Stephen King: Erhebung

Originaltitel: Elevation
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2018 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27202-6
ca. 144 Seiten

COVER:

DIE UNGLAUBLICHE LEICHTIGKEIT DES SEINS

Scott wird immer leichter, ohne dass sein Körper sich verändert. Trotz der mysteriösen Heimsuchung setzt er alles daran, gegen himmelschreiendes Unrecht in der entzweiten Kleinstadt Castle Rock vorzugehen.
Stephen King erzählt meisterhaft beunruhigend und ermutigend zugleich eine zeitgemäße Geschichte darüber, wie man Streit und Vorurteil überwinden kann.

REZENSION:

Es ist schon einige Zeit her, als ich dieses recht dünne Büchlein eines der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart gelesen hatte. Leider verpasste ich aus zeitlichen Gründen das sofortige Entwerfen einer Rezension – eine Geschichte bleibt jedoch gut oder schlecht, ganz egal, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist. Somit nun endlich einige Worte von mir zu diesem Werk aus der Feder des einzigen Schriftstellers, der mich bereits gefühlt mein gesamtes Leseleben begleitet.
ERHEBUNG umfasst gerade mal ungefähr 144 Seiten und dennoch ist es eine Geschichte, wie ich sie schon lange nicht mehr gelesen hatte.
Stephen King hatte schon öfters Statements in seinen Werken abgegeben: „Die Arena“ stellt die Vorgehensweise des damaligen Präsidenten bloß, „In einer kleines Stadt“ trifft die vermeintlich brave Nachbarschaft. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe an Werken, die das Thema „Freundschaft“ nicht nur zeigen, sondern deren Wichtigkeit gar zelebrieren. Man denke dabei nur an „Die Leiche“ und ganz besonders natürlich der Klub der Verlierer in ES.
ERHEBUNG zeigt sich als Sahnehäubchen zum Thema Freundschaft und geht dabei sogar einen ganz wichtigen Schritt weiter. Innerhalb dieses kurzen Büchleins schafft es der Autor grandios, eine Lanze gegen jegliche Art von Intoleranz zu brechen und jedem Leser dabei aufzuzeigen, dass sowohl Rassismus als auch jeglicher negative Gedanke gegen Homosexualität absoluter Schwachsinn ist. Alles was zählt ist Freundschaft und nichts weiter.
ERHEBUNG zelebriert dieses Thema in der typischen amerikanischen Kleinstadt, gesättigt mit Idioten, die trotz des Interesses und des guten Angebotes nicht in ein Geschäft gehen, da die weiblichen Inhaber ein Pärchen sind. Bosheiten, Intoleranz, Vorurteile und noch vieles mehr wischt der Autor verständlich beiseite und lässt dabei auf eine leichtgängige Art und Weise das Wohlfühlbuch des Jahres 2019 entstehen.
Gut, das Ende ist ein wenig abrupt – dennoch war es nach langer Zeit ein Werk, welches ungebremst in meine Seele eingedrungen ist und mich nach dem letzten Buchstaben mit einer Träne im Auge zurückließ.
Auch wenn ich mit meiner Rezension ein wenig spät dran ist, ändert das nichts an der Tatsache, dass ERHEBUNG das absolute Wohlfühlbuch des vergangenen Jahres darstellt und eine Bresche schlägt für das Gute im Menschen.
Mit dieser knapp bemessenen Kurzgeschichte können viele Personen sicherlich mehr anfangen, als mit sachlichen Texten, die darauf hinweisen, dass Homosexualität nichts Schlimmes ist. Hier in diesem Buch lernt man es an einer real wirkenden Geschichte voller Liebe, Gefühl und Freundschaft – genau so lassen sich Sachverhalte sinnvoll vermitteln und ich bin mir sicher, dass dieses Werk dem ein oder anderen die Augen geöffnet hat. Falls jemand emotionell unberührt bleibt beim Lesen dieser kleinen Story, dann hat er unter Umständen tiefergehende Probleme und sollte damit beginnen, sich in dieser Richtung Gedanken zu machen.
Trotz meiner Verspätung: ERHEBUNG war für mich das Buch des Jahres 2019!
Jürgen Seibold/28.03.2020

Chen, Qiufan: Die Siliziuminsel

Originaltitel: Huang Chao
Aus dem Chinesischen von Marc Hermann
Deutsche Erstausgabe 10/2019
©2019 by Stanley Chen Qiufan
©dieser Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31922-6
ca. 480 Seiten

COVER:

Chian in der nahen Zukunft. Mimi, eine junge Wanderarbeiterin, fristet ihr Dasein unter den Ausgestoßenen auf der Siliziuminsel. Hier im Südosten Chinas ist ein globaler Knotenpunkt des Elektronikschrotthandels entstanden. Tausende Arbeiter wie Mimi schuften tagein, tagaus auf den riesigen Müllbergen und sortieren kybernetische Prothesen, kaputte Roboterteile und ausrangierte Platinen für die Rohstoffgewinnung. Die Profite aus diesem Geschäft landen allerdings in den Taschen dreier Clans, deren Familien seit Jahrhunderten die Insel beherrschen.
All das ändert sich, als der Amerikaner Scott Brandle mit seinem Dolmetscher Chen Kaizong auf der Siliziuminsel eintrifft. Brandle will für seinen Konzern eine moderne Recyclinganalge errichten lassen, doch seine wahren Absichten hält er verborgen. Kaizong wiederum ist zwar in den USA aufgewachsen, aber auf der Insel geboren. Während Mimi und er sich näherkommen, muss er aber feststellen, dass er hier mit seinen Idealen und westlichen Werten zu einem Fremden geworden ist. Als eine Schiffsladung mit hochgefährlichem Cyberschrott auf der Insel eintrifft, setzt das eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang, die nicht nur Kaizongs und Mimis Liebe, sonder das Leben der Müllmenschen und das Schicksal der ganzen Siliziuminsel für immer verändern wird …

REZENSION:

Es ist unglaublich erfrischend, dass durch den großen Erfolg von Cixin Liu immer mehr Autoren aus dem Reich der Mitte mit ihren Werken den Weg in unsere Bücherregale finden. Es hätte mich auch sehr gewundert, wenn auf deren riesigem Markt keine herausragenden Autoren vorhanden wären – leider trübte uns unser Blick immer durch seine Ausrichtung gen Westen. Schön, dass man nun seinen Horizont simpel erweitern kann.
Kurz bevor ich Qiufan Chens „Die Siliziuminsel“ zu lesen begann, schaute ich mir eine Reportage über die Machenschaften innerhalb der Kunststoffindustrie an. Auch dort werden Menschen als Müllsammler und -sortierer in armen Ländern auf das Übelste ausgebeutet. Somit ist die Fiktion Chens leider schon lange keine Fiktion mehr.
Immer noch irritiert von der tiefgehenden Dramatik des Gesehenen widmete ich mich dem Buch von Quifan Chen. Dieser startet recht ähnlich und lässt uns an den Begebenheiten der armen Müllsammler auf der Siliziuminsel im Detail teilhaben. Auch dort findet nichts weiter als simple Ausbeutung der Ärmsten statt. Seine Utopie hat sich jedoch bereits eingeholt – was diese nur noch erschreckender macht.
Ehrlich gesagt fragte ich mich des Öfteren, warum sich Chen einer Zukunftsutopie widmete, diesen Umstand jedoch lediglich zur Darstellung noch unbekannter technischer Gegenstände wie zum Beispiel elektronischer Sexpuppen, die auf dieser Müllinsel landen, verwendete. Ob das Selbstschutz war? Nun, dies entzieht sich meiner Kenntnis – dennoch funktioniert das Buch auch problemlos als Gegenwartsliteratur.
Seine Darsteller als auch die Umgebung ist von Chen liebevoll, eingängig, glaubhaft und ausreichend detailliert dargelegt. Nichts desto trotz ließ er die Probleme auf der Siliziuminsel zu schnell auf der Seite und widmete sich der etwas kuriosen Liebesgeschichte seiner beiden wichtigsten Protagonisten. Spannungselemente sind nicht wirklich vorhanden, was kein Problem wäre, wenn er nur annähernd so philosophisch wie Cixin Liu aufgetreten wäre. Quifan Chen hat diese Qualität aber noch bei Weitem nicht und somit verliert er sich darin, beziehungsweise scheint es nicht durchgehend zu versuchen.
Das angerissene Grundthema ist aktueller denn je und hierzu hätte ich mir noch erheblich mehr erwartet als Chen darzulegen in der Lage war. Durch diese Vorgehensweise verliert die Geschichte etwas und kommt trotz des starken Starts aus diesem Tal auch nicht wieder heraus. Am Schluss bleibt ein einigermaßen guter Science-Fiction-Roman, der etwas darlegen wollte, dabei aber nicht gezielt genug vorgegangen ist und sich somit in seiner Beziehungsgeschichte und einigen Clanproblemen verloren hat.
Jürgen Seibold/01.03.2020

Simmons, Dan: Flashback

Originaltitel: Flashback
Deutsche Übersetzung von Karl Jünger
©2011 by Dan Simmons
©2019 der deutschsprachigen Taschenbuchausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32009-3
ca. 638 Seiten

COVER:

Die Welt im Jahre 2036. Die Vereinigten Staaten stehen kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps, in den Städten herrscht das Chaos, und die terroristische Bedrohung ist allgegenwärtig. Den größten Teil der Bevölkerung scheint das allerdings kaum zu kümmern, denn die Menschen sind abhängig von einer Droge namens „Flashback“, die es den Konsumenten ermöglicht, die glücklichsten Augenblicke ihres Lebens immer wieder neu zu erfahren. Einer von ihnen ist Nick Bottom, ein ehemaliger Polizist, der seit dem tragischen Unfalltod seiner Frau nur noch in der Vergangenheit lebt und mittels „Flashback“ die schönsten Momente mit ihr wiederaufleben lässt. Dann aber wird er erneut mit einem Fall betraut, dem Mord am Sohn eines hohen Regierungsbeamten, den er in seiner aktiven Zeit nicht aufklären konnte. Eher widerwillig beginnt Bottom mit den Ermittlungen. Bis er einer gigantischen Verschwörung auf die Spur kommt – einer Verschwörung, die für den verheerenden Zustand der USA und ihrer Bewohner verantwortlich ist.

REZENSION:

Dan Simmons ist ein Schriftsteller, der sich nur schlecht greifen lässt. Im Gegensatz zu den meisten Autoren scheint er sich absolut nichts über Genrezuordnungen zu scheren. Aus diesem Grund ist sein Output vielfältig und greift in nahezu jedes Genre ein, um sich dort ein kleines Plätzchen zu schnappen. Dadurch macht er es natürlich auch seinen Fans nicht gerade leicht: Mal liest man Fantasy, mal Horror, mal historisch angelehnte Halbwahrheiten, mal pure Science Fiction und im vorliegenden Fall SF, gewürzt mit einer visionär zu betrachtenden Idee, wie das Amerika der Zukunft aussehen könnte. Dies sehr dystopisch dargestellt und dabei gleichzeitig in die Form eines Krimis gepresst.
In meinen Augen ist Dan Simmons nicht nur ein kreativer Autor, sondern auch gesegnet mit einer herausragenden, schriftstellerischen Qualität. Nichts desto trotz konnte er es nicht schaffen, mich mit diesem Werk in irgendeiner Art und Weise überzeugen zu können.
Seine Welt ist zwar visionär, gleichzeitig aber auch schwierig zu verdauen, wenn man sich die politischen Begebenheiten vor Augen führt.
Die Geschichte driftete mir zu schnell davon und ich konnte die aufgeführten Fäden nur selten greifen. Seine Sprache ist abermals herausragend, dennoch entwickelte sich trotz der interessanten Umgebung und den soziologischen Philosophischen nichts wirklich weiter als ein Krimi-Thriller mit einem abgewrackten Entwickler.
Somit halte ich zwar Dan Simmons weiterhin für einen herausragenden Schriftsteller – dennoch verweise ich lieber auf seine anderen Werke wie zum Beispiel TERROR, ELM HAVEN und ganz besonders die HYPERION-GESÄNGE. Flashback kann sich dieser Riege leider nicht anschließen.
Jürgen Seibold/06.02.2020

Robinson, Kim Stanley: Roter Mond

Originaltitel: Red Moon
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jakob Schmidt
Deutsche Erstausgabe 09/2019
©2018 by Kim Stanley Robinson
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32010-9
ca. 621 Seiten

COVER:

Dreißig Jahre in der Zukunft: Der Mond ist kolonisiert. Am lunaren Südpol, wo die Sonne niemals untergeht, haben Amerikaner und Chinesen ihre Basen in den Kraterwänden eingerichtet. Für Fred Fredericks ist es der erste Flug zum Mond. Im Auftrag von Swiss Quantum Works soll er einen Quantenkommunikator, mit dem sich absolut abhörsichere Gespräche führen lassen, an die chinesische Mondbehörde liefern und installieren. Doch bei der Übergabe wird Chang Yazu, der ranghöchste Verwaltungsbeamte, vergiftet, und Fred wird bei dem Anschlag schwer verletzt. Als er wieder zu sich kommt, steht er im Verdacht, der Mörder zu sein. Um seine Unschuld beweisen zu können, muss Fred aus der Mondbasis fliehen – und trifft dabei auf eine unwahrscheinliche Verbündete: Chan Qi, die Tochter des chinesischen Finanzministers. Sie ist aus persönlichen Gründen auf den Mond gekommen, und das, was sie dort erlebt, wird den Lauf der Geschichte verändern – auf Luna ebenso wie auf der Erde …

REZENSION:

Nach dem unglaublich interessant erzählten Buch von Kim Stanley Robinson mit dem Titel New York 2140, konnte ich es beinahe nicht mehr erwarten, mich wieder diesem mir bis dorthin unbekannten Autoren wieder zuwenden zu können. Dementsprechend erfreut war ich, als der neue mit Roter Mond betitelte Roman das Licht der Welt erblickte.
Ein kurzes Verweilen bei der knappen Inhaltsbeschreibung tat sein Übriges und so freute ich mich auf einen gelungenen Plot voll thrillerhaften Intrigen auf unserem erdnahen Trabanten.
Erstaunlicherweise schaffte es Kim Stanley Robinson in diesem Fall jedoch nicht, mich mit dem gleichen Sog an die Seiten und somit an seine Geschichte zu heften, wie bei dem gerade erwähnten Werk. Roter Mond wirkt einfach zu langatmig und eintönig ausschweifend erzählt. Robinson wollte in diesem Werk anscheinend ein wenig zu viel auf einmal vermitteln – seine klar als Metaphern verpackten Szenen verlieren sich dabei beziehungsweise ihren Leser beim Versuch, den eigentlichen Handlungsfaden aufrecht zu halten. Die Verknüpfungen als auch seine zu Grunde liegende Message wird einem recht schnell klar – dennoch würde sich viel besser auch unter Verwendung von erheblich mehr integrierter Spannung und erheblich weniger nichtssagenden Dialogen eine kritische Nachricht an die politisch interessierten Leser vermitteln. In diesem Fall siegte trotz meiner anfänglichen Euphorie die Belanglosigkeit als auch die nicht vorantreibenden Dialoge und es blieb mir nichts anderes übrig, als mich diesem Werke zu entziehen. Es fiel mir wahrlich schwer, da ich New York 2140 nahezu „gefressen“ hatte und den grundsätzlichen, sozialpolitischen Hintergedanken des vorliegenden Romans auch recht schnell verstand und zu akzeptieren gewillt war. Nichts desto trotz ist es auch oder gerade bei Romanen mit eingebauten Botschaften wichtig, den Leser bei der Hand zu nehmen und umfänglich zu überzeugen. In diesem Fall hat es bei mir jedenfalls leider nicht funktioniert.
Jürgen Seibold/15.01.2020

Cargill, C. Robert: Robo Sapiens

Originaltitel: SEA OF RUST
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Deutsche Erstausgabe 06/2019
©2017 by C. Robert Cargill
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32006-2
ca. 415 Seiten

COVER:

In der Zukunft ist die Welt eine andere geworden: Seit dem großen Aufstand der Maschinen gibt es keine Menschen mehr. Allerdings haben einige intelligente Großrechner während der Roboterkriege ganze Armeen von Bots unter ihre Kontrolle gebracht. Und nun bekämpfen sie sich gegenseitig, um als EWI, als Eine-Welt-Intelligenz, die alleinige Weltherrschaft zu übernehmen. Einige wenige Roboter weigen sich jedoch, im Universalbewusstsein der KIs aufzugehen, und sie schweben in tödlicher Gefahr. Brittle ist ein sogenannter Freibot und hat es bisher erfolgreich geschafft, sich der Übernahme durch die EWI CISSUS zu entziehen. Einsam und rastlos streift Brittle durch die Wüste, die früher der Nordosten der USA war, und hält sich mit dem Ausschlachten abgeschalteter Roboter über Wasser. Doch Ersatzteile sind rar geworden, und auch andere Freibots suchen danach. Auf der Flucht vor CISSUS wird Brittle in einen erbarmungslosen Überlebenskampf verwickelt …

REZENSION:

Als ich das Bild auf dem Cover zu Cargills Robo Sapiens sah, dachte ich ehrlich gesagt als erstes an eine Szene im internationalen Blockbuster mit dem Titel Terminator. Durch diesen Gedankengang gleich in die Roboterwelt katapultiert, war ich sichtlich von der dazugehörigen Beschreibung angetan und konnte nur noch hoffen, dass der Autor seine Geschichte auch mit interessanten Ideen aufwerten kann und nicht lediglich einen Abklatsch durch Kopiervorgänge aus ähnlich klingenden Werken der Literatur und/oder dem Film entstehen lässt.
Sehr schnell stellte sich heraus, dass Cargill geschickt vorgeht und einen komplett von Menschen befreiten Roman vorlegen konnte. Unsere Spezies wird lediglich in einigen Rückblenden angerissen – hatten wir den gegen uns kämpfenden KIs nicht wirklich etwas für uns Lebensrettendes entgegen zu setzen. Das war es dann mit uns Menschen und der blaue Planet wird ausschließlich von künstlichen Intelligenzen bevölkert.
Diese wiederum scheinen keinen Deut besser als wir zu sein: Es herrscht der Drang nach Macht und somit bilden sich einige Fronten, die um die Alleinherrschaft kämpfen. Darüber hinaus einige „freie“ Roboter, die mehr recht als schlecht über die Runden zu kommen versuchen und dabei immer in der gefährlichen Situation leben, dass sie von einer der herrschenden KIs unter Gewalteinwirkung annektiert werden.
Die Geschichte mit den Robotern als alleinige Darsteller wirkt außerordentlich erfrischend. C. Robert Cargill setzte diesen Umstand absolut geschickt um – auch wenn man ab und an vergisst, dass es sich um Roboter handelt, da ihre Dialoge und Vorgehensweisen doch sehr menschlich wirken. Diese „Vermenschlichung“ hält uns einen Spiegel vor und zeigt geschickt unsere eigenen Schwächen, ohne jemals im Buch teilhaben zu können.
Robo Sapiens macht sehr viel Spaß beim Lesen, ist ausreichend spannend und sorgt für gute Unterhaltung. Neben der dezenten Gesellschaftskritik würde ich nicht viel mehr hinein interpretieren – interessant ist auf jeden Fall die Stärke des Autors, dass künstliche „Wesen“ mehr Profil aufweisen als mancher Protagonist in anderen Romanen. Kurzum ein wahrlich gut umgesetzter Roman, der mit Sicherheit hauptsächlich für gute Unterhaltung sorgen soll und dies Anspruch auch problemlos bedient.
Jürgen Seibold/30.12.2019

Liu, Cixin: Jenseits der Zeit

Originaltitel: SISHEN YONGSHENG
Aus dem Chinesischen von Karin Betz
Deutsche Erstausgabe 04/2019
©2010 by Cixin Liu
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31766-6
ca. 990 Seiten

COVER:

Mehrere Hundert Jahre sind vergangen, seitdem die Existenz einer fremden Zivilisation im All nachgewiesen wurde. Jahrhunderte, in denen sich die feindliche Flotte der Trisolarier unaufhaltsam der Erde genähert hat. Viele Strategien wurden ersonnen, um dieser übermächtigen Gefahr zu begegnen, so etwa die Operation Wandschauer, bei der vier Auserwählte in vollkommender Abschottung einen Abwehrplan schmieden sollten. Wider jedes Erwarten war diese Strategie erfolgreich – es gelang dem Wandschauer Luo Ji nicht nur, die Trisolarier zu bedrohen, sondern sein Plan bewirkte sogar einen Waffenstillstand. Die Erde schien gerettet.
Ein halbes Jahrhundert später hat sich das Leben auf der Erde völlig verändert. Als Teil des Waffenstillstands war ein kultureller Austausch zwischen Menschen und Trisolariern verabredet worden, und die Hochtechnologie der Außerirdischen hat der Menschheit zu neuem Wohlstand verholfen. Erstmals scheint eine friedliche Koexistenz möglich. Aber der Frieden hat die Menschen unvorsichtig werden lassen. Cheng Xin, eine Raumfahrtingenieurin des 21. Jahrhunderts, wird aus dem Kälteschlaf geweckt, um den greisen Luo Ji als Wächter über das Abkommen mit Trisolaris abzulösen. Doch darauf haben die Trisolarier nur gewartet, und sie schlagen blitzschnell zu. Nun liegt es an Cheng Xin und an einem sterbenskranken jungen Mann, der zu einer geheimen Mission ins All gesandt wurde, die Menschheit aus ihrer größten Krise herauszuführen …

Mit Jenseits der Zeit vollendet Cixin Liu seine preisgekrönte Trisolaris-Trilogie, die eine zukunftsweisende Perspektive auf die Menschheit in den Weiten des Alls eröffnet.

REZENSION:

Jenseits der Zeit ist der abschließende Band der Trisolaris-Trilogie des chinesischen Schriftstellers Cixin Liu. Der erste Band konnte noch sehr gut als eigenständiges Werk fungieren. Spätestens zum zweiten Band mit dem Titel Der dunkle Wald war das Wissen des vorherigen Bandes unbedingt notwendig. In Jenseits der Zeit bleibt einem schlicht nichts anderes übrig, da sonst sämtliche Fäden verknüpfungslos vor des Lesers Augen schweben würden. Interessanterweise wirkt der dritte Band als ob es von einem anderen Autor geschrieben worden wäre, da die Vorgehensweise etwas abweicht. Jenseits der Zeit wirkt oft wie ein Bericht anstatt eines typisch gehaltenen Romans. Nichts desto trotz kann man sich diesem Werk ebenso wenig entziehen, wie den beiden voran gestellten Büchern.
Cixin Liu steht dafür keineswegs für das Darbieten eines spannungsgeladenen Science-Fiction-Romans voll epischer Schlachten – nein, Liu steht für tiefgründige, philosophische Gedanken und spannt mit seinen drei Büchern einen zeitlichen Bogen über mehrere Milliarden Jahren ohne dabei jeglichen Faden zu verlieren.
Da der Autor sein Werk in der nicht gerade einfach zu nennenden chinesischen Sprache geschrieben hatte, möchte ich sogleich meinen Hut vor der genialen Übersetzung und somit vor der Übersetzerin ziehen: Dieses Mammutwerk war sicher nicht einfach und dabei ist es ihr sogar gelungen, dieses schwierig zu fassende Thema absolut eingängig in der übersetzten Version dar zu legen. Perfekt.
Die Gegebenheiten in Lius Roman sind gespickt mit physikalischen Ausflügen, deren tieferer Sinn beziehungsweise Wahrheitsgehalt von mir nicht wahrgenommen oder überprüft werden kann. Da es sich um eine Geschichte handelt, nehme ich dies alles einfach als gegeben hin und widmete mich rein der Geschichte. Teilweise war es fast schon ein wenig zu viel der technischen und physikalischen Erklärung, wodurch auch einige Seiten weniger bestimmt nicht geschadet hätten. Davon abgesehen schaffte es Cixin Liu dabei jedoch immer wieder, exakt zum perfekten Augenblick seinen Fokus zurück auf die eigentliche Story zu legen, wodurch niemals Langeweile aufkam.
Freunde der gepflegten Spannung in detaillierter Darbietung können eventuell noch Gefallen am ersten Buch mit dem Titel Die drei Sonnen finden – alle weiteren Werke lassen Spannungsspitzen nicht wirklich aufkommen, leben eher von ihrer unglaublich weitläufig ausgebreiteten Philosophie.
Allein die Benutzung eines Märchens als zukünftiger Wegweiser der Menschheit ist herausragend – gleichzeitig war dieses Märchen bereits interessant genug, um eine eigene Veröffentlichung bekommen zu können.
Jenseits der Zeit ist somit ein rundum gelungener Abschluss einer anspruchsvollen, hochwertigen, philosophischen und zum Nachdenken führenden Trilogie. Ein absoluter Höhepunkt des Genres für Freunde anspruchsvoller Literatur.
Jürgen Seibold/26.12.2019

Lostetter, Marina: Die Reise

Originaltitel: Noumenon
Aus dem Amerikanischen von Irene Holicki
Deutsche Erstausgabe 03/2019
©2017 by Little Lost Stories, LLC
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31827-4
ca. 558 Seiten

COVER:

Wir schreiben das Jahr 2125: Mehrere Konvois brechen von der Erde in unerforschte Regionen der Galaxis auf, um wissenschaftliche Erkenntnisse über rätselhafte astronomische Phänomene zu gewinnen. Konvoi Sieben hat zum Ziel, den Planeten LQ Pyxidis zu erforschen, der wie von einem Mantel – oder einer Dyson-Sphäre – umschlossen scheint und einen unerklärlichen Energieausstoß erzeugt. Bemannt sind nur die Schiffe mit Menschen, deren Genreihen während des Fluges geklont werden, denn selbst mit einem speziellen Antrieb, der sich einer Subdimension der Zeit bedient, dauert der Flug subjektive hundert Jahre – während auf der Erde etwa tausend Jahre vergehen. Bald kommt es unter der Besatzung zu Problemen: Raumkoller und Auflehnung gegen die starre Hierarchie sowie die ebenso starre Festschreibung der Lebensspanne, nach der jedes Mitglied ausscheiden muss. Als LQ Pyxidis endlich erreicht ist, sieht sich die Konvoi-Besatzung mit einer Alien-Technologie konfrontiert, die ihr völlig neue Rätsel aufgibt. Ist die Mission gescheitert? Und wie wird die Erde des Jahres 4100 auf die Forschungsergebnisse reagieren?

REZENSION:

Laut Beschreibung im vorliegenden Buch hatte sich die Autorin Maria Lostetter bisher als Erstellerin von Kurzgeschichten einen Namen gemacht. Der hier besprochene Science-Fiction-Roman mit dem Titel „Die Reise“ ist ihr erster Ausflug in die Welt der Romane.
Ihr Schreibstil und auch die innerhalb der Buchdeckel befindliche Geschichte ist sehr eingängig und auf interessante Weise erzählt.
Die Geschichte besitzt anfangs unglaublich viel Drive, der sich wohl durch die Aneinanderreihung von Kurzgeschichten ergeben hatte. Hier erkennt man sehr deutlich den schriftstellerischen Ursprung: Marina Lostetter ist noch nicht ganz in der Romanwelt angekommen und bearbeitete somit ihre groß angelegte Zukunftsgeschichte auf Basis von kurzen Geschichten, die zwar verknüpft sind, jedoch dennoch oft nahezu für sich stehen. Dieser Umstand sorgte für ein schwankenden Empfinden, da man manches mal hin und weg – an anderen Stellen jedoch eher enttäuscht ist. Eine Bearbeitung dieser Aspekte auf Basis von geschickt verwobenen Kapiteln hätte ihrem Output sicher sehr gutgetan. Nichts desto trotz ist „Die Reise“ für ein Debüt ein ganz gut gelungener Wurf. Dennoch muss ich anmerken, dass ihr anfänglicher Drive etwa beginnend mit der Rückreise des Konvois sehr nachgelassen hat. Auch dies liegt sicher an der bereits angesprochenen Darbietung.
Alles in allem ist „Die Reise“ ein ganz guter erster Wurf einer neuen Autorin. Relativ guter Unterhaltungswert mit einigen Schwächen, die man aber für einen Erstling nicht unbedingt hervorkehren muss. „Die Reise“ sorgt für einige nette Lesestunden, ohne besonderen Wert auf Tiefgang oder detaillierte Betrachtung ihrer grundsätzlichen Idee und dem Leben auf den Schiffen zu legen. Allein der soziologische Aspekt hätte einem anderen, erfahreneren Kollegen (Kollegin) der Zunft unglaublich viel Futter zur Darbietung gegeben.
Jürgen Seibold/27.11.2019

King, Stephen: ES

Originaltitel: IT
Aus dem Amerikanischen von Alexandra von Reinhardt und Joachim Körber. Bearbeitet und teilweise neu übersetzt von Anja Heppelmann.
Vollständige Taschenbuchausgabe 09/2019
©1986 by Stephen King
©1990, 2011 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-50408-0
ca. 1.534 Seiten

COVER:

1957 hat alles begonnen: Der kleine George ist das erste Opfer. Und dann bricht Es wie die Pest über die Stadt Derry herein, eine Gräueltat folgt der anderen … Über 25 Jahre später: Mike Hanlon ruft sechs Freunde zusammen und erinnert sie an den Schwur, den sie einst geleistet haben. Sollte Es, sollte das namenlose Böse noch einmal auftauchen, wollen sie sich wieder in Derry treffen. Damals sind die Freunde in die Abwasserkanäle gestiegen, als Kinder haben sie Es gejagt und zu töten versucht. Aber Es wurde nur verletzt. Und jetzt geht das Grauen wieder um, daran besteht kein Zweifel. Einer der Freunde kann zu dem Treffen nicht mehr kommen. Er liegt blutverschmiert in seiner Badewanne. Offensichtlich Selbstmord …

REZENSION:

Im zarten Alter von 15 Jahren – mitten in den herausragenden 80er Jahren – begann meine Leidenschaft zu einem der sicherlich größten Autoren unserer Gegenwart: Stephen King.
Bekannt als Bücherwurm wurde ich mehrmals in der Schule auf dieses Buch hingewiesen. Die hohe Frequenz dieser Hinweise ließen mich jedoch eher abschrecken. Als Leser abseits des Mainstreams konnte es sich hierbei doch wohl nur um Mainstream handeln – wie könnte es denn sonst sein, dass plötzlich gefühlt jeder dieses Buch in Händen hält.
Gut, eines Tages führte mich der Weg in die örtliche Bücherei. Trotz des tiefkatholischen Trägers standen zwei Werke von Stephen King im Regal der Phantastischen Literatur: Shining und Es. Nachdem momentan wohl jeder Es zu lesen schien, entschied ich mich für Shining als das erste Werk, welches ich von diesem für mich recht neuen Autoren lesen sollte.
Sorgte Shining bereits dafür, dass ich diesem Schriftsteller gnadenlos ausgeliefert wurde, verfestigte sich dies bei der Lektüre von ES nur noch.
Jahre später – man muss bedenken, dass es eine Zeit der Buchclubs und lange vor den Möglichkeiten eines Internets – stellte ich erst fest, dass ich lediglich eine gekürzte Fassung dieses Blockbusters zu mir genommen hatte. Somit fehlten mir bei den mehrmaligen Lese-Wiederholungen jeweils etwa 400 Seiten zur ungekürzten Variante.
Mittlerweile habe ich auch diese bereits mehrmals gelesen und lauschte auch schon der englischen Variante des Hörbuchs. Wie man merkt, entwickelt sich dieses Werk zu meinem Alltime-Lieblingsbuch und ich gehe sogar weiter: ES steht bei mir über allen je gelesenen Büchern – und ich lese wahrlich nicht wenig…
Nun brachte der Heyne-Verlag zur Veröffentlichung der gut gelungenen, zweiteiligen Verfilmung das Werk in einer neuen Ausgabe heraus. Inhaltlich nicht geändert, ungekürzt und durch ein dem Film entsprechendes Cover gestaltet. Diese Veröffentlichung ließ mir absolut nichts übrig, als mich zum nun sicherlich zehnten Male diesem Werk zu widmen. Und: Ich machte das erneut mit voller Freude auf den Inhalt und dem Wiedersehen des Clubs der Verlierer.
Beim Genuß von ES stellt man sehr schnell fest, dass es sich hier nicht um einen typischen Horror-Roman handelt. Interessanterweise zählt es dennoch fast nur in diese Riege.
ES ist aber vielmehr und wenn man die Gesamtseitenzahl von ca. 1.500 betrachtet, dann sei jedem gesagt, dass ES selbst beinahe nur als Randfigur beziehungsweise als Antrieb der jeweiligen Handlungen auftritt und notwendig ist. ES ist eine Geschichte über die Geschehnisse in einer kleinen bürgerlichen Stadt in Maine. ES ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden. ES ist eine Geschichte über Freundschaft. ES ist eine Geschichte gegen Rassismus, gegen Engstirnigkeit, gegen Gewalt in der Familie, gegen Kleinbürgertum, gegen das Vergessen…
Noch viel mehr lässt sich hierzu aufzählen – und noch niemals ist mir ein Roman mit einer erzählerischen Kraft gereicht worden, die nur ansatzweise an die Macht dieses Werkes herankommt.
Wer ES als lapidaren Horrorroman abtut hat es mit Sicherheit nicht gelesen beziehungsweise verstanden. Gleichzeitig könnte es sein, dass Leser der jüngeren Generation mit der detailreichen Darlegung der 50er und 80er Jahre Schwierigkeiten mit dem persönlichen Eintauchen in die Story bekommen. Ich selbst fühle mich jedes Mal zu Hause, wenn ich diese Geschichte von neuem beginne. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, dass sich zwischen den Umschlägen auch ein Teil meines Lebens befindet.
Bereits beim Schließen des Buches fragte ich mich, wann ich es erneut lesen werde. Momentan stelle ich mir doch tatsächlich vor, mich diesem Werk jedes Jahr widmen zu wollen.
ES ist und bleibt auch weiterhin in meinen Augen das Buch, an dem sich jegliche anderen Bücher messen lassen müssen.
ES ist die Mutter der Bücher – und nicht nur im Genre des Horrors.
Ich freue mich schon auf das nächste Mal…
Jürgen Seibold/03.11.2019

Tchaikovsky, Adrian: Im Krieg

Originaltitel: Dogs Of War
Aus dem Englischen von Peter Robert
Deutsche Erstausgabe 7/2019
©2018 by Adrian Tchaikovsky
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32024-6
ca. 381 Seiten

COVER:

„Mein Name ist Rex. Ich bin ein guter Hund.“ Und das ist auch alles, was Rex, eine sogenannte technisch optimierte Bioform, in seinem Leben möchte – ein guter Hund sein und seinem Herrn gehorchen. Gemeinsam mit seinem Rudel kämpft Rex in einem seit Jahrzehnten andauernden Krieg, und wenn sein Herr sagt „Töte!“, dann tötet Rex. Wieder und wieder. Als sein Herr eines Tages vors Kriegsgericht gestellt wird, kommen Rex jedoch Zweifel. Was soll er tun, wenn er keinen Herrn mehr hat, der ihm befiehlt? War es möglicherweise falsch, blind zu gehorchen? Und haben er und die anderen Bioformen überhaupt ein Anrecht auf Freiheit und ein eigenes Leben?

REZENSION:

Nach dem rundherum fulminanten und epochalen „Kinder der Zeit“ war ich sehr gespannt auf das vorliegende Werk mit dem Titel „Im Krieg“ von Adrian Tchaikovsky.
Tchaikovsky erzählt darin eine Geschichte über eine mögliche Zukunft des Krieges: Bioformen unterstützen den Menschen beim Kampf. Sie wurden dementsprechend gezüchtet beziehungsweise erschaffen, damit sie uneingeschränkt ihrem Herrn gehorchen und somit skrupellos über Leichen gehen. Ein simpler Tötungsbefehl und der treue Hund als auch die weiteren Mitglieder seines vielseitig aufgebauten Rudels töten, ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden. Nachdem jedoch die ehemaligen Lebewesen auch gedanklich ein neues Niveau erreicht haben, beginnen sie jedoch, sich nach und nach mit gewissen persönlichen Auseinandersetzungen zu beschäftigen. Dies verstärkt sich in dem Moment, als ihr Herrchen von einem Augenblick zum anderen nicht mehr für sie erreichbar ist.
Tchaikovsky entwickelt eine sehr interessante Parabel und sorgt somit für gedanklichen Tiefgang. Durch seinen sprachlichen Kniff lenkt er den Leser direkt in die Gedankengänge seines Hauptdarstellers – gleichzeitig ist dies aber auch der Punkt, welcher in meinen Augen dafür sorgte, dass ich zu diesem Werk keinen nachhaltigen Zugang finden konnte.
Erzählungen in der Ich-Form machen mir es häufig etwas schwer – in diesem Fall konnte ich mich darüber hinaus nicht mit der erzählenden Figur identifizieren. Aus diesem Grund spürte ich zwar die Kraft der Geschichte, konnte diese aber leider nicht rundum genießen.
„Im Krieg“ ist dennoch ein hochinteressanter Plot mit einer klaren Botschaft – eine Erzählform im Stile „Kinder der Zeit“ hätte bei mir sicherlich besser funktioniert. Hat man kein Problem mit dieser schwenkenden Art des Erzählens, findet man in „Im Krieg“ einen sehr interessanten Plot, der mehr bietet als reine Unterhaltung.
Jürgen Seibold/01.11.2019

Thomas, Scott: Kill Creek

Originaltitel: Kill Creek
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kristof Kurtz
Deutsche Erstausgabe 09/2019
©2017 by Scott Thomas
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32025-3
ca. 543 Seiten

COVER:

Am Ende einer langen Straße mitten im ländlichen Kansas liegt einsam und verlassen das Finch House. Es ist berüchtigt, schließlich ereilte jeden seiner Bewohner einst ein grausames Schicksal: Sein Erbauer wurde kaltblütig ermordet und dessen Geliebte von einem Lynchmob gehängt. Und die Finch-Schwestern, die Jahre später in das Haus einzogen, sollen dort immer noch ihr Unwesen treiben. Seitdem hat die böse Aura des Hauses jeden potenziellen Bewohner abgeschreckt. Könnte es also eine bessere Kulisse geben, um die vier erfolgreichsten Horrorautoren der USA an Halloween zu einem Interview zusammenzubringen und das ganze live im Internet zu streamen? Was als Publicity-Spaß beginnt, entwickelt sich schnell zum Albtraum für alle Beteiligten. Denn es kommen nicht nur die dunkelsten Geheimnisse der vier Schriftsteller ans Tageslicht, auch das Finch House selbst hütet ein dunkles Geheimnis. Aber anders als die vier Autoren möchte es dieses nicht für sich behalten. Und schon bald gibt es den ersten Todesfall …

REZENSION:

Beim Lesen der Coverbeschreibung des Debütromans von Scott Thomas mit dem Titel KILL CREEK freute ich mich sofort auf einen typischen, altmodischen Gruselroman, in dem – wie früher sehr oft – ein Haus die düstere und gruselige Hauptrolle spielt. Gleichzeitig stellte ich mir aber die Frage, ob dieses fast altertümlich klingende Schema auch in der heutigen Zeit noch funktionieren kann.
Macht es sich da ein neuer Autor recht leicht und versucht etwas Vergangenes zu kopieren oder kommt da gar eine neue Idee beziehungsweise Sichtweise, um dieses Gruselhausgenre in die heutige Zeit zu transferieren?
Nun, meiner Meinung nach schaffte es Scott Thomas recht gut, sich dem zweiten Aspekt anzunehmen und ein klassisches Genre auf ziemlich interessante Art neu zu erwecken.
Wir begleiten in seinem Buch vier herausragende Autoren zu einem Interview in besagtem Finch-House – organisiert von einem „Blogger“ mit ausreichender Reichweite, um für die Autoren aus Marketingsicht interessant genug zu sein. Dieser hatte sie dazu eingeladen und dafür gesorgt, dass die Autoren eine Nacht im sagenumwobenen Haus verbringen sollen.
Bis hier ist die Geschichte noch recht typisch und man rechnet bereits mit quietschenden Türen, knarrenden Treppen und durchs Bild huschende Schatten. Ein klein wenig schwingt dies auch immer mit – jedoch lässt Scott Thomas das komplette Klischee nicht durch, womit seine Geschichte im ersten Drittel zwar damit spielt, dennoch nichts offenlegt oder durchdringen lässt.
Gefühlt scheint nicht wirklich etwas zu geschehen. Bis auf ein paar Momente und Erlebnisse bringen die Autoren das Interview und die Nacht hinter sich.
Nach einer gewissen Zeit stellt sich jedoch heraus, dass die Autoren nach diesem Erlebnis mit einer drogenähnlichen Abhängigkeit vor ihren Rechnern sitzen um ein neues Buch zu schreiben. Jeder bereits am Ende seiner Leistungskraft, jedoch bis zu einem gewissen Punkt absolut ungebremst. Sobald zum Tippen aufgehört wird, scheint sich etwas Fremdes zu nähern.
Die vier Autoren schaffen es, sich erneut zu treffen und wagen abermals den Weg in das Finch-House, um endgültig der Einflussnahme des Hauses oder den darin lebenden Geistern ein Ende zu setzen.
Scott Thomas schafft eine geschickt erzählte Schleife. Dabei spielt er mit alten Regeln klassischer Gruselromane, dennoch gelingt es ihm, diese nicht zu kopieren, sondern einen Neustart zu verpassen. Gut, das Haus selbst trieft vor Klischees – die beiden Finch-Schwestern nicht minder: Trotzdem macht dies exakt den Flair dieser Geschichte aus und ich war richtig erfreut, eine moderne Story dieses von mir geliebten Genres lesen zu können.
Darüber hinaus ist KILL CREEK sehr personenbezogen erzählt und jeder Einzelne wird von seinen eigenen Dämonen aus der Vergangenheit gejagt. Allein dafür lohnt es sich bereits, KILL CREEK eine Chance zu geben.
Scott Thomas‘ Leistung bestand hauptsächlich darin, das versteckte, abgelegte Genre ein wenig abzustauben und den schönen, geisterhaften Gänsehaut-Grusel aus dem alten Schrank wieder hervor zu holen, um seinen Leser damit ein wenig zu erschrecken.
Dies ist ihm auch für einen Debütroman richtig gut gelungen.
Jürgen Seibold/22.09.2019

King, Stephen: Das Institut

Originaltitel: The Institute
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2019 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27237-8
ca. 768 Seiten

COVER:

In einer ruhigen Vorortsiedlung von Minneapolis ermorden zwielichtige Eindringlinge lautlos die Eltern von Luke Ellis und verfrachten den betäubten Zwölfjährigen in einen schwarzen SUV. Die ganze Operation dauert keine zwei Minuten. Luke wacht weit entfernt im Institut wieder auf, in einem Zimmer, das wie seines aussieht, nur dass es keine Fenster hat. Und das Institut in Maine beherbergt weitere Kinder, die wie Luke paranormal veranlagt sind: Kalisha, Nick, George, Iris und den zehnjährigen Avery. Sie befinden sich im Vorderbau des Instituts. Luke erfährt, dass andere vor ihnen nach einer Testreihe im „Hinterbau“ verschwanden. Und nie zurückkehrten. Je mehr von Lukes neuen Freunden ausquartiert werden, desto verzweifelter wird sein Gedanke an Flucht, damit er Hilfe holen kann. Aber noch nie zuvor ist jemand aus dem streng abgeschirmten Institut entkommen.

REZENSION:

Der neueste Roman von Stephen King trägt den Titel „Das Institut“ – und diese knappe Bezeichnung klärt bereits das hauptsächliche Setting der Geschichte.
Allein auf Basis der hohen Seitenzahl war ich mir sicher, dass King wieder seiner Rolle treu bleibt und somit seiner ausschweifenden und doch interessanten Erzählweise entsprechend vorgehen wird. Dies lässt sich auch problemlos bejahen, da er sichtlich losgelöst von seiner grundsätzlichen Idee das Buch beginnt und uns durch eine unaufgeregte Weise einen Protagonisten vorstellt, den man dann erst wieder zum Ende des Buches treffen wird. Dennoch ist bereits dieser Part außerordentlich interessant und schon bleibt einem nichts weiter übrig, als ungebremst der Geschichte zu folgen. Kings Stärke zeigt sich stark in diesem ersten Part, da er hier nichts weiter macht, als ein Kleinstadtleben vor dem Leser auszubreiten. Ohne jegliche Dramatik oder Spannung ist man an die Wörter fixiert. King stellt uns unaufgeregt einen Protagonisten vor: Tim Jamieson. Bevor man sich jedoch die Frage nach dessen weitere Rolle in der eigentlichen Geschichte stellt, schwenkt der Autor zu Luke und zieht dabei die Daumenschrauben an.
Luke wird gekidnappt und wacht wieder in einem Institut auf. Spätestens jetzt kann man sich dem Buch nicht mehr entziehen: Jegliche Handlung wirkt glaubwürdig, spannend und rundum gut durchdacht. Man erkennt sehr deutlich, dass King hier auch eine kleine Hommage an die erfolgreiche Serie „Stranger Things“ vornehmen wollte. Darüber hinaus zeigt sich wieder einmal, dass King ein unerreichbares erzählerisches Händchen hat, wenn Kinder die Hauptrolle bei hm spielen. In diesem Fall ist es zwar keine klassische „Coming-of-age“-Geschichte, dennoch sind in „Das Institut“ die Kinder nicht nur Opfer, sondern auch dazu gezwungen, ihrem eigenen Schicksal entgegen zu treten.
Der parapsychologische Touch erinnert etwas an Geschichten aus den 80er Jahren, wodurch der Gedanke an eine Hommage lediglich verstärkt wird. Das Setting spielt zwar in der heutigen Zeit – der Flair lässt sich jedoch nicht verleugnen.
Beinahe nebenbei führt er uns den Wahnsinn eines geheimen Instituts vor Augen und schreckt auch vor Vergleichen zu Konzentrationslagern nicht zurück. Kings Geschichten waren schon immer etwas mehr als reine Geschichten zur Unterhaltung. Auch wenn er oberflächlich betrachtet nur reine Unterhaltungswerke zu erschaffen scheint, schwingt immer sehr viel Zusätzliches mit. King möchte aufzeigen, dass der wahre Horror in der Wirklichkeit liegt und dabei auch das kleinbürgerliche nicht davor zurückschreckt. Im Gegensatz zu manch anderen Werken entlädt sich das Grauen im vorliegenden Buch nicht unter Verwendung eines Monsters oder ähnlichem – nein, in „Das Institut“ ist das Grauen greifbar und gelebt von Personen, die ihre Machtposition ausleben und dabei vor nichts zurück schrecken. Dies macht den Plot noch erschreckender und fühlbarer, denn der größte Feind der Menschheit ist und bleibt der Mensch.
„Das Institut“ ist jedenfalls ein abermals herausragendes Werk eines Autors, der routiniert Geschichten erzählt, dabei aber immer wieder zu überraschen weiß. Eine absolute Empfehlung und sicher auch ein Werk, welches bei manchem Leser die persönliche Bestenliste der King-Bücher neu durchschütteln wird.
Jürgen Seibold/15.09.2019

Cawdron, Peter: Habitat

Originaltitel: Retrograde
Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Kempen
Deutsche Erstausgabe 02/2019
©2016 by Peter Cawdron
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31963-9
ca. 350 Seiten

COVER:

Die Menschheit hat ihren Fuß auf den Mars gesetzt. Die neue Habitatsiedlung „Endeavor“ wird als Triumph des menschlichen Forscherdrangs gefeiert. Einhundertzwanzig Wissenschaftler, Techniker und Astronauten aus aller Herren Länder arbeiten hier. Eine von ihnen ist die junge und engagierte Mikropaläobiologin Liz, die sich wie ihre Kollegen dazu verpflichtet hat, zehn Jahre auf dem Mars zu leben und zu forschen, um den Roten Planeten für die Menschheit bewohnbar zu machen. Doch dann bricht auf der Erde Krieg aus, die Funksignale verstummen und die Versorgungslieferungen zum Mars werden unterbrochen. Nun sind die Kolonisten auf sich alleine gestellt. Misstrauen macht sich unter den verschiedenen Nationen breit. Wer hat den Krieg auf der Erde begonnen? Welches Land ist schuld, dass die Forscher nun auf dem Mars gefangen sind? Liz stößt schon bald auf erste Ungereimtheiten, und dann gibt es einen ersten Toten …

REZENSION:

In Peter Cawdrons neuestem Science-Fiction-Roman befinden wir uns auf dem Mars. Dort befindet sich seit einiger Zeit eine Kolonie, deren Sinn und Zweck die Erforschung und Vorbereitung des unwirtlichen Planeten auf weitere Siedler des Planeten Erde ist.
Die gesamte Forschungseinrichtung besteht aus mehreren Modulen, die gleichzeitig aus unterschiedlichen Nationen bestehen. Der Ursprung ist natürlich die Zusammenarbeit der jeweiligen Institutionen auf der Erde, um ein solches Projekt überhaupt stemmen zu können.
Die Module sind zwar alle miteinander verbunden, dennoch spiegeln sie eine gewisse Trennung wieder – dies wirkt leider analog zu unserem Planeten: Es gibt in der Kolonie somit Eurasien, China, Russland und die Vereinigten Staaten.
Diese Vorgehensweise ist der einzige Kritikpunkt, die ich dem Autor vorwerfen muss  obwohl: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dies auch exakt so vorgenommen wird. Ganz unabhängig, wie umfangreich das Gesamtprojekt ist und dass dieses auch nur gemeinsam gestemmt werden kann.
Cawdron macht es sich damit ein wenig einfach, damit er seine Geschichte, die recht schnell Fahrt aufnehmen wird, in der dafür vorgesehenen Spur laufen lassen kann.
Wie die Bewohner auf dem Mars erfahren müssen, zerfleischt sich die Erde durch einen weltweit großangelegten Atomkrieg. Die Bewohner auf dem Mars bekommen nur rudimentäre Informationen und sind dann von weiteren Nachrichten des blauen Planeten abgeschnitten. Die Kommunikation als auch die weitere Versorgung ist eingestellt oder nicht mehr vorhanden, die eigenen Gedanken übernehmen das Zepter.
Da die Kolonisten keine genauen Informationen haben, sind sie sich auch nicht über verlorene Familienmitglieder, Freunde, etc. sicher. Dementsprechend beginnen sie auf menschliche Art zu spekulieren. Darüber hinaus beginnt eine teilweise Abschottung, da sich jeder die Frage stellt, wer diesen Krieg auf der Erde begonnen hat.
Der dezent aufkommende Rassismus in der engen Enklave lässt den Leser mit dem Schlimmsten rechnen. Peter Cawdron führt dies auch geschickt und etwas länger aus. Bereits jetzt würde der Roman ganz gut für eine gepflegte Unterhaltung sorgen – auf Dauer aber wohl etwas zu vorhersagbar, da sich wohl die Einwohner immer mehr mit Vorurteilen beschimpfen und wohl dann mit gegenseitigem Bekriegen beginnen.
Erfreulicherweise dreht sich jedoch der Plot zugunsten der Story. Hierzu möchte ich nichts weiter sagen, da der Twist doch ein klein wenig überraschend ist und der Feind sich doch als etwas anderes darstellt.
Peter Cawdron führt sehr viele technische Details in seine spannende Geschichte ein. Dies aber rundum auf eine absolut glaubwürdige und plausible Art und Weise. Ob das alles möglich ist, entzieht sich meiner Kenntnis – nichts desto trotz konnte ich jedem einzelnen Aspekt trotz fehlendem technischen Know How in diesem Sektor absolut problemlos folgen und somit auch als gegeben hinnehmen.
Übrigens kann man dem Nachwort entnehmen, dass sehr wohl alles plausibel ist und einem technischen Stand entspricht, der sich in spätestens 50 Jahren darstellen würde, wenn man dem Ziel der Marsbesiedelung weiter mit Nachdruck folgt.
Der Plot selbst ist eine gelungener Unterhaltungsroman, der insbesondere durch die Drehung des Plots seine Kraft zieht. Dieser Drall entsteht genau zum richtigen Zeitpunkt und somit ist man als Leser weiterhin voller Euphorie bei den Erlebnissen auf dem fernen Planeten dabei.
Habitat ist ein gelungener und recht spannender SF-Roman mit einem sehr interessanten Setting und einer darüber hinaus glaubwürdigen Geschichte.
Jürgen Seibold/25.08.2019

Tremblay, Paul: Das Haus am Ende der Welt

Originaltitel: The Cabin At The End Of The World
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Julian Haefs
Deutsche Erstausgabe 07/2019
©2018 by Paul Tremblay
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31999-8
ca. 351 Seiten

COVER:

Eine abgelegene Ferienhütte am See in den Wäldern New Hampshires: Hier wollen Eric und Andrew gemeinsam mit ihrer siebenjährigen Adoptivtochter Wen ein paar Tage Urlaub machen. Kein Stress, kein Internet – nur Ausspannen, Lesen und Zeit mit der Familie verbringen. Mit der Idylle ist es dann aber schnell vorbei, als eines Tages der etwas unheimliche Leonard auftaucht und darauf besteht, mit der Familie zu sprechen. Eric und Andrew versuchen alles, um ihn abzuwimmeln, doch Leonard ist nicht alleine gekommen. Mit einem Mal tauchen noch drei weitere bis an die Zähne bewaffnete Gestalten aus den Büschen auf. Sie sagen, dass sie der jungen Familie nicht wehtun wollen. Sie sagen, dass Eric und Andrew eine wichtige Entscheidung zu treffen hätten, vorher könnten sie sie nicht gehen lassen. Für Eric, Andrew und Wen beginnt der schlimmste Albtraum ihres Lebens …

REZENSION:

Die Coverbeschreibung geht ziemlich unverblümt auf die eigentliche Geschichte ein. Recht viel mehr lässt sich fast nicht sagen – gut, ganz so schlimm ist es dann doch auch wieder nicht…
„Das Haus am Ende der Welt“ ist ein fast klassisches Ensemble, wie man es schon sehr oft im Horrorgenre lesen als auch sehen konnte: Eindringlinge zerstören auf eine unmenschliche Art nicht nur die Ordnung des eigenen Lebens, sondern dringen in den persönlichsten Bereich ein: das eigene Heim.
Auch im Roman von Paul Tremblay finden wir dieses Setting wieder: Ein einsames Haus, eine Familie, die einfach nur Urlaub machen möchte und eine Gruppe an vermeintlich irregeleiteten Individuen, die vor Gewaltakten keine Scheu haben – im Gegenteil!
Die Geschichte Tremblays ist oberflächlich betrachtet auch nicht wirklich mehr und sorgt somit nur zaghaft für die Hinterlassung eines eigenen Abdrucks im weiten Reigen ähnlich aufgebauter Romane.
Nichts desto trotz ist „Das Haus am Ende der Welt“ doch ein klein wenig mehr: Tremblay versucht einige Klischees abzuschütteln. Zum einen „beglücken“ die Psychopathen eine in der heutigen Zeit leider immer noch als untypisch betrachtete Familie: Wen und ihre zwei Väter. Ich halte von solchen simplen Mechanismen außerordentlich viel, da nur dadurch diese Thematik endlich ihren Weg in die Normalität finden kann.
Zum anderen versucht Tremblay seinen Psychopathen ein wenig Philosophie mit auf den Weg zu geben. Dies sorgt doch tatsächlich für ein klein wenig Nachdenken auf des Lesers Seite. Anfangs ging ich noch davon aus, dass die Eindringlinge schlicht etwas gegen Homosexualität haben – gut, dieser Ansatz kommt latent vereinzelt vor – aber weit gefehlt, der Ansporn liegt in der Vermeidung von nichts Geringerem als dem Weltuntergang. Klar, dass dafür Opfer gebracht werden müssen…
„Das Haus am Ende der Welt“ sorgt für eine ausreichende Unterhaltung, versucht dabei etwas mehr, kann dies aber nicht einlösen. Alles in allem dennoch gute Unterhaltung im etwas härteren Genre für einige Stunde des Abschaltens. Gleichzeitig aber auch nichts herausragendes – muss aber auch nicht immer sein.
Jürgen Seibold/24.08.2019

Orgel, T.S.: Terra

Originalausgabe 12/2018
©2018 by Tom & Stephan Orgel
©2018 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31967-7
ca. 508 Seiten

COVER:

In der Zukunft hat sich die Erde in ein ökologisches Wrack verwandelt. Der Mond ist ein einziges Bergwerk, und alle Hoffnungen liegen nun auf der Besiedlung des Mars. Dessen Terraforming ist in vollem Gange, und mit Raumfrachtern werden die Rohstoffe des roten Planeten abtransportiert. Jak ist Mechaniker an Bord eines vollautomatischen Frachters, der gerade mit zwei Millionen Tonnen Erz auf dem Weg zur Erde ist. Was er nicht weiß: Einer der Container ist vollgestopft mit Bomben. Und auch Jak hat ein paar Geheimnisse zu verbergen. Für ihn und seine Schwester Sal, die als Marshal auf dem Mond stationiert ist, beginnt ein gnadenloser Wettlauf gegen die Zeit, bei dem es um nichts weniger geht als um das Schicksal des Planeten Erde …

REZENSION:

Die beiden Brüder Tom und Stephan Orgel sind sicherlich den Lesern bisher als Erschaffer fantastischer Welten ein Begriff. Nachdem sie sich ausgiebig den Orks und Zwergen widmeten, scheinen sie wohl den Drang bekommen zu haben, die unendlichen Weiten zu entdecken. Anders kann es nicht sein, da es sich bei ihrem neuesten Roman mit dem Titel „Terra“ um einen reinrassigen Science-Fiction-Roman handelt.
Die von den beiden verwendete Spielwiese ist jedem ein Begriff: Wir befinden uns auf dem Mond, dem Mars oder eben auf dem Weg vom dort zu unserem Planeten.
Interessanterweise schaffen die beiden es dabei nahezu problemlos einen spannenden Plot abzuliefern, der so klingt, als ob sie bisher noch niemals ein anderes Genre bedient hätten.
Das interessante bei „Terra“ ist nicht nur das Setting und das prinzipielle Problem der Frachter auf ihrem Weg zur Erde – nein, irgendwie schaffen es die Autoren, dass man die beiden Hauptdarsteller sofort akzeptiert und jegliche Handlung dieser ungebremst zu verfolgen gewillt ist. Interessant deshalb, da Jak in seinem bisherigen Leben nicht wirklich ein reinrassiger Sympathieträger gewesen ist.
Die Geschichte geht zwar ohne besondere Überraschungen voran, nichts desto trotz macht es einfach richtig viel Freude, dem Inhalt vorbehaltlose zu folgen.
„Terra“ läuft ähnlich eines Filmes ab und somit kann man sich auch mit dem Inhalt zwischen den Buchdeckeln ohne Probleme auf eine einigermaßen spannende Art berieseln lassen.
Die Richtigkeit der technischen Belange spielen dabei für mich eher eine nachgelagerte Rolle – bei mir zählt die Geschichte und der Unterhaltungswert. Dies haben die beiden Brüder ausreichend gut erfüllt. „Terra“ ist somit ein gelungener Unterhaltungsroman, der nicht nur SF-Fans vorm Ofen hervorlocken sollte – im Gegenteil, er funktioniert einfach in sich selbst und sollte somit nicht explizit als Genrewurf eingetütet werden. Mir hat die Geschichte jedenfalls Spaß gemacht.
Jürgen Seibold/24.08.2019

Oden, Matthias: Die Krone der Elemente

Originalausgabe 01/2019
©2019 by Matthias Oden
©2019 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31956-1
ca. 731 Seiten

COVER:

„Knie“, sagte er. „Du bist auf heiligem Boden.“ Sie tat wie geheißen. Lyndemans Hände verwehrten ihr den Blick auf das, was im Erdreich steckte, aber sie sah, dass es leicht schimmerte. „Ist es das?“, fragte sie. Der Hüter gab ihr keine Antwort, zu versunken war er in den Anblick des Reifs in seinen Händen.

Viele Jahrhunderte wuchs das Heilige Reich Salischer Völker, bis es beinahe ganz Elyrdan umschloss. Nun ist der Vormarsch seiner Armeen zum Erliegen gekommen. Sein Herrscher, der alte Kaiser, ist gebrechlich, die Fürsten streiten sich um ihre Pfründe, und die Seher kehren immer öfter ohne Antworten von den Traumfeldern zurück. Doch die eigentliche Gefahr ahnt noch niemand. Denn unbemerkt hat die ehrgeizige Oberbefehlshaberin des Nachbarlandes Chimrien ein Artefakt erlangt, das ihr unbegrenzte Macht zu verheißen scheint – eine seltsam schimmernde Krone. Als sie mit ihrem Heer über den Grenzfluss Tern zieht und das Kaiserreich angreift, ist niemand dort auf diesen Überfall vorbereitet, erst recht nicht auf die gewaltigen Kräfte, die sie mithilfe der Krone entfesselt. Eine Stadt nach der anderen fällt, und schon bald brennt der Chimmgau, die Westgrenze des Salenreiches. Und während die Fürsten eilends Truppen mobilisieren, droht von einer ganz anderen Seite neue Gefahr – denn auf den Traumfeldern, wo die Seher nach den Ewigen Wispern der Prophezeiung suchen, mehren sich unheilvolle Zeichen. Das Ende eines Zeitalters dämmert herauf …

REZENSION:

Matthias Oden, bekannt als Autor des sehr interessanten und recht ungewöhnlichen Romans „Junktown“ wechselt mit „Die Krone der Elemente“ das Genre und möchte auch in der Fantasy seinen Abdruck hinterlassen.
Laut einem Zitat des Autors in der Presseinformation hält Matthias Oden die Zeit simpler Fantasy als vorbei. Das platte „Schwarz-Weiß-Schema“ hält er für ausgelutscht und möchte somit in seiner Fantasy Themen unserer Zeit mit aufnehmen.
Dieser Gedanke des Autors ging mir auch schon des Öfteren durch den Kopf. Immer mehr enttäuscht mich die übliche Fantasy-Quest – viele Geschichten nur noch eine andere Darbietung relativ gleicher Vorgehensweisen.
Matthias Oden scheint jedenfalls tatsächlich dieses Konzept zu verlassen und somit einen eigenen Weg zu beschreiten.
Seine Art des Schreibens lässt an der bereits in „Junktown“ kennengelernten Virtuosität und Eingängigkeit nichts missen. Der qualitative Maßstab ist weiterhin angenehm hoch und anspruchsvoll angesiedelt. Dennoch fiel es mir außerordentlich schwer, der eigentlichen Geschichte uneingeschränkt folgen zu können. Ich befürchte fast, dass Oden in seinem ersten Band ein wenig zu weit mit dem Ausholen begonnen hatte und somit den prinzipiell notwendigen Weg der Handlung zu oft aus den Augen verlor.
Diese Vorgehensweise kann bei Lesern mit einem langen Atem wahrlich funktionieren – ich persönlich halte es auch durch die Darbietung einer interessanten Sprache recht lange aus – aber ab einem gewissen Punkt treibt es mich doch vorwärts beziehungsweise zurück auf den Weg. Sehe ich diesen nicht, so fühle ich mich verloren und finde keinen Halt mehr in der interessant anmutenden Geschichte.
Nichts desto trotz bin ich überzeugt, dass Oden seine Geschichte gelungen weitererzählen wird und dabei auch manche neue Tür des Genres öffnet. Ein etwas kürzerer Start mit etwas weniger Ausschweifungen hätten dem ersten Band meiner Meinung nach gut getan und es wäre dann ein leichtes gewesen, sich auf die Geschichte einzulassen und die Freude auf den nächsten Band auftauchen zu lassen. Mir fiel es leider etwas zu schwer und somit bin ich ganz hin- und hergerissen, werde dennoch vorerst die Finger davonlassen.
Jürgen Seibold/24.08.2019