Matthias Oden: Junktown

Originalausgabe 06/2017
©2017 by Matthias Oden
©2017 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31821-2
ca. 400 Seiten

COVER:

Diese Zukunft ist ein Schlaraffenland: Konsum ist Pflicht, Rauschmittel werden vom Staat verabreicht, und Beamte achten darauf, dass ja keine Langeweile aufkommt. Die Wirklichkeit in »Junktown«, wie die Hauptstadt nur noch genannt wird, sieht anders aus. Eine eiserne Diktatur hält die Menschen im kollektiven Drogenwahn, dem sich niemand entziehen darf, und Biotech-Maschinen beherrschen den Alltag. Als Solomon Cain, Inspektor der Geheimen Maschinenpolizei, zum Tatort eines Mordes gerufen wird, ahnt er noch nicht, dass dieser Fall ihn in die Abgründe von Junktown und an die Grenzen seines Gewissens führen wird. Denn was bleibt vom Menschen, wenn der Tod nur der letzte große Kick ist?

REZENSION:

Wir befinden uns in einer Welt der nicht allzu fernen Zukunft. Die gesamte Gesellschaft ist dazu gezwungen, dem Konsumwahn zu frönen. Müll wird nicht mehr weggeschmissen, sondern geschickt vor den Wohnungen drapiert, um jedem zu zeigen, was man sich so alles leisten kann. Es gibt sogar extra Firmen, die Müll für diesen Zweck anbieten. Somit ist jeder gezwungen, dieser Gesellschaft zu folgen, da er sonst denunziert wird.
Gleichzeitig sind Drogen nicht nur eine Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen – nein, sie sind sogar Pflicht und müssen konsumiert werden.
In dieser Welt gibt es nur noch wenige natürlich geborene Menschen. Vielmehr setzt sich die gezielte, industrielle Entwicklung der Menschen durch. Je nach zukünftigem Einsatzort werden diese genetisch geplant und entwickelt.
In dieser Welt geschieht nun ein sehr untypischer Mord: Es wird ein Maschinenwesen – eine Gebärmutter – getötet. Diese Wesen sind mehrstöckig und dienen dem Staat zum Austragen der bestellten Kinder.
Dieses Wesen ist auch so ziemlich das einzige in Odens Buch, welches ich nur wenig greifen konnte. Hier muss man schon sehr stark seine Fantasie aktivieren, um dies zu akzeptieren und zu verstehen. Gibt es doch im realen Leben absolut keine Ähnlichkeit, die man zum besseren Verständnis als Vergleich heranziehen könnte. Man stellt sich immer wieder die Frage, wie ein Beziehungsdrama unter Einbeziehung eines künstlichen Wesens stattfinden kann. Hat man sich dem jedoch gestellt, kann man dieser utopischen Krimi-/Thrillermischung problemlos folgen.
Matthias Odens Junktown baut eine sehr interessante und beängstigende Welt auf, der man nach einigen Anfangsschwierigkeiten recht gut folgen kann. Sein Schreibstil ist flüssig und eingängig. Sein Ideenreichtum lässt absolut nichts zu wünschen übrig.
Gäbe es die detailliert erzählte Welt nicht in diesem Maße, wäre Junktown wohl nichts weiter als ein weiterer Krimi, der ganz gut zu unterhalten weiß. Erfreulicherweise schafft es Oden jedoch, seiner Story eine Umgebung zu widmen, die seinen Krimi eine Stufe höher legt.
Sehr stark erinnert sein Plot an Orwells Klassiker “1984” und durch die abschließende Befragung seines Protagonisten bleibt dieser Vergleich bis zum Ende bestehen.
Oden erzählt somit nicht nur einen Krimi in einer gesellschaftlich beängstigenden Welt sondern hält uns auch einen gesellschaftlichen Spiegel vor. Es entsteht somit – wie auch in “1984” – eine Zukunftsvision, die wir tunlichst vermeiden sollten.
Alles in allem ein sehr gut gelungener Roman mit einem außergewöhnlichen Plot und Setting. Die Figuren könnten noch ein klein wenig lebendiger und facettenreicher wirken, dennoch führt dies nicht wirklich zu einer Abwertung dieser spannenden Story.
Jürgen Seibold/19.11.2017

 

George Orwell: 1984

Originaltitel: 1984
Übersetzt von Michael Walter
© 1949 by The Estate of Eric Blair
© für die deutsche Ausgabe: Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2004
ISBN 978-3-548-23410-6
ca. 384 Seiten

COVER:

Ozeanien, eine von drei Supermächten, die die Welt untereinander aufgeteilt haben, stützt sein System auf eine Ideologie, die auf der Veränderlichkeit der Vergangenheit beruht. Im Ministerium für Wahrheit, das für die Verfälschung der Geschichte nach Parteilinie zuständig ist, arbeitet der 39jährige Winston Smith. Eine Liebesaffäre mit Julia, Technikerin an einer Romanschreibmaschine und Aktivistin der Anti-Sex-Liga, wird für Winston zu einem Akt des Widerstands gegen das System. Trotz ständiger Überwachung durch die Gedankenpolizei können die beiden Liebenden sich heimlich in einem Zimmer in dem überwiegend “Proles” bewohnten Teil Londons treffen. Dort lernen sie auch den Widerstandskämpfer O’Brien kennen, der ihnen ein Buch von Emmanuel Goldstein gibt, dem Feind und Gegenstand des Volkshasses. Der Glaube, in ihrer Liebe innere Freiheit zu erlangen und durch die Lektüre des “geheimen Buches” das Wesen ihrer Gesellschaft verstanden zu haben, erweist sich als Trugschluß. Denn irgendwann gewinnt der “Große Bruder” auch Macht über Winston.

REZENSION:

1984 von George Orwell steht gemeinsam mit “Schöne Neue Welt” von Huxley alleine auf einem ganz besonderen Regal. Beide Werke sind Alleinstellungsmerkmal einer jeweils visionären Geschichte, deren Inhalt noch immer eine unbeschreibliche Bedeutung für die heutige Zeit hat.
Obwohl beide Werke gänzlich unterschiedlich vorgehen, wird man ihren Inhalt nicht mehr vergessen und hoffentlich den ein oder anderen gedanklich auf den richtigen Weg bringen.
1984 beschreibt dabei ein totalitäres System, in dem der Bürger durch und durch von der herrschenden Partei gelenkt und geführt wird. Eigene Gedanken sind nicht erwünscht. Die Bürger werden überwacht und können sich dieser Überwachung auch keineswegs entziehen.
Die Partei steht dabei nicht nur für die Gegenwart oder die Zukunft – sie legt auch fest, wie die Vergangenheit ausgesehen hat.
Kleinste Verfehlungen werden geahndet und somit kann es urplötzlich sein, dass jemand einfach verschwindet. “Verschwinden” heisst in diesem System aber gleichzeitig eine absolute Ausrottung sämtlicher Informationen über diesen Bürger – so, als ob er niemals existiert hätte.
Winston Smith versucht sich dem zu entziehen und öffnet sich einem vermeintlichen Widerstand. Nach und nach stellt sich jedoch heraus, dass der “Große Bruder” weit mehr Macht hat, als er sich jemals vorstellen konnte.
1984 ist ein absolutes Pflichtbuch für nahezu jeden Menschen auf diesem Planeten. Orwell hat es zwar mit Sicherheit in Gedanken an die totalitären Systeme des Zweiten Weltkriegs geschrieben, erschuf dabei aber einen sehr visionären Roman mit einer Doppelzüngigkeit, die seinesgleichen sucht.
Sicher, manchesmal wirkt es ein wenig steif und aus seiner Zeit gefallen. Dies stört diesem hintersinnigen Werk aber nicht eine Sekunde.
1984 ist dabei nichts anderes als die Drehung der Jahreszahl, in der Orwell das Buch geschrieben hat (1948), somit ist der Titel nicht wirklich wichtig – im Gegenteil, es bekommt von Tag zu Tag mehr Brisanz, als man sich bereits im Jahre 1984 vorstellen konnte.
Einfach ein Klassiker, den man gelesen haben muss.
Jürgen Seibold/22.03.2017
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George Orwell: Nineteen Eighty-Four

© 1949 Eric Blair
This edition © the estate of the late Sonia Brownell Orwell, 1987
ca. 326 Seiten
ISBN 978-0-141-03614-4

Cover:

‘It was a bright cold day in April, and the clocks were strike thirteen.’

Winston Smith works for the Ministry of Truth in London, chief of Airstrip One. Big Brother stares out from every poster, the Thought Police uncover every act of betrayal. When Winston finds love with Julia, he discovers that life does not have to be dull and deadening, and awakens to new possibilities. Despite the police helicopters that hover and circle overhead, Winston and Julia begin to question the Party; they are drawn towards conspiracy. Yet Big Brother will not tolerate dissent – even in the mind. For those with original thoughts they invented Romm 101 …

REZENSION:

1984 ist natürlich ein Buch der besonderen Art. Gemeinsam mit einigen wenigen Büchern der Weltliteratur steht es aufgrund der visionären Geschichte ganz oben der Werke, die man irgendwann einmal gelesen haben müsste.
Ich widmete mich dabei der englischen Originalausgabe und muss dabei gestehen, dass dies – für mich persönlich – ein kleiner Fehler war. Sicher, man konnte mal wieder in die englische Sprache eintauchen – nichts desto trotz war mir dieses Werk im Gegensatz zu neueren Büchern ein wenig zu hoch in der sprachlichen Verwendung. Davon abgesehen halte ich aber die Geschichte für außerordentlich visionär und beängstigend. Es spiegelt eine Zivilisation wieder, in der eigene Gedanken schlicht nicht gewünscht sind. Man bekommt Wahrheiten vorgegaukelt, die man schlichtweg akzeptieren muss. Der Weg zum Dissidenten ist wahrlich ein sehr einfacher.
Stellt man sich dem entgegen, wird man weggeschafft und im besten Fall wieder auf die “richtige” Spur gebracht.
Das Werk ist nicht umsonst in vielen Ländern eine Pflichtlektüre in Schulen und es sollte sich auch wirklich jeder Schüler ohne Aufstöhnen dieser nachdenklich anregenden Geschichte widmen. Dabei aber auch nicht vergessen, dass wir uns mehr und mehr in die von Orwell dargestellte Welt hinbewegen.
Ein wenig enttäuscht ob meiner eigenen englischen Sprachfähigkeiten, hat dieses Buch dennoch soviel zurückgelassen, dass ich erheblich berührt worden bin. Für die mir noch fehlenden Nuancen, folgt demnächst noch das gleiche Werk in der deutschen Übersetzung.
Jürgen Seibold/05.03.2017
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HYS078 – kranke Zeiten

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