Hannig, Theresa: Die Unvollkommenen

©2019 by Theresa Hannig
Deutsche Originalausgabe ©2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
ISBN 978-3-404-20947-7
ca. 399 Seiten

COVER:

Bundesrepublik Europa, 2057: Es herrscht Frieden in der Optimalwohlökonomie, einem lückenlosen Überwachungssystem, in dem mithilfe von Kameras, Linsen und Chips alles erfasst und gespeichert wird. Menschen und hochentwickelte Roboter sollen Seite an Seite leben. Störenfriede werden weggesperrt.
So auch die Systemkritikerin Lila. Als sie im Gefängnis aus einem künstlichen Koma erwacht, stellt sie fest, dass ihr schlimmster Albtraum wahr geworden ist: Die BEU wird von einer KI regiert. Samson Freitag wird als Gottkönig verehrt und erpresst von den Bürgern optimalkonformes Verhalten. Für Lila steht fest, dass sie Samsons Herrschaft und die Entmündigung der Menschen beenden muss. Ihr gelingt die Flucht, doch Samson spürt sie auf und bietet ihr einen Deal an, den Lila nicht ausschlagen kann …

REZENSION:

Erst als ich mich diesem Buch widmen wollte, stellte ich fest, dass es sich eigentlich um eine Art Fortsetzungsband zu dem Buch mit dem Titel „Die Optimierer“ von Theresa Hannig handelt. Dieses Werk war mir kein Begriff und wäre es ersichtlich gewesen, dann hätte ich mich dem vorliegenden Werk bestimmt nicht gewidmet.
Ich wagte mich trotz des vermeintlich fehlenden Wissens an die Lektüre und konnte dabei erfreulicherweise feststellen, dass sich Die Unvollkommenen absolut ohne diesen Background problemlos lesen und verstehen lässt. Man entdeckt keine Wissenslücken, wodurch es der Autorin gelungen ist, ein eigenständiges Werk zu entwickeln.
Der Schreibstil ist außerordentlich flüssig gehalten und man kann sich recht schnell auf die Rolle Lilas einlassen. Einige Verhaltensweisen finde ich etwas konstruiert beziehungsweise durch die Darsteller zu schnell akzeptiert. Sieht man darüber hinweg, verfolgt man eine interessante Idee in einem leicht dystopischen und sehr gut aufgebauten Setting in der nahen Zukunft unseres Landes. Theresa Hannig legt ihr Setting in die Nähe Münchens, wodurch ich mich sogleich wie zu Hause fühlen konnte, da mir alle von ihr in diesem Buch besuchten Plätze und Sehenswürdigkeiten ein Begriff sind.
Anfangs treibt sie ihre Handlung rasant voran – sicher, der Plot ist bald für Vielleser vorhersehbar, nichts desto trotz spürt man kein Verlangen zum Beenden des Buches. Dafür ist die Story – trotz vereinzelter Schwächen – doch ausreichend interessant dargelegt.
Die anfängliche Spannung konnte die Autorin leider nicht durchweg aufrechterhalten und ganz besonders in Richtung Ende siegte dann ein wenig die Enttäuschung, da dieses zu schnell abgearbeitet worden ist. Hier hätte es sicher noch ausreichend erzählerisches Potenzial gegeben. Keine Ahnung, ob die Autorin noch weitere Bände herausbringen möchte – zumindest sprechen einige noch offene Fragen dafür, als auch das relativ offen gebliebene Ende. Sollte dies der Fall sein, müsste sie aber deutlich die Spannungsschrauben anziehen, um manchen Leser mitnehmen zu können.
Die Unvollkommenen ist dennoch ein gutes Unterhaltungswerk mit einer nicht unerheblichen Botschaft und sorgt somit für angenehme Lesestunden.
Jürgen Seibold/05.01.2020

De Jager, Mark: Der Fluch des Feuers

Originaltitel: Infernal
Aus dem Englischen von Michael Krug
©2016 by Mark de Jager
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
ISBN 978-3-404-20891-3
ca. 463 Seiten

COVER:

Als Stratus erwacht, liegt er allein auf einem Feld, Geier kreisen über ihm. Er kann sich an nichts erinnern außer seinen Namen. Doch wo kommt er her? Was hat ihn hierher gebracht? Und die brennendste Frage: Was ist das für eine Macht, die er in sich spürt? Was bedeutet sein Verlangen nach Feuer? Ist er etwa ein Opfer schwarzer Magie geworden?

Auf der Suche nach Antworten strandet er in der nächstgelegenen Stadt, die sich gerade zur Schlacht rüstet. Denn es herrscht Krieg im Königreich Krandin, und die feindliche Armee ist auf dem Vormarsch. Stratus muss schnell die Wahrheit über sich herausfinden, damit er weiß, auf welcher Seite er steht. Und bevor die Macht in ihm ausbricht und ein Feuer entfesselt, das niemand mehr eindämmen kann …

REZENSION:

Mark de Jaeger wirft uns in seinem Werk „Der Fluch des Feuers“ ungebremst in die dramatische Situation des Stratus hinein. Ebenso wie sein uns noch nicht bekannter Protagonist tappen wir im Dunkeln und wissen überhaupt nicht, worum es hier eigentlich geht.
Der Klappentext umreist dies bei diesem Buch ganz deutlich: Es geht nun darum, heraus zu bekommen, woher Stratus kommt und wer er eigentlich ist.
Bereits durch diesen rasanten Start konnte mich die Geschichte um den grundsätzlich nicht gerade sympathischen Helden überzeugen beziehungsweise zum weiteren Lesen überreden.
Stratus geht recht unbeholfen vor – sein hauptsätzlicher Antrieb zur Lösung von Problemen liegt in gewalttätigen Ausbrüchen. Diese werden von Mark de Jaeger auch ohne Rücksicht auf Verluste dargestellt.
Dadurch entstand ein Fantasyroman, der so gar nicht in den üblichen Kosmos zu passen scheint. Meiner Meinung nach macht dies aber exakt den Reiz dieses Romans aus. Man fiebert mit, man rätselt mit, man möchte alles über Stratus erfahren.
Gut, der Autor macht es sich schon des Öfteren recht einfach: Stratus wird mehrmals gefangen genommen und – wie bereits gesagt – löst das Problem ohne Rücksicht auf Menschenleben. Nettigkeiten gibt es nicht, der Weg ist das Ziel.
Nach und nach öffnet sich die dezent erklärte Welt des Schriftstellers. Stratus bleibt lange Zeit schwer greifbar und man ist sich unsicher, ob man sich überhaupt mit diesem Typen identifizieren möchte.
Aber warum eigentlich nicht? Einfach mal gedanklich unter Verwendung eines Buches die Sau rauslassen. Damit schadet man keinem und man fühlt sich danach auch nicht gerade schlechter…
„Der Fluch des Feuers“ ist somit ein recht kurzweiliger, leicht zu lesender und brutaler Roman. Irgendwie faszinierend, zu erkennen, dass man als Leser den Darsteller ebenso langsam kennenlernt, wie er sich selbst. Dadurch eine lockere aber auch brutale Alternative zum üblichen Einheitsbrei. Wenn man über wiederkehrende Handlungsstränge (mehrfache Gefangennahme…) hinwegsieht und einfach mal ein düsteres und erfrischend anders wirkendes Werk des Genres lesen möchte, kann es jedenfalls nahezu problemlos damit versuchen.
Jürgen Seibold/28.09.2018