Scalzi, John: Frontal

Originaltitel: Head On
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kempen
© 2018 by John Scalzi
Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2018 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-29979-9
ca. 365 Seiten

COVER:

Ein Spiel mit tödlichem Ausgang

Kennen Sie Hilketa? Bei dieser Sportart gehen die Spieler mit Schwertern und Hämmern aufeinander los. Das Hauptziel des Spiels: Erbeute den Kopf deines Gegners und befördere ihn durch die Torpfosten. Für gewöhnliche Menschen wäre ein solcher Sport unmöglich. Aber alle Spieler sind „Threeps“, roboterartige Körper, die ferngesteuert werden. Alles ist erlaubt.
Bis ein Starathlet, der einen solchen Threep steuert, während eines Spiels zu Tode kommt. Ist es ein Unfall oder Mord? Die beiden FBI-Agenten Chris Shane und Leslie Vann ermitteln.

REZENSION:

John Scalzi konnte mich schon oft mit seinen Romanen nahezu uneingeschränkt unterhalten. Gerade wenn ich zum Beispiel an KOLLAPS denke, bin ich immer noch ganz angetan von diesem eingängig erzählenden Schriftsteller.
Dementsprechend freute ich mich auf FRONTAL. Ich bin dann immer wieder sehr überrascht, wenn ich ziemlich vorbehaltlos einen Roman öffne, dennoch bereits nach einiger Zeit merke, dass sich die Tür nicht öffnet, die zum notwendigen Zugang zur Geschichte führt.
Ich mache Bücher nur sehr ungern zu. Gleichzeitig gibt es mittlerweile eine schier unendliche Vielzahl an Geschichten. Warum also sich mit Werken aufhalten, von denen man nicht von Anfang an überzeugt ist?
Auch hier blieb mir leider nichts anderes übrig, als es zu schließen – da es sich um Scalzi handelte, hielt ich sogar knapp über 100 Seiten durch. Üblicherweise sollte es ein Buch mit einer normalen „Dicke“ schaffen, mich bereits nach etwa 50 Seiten zu haben. Somit gab es hier einen doppelten Bonus und die verlängerte Hoffnung, dass mich Scalzi noch zu überzeugen weiß. Leider schaffte er es nicht und somit kann ich nichts tiefgehenderes darüber erzählen, da bei mir kein besonderer Eindruck zurückgeblieben ist. Nichts desto trotz werde ich diesen Autor weiterhin im Auge behalten – es muss ja nicht jedes Rezept schmecken…
Jürgen Seibold/03.06.2019

Gibson, William: Peripherie

Originaltitel: The Peripheral
Vollständige Taschenbuchausgabe Oktober 2018
© 2014 William Gibson
© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe Tropen – J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, Stuttgart
Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München
ISBN 978-3-426-52206-6
ca. 602 Seiten

COVER:

Flynne ist die einzige Zeugin eines grausamen Verbrechens – doch sie ahnt nicht, dass die Tat erst in 100 Jahren geschehen wird.

Getrennt durch die Apokalypse, die einen Großteil der Menschheit ausgelöscht hat, leben Flynne und Wilf zu unterschiedlichen Zeiten in grundverschiedenen Welten. Als Flynne eines Tages ein düster-futuristisches Spiel testen soll, wird sie Zeugin eines Mordes – ohne zu wissen, was sie da sieht. Genauso wenig ahnt sie, dass das „Spiel“ keines ist – sondern die Zukunft, in der Wilf lebt.

REZENSION:

Die Geschichte dieses Buches des herausragenden Schriftstellers William Gibson hat mich sehr angesprochen. Dementsprechend euphorisch begann ich mit den ersten Seiten dieses Romans und freute mich auf eine postapokalyptische Welt, die sich in unterschiedlichen Zeiten abspielt und dementsprechend übereinander gelagert funktioniert oder sich sogar auf Basis dieser beiden zeitlichen Ebenen gegenseitig unterstützt und auflöst.
Leider konnte Gibson meinem Anspruch nicht gerecht werden. Vielleicht würde er diesem sogar gerecht werden, denn seine prinzipielle Qualität und der anspruchsvoll erzählte Inhalt könnten dafür sprechen. Nichts desto trotz schaffte er es nicht, mich als enthusiastischen Leser bei der Hand zu nehmen. Seine Mischung wäre außerordentlich interessant – leider konnte ich zu Anfang dem Autor schlicht nicht folgen und dementsprechend schwer fiel es mir einen Anker zu greifen, der mich durch die Geschichte führt.
Dementsprechend schnell war ich nur noch irritiert und hatte erhebliche Schwierigkeiten, die nicht näher erklärten Ebenen zu greifen und ihnen adäquat zu folgen.
Aus diesem Grund entschied ich mich nach einer gewissen Zeit, mich anderen Werken zu widmen und dieses Buch beiseite zu legen. Schade, da die grundsätzliche Idee doch ganz gut mein Interesse wecken konnte.
Jürgen Seibold/07.06.2019

Reeve, Philip: Mortal Engines – Krieg der Städte

Originaltitel: Mortal Engines
Aus dem Englischen von Nadine Püschel und Gesine Schröder
©2001 Philip Reeve
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2018 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70212-1
ca. 334 Seiten

COVER:

Es war nur natürlich, dass Großstädte kleine Städte fraßen, dass Kleinstädte Dörfer verschlangen und sich Dörfer an statischen Siedlungen gütlich taten. Das war der Städtedarwinismus, und so lief es in der Welt seit Hunderten von Jahren …

Eine der gefährlichsten Städte in den Großen Jagdgründen ist London, prächtig anzusehen und voller stolzer, furchtloser Bewohner – bis ein Attentat die Dinge aus dem Gleichgewicht bringt. Als das Mädchen mit dem Tuch vor dem Gesicht ein Messer zückt, um den Obersten Historiker Londons, Thaddeus Valentine, umzubringen, kann ihm der junge Gehilfe Tom in letzter Sekunde das Leben retten. Er verfolgt das Mädchen, das jedoch durch einen Entsorgungsschacht in die Außenlande entkommt. Dass Valentine statt seinem Retter zu danken, den Jungen gleich mit hinausstößt, konnte beim besten Willen keiner ahnen …

Damit beginnt Toms und Hesters abenteuerliche Odyssee durch die Großen Jagdgründe. Sie treffen auf Sklavenhändler und Piraten, werden von einem halbmenschlichen Kopfgeldjäger verfolgt und von einer Aeronautin namens Anna Fang gerettet. Und all das, während in London finstere Pläne geschmiedet werden.

REZENSION:

Die Welt in „Mortal Engines“ ist eine Welt, wie sie mir in einer Geschichte wohl noch nie untergekommen ist: Hier sind die Städte riesige Maschinen, die sich durch die Jagdgründe bewegen und dabei andere Städte oder Dörfer in sich einverleiben. Diese Idee hat etwas Surreales und gleichzeitig extrem Brachiales. Ich persönlich finde es absolut erfrischend, mich auf dieses Gedankenspiel ein zu lassen und freute mich bereits auf den Inhalt der ersten Folge dieser auf mehrere Bände ausgelegten Reihe.
Natürlich ist mir auch bewusst, dass auf Basis dieses Werkes auch ein Film seinen Weg in die Kinos gefunden hatte. Der Regisseur dabei kein geringerer als Peter Jackson, der bereits dem „Herrn der Ringe“ cineastische Züge verliehen hatte.
Ich konnte mich aber dem Buch komplett unbelastet widmen, da ich den Film bisher noch nicht gesehen habe. Lediglich der Trailer war mir bewusst und dementsprechend konnte ich es nicht vermeiden, das Bild Londons bereits wie im Film vor Augen zu haben. Dies störte aber nicht, da Philip Reeve ehrlich gesagt nicht sehr detailliert auf seine Welt eingeht. Einerseits finde ich das gut, andererseits wäre ich dennoch sehr gerne tiefer eingedrungen.
Ich könnte mir aber vorstellen, dass ich mit meinem doch gehobenen Alter nicht die wirkliche Zielgruppe des Autors darstelle. Dieser Eindruck verstärkte sich bei mir im Laufe des Buches – ich habe mich aber damit abgefunden und mich auf eine etwas schlichtere Unterhaltung eingelassen. Die Zielgruppe liegt meines Erachtens eher im Jugend- oder jüngerem Erwachsenenalter. Die Story ist nämlich dementsprechend geschnitten und geht straight auf ihr Ende zu. Die Protagonisten lassen sich in ihrer Tätigkeit als auch in ihrer aufflammenden Beziehung zueinander recht einfach einordnen und vorhersagen. Dementsprechend wenig Überraschendes gibt es in diesem Plot. Gleichzeitig halte ich es aber für wichtig, dass solche Bücher ihren Weg zu ihrer Klientel finden. Sie sind nämlich außerordentlich unterhaltsam und sorgen für einige genussvolle und unterhaltsame Stunden. Besonders die stringente Vorgehensweise und die etwas einfache Erzählweise sorgt für kurzweilige Unterhaltung. Das Buch ist aufgrund dessen recht schnell gelesen und man ertappt sich auch als alter Hase dabei, dass man doch den nächsten Band ebenfalls lesen möchte.
Als Fazit lässt sich sagen, dass „Mortal Engines“ für die junge Leserschaft eine gute Empfehlung darstellt – Personen meines Alters werden etwas weniger überrascht, können aber auch ganz ordentlich auf leichte Art damit unterhalten werden.
Jürgen Seibold/26.05.2019

Vogt, Judith: Roma Nova

©2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
ISBN 978-3-404-20914-9
ca. 622 Seiten

COVER:

EINE SEHERIN MIT DEM DURST NACH RACHE
EIN GLADIATOR MIT EINEM KÜNSTLICHEN HERZ
EINE REVOLTE UNGEKANNTEN AUSMASSES

Dämonische Kreaturen lauern am Rande des Mare Nostrums, darauf harrend, den Planeten Rom für immer von der Sternenkarte zu löschen. Sie überfallen das Raumschiff des Legaten Lucius Marinus, um die Sklavin und Seherin Morisa zu befreien und zu sich in den Hades, ein zerstörerisches Sternensystem um ein Schwarzes Loch, zu holen. Von dort aus plant Morisa ihre Rache an ihrem ehemaligen Herrn und dem gesamten Römischen Imperium.

Auf Rom erfährt der Gladiator Spartacus von der Flucht seiner Ehefrau Morisa. Er ist ein gefeierter Arenakämpfer, doch er sehnt sich zurück nach der Freiheit. Spartacus will sich nicht länger seinem Schicksal ergeben. Schon lange plant er einen Aufstand des Ludus. Nun ist die Zeit gekommen, den Plan umzusetzen und Morisa in den Hades zu folgen!
Der Sklavenaufstand beginnt!

REZENSION:

Judith Vogts Roman Roma Nova kommt mit einer außerordentlich interessant klingenden Idee: Die als „Altes Rom“ bekannte Welt wird von ihr in die Weiten des Universums verlegt.
Rom ist somit nicht nur eine Stadt, sondern eben auch ein Planet.
Die Autorin schaffte es dabei regelrecht virtuos, diese beiden prinzipiell nicht passenden Welten auf eine sehr geschickte Art und Weise zusammen zu fügen. Einerseits fühlte man sich dadurch direkt in das alte Rom versetzt – gleichzeitig begegnen wir aber auch Errungenschaften der fernen Zukunft.
Gladiatorenspiele sind immer noch die bevorzugte Unterhaltungsform – die Arena wirkt in ihrer Beschreibung trotz aller integrierter Technik wie eine Erklärung des Colosseums.
Durch diese geschickte Verknüpfung schaffte es die Autorin mich lange Zeit problemlos bei der Hand zu nehmen und mich nahezu uneingeschränkt zu unterhalten. Gut, ein klein wenig mehr über die römische Welt hätte ich gerne im Detail erfahren – darüber kann man aber zu Gunsten eines schnellen Leseflusses hinwegsehen.
Die Protagonisten sind gut gezeichnet und man kann sich ihnen leicht anschließen.
Die Welt steckt voller Intrigen und unerlaubten Heimlichkeiten beziehungsweise Liebschaften. Somit lange Zeit ein schönes Sittengemälde einer erfundenen Welt mit einer Vielzahl an Reminiszenzen zum Alten Rom.
Etwa nach 2/3 des Buches drehte sich meiner Meinung leider in die andere Richtung. Während ich anfangs noch jedes Wort feierte, ertappte ich mich im letzten Drittel immer mehr, dass ich auf das Ende wartete. Gleichzeitig entstanden Lesepausen, welche für mich immer ein untrügliches Zeichen sind, dass sich die genialen Fesseln des Buches gelöst hatten und die Story oder Handlung von mir weg zu driften versuchte.
Genau kann ich nicht greifen, woran dies wohl lag. Gefühlt ging es in etwa beim Start der eigentlichen Revolte los. Trotz der Actionszenen schien irgendetwas zu fehlen und somit folgte ich nur noch der restlichen Handlung, da ich zum Ende kommen wollte.
Alles in allem ist Roma Nova dennoch ein nicht gerade schlechtes Buch. Im Gegenteil! Es wird sicher seine Klientel finden und hat dies auch in meiner Person ganz gut geschafft. Es ist definitiv eine wunderschöne Idee eine Art Crossover entstehen zu lassen. Natürlich ist das Setting aber auch dementsprechend austauschbar, da die Autorin nicht im kleinsten Detail darauf eingeht. Dies möchte ich aber nicht als Vorwurf werten, wie bereits angemerkt. Die Geschichte funktioniert jedenfalls, verliert sich aber im letzten Part in sich selbst. Eventuell waren die Ansprüche durch den Genuss der ersten beiden Drittel bereits hoch und konnten zum Ende hin nicht mehr rundum befriedigt werden.
Jürgen Seibold/28.04.2019

Doctorow, Cory: Walkaway

Originaltitel: Walkaway
Aus dem Englischen von Jürgen Langowski
Deutsche Erstausgabe 07/2018
©2017 by Craphound LLC
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31793-2
ca. 736 Seiten

COVER:

Mitte des 21. Jahrhunderts: Die Erde ist vom Klimawandel gezeichnet, die Staaten werden von Ultra-Reichen regiert, und die Städte haben sich für die normalen Bürger in Gefängnisse verwandelt. Aber es ist auch eine Welt, in der sich Lebensmittel, Kleidung und sogar Behausungen per 3D-Druck ohne großen Aufwand produzieren lassen. Warum also in einem so kaputten System ausharren? Warum nicht einfach … weggehen? Und so werden vier ungleiche Helden zu „Walkaways“. Sie lassen die Zivilisation hinter sich und suchen nach Freiheit und Selbstbestimmung. Und machen die vielleicht größte Entdeckung aller Zeiten.

REZENSION:

Bei manchen Büchern passt die genannte Thematik einfach wie die Faust aufs Auge. Der sehr reduzierte Text des Covers lässt hoffen und gleichzeitig einiges erwarten. Eine große Utopie des 21. Jahrhunderts wird uns Leser versprochen. Dementsprechend konnte ich es schon gar nicht mehr erwarten, dieses Werk endlich lesen zu können.
Die Erwartungen waren hoch, doch konnten sie auch befriedigt werden?
Nun, vorab gesagt: Leider in meinem Falle nicht. Auch wenn ich es wirklich mit aller Inbrunst versucht hatte und das Buch erst nach 140 Seiten unvollendet beiseitelegen musste – das Hochgefühl konnte ich nicht aufrecht halten.
„Walkaway“ versucht wirklich sehr viel und wird mit Sicherheit bei mancher Klientel damit auch punkten können. Mir persönlich wurde zu wenig Wert auf die Welt als auch die persönlichen Ambitionen der Protagonisten gelegt.
Cory Doctorow erzählt seine Geschichte sehr dialoglastig. Dies würde mich noch nicht mal stören, dennoch konnte er damit keinen sauberen Faden auslegen, an dem ich mich in irgendeiner Art und Weise orientieren könnte. Mir ist weder bewusst geworden, wie sich die beiden Seiten dieser Welt darstellen, noch welche Hintergründe zum „walkaway“ führten.
Vielleicht war es eine simple Schnapsidee der „walkaways“, ihren sicheren Hort zu verlassen – aber selbst wenn es so wäre: Es wurde mir nicht bewusst.
Ich persönlich finde es außerordentlich schade, dass mich dieses Werk nicht überzeugen konnte – die Idee dahinter hat mich wahrlich überzeugt und bei einer anderen Ausarbeitung wäre ich mit wehenden Fahnen voran geschritten, um jedem dieses Buch nahe zu bringen.
Trotz meiner negativen Leseerfahrung und dem vorzeitigen Abbrechen möchte ich noch einen wichtigen, positiven Punkt hinterlassen: Doctorows Schreibstil hat mir prinzipiell außerordentlich gut gefallen. Locker, witzig, eingängig und simpel zu verstehen. Die stringente, handlungsorientierte Vorgehensweise und der dazu gehörige Antrieb hatten mir einfach gefehlt. Im Umkehrschluss werde ich aufgrund seiner grundsätzlichen Art dennoch diesen Namen weiterhin im Auge behalten und ihm somit eine weitere Chance bei seinem nächsten Buch geben.
Jürgen Seibold/12.04.2019

Weir, Andy: Artemis

Originaltitel: Artemis
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
©2017 by Andy Weir
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27167-8
ca. 426 Seiten

COVER:

Jazz Bashara ist in Artemis aufgewachsen, der ersten und einzigen Stadt auf dem Mond. Und Jazz ist kriminell. Zumindest ein bisschen. Schließlich ist das Leben auf dem Mond verdammt ungemütlich, wenn man nicht gerade im Geld schwimmt. Um sich etwas dazuzuverdienen, schmuggelt Jazz Zigaretten, Feuerzeuge und andere in der Mondstadt verbotene Güter für ihre stinkreichen Kunden.
Als ihr der norwegische Milliardär Trond Landvik jedoch eines Tages einen Handel vorschlägt, scheint sie das große Los gezogen zu haben: Er zahlt ihr einen Haufen Geld, wenn sie eine Aluminiumfirma sabotiert. Landvik könnte so in den lukrativen Aluminiumhandel einsteigen, und Jazz hätte endlich keine Geldsorgen mehr. Ein unwiderstehliches Angebot! Zugegebenermaßen illegal. Und der Coup erfordert auch einen wasserdichten Plan, schließlich muss Jazz dafür raus auf die Mondoberfläche, was weder einfach noch ungefährlich ist. Aber sie wäre nicht Jazz Bashara, wenn sie sich so ein Geschäft entgehen ließe.
Doch die Sache geht schief. Erst wird Jazz bei ihrem Sabotageakt erwischt, dann wird Landvik ermordet. Und aus einer kleinen Gaunerei wird plötzlich eine tödliche Verschwörung, bei der nicht nur Jazz‘ eigenes Leben auf dem Spiel steht, sondern das Schicksal von Artemis selbst.

REZENSION:

Andy Weir hat mit seinem Buch „Der Marsianer“ einen sehr witzigen, spannenden und interessanten Blockbuster vom Stapel gelassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Werk jedem ein Begriff ist. Ich hatte es damals nahezu gefressen und war somit ganz gespannt auf „Artemis“. Gleichzeitig hatte ich aber auch nicht allzu viel Erwartungen in dieses Buch gesteckt – ist es doch sehr schwierig, einem Blockbuster nahtlos mit einem Blockbuster zu folgen.
„Artemis“ spielt dann auch nicht auf dem Mars sondern liegt uns mit seiner Erzählung erheblich näher: Wir befinden uns auf dem Mond, der ein wenig besiedelt worden ist. Darüber hinaus handelt es sich nicht um ein Kammerspiel – Weir lässt neben seiner Hauptprotagonistin Jazz auch noch weitere Teilnehmer agierend zu Wort kommen.
Jazz ist eine Kriminelle – dennoch fühlt man sich auf ihrer Seite recht wohl und ihre Ambitionen sind naheliegend und glaubhaft dargelegt. Die technischen Umstände lässt Weir – wie bereits beim Marsianer – nicht missen, holt in diesem Werk erfreulicherweise nicht zu tiefgehend damit aus, erklärt dennoch ausreichend, um dem Leser ein verständnisvollen Bild mit geben zu können. Dies klappt perfekt und man muss kein Technik-Nerd sein, um Andy Weir in diesem Werk folgen zu können.
Seine Geschichte ist spannend und interessant. Dennoch nicht ganz so genial in der Ausführung wie das vorangegangene Buch auf dem roten Planeten. Nichts desto trotz macht „Artemis“ recht viel Freude beim Lesen und ist schlussendlich ein solider Science-Fiction-Roman mit einer spritzigen, interessanten Handlung. „Artemis“ kommt somit nicht an dem Marsianer ran – ein unterhaltsames Werk bleibt es trotzdem.
Jürgen Seibold/13.03.2019

Liu, Cixin: Der dunkle Wald

Originaltitel: Heian Senlin
Aus dem Chinesischen von Karin Betz
Deutsche Erstausgabe 04/2018
©2008 by Liu Cixin
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31765-9
ca. 815 Seiten

COVER:

Seit die Astrophysikerin Ye Wenjie vor einigen Jahrzehnten Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation hergestellt hat, ist die Welt in Aufruhr. Die Trisolarier, benannt nach ihrem Planeten, der um drei Sonnen kreist, sind mit einer Invasionsflotte in Richtung Erde gestartet. Nichts kann sie aufhalten, haben sie doch bereits künstliche Partikel zur Erde gesandt, die die physikalischen Vorgänge auf der ganzen Welt manipulieren und die Ankunft der Fremden in vierhundert Jahren vorbereiten sollen. In dieser verzweifelten Situation beschließen die Vereinten Nationen, ein besonderes Abwehrprogramm ins Leben zu rufen: die sogenannten „Wandschauer“. Vier Auserwählte erhalten den Auftrag, unabhängig voneinander und unter größter Geheimhaltung Pläne zur Abwehr der trisolarischen Flotte zu entwickeln. Drei von ihnen sind berühmte Wissenschaftler und Politiker, der Vierte aber ist ein völlig Unbekannter.

Als Astronom und Soziologe hat Luo Ji nicht viel erreicht. Als er eines Tages eine Einladung zur Vollversammlung der Vereinten Nationen erhält und bei der Bekanntgabe des Abwehrprogramms auch noch auf das Podium gerufen wird, versteht er die Welt nicht mehr. Er soll der vierte Wandschauer sein? Von diesem Tag an nimmt sein Leben eine völlig neue Bahn. Und schon bald muss Luo Ji feststellen, dass er der einzige Wandschauer ist, den die Trisolarier um jeden Preis tot sehen wollen. Denn sein Plan ist anders als alles, was die Menschheit je zuvor unternommen hat.

REZENSION:

„Der dunkle Wald“ ist die Fortsetzung von „Die drei Sonnen“ und gleichzeitig der zweite Band der Trisolaris-Trilogie.
Bereits der erste Band konnte mich mit einer sehr anspruchsvollen und interessant angelegten Geschichte uneingeschränkt überzeugen. Nun also der zweite Wurf des chinesischen Autors Cixin Liu.
Interessanterweise spielt „Der dunkle Wald“ einige Jahrzehnte später als sein Vorgänger. Vor diesem Hintergrund funktioniert das gesamte Buch als alleinstehendes Werk und es ist nicht unbedingt notwendig, den Vorgänger zu kennen. Selbstverständlich möchte ich diesen aber nicht missen…
Nun sind die Trisolarier also auf dem Weg und möchten uns schlicht und einfach von unserem Planeten tilgen. Auch die Trisolarier können sich nicht auf einfachstem Weg irgendwie in unser System beamen und somit dauert ihr Eroberungsfeldzug auch ganze 400 Jahre, bis sie in Eroberungsentferung kommen. Stephen Hawking warnte bereits vor Außerirdischen, die auf dem Weg zu uns sind – denn wenn jemand dazu in der Lage ist, dann ist er auch technisch auf einer ganz anderen Ebene als wir. Dementsprechend kopflos agiert auch die Menschheit und Cixin Liu geht detailliert darauf ein. Man erkennt sehr schön sein Gedankenbild und sein kritischer Blick auf nahezu jegliche Regierungsform auf unserem blauen Planeten. Der im Buch auftretende Frust ist absolut nachvollziehbar: Regierungen denken meist nur in Legislaturperioden und nun ist eine Gefahr auf dem Weg, die erst in vierhundert Jahren zur echten Gefahr wird?
Liu geht aber nicht nur auf diesen Umstand ein. Wie bereits im ersten Band ist er ein begnadeter Philosoph und führt auch im vorliegenden Buch Ideen und Lösungen ein, mit denen man schlichtweg nicht rechnet, aber in ihrem Ergebnis wirksam und nachvollziehbar funktionieren.
„Der dunkle Wald“ ist gespickt mit tiefgehenden Elementen, tiefgründenden Ideen, unterschiedlichen Gedankenbildern und eine gehörige Portion Kritik an bestehenden Systemen. Ein absolut unglaublicher Science-Fiction-Roman der in seiner Erzählweise keine leichte Kost darstellt, dafür den Leser mit einer rundum durchdachten und hochwertigen Geschichte überzeugen und somit auf hohem Niveau unterhalten kann. Ein absolutes Highlight für den gehobenen Anspruch. Ein Werk zum Mitdenken – es bietet dabei eine Vielzahl an Gedankenbildern, die den Leser auch nach dem letzten Buchstaben noch grübeln lassen. Eine absolute Empfehlung des Genres und ein erneuter Appetizer zum abschließenden Band.
Jürgen Seibold/10.03.2019

Klein, Tal M.: Der Zwillingseffekt

Originaltitel: The Punch Escrow
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kempen
©2017 by Tal M. Klein
Deutsche Erstausgabe 05/2018
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31928-8
ca. 414 Seiten

COVER:

Im Jahr 2147 hat sich die Welt radikal verändert: Innovative Nanotechnologie hat die klassische Medizin ersetzt, genmanipulierte Mücken halten die Luft in den Großstädten sauber, und der mächtige Weltkonzern International Transport hat mit der Erfindung der Teleportation das Reisen monopolisiert. Es ist die Welt von Joel Byram, einem durchschnittlichen New Yorker mit durchschnittlichen Problemen – sein Job als KI-Coach langweilt ihn, und aus seiner Ehe mit der hünschen Physikerin Sylvia ist die Luft raus. Um ihre Beziehung zu retten, wollen die beiden Urlaub in Costa Rica machen. Dorthin lassen sie sich natürlich teleportieren. Doch während Sylvia problemlos in San José ankommt, geht bei Joel alles schief. Erst gibt es einen Anschlag auf das Teleportationszentrum, und dann wird er selbst versehentlich dupliziert. Nun existieren zwei Joels – einer in Costa Rica bei Sylvia und einer in New York! Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse: Sylvia wird entführt, die beiden Joels geraten ins Visier einer religiösen Sekte und werden von International Transport verfolgt. Und bald kommen Joel und Joel einem dunklen Geheimnis rund um das Wunder der Teleportation auf die Spur. Ein Geheimnis, bei dem es um Leben und Tod geht …

REZENSION:

Teleportation kommt in der literarischen Welt schon seit gefühlten Ewigkeiten vor. Von der filmischen Welt möchte ich gar nicht reden. Nun widmete sich der Schriftsteller Tal M. Klein in seinem Science Fiction Roman „Der Zwillingseffekt“ ebenfalls diesem Thema.
Sein Roman spielt dabei in unserer Welt – jedoch befinden wir uns bereits im Jahre 2147. Klein lässt seiner Fantasie bei der Ablichtung dieser Zeit einen nur begrenzt freien Lauf und bringt keine unglaublich wirkenden Errungenschaften zur Sprache. Dies ist als positiv zu betrachten, da seine Welt zwar erst in fernen 100 Jahren spielt, dennoch so möglich sein könnte.
Kleins Kreativität bleibt im Nachvollziehbaren und stellt eine recht gelungene Welt dar. Natürlich ist auch seine Zukunft lediglich ein Gedankenspiel – es klingt aber plausibel und darüber hinaus lässt er sich nicht dazu herab, diese in jeglichem Detail zu erklären: Sie ist einfach, wie sie eben ist.
Teleportation als zukünftiges Mittel zum Reisen klingt schon außerordentlich verlockend. Sollte jemals eine Firma dafür ein Monopol innehaben, könnte ich mir ebenfalls ganz gut vorstellen, dass diese bei technischen Problemen ähnlich vorgehen, wie die Firma IT in diesem Buch.
Kleins Figuren wirken gut durchdacht und man fiebert sogleich mit den beiden Joels mit – gleichzeitig schafft es Klein aber nicht, seinem Thriller einen besonderen Dreh zu verleihen. Somit liefert er zwar einen gut durchdachten und relativ spannenden SF-Thriller ab, der ganz gut zu unterhalten weiß – aber darüber hinaus wird es dem Genre keinen neuen Stempel aufdrücken. Es ist einfach zwischen den beiden Buchdeckeln doch einiges zu leicht vorhersehbar – nichts desto trotz bleibt man dem Buch durch die witzige Erzählweise bis zu dem leider etwas gehetzten Ende treu.
Einige kleine Punkte innerhalb des Romans führten mich zum Schmunzeln: Die Idee um die Musik der 80er ebenso wie zum Beispiel die Verwendung von Songtiteln als Absatzüberschriften. Dies ist wirklich eine nette Idee des Autors und neben dem dezent eingefügten Witz wirkt auch Kleins Schreibstil außerordentlich erfrischend. Somit ein interessanter, unterhaltsamer aber trotzdem durchschnittlicher Thriller für einige Stunden des lockeren Abschaltens.
Jürgen Seibold/07.03.2019

Newitz, Annalee: Autonom

Originaltitel: Autonomous
Aus dem Amerikanischen von Birgit Herden
©2017 by Annalee Newitz
Erschienen bei Fischer Tor, April 2018
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2018 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70258-9
ca. 351 Seiten

COVER:

Zacuity ist eine neue Droge, der ganz heiße Scheiß. Wenn man sie nimmt, wird die Arbeit zu einer wahren Freude. Die Nebenwirkung: Man will nicht mehr aufhören zu arbeiten. Man arbeitet sich buchstäblich zu Tode.
Jack ist eine Patentpiratin, die Medikamente der Pharmaunternehmen kopiert und auf dem Schwarzmarkt verkauft, auch Zacuity. Als die ersten Opfer auftauchen, gibt man ihr die Schuld. Jack ist sich sicher, dass nicht ihre Kopien, sondern schon das ursprüngliche Präparat zu Suchterscheinungen und massiven gesundheitlichen Schäden führt. Sie nimmt Kontakt zu einigen alten Bekannten auf, idealistischen Pharmaforschern, mit denen sie studiert hat, und gemeinsam machen sie sich an die weitere Erforschung des Medikaments.
Doch die Zeit wird knapp: Denn inzwischen wird sie von dem Pharmakonzern Zaxy als Terroristin gejagt. Ein Agent der International Property Coalition hat sich mit einem Kampfroboter an ihre Fersen geheftet. Stück für Stück rekonstruieren die beiden das Netzwerk, in dem sich Jack bewegt. Die Schlinge zieht sich langsam zu …

REZENSION:

Die Idee hinter der Geschichte besitzt tiefgehendes Potenzial und kann sicherlich mit Leichtigkeit als umfassende Basis für das Beschreiten unterschiedlichster, erzählerischer Pfade verwendet werden. Die Dystopie gibt somit genug Stoff, um ebenso an die Seiten gepresst zu werden, wie die Süchtigen an die Arbeit.
Leider taucht hier das Fundament nicht auf und dementsprechend oberflächlich wirkt die Umgebung innerhalb dieser in der Zukunft aufgebauten Geschichte. Hier hätte ich definitiv mehr Informationen über die Verwandlung der Welt von unserer Bekannten in diese doch recht düstere Zukunft. Nichts desto trotz könnte man darüber noch hinwegsehen, doch es gibt leider zu viele Punkte, die dafür sorgten, dass die Story keinen durchgehenden Drall bekommen wollte. Es gab leider zu viele langatmige Stellen, die sich kaugummiartig hinzogen und nicht wirklich die Story voran zu treiben versuchten. Dem anschließend wirken auch die handelnden Personen trotz dem tiefgründigen Wunsch in der Geschichte zu flach und schafften es nicht die tolle Idee des Plots zu vermitteln.
Natürlich gibt es ab und an kritische Anhaltspunkte – diese schafften es aber nicht mehr, mich wieder an Bord holen zu können. Schade, da mich die Beschreibung des Buches ähnlich der im Buch genannten Droge wirklich angefixt hatte.
Jürgen Seibold/17.02.2019

Taylor, Dennis E.: Ich bin viele

Originaltitel: We Are Legion
Aus dem Amerikanischen von Urban Hofstetter
©2016 by Dennis E. Taylor
Deutsche Erstausgabe 08/2018
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2018 by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31920-2
ca. 459 Seiten

COVER:

Kaum hat der erfolgreiche Jungunternehmer Bob Johansson seine Software-Firma verkauft und einen Vertrag über das Einfrieren seines Körpers nach dem Tod unterschrieben, da ist es auch schon vorbei mit ihm. Er wird beim Überqueren der Straße vom Auto überfahren. Als Bob hundert Jahre später wieder aufwacht, ist er geschockt: Er ist kein Mensch mehr, sondern eine künstliche Intelligenz, die noch dazu der Regierung gehört. Prompt bekommt er auch gleich seinen ersten Auftrag: Er soll als Schiffscomputer einer Raumschiffflotte neue bewohnbare Planeten für die Menschheit finden. Weigert er sich oder versagt er, wird er abgeschaltet. Für Bob beginnt ein grandioses Abenteuer zwischen den Sternen – und ein gnadenloser Wettkampf gegen die Zeit …

REZENSION:

Die grundsätzliche Idee dieses Romans von Dennis E. Taylor klingt unglaublich interessant und reif für spannende, kurzweilige Unterhaltung. Wie ich dann beim Lesen innerhalb kürzester Zeit feststellen musste, wird der Roman diesem dezenten Anspruch sicherlich auch gerecht. Mir persönlich war es aber ein wenig zu dünn und etwas zu schnell konstruiert.
Bereits bei der menschlichen Komponente hatte ich schon Schwierigkeiten: Wenn ich mir vorstelle, ich bin gerade frisch aufgewacht, 100 Jahre später, muss viele Neuigkeiten kennenlernen inklusive einer komplette neuen sozialen Struktur, gehöre plötzlich der Regierung und noch viel schlimmer: Ich bin lediglich ein Datensatz in einem System – dies alles steckt der Protagonist absolut problemlos weg. Den Menschen möchte ich mal sehen, der sich absolut problemlos mit einer solchen Situation ungebremst anfreundet.
Nun gut, gehen wir darüber hinweg. Ehrlich? Nein, trotz meines dann etwas reduzierten Anspruches konnte ich den Draht in diese interessant klingende Geschichte nicht finden. Viel zu sehr lässt sich Bob auf alle Begebenheiten ein und viel zu sehr klingt jegliches auftretende Problem arg konstruiert.
Ich möchte dennoch nicht allzu negativ klingen, denn Taylor erzählt relativ interessant und möchte schlichtweg nur für eine Popcorn-Unterhaltung sorgen. Ich bin mir sicher – insbesondere, da es noch einige Nachfolge-Bände gibt – dass dies auch gut funktioniert hat. ICH BIN VIELE wird problemlos Leser, die eine leichte Kost bevorzugen, uneingeschränkt befriedigen. Bei mir hat es leider nicht funktioniert.
Jürgen Seibold/17.02.2019

Brooks, Mike: Dark Run

Originaltitel: Dark Run
Aus dem Englischen von Simon Weinert
©2015 Mike Brooks
Deutsche Erstausgabe Mai 2018
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-52208-0
ca. 429 Seiten

COVER:

DU KANNST VOR ALLEM DAVONLAUFEN – NUR NICHT VOR DEINER EIGENEN VERGANGENHEIT

Eigentlich hat Ichabod Drift, Captain des Raumfrachters Keiko, kein Problem mit Aufträgen, die sich am Rande der Legalität bewegen – oder auch darüber hinausgehen. Mit seiner eingeschworenen Crew aus Schmugglern, Glücksrittern und Abenteurern hat er schon so manchen Coup gelandet. Dass sein neuer Auftraggeber ihn erpresst, schmeckt Ichabod allerdings gar nicht. Und dass er nicht das Geringste über die Ladung wissen darf, die er auf die Erde schmuggeln soll, riecht nach Ärger. Wie groß die Gefahr jedoch nicht nur für das Schiff, sondern für den ganzen Blauen Planeten ist, ahnt allerdings noch niemand auf der Keiko …

REZENSION:

Bereits nach einigen Seiten und dem darauffolgenden Kennenlernen von Ichabod Drift und seiner sehr durchwachsenen und aus den unterschiedlichsten Persönlichkeiten als auch Lebensformen bestehenden Crew fühlt man sich an gewissen Persönlichkeiten und Serien des leichten Science-Fiction-Genusses erinnert.
DARK RUN bleibt bei diesem ersten Eindruck und dementsprechend unterhaltsam ist die Story auch. Natürlich auch nichts weiter, da man in diesem Genre-Bereich wahrlich auch nicht wirklich mehr erwartet. Somit sind sämtliche Erwartungen erfüllt und ich könnte zufrieden diese Rezension beenden.
Nun gut, einige Worte kommen doch noch: Zum einen ist der Schreibstil von Mike Brooks auch eingängig genug, um der gerade erwähnten Erwartung gerecht zu werden. Leider wirkt dadurch die Geschichte ein klein wenig zu stark konstruiert und man ist nicht wirklich von den Begebenheiten überrascht. Interessanterweise möchte man aber dennoch nicht mit dem Lesen aufhören. Hier befinden wir uns wieder bei der etwas niedrig aufgebauten Erwartungshaltung und meiner Meinung nach muss es solche reinen Unterhaltungsromane auch unbedingt geben. Simple Unterhaltung für den Freund von einigermaßen spannender Science Fiction. Somit zielgruppengerecht und in dieser Ebene makelfrei.
Um noch einen Serienvergleich für den noch unentschlossenen Leser zu machen: Beim Genuss dachte ich die ganze Zeit an die Geschehnisse auf der Firefly. Selbst die Crew wirkte sehr stark davon inspiriert – von Ichabod Drift gar nicht zu reden.
Bei DARK RUN standen diese mit Sicherheit Pate und auch bei anderen Größen des Genres bediente sich Brooks schamlos. Aber vielleicht ist das auch der Grund, warum man bei dieser recht simpel konstruierten Geschichte dranbleibt und den weiteren Geschehnissen unbedingt folgen möchte. Meines Wissens sollen die Erlebnisse in weiteren Bänden fortgesetzt werden – ob ich diese noch unbedingt lesen möchte? Da bin ich noch unschlüssig – aber vielleicht braucht es auch einfach eines Tages mal wieder einen simplen SF-Roman zur lockeren Unterhaltung. Dafür kann Brooks scheinbar problemlos sorgen.
Jürgen Seibold/23.12.2018

Tchaikovsky, Adrian: Die Kinder der Zeit

Originaltitel: Children Of Time
Aus dem Englischen von Birgit Herden
Deutsche Erstausgabe 03/2018
©2015 by Adrian Czajkowski
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31898-4
ca. 670 Seiten

COVER:

Die letzten Menschen haben eine sterbende Erde verlassen, um in den Tiefen des Alls ein neues Zuhause zu finden. Als sie auf den Planeten Eden stoßen, scheint ihnen das Glück sicher: ideale Konditionen und eine florierende Ökosphäre. Doch was sie nicht wissen – es waren bereits Menschen hier gewesen, vor langer Zeit. Menschen, die Eden als Versuchsplaneten für ein vermessenes Projekt künstlicher Evolution ausersehen hatten. Doch ihr Experiment damals hat ungeahnte Spuren hinterlassen, und nun treffen ihre Nachfahren auf die vergessenen Kinder ihres Versuchs. Wer von ihnen wird das Erbe von Eden antreten?

REZENSION:

„Die Kinder der Zeit“ von Adrian Tchaikovsky führt uns in die tiefsten Weiten des Universums. Problemlos nimmt uns der Autor bei der Hand und lässt ungebremst Jahrhunderte vor unseren Augen vergehen. Wir lernen die Arche Gilgamesch kennen, in deren Bauch sich die letzten Überlebenden unserer Rasse befinden. Sie befinden sich – eingefroren – auf der Suche nach einem neuen, bewohnbaren Planeten. Wen wundert es: Science Fiction-Romane zeigen die Zukunft und ich könnte mir gut vorstellen, dass der Weg zum sterbenden Planeten Erde kein langer mehr sein wird.
In den Weiten des Alls lernen wir als Leser in einem zweiten Erzählstrang auch die Vorgänge beim Planeten Eden kennen: Hier wurde durch eine Wissenschaftlerin eine Evolution gestartet, um Erkenntnisse der Entwicklung feststellen zu können.
Hier entsteht jedoch – entgegen den Vorgaben, der Verwendung von menschenähnlichen Affen – eine komplett neue Spezies – die sich auf Basis von Spinnentieren entwickelte.
Nun könnte man es sich als Leser ganz einfach machen: Spinnen sind eklig – die Menschen haben eine zweite Chance verdient. Nein, so einfach läuft es aber nicht. Adrian Tchaikovsky schafft es virtuos, des Lesers Gehirn mit eigenen philosophischen Gedanken abschweifen zu lassen. Man lernt das Volk der Spinnen in ihrer gesamten Entwicklung kennen – man bekommt in Bezug zu den verbliebenen Menschen nicht wirklich den Wunsch nach einem Re-Start. Sind wir doch auch in vielen vielen Jahren nichts weiter als eine egoistische und auf den eigenen Vorteil beharrende Spezies.
Wie gesagt, das Herz schlägt relativ schnell für das Volk Edens.
Nichts desto trotz bleibt die Geschichte rundum interessant und evolutionstechnisch spannend. Die Spinnen schlagen in ihrer Entwicklung zuerst einen ähnlichen Weg wie die Menschheitsgeschichte ein – nach und nach scheinen sie sich aber weiter zu entwickeln. Scheinbar zu etwas besserem.
Vielleicht befinden wir uns auch auf diesem Weg – wir müssen dazu aber wohl noch einige Jahrtausende durchhalten, bis wir es endgültig kapieren.
„Die Kinder der Zeit“ ist jedenfalls ein durchweg cleverer Roman, der dem Begriff „Evolution“ seinen eigenen Stempel aufdrückt und dabei diesen auf simpelste Art und Weise auch noch erklärt.
Ein Buch, dessen Vielzahl an Seiten nichts weiter als eine kleine Hürde darstellen. Man ist schlicht dazu gezwungen, sich durch die annähernd 700 Seiten treiben zu lassen. Allein dafür ziehe ich bereits meinen Hut.
Jürgen Seibold/20.11.2018

 

Rosenbaum, Benjamin: Die Auflösung

Originaltitel: The Unraveling
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Thon
©2017 Benjamin Rosenbaum
©Piper Verlag GmbH, München 2018
ISBN 978-3-492-70467-0
ca. 368 Seiten

COVER:

In ferner Zukunft leben die Menschen in einer Gesellschaft, die von Biotechnologie und IT geprägt ist. In einer Zeit, in der sich die Geschlechtergrenzen aufgelöst haben und jeder mehrere Körper besitzt, muss die junge Fift ihre Stellung im System behaupten. Doch als sie sich mit dem schlecht beleumundeten Biotechniker Shria anfreundet, gerät alles außer Kontrolle. Ungewollt geraten Fift und Shria in ein skandalöses Kunstspektakel, das in Wirklichkeit der Auftakt einer Revolte gegen das starre System ist. Plötzlich werden sie zu Prominenten und unfreiwilligen Trägern von Umbrüchen …

REZENSION:

Benjamin Rosenbaum versucht sich mit seinem Science-Fiction-Thriller „Die Auflösung“ an einer sehr interessanten, zukünftigen Welt. Hauptsächlich geprägt von IT und Biotechnologie lässt er seine Protagonisten auftreten. Sehr positiv auch der Versuch, Geschlechtergrenzen als aufgelöst zu vermitteln.
Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass Benjamin Rosenbaum hier zu viel des Guten versucht hat, beziehungsweise es nicht durchgehend plausibel oder eingängig vor dem Leser zu entfalten versucht. Seine Welt ist viel zu verwirrend für Bewohner der aktuellen Gegenwart, um den Leser ohne große Erklärungen bei der Hand nehmen zu können. Hier hätte der Autor erheblich stärker in das Detail gehen müssen.
Darüber hinaus ist bereits das Auflösen der Geschlechtergrenzen eine Schwierigkeit in sich, mit der man erst einmal gedanklich klarkommen muss – insbesondere, wenn man das Gefühl nicht los wird, dass auch der Autor eher in Richtung weiblich/männlich zu erzählen beginnt (auch wenn es eventuell anders von ihm gemeint ist). Rosenbaum bleibt nicht bei dieser Thematik, sondern erschwert es uns als Leser auch noch und versucht uns klar zu machen, dass man auch noch mehrere Körper sein Eigen nennt.
Schon konnte ich ihm leider nicht mehr rundum folgen. Hinzu kommt ein nicht gerade simpler Stil des Autors plus ein sehr starker Hang zur schnellen Abwechslung beim Absatzwechsel – ohne dabei den Leser bei der Hand zu nehmen.
Irgendwie wurde ich beim Lesen das Gefühl nicht los, dass hier ein Autor auf Teufel komm raus den Versuch startet, der Menschheit ein literarisch hochwertiges Buch zu hinterlassen. Stellt sich die Frage, warum eigentlich? Geschichten müssen einfach als Geschichte funktionieren – dann kann man auch tiefere Motive vermitteln.
Hier hat es leider nicht funktioniert und somit reihte sich „Die Auflösung“ leider in das Regal der abgebrochenen Bücher ein. Schade – die grundsätzliche Idee klang ganz interessant.
Jürgen Seibold/02.11.2018

Van Versendaal, Dirk: NYX

©2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
ISBN 978-3-498-07069-4
ca. 447 Seiten

COVER:

Die junge Ärztin Polly Sutter besteigt im Hafen von Oslo eine Fähre. Ihr Ziel auf hoher See: die Nyx – ein schwimmendes Monstrum mit einer Länge von vier und einer Breite von anderthalb Kilometern. 2025 als internationales Alters- und Pflegeheim erbaut, ist das Schiff seit Jahren auf allen Weltmeeren unterwegs.
Als Polly an Bord geht, tut sich seit längerem Unheimliches. Immer mehr Alte sterben einen grauenvollen und unerklärlichen Tod, andere Menschen verschwinden auf rätselhafte Weise. So auch ein Kollege des Technikers Rafael, der sich beim Beladen der gewaltigen Müllverbrennungsöfen auf Deck 50 scheinbar in Luft auflöst.
Polly und Rafael sind nicht die Einzigen, die sich Sorgen machen. Auch ein paar der betagten Insassen haben keine Lust, ihr Leben verwirrt und mit blau angelaufener Zunge auszuhauchen. Die seltsame Krankheit ist aber nur eines de Geheimnisse der Nyx, die unbeirrbar die internationalen Gewässer durchpflügt, während an Bord ein Pandämonium ausbricht …

REZENSION:

Die Coverbeschreibung von Dirk van Versendaals Roman NYX beinhaltet exakt die dystopischen Elemente, die mich dazu zwingen, ein Buch dieser Art in die Hand zu nehmen. Selbst bereits verschiedenste Geschehnisse ausmalend, kann man es beinahe nicht erwarten, sich einer neuen Dystopie – scheinbar mit einer auch relativ neuen und interessant klingenden Idee – zu widmen.
Leider liegt die Stärke dieses Buches eher an der Beschreibung des Inhalts auf Basis der Rückseite des Umschlags als auch dem Innencover. Die Geschichte selbst spiegelt dies zwar grundsätzlich auf Basis ihrer Grundidee wider, dennoch schafft es Dirk van Versendaal nur ansatzweise eine überzeugende Leseatmosphäre aufzubauen.
Sein Schreibstil ist weniger das Problem – man kann ihm gut folgen – aber er erzählt eine durchweg sich selbst als extrem spannend vorgestellte Geschichte mit einer Geschwindigkeit, die dem nicht gerecht werden kann beziehungsweise nicht einmal annähernd als Geschwindigkeit deklariert werden dürfte. NYX zieht sich extrem langsam hin und selbst dezent aufkommende interessantere, wenn nicht gar als Spannung verwendete Elemente werden ohne jeglichen Druck auf das Gaspedal vor des Lesers Augen dargelegt.
Das Werk hat knappe 450 Seiten – allein durch meinen guten Willen schaffte ich es bis über die Hälfte. Sehr schade, da die Idee wirklich für sich alleine spricht. Wäre interessant zu erfahren, wie ein rasanter erzählender Autor wohl damit umgegangen wäre. Hier hat es leider absolut gar nicht geklappt.
Jürgen Seibold/02.11.2018

Leonard, Gerald H.: Kuppelwelt

©2017 by Bastei Lübbe AG
ISBN 978-3-7325-4287-1

COVER:

Die Kuppel sorgt für dich. Sie beschützt dich. Aber was passiert, wenn du sie verlassen willst?

Jom wächst in der Welt der Kuppeln auf – gigantische Bauten, in die sich die Menschheit nach massiver Umweltzerstörung, vernichtenden Kriegen und Pandemien zurückgezogen hat. Individualität und Gefühle, die angeblichen Ursachen aller Katastrophen, werden medikamentös unterdrückt – per Infusor, den jeder Bewohner der Kuppeln am Handgelenk trägt.

Doch trotz dieser emotionalen Gleichschaltung stößt der aufsässige Jom seine Mitmenschen immer wieder vor den Kopf. Und immer wieder fragt er sich: Gibt es etwas anderes als Wildnis dort draußen – und ist es besser als das Leben in der Kuppel?

“Kuppelwelt” war in der Endauswahl für den STEFAN-LÜBBE-PREIS 2016: Nicht nur eine spannende Heldenreise, sondern auch eine konsequente Weiterentwicklung von Aldous Huxleys “Schöne neue Welt” und George Orwells “1984”. Eine fesselnde Dystopie, ein beeindruckendes Science-Fiction-Debüt!

REZENSION:

Die Idee mit in Kuppeln lebenden Menschen ist natürlich nicht neu. Dennoch schadet es nicht, sich den Ideen eines weiteren Autors zu widmen. Vielleicht kann dieser dem Thema noch etwas hinzufügen.
Bereits nach einige Seiten macht die von Gerald H. Leonard vorgelegte Dystopie ausreichend Lesefreude, um dem weiteren Geschehen folgen zu wollen.
Sehr interessant zeigte sich mir die Idee der Verwendung eines „Infusors“, mit dem die Gefühle und Emotionen gesteuert werden. Die Verwendung bereits von Kindesbeinen an geschult, sorgt dafür, dass die Menschen sich immer mehr gleichen und das einzelne Individuum immer mehr in den Hintergrund rückt.
Wir als Leser folgen Jom, der sich – wie sollte es anders sein? – zum Außenseiter entwickelt und versucht, gegen das vorherrschende System zu rebellieren.
Prinzipiell ist die Idee der Kuppelwelt als auch der „Außenwelt“ auch in erneuter Auflage sehr interessant und auch in diesem Werk außerordentlich gut umgesetzt.
Die eigentliche Handlung wirkt aber leider ein wenig oberflächlich und bekannt.
Nichts desto trotz konnte ich dem Roman einiges abgewinnen. Sicher, es wirkt vieles vorhersehbar – der Schreibstil ist aber eingängig, einige Ideen außerordentlich interessant und somit ein Werk für einige vergnügliche und unterhaltsame Lesestunden.
Der Vergleich mit den beiden wichtigsten Büchern dieses Genres ist definitiv arg hoch gegriffen und hinkt auch inhaltlich gewaltig. Damit kann der vorliegende Roman nur verlieren – wenn man darüber hinwegsehen kann und dies nur als Marketingmasche wegwischt, lässt sich „Kuppelwelt“ im Großen und Ganzen auf positive Art genießen.
Jürgen Seibold/28.09.2018