James, Marlon: Schwarzer Leopard, Roter Wolf

Originaltitel: Black Leopard, Red Wolf
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
©2018 by Marlon James

©2019 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27222-4
ca. 829 Seiten

COVER:

Sucher, der Jäger mit dem besonderen Sinn, wird vor eine äußerst schwierige Aufgabe gestellt. Als Teil einer Söldnergruppe soll er einen Jungen aufspüren, der vor drei Jahren spurlos verschwand. Die Fährte führt sie durch Wälder und Städte, zu Gestaltwandlern, Ausgestoßenen und Hexen. Dabei stellen sich ihnen gefährliche Feinde in den Weg. Sucher muss um sein Überleben kämpfen. Und er beginnt sich zu fragen: Wer ist der Junge wirklich? Warum ist er damals verschwunden? Was ist Wahrheit und was Lüge?

REZENSION:

Heyne Hardcore möchte laut Eigenwerbung keinen Mainstream verlegen – dies schätze ich unglaublich und verfolge aus diesem Grund auch regelmäßig sämtliche Veröffentlichungshinweise. Da die Beschreibung von Marlon James‘ Schwarzer Leopard, Roter Wolf in seiner Gänze unglaublich interessant klang und darüber hinaus von einem Jamaikanischen Autoren geschrieben worden ist, war ich sichtlich ob des Inhalts gespannt.
Vorweg: Der Blick in die literarischen Veröffentlichungen anderer Länder wie zum Beispiel China, Afrika und nun auch Jamaika lohnt sich unglaublich. Man wird mit einer inspirierend andersartig verwendeten und klingenden Sprache bedient, die den eigenen Horizont gewaltig erweitern kann.
Darüber hinaus handelt es sich um Autoren aus anderen Kulturen, was immer für eine Erhöhung des eigenen Verständnisses sorgt.
Schwarzer Leopard, Roter Wolf ist ein Fantasy-Roman und steht als Auftakt einer Reihe. Seine Figuren sind herausragend dargestellt und die Erzählweise des Marlon James fühlt sich an wie der Erguss aus einem Füllhorn voller Ideen.
Gut, er ist auch beispiellos in seiner Darstellung von Gewalt, Sex und dem unsäglichen Verstümmeln von Geschlechtsteilen. Gleichzeitig konnten mir die wenigen Sätze des Autoren in Bezug auf „Man muss dem Mann die Frau und der Frau den Mann nehmen“ das religiös aufgeladene und irrsinnige Thema der Beschneidungen von Mann und Frau stärker näher bringen als die üblichen Erklärungsversuche. Sehr interessant, wie ein kurzer Part eines Fantasyromans einem die Augen innerhalb der Realität öffnen kann. Vielleicht muss man mehr beim religiösen Wahn ansetzen, um Frauen endlich von dieser unsäglichen Methodik befreien zu können. Gleichzeitig werden viele Leser diesen Umstand – als auch andere – sehr kritisch in James‘ Werk betrachten und können davon sogar an ihre eigenen Geschmacksgrenzen gebracht werden.
In meinen Augen darf Literatur so vorgehen; manchmal ist der gefühlte „Hammer“ notwendig, um Menschen etwas klar zu machen.
Im Gegenzug zu den genialen erzählerischen Ideen des Schriftstellers fällt es dennoch bereits von Anfang an schwer, der Geschichte folgen zu können. Einige Zeit ergötzte ich mich noch an den blumigen und halluzinatorischen Satzzusammenstellungen und Darbietungen, doch nach einiger Zeit verliert man das Interesse daran, sich zu fragen, welche Drogen der Schriftsteller zur Findung solcher Welten und Figuren eigentlich zu sich nimmt.
Das Buch krankt nämlich trotz seiner gewaltigen Sprache an einem unerlässlichen Punkt: Die Handlung lässt sich nicht oder nur durch höchste Konzentration greifen. Die Kapitel scheinen sprunghaft, die einzelnen Episoden zerrissen und neu eingefügte Personen verschwinden wieder, bevor sie sich im Gehirn des Lesers richtig manifestieren konnten.
Das Buch könnte ein echter Blockbuster sein, hätte der Autor nur ein klein wenig auf die Einhaltung seines roten Fadens geachtet. Er tat dies nicht und somit blieb eine Geschichte, die sich nur schwer beenden lässt (ich hatte es nicht geschafft) und lediglich von ihrer interessanten Sprache lebt.
Jürgen Seibold/15.03.2020

Laymon, Richard: Das Ende

Originaltitel: Among The Missing
Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler
Vollständige deutsche Erstausgabe 04/2018
©1999 by Richard Laymon
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-67714-2
ca. 304 Seiten

COVER:

„Bass ging weiter, Faye dicht an seiner Seite. Das fremde Paar lag noch ein gutes Stück entfernt und rührte sich nicht. Der Mann trug eine Jeans, aber kein Oberteil. Er lag auf der Seite zusammengerollt und verdeckte die Frau teilweise. Die Beine der Frau waren jedoch zu sehen. Sie war offensichtlich nackt. Eine Brust war zu erkennen, aber die andere blieb hinter der Schulter des Mannes verborgen. Bass und Faye blieben stehen, unschlüssig, wie sie sich verhalten sollten. Da bewegte der Mann einen Arm. Er drehte sich auf den Rücken und gab den Blick auf die Frau frei. Sie hatte keinen Kopf mehr …“

REZENSION:

Richard Laymon ist vielen Fans der etwas härteren Gangart mit Sicherheit ein Begriff. Der leider bereits verstorbene Autor konnte sehr oft mit seiner schnellen und auf den Punkt kommenden Art des Schreibens den Leser mit spannenden, eingängigen und ab und an ziemlich brutalen Geschichten überzeugen.
Dementsprechend freute ich mich auch auf das bei Heyne erschienene „Das Ende“ – lockte doch die Beschreibung des Buches mit ähnlichen Superlativen.
Es ist jedoch nach Genuss des nicht allzu dicken Buches notwendig, hier einige Abstriche zu machen. „Das Ende“ ist sicherlich ein handwerklich gut erzählter Plot mit einigen interessanten Wendungen. Gleichzeitig aber nichts weiter als ein Thriller, erzählt in manchmal etwas deftigerer Sprache. Zu wenig jedoch für einen echten Laymon.  Er schafft es dadurch nicht, seine eigentliche Klientel rundum überzeugen zu können. Nichts desto trotz hat die Geschichte für ausreichend Unterhaltung gesorgt. Ich wäre aber dennoch – insbesondere durch die eigene Erwartungshaltung – zufriedener gewesen, wenn es sich auch bei diesem Werk um einen reinrassigen Horror gehandelt hätte. „Das Ende“ ist ein Thriller – flüssig, gut aufgebaut und für einen Thriller ausreichend spannend erzählt. Somit ein ganz guter und auch interessanter Plot zur Unterhaltung zwischendurch.
Mehr gibt es in meinen Augen nicht her, vor allem, wenn man es mit anderen, weitaus besseren Werken des Autors vergleicht.
Jürgen Seibold/27.04.2018

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