenen 40 Jahre weiterhin zeitgemäß ist und wohl noch lange bleiben wird.
Die Zusammenstellung der verschiedenen Stimmen durch Jon Savage wirkt dabei rundum authentisch und man fühlt sich beinahe mitten drin. Insbesondere die Texte des zweiten Albums mit dem Titel „Closer“ erscheinen in einem komplett neuen Licht.
Die letzten, sehr traurigen und intensiven Seiten las ich mit Joy Division als Begleitmusik. Dies sorgte für eine bedrückende Gänsehaut, da man auf der einen Seite Erzählungen über die letzten Tage des mittlerweile wohl manisch-depressiven Ian Curtis liest und gleichzeitig die düsteren Klänge von „Isolation“, „She‘s Lost Control“, „Love Will Tear Us Apart“ und ganz besonders „Atmosphere“ den Raum um einen herum füllen. In dieser Konstellation ein sehr eingängiger, tiefgehender und nachdenklich stimmender Schluss, wie er nur selten beim Genuss eines Buches vorkommt.
Interessanterweise hörte ich während des Schreibens dieser Rezension einen Alternativ-Radiosender an und wie als ganz besonderer Fingerzeig spielten sie beim Beenden dieser Worte von mir ebenfalls ein Werk dieser bahnbrechenden und viel zu kurzlebigen Band.
Als kleines Fazit sei noch angemerkt, dass dieses Buch nicht zu wenig und nicht zu viel verspricht – dabei schlicht und ergreifend den Weg von gleichwertig agierenden Freunden ohne jeglichen Plan zu einer historisch nennenswerten Band offenbart. Perfekt in seiner stringenten Timeline zusammengestellt.
Jürgen Seibold/07.06.2020

Basma Abdel Aziz: Das Tor

Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Deutsche Erstausgabe 05/2020
©2013 by Basma Abdel Aziz
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32046-8
ca. 283 Seiten

COVER:

Ein nicht näher benanntes Land im Nahen Osten: Seit den sogenannten „Schändlichen Ereignissen“ wird die Bevölkerung massiv von der Regierung unterdrückt. Peinlich genau achtet die Sicherheitsgarde auf die Einhaltung der Gesetze, und wer gegen die Regeln verstößt, verschwindet spurlos in den dunklen Kellern der Behörden. Für alles brauchen die Bürger die Genehmigung des Staates, für die sie sich vor einem großen Tor anstellen müssen. Doch die Schlange der Menschen, die in der brütenden Hitze warten, wird von Tag zu Tag länger, denn das Tor öffnet sich nicht. Da ist zum Beispiel die junge Lehrerin Ines, die eine Unbedenklichkeitsbescheinigung braucht, nachdem sie den kritischen Aufsatz einer Schülerin in der Klasse vorgelesen hat. Oder der Regimekritiker Yahya, der die Erlaubnis benötigt, sich einer lebensnotwendigen Operation zu unterziehen. Oder die namenlose alte Frau, die einfach nur Brot kaufen möchte. Sie und viele andere warten Tag und Nacht vor dem Tor – vergebens, aber dennoch voller Hoffnung, dass es irgendwann aufgehen wird …

REZENSION:

Basma Abdel Aziz ist eine ägyptische Autorin, die sich in ihrer Heimat unermüdlich für den Kampf gegen Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte einsetzt. Dies zeigt sich auch sehr deutlich in ihrem Buch „Das Tor“, welches darüber hinaus auch die Nähe zu den Gegebenheiten des arabischen Frühlings nicht verneinen kann. Das Buch selbst ist bereits aus dem Jahre 2013 und dementsprechend nah werden sich die Vorgänge nach dem Tag des Zorns noch im Kopf der Autorin befunden haben.
In „Das Tor“ befinden wir uns in einem nicht näher benannten, totalitären Staat im Nahen Osten, in dem man für beinahe alles eine behördliche Genehmigung benötigt. Für den Erhalt dieser Genehmigungen ist es notwendig, sich am Tor anzustellen, hinter dem sich die Behörden befinden. Die dabei entstehende Schlange wird immer länger – wir reden hier bereits von einer eigenen Welt, mit Menschen, die bis zu zwei Kilometer vom Tor entfernt stehen. Dies alles in der brütenden Hitze und voller Hoffnung, dass sich das Tor endlich öffnet und man eintreten darf.
Die Schlange wird von Tag zu Tag länger, da sich das Tor nicht öffnet – die Stimmung scheint zu kippen…
„Das Tor“ von Basma Abdel Aziz wird auf dem Cover mit George Orwells Klassiker „1984“ und Kafkas „Der Prozess“ auf einen Ebene gebracht. Teilweise kann ich mich dem auch anschließen, sind solche Bücher doch unglaublich wichtig und müssen unbedingt erzählt werden. Gleichzeitig hat jedoch Basma Abdel Aziz auch einige Chancen liegen gelassen und ist schlicht zu nett in ihrer Ausführung. Gut, sie drückt den Finger in die Wunde und zeigt bravurös Missstände von Diktaturen auf. Der totalitäre Staat wird gefühlt aus dem Bauch heraus regiert – dementsprechend unsinnig wirken die Gesetze und Vorschriften.
Wir dürfen uns auch als Leser der demokratischen Welt dabei nicht zurücklehnen, da wir von vielen dieser Vorgänge auch nicht weit weg sind.
Doch zurück: In „Das Tor“ erzählt die Autorin die Erlebnisse einiger Protagonisten, die dringend eine Bescheinigung benötigen und somit vor dem Tor verharren. Dies alles wirkt interessant, doch zu trocken und freundlich dargelegt. Wenn ich mir vor Augen führe, wie viele Menschen es in der brütenden Hitze vor einem seit Wochen verschlossenen Tor sein müssen, dann kann ich mir schlichtweg nicht vorstellen, dass dies unter Wahrung der öffentlichen Ordnung geschieht. Menschen gingen schon für weit weniger aufeinander los, so schade das auch ist.
Alles in allem ist „Das Tor“ eine sehr interessante Dystopie, deren Inhalt mehr und mehr in Richtung Realität driftet. Somit eine absolut gelungene Idee, die jedoch viel zu nett dargelegt worden ist. Hier hätte die Autorin noch erheblich aggressiver werden können, oder einen stringenteren Weg einschlagen müssen, damit der Plot einen Drive bekommt, der den Leser an die Seiten haftet. Durch die gleichmäßige und fast monotone Darbietung der eigentlich dramatischen Probleme verliert man den Drang, hier das notwendige Extra heraus holen zu wollen. Somit leider ein lediglich ganz netter, interessanter Plot, der unglaublich viel Potenzial für erheblich mehr gehabt hätte.
Jürgen Seibold/01.06.2020

Stephen Chbosky: Der unsichtbare Freund

Originaltitel: Imaginary Friend
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
©2019 by Stephen Chbosky
©2019 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27243-9
ca. 912 Seiten

COVER:

Die alleinerziehende Kate muss mit ihrem siebenjährigen Sohn Christopher dringend untertauchen. Das beschauliche Örtchen Mill Grove, Pennsylvania, scheint dafür ideal zu sein. Eine Straße führt hinein, eine hinaus. Ringsum liegt dichter Wald. Doch kurz nach ihrem Umzug beginnt der kleine Christopher eine Stimme zu hören. Und merkwürdige Zeichen zu sehen. Zeichen, die ihn in den Wald locken.
Sechs Tage lang bleibt er dort verschollen. Als er wieder auftaucht, kann er sich nicht erinnern, was geschehen ist. Aber plötzlich hat er besondere Fähigkeiten. Und einen Auftrag: ein Baumhaus mitten im Wald zu errichten. Wenn er es nicht bis Weihnachten schafft, so die Stimme des unsichtbaren Freundes, wird der ganze Ort untergehen. Ehe sie sichs versehen, befinden sich Christopher, seine Mutter und alle Einwohner von Mill Grove mitten im Kampf zwischen Gut und Böse.

REZENSION:

Davon mal abgesehen, dass mir der Name Stephen Chbosky absolut gar nichts gesagt hatte, sorgte das gelungene Cover dennoch dafür, mein Interesse zu wecken. Üblicherweise finde ich das gar nicht so gut, denn ein Buch sollte natürlich nur auf Basis seiner sinnvoll zusammengefügten Buchstaben bewertet werden. Nichts desto trotz sorgte diese dezente Umsetzung für Aufmerksamkeit. Als ich dann auf dem Rücken gelesen habe, dass dieses Buch an die epischen Romane meines Lieblingsautors Stephen King erinnert, stieg jedoch meine Skepsis, da es sehr viele Bücher mit ähnlichen Verweisen gibt, diese jedoch lediglich für Enttäuschung sorgen konnten. Da ist wohl oft lediglich der Wunsch Vater des Gedankens.
Erfüllt mit diesen Gedanken entschied ich mich trotzdem, mich diesem Werk von knapp über 900 Seiten zu widmen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…
Die Geschichte um Christopher fühlt sich bereits nach einigen Seiten wie ein Roman von Stephen King an: Wir befinden uns in einer Kleinstadt, der Personenkreis wird abgesteckt und plötzlich geschieht etwas in kleinbürgerlicher, heimischer Umgebung. Hier ist es so, dass der mit seiner alleinerziehenden Mutter in Mill Grove lebende Christopher eines Tages im naheliegenden Wald verschwindet und urplötzlich nach sechs Tagen wieder auftaucht. Ab diesem Zeitpunkt besitzt er einige Besonderheiten, über die ich hier nicht näher eingehen möchte.
Sämtliche Dorfbewohner werden tiefgehend beleuchtet und wie so oft, hat selbst die ordentlichste und „normalste“ Familie irgendeine „Leiche“ im Keller. Nicht alles ist golden, was glänzt. Diese Darbietung ähnelt komplett dem literarischen Vorbild Stephen Chboskys – gleichzeitig entwickelt er ausreichend eigene Ideen, um sich ein wenig davon abgrenzen zu können. Chboskys Schreibstil ist sehr lebendig und rundum eingängig gehalten. Es lässt sich problemlos jede Seite genießen und die Story selbst entwickelt sich von Seite zu Seite immer mehr in Richtung „das-könnte-ein-Highlight-werden-Buch“.
Problemlos wechselt Chbosky die erzählerischen Ebenen und somit muss seinem Leser natürlich auch klar sein, dass hier auch die eigene Fantasie gefordert wird, denn mit dem Eintritt in den Wald treibt es uns ab und an auch in andere Welten.
Interessanterweise schafft er es dabei nicht nur, den Leser auf eine phantasievolle, hervorragende und spannende Art zu unterhalten, sondern auch einen über 300 Seiten andauernden Show-Down hinzulegen, wie man ihn nur selten sieht. Dabei zusätzlich gewürzt mit einer Wendung, die man zwar ahnen, jedoch nicht wirklich vorhersagen kann. Chapeau!
In der Danksagung des Autors wird sein großes Vorbild erneut erwähnt, darüber hinaus gibt es noch den Vermerk auf die Serie „Stranger Things“ auf dem Buchrücken. Gut, das Vorbild passt und auch die Anleihen in Richtung „Stranger Things“ sind nicht von der Hand zu weisen – alles in allem jedoch eher eine Art „Stranger Things“ auf Speed. Insbesondere die phantastischen Bereiche haben eher etwas von einem Neil Gaiman und gehen somit tiefer als die bisherigen Berührungen der Serie mit der anderen Seite.
Schlussendlich eines der Werke, die mir klar machen, warum ich so gerne meine Bücher in der Welt der Phantastischen Literatur aussuche. Einfach nur: Perfekt!
Jürgen Seibold/23.04.2020

John Marrs: The One

Originaltitel: THE ONE
Aus dem Englischen von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 11/2019
©2016 by John Marrs
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32061-1
ca. 496 Seiten

COVER:

Der Traum von der einzig wahren Liebe ist endlich Wirklichkeit geworden. Dank der revolutionären Entschlüsselung eines bis dahin verborgenen genetischen Codes können die Menschen durch einen einfachen Test den perfekten Partner finden. Aussehen, Alter, Geschlecht und sexuelle Orientierung spielen mit einem Mal keine Rolle mehr, denn Match Your DNA sorgt dafür, dass jeder mit seinem Seelenverwandten – seinem Match – zusammen sein kann. Die Zeiten von grauenhaften Dates, von Zweifeln in der Beziehung, von Streit und Untreue sind endgültig vorbei. Gematchte Paare haben die besseren Jobs, verdienen mehr Geld und genießen ein höheres soziales Ansehen als solche, die sich auf anderem Wege kennengelernt haben. Natürlich sind sie auch glücklicher, schließlich haben sie den Menschen gefunden, der wie für sie geschaffen ist.

Mandy, Christopher, Jade, Ellie und Nick sehen sich ebenfalls danach, ihren Traumpartner zu treffen. Sie alle haben sich auf das Abenteuer Match Your DNA eingelassen, und sie alle können ihr Glück kaum fassen, als sie endlich die große Liebe erleben dürfen. Noch ahnen die fünf nicht, dass das Schicksal die ein oder andere böse Überraschung für sie bereithält – denn auch Seelenverwandte können Geheimnisse voreinander haben. Dunkle Geheimnisse. Tödliche Geheimnisse …

REZENSION:

Partnersuche auf die einfachste Art und Weise: Man meldet sich bei Match Your DNA an, erhält ein Teströhrchen, macht einen Rachenabstrich und sendet das ein. Passt die eigene DNA zum perfekten Partner, bekommt man für knappe 10 englische Pfund die Kontaktdaten dieser Person. Diese Idee klingt absolut verlockend und auch in diesem Buch passen die Pärchen beinahe nahtlos zusammen. Natürlich handelt es sich bei THE ONE um einen Thriller, wodurch sichergestellt ist, dass nicht alles golden ist was glänzt. Tiefer möchte ich aber in die prinzipielle Handlung nicht eingehen, da bereits die Coverbeschreibung fast zu viel verrät.
Das Schöne am Thriller von John Marrs sind die sehr kurz gehaltenen Kapitel, die immer auf eine Person eingehen und fast immer mit einem kleinen Cliffhanger enden. Dadurch ist man fast genötigt, noch schnell einige Kapitel weiter zu lesen, da man ja wissen möchte, wie es bei der betreffenden Person weitergeht. Natürlich tritt dieses Konzept bei jedem Kapitel auf und schon befindet man sich in einer Spirale der Nötigung und die Seiten rasen nur so an den eigenen Augen vorbei. Dies allein zeigt bereits, dass es sich bei THE ONE um einen reinrassigen Unterhaltungsroman handelt. Diese Aufgabe schafft Marrs‘ Geschichte auch problemlos – die Handlung ist rasant, die Geschichte interessant und die Erzählweise eingängig genug, um noch schnell ein weiteres Kapitel lesen zu wollen.
Ein klein wenig wirkt die Geschichte etwas konstruiert, nichts desto sorgt sie für gelungene Lesefreude, wodurch man hier nicht zu kritisch werden sollte. Eine Geschichte mit einer interessanten Idee, die ein klein wenig zum Nachdenken anregt, in ihrer Gänze aber pure Unterhaltung sein möchte. Mich wundert es absolut nicht, dass THE ONE auch seinen Weg in die Welt der Serien bei einem nicht gerade unbekannten Streaming-Portal gefunden hat.
Jürgen Seibold/12.04.2020

Stephen King: Erhebung

Originaltitel: Elevation
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2018 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27202-6
ca. 144 Seiten

COVER:

DIE UNGLAUBLICHE LEICHTIGKEIT DES SEINS

Scott wird immer leichter, ohne dass sein Körper sich verändert. Trotz der mysteriösen Heimsuchung setzt er alles daran, gegen himmelschreiendes Unrecht in der entzweiten Kleinstadt Castle Rock vorzugehen.
Stephen King erzählt meisterhaft beunruhigend und ermutigend zugleich eine zeitgemäße Geschichte darüber, wie man Streit und Vorurteil überwinden kann.

REZENSION:

Es ist schon einige Zeit her, als ich dieses recht dünne Büchlein eines der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart gelesen hatte. Leider verpasste ich aus zeitlichen Gründen das sofortige Entwerfen einer Rezension – eine Geschichte bleibt jedoch gut oder schlecht, ganz egal, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist. Somit nun endlich einige Worte von mir zu diesem Werk aus der Feder des einzigen Schriftstellers, der mich bereits gefühlt mein gesamtes Leseleben begleitet.
ERHEBUNG umfasst gerade mal ungefähr 144 Seiten und dennoch ist es eine Geschichte, wie ich sie schon lange nicht mehr gelesen hatte.
Stephen King hatte schon öfters Statements in seinen Werken abgegeben: „Die Arena“ stellt die Vorgehensweise des damaligen Präsidenten bloß, „In einer kleines Stadt“ trifft die vermeintlich brave Nachbarschaft. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe an Werken, die das Thema „Freundschaft“ nicht nur zeigen, sondern deren Wichtigkeit gar zelebrieren. Man denke dabei nur an „Die Leiche“ und ganz besonders natürlich der Klub der Verlierer in ES.
ERHEBUNG zeigt sich als Sahnehäubchen zum Thema Freundschaft und geht dabei sogar einen ganz wichtigen Schritt weiter. Innerhalb dieses kurzen Büchleins schafft es der Autor grandios, eine Lanze gegen jegliche Art von Intoleranz zu brechen und jedem Leser dabei aufzuzeigen, dass sowohl Rassismus als auch jeglicher negative Gedanke gegen Homosexualität absoluter Schwachsinn ist. Alles was zählt ist Freundschaft und nichts weiter.
ERHEBUNG zelebriert dieses Thema in der typischen amerikanischen Kleinstadt, gesättigt mit Idioten, die trotz des Interesses und des guten Angebotes nicht in ein Geschäft gehen, da die weiblichen Inhaber ein Pärchen sind. Bosheiten, Intoleranz, Vorurteile und noch vieles mehr wischt der Autor verständlich beiseite und lässt dabei auf eine leichtgängige Art und Weise das Wohlfühlbuch des Jahres 2019 entstehen.
Gut, das Ende ist ein wenig abrupt – dennoch war es nach langer Zeit ein Werk, welches ungebremst in meine Seele eingedrungen ist und mich nach dem letzten Buchstaben mit einer Träne im Auge zurückließ.
Auch wenn ich mit meiner Rezension ein wenig spät dran ist, ändert das nichts an der Tatsache, dass ERHEBUNG das absolute Wohlfühlbuch des vergangenen Jahres darstellt und eine Bresche schlägt für das Gute im Menschen.
Mit dieser knapp bemessenen Kurzgeschichte können viele Personen sicherlich mehr anfangen, als mit sachlichen Texten, die darauf hinweisen, dass Homosexualität nichts Schlimmes ist. Hier in diesem Buch lernt man es an einer real wirkenden Geschichte voller Liebe, Gefühl und Freundschaft – genau so lassen sich Sachverhalte sinnvoll vermitteln und ich bin mir sicher, dass dieses Werk dem ein oder anderen die Augen geöffnet hat. Falls jemand emotionell unberührt bleibt beim Lesen dieser kleinen Story, dann hat er unter Umständen tiefergehende Probleme und sollte damit beginnen, sich in dieser Richtung Gedanken zu machen.
Trotz meiner Verspätung: ERHEBUNG war für mich das Buch des Jahres 2019!
Jürgen Seibold/28.03.2020

Chen, Qiufan: Die Siliziuminsel

Originaltitel: Huang Chao
Aus dem Chinesischen von Marc Hermann
Deutsche Erstausgabe 10/2019
©2019 by Stanley Chen Qiufan
©dieser Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31922-6
ca. 480 Seiten

COVER:

Chian in der nahen Zukunft. Mimi, eine junge Wanderarbeiterin, fristet ihr Dasein unter den Ausgestoßenen auf der Siliziuminsel. Hier im Südosten Chinas ist ein globaler Knotenpunkt des Elektronikschrotthandels entstanden. Tausende Arbeiter wie Mimi schuften tagein, tagaus auf den riesigen Müllbergen und sortieren kybernetische Prothesen, kaputte Roboterteile und ausrangierte Platinen für die Rohstoffgewinnung. Die Profite aus diesem Geschäft landen allerdings in den Taschen dreier Clans, deren Familien seit Jahrhunderten die Insel beherrschen.
All das ändert sich, als der Amerikaner Scott Brandle mit seinem Dolmetscher Chen Kaizong auf der Siliziuminsel eintrifft. Brandle will für seinen Konzern eine moderne Recyclinganalge errichten lassen, doch seine wahren Absichten hält er verborgen. Kaizong wiederum ist zwar in den USA aufgewachsen, aber auf der Insel geboren. Während Mimi und er sich näherkommen, muss er aber feststellen, dass er hier mit seinen Idealen und westlichen Werten zu einem Fremden geworden ist. Als eine Schiffsladung mit hochgefährlichem Cyberschrott auf der Insel eintrifft, setzt das eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang, die nicht nur Kaizongs und Mimis Liebe, sonder das Leben der Müllmenschen und das Schicksal der ganzen Siliziuminsel für immer verändern wird …

REZENSION:

Es ist unglaublich erfrischend, dass durch den großen Erfolg von Cixin Liu immer mehr Autoren aus dem Reich der Mitte mit ihren Werken den Weg in unsere Bücherregale finden. Es hätte mich auch sehr gewundert, wenn auf deren riesigem Markt keine herausragenden Autoren vorhanden wären – leider trübte uns unser Blick immer durch seine Ausrichtung gen Westen. Schön, dass man nun seinen Horizont simpel erweitern kann.
Kurz bevor ich Qiufan Chens „Die Siliziuminsel“ zu lesen begann, schaute ich mir eine Reportage über die Machenschaften innerhalb der Kunststoffindustrie an. Auch dort werden Menschen als Müllsammler und -sortierer in armen Ländern auf das Übelste ausgebeutet. Somit ist die Fiktion Chens leider schon lange keine Fiktion mehr.
Immer noch irritiert von der tiefgehenden Dramatik des Gesehenen widmete ich mich dem Buch von Quifan Chen. Dieser startet recht ähnlich und lässt uns an den Begebenheiten der armen Müllsammler auf der Siliziuminsel im Detail teilhaben. Auch dort findet nichts weiter als simple Ausbeutung der Ärmsten statt. Seine Utopie hat sich jedoch bereits eingeholt – was diese nur noch erschreckender macht.
Ehrlich gesagt fragte ich mich des Öfteren, warum sich Chen einer Zukunftsutopie widmete, diesen Umstand jedoch lediglich zur Darstellung noch unbekannter technischer Gegenstände wie zum Beispiel elektronischer Sexpuppen, die auf dieser Müllinsel landen, verwendete. Ob das Selbstschutz war? Nun, dies entzieht sich meiner Kenntnis – dennoch funktioniert das Buch auch problemlos als Gegenwartsliteratur.
Seine Darsteller als auch die Umgebung ist von Chen liebevoll, eingängig, glaubhaft und ausreichend detailliert dargelegt. Nichts desto trotz ließ er die Probleme auf der Siliziuminsel zu schnell auf der Seite und widmete sich der etwas kuriosen Liebesgeschichte seiner beiden wichtigsten Protagonisten. Spannungselemente sind nicht wirklich vorhanden, was kein Problem wäre, wenn er nur annähernd so philosophisch wie Cixin Liu aufgetreten wäre. Quifan Chen hat diese Qualität aber noch bei Weitem nicht und somit verliert er sich darin, beziehungsweise scheint es nicht durchgehend zu versuchen.
Das angerissene Grundthema ist aktueller denn je und hierzu hätte ich mir noch erheblich mehr erwartet als Chen darzulegen in der Lage war. Durch diese Vorgehensweise verliert die Geschichte etwas und kommt trotz des starken Starts aus diesem Tal auch nicht wieder heraus. Am Schluss bleibt ein einigermaßen guter Science-Fiction-Roman, der etwas darlegen wollte, dabei aber nicht gezielt genug vorgegangen ist und sich somit in seiner Beziehungsgeschichte und einigen Clanproblemen verloren hat.
Jürgen Seibold/01.03.2020

Simmons, Dan: Flashback

Originaltitel: Flashback
Deutsche Übersetzung von Karl Jünger
©2011 by Dan Simmons
©2019 der deutschsprachigen Taschenbuchausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32009-3
ca. 638 Seiten

COVER:

Die Welt im Jahre 2036. Die Vereinigten Staaten stehen kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps, in den Städten herrscht das Chaos, und die terroristische Bedrohung ist allgegenwärtig. Den größten Teil der Bevölkerung scheint das allerdings kaum zu kümmern, denn die Menschen sind abhängig von einer Droge namens „Flashback“, die es den Konsumenten ermöglicht, die glücklichsten Augenblicke ihres Lebens immer wieder neu zu erfahren. Einer von ihnen ist Nick Bottom, ein ehemaliger Polizist, der seit dem tragischen Unfalltod seiner Frau nur noch in der Vergangenheit lebt und mittels „Flashback“ die schönsten Momente mit ihr wiederaufleben lässt. Dann aber wird er erneut mit einem Fall betraut, dem Mord am Sohn eines hohen Regierungsbeamten, den er in seiner aktiven Zeit nicht aufklären konnte. Eher widerwillig beginnt Bottom mit den Ermittlungen. Bis er einer gigantischen Verschwörung auf die Spur kommt – einer Verschwörung, die für den verheerenden Zustand der USA und ihrer Bewohner verantwortlich ist.

REZENSION:

Dan Simmons ist ein Schriftsteller, der sich nur schlecht greifen lässt. Im Gegensatz zu den meisten Autoren scheint er sich absolut nichts über Genrezuordnungen zu scheren. Aus diesem Grund ist sein Output vielfältig und greift in nahezu jedes Genre ein, um sich dort ein kleines Plätzchen zu schnappen. Dadurch macht er es natürlich auch seinen Fans nicht gerade leicht: Mal liest man Fantasy, mal Horror, mal historisch angelehnte Halbwahrheiten, mal pure Science Fiction und im vorliegenden Fall SF, gewürzt mit einer visionär zu betrachtenden Idee, wie das Amerika der Zukunft aussehen könnte. Dies sehr dystopisch dargestellt und dabei gleichzeitig in die Form eines Krimis gepresst.
In meinen Augen ist Dan Simmons nicht nur ein kreativer Autor, sondern auch gesegnet mit einer herausragenden, schriftstellerischen Qualität. Nichts desto trotz konnte er es nicht schaffen, mich mit diesem Werk in irgendeiner Art und Weise überzeugen zu können.
Seine Welt ist zwar visionär, gleichzeitig aber auch schwierig zu verdauen, wenn man sich die politischen Begebenheiten vor Augen führt.
Die Geschichte driftete mir zu schnell davon und ich konnte die aufgeführten Fäden nur selten greifen. Seine Sprache ist abermals herausragend, dennoch entwickelte sich trotz der interessanten Umgebung und den soziologischen Philosophischen nichts wirklich weiter als ein Krimi-Thriller mit einem abgewrackten Entwickler.
Somit halte ich zwar Dan Simmons weiterhin für einen herausragenden Schriftsteller – dennoch verweise ich lieber auf seine anderen Werke wie zum Beispiel TERROR, ELM HAVEN und ganz besonders die HYPERION-GESÄNGE. Flashback kann sich dieser Riege leider nicht anschließen.
Jürgen Seibold/06.02.2020

Robinson, Kim Stanley: Roter Mond

Originaltitel: Red Moon
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jakob Schmidt
Deutsche Erstausgabe 09/2019
©2018 by Kim Stanley Robinson
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32010-9
ca. 621 Seiten

COVER:

Dreißig Jahre in der Zukunft: Der Mond ist kolonisiert. Am lunaren Südpol, wo die Sonne niemals untergeht, haben Amerikaner und Chinesen ihre Basen in den Kraterwänden eingerichtet. Für Fred Fredericks ist es der erste Flug zum Mond. Im Auftrag von Swiss Quantum Works soll er einen Quantenkommunikator, mit dem sich absolut abhörsichere Gespräche führen lassen, an die chinesische Mondbehörde liefern und installieren. Doch bei der Übergabe wird Chang Yazu, der ranghöchste Verwaltungsbeamte, vergiftet, und Fred wird bei dem Anschlag schwer verletzt. Als er wieder zu sich kommt, steht er im Verdacht, der Mörder zu sein. Um seine Unschuld beweisen zu können, muss Fred aus der Mondbasis fliehen – und trifft dabei auf eine unwahrscheinliche Verbündete: Chan Qi, die Tochter des chinesischen Finanzministers. Sie ist aus persönlichen Gründen auf den Mond gekommen, und das, was sie dort erlebt, wird den Lauf der Geschichte verändern – auf Luna ebenso wie auf der Erde …

REZENSION:

Nach dem unglaublich interessant erzählten Buch von Kim Stanley Robinson mit dem Titel New York 2140, konnte ich es beinahe nicht mehr erwarten, mich wieder diesem mir bis dorthin unbekannten Autoren wieder zuwenden zu können. Dementsprechend erfreut war ich, als der neue mit Roter Mond betitelte Roman das Licht der Welt erblickte.
Ein kurzes Verweilen bei der knappen Inhaltsbeschreibung tat sein Übriges und so freute ich mich auf einen gelungenen Plot voll thrillerhaften Intrigen auf unserem erdnahen Trabanten.
Erstaunlicherweise schaffte es Kim Stanley Robinson in diesem Fall jedoch nicht, mich mit dem gleichen Sog an die Seiten und somit an seine Geschichte zu heften, wie bei dem gerade erwähnten Werk. Roter Mond wirkt einfach zu langatmig und eintönig ausschweifend erzählt. Robinson wollte in diesem Werk anscheinend ein wenig zu viel auf einmal vermitteln – seine klar als Metaphern verpackten Szenen verlieren sich dabei beziehungsweise ihren Leser beim Versuch, den eigentlichen Handlungsfaden aufrecht zu halten. Die Verknüpfungen als auch seine zu Grunde liegende Message wird einem recht schnell klar – dennoch würde sich viel besser auch unter Verwendung von erheblich mehr integrierter Spannung und erheblich weniger nichtssagenden Dialogen eine kritische Nachricht an die politisch interessierten Leser vermitteln. In diesem Fall siegte trotz meiner anfänglichen Euphorie die Belanglosigkeit als auch die nicht vorantreibenden Dialoge und es blieb mir nichts anderes übrig, als mich diesem Werke zu entziehen. Es fiel mir wahrlich schwer, da ich New York 2140 nahezu „gefressen“ hatte und den grundsätzlichen, sozialpolitischen Hintergedanken des vorliegenden Romans auch recht schnell verstand und zu akzeptieren gewillt war. Nichts desto trotz ist es auch oder gerade bei Romanen mit eingebauten Botschaften wichtig, den Leser bei der Hand zu nehmen und umfänglich zu überzeugen. In diesem Fall hat es bei mir jedenfalls leider nicht funktioniert.
Jürgen Seibold/15.01.2020

Cargill, C. Robert: Robo Sapiens

Originaltitel: SEA OF RUST
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Deutsche Erstausgabe 06/2019
©2017 by C. Robert Cargill
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32006-2
ca. 415 Seiten

COVER:

In der Zukunft ist die Welt eine andere geworden: Seit dem großen Aufstand der Maschinen gibt es keine Menschen mehr. Allerdings haben einige intelligente Großrechner während der Roboterkriege ganze Armeen von Bots unter ihre Kontrolle gebracht. Und nun bekämpfen sie sich gegenseitig, um als EWI, als Eine-Welt-Intelligenz, die alleinige Weltherrschaft zu übernehmen. Einige wenige Roboter weigen sich jedoch, im Universalbewusstsein der KIs aufzugehen, und sie schweben in tödlicher Gefahr. Brittle ist ein sogenannter Freibot und hat es bisher erfolgreich geschafft, sich der Übernahme durch die EWI CISSUS zu entziehen. Einsam und rastlos streift Brittle durch die Wüste, die früher der Nordosten der USA war, und hält sich mit dem Ausschlachten abgeschalteter Roboter über Wasser. Doch Ersatzteile sind rar geworden, und auch andere Freibots suchen danach. Auf der Flucht vor CISSUS wird Brittle in einen erbarmungslosen Überlebenskampf verwickelt …

REZENSION:

Als ich das Bild auf dem Cover zu Cargills Robo Sapiens sah, dachte ich ehrlich gesagt als erstes an eine Szene im internationalen Blockbuster mit dem Titel Terminator. Durch diesen Gedankengang gleich in die Roboterwelt katapultiert, war ich sichtlich von der dazugehörigen Beschreibung angetan und konnte nur noch hoffen, dass der Autor seine Geschichte auch mit interessanten Ideen aufwerten kann und nicht lediglich einen Abklatsch durch Kopiervorgänge aus ähnlich klingenden Werken der Literatur und/oder dem Film entstehen lässt.
Sehr schnell stellte sich heraus, dass Cargill geschickt vorgeht und einen komplett von Menschen befreiten Roman vorlegen konnte. Unsere Spezies wird lediglich in einigen Rückblenden angerissen – hatten wir den gegen uns kämpfenden KIs nicht wirklich etwas für uns Lebensrettendes entgegen zu setzen. Das war es dann mit uns Menschen und der blaue Planet wird ausschließlich von künstlichen Intelligenzen bevölkert.
Diese wiederum scheinen keinen Deut besser als wir zu sein: Es herrscht der Drang nach Macht und somit bilden sich einige Fronten, die um die Alleinherrschaft kämpfen. Darüber hinaus einige „freie“ Roboter, die mehr recht als schlecht über die Runden zu kommen versuchen und dabei immer in der gefährlichen Situation leben, dass sie von einer der herrschenden KIs unter Gewalteinwirkung annektiert werden.
Die Geschichte mit den Robotern als alleinige Darsteller wirkt außerordentlich erfrischend. C. Robert Cargill setzte diesen Umstand absolut geschickt um – auch wenn man ab und an vergisst, dass es sich um Roboter handelt, da ihre Dialoge und Vorgehensweisen doch sehr menschlich wirken. Diese „Vermenschlichung“ hält uns einen Spiegel vor und zeigt geschickt unsere eigenen Schwächen, ohne jemals im Buch teilhaben zu können.
Robo Sapiens macht sehr viel Spaß beim Lesen, ist ausreichend spannend und sorgt für gute Unterhaltung. Neben der dezenten Gesellschaftskritik würde ich nicht viel mehr hinein interpretieren – interessant ist auf jeden Fall die Stärke des Autors, dass künstliche „Wesen“ mehr Profil aufweisen als mancher Protagonist in anderen Romanen. Kurzum ein wahrlich gut umgesetzter Roman, der mit Sicherheit hauptsächlich für gute Unterhaltung sorgen soll und dies Anspruch auch problemlos bedient.
Jürgen Seibold/30.12.2019

Liu, Cixin: Jenseits der Zeit

Originaltitel: SISHEN YONGSHENG
Aus dem Chinesischen von Karin Betz
Deutsche Erstausgabe 04/2019
©2010 by Cixin Liu
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31766-6
ca. 990 Seiten

COVER:

Mehrere Hundert Jahre sind vergangen, seitdem die Existenz einer fremden Zivilisation im All nachgewiesen wurde. Jahrhunderte, in denen sich die feindliche Flotte der Trisolarier unaufhaltsam der Erde genähert hat. Viele Strategien wurden ersonnen, um dieser übermächtigen Gefahr zu begegnen, so etwa die Operation Wandschauer, bei der vier Auserwählte in vollkommender Abschottung einen Abwehrplan schmieden sollten. Wider jedes Erwarten war diese Strategie erfolgreich – es gelang dem Wandschauer Luo Ji nicht nur, die Trisolarier zu bedrohen, sondern sein Plan bewirkte sogar einen Waffenstillstand. Die Erde schien gerettet.
Ein halbes Jahrhundert später hat sich das Leben auf der Erde völlig verändert. Als Teil des Waffenstillstands war ein kultureller Austausch zwischen Menschen und Trisolariern verabredet worden, und die Hochtechnologie der Außerirdischen hat der Menschheit zu neuem Wohlstand verholfen. Erstmals scheint eine friedliche Koexistenz möglich. Aber der Frieden hat die Menschen unvorsichtig werden lassen. Cheng Xin, eine Raumfahrtingenieurin des 21. Jahrhunderts, wird aus dem Kälteschlaf geweckt, um den greisen Luo Ji als Wächter über das Abkommen mit Trisolaris abzulösen. Doch darauf haben die Trisolarier nur gewartet, und sie schlagen blitzschnell zu. Nun liegt es an Cheng Xin und an einem sterbenskranken jungen Mann, der zu einer geheimen Mission ins All gesandt wurde, die Menschheit aus ihrer größten Krise herauszuführen …

Mit Jenseits der Zeit vollendet Cixin Liu seine preisgekrönte Trisolaris-Trilogie, die eine zukunftsweisende Perspektive auf die Menschheit in den Weiten des Alls eröffnet.

REZENSION:

Jenseits der Zeit ist der abschließende Band der Trisolaris-Trilogie des chinesischen Schriftstellers Cixin Liu. Der erste Band konnte noch sehr gut als eigenständiges Werk fungieren. Spätestens zum zweiten Band mit dem Titel Der dunkle Wald war das Wissen des vorherigen Bandes unbedingt notwendig. In Jenseits der Zeit bleibt einem schlicht nichts anderes übrig, da sonst sämtliche Fäden verknüpfungslos vor des Lesers Augen schweben würden. Interessanterweise wirkt der dritte Band als ob es von einem anderen Autor geschrieben worden wäre, da die Vorgehensweise etwas abweicht. Jenseits der Zeit wirkt oft wie ein Bericht anstatt eines typisch gehaltenen Romans. Nichts desto trotz kann man sich diesem Werk ebenso wenig entziehen, wie den beiden voran gestellten Büchern.
Cixin Liu steht dafür keineswegs für das Darbieten eines spannungsgeladenen Science-Fiction-Romans voll epischer Schlachten – nein, Liu steht für tiefgründige, philosophische Gedanken und spannt mit seinen drei Büchern einen zeitlichen Bogen über mehrere Milliarden Jahren ohne dabei jeglichen Faden zu verlieren.
Da der Autor sein Werk in der nicht gerade einfach zu nennenden chinesischen Sprache geschrieben hatte, möchte ich sogleich meinen Hut vor der genialen Übersetzung und somit vor der Übersetzerin ziehen: Dieses Mammutwerk war sicher nicht einfach und dabei ist es ihr sogar gelungen, dieses schwierig zu fassende Thema absolut eingängig in der übersetzten Version dar zu legen. Perfekt.
Die Gegebenheiten in Lius Roman sind gespickt mit physikalischen Ausflügen, deren tieferer Sinn beziehungsweise Wahrheitsgehalt von mir nicht wahrgenommen oder überprüft werden kann. Da es sich um eine Geschichte handelt, nehme ich dies alles einfach als gegeben hin und widmete mich rein der Geschichte. Teilweise war es fast schon ein wenig zu viel der technischen und physikalischen Erklärung, wodurch auch einige Seiten weniger bestimmt nicht geschadet hätten. Davon abgesehen schaffte es Cixin Liu dabei jedoch immer wieder, exakt zum perfekten Augenblick seinen Fokus zurück auf die eigentliche Story zu legen, wodurch niemals Langeweile aufkam.
Freunde der gepflegten Spannung in detaillierter Darbietung können eventuell noch Gefallen am ersten Buch mit dem Titel Die drei Sonnen finden – alle weiteren Werke lassen Spannungsspitzen nicht wirklich aufkommen, leben eher von ihrer unglaublich weitläufig ausgebreiteten Philosophie.
Allein die Benutzung eines Märchens als zukünftiger Wegweiser der Menschheit ist herausragend – gleichzeitig war dieses Märchen bereits interessant genug, um eine eigene Veröffentlichung bekommen zu können.
Jenseits der Zeit ist somit ein rundum gelungener Abschluss einer anspruchsvollen, hochwertigen, philosophischen und zum Nachdenken führenden Trilogie. Ein absoluter Höhepunkt des Genres für Freunde anspruchsvoller Literatur.
Jürgen Seibold/26.12.2019