Chen, Qiufan: Die Siliziuminsel

Originaltitel: Huang Chao
Aus dem Chinesischen von Marc Hermann
Deutsche Erstausgabe 10/2019
©2019 by Stanley Chen Qiufan
©dieser Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31922-6
ca. 480 Seiten

COVER:

Chian in der nahen Zukunft. Mimi, eine junge Wanderarbeiterin, fristet ihr Dasein unter den Ausgestoßenen auf der Siliziuminsel. Hier im Südosten Chinas ist ein globaler Knotenpunkt des Elektronikschrotthandels entstanden. Tausende Arbeiter wie Mimi schuften tagein, tagaus auf den riesigen Müllbergen und sortieren kybernetische Prothesen, kaputte Roboterteile und ausrangierte Platinen für die Rohstoffgewinnung. Die Profite aus diesem Geschäft landen allerdings in den Taschen dreier Clans, deren Familien seit Jahrhunderten die Insel beherrschen.
All das ändert sich, als der Amerikaner Scott Brandle mit seinem Dolmetscher Chen Kaizong auf der Siliziuminsel eintrifft. Brandle will für seinen Konzern eine moderne Recyclinganalge errichten lassen, doch seine wahren Absichten hält er verborgen. Kaizong wiederum ist zwar in den USA aufgewachsen, aber auf der Insel geboren. Während Mimi und er sich näherkommen, muss er aber feststellen, dass er hier mit seinen Idealen und westlichen Werten zu einem Fremden geworden ist. Als eine Schiffsladung mit hochgefährlichem Cyberschrott auf der Insel eintrifft, setzt das eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang, die nicht nur Kaizongs und Mimis Liebe, sonder das Leben der Müllmenschen und das Schicksal der ganzen Siliziuminsel für immer verändern wird …

REZENSION:

Es ist unglaublich erfrischend, dass durch den großen Erfolg von Cixin Liu immer mehr Autoren aus dem Reich der Mitte mit ihren Werken den Weg in unsere Bücherregale finden. Es hätte mich auch sehr gewundert, wenn auf deren riesigem Markt keine herausragenden Autoren vorhanden wären – leider trübte uns unser Blick immer durch seine Ausrichtung gen Westen. Schön, dass man nun seinen Horizont simpel erweitern kann.
Kurz bevor ich Qiufan Chens „Die Siliziuminsel“ zu lesen begann, schaute ich mir eine Reportage über die Machenschaften innerhalb der Kunststoffindustrie an. Auch dort werden Menschen als Müllsammler und -sortierer in armen Ländern auf das Übelste ausgebeutet. Somit ist die Fiktion Chens leider schon lange keine Fiktion mehr.
Immer noch irritiert von der tiefgehenden Dramatik des Gesehenen widmete ich mich dem Buch von Quifan Chen. Dieser startet recht ähnlich und lässt uns an den Begebenheiten der armen Müllsammler auf der Siliziuminsel im Detail teilhaben. Auch dort findet nichts weiter als simple Ausbeutung der Ärmsten statt. Seine Utopie hat sich jedoch bereits eingeholt – was diese nur noch erschreckender macht.
Ehrlich gesagt fragte ich mich des Öfteren, warum sich Chen einer Zukunftsutopie widmete, diesen Umstand jedoch lediglich zur Darstellung noch unbekannter technischer Gegenstände wie zum Beispiel elektronischer Sexpuppen, die auf dieser Müllinsel landen, verwendete. Ob das Selbstschutz war? Nun, dies entzieht sich meiner Kenntnis – dennoch funktioniert das Buch auch problemlos als Gegenwartsliteratur.
Seine Darsteller als auch die Umgebung ist von Chen liebevoll, eingängig, glaubhaft und ausreichend detailliert dargelegt. Nichts desto trotz ließ er die Probleme auf der Siliziuminsel zu schnell auf der Seite und widmete sich der etwas kuriosen Liebesgeschichte seiner beiden wichtigsten Protagonisten. Spannungselemente sind nicht wirklich vorhanden, was kein Problem wäre, wenn er nur annähernd so philosophisch wie Cixin Liu aufgetreten wäre. Quifan Chen hat diese Qualität aber noch bei Weitem nicht und somit verliert er sich darin, beziehungsweise scheint es nicht durchgehend zu versuchen.
Das angerissene Grundthema ist aktueller denn je und hierzu hätte ich mir noch erheblich mehr erwartet als Chen darzulegen in der Lage war. Durch diese Vorgehensweise verliert die Geschichte etwas und kommt trotz des starken Starts aus diesem Tal auch nicht wieder heraus. Am Schluss bleibt ein einigermaßen guter Science-Fiction-Roman, der etwas darlegen wollte, dabei aber nicht gezielt genug vorgegangen ist und sich somit in seiner Beziehungsgeschichte und einigen Clanproblemen verloren hat.
Jürgen Seibold/01.03.2020

Kay, Guy Gavriel: Das Reich Kitai: Am Fluss der Sterne

Originaltitel: River of Stars
©2013 Guy Gavriel Kay
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2017 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN: 978-3-10-403713-4
Ca. 720 Seiten

COVER:

Ren Daiyan ist kaum dem Kindesalter entwachsen, als er im Dienste eines kaiserlichen Magistrats sieben Männer tötete und zum Geächteten wurde. Niemand ahnt, dass er einmal zu einem der mächtigsten Männer des Reiches werden soll.
Lin Shan ist die Tochter eines Gelehrten, und sie lernt Dinge, die anderen Frauen verwehrt bleiben. Der Kaiser ist von ihrem Intellekt fasziniert, die anderen Damen am Hofe sind neidisch. Und als das Leben ihres Vaters gefährdet ist, muss sie allen Mut und all ihr Wissen einsetzen, um ihn zu retten.
In dem gespaltenen Land herrscht ein Kaiser, der sich mehr für die Künste interessiert als für das Regieren. Bis eine neue Gefahr alles unter dem Fluss der Sterne auszulöschen droht …

REZENSION:

Nachdem ich das Vorgängerbuch mit dem Titel „Im Schatten des Himmels“ nahezu verschlungen habe, sprach absolut nichts dagegen, erneut in das Reich Kitai ein zu tauchen.
Im Gegensatz zu der üblichen Vorgehensweise im Genre der phantastischen Literatur handelt es sich bei vorliegendem Werk nicht um eine nahtlose Fortsetzung zum eben genannten Werk des Autors. Beide Werke spielen zwar in der gleichen Welt, sind aber inhaltlich absolut voneinander losgelöst und somit problemlos einzeln zu betrachten.
Das Reich Kitais lehnt sich sehr stark an das vergangene chinesische Reich an, wodurch die Bücher Guy Gavriel Kays fast wie historische Romane lesen lassen. Nichts desto trotz ist Kitai erfunden und vom Autor bildgewaltig dargestellt.
„Am Fluss der Sterne“ steht in der sprachlichen Qualität seinem Vorgängerband in nichts nach. Dennoch war es mir im Gegensatz zum Vorgängerband nicht möglich, einen ausreichenden Zugang zu diesem Buch zu finden.
„Im Schatten des Himmels“ hatte mich ab der ersten Seite mit in die Geschichte gerissen und es war mir nahezu unmöglich, das Buch beiseite zu legen.
Demgegenüber zeigte mir sich „Am Fluss der Sterne“ als zwar erneut schön und detailliert geschriebenes Werk – dennoch schaffte es die Story zu keiner Zeit mich bei der Hand zu nehmen.
Lediglich auf Basis des Vorgängers gab ich dem Buch mehrere hundert Seiten, bis ich es leicht frustriert zur Seite legte.
In diesem Fall ist es meiner Meinung nach sehr schade, dass es Kay nicht geschafft hatte, mich mit der von ihm vorgelegten Handlung zu überzeugen. Qualitativ hochwertig genug ist seine Art des Erzählens und somit war ich doppelt enttäuscht: Einerseits gefällt mir seine Art des Erzählens, andererseits fehlte mir hier innerhalb der Handlungsstränge der nötige Drang zum Weiterlesen.
Schade eigentlich, dennoch werde ich diesen Autoren weiterhin im Auge behalten und hoffe sehr, dass er mich eines Tages wieder genauso intensiv überzeugen kann, wie bereits mit „Im Schatten des Himmels“.
Jürgen Seibold/26.06.2018

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Guy Gavriel Kay: Im Schatten des Himmels

Originaltitel: Under Heaven
©2010 Guy Gavriel Kay
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2016 S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-10-403712-7
ca. 720 Seiten

COVER:

Guy Gavriel Kay ist der Großmeister der historischen Fantasy. Mit ›Im Schatten des Himmels‹ hat er ein bildgewaltiges und fesselndes Epos geschrieben, das in einem phantastischen Reich der Mitte spielt. Kay beschwört das China der Tang-Dynastie herauf und erzählt eine grandiose Fantasy-Geschichte voller Intrigen, Abenteuer und Magie.

»250 sardianische Pferde, Geschöpfe von unvergleichlicher Schönheit und Seltenheit!« Als der Kriegermönch und Gelehrte Shen Tai für seine Heldentaten von der Jadeprinzessin des Nachbarreiches belohnt wird, macht ihn das überaus großzügige und gefährliche Geschenk auf einen Schlag zu einem der mächtigsten Männer im Reich der Mitte.

Die Herrschenden von Kitai – eine Fantasy-Version des Chinas der Tang-Dynastie – wollen jedoch keinen neuen Konkurrenten neben sich dulden und senden Mörder aus, um Shen Tai aus dem Weg zu räumen. Nach einem ersten Attentatsversuch beschließt Shen Tai, in die Hauptstadt zu reisen, um die Pferde dem Kaiser zum Geschenk zu machen. Begleitet wird er von der jungen Kriegerin Wen Song, die geschworen hat, ihn mit ihrem Leben zu beschützen, und dem berühmten Dichter und Trunkenbold Sima Zian, der seinem jungen Freund mit Rat und Tat zur Seite steht. Die Gefährten erwartet eine abenteuerliche und gefährliche Reise, auf der sich das Schicksal des Reiches entscheiden wird.

Mit seiner unvergleichlichen Charakterentwicklung und der großartigen Handlung wird Kays neuestes Werk Liebhaber von historischen Romanen ebenso begeistern wie Fantasy-Fans.

REZENSION:

Der Fantasy-Autor mit dem nicht gerade leicht zu merkenden Namen Guy Gavriel Kay führt uns mit seinem Buch “Im Schatten des Himmels” in das Land der Mitte und schafft es dabei, trotz Verwendung einer eigenen Dynastie, die reale Tang-Dynastie wieder aufleben zu lassen.
Man könnte sein Werk beinahe als historischen Roman bezeichnen – nachdem der Autor jedoch seine eigene Welt entwickelt, bleibt er seinem ursächlichen Genre treu und kann somit per Leichtigkeit seine eigene Geschichte erzählen, ohne auf historische Besonderheiten im Detail Wert legen zu müssen.
Er erzählt dabei eine wunderschöne Geschichte voll Intrigen, Tradition, Werte, Liebe, Krieg und Macht. Dies alles in einer glaubwürdig dargelegten Welt mit Kulissen, die ich gerne sofort selbst besuchen wollen würde.
Sein Erzählstil ist eingängig, detailreich, tiefgehend, spannend und dennoch frei von irgendwelcher “Hetze”, wodurch sein chinesisches Setting von Seite zu Seite immer mehr an Glaubwürdigkeit gewinnt. Wüsste ich nicht, dass es sich um eine Fantasy-Welt handelt, ich würde ihm jedes Wort uneingeschränkt glauben und dieses Buch als historischen Roman weiter empfehlen. Natürlich ist es ein Fantasyroman – dennoch kann “Im Schatten des Himmels” mit Leichtigkeit auch bei Lesern von historischen Romanen perfekt funktionieren. Ich kann jedem nur raten, es einfach selbst auszuprobieren.
Das Buch ist – wie so oft in diesem Genre – nicht gerade dünn. Sobald man aber die ersten paar Seiten hinter sich hat, merkt man überhaupt nicht mehr, wie viele Seiten man noch vor sich hat – im Gegenteil: Man wundert sich, warum dieses über 700 Seiten dicke Buch plötzlich zu Ende ist.
Dies ist somit wieder einmal ein Buch, dessen Ende man herbeisehnt, um dann leider traurig zu sein, dass es nun bereits erfolgt ist und man das Buch beenden muss.
Ein absolutes Meisterwerk in dem wahrlich alles richtig gemacht worden ist.
Ich freue mich schon sehr auf den bald erscheinenden Fortsetzungsband.
Jürgen Seibold/27.08.2017
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