Francesco Dimitri: Das Buch der verborgenen Dinge

Originaltitel: The Book of Hidden Things
Aus dem Englischen von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 03/2020
©2018 by Francesco Dimitri
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32035-2
ca. 428 Seiten

COVER:

Einst waren Fabio, Mauro, Tony und Arturo, genannt Art, unzertrennlich. Sie wuchsen im Salento im tiefsten Süden Italiens auf, einer Gegend so flach und einsam, so trocken und windig und so eigenwillig, dass sie einen nie loszulassen scheint. Einer Gegend, in der eigene Regeln über Land, Meer und Menschen herrschen und die Sacra Corona Unita die Macht innehat. Gemeinsam haben die vier Freunde ihre ersten Erfahrungen mit Mädchen gemacht, gemeinsam den ersten Joint geraucht. Und gemeinsam hüteten sie ein dunkles Geheimnis. Inzwischen sind sie erwachsen geworden, und jeder von ihnen führt sein eigenes Leben, aber einmal im Jahr treffen sie sich in ihrem Heimatort Casalfranco – das haben sie einander nach dem Schulabschluss versprochen.

Doch dieses Mal ist alles anders, denn Art taucht nicht auf. Ausgerechnet Art, der sie damals auf den Pakt eingeschworen hat. Beunruhigt fahren Fabio, Mauro und Tony zu Arts abgelegenen Bauernhof – nur um das Anwesen völlig verlassen vorzufinden. Sofort ist ihnen klar, dass ihrem Freund etwas zugestoßen sein muss, und sie machen sich auf die Suche nach ihm. Eine Suche, die sie nicht nur in ihre eigene Vergangenheit führt, sondern auch zu einem magischen Geheimnis – und zum Buch der Verborgenen Dinge …

REZENSION:

„Das Buch der verborgenen Dinge“ spielt auf der Halbinsel Salento im tiefsten Süden Italiens. Salento ist der Absatz des italienischen Stiefels und diesem Umstand entsprechend hört man von den Protagonisten im vorliegenden Roman nicht viel Positives darüber.
Dennoch scheint Francesco Dimitri diese Gegend in seinem kuriosen Werk zu huldigen – auch wenn er das auf eine umstrittene Art durchzuführen scheint.
Salento scheint eher karg zu sein, gefüllt mit typischen Dorfmenschen, die ihr eigenes Leben leben, in Ruhe gelassen werden wollen und jeden Hang zur Außergewöhnlichkeit zu vermeiden beziehungsweise missachten versuchen.
Hier wuchsen die vier Freunde auf – ein langweiliger Start in einem langweiligen Dorf namens Casalfranco. Am Ende ihrer Schulzeit schworen sie sich dennoch, sich einmal im Jahr in ihrer Stammpizzeria zu treffen – ein Schwur, den sie nahezu komplett viele Jahre einhielten.
Nun kam jedoch der Initiator dieses Paktes nicht und es entwickelten sich sorgenvolle Gedanken, da gerade Arturo für seine Wechselhaftigkeit bekannt ist und darüber hinaus bereits Kontakte zur Sacra Corona Unita hatte – diese Organisation steht für die eigentliche Macht im Salento.
Die drei Freunde machen sich auf die Suche nach Arturo – wir als Leser erfahren dabei alles über die eigentlichen Abgründe und Erlebnisse aller Beteiligten, bis hin zum Buch der verborgenen Dinge…
Francesco Dimitris Buch ist nicht nur eine Hommage an das Salento im tiefen Italien, sondern auch eine an eine tiefgehende Männerfreundschaft. Er lässt uns detailverliebt am Leben dieser Personen teilhaben und holt dabei sehr weit in die Vergangenheit aus. Nahezu kein Geheimnis bleibt ungeklärt oder gar weiterhin verschlossen vor des Lesers Augen. Jeder einzelne dunkle Fleck wird beleuchtet und nebenbei erwähnt gibt es da nicht gerade wenige.
„Das Buch der verborgenen Dinge“ lebt von seiner Suche nach Art und im Besonderen von den Erlebnissen aller Beteiligten. Es ist eine Geschichte über eine kuriose Freundschaft, gefüttert mit Sex, Gewalt und einer Vielzahl an philosophischen Gedanken.
Die Darbietung und insbesondere die Gedankenwelt der jeweils in der Ich-Form erzählenden Protagonisten konnte mich mit ausreichend Interesse bei der Stange halten – dennoch war ich ein wenig enttäuscht, dass, entgegen der ursprünglichen Annahme, doch kein nennenswertes phantastisches Element vorhanden ist. Dies wäre kein Problem, jedoch wird einem diesem Werk in diesem Bereich (und vereinzelt auch als Horror) dargeboten.
Der Grundstock wäre vorhanden gewesen und ein kleiner Schubs in diese Richtung hätte diesem sprachlich grandiosen Werk auch außerordentlich gut getan. Leider war dem nicht so, und somit konnte es den Sprung von der guten zur sehr guten Unterhaltung nicht vornehmen. Nichts desto trotz handelt es sich um eine solide Unterhaltung mit interessanten Gedanken und philosophischen Überlegungen über Freundschaften – trotzdem hätte ich mir ein klein wenig mehr hinter diesem neugierig machenden Buchtitel erwartet.
Hysterika.de/JMSeibold/08.11.2020

Stephen King: Erhebung

Originaltitel: Elevation
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2018 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27202-6
ca. 144 Seiten

COVER:

DIE UNGLAUBLICHE LEICHTIGKEIT DES SEINS

Scott wird immer leichter, ohne dass sein Körper sich verändert. Trotz der mysteriösen Heimsuchung setzt er alles daran, gegen himmelschreiendes Unrecht in der entzweiten Kleinstadt Castle Rock vorzugehen.
Stephen King erzählt meisterhaft beunruhigend und ermutigend zugleich eine zeitgemäße Geschichte darüber, wie man Streit und Vorurteil überwinden kann.

REZENSION:

Es ist schon einige Zeit her, als ich dieses recht dünne Büchlein eines der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart gelesen hatte. Leider verpasste ich aus zeitlichen Gründen das sofortige Entwerfen einer Rezension – eine Geschichte bleibt jedoch gut oder schlecht, ganz egal, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist. Somit nun endlich einige Worte von mir zu diesem Werk aus der Feder des einzigen Schriftstellers, der mich bereits gefühlt mein gesamtes Leseleben begleitet.
ERHEBUNG umfasst gerade mal ungefähr 144 Seiten und dennoch ist es eine Geschichte, wie ich sie schon lange nicht mehr gelesen hatte.
Stephen King hatte schon öfters Statements in seinen Werken abgegeben: „Die Arena“ stellt die Vorgehensweise des damaligen Präsidenten bloß, „In einer kleines Stadt“ trifft die vermeintlich brave Nachbarschaft. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe an Werken, die das Thema „Freundschaft“ nicht nur zeigen, sondern deren Wichtigkeit gar zelebrieren. Man denke dabei nur an „Die Leiche“ und ganz besonders natürlich der Klub der Verlierer in ES.
ERHEBUNG zeigt sich als Sahnehäubchen zum Thema Freundschaft und geht dabei sogar einen ganz wichtigen Schritt weiter. Innerhalb dieses kurzen Büchleins schafft es der Autor grandios, eine Lanze gegen jegliche Art von Intoleranz zu brechen und jedem Leser dabei aufzuzeigen, dass sowohl Rassismus als auch jeglicher negative Gedanke gegen Homosexualität absoluter Schwachsinn ist. Alles was zählt ist Freundschaft und nichts weiter.
ERHEBUNG zelebriert dieses Thema in der typischen amerikanischen Kleinstadt, gesättigt mit Idioten, die trotz des Interesses und des guten Angebotes nicht in ein Geschäft gehen, da die weiblichen Inhaber ein Pärchen sind. Bosheiten, Intoleranz, Vorurteile und noch vieles mehr wischt der Autor verständlich beiseite und lässt dabei auf eine leichtgängige Art und Weise das Wohlfühlbuch des Jahres 2019 entstehen.
Gut, das Ende ist ein wenig abrupt – dennoch war es nach langer Zeit ein Werk, welches ungebremst in meine Seele eingedrungen ist und mich nach dem letzten Buchstaben mit einer Träne im Auge zurückließ.
Auch wenn ich mit meiner Rezension ein wenig spät dran ist, ändert das nichts an der Tatsache, dass ERHEBUNG das absolute Wohlfühlbuch des vergangenen Jahres darstellt und eine Bresche schlägt für das Gute im Menschen.
Mit dieser knapp bemessenen Kurzgeschichte können viele Personen sicherlich mehr anfangen, als mit sachlichen Texten, die darauf hinweisen, dass Homosexualität nichts Schlimmes ist. Hier in diesem Buch lernt man es an einer real wirkenden Geschichte voller Liebe, Gefühl und Freundschaft – genau so lassen sich Sachverhalte sinnvoll vermitteln und ich bin mir sicher, dass dieses Werk dem ein oder anderen die Augen geöffnet hat. Falls jemand emotionell unberührt bleibt beim Lesen dieser kleinen Story, dann hat er unter Umständen tiefergehende Probleme und sollte damit beginnen, sich in dieser Richtung Gedanken zu machen.
Trotz meiner Verspätung: ERHEBUNG war für mich das Buch des Jahres 2019!
Jürgen Seibold/28.03.2020