Strandberg, Mats: Das Heim

Aus dem Schwedischen von Nina Hoyer
©2017 Mats Strandberg
© für die deutschsprachige Ausgabe: S. Fischer Verlag GmbH
ISBN 978-3-596-70367-8
ca. 426 Seiten

COVER:

Ein Altersheim ist kein schöner Ort. So viel ist Joel klar, als er seine demente Mutter nach einem beinahe tödlichen Herzinfarkt in ein Seniorenheim bringt. Dass es allerdings so schlimm wird, überrascht ihn dann doch.

Seine Mutter, zeitebens eine sanfte Person, wird aggressiv und traktiert mit ihren boshaften Anfällen die Mitbewohner. Noch seltsamer ist, dass sie dunkle Geheimnisse ihrer Mitpatienten ausplaudert, von denen sie eigentlich nichts wissen kann. Manche der Alten halten sie deshalb für einen Engel, andere für einen Dämon – und auch das Pflegepersonal kriegt es auf Station D langsam mit der Angst zu tun.

Und als sich die beklemmenden Vorkommnisse im Heim häufen, findet Joel ausgerechnet in seiner Jugendfreundin Nina eine Verbündete, um dem Grauen entgegenzutreten.

REZENSION:

Bereits auf dem Cover des ersten Buches von Mats Strandberg mit dem Titel „Die Überfahrt“ zeigte sich ein Vermerk auf den erfolgreichsten Horrorautoren der heutigen Zeit: Stephen King. Marketingabteilungen versuchen natürlich mit Superlativen den Käufer zum Kauf zu animieren. Bei Büchern wird aber auch eine Erwartungshaltung gesetzt, die dann oft nur schwer erreicht werden kann.
Strandbergs Erstling war dabei noch ein Vampirroman. Das Setting auf einer Fähre, wodurch eine simple Flucht schlicht unmöglich ist. Die Idee war ganz nett – die Erwartung wurde aber in keiner Weise erfüllt und übrig blieb lediglich ein ganz netter Roman mit einigen Spannungselementen.
Nun wagte ich mich dennoch, Strandbergs neuestes Werk mit dem Titel „Das Heim“ zu lesen. Jeder hat eine zweite Chance verdient und auch hier klingt das Setting außerordentlich interessant. Erneut der leuchtend gelbe Aufkleber mit dem Hinweis, dass es sich hier um den schwedischen Stephen King handelt. Na, wollen wir doch diesmal versuchen, gänzlich unvoreingenommen zu sein.
„Das Heim“ spielt in einem Altersheim und lässt uns neben den Pflegekräften auch viele Insassen näherkommen. Erneut ist das Setting geschickt gewählt und Strandberg hat auch ein außerordentlich gutes Händchen uns die jeweiligen Bewohner detailliert und teils liebevoll gezeichnet nahe zu bringen. Nach und nach nähert sich das Grauen – wodurch der Verweis zu Stephen King zumindest rudimentär passen würde. Auch dieser ließ sich früher lange Zeit, bis das Böse seinen Zugang in die Alltäglichkeit gefunden hatte.
Strandberg wirkt aber in seiner zweiten Geschichte erneut ein wenig konstruiert und schafft es leider nicht, mich rundum zu überzeugen.
Insbesondere beim Spannungsaufbau bleibt er zu zaghaft und scheint wohl kein Risiko eingehen zu wollen, um den Mainstreamleser nicht zu vergraulen. Dem frühen Stephen King ging das buchstäblich am Arsch vorbei und ich wette, gerade deshalb war und ist er so erfolgreich. Strandberg erzählt prinzipiell sehr eingängig und lässt uns als Leser nichts missen. Dennoch fehlt schlichtweg der echte Horror, wenn nicht gar bereits der echte Thrill. Alles im Heim erlebte war irgendwie schon einmal da. Ab und an eine klein wenig an der Spannungsschraube gedreht – dennoch immer so, dass man definitiv kein Problem damit hätte, das Licht auszumachen. Schade, denn vom Erzählerischen her scheint Strandberg gut aufgestellt zu sein. Vielleicht sollte er einfach mal die Zügel loslassen und versuchen, seine Geschichte vollkommen befreit zu erzählen. Es kann natürlich sein, dass Strandberg eine Klientel dazwischen zu erreichen versucht – ich befürchte auch, dass dies sein Ansatz sein könnte. In diesem Fall wäre es schade, aber zu akzeptieren.
Ich möchte das Buch jetzt aber auch nicht zu sehr schlecht reden – immerhin konnte es mich bis zum Ende einigermaßen unterhalten. Somit ist „Das Heim“ ein Unterhaltungsroman ohne Ecken und Kanten, der für einige ganz nette Stunden sorgen kann. Etwas darüber hinaus gibt es leider nicht her – obwohl ich mir durch den Aufkleber exakt dies erneut erwartet hätte. Ob ich dem Autor eine dritte Chance geben werde? Da muss ich noch stark in mich gehen…
Jürgen Seibold/27.12.2018

 

Brooks, Mike: Dark Run

Originaltitel: Dark Run
Aus dem Englischen von Simon Weinert
©2015 Mike Brooks
Deutsche Erstausgabe Mai 2018
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-52208-0
ca. 429 Seiten

COVER:

DU KANNST VOR ALLEM DAVONLAUFEN – NUR NICHT VOR DEINER EIGENEN VERGANGENHEIT

Eigentlich hat Ichabod Drift, Captain des Raumfrachters Keiko, kein Problem mit Aufträgen, die sich am Rande der Legalität bewegen – oder auch darüber hinausgehen. Mit seiner eingeschworenen Crew aus Schmugglern, Glücksrittern und Abenteurern hat er schon so manchen Coup gelandet. Dass sein neuer Auftraggeber ihn erpresst, schmeckt Ichabod allerdings gar nicht. Und dass er nicht das Geringste über die Ladung wissen darf, die er auf die Erde schmuggeln soll, riecht nach Ärger. Wie groß die Gefahr jedoch nicht nur für das Schiff, sondern für den ganzen Blauen Planeten ist, ahnt allerdings noch niemand auf der Keiko …

REZENSION:

Bereits nach einigen Seiten und dem darauffolgenden Kennenlernen von Ichabod Drift und seiner sehr durchwachsenen und aus den unterschiedlichsten Persönlichkeiten als auch Lebensformen bestehenden Crew fühlt man sich an gewissen Persönlichkeiten und Serien des leichten Science-Fiction-Genusses erinnert.
DARK RUN bleibt bei diesem ersten Eindruck und dementsprechend unterhaltsam ist die Story auch. Natürlich auch nichts weiter, da man in diesem Genre-Bereich wahrlich auch nicht wirklich mehr erwartet. Somit sind sämtliche Erwartungen erfüllt und ich könnte zufrieden diese Rezension beenden.
Nun gut, einige Worte kommen doch noch: Zum einen ist der Schreibstil von Mike Brooks auch eingängig genug, um der gerade erwähnten Erwartung gerecht zu werden. Leider wirkt dadurch die Geschichte ein klein wenig zu stark konstruiert und man ist nicht wirklich von den Begebenheiten überrascht. Interessanterweise möchte man aber dennoch nicht mit dem Lesen aufhören. Hier befinden wir uns wieder bei der etwas niedrig aufgebauten Erwartungshaltung und meiner Meinung nach muss es solche reinen Unterhaltungsromane auch unbedingt geben. Simple Unterhaltung für den Freund von einigermaßen spannender Science Fiction. Somit zielgruppengerecht und in dieser Ebene makelfrei.
Um noch einen Serienvergleich für den noch unentschlossenen Leser zu machen: Beim Genuss dachte ich die ganze Zeit an die Geschehnisse auf der Firefly. Selbst die Crew wirkte sehr stark davon inspiriert – von Ichabod Drift gar nicht zu reden.
Bei DARK RUN standen diese mit Sicherheit Pate und auch bei anderen Größen des Genres bediente sich Brooks schamlos. Aber vielleicht ist das auch der Grund, warum man bei dieser recht simpel konstruierten Geschichte dranbleibt und den weiteren Geschehnissen unbedingt folgen möchte. Meines Wissens sollen die Erlebnisse in weiteren Bänden fortgesetzt werden – ob ich diese noch unbedingt lesen möchte? Da bin ich noch unschlüssig – aber vielleicht braucht es auch einfach eines Tages mal wieder einen simplen SF-Roman zur lockeren Unterhaltung. Dafür kann Brooks scheinbar problemlos sorgen.
Jürgen Seibold/23.12.2018

HYS102 – tiefgehende Umgebungsbetrachtung

Die neue Podcastfolge:

Wilckens, Carl: 13 – Das Tagebuch, Band 2: Die Anstalt

©acabus Verlag, Hamburg 2018
ISBN 978-3-86282-572-1
ca. 298 Seiten

COVER:

Godric End, ehemaliger Auftragsmörder auf der Swimming Island, erzählt den Insassen von Zellenblock 13 seine Geschichte:

Die Suche nach meiner Schwester führt mich nach Treedsgow. Ich bin halb erfroren und ausgehungert, als ich dort ankomme. Die einst wohlhabende Stadt wird von Banditen beherrscht. In der Nervenheilanstalt Sankt Laplace macht der Leiter fragwürdige Experimente an Menschen.

Ich vertraue niemandem, aber ich wage zu hoffen. Ich bin ein Lügner. Ein Dieb. Ein Killer. Um meine Ziele zu erreichen, ist mir jedes Mittel recht. Trotzdem nennt man mich einen Helden. Aber die Wahrheit über mich ist ein scheues und manchmal hässliches Tier.

Wer immer noch glaubt, die Magie sei ein Mythos, hat die Zeichen nicht gesehen. Sie war lange verschollen, aber jetzt wagt sie sich langsam hervor und zeigt mir die Welt hinter den Spiegeln. Währenddessen verlöschen die Sterne.

Ihr sollt meine Geschichte hören. Von meiner Zeit in Treedsgow und meiner Begegnung mit dem König der Banditen. Von meinen unfassbaren Entdeckungen in der Nervenheilanstalt Sankt Laplace, von der Welt hinter den Spiegeln und dem Untergang der Welt.

REZENSION:

Godric End sitzt weiterhin im Zellenblock 13 und erzählt seinen Mitinsassen für kleine Gefälligkeiten, wie zum Beispiel einer Kippe, seine eigene Lebensgeschichte.
Man fragt sich, warum seine Mitgefangenen daran so interessiert sind – bereits im ersten Band lernte man Godric End als untypischen Helden kennen, dessen Ruf ihm vorauseilt und dabei für viele verzweifelte Menschen zu einer Art Lichtgestalt mit gewissem Hoffnungsschimmer geworden ist. Godric selbst sieht sich in keiner Weise innerhalb so einer Rolle – im Gegenteil, er agiert sehr zielstrebig und sucht auch hier lediglich weiterhin seine Schwester. Dabei ist ihm auch nahezu jedes Mittel recht.
Godric End ist wahrlich ein Zeitgenosse, dessen Freundschaft man nicht unbedingt haben möchte – seine Feindschaft aber gleich noch weniger. Dennoch kann man sich als Leser seiner Geschichte ebenfalls nicht wirklich entziehen. Man fühlt sich beinahe wie einer seiner Zellengenossen.
Der zweite Band von Carl Wilckens über den Antihelden Godric End ist in seiner Gänze tatsächlich noch besser als der erste Wurf des Autors. Erneut glänz er mit einer spannenden und gut konstruierten Geschichte. Man kann sich der Suche Godrics nicht entziehen – die Erlebnisse wirken interessanter und ausgegorener.
Ich hoffe hier sehr, dass Wilckens nicht den Fehler vieler mehr-Bände-Autoren macht und seine Geschichte mit steigender Anzahl an Bänden eines Tages nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Hält er jedoch dieses Niveau, könnte ich mir vorstellen, dem Leben Godrics noch einige wenige Bände folgen zu wollen – wie gesagt: Zu viel sollte es meiner Meinung nach jedoch nicht werden. Dies sei nur ein gut gemeinter Rat eines Viellesers, der langsam ein wenig genervt vom unsäglichen Serienwahn ist. Mir persönlich wäre es lieber, wenn qualitativ hochwertige Erzähler ihre Geschichten auf diesem Niveau auch zu Ende bringen können. Ich hoffe, Carl Wilckens kann diesem Anspruch gerecht werden – bis jetzt hat es ja geklappt.
Jürgen Seibold/25.11.2018

 

von Aster, Christian: Der Orkfresser

©2018 by J.G.Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-98121-6
ca. 352 Seiten

COVER:

Nachdem Aaron Tristen auf einer Lesung seines Endzeitepos „Engel gegen Zombies“ eine Horde Orks verprügelt hat, liegt seine Laufbahn in Scherben. Er muss sein Leben ändern und vor allem eins: verschwinden. Dabei kommt ihm allerdings ungelegen, dass ihn einer der Orks verklagen will und ein anderer schwanger von ihm ist. Unter einem Pseudonym taucht er unter und begegnet schließlich einem orientalischen Meister, der die Geheimnisse allen Geschichtenerzählens lehrt. Don Quijote, Pu der Bär und Robinson Crusoe werden zu seinen ständigen Begleitern. Zwischen Irrsinn und Legenden mischen sich Vorstellung und Wirklichkeit derart, dass am Ende sicher ist: Literatur ist nicht mehr als nur eine zärtliche Lüge. Aber eben auch nicht weniger.

REZENSION:

Als ich in der Vorschau des Klett-Cotta-Verlages auf dieses Buch aufmerksam geworden bin, musste ich erst einige Zeit in mich gehen, bevor ich mich dazu entschließen konnte, mich diesem Buch zu widmen. Bücher dieser Art stellen sich zu oft auf nur eine Seite der beiden gegensätzlichen Pole „absoluter Schwachsinn“ und „in Genialität ausufernde Geschichte“. Dementsprechend oft ist man von absolutem Schwachsinn umgeben.
In diesem Fall kannte ich aber auch den Namen des Autors und ein kleiner Blick auf meine Seite zeigte mir, dass ich im Jahre 2011 bereits ein Buch von ihm mit dem Titel „Armageddon TV“ für außerordentlich gut empfohlen hatte.
Somit war es dann doch ein leichtes, mich seinem Orkfresser zu widmen.
Von Aster lässt in seinem neusten Werk den überaus erfolgreichen Schriftsteller Aaron Tristen seinen Weg zu sich selbst suchen und zum Ende auch… – Nun, lest selbst.
Aaron ist seiner Meinung nach ein Schriftsteller, dessen literarische Qualitäten für sich selbst sprechen sollten. Leider wurde er aber mit nichtssagendem Mainstream voller Engel, Zombies, Vampire, und allen weiteren Klischees berühmt und erfolgreich.
Dementsprechend leer fühlt er sich – dennoch ist er dazu gezwungen, seine nichtssagende Reihe fort zu setzen. Der Verlag möchte diesen Hype natürlich weiterhin befeuern.
Nach einer Schlägerei mit einem Rudel „Orks“ versucht Aaron auszubrechen und verschwindet unter Verwendung eines anderen Namens nach Leipzig, um dort erst einmal unter zu tauchen.
Dabei lernt er eine Vielzahl an interessanten Personen kennen, tappt erneut von einer blödsinnigen Tat in die nächste, findet aber – auch hierdurch – einen neuen Zugang zur Literatur und ihren Figuren.
Christian von Aster legt eine recht unterhaltsame Geschichte vor, mit der er nicht nur den unzufriedenen Autoren ein kleines Denkmal erbaut, sondern auch der gesamten Branche einen kleinen Spiegel vor hält. Allein dadurch bleibt man dieser Geschichte beim Lesen auch weiterhin treu. Irgendwie erfreut man sich immer mehr an dem doch recht tollpatschig agierenden Hauptdarsteller.
Erfreulicherweise deckt von Aster einige Klischees auf und selbst der gerade noch als stehlender Straßenschläger agierende Typ in Jogginghose entpuppt sich als Freund der zarten Literatur.
Der von Tristen besuchte Leserkreis wirkt fast wie ein Treffen der Anonymen Alkoholiker (zumindest, was die Klischees betrifft – ich möchte keinem zu nahe treten): Jede teilnehmende Person besitzt einen ganz besonderen Background – aus Sicht Tristens auch nicht gerade aus der Welt der „Normalität“ entsprungen. Interessanterweise geben diese der Geschichte auch den nötigen Tiefgang. Christian von Aster bleibt sich aber auch in DER ORKFRESSER treu: Er erzählt bissig, witzig und doch mit nachdenklichem Nachhall. Somit eine sehr interessante Geschichte mit einer gehörigen Liebe zum Autorendasein und der Literatur an sich. Gleichzeitig wird die Literatur erfreulicherweise nicht in besindere Sphären gehoben, sondern es bleibt dabei: Geschichten dienen der Unterhaltung und „Literatur ist nicht mehr als eine zärtliche Lüge.“
Jürgen Seibold/24.11.2018

Tchaikovsky, Adrian: Die Kinder der Zeit

Originaltitel: Children Of Time
Aus dem Englischen von Birgit Herden
Deutsche Erstausgabe 03/2018
©2015 by Adrian Czajkowski
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31898-4
ca. 670 Seiten

COVER:

Die letzten Menschen haben eine sterbende Erde verlassen, um in den Tiefen des Alls ein neues Zuhause zu finden. Als sie auf den Planeten Eden stoßen, scheint ihnen das Glück sicher: ideale Konditionen und eine florierende Ökosphäre. Doch was sie nicht wissen – es waren bereits Menschen hier gewesen, vor langer Zeit. Menschen, die Eden als Versuchsplaneten für ein vermessenes Projekt künstlicher Evolution ausersehen hatten. Doch ihr Experiment damals hat ungeahnte Spuren hinterlassen, und nun treffen ihre Nachfahren auf die vergessenen Kinder ihres Versuchs. Wer von ihnen wird das Erbe von Eden antreten?

REZENSION:

„Die Kinder der Zeit“ von Adrian Tchaikovsky führt uns in die tiefsten Weiten des Universums. Problemlos nimmt uns der Autor bei der Hand und lässt ungebremst Jahrhunderte vor unseren Augen vergehen. Wir lernen die Arche Gilgamesch kennen, in deren Bauch sich die letzten Überlebenden unserer Rasse befinden. Sie befinden sich – eingefroren – auf der Suche nach einem neuen, bewohnbaren Planeten. Wen wundert es: Science Fiction-Romane zeigen die Zukunft und ich könnte mir gut vorstellen, dass der Weg zum sterbenden Planeten Erde kein langer mehr sein wird.
In den Weiten des Alls lernen wir als Leser in einem zweiten Erzählstrang auch die Vorgänge beim Planeten Eden kennen: Hier wurde durch eine Wissenschaftlerin eine Evolution gestartet, um Erkenntnisse der Entwicklung feststellen zu können.
Hier entsteht jedoch – entgegen den Vorgaben, der Verwendung von menschenähnlichen Affen – eine komplett neue Spezies – die sich auf Basis von Spinnentieren entwickelte.
Nun könnte man es sich als Leser ganz einfach machen: Spinnen sind eklig – die Menschen haben eine zweite Chance verdient. Nein, so einfach läuft es aber nicht. Adrian Tchaikovsky schafft es virtuos, des Lesers Gehirn mit eigenen philosophischen Gedanken abschweifen zu lassen. Man lernt das Volk der Spinnen in ihrer gesamten Entwicklung kennen – man bekommt in Bezug zu den verbliebenen Menschen nicht wirklich den Wunsch nach einem Re-Start. Sind wir doch auch in vielen vielen Jahren nichts weiter als eine egoistische und auf den eigenen Vorteil beharrende Spezies.
Wie gesagt, das Herz schlägt relativ schnell für das Volk Edens.
Nichts desto trotz bleibt die Geschichte rundum interessant und evolutionstechnisch spannend. Die Spinnen schlagen in ihrer Entwicklung zuerst einen ähnlichen Weg wie die Menschheitsgeschichte ein – nach und nach scheinen sie sich aber weiter zu entwickeln. Scheinbar zu etwas besserem.
Vielleicht befinden wir uns auch auf diesem Weg – wir müssen dazu aber wohl noch einige Jahrtausende durchhalten, bis wir es endgültig kapieren.
„Die Kinder der Zeit“ ist jedenfalls ein durchweg cleverer Roman, der dem Begriff „Evolution“ seinen eigenen Stempel aufdrückt und dabei diesen auf simpelste Art und Weise auch noch erklärt.
Ein Buch, dessen Vielzahl an Seiten nichts weiter als eine kleine Hürde darstellen. Man ist schlicht dazu gezwungen, sich durch die annähernd 700 Seiten treiben zu lassen. Allein dafür ziehe ich bereits meinen Hut.
Jürgen Seibold/20.11.2018

 

Tolkien, J.R.R.: Die Geschichte von Kullervo

Originaltitel The Story of Kullervo
Herausgegeben von Verlyn Flieger
©The Tolkien Estate Limited 2010, 2015
Aus dem Englischen von Joachim Kalka
Für die deutsche Ausgabe ©2018 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart.
ISBN 978-3-608-96090-7
ca. 240 Seiten

COVER:

Kullervo hat niemanden mehr außer seiner Zwillingsschwester Wanona und dem schwarzen Hund Musti, der ihn mit seinen magischen Fähigkeiten beschützt. Als er in die Sklaverei verkauft wird, schwört er, dass er sich an seinem Onkel Untamo rächen wird. Aber je weiter Kullervo von seinem eigenen Handeln fortgerissen wird, desto mehr stellt sich die Frage, ob es ein Entkommen vor dem eigenen Schicksal gibt. Die auf der finnischen Kalevala-Sage basierende Geschichte ist nicht nur das erste Dokument von Tolkiens außergewöhnlicher Erzählkunst, Tolkienkenner sehen in Kullervo auch einen Wesensverwandten und Vorläufer von Tùrin Turambar aus Die Kinder Húrins. Neben der Übersetzung von Joachim Kalka ist hier im Hauptteil auch die englische Originalerzählung wiedergegeben.

REZENSION:

Ich fürchte, dieses Buch wird die Geister scheiden. Einerseits ist es ein Zeitdokument – andererseits ist es auch ein „aufgeblasenes“ Buch, um einer Kurzgeschichte einen Buchrahmen mit einer Gesamtseitenzahl von 240 Seiten zu geben – ohne diesem Beiwerk wären es nur knapp über 30 Seiten.
Aus diesem Grund verstehe ich auch viele negative Stimmen, die dem Verlag schlichte Geldmacherei vorwerfen. Kann ich verstehen, kann dem aber gleichzeitig nicht wirklich zustimmen, denn sonst hätte der Verlag dies besser in seinen Beschreibungen versteckt.
Im vorliegenden Buch befindet sich eine ganze Menge Tolkien – jedoch eher aus einer wissenschaftlichen Betrachtung. Dementsprechend vorsichtig sollte man auch beim Erwerb dieses Buches sein.
Sicherlich gibt es eine sehr daran interessierte Klientel, die sich einen Blick über die Entstehung einer Geschichte von Tolkien machen möchten. Studenten der sprachlichen Fächer und weitere tiefgehend interessierte Personen können dieser Arbeit mit absoluter Sicherheit eine Vielzahl an Informationen entnehmen. Als Beispiel sei allein die vorliegende Kurzgeschichte erwähnt, die nicht nur in der Übersetzung aufgeführt ist, sondern eben auch im Tolkischen Original auf Englisch. Darüber hinaus eine interessantes Vorwort, eine detaillierte Einleitung, Handlungsentwürfe, Kommentare, Aufsätze und so weiter. Ein Füllhorn an hochgestochenem Material – aber: Nur für den absoluten Hardcore-Tolkien-Fan geeignet.
Dementsprechend schwer fiel es mir, mich dem Werk in adäquater Weise zu widmen. Ich liebe zwar den Herrn der Ringe, ebenso den Hobbit und auch Das Silmarillion konnte mich problemlos überzeugen.
Aber hierin fanden sich fantastische Geschichten – gewürzt mit etwas Anhang. Hier in diesem Buch findet sich eine nicht ganz vollendete Geschichte und fast nur Anhang. Somit kann ich jedem nur raten, sich zuerst im Buchladen des Vertrauens ein eigenes Bild davon zu machen. Ein blinder Kauf kann nur für Frust sorgen.
Ich habe dieses Werk übrigens abgebrochen, da mir das tiefgehende Interesse dazu fehlt und ich lediglich auf der Jagd nach einer weiteren Geschichte war.
Dennoch halte ich den Grund der Veröffentlichung als angemessen, richtig und keineswegs als simple Geldmacherei.
Somit eine klare Empfehlung für wirkliche „Nerds“ – Normalleser (wie auch ich) sollten aber die Finger davon lassen.
Jürgen Seibold/03.11.2018

Rosenbaum, Benjamin: Die Auflösung

Originaltitel: The Unraveling
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Thon
©2017 Benjamin Rosenbaum
©Piper Verlag GmbH, München 2018
ISBN 978-3-492-70467-0
ca. 368 Seiten

COVER:

In ferner Zukunft leben die Menschen in einer Gesellschaft, die von Biotechnologie und IT geprägt ist. In einer Zeit, in der sich die Geschlechtergrenzen aufgelöst haben und jeder mehrere Körper besitzt, muss die junge Fift ihre Stellung im System behaupten. Doch als sie sich mit dem schlecht beleumundeten Biotechniker Shria anfreundet, gerät alles außer Kontrolle. Ungewollt geraten Fift und Shria in ein skandalöses Kunstspektakel, das in Wirklichkeit der Auftakt einer Revolte gegen das starre System ist. Plötzlich werden sie zu Prominenten und unfreiwilligen Trägern von Umbrüchen …

REZENSION:

Benjamin Rosenbaum versucht sich mit seinem Science-Fiction-Thriller „Die Auflösung“ an einer sehr interessanten, zukünftigen Welt. Hauptsächlich geprägt von IT und Biotechnologie lässt er seine Protagonisten auftreten. Sehr positiv auch der Versuch, Geschlechtergrenzen als aufgelöst zu vermitteln.
Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass Benjamin Rosenbaum hier zu viel des Guten versucht hat, beziehungsweise es nicht durchgehend plausibel oder eingängig vor dem Leser zu entfalten versucht. Seine Welt ist viel zu verwirrend für Bewohner der aktuellen Gegenwart, um den Leser ohne große Erklärungen bei der Hand nehmen zu können. Hier hätte der Autor erheblich stärker in das Detail gehen müssen.
Darüber hinaus ist bereits das Auflösen der Geschlechtergrenzen eine Schwierigkeit in sich, mit der man erst einmal gedanklich klarkommen muss – insbesondere, wenn man das Gefühl nicht los wird, dass auch der Autor eher in Richtung weiblich/männlich zu erzählen beginnt (auch wenn es eventuell anders von ihm gemeint ist). Rosenbaum bleibt nicht bei dieser Thematik, sondern erschwert es uns als Leser auch noch und versucht uns klar zu machen, dass man auch noch mehrere Körper sein Eigen nennt.
Schon konnte ich ihm leider nicht mehr rundum folgen. Hinzu kommt ein nicht gerade simpler Stil des Autors plus ein sehr starker Hang zur schnellen Abwechslung beim Absatzwechsel – ohne dabei den Leser bei der Hand zu nehmen.
Irgendwie wurde ich beim Lesen das Gefühl nicht los, dass hier ein Autor auf Teufel komm raus den Versuch startet, der Menschheit ein literarisch hochwertiges Buch zu hinterlassen. Stellt sich die Frage, warum eigentlich? Geschichten müssen einfach als Geschichte funktionieren – dann kann man auch tiefere Motive vermitteln.
Hier hat es leider nicht funktioniert und somit reihte sich „Die Auflösung“ leider in das Regal der abgebrochenen Bücher ein. Schade – die grundsätzliche Idee klang ganz interessant.
Jürgen Seibold/02.11.2018

Phantastik-Bestenliste November 2018

Es ist erstaunlich, wie schnell Monate vergehen können. Gerade eben noch interessante Bücher auf der Oktober-Liste entdeckt, schon kommt der November ums Eck.
Als Jurymitglied kennt man den Inhalt ja schon einige Tage vorher – nichts desto trotz sind mir alle Plätze erst so richtig bei Veröffentlichung bewusst. Wie jeden Monat, finde ich immer wieder Werke in dieser Liste, die ich auf meiner Jagd nach den besten Neuheiten nicht auf dem Radar hatte. Somit möchte man diese natürlich nachholen – und schon wächst der SuB immer weiter – dies alles vor dem Hintergrund, dass der nächste Monat mit der nächsten Liste schon zaghaft anklopft.
Egal, weniger meckern: Mehr Zeit zum Lesen…
Ich freue mich weiterhin über die tollen Ergebnisse in der Phantastik-Bestenliste und möchte Sie Euch natürlich nicht vorenthalten.
Ein Klick auf das Bild bringt Euch zur Homepage der offiziellen Seite.

Van Versendaal, Dirk: NYX

©2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
ISBN 978-3-498-07069-4
ca. 447 Seiten

COVER:

Die junge Ärztin Polly Sutter besteigt im Hafen von Oslo eine Fähre. Ihr Ziel auf hoher See: die Nyx – ein schwimmendes Monstrum mit einer Länge von vier und einer Breite von anderthalb Kilometern. 2025 als internationales Alters- und Pflegeheim erbaut, ist das Schiff seit Jahren auf allen Weltmeeren unterwegs.
Als Polly an Bord geht, tut sich seit längerem Unheimliches. Immer mehr Alte sterben einen grauenvollen und unerklärlichen Tod, andere Menschen verschwinden auf rätselhafte Weise. So auch ein Kollege des Technikers Rafael, der sich beim Beladen der gewaltigen Müllverbrennungsöfen auf Deck 50 scheinbar in Luft auflöst.
Polly und Rafael sind nicht die Einzigen, die sich Sorgen machen. Auch ein paar der betagten Insassen haben keine Lust, ihr Leben verwirrt und mit blau angelaufener Zunge auszuhauchen. Die seltsame Krankheit ist aber nur eines de Geheimnisse der Nyx, die unbeirrbar die internationalen Gewässer durchpflügt, während an Bord ein Pandämonium ausbricht …

REZENSION:

Die Coverbeschreibung von Dirk van Versendaals Roman NYX beinhaltet exakt die dystopischen Elemente, die mich dazu zwingen, ein Buch dieser Art in die Hand zu nehmen. Selbst bereits verschiedenste Geschehnisse ausmalend, kann man es beinahe nicht erwarten, sich einer neuen Dystopie – scheinbar mit einer auch relativ neuen und interessant klingenden Idee – zu widmen.
Leider liegt die Stärke dieses Buches eher an der Beschreibung des Inhalts auf Basis der Rückseite des Umschlags als auch dem Innencover. Die Geschichte selbst spiegelt dies zwar grundsätzlich auf Basis ihrer Grundidee wider, dennoch schafft es Dirk van Versendaal nur ansatzweise eine überzeugende Leseatmosphäre aufzubauen.
Sein Schreibstil ist weniger das Problem – man kann ihm gut folgen – aber er erzählt eine durchweg sich selbst als extrem spannend vorgestellte Geschichte mit einer Geschwindigkeit, die dem nicht gerecht werden kann beziehungsweise nicht einmal annähernd als Geschwindigkeit deklariert werden dürfte. NYX zieht sich extrem langsam hin und selbst dezent aufkommende interessantere, wenn nicht gar als Spannung verwendete Elemente werden ohne jeglichen Druck auf das Gaspedal vor des Lesers Augen dargelegt.
Das Werk hat knappe 450 Seiten – allein durch meinen guten Willen schaffte ich es bis über die Hälfte. Sehr schade, da die Idee wirklich für sich alleine spricht. Wäre interessant zu erfahren, wie ein rasanter erzählender Autor wohl damit umgegangen wäre. Hier hat es leider absolut gar nicht geklappt.
Jürgen Seibold/02.11.2018

Gwynne, John: Jähzorn (Die Getreuen und die Gefallenen 3)

Originaltitel: Ruin – The Faithful and the Fallen 3
Aus dem Englischen von Wolfgang Thon
©2015 by John Gwynne
© der deutschsprachigen Ausgabe: 2017 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
ISBN 978-3-7341-6121-6
ca. 927 Seiten

COVER:

Chaos und Krieg beherrschen die Verfemten Lande. Die durchtriebene Königin Rhin hat den Westen erobert, während Hochkönig Nathair das mächtigste Artefakt der Sieben Kostbarkeiten an sich gebracht hat: den Kessel. Hinter Nathair steht Calidus und sein dämonisches Heer, die Kadoshim. Ihr Plan ist es, den dunklen Gott Asroth und seine Gefallenen in die Welt der Sterblichen einzulassen. Doch nur, wenn alle Sieben Kostbarkeiten vereint sind, kann der finstere Plan gelingen. Nathair kennt die Wahrheit über seine Bestimmung und muss Entscheidungen treffen, die da Schicksal der Verfemten Lande verändern werden.
Andernorts wächst der Widerstand. Königin Edana findet in den Sümpfen von Ardan Verbündete, während Maquin auf einer halsbrecherischen Flucht ist. Corban selbst versucht, vor der hereinbrechenden Dunkelheit um ihn herum zu fliehen, und findet schließlich den Mut, sich ihr zu stellen. Mithilfe seiner ungleichen Gefährten – Freunde, Familienmitglieder, Giganten, fanatische Krieger, einem Engel und einer sprechenden Krähe – begibt er sich auf die Reise nach Drassil. Denn in der sagenumwobenen Festung, wo laut Prophezeiung die Schwarze Sonne auf den Strahlenden Stern treffen wird, muss Corban eine der Sieben Kostbarkeiten finden: den Speer von Skald.

REZENSION:

Nach den fulminanten ersten beiden Bänden der Sage mit dem Obertitel „Die Getreuen und die Gefallenen“ konnte ich es beinahe nicht erwarten, bis der dritte Band das Licht der Welt erblickt und es sich in meinen Händen gemütlich macht.
Erneut handelt es sich dabei um ein fast 1.000 seitiges Buch und man stellt sich die Frage, woher die Autoren solcher Reihen nur immerzu ihren Ideen herholen – insbesondere, wenn sie es schaffen, nicht nur als Kopie anderer Werke zu wirken.
Wie bereits erwähnt, hielt ich die ersten beiden Bücher dieser auf vier Bände ausgelegten Reihe absolut sagenhaft. Sie stellten für mich einen neuen Stern im fantastischen Himmel dar. Das Lesen war dementsprechend rasant und man stürzte von einer spannenden als auch interessanten Handlung zur Nächsten.
Nun bin ich mir nicht sicher, ob es am bereits vergangenen Zeitraum liegt bis zum Erhalt von Band 3 oder einfach am Umstand, das es dann doch zu viel Stoff geworden ist, denn JÄHZORN schaffte es leider nicht, mich erneut mit diesem Feuer und Leidenschaft zu überzeugen. Interessanterweise habe ich es dennoch bis zum Ende durchgelesen – an der dabei verbrachten Zeit konnte ich bereits erkennen, dass der Reiz nachgelassen hat: Viel zu oft musste ich mich ein wenig zum Lesen zwingen – dennoch interessierte mich der weitere Fortgang in Corbans Leben.
Ich gebe auch gerne zu, dass JÄHZORN nach einer langen Durststrecke auch wieder stark an Fahrt aufgenommen hat. Gleichzeitig bin ich aber davon überzeugt, dass ich es vorab abgebrochen hätte, wären die ersten beiden Bände in meinen Augen nicht dermaßen gut gewesen.
JÄHZORN ist natürlich weiterhin eine recht gute Unterhaltung. Leider sehr langatmig und es fiel mir durchweg schwer, wieder in die Geschichte hinein zu finden. Das halte ich für unwahrscheinlich schade, da mich die grundsätzliche Geschichte dahinter wahrlich überzeugen konnte. Vielleicht sollten entweder die Zeiträume zwischen den Veröffentlichungen nicht zu lange sein oder aber: vielleicht könnten sich die Autoren auch etwas kürzer halten, damit jeglicher Handlungsschritt etwas stringenter vonstatten geht und es nur schwer zur Langatmigkeit führen kann.
Natürlich halte ich weiterhin John Gwynne für einen ausgezeichneten Fantasy-Autoren – nichts desto trotz fehlt mir nun der durchgehende Drang, mich schlussendlich auch dem vierten Band zu widmen.
Jürgen Seibold/02.11.2018

HYS101 – Bayrische Revolution

Die neue Podcastfolge:

HYS100 – RETROSPEKTIVE

Die neue Podcastfolge:

Durfee, Brian Lee: Der Mond des Vergessens – Die fünf Kriegerengel 1

Originaltitel: The Forgetting Moon. The Five Warrior Angels Book 1
Aus dem Amerikanischen von Andreas Heckmann
©2016 by Brian Lee Durfee
Für die deutsche Ausgabe: ©2018 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96141-6
ca. 888 Seiten

COVER:

Von immer schlimmeren Wahnvorstellungen besessen, regiert Jovan, der älteste Sohn des gefallenen Königs, über Gul Kana. Verzweifelt versuchen seine Schwestern Jondralyn und Tala, die tyrannische Herrschaft zu beenden. Kann das Königreich die Bedrohung durch die näher rückende Armee, die alles bislang Dagewesenen an Grausamkeit übertrifft, überstehen?
Kann es sich gegen die neue Religion Raijaels behaupten? Und hat das Schicksal des jungen Nail etwas mit einer uralten Prophezeiung zu tun? Mit seinen Freunden, die ihn begleiten, gerät er in immer größere Gefahr.

REZENSION:

Ein Buch, schwer wie ein Ziegelstein. Dann auch noch der erste Ziegelstein einer Reihe.
Über 800 Seiten und dennoch gerade mal der Start eines neuen fantastischen Epos?
Gleichzeitig ein Coverbild, welches voller Klischees den Leser gedanklich an Fantasybücher der 80er/90er Jahre erinnern lässt? Kann das sein? Soll der für Qualität und nicht für Quantität bekannte Klett-Cotta-Verlag dermaßen danebengegriffen haben? Ich kann es mir fast nicht vorstellen.
„Der Mond des Vergessens“ musste trotzdem immer wieder auf meinem Stapel ungelesener Bücher etwas nach unten weichen und einem anderen Buch den Vortritt lassen.
Dafür gab es mehrere Gründe, die sich aus den oben genannten Gedanken ergaben:
Es ist extrem dick.
Das Bild wirkt sehr klischeehaft.
Die Coverbeschreibung klingt in ihrem Versuch, den Inhalt dieses Wälzers zu erklären, etwas verwirrend beziehungsweise dünn wie jede andere Coverbeschreibung.
Und nochmal: Es ist extrem dick und dabei erst Band 1! Soll ich mich wirklich einem weiteren Epos-Start widmen? Gibt es nicht schon genug noch nicht zu Ende geführte Epen dieses Genres?
Tja, eines Tages war es soweit und ich widmete mich mit zwiespältigen Gefühlen diesem Werk.
Wie so oft bei umfangreichen Werken, strotzt auch dieses von einer Vielzahl an teilnehmenden Personen. Hierfür ist – wie oft in diesem Genre – extra ein Anhang integriert. Ich bin aber der Meinung, ein Autor sollte so gut erzählen können, dass man als Leser eben nicht für Erläuterungen oder Familienbeschreibungen immer wieder nach hintern blättern muss.
Schon mal vorweg: Interessanterweise hatte mich das Buch bereits nach dem Prolog fest im Griff. Trotz des eher langsamen Einstiegs Brian Lee Durfees in seine Welt und trotz der noch unbekannten, dafür in hoher Zahl auftretenden Personen, schaffte er es, mich durch seine Lebendigkeit an die Seiten zu fesseln.
Vorab ein kleines Fazit: Endlich mal wieder ein absoluter Blockbuster im Bereich der Fantasy!

Durfee liefert einen High-Fantasy-Roman mit einer Vielzahl an verschiedenen Handlungsebenen und einer daraus resultierenden Komplexität, die sich jedoch durch seine Art des Erzählens beinahe gänzlich aufzulösen scheint. Man wird das Gefühl nicht los, in diesem Werk mehreren verschiedenen Geschichten zu folgen.
Jede einzelne für sich absolut interessant – aber: scheinbar auch lange Zeit voneinander losgelöst.
Nach und nach schafft es Durfee nahezu virtuos, diese Stränge zu einem Netz zusammen zu fügen, wie es nicht schöner sein könnte.
Sprachlich bleibt er sehr eingängig und überzeugt mit Handlungen und eben nicht mit langen, ausschweifenden Erklärungen und Umschreibungen, wie es leider zu oft in diesem Genre vorzukommen scheint. Im Gegenteil, er überzeugt schlicht durch seine Geschichte und umschreibt oder erklärt nur, wenn es seiner Meinung nach absolut notwendig wird.
Man erkennt dabei deutlich: Es funktioniert! Man taucht als Leser viel stärker in die Welt ein – vielleicht liegt das an dem Umstand, dass man bis zu einem gewissen Grade, die Welt selbst in den eigenen Gedanken entstehen lassen kann und man vom Autor nur eine gewisse Richtung präsentiert bekommt.
Durfee kümmert sich einfach auf liebevolle und sehr detaillierte Weise um seine Story – dabei ist zu beachten: Er scheut auch nicht vor Gewalt zurück und stellt diese auch uneingeschränkt dar. Ich halte das für notwendig, ehrlich und passend. Wer damit nicht klar kommt, sollte aber von solchen Werken die Finger lassen.
Alles in allem handelt es sich bei „Der Mond des Vergessens“ um einen absolut und uneingeschränkt zu empfehlenden Start einer neuen Reihe. Auch wenn es mich ärgert, dass Fantasyautoren scheinbar nur noch im großen Maßstab Bücher schreiben können – hier stört es mich nicht, denn ich freue mich wirklich sehr auf die Fortsetzung und hätte diese gerne nahtlos zur Hand genommen.
„Der Mond des Vergessens“ ist schlussendlich eines meiner Jahreshighlights in diesem Genre!
Jürgen Seibold/28.09.2018

Leonard, Gerald H.: Kuppelwelt

©2017 by Bastei Lübbe AG
ISBN 978-3-7325-4287-1

COVER:

Die Kuppel sorgt für dich. Sie beschützt dich. Aber was passiert, wenn du sie verlassen willst?

Jom wächst in der Welt der Kuppeln auf – gigantische Bauten, in die sich die Menschheit nach massiver Umweltzerstörung, vernichtenden Kriegen und Pandemien zurückgezogen hat. Individualität und Gefühle, die angeblichen Ursachen aller Katastrophen, werden medikamentös unterdrückt – per Infusor, den jeder Bewohner der Kuppeln am Handgelenk trägt.

Doch trotz dieser emotionalen Gleichschaltung stößt der aufsässige Jom seine Mitmenschen immer wieder vor den Kopf. Und immer wieder fragt er sich: Gibt es etwas anderes als Wildnis dort draußen – und ist es besser als das Leben in der Kuppel?

“Kuppelwelt” war in der Endauswahl für den STEFAN-LÜBBE-PREIS 2016: Nicht nur eine spannende Heldenreise, sondern auch eine konsequente Weiterentwicklung von Aldous Huxleys “Schöne neue Welt” und George Orwells “1984”. Eine fesselnde Dystopie, ein beeindruckendes Science-Fiction-Debüt!

REZENSION:

Die Idee mit in Kuppeln lebenden Menschen ist natürlich nicht neu. Dennoch schadet es nicht, sich den Ideen eines weiteren Autors zu widmen. Vielleicht kann dieser dem Thema noch etwas hinzufügen.
Bereits nach einige Seiten macht die von Gerald H. Leonard vorgelegte Dystopie ausreichend Lesefreude, um dem weiteren Geschehen folgen zu wollen.
Sehr interessant zeigte sich mir die Idee der Verwendung eines „Infusors“, mit dem die Gefühle und Emotionen gesteuert werden. Die Verwendung bereits von Kindesbeinen an geschult, sorgt dafür, dass die Menschen sich immer mehr gleichen und das einzelne Individuum immer mehr in den Hintergrund rückt.
Wir als Leser folgen Jom, der sich – wie sollte es anders sein? – zum Außenseiter entwickelt und versucht, gegen das vorherrschende System zu rebellieren.
Prinzipiell ist die Idee der Kuppelwelt als auch der „Außenwelt“ auch in erneuter Auflage sehr interessant und auch in diesem Werk außerordentlich gut umgesetzt.
Die eigentliche Handlung wirkt aber leider ein wenig oberflächlich und bekannt.
Nichts desto trotz konnte ich dem Roman einiges abgewinnen. Sicher, es wirkt vieles vorhersehbar – der Schreibstil ist aber eingängig, einige Ideen außerordentlich interessant und somit ein Werk für einige vergnügliche und unterhaltsame Lesestunden.
Der Vergleich mit den beiden wichtigsten Büchern dieses Genres ist definitiv arg hoch gegriffen und hinkt auch inhaltlich gewaltig. Damit kann der vorliegende Roman nur verlieren – wenn man darüber hinwegsehen kann und dies nur als Marketingmasche wegwischt, lässt sich „Kuppelwelt“ im Großen und Ganzen auf positive Art genießen.
Jürgen Seibold/28.09.2018