Tobias Bachmann: Despina Jones & die Fälle der okkulten Bibliothek

©acabus Verlag, Hamburg 2020
ISBN 978-3-86282-779-4
ca. 290 Seiten

COVER:

In der Bibliothek für okkulte Fälle ist Despina Jones Ermittlerin der besonderen Art:

Als Nekromantin kann sie mit den Geistern Verstorbener reden. Doch auch Tote können launenhafte, eigensinnige Zeugen sein. Bei der Auflösung ihrer Fälle wird sie von einem vielseitigen Team unterstützt, das in der antiquarischen Bibliothek ihres Onkels sitzt.

Ein Priester bittet das Ermittler-Team um Hilfe, als ein Leichnam in einer der ältesten Kirchen Londons entdeckt wird. Der unbekannte Mann wurde wie Christus ans Kreuz genagelt.
Despina tappt im Dunkeln, da der Verstorbene sich selbst für Jesus hält und seiner Wiederauferstehung entgegenfiebert. Bald findet sich das Team in einem Strudel religiöser Denkweisen und Praktiken wieder, der es an die Pforten ihrer persönlichen Hölle bringt.

REZENSION:

Despina Jones & die Fälle der okkulten Bibliothek scheint das erste Buch einer neu angehenden Serie zu sein – zumindest klingt der Titel schwer danach, da sich im vorliegenden Buch natürlich nur ein Fall befindet. Dieser wiederum zeigt sich sogleich als Herausforderung für das Team um Despina Jones, da es um nichts geringeres als Gekreuzigte wie zu Jesu-Zeiten geht. Welche Rolle spielen dabei die okkulten Bücher, die nur relevant zu sein scheinen, wenn alle drei Exemplare vorliegen? Warum die religiös aufgeladenen Todesfälle?
Tobias Bachmann gründet hiermit eine recht interessante und mit okkulten Phänomenen aufgeladene Reihe um eine grandiose Ermittlerin, die nebenbei auch noch Nekromantin ist, was zur Folge hat, dass sie mit den Toten sprechen kann und dies auch dementsprechend vollzieht – es gibt ja keine besseren Zeugen, als die Toten selbst…
Die Geschichte hat es mir prinzipiell sehr angetan. Bachmann scheut vor keine Darstellung zurück und beschreibt auch die Kreuzigungen sehr explizit. Ich persönlich halte dies für eine gute Alternative zum üblichen Mystic-Allerlei – somit ein aus Krimi und Thriller, gewürzt mit ein klein wenig Horror. Alles Ingredienzen, die für Überzeugung sorgen – gleichzeitig bleiben in diesem Band die Figuren noch ein wenig blass und überraschen nie in ihrer eigenen Rolle. Hier ist definitiv noch Potenzial vorhanden, welches der Autor in eventuell geplanten Folgebänden ja noch gezielt ausarbeiten kann. Bachmann selbst agiert sehr sprachbegabt und die gesamte Geschichte lässt sich außerordentlich leicht und eingängig konsumieren. Bereits dadurch hoffe ich sehr auf weitere Fälle, da die Idee wahrlich für sich selbst spricht. Man sollte dennoch darauf achten, noch ein wenig mehr Tiefgang und Detailverliebtheit einzubauen, dann könnte die Welt um Despina Jones eine Besondere werden.
hysterika.de/01.08.2020

Stephen King: If It Blees

©2020 by Stephen King
This Scribner export edition May 2020
ISBN 978-1-9821-5029-7
ca. 436 Seiten

COVER:

Readers adore Stephen King’s novels, and his short stories are their own dark treat, briefer but just as impactful and enduring as his longer fiction. Different Seasons, the knockout King collection featuring “Rita Hayworth and Shawshank Redemption” and “The Body” (made into the movies The Shawshank Redemption and Stand By Me), was published nearly forty years ago. The stories and their characters seem as fresh today as they did when King first introduced them to the world.
In If It Bleeds, King gives readers four brilliant new stories sure to prove as iconic as their predecessors. Once again, King’s remarkable range is on full display. In the title story, reader favorite Holly Gibney (from the Bill Hodges Trilogy and The Outsider) must face her fears and possibly another outsider – this time on her own. In “Mr. Harrigan’s Phone”, an intergenerational friendship has a disturbing afterlife. “The Life of Chuck” explores, beautifully, how each of us contains multitudes. And in “Rat”, a struggling writer must contend with the darker side of ambition.
If these stories show King’s range, they also prove that certain themes endure. One of King’s great concerns is evil, and in If It Bleeds, there’s plenty of it, imagined in the title story as “a big bird, all frowsy and frosty gray.” There is also evil’s opposite, which in King’s fiction often manifests as friendship. In this collection, Holly is reminded that friendship is not only life-affirming but can be lifesaving. Young Craig befriends Mr. Harrigan, and the sweetness of this connection is its own reward.
King also reminds us that life’s quotidian pleasures are even more glorious because they are fleeting: the outrageous good fortune of a beautiful blue day after a string of gray ones; the delight of dancing really well, when every move feels perfect; a serendipitous meeting. It’s in these moments that King’s ability to describe pure joy rivals his ability to terrify us.

REZENSION:

Stephen Kings Kreativität scheint absolut kein Ende zu nehmen. Vor einigen Jahren hatte ich noch die Sorge, dass sich der Autor tiefenentspannt zurücklehnen wird und sich als Rentner seine Zeit beim Pflegen seines Gartens vertreibt. Erfreulicherweise scheint dies nicht der Fall zu sein, bringt er doch ungebremst ein Werk nach dem anderen auf den Markt. Interessanterweise sind diese nicht nur außerordentlich abwechslungsreich, sondern darüber hinaus auch noch herausragend in ihrer Erzählweise.
Nun also eine Art Kurzgeschichtenband namens „If It Bleeds“, was jedoch dem Namen nicht ganz gerecht wird, da sich in diesen knapp über 400 Seiten gerade mal vier Geschichten befinden.
Los geht es mit „Mr. Harrigan’s Phone“: Ein Geschichte über eine generationenübergreifende, innige Freundschaft, welche sich eher nach und nach ohne große Besonderheiten entwickelte.
Der junge Craig liest dem alleinlebenden Mr. Harrigan gegen Bezahlung Geschichten vor. Er hätte dies auch ohne das Gefühl eines „Jobs“ gemacht, dennoch ist es natürlich für ein Kind eine gelungene und einfache Art, sich ein paar Dollar zu verdienen. Craig führt Mr. Harrigan dabei auch in die Welt der aufkommenden Smartphones ein und hilft ihm beim Entdecken des ersten iPhones. Als Mr. Harrigan verstarb, legte Craig dieses Telefon in die Jackentasche des sich ihm Sarg befindlichen Verstorbenen. Was danach geschah, entspricht auf den Punkt genau der Erwartungshaltung eines Stephen King Lesers der früheren Zeit. Gerade mal knappe 90 Seiten gefüllt mit einer gehörigen Portion Freundschaft und einem klassischen Gruseleffekt, der sich in der Verknüpfung vom Dies- und Jenseits darstellt. Früher wäre diese kleine Geschichte sicher mit in die TV-Serie „Tales from the dark side“ mit aufgenommen worden.
Weiter geht es mit „The Life of Chuck“, eine Geschichte, die durch eine umgekehrte Erzählweise für Aufmerksamkeit sorgt. King dreht den Plot und beginnt mit dem letzten Akt, um dann in Richtung ersten Akt fort zu fahren. In meinen Augen die schwächste Geschichte in diesem ansonsten herausragenden Buch – irgendwie konnte ich mit der Vorgehensweise nicht wirklich was anfangen.
Die dritte Geschichte ist eine Art „The Outsider“-Part II und funktioniert auch nur in seiner Gänze, wenn man zumindest die Geschichte um den Outsider kennt. Holly Gibney war in den Bill Hodges-Büchern eine gewisse Zeit nur eine Nebenrolle – sie hat sich nun in Kings Welt immer mehr in den Vordergrund gedrängt, konnte dabei bereits im Outsider brillieren und tritt nun in dieser Geschichte mit knappen 200 Seiten als Hauptdarstellerin auf. Die Story selbst ist erneut eine Geschichte über Freundschaft und darüber hinaus eine gelungene Erweiterung beziehungsweise Fortführung des Buches „Der Outsider“.
Schlussendlich zeigt King in „Rat“ abermals eines seiner Lieblingsthemen: Der Autor, der sich in die Einsamkeit zwingt, um endlich ein Buch vollenden bzw. schreiben zu können. Alleine in einer schwer erreichbaren Hütte nimmt er sich eine Auszeit von seiner Familie, um endlich – nach seinen Erfolgen als Kurzgeschichtenautor – einen vollwertigen Roman zu schreiben. Neben einem aufkommenden Sturm trifft ihn auch noch eine starke Erkältung mit ausreichend Fieber, um an den weiteren Geschehnissen zu zweifeln…
King spielt hier erneut mit der Gedankenwelt eines Schriftstellers und führt ihn dabei auch noch zu einer Entscheidung über Leben und Tod und wie weit der Autor zu Gunsten seines Werkes zu gehen bereit ist.
Alles in allem eine wundervolle Sammlung, die mich lediglich bei der zweiten Geschichte etwas verloren hatte. Drei von vier sind jedoch eine perfekte Quote bei einem Schriftsteller, dessen Stärke ich persönlich eher bei langen Geschichten sehe. Somit eine absolute Empfehlung, um wieder einige Stunden in die immer größer werdende Welt dieses Schriftstellers einzutauchen.
Jürgen Seibold/13.05.2020

Stephen Chbosky: Der unsichtbare Freund

Originaltitel: Imaginary Friend
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
©2019 by Stephen Chbosky
©2019 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27243-9
ca. 912 Seiten

COVER:

Die alleinerziehende Kate muss mit ihrem siebenjährigen Sohn Christopher dringend untertauchen. Das beschauliche Örtchen Mill Grove, Pennsylvania, scheint dafür ideal zu sein. Eine Straße führt hinein, eine hinaus. Ringsum liegt dichter Wald. Doch kurz nach ihrem Umzug beginnt der kleine Christopher eine Stimme zu hören. Und merkwürdige Zeichen zu sehen. Zeichen, die ihn in den Wald locken.
Sechs Tage lang bleibt er dort verschollen. Als er wieder auftaucht, kann er sich nicht erinnern, was geschehen ist. Aber plötzlich hat er besondere Fähigkeiten. Und einen Auftrag: ein Baumhaus mitten im Wald zu errichten. Wenn er es nicht bis Weihnachten schafft, so die Stimme des unsichtbaren Freundes, wird der ganze Ort untergehen. Ehe sie sichs versehen, befinden sich Christopher, seine Mutter und alle Einwohner von Mill Grove mitten im Kampf zwischen Gut und Böse.

REZENSION:

Davon mal abgesehen, dass mir der Name Stephen Chbosky absolut gar nichts gesagt hatte, sorgte das gelungene Cover dennoch dafür, mein Interesse zu wecken. Üblicherweise finde ich das gar nicht so gut, denn ein Buch sollte natürlich nur auf Basis seiner sinnvoll zusammengefügten Buchstaben bewertet werden. Nichts desto trotz sorgte diese dezente Umsetzung für Aufmerksamkeit. Als ich dann auf dem Rücken gelesen habe, dass dieses Buch an die epischen Romane meines Lieblingsautors Stephen King erinnert, stieg jedoch meine Skepsis, da es sehr viele Bücher mit ähnlichen Verweisen gibt, diese jedoch lediglich für Enttäuschung sorgen konnten. Da ist wohl oft lediglich der Wunsch Vater des Gedankens.
Erfüllt mit diesen Gedanken entschied ich mich trotzdem, mich diesem Werk von knapp über 900 Seiten zu widmen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…
Die Geschichte um Christopher fühlt sich bereits nach einigen Seiten wie ein Roman von Stephen King an: Wir befinden uns in einer Kleinstadt, der Personenkreis wird abgesteckt und plötzlich geschieht etwas in kleinbürgerlicher, heimischer Umgebung. Hier ist es so, dass der mit seiner alleinerziehenden Mutter in Mill Grove lebende Christopher eines Tages im naheliegenden Wald verschwindet und urplötzlich nach sechs Tagen wieder auftaucht. Ab diesem Zeitpunkt besitzt er einige Besonderheiten, über die ich hier nicht näher eingehen möchte.
Sämtliche Dorfbewohner werden tiefgehend beleuchtet und wie so oft, hat selbst die ordentlichste und „normalste“ Familie irgendeine „Leiche“ im Keller. Nicht alles ist golden, was glänzt. Diese Darbietung ähnelt komplett dem literarischen Vorbild Stephen Chboskys – gleichzeitig entwickelt er ausreichend eigene Ideen, um sich ein wenig davon abgrenzen zu können. Chboskys Schreibstil ist sehr lebendig und rundum eingängig gehalten. Es lässt sich problemlos jede Seite genießen und die Story selbst entwickelt sich von Seite zu Seite immer mehr in Richtung „das-könnte-ein-Highlight-werden-Buch“.
Problemlos wechselt Chbosky die erzählerischen Ebenen und somit muss seinem Leser natürlich auch klar sein, dass hier auch die eigene Fantasie gefordert wird, denn mit dem Eintritt in den Wald treibt es uns ab und an auch in andere Welten.
Interessanterweise schafft er es dabei nicht nur, den Leser auf eine phantasievolle, hervorragende und spannende Art zu unterhalten, sondern auch einen über 300 Seiten andauernden Show-Down hinzulegen, wie man ihn nur selten sieht. Dabei zusätzlich gewürzt mit einer Wendung, die man zwar ahnen, jedoch nicht wirklich vorhersagen kann. Chapeau!
In der Danksagung des Autors wird sein großes Vorbild erneut erwähnt, darüber hinaus gibt es noch den Vermerk auf die Serie „Stranger Things“ auf dem Buchrücken. Gut, das Vorbild passt und auch die Anleihen in Richtung „Stranger Things“ sind nicht von der Hand zu weisen – alles in allem jedoch eher eine Art „Stranger Things“ auf Speed. Insbesondere die phantastischen Bereiche haben eher etwas von einem Neil Gaiman und gehen somit tiefer als die bisherigen Berührungen der Serie mit der anderen Seite.
Schlussendlich eines der Werke, die mir klar machen, warum ich so gerne meine Bücher in der Welt der Phantastischen Literatur aussuche. Einfach nur: Perfekt!
Jürgen Seibold/23.04.2020

Michael Dissieux: Richtung Nirgendwo – Melodys Song

©2020 by KOVD Verlag, Herne
ISBN 978-3-96698-607-6
ca. 383 Seiten

COVER:

Drei Jahre war ich unterwegs gewesen, immer auf der Suche nach dem letzten Überlebenden. Ich kam durch Dörfer, die keine Namen mehr trugen, und Städte, die so still wie ein Friedhof waren. Ich begann zu trinken, um die Dämonen zu vertreiben, schrie, um eine menschliche Stimme zu hören und weinte, wenn meine tote Tochter in den Nächten zu mir kam. Drei Jahre blieb ich alleine. Dann sah ich den Rauch am Horizont …

REZENSION:

Michael Dissieux hatte sich spätestens durch seine dystopische Reihe „Graues Land“ in diesem Genre einen nicht gerade unerheblichen Namen gemacht. Eine kurze Suche auf meinem Blog zeigte mir, dass seit meiner letzten Rezension zu einem seiner Titel bereits sagenhafte 7 Jahre vergangen sind und auch das mit Michael Dissieux durchgeführte Interview im Podcast fand bereits im Oktober 2014 statt.
Nun ist mir durch Zufall in den sozialen Medien eine dezente Werbung zu seinem neuesten Werk mit dem Titel „Richtung Nirgendwo – Melodys Song“ aufgefallen. Ein klein wenig ging ich mit mir ins Gericht, da ich kurz das Gefühl hatte, hier fällt einem Autor nichts Neues ein und somit versucht er sich erneut an einer Variante eines dystopischen Romans.
Dem gegenüber stand jedoch meine damalige Meinung zu Michael Dissieux – war er doch in meinen Augen ein sehr einfühlsamer, geschickt zu erzählen wissender und somit begnadeter Schriftsteller. Erfreulicherweise konnte mich dieser Aspekt überzeugen und ich wagte es, meinen Blick in dieses Werk zu werfen.
Auch hier offenbart Dissieux eine postapokalyptische Welt. Die Menschheit ist schlicht nicht mehr vorhanden und wir begleiten als Leser den in der Ich-Form erzählenden, lange Zeit namenlosen Hauptdarsteller auf seiner dreijährigen Reise durch die Staaten.
Unglaublich schnell verliert man sich in dieser Geschichte und selbst bei den kurzen Lesepausen denkt man darüber nach, wie man selbst vorgehen würde, wäre man urplötzlich der vermeintlich letzte Mensch auf diesem Planeten.
Michael Dissieux lässt viele Fragen der eigentlichen Apokalypse unbeantwortet – und wenn ich ehrlich bin, tut das dieser Geschichte auch richtig gut. Man kann sich selbst seine Gedanken darüber machen, um dann jedoch gleich feststellen zu müssen, dass es absolut irrelevant ist und man als letzter Überlebender ganz andere Sorgen mit sich zu tragen hat.
„Richtung Nirgendwo – Melodys Song“ ist ein sehr melancholisch erzählter Roman und bedient sich stark den Gedanken des Protagonisten mit allen seinen positiven und negativen Eigenschaften. Interessanterweise war dies auch der hauptsächliche Grund, warum ich mich für dieses Buch entschieden habe, bin ich doch aktuell eher auf der Suche nach dem Besonderen und ein weiteres dystopisches Werk mit herumlungernden und mordenden Gegnern hätte mich trotz der eventuellen Action sicher nicht mehr begeistern können. Im Gegenzug dazu konnte mich dieses Buch rundherum begeistern und ich ziehe meinen Hut vor der aufkommenden Kraft zwischen den Umschlägen.
Anfangs dachte ich noch in Kategorien, die dafür sorgten, dass meine gedankliche Vorhersage die typischen Wege dieses Genres einschlug – Michael Dissieux schiebt diese jedoch wie einen zarten Vorhang mit Leichtigkeit zur Seite und lässt uns nicht nur weiterhin nachdenklich sondern auch mit offenem Mund zurück.
„Richtung Nirgendwo – Melodys Song“ ist endlich ein Roman in diesem Genre, der es nebenbei auch noch schafft, dass man sich als Leser tiefgehende Gedanken über das Leben an sich macht und wer zum Ende dieses Werkes unberührt bleibt, der sollte sich Gedanken über seine eigene Psyche machen.
Ein absolut überraschendes Endzeit-Drama, wundervoll erzählt und in seiner Gänze ein Meisterwerk.
Jürgen Seibold/06.04.2020

Thiemeyer, Thomas: Wicca – Tödlicher Kult

©2019 Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-65364-7
ca. 485 Seiten

COVER:

Hannahs Freundin, die britische Journalistin Leslie Rickert, ist bei ihrer Recherche zu den vermissten Frauen auf merkwürdige Details gestoßen – etwa das Fragment eines Kultfilms der Siebziger, in dem eine seltsam gravierte Truhe zu sehen ist. Hannah ordnet die Gravuren dem Volk der Nabatäer zu und lädt Leslie ein, in der jordanischen Stadt Petra auf Spurensuche zu gehen.
Inmitten der Ruinen dieses alten Reiches stoßen die beiden auf das Mysterium des Lebensbaums – eine Sage, die alle großen Kulturen durchdringt. Hat es tatsächlich eine Baumsorte gegeben, die ewige Jugend verleihen konnte? Samen dieses mythischen Baumes wurden in antiker Zeit unter strengster Geheimhaltung an verschiedene Orte gebracht und in die Erde gelegt, so auch an der Küste Südenglands …
Hannah und Leslie müssen erkennen, dass nicht nur die Anhänger des Wicca-Kultes über Leichen gehen würden, um ihr Geheimnis zu wahren – sondern auch ein Wesen, für das die Wissenschaft nicht einmal einen Namen hat.

REZENSION:

Die archäologisch stark beeinflusste Abenteuerreihe um Hannah Peters geht in eine weitere Runde. Sämtliche Werke des Autors Thomas Thiemeyer mit der mittlerweile recht berühmt gewordenen Archäologin sind eine geschickte Mixtur aus Indianer Jones, Historik, Abenteuer und einem nicht gerade kleinen Schluck aus der phantastischen Pulle.
Gerade deshalb machten alle bisher erhältlichen Erlebnisse Hannah Peters auch im Großen und Ganzen unglaublich viel Spaß beim Lesen. Dementsprechend angetan freute ich mich auch auf den nun vorliegenden Band mit dem Titel „Wicca – Tödlicher Kult“.
Hierin beginnen wir recht klassisch bei einer Ausgrabungsstätte um dann plötzlich mit geheimnisvollen Informationen in einem alten Kultfilm konfrontiert zu sein. Der ungeklärte Todesfall einer jungen Frau scheint damit nicht wirklich etwas zu tun zu haben – sieht dies doch eher nach einem simplen Selbstmord oder gar einem Versehen aus.
Nach und nach verdichten sich die Elemente und Verschwörungen. Darüber hinaus tritt die alte Sage um den Lebensbaum in den Vordergrund, der in nahezu jeder Kultur eine gewisse Rolle spielt. Einer dieser Bäume scheint sich in England zu befinden – streng bewacht von Anhängern des Wicca-Kultes, deren Mitglieder unter Verwendung jeglicher Mittel auf die Bewahrung dieses Geheimnisses achten.
Auch diesmal schafft es Thomas Thiemeyer diese verschiedenen, vordergründig nicht zusammenhängenden Sagen, Mythen und geschichtlichen Begebenheiten in einen Topf zu werfen. Dabei entsteht jedoch keineswegs ein simpel produzierter Eintopf, sondern ein sehr gut gewürztes Gericht mit interessanten Beilagen.
Die Geschichte ist auch diesmal manches mal ein klein wenig vorhersehbar – dies ist aber schon ein wenig Meckern auf hohem Niveau, denn die grundsätzliche Stärke der Bücher um Hannah Peters liegen exakt im glaubwürdig dargelegten Ergebnis unter Verwendung der unterschiedlichsten Zutaten. In „Wicca“ ist im Vergleich zu den bisherigen Werken gerade in Richtung Ende die Phantastik in den Vordergrund getreten – aber genau aus diesem Grund möchte ich auch weiterhin diese Art an Unterhaltungsromanen nicht missen.
Thiemeyers Schreibstil ist auch in diesem Fall erfreulich eingängig und seine Personen sind überwiegend glaubwürdig, detailliert und nachvollziehbar gezeichnet. Alle historischen Elemente wirken fundiert, die phantastischen geschickt eingewoben. Absolut gelungene Unterhaltung für einige Stunden des Abschaltens – ich bin mal gespannt, ob der Autor diese Qualität auch weiterhin aufrechterhalten kann beziehungsweise er noch genug Ideen für weitere Erlebnisse dieser sympathischen Archäologin geschickt verarbeiten und darzulegen in der Lage ist. Wollen wir es einfach mal hoffen.
Jürgen Seibold/13.01.2020

Lovecraft, H.P.: Cthulhus Ruf – Das Lesebuch

Aus dem Amerikanischen von Andreas Fliedner und Alexander Pechmann
©2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70478-1
ca. 461 Seiten

COVER:

DIE BESTEN ERZÄHLUNGEN DES MEISTERS DER UNHEIMLICHEN PHANTASTIK

H.P. Lovecraft ist neben Edgar Allan Poe der Klassiker der modernen Horrorliteratur. Seine phantastischen Erzählungen erscheinen in hohen Auflagen und finden weltweit allergrößte Leserresonanz.

Phantastik-Experte Andreas Fliedner präsentiert in „Cthulhus Ruf – Das Lesebuch“ eine Gesamtschau des Lovecraft’schen Werkes in vierzehn ausgewählten Erzählungen, ergänzt um eine allgemeine Einführung zu Autor und Werk sowie Einleitungen zu den jeweiligen Schaffensphasen.

REZENSION:

In vorliegendem Lesebuch befinden sich folgende Geschichten von Howard Phillips Lovecraft:

Das Bild im Haus
Die Musik des Erich Zann
Der Außenseiter
Die Ratten in den Mauern
Das Fest
Kühle Luft
Cthulhus Ruf
Die Farbe aus dem All
Der Flüsterer im Dunkeln
Der Schatten über Innsmouth
Der Schrecken der Finsternis
Die Katzen von Ulthar
Hypnos
Der silberne Schlüssel

Diese Geschichten werden in diesem Werk in exakt der gerade genannten Reihenfolge dargeboten. Dabei handelt es sich um den Versuch des Herausgebers, den jeweiligen Schaffensphasen Lovecrafts gerecht zu werden: 1.) Klassisches und modernes Grauen; 2.) Kosmischer und irdischer Horror, sowie 3.) Poetische Schrecken und Bekenntnisse.
Jeder Phase ist eine Einleitung vorangestellt, deren Genuss sich als unglaublich interessant darstellt. Am Anfang des Buches befindet sich noch eine etwas längere, allgemeine Einleitung in die Welt dieses Klassikers der phantastischen Literatur. Auch diese ist jeden aufgeführten Buchstaben wert.
Die Geschichten selbst waren mir alle bereits ein Begriff – hatte ich doch schon vor vielen Jahren die gesamten Werke Lovecrafts mein Eigen genannt und nahezu alle mehrmals gelesen. Leider liegen mir die damaligen dünnen Büchlein nicht mehr vor, da ich sonst die Gelegenheit genutzt hätte und einen Vergleich der Übersetzung vornehmen hätte können.
Im vorliegenden Buch kommt mir diese nämlich sehr trocken vor – gleichzeitig zeigt sie sich als Notwendigkeit, da beinahe jeder Satz für sich alleine stehen könnte. Zeigt sich hier die schöpferische Kraft dieses zu Lebzeiten ehr missachteten Schriftstellers? Könnte sein, denn die verwendete Sprache der Übersetzung besitzt einen etwas altertümlichen Flair, leicht verschwurbelte Sätze, jedoch eine sprachliche Darbietung, die zwar Konzentration beim Lesen erfordert, dafür aber mit Sätzen belohnt, wie man sie sich heutzutage fast nicht mehr vorstellen kann.
Lediglich die etwas trockene wirkende Darbietung hätte mich im Vergleich zu früheren Übersetzungen sehr interessiert – vielleicht ergab sich der Eindruck lediglich durch den Umstand, dass ich die Geschichten bereits durchweg kannte und somit mein Gehirn des Öfteren beim lesen abzuschweifen begann. An den Geschichten Lovecrafts kann es jedoch nicht liegen und jeder, der sich ein wenig für die literarische Entstehung der phantastischen Literatur interessiert, sollte mindestens Poe, Stoker, Shelley und natürlich Lovecraft aus diesen längst vergangenen Zeiten kennen.
Ob es natürlich notwendig ist, einen weiteren Band auf mit lediglich einer Auswahl an Geschichten auf den Markt zu werfen, lässt sich sicher in Frage stellen – nichts desto trotz ist dieses Lesebuch eine gelungene Möglichkeit, sich zumindest teilweise mit dem Phänomen Lovecraft auseinander zu setzen.
Und allein dafür, dass ich mal wieder „Die Musik des Erich Zann“ lesen konnte, hat es sich für mich bereits gelohnt.
Jürgen Seibold/27.11.2019

Golden, Christopher: Something She Lost

Originaltitel: Wildwood Road
Ins Deutsche übersetzt von Stephanie Pannen
©2008 by Christopher Golden
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe by Amigo Grafik GbG
ISBN 978-3-95981-971-8
ca. 399 Seiten

COVER:

Michael und Jillian Dansky haben alles, was man sich wünschen könnte – eine glückliche Ehe, erfolgreiche Karrieren, eine strahlende Zukunft. Doch ein kleiner Fehler in einer düsteren Oktobernacht ändert alles. Nach einer Halloweenparty döst Michael am Steuer kurz ein – und als er wieder aufwacht, ist nichts mehr, wie es war.

Michael kann gerade noch rechtzeitig bremsen, als er das kleine Mädchen auf der Straße sieht. Aus Sorge um das Kind bringt er sie nach Hause – aber das Gebäude, in dem sie zu leben behauptet, steht leer, und das Mädchen verschwindet wieder mit den Worten: „Komm und finde mich!“ Doch jemand – oder etwas – will verhindern, dass Michael das Mädchen wiederfindet. Plötzlich wird Michael verfolgt. Und seine Frau Jillian scheint wie ausgewechselt …

REZENSION:

Michael und Jillian feiern Halloween. Dabei schauen beide ein wenig zu viel ins Glas – dennoch fahren sie noch mit dem Wagen nach Hause, da Michael der Meinung ist, dass aus seiner Sicht noch alles in Ordnung ist. Als er aus einem Sekundenschlaf wieder erwacht sieht er eine Kurve vor sich und schafft es gerade noch, einen Unfall zu vermeiden. Im Zuge dieser vermeintlichen Rettungsaktion taucht plötzlich ein Mädchen am Straßenrand auf, was ihn zu erneuten hektischen Lenkbewegungen zur Vermeidung eines noch viel dramatischeren Unfalls nötigt.
Das Mädchen selbst wirkt verstört – was natürlich im Angesicht eines knappen Zusammenstoßes nichts Ungewöhnliches darstellt. Michael schafft es, sie in seinen Wagen zu lotsen und möchte sie nach Hause fahren. Jillian selbst bekommt von dieser ganzen Misere auf der Rückbank absolut gar nichts mit – scheinbar hat sie doch tiefer in das Glas geschaut, als Anfangs gedacht.
Warum das Mädchen tiefnachts auf der Straße steht lässt sich nicht aus ihr herausbekommen. Alles wirkt sehr mysteriös – auch der lange und kurvenreiche Weg zu ihrem angeblichen Haus irritiert Michael. Das Haus selbst wirkt nicht sehr einladend und als das Mädchen eintritt, hinter lässt sie noch den Ruf „Komm und finde mich!“.
Ab diesem Augenblick änderte sich das Leben Michaels rundum. Er wirkt immer verfahrener in seinen Tätigkeiten und beginnt zwanghaft dieses Mädchen wieder zu finden. Demgegenüber wird auch die Beziehung zu Jillian auf eine schwere Probe gestellt, da sie sich seit diesem Abend ebenfalls extrem ungewöhnlich verhält und dabei immer aggressiver in jeglichem Gebaren wird.
Christopher Goldens „Something She Lost“ hat im Original bereits zehn Jahre auf dem Buckel – aktuell scheint sich der Autor jedenfalls einen Namen in unseren Gefilden zu machen und somit können wir nun ebenfalls immer mehr seiner Bücher in unserer Sprache widmen.
„Something She Lost“ klingt gemäß der Coverbeschreibung beinahe nach einem typischen Haus-Gruselroman – dies trifft jedoch nur in geringem Maße zu. Wir begleiten hauptsächlich Michael auf seiner rätselhaften Suche nach diesem mysteriösen Mädchen. Dabei driftet er immer weiter in den Wahnsinn herab. Als ob dies nicht bereits genug sein könnte, wird er darüber hinaus auch noch von geisterhaften Erscheinungen verfolgt und gequält.
Goldens Geschichte ist relativ ruhig geschrieben. Der Autor lässt sich viel Zeit mit seinen Protagonisten und man fragt sich des Öfteren, wohin die Reise innerhalb des Plots gehen mag. Nach und nach entwickelt sich ein typisches Szenario, wie man es von früheren Romanen des Genres kennt. Christopher Golden legt somit einen beinahe typischen Roman der klassischen Gruselliteratur vor. Geschickt erzählt mit einem Touch aus der Welt des Übernatürlichen.
Von oben betrachtet kommt es nicht an die erzählerische Kraft seines Romans „Der Fährmann“ heran, bietet dennoch ausreichende Unterhaltung für einige nette Stunden mit wohligem Gruseleffekt der alten Schule.
Jürgen Seibold/02.11.2019

Stoker, Bram: DRACULA – Große kommentierte Ausgabe von Leslie S. Klinger (Hrs.)

Aus dem Amerikanischen von Andreas Nohl (Romantext) sowie Andreas Fliedner und Michael Siefener
Erschienen bei FISCHER Tor
©2008 by Leslie S. Klinger
Einführung ©2008 by Neail Gaiman
Übersetzung des Romantextes
©2012 by Steidl Verlag, Göttingen
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70515-3
ca. 647 Seiten

COVER:

„Diese Ausgabe sollte jeder im Regal haben. Sie werden Dracula mit völlig neuen Augen lesen. Faszinierend!“
Stephen King

Eine der unheimlichsten und berühmtesten Geschichten der Weltliteratur: Von seinem Schloss hoch oben im Gebirge Transsilvaniens reist der geheimnisvolle Graf Dracula nach London und verbreitet dort Angst und Schrecken.

Doch so wie in dieser Ausgabe wurde diese Geschichte noch nie präsentiert: Herausgeber Leslie S. Klinger reist in seinen Anmerkungen durch zweihundert Jahre populärer Kultur. Dabei bringt er die politischen, ökonomischen, feministischen, psychologischen und historischen Fäden ans Licht, die „Dracula“ durchziehen. Klingers Entdeckungen werden auch eingefleischte Fans begeistern und lassen den legendären Vampir in einem völlig neuen Licht erscheinen.

Die definitive „Dracula“-Ausgabe für das 21. Jahrhundert

Dieser Prachtband enthält die hochgelobte Neuübersetzung des Romans aus der Feder von Andreas Nohl sowie fast 300 meist vierfarbige Abbildungen von Originalillustrationen, Titelbildern, Filmplakaten, Originalschauplätzen und vielem mehr. Über 1000 Anmerkungen beleuchten sämtliche Aspekte von Stokers Werk und Zeit.

REZENSION:

Als ich von diesem Buch das erste Mal etwas mitbekommen hatte, war ich sichtlich überrascht: Warum bringt jemand erneut DRACULA auf den Markt? Ein kurzer Blick in das Internet und sogar in das eigene Regal zeigt doch, dass es eine nahezu nicht mehr zählbare Vielzahl an veröffentlichten Büchern von den unterschiedlichsten Verlagen und in den unterschiedlichsten Ausführungen gibt.
Nun also ein weiterer Band, der beinahe für sich alleine steht, ist er doch bereits durch sein Erscheinungsbild ein Novum: Großformatige Ausgabe, wie sonst nur bei Bildbänden üblich (ca. 23x26cm mit einer Dicke von 5cm!); ein wunderschönes Cover und eine sehr stilvolle Prägung, wenn man das Cover abnimmt. Der Druck teils vierfarbig und die Darstellung inklusive Haptik absolut herausragend. Natürlich hat das auch seinen Preis und dieser ist mit den ausgerufenen 78,–€ wahrlich nicht von schlechten Eltern.
DRACULA ist eine Geschichte, die ich schon seit meiner Kindheit mehrmals zur Hand nahm und nicht nur gelesen, sondern genossen habe.
In meinen Augen gibt es eine kleine Zahl an historisch wichtigen Werken, die mehreren literarischen Ebenen den zukünftigen Weg ebneten. Dazu zählt das Gesamtwerk H.P. Lovecrafts, Shelleys „Frankenstein“ und natürlich Bram Stokers DRACULA.
Dementsprechend wichtig ist natürlich das Werk – doch ist es notwendig, sich mit der kommentierten Ausgabe von Fischer Tor zu beschäftigen?
Ehrlich gesagt haderte ich bei diesem Punkt ein wenig mit mir. Zum einen ist es mir schlicht nicht möglich, mich lediglich der kompletten Übersetzung des Romans zu widmen, da die Textspalte nur einen Teil der jeweiligen Seite verwendet. Die äußeren Bereiche werden für die Kommentierung verwendet. Diese wiederum sind in Rot gedruckt und heben sich somit ganz gut vom eigentlichen Text ab. Innerhalb dieses Textes befinden sich die Verweise auf die seitlichen Bemerkungen, wodurch das Auge eine Ablenkung erfährt. Somit ist es eher schwierig, diese seitlichen Bemerkungen zum reinen Textgenuss gedanklich auszublenden.
Um mir dennoch eine Meinung bilden zu können, änderte ich meine Vorgehensweise: Ich begann einfach mit dem Lesen des Textes und schwenkte bei Angabe einer Ziffer auf die dazugehörige Erklärung. Gut, dies führt nicht zu einem flüssigen Lesen des Romans – diesen kenne ich aber noch einigermaßen gut (vielleicht nicht in dieser Übersetzung und/oder Fülle) und somit versuchte ich mich schlicht auf die Bemerkungen Klingers einzulassen.
Dabei stellte sich plötzlich folgendes heraus: Es ist verdammt interessant, welche Informationen Klinger zur Kommentierung dieses Werkes gesammelt hatte. Erstaunlich, welcher Informationsgehalt sich in diesem Buch befindet. Es ist nahezu unglaublich, wieviel Hintergrund jemand zu einem in meinen Augen fiktiven Roman sammeln konnte. Gleichzeitig bekommt man dadurch das Gefühl, dass die Zusammentragung der Tagebucheinträge von Stoker lediglich vorgenommen worden sind und er somit diese Geschichte nicht „erfunden“ hat. Ist DRACULA doch keine Fiktion? Alles echt?
Interessant, welche Gedanken auftauchen – trotzdem schwingt dieser Punkt nebelhaft immer wieder mit.
Noch kurz ein kleiner Überblick zum Inhalt dieses „Sachbuches“:
Dem Werk vorgestellt ist nicht nur ein Vorwort des Herausgebers – nein, man konnte auch Neil Gaiman dazu animieren, sich mit einer  kurzen, aber wirklich sehr schöne Einführung in diesem Band zu verewigen. Gaiman ist und bleibt ein sprachlicher Virtuose und schafft dies sogar in einem Vorwort problemlos zu vermitteln.
Neben einer weiteren Kontextdarstellung folgt die eigentliche Geschichte in ungekürzter Darlegung. Im zweiten Teil des Werkes kommen noch einige weitere Kapitel, die sich mit dem Thema befassen: „Dracula nach Stoker“, „Sex, Lügen und Blut“, „Das öffentliche Leben Draculas“, „Draculas Stammbaum“, „Draculas Freunde“, eine Bibliographie und noch einige Worte zum ursprünglichen Manuskript.
Die große kommentierte Ausgabe von Leslie S. Klinger ist dennoch nicht für jedermann geeignet. Möchte man sich lediglich dem Roman zu wenden, dann reicht sicher ein günstiger Griff im örtlichen Buchladen zu einer der vielen Ausgaben. Ist man jedoch über diesen Punkt hinaus und man versucht in die Tiefen dieses Romans abzutauchen, dann kann diese herausragende Ausgabe wahrlich Glücksgefühle auslösen.
Ich selbst war irgendwo dazwischen – habe dabei aber nun festgestellt, dass ich mich fast täglich dabei ertappe, DRACULA von Kommentar zu Kommentar durch zu arbeiten (!). Dabei komme ich mir fast wie bei einem Studium vor – gleichzeitig macht dies richtig viel Spaß und sorgt für Erfahrungen und Wissensschätze, die weit über das eigentliche Thema hinausgehen.
Aber wie gesagt: Man muss sich solche Bücher nicht nur leisten können, sondern auch mögen – obwohl, wenn man es nicht mag, macht es zumindest eine verdammt gute Figur im eigenen Regal.
Jürgen Seibold/03.10.2019

Thomas, Scott: Kill Creek

Originaltitel: Kill Creek
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kristof Kurtz
Deutsche Erstausgabe 09/2019
©2017 by Scott Thomas
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32025-3
ca. 543 Seiten

COVER:

Am Ende einer langen Straße mitten im ländlichen Kansas liegt einsam und verlassen das Finch House. Es ist berüchtigt, schließlich ereilte jeden seiner Bewohner einst ein grausames Schicksal: Sein Erbauer wurde kaltblütig ermordet und dessen Geliebte von einem Lynchmob gehängt. Und die Finch-Schwestern, die Jahre später in das Haus einzogen, sollen dort immer noch ihr Unwesen treiben. Seitdem hat die böse Aura des Hauses jeden potenziellen Bewohner abgeschreckt. Könnte es also eine bessere Kulisse geben, um die vier erfolgreichsten Horrorautoren der USA an Halloween zu einem Interview zusammenzubringen und das ganze live im Internet zu streamen? Was als Publicity-Spaß beginnt, entwickelt sich schnell zum Albtraum für alle Beteiligten. Denn es kommen nicht nur die dunkelsten Geheimnisse der vier Schriftsteller ans Tageslicht, auch das Finch House selbst hütet ein dunkles Geheimnis. Aber anders als die vier Autoren möchte es dieses nicht für sich behalten. Und schon bald gibt es den ersten Todesfall …

REZENSION:

Beim Lesen der Coverbeschreibung des Debütromans von Scott Thomas mit dem Titel KILL CREEK freute ich mich sofort auf einen typischen, altmodischen Gruselroman, in dem – wie früher sehr oft – ein Haus die düstere und gruselige Hauptrolle spielt. Gleichzeitig stellte ich mir aber die Frage, ob dieses fast altertümlich klingende Schema auch in der heutigen Zeit noch funktionieren kann.
Macht es sich da ein neuer Autor recht leicht und versucht etwas Vergangenes zu kopieren oder kommt da gar eine neue Idee beziehungsweise Sichtweise, um dieses Gruselhausgenre in die heutige Zeit zu transferieren?
Nun, meiner Meinung nach schaffte es Scott Thomas recht gut, sich dem zweiten Aspekt anzunehmen und ein klassisches Genre auf ziemlich interessante Art neu zu erwecken.
Wir begleiten in seinem Buch vier herausragende Autoren zu einem Interview in besagtem Finch-House – organisiert von einem „Blogger“ mit ausreichender Reichweite, um für die Autoren aus Marketingsicht interessant genug zu sein. Dieser hatte sie dazu eingeladen und dafür gesorgt, dass die Autoren eine Nacht im sagenumwobenen Haus verbringen sollen.
Bis hier ist die Geschichte noch recht typisch und man rechnet bereits mit quietschenden Türen, knarrenden Treppen und durchs Bild huschende Schatten. Ein klein wenig schwingt dies auch immer mit – jedoch lässt Scott Thomas das komplette Klischee nicht durch, womit seine Geschichte im ersten Drittel zwar damit spielt, dennoch nichts offenlegt oder durchdringen lässt.
Gefühlt scheint nicht wirklich etwas zu geschehen. Bis auf ein paar Momente und Erlebnisse bringen die Autoren das Interview und die Nacht hinter sich.
Nach einer gewissen Zeit stellt sich jedoch heraus, dass die Autoren nach diesem Erlebnis mit einer drogenähnlichen Abhängigkeit vor ihren Rechnern sitzen um ein neues Buch zu schreiben. Jeder bereits am Ende seiner Leistungskraft, jedoch bis zu einem gewissen Punkt absolut ungebremst. Sobald zum Tippen aufgehört wird, scheint sich etwas Fremdes zu nähern.
Die vier Autoren schaffen es, sich erneut zu treffen und wagen abermals den Weg in das Finch-House, um endgültig der Einflussnahme des Hauses oder den darin lebenden Geistern ein Ende zu setzen.
Scott Thomas schafft eine geschickt erzählte Schleife. Dabei spielt er mit alten Regeln klassischer Gruselromane, dennoch gelingt es ihm, diese nicht zu kopieren, sondern einen Neustart zu verpassen. Gut, das Haus selbst trieft vor Klischees – die beiden Finch-Schwestern nicht minder: Trotzdem macht dies exakt den Flair dieser Geschichte aus und ich war richtig erfreut, eine moderne Story dieses von mir geliebten Genres lesen zu können.
Darüber hinaus ist KILL CREEK sehr personenbezogen erzählt und jeder Einzelne wird von seinen eigenen Dämonen aus der Vergangenheit gejagt. Allein dafür lohnt es sich bereits, KILL CREEK eine Chance zu geben.
Scott Thomas‘ Leistung bestand hauptsächlich darin, das versteckte, abgelegte Genre ein wenig abzustauben und den schönen, geisterhaften Gänsehaut-Grusel aus dem alten Schrank wieder hervor zu holen, um seinen Leser damit ein wenig zu erschrecken.
Dies ist ihm auch für einen Debütroman richtig gut gelungen.
Jürgen Seibold/22.09.2019

King, Stephen: Das Institut

Originaltitel: The Institute
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2019 by Stephen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27237-8
ca. 768 Seiten

COVER:

In einer ruhigen Vorortsiedlung von Minneapolis ermorden zwielichtige Eindringlinge lautlos die Eltern von Luke Ellis und verfrachten den betäubten Zwölfjährigen in einen schwarzen SUV. Die ganze Operation dauert keine zwei Minuten. Luke wacht weit entfernt im Institut wieder auf, in einem Zimmer, das wie seines aussieht, nur dass es keine Fenster hat. Und das Institut in Maine beherbergt weitere Kinder, die wie Luke paranormal veranlagt sind: Kalisha, Nick, George, Iris und den zehnjährigen Avery. Sie befinden sich im Vorderbau des Instituts. Luke erfährt, dass andere vor ihnen nach einer Testreihe im „Hinterbau“ verschwanden. Und nie zurückkehrten. Je mehr von Lukes neuen Freunden ausquartiert werden, desto verzweifelter wird sein Gedanke an Flucht, damit er Hilfe holen kann. Aber noch nie zuvor ist jemand aus dem streng abgeschirmten Institut entkommen.

REZENSION:

Der neueste Roman von Stephen King trägt den Titel „Das Institut“ – und diese knappe Bezeichnung klärt bereits das hauptsächliche Setting der Geschichte.
Allein auf Basis der hohen Seitenzahl war ich mir sicher, dass King wieder seiner Rolle treu bleibt und somit seiner ausschweifenden und doch interessanten Erzählweise entsprechend vorgehen wird. Dies lässt sich auch problemlos bejahen, da er sichtlich losgelöst von seiner grundsätzlichen Idee das Buch beginnt und uns durch eine unaufgeregte Weise einen Protagonisten vorstellt, den man dann erst wieder zum Ende des Buches treffen wird. Dennoch ist bereits dieser Part außerordentlich interessant und schon bleibt einem nichts weiter übrig, als ungebremst der Geschichte zu folgen. Kings Stärke zeigt sich stark in diesem ersten Part, da er hier nichts weiter macht, als ein Kleinstadtleben vor dem Leser auszubreiten. Ohne jegliche Dramatik oder Spannung ist man an die Wörter fixiert. King stellt uns unaufgeregt einen Protagonisten vor: Tim Jamieson. Bevor man sich jedoch die Frage nach dessen weitere Rolle in der eigentlichen Geschichte stellt, schwenkt der Autor zu Luke und zieht dabei die Daumenschrauben an.
Luke wird gekidnappt und wacht wieder in einem Institut auf. Spätestens jetzt kann man sich dem Buch nicht mehr entziehen: Jegliche Handlung wirkt glaubwürdig, spannend und rundum gut durchdacht. Man erkennt sehr deutlich, dass King hier auch eine kleine Hommage an die erfolgreiche Serie „Stranger Things“ vornehmen wollte. Darüber hinaus zeigt sich wieder einmal, dass King ein unerreichbares erzählerisches Händchen hat, wenn Kinder die Hauptrolle bei hm spielen. In diesem Fall ist es zwar keine klassische „Coming-of-age“-Geschichte, dennoch sind in „Das Institut“ die Kinder nicht nur Opfer, sondern auch dazu gezwungen, ihrem eigenen Schicksal entgegen zu treten.
Der parapsychologische Touch erinnert etwas an Geschichten aus den 80er Jahren, wodurch der Gedanke an eine Hommage lediglich verstärkt wird. Das Setting spielt zwar in der heutigen Zeit – der Flair lässt sich jedoch nicht verleugnen.
Beinahe nebenbei führt er uns den Wahnsinn eines geheimen Instituts vor Augen und schreckt auch vor Vergleichen zu Konzentrationslagern nicht zurück. Kings Geschichten waren schon immer etwas mehr als reine Geschichten zur Unterhaltung. Auch wenn er oberflächlich betrachtet nur reine Unterhaltungswerke zu erschaffen scheint, schwingt immer sehr viel Zusätzliches mit. King möchte aufzeigen, dass der wahre Horror in der Wirklichkeit liegt und dabei auch das kleinbürgerliche nicht davor zurückschreckt. Im Gegensatz zu manch anderen Werken entlädt sich das Grauen im vorliegenden Buch nicht unter Verwendung eines Monsters oder ähnlichem – nein, in „Das Institut“ ist das Grauen greifbar und gelebt von Personen, die ihre Machtposition ausleben und dabei vor nichts zurück schrecken. Dies macht den Plot noch erschreckender und fühlbarer, denn der größte Feind der Menschheit ist und bleibt der Mensch.
„Das Institut“ ist jedenfalls ein abermals herausragendes Werk eines Autors, der routiniert Geschichten erzählt, dabei aber immer wieder zu überraschen weiß. Eine absolute Empfehlung und sicher auch ein Werk, welches bei manchem Leser die persönliche Bestenliste der King-Bücher neu durchschütteln wird.
Jürgen Seibold/15.09.2019

Wilson, Daniel H.: Die Dynastie der Maschinen

Originaltitel: Clockwork Dynasty
Aus dem Amerikanischen von Oliver Plaschka
Deutsche Erstausgabe 02/2019
©2017 Daniel H. Wilson
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe Knaur Verlag, München
ISBN 978-3-426-52100-7
ca. 413 Seiten

COVER:

Sie wissen alles, sie beherrschen alles – und sie sterben nicht. Sie sind awtomat, uralte menschenartige Roboter. Seit Jahrtausenden leben sie unerkannt unter uns. Doch ihre Zeit läuft ab: Sollte es ihnen nicht gelingen, eine neue Energiequelle zu finden, droht ihnen der Untergang. Noch dazu sind die beiden mächtigsten awtomatin einen Machtkampf verstrickt. Mitten in diesen mörderischen Konflikt gerät die Archäologin June: Beim Versuch, etwas über die Herkunft eines mysteriösen Artefakts herauszufinden, macht June eine ebenso sensationelle wie tödliche Entdeckung …

REZENSION:

Wenn man sich den bisherigen Output von Robert H. Wilson ansieht, erkennt man deutlich seine schriftstellerische Leidenschaft: Er widmet sich nahezu ausschließlich dem Erfinden von Geschichten mit Robotern jeglicher Art.
Im aktuellen Buch mit dem Titel „Die Dynastie der Maschinen“ wechselt er jedoch die Vorgehensweise und man findet sich plötzlich keineswegs mehr im Genre der Science Fiction. „Die Dynastie der Maschinen“ wirkt eher wie ein historischer Roman. Insbesondere durch die interessante Erzählweise und den dabei verwendeten Zeitsprüngen gibt der Autor dem gesamten Werk eine historische Tiefe, die man dem Autor beinahe komplett abzunehmen bereit ist. Natürlich handelt es sich dennoch um Fiktion – Roboter dieser Art scheinen ja nicht vorhanden zu sein. Nichts desto trotz wirken diese trotz ihres „Alters“ erstaunlich erfrischend und neu. Es handelt sich nämlich keinesfalls um Roboter der üblichen Art, die plötzlich in ihrer Software austicken und den Menschen bedrohen; nein, hierin lesen wir von Robotern, die es bereits seit tausenden von Jahren gibt. Dementsprechend sind sie auch hauptsächlich durch Zahnräder und weiteren alten Zutaten entstanden. Ihre Möglichkeit zum Leben entspringt eher dem fantastischen und mystischen Genre. Hier spielt irgendeine Software schlicht keine Rolle.
Viele kenne sicherlich den sagenhaften Schachroboter, der sich erst im Laufe der Jahre als Fake herausstellen sollte. Interessanterweise dachte ich an diesen als erstes – jedoch ohne den dabei verwendeten Schwindel.
„Die Dynastie der Maschinen“ ist durch die von Wilson entwickelte Idee ein rundum neuartiges Werk im Bereich der Literatur über beziehungsweise mit Robotern.
Es ist eher eine Art Abenteuerroman, dessen rasanter Trip zum Umblättern anregt. Ganz besonders überzeugend wirken die Episoden in vergangenen Zeiten – hier trifft auf sehr interessante Art und Weise reale Geschichte auf reine Fiktion. Absolut überzeugend und glaubhaft dargestellt.
Die gesamte Geschichte lebt vom Flair des Vergangenen. Leider konnte Wilson dass nicht zu einhundert Prozent aufrecht erhalten. Somit gab es etwa in der Mitte einen kleinen Hänger, der fast zur Langatmigkeit führte. Durch auftretende Spannungselemente konnte der Autor wieder etwas Fahrt aufnehmen – was aber zu einem etwas hektischen und schnell abgewickelten Ende führen sollte.
Nichts desto trotz sorgt „Die Dynastie der Maschinen“ für eine sehr unterhaltsame Zeit und darüber hinaus konnte der Autor damit dem Roboter-Genre einen weiteren Aspekt durch Verwendung einer erfrischend neuen Idee hinzufügen. Allein dafür hatte sich der Genuss dieses Werkes bereits gelohnt.
Jürgen Seibold/01.09.2019

Ehrhardt, Dennis: Sinclair – Dead Zone

Fischer Tor 02/2019
©2019 Dennis Ehrhardt und Sebastian Breidbach
© Deutsche Erstausgabe
S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-29994-2
ca. 461 Seiten

COVER:

London, Dezember 2018: An einem abgelegenen Kai des Londoner Hafens explodiert die Baltimore. Eines der Opfer an Bord: Detective John Sinclair, der zum Zeitpunkt des Unglücks in einem Mordfall ermittelte.

Sinclairs Tod wirft Fragen auf: Befand sich der Killer ebenfalls an Bord? Was hat Sinclair auf der Baltimoreentdeckt? Sinclairs Partner Detective Sergeant Gan Zuko führt die Ermittlungen fort, zusammen mit Sinclairs Nachfolgerin Shao Sadako. Bald häufen sich die Widersprüche, und die Grenzen der Realität scheinen zu verwischen …

REZENSION:

Geisterjäger John Sinclair ist ein Phänomen der Groschenromanwelt, welches mich bereits in sehr jungen Jahren immer mal wieder begeistern konnte. Die damaligen Heftchen waren überwiegend so aufgebaut, dass man nahezu problemlos (vor allem aus Mangel an notwendigem Taschengeld) immer mal wieder eines auslassen konnte. Dies zwar ungern, aber ab und an blieb einem nichts anderes übrig. Die Geschichten waren zum großen Teil abgeschlossen – leidglich einige wenige übergeordnete Fäden gab es im Auge zu behalten. Dies hat jedoch immer problemlos funktioniert.
Ähnlich wie andere Reihen der damaligen Zeit ist auch Sinclair eine nicht sterben wollende Figur und begeistert somit nicht nur mehrere Generationen, sondern auch generationsübergreifend.
Wie der damalige Titel „Geisterjäger…“ bereits aufwirft, handelt es sich um eine Krimiserie, mit vielen übernatürlichen Fällen. Aus diesem Grund konnte ich sie auch problemlos in mein Herz schließen und es war eine geschickte Möglichkeit, die ersten Eindrücke in spannungsgeladene und am Horror angelehnte Segmente zu sammeln.
Dennis Ehrhardt versuchte nun gemeinsam mit Sebastian Breidbach einen Neustart Sinclairs innerhalb einer wohl gerade am Entstehen befindlichen Romanreihe und gleichzeitiger Veröffentlichung als Hörbuch.
Wie man bereits der Coverbeschreibung entnehmen kann, spielt Sinclair die meiste Zeit im ersten Band mit dem Untertitel „Dead Zone“ keine Rolle. Der Fokus wird stark auf die Nebenfiguren gelegt, ohne dabei dem Detective ungerecht zu werden.
Die Handlung ist nur teilweise mystisch angelehnt und lässt noch unglaublich viel Potenzial nach oben. Ich hoffe sehr, dass die Autoren hier noch etwas stärker in die Trickkiste der früheren Heftchen greifen und die parapsychologische Truhe öffnen, um die ganzen alten Feinde heraus zu lassen – eventuell taucht dabei auch der ein oder andere neue Feind aus den Tiefen auf.
Sinclair – Dead Zone ist in meinen Augen ein sehr gelungener Re-Start. Gleichzeitig könnte die Spannungsschraube noch erheblich fester angezogen werden – dies trifft auch auf den phantastischen Teil der Geschichte zu, dabei glaube ich aber, dass dieser Punkt eher dem weiteren Plan entsprechend noch ein wenig zurückgehalten worden ist.
Alles in allem ist der als „neuer Anfang“ beworbene Titel ein doch recht gut gelungener Neustart. Ich als sehr lockerer und nicht regelmäßiger Sinclair-Leser der damaligen Zeit habe nicht mit dem vorliegenden Buch recht wohl und ziemlich gut unterhalten gefühlt. Aus meiner Sicht können sie gerne auf diesem Wege weiter machen.
Jürgen Seibold/22.08.2019

Ilisch, Maja: Die Spiegel von Kettlewood Hall

Originalausgabe April 2018
© 2018 Knaur Verlag
© 2018 Maja Ilisch
ISBN 978-3-426-52078-9
ca. 447 Seiten

COVER:

England 1886: Kettlewood Hall. Mehr als den Namen kennt Iris nicht. Ihre Mutter verliert kein Wort über das Herrenhaus, in dem sie früher als Dienstmädchen gearbeitet hat. Doch als Iris nach dem Tod ihrer Mutter eine kostbare alte Schachfigur findet, ahnt sie, woher diese stammt. Iris träumt von einem besseren Leben als dem einer Fabrikarbeiterin, und diese Figur ist der Schlüssel dazu – und zu dem Geheimnis ihrer eigenen Herkunft. Nur mit ihrer Hoffnung und der Schachfigur im Gepäck macht Iris sich auf den Weg nach Kettlewood. Doch seltsame Dinge gehen im Haus vor, und hinter den Spiegeln scheint etwas zu leben.
Was verschweigen die Kettlewoods? Bevor sie weiß, wie ihr geschieht, ist Iris Teil eines Spiels um Leben, Tod – und Liebe.

REZENSION:

Es ist schon einige Zeit vergangen, seit ich mich diesem Buch widmete. Das Buch liegt seitdem auf einem Bücherstapel, der nicht als üblicher „Stapel ungelesener Bücher“ fungiert, sondern als „Stapel unrezensierter Bücher“. Dies liegt an dem Umstand, dass ich mir zwar viele Werke durch meine Jury-Tätigkeiten zu Gemüte führe, jedoch es einige Monate gab, in denen ich mir nicht sicher war, ob ich weiterhin über alles gelesene Rezensionen veröffentlichen möchte. Da die Entscheidung für den momentanen Zeitabschnitt zu Gunsten der Rezensionen gefallen ist, versuche ich nun diesen Stapel im Nachgang einigermaßen gut ab zu arbeiten.
Natürlich ist es leichter, sich über ein Buch aus zu lassen, wenn man es gerade geschlossen hat und der Eindruck noch rundum frisch durch das eigene Gehirn wabert.
Als ich dabei „Die Spiegel von Kettlewood Hall“ zur Hand nahm, konnte ich mir zuerst nicht wirklich daran erinnern, es überhaupt gelesen zu haben – der Blick auf die Coverbeschreibung öffnete urplötzlich eine gedankliche Schublade und sämtliche Empfindungen wurden erneut herausgelassen.
Oberflächlich betrachte würde ich das Buch von Maja Ilisch als typisches Frauenbuch einordnen. In Zeiten der Diversität wäre das natürlich ein klein wenig zu kurz gesprungen und würde manche oberflächlichen Gedanken nur bestätigen. Nichts desto trotz geht es mir einfach ab und an so, wenn sich das Wort „Liebe“ auf der Coverbeschreibung befindet.
Natürlcih widmete ich mich trotzdem diesem Werk und ich war sehr schnell gefesselt von der liebevollen und detailliert gezeichneten Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Beim Schreiben dieser Worte sah ich Iris deutlich vor meinen Augen: Die kleine Fabrikarbeiterin, die sich beinahe ihrem Schicksal beugt und lediglich durch eine hochwertige und somit teuer wirkende Schachfigur von einem besseren Leben träumt.
Iris macht sich auf den Weg nach Kettlewood Hall und wird dort sogar positiv begrüßt und als nahezu gleichwertige aufgenommen.
Maja Ilisch schafft es dabei sehr geschickt, sowohl die vergangene Zeit als auch das dazugehörige Leben mit allen Höhen und Tiefen aufleben zu lassen. Ihre Geschichte wirkt beinahe wie die alten Klassiker und lässt ihren Leser somit die Tür in diese Zeiten öffnen.
Ehrlich gesagt hat es mich selbst ein wenig überrascht, aber Maja Ilisch konnte mich fangen und dementsprechend fixiert war ich auf den Fortgang dieser sehr klassisch und leicht düster wirkenden Geschichte.
Ich persönlich liebe es, wenn es jemand schafft, dieses Gefühl von alten Gruselfilmen mit alten, gruseligen Häusern zu wecken. Ich war sichtlich erstaunt, dass gerade eine deutsche und frische Autorin dazu nahezu problemlos in der Lage zu sein scheint.
Jürgen Seibold/07.06.2019

Ruff, Matt: Lovecraft Country

Originaltitel: Lovecraft Country
Aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube
© 2016 Matt Ruff
Alle Rechte der deutschen Ausgabe © Carl Hanser Verlag München 2018
ISBN 978-3-446-25820-4
Ca. 428 Seiten

COVER:

Atticus Turners Verhältnis zu seinem Vater Montrose war schon immer schwierig. Doch als der von einem Tag auf den anderen aus Chicago verschwindet, macht sich der zweiundzwanzigjährige Atticus wohl oder übel auf die Suche. Auch wenn Montrose` letzte Spur nach „Lovecraft Country“ in Neuengland führt, Mitte der fünfziger Jahre ein Ort der schärfsten Rassegesetze.
Zusammen mit seinem Onkel George, Herausgeber des Safe Negro Travel Guide, und Jugendfreundin Letitia gelangt Atticus schließlich bis zum Anwesen der Braithwhites. Im alten Herrenhaus tagt der Adamitische Orden der Alten Morgenröte, eine rassistische Geheimloge, mit deren Hilfe der junge Caleb Braithwhite nichts weniger als die Weltherrschaft anstrebt. Doch dafür braucht er Atticus, und nicht nur ihn.

REZENSION:

Matt Ruff legt mit seinem neuesten Werk „Lovecraft Country“ einen Roman vor, dessen Inhalt zwar durch einen gemeinsamen Faden zusammengehalten wird, dennoch vielmehr als Episodenroman zu betrachten ist. Es handelt sich dabei um mehrere Geschichten, die in ihrer Gänze problemlos als Roman funktionieren – somit ist „Lovecraft Country“ definitiv keine geschickt verpackte Kurzgeschichtensammlung.
Die Vorgehensweise erinnert etwas an die heutige Serienlandschaft: Einzelne Episoden, die in Richtung gemeinsames Ziel laufen, dabei von einer weiteren, übergeordneten und verbindenden Hauptrahmenhandlung verbunden werden.
Zeitlich befinden wir uns im Jahre 1954. Örtlich in den Vereinigten Staaten. Der Rassenhass ist auf seinem Höhepunkt und Matt Ruff nimmt dies sehr detailliert und geschichtlich korrekt in sein Werk auf. Als Leser sieht man sich konfrontiert von kuriosen Schwarz-Weiß-Gesetzen und vordergründig anständigen, weißen Bürgern, die sich ja nur um ihr Land kümmern.
Diese rassistischen Züge und Erlebnisse zwischen den Buchdeckeln regen unglaublich zum Nachdenken an – immer wieder stellt man sich die Frage, ob wir Menschen seit den 50er Jahren überhaupt etwas dazu gelernt haben…
Neben den eben erwähnten Themen erleben die Protagonisten natürlich noch erheblich mehr. Sie sind dabei konfrontiert mit einer rassistischen Loge, Geisterhäusern, Zauberern und sogar der Weg in fremde Welten bleibt nicht aus.
Matt Ruff lässt eine sehr interessante Ideenvielfalt auf den Leser los. Paart diese kuriosen Geschichten dabei beinahe nebenbei mit historisch korrekten Begebenheiten.
Am Stärksten ist sein Buch beim Auftreten des Rassenhasses – hier wird man direkt in die Welt der Protagonisten hineingezogen und man würde am liebsten das Wort erheben. Im Laufe des Buches lässt dieser Bereich etwas nach – als ob der Autor nun verstärkt seinen Fokus auf die eigentlichen Episoden legen musste.
„Lovecraft Country“ ist ein wahrlich gelungenes Werk auf hohem literarischen Niveau. Ich persönlich empfand etwa die erste Hälfte des Buches am Stärksten in seiner Aussagekraft. In der zweiten Hälfte sackte es etwas ab, konnte dennoch weiterhin ausreichend überzeugen.
Alles in allem ein wirklich interessant erzähltes Werk, bei dem man sich nicht ganz sicher ist, welcher Aspekt gruseliger ist: Die Horrorelemente oder der real existierende soziale Horror?
Jürgen Seibold/07.07.2018

Lovecraft Country: Roman – KAUFEN BEI AMAZON

Korb, Markus K.: SPUK! Dunkle Geschichten

©2017 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein
ISBN 978-95869-563-4
ca. 285 Seiten

COVER:

Wenn die Rache aus dem Reich der Toten kommt …
Wenn im Genfer See ein grauenhafter Fund gemacht wird …
Wenn japanische Geister nach dem Leben trachten …
Wenn verhüllte Dinge Schauer über den Rücken jagen …
Wenn nachts im Riesenrad schicksalshafte Begegnungen lauern …
… dann ist die Zeit reif für SPUK!

Unheimliche Erzählungen von Markus K. Korb

REZENSION:

Markus K. Korb ist sicherlich schon fast jedem ein Begriff. Mir ist er schon vor Jahren als herausragender Autor von Kurzgeschichten in das Auge gefallen. Seine Stärken liegen dabei besonders im Schreiben von Kurzgeschichten, die sich weniger dem Genre des Horrors widmen, denn dem dabei angelehnten, aber etwas zarter wirkendem Genre der Unheimlichen Literatur.
Korbs Kurzgeschichten erinnern mich jedesmal an frühere Zeiten, als Geschichten ihre Wertigkeit in das feine Gruseln legten und nicht nur ungebremst brutale Details dar zu legen versuchen.
Auch im vorliegenden Kurzgeschichtenband bleibt sich Markus K. Korb weitgehend treu. Man findet hier 16 Geschichten, die beinahe durchweg versuchen, diesem Umstand gerecht zu werden. Wie so oft bei einem Kurzgeschichtenband ist man als Leser nicht unbedingt von jeder einzelnen Story durchweg überzeugt. Dies trifft auch auf diesen Band zu. Nichts desto trotz hat jede einzelne Geschichte – trotz der aufgrund des Lesers vorherrschenden Erwartung und des persönlichen Geschmacks auftretenden Berg- und Talfahrt – für ausreichend Unterhaltung sorgen können.
Gleichzeitig – wie ebenfalls nahezu in jedem Kurzgeschichtenband – gab es auch in dieser Sammlung einige Perlen zu entdecken. Allein durch den Genuss dieser dezent gruseligen Stories hat sich das Lesen des gesamten Bandes bereits gelohnt.
Am nachhaltigsten Erinnern kann ich mich immer noch an die letzte Geschichte mit dem Titel „Der letzte Flug der Enola Gay“. Diese ließ mich wirklich sehr nachdenklich zurück. Andere Stories konnten dies zwar ab und an auch für sich beanspruchen – dennoch wirkte der Schlussakt des Buches am Längsten bei mir nach. Dies kann natürlich auch insbesondere an dem historischen Hintergrund liegen.
Absolut interessant ist weiterhin der Ideenreichtum Markus K. Korbs. Gleichzeitig halte ich es für außerordentlich herausragend, dass sich der Autor weiterhin treu bleibt und Geschichten wie aus einer vergangenen Zeit schreibt. Man erkennt sehr deutlich die Ursprünge und literarische Liebe des Autors.
SPUK! Ist somit erneut eine unterhaltsame Sammlung für Freunde des klassischen Gruselromans in alter Tradition.
Ein kleiner Band, in dem sicherlich für jeden etwas zu finden ist.
Jürgen Seibold/27.05.2018

Spuk!: Dunkle Geschichten von Markus K. Korb – KAUFEN BEI AMAZON