Stoker, Bram: DRACULA – Große kommentierte Ausgabe von Leslie S. Klinger (Hrs.)

Aus dem Amerikanischen von Andreas Nohl (Romantext) sowie Andreas Fliedner und Michael Siefener
Erschienen bei FISCHER Tor
©2008 by Leslie S. Klinger
Einführung ©2008 by Neail Gaiman
Übersetzung des Romantextes
©2012 by Steidl Verlag, Göttingen
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70515-3
ca. 647 Seiten

COVER:

„Diese Ausgabe sollte jeder im Regal haben. Sie werden Dracula mit völlig neuen Augen lesen. Faszinierend!“
Stephen King

Eine der unheimlichsten und berühmtesten Geschichten der Weltliteratur: Von seinem Schloss hoch oben im Gebirge Transsilvaniens reist der geheimnisvolle Graf Dracula nach London und verbreitet dort Angst und Schrecken.

Doch so wie in dieser Ausgabe wurde diese Geschichte noch nie präsentiert: Herausgeber Leslie S. Klinger reist in seinen Anmerkungen durch zweihundert Jahre populärer Kultur. Dabei bringt er die politischen, ökonomischen, feministischen, psychologischen und historischen Fäden ans Licht, die „Dracula“ durchziehen. Klingers Entdeckungen werden auch eingefleischte Fans begeistern und lassen den legendären Vampir in einem völlig neuen Licht erscheinen.

Die definitive „Dracula“-Ausgabe für das 21. Jahrhundert

Dieser Prachtband enthält die hochgelobte Neuübersetzung des Romans aus der Feder von Andreas Nohl sowie fast 300 meist vierfarbige Abbildungen von Originalillustrationen, Titelbildern, Filmplakaten, Originalschauplätzen und vielem mehr. Über 1000 Anmerkungen beleuchten sämtliche Aspekte von Stokers Werk und Zeit.

REZENSION:

Als ich von diesem Buch das erste Mal etwas mitbekommen hatte, war ich sichtlich überrascht: Warum bringt jemand erneut DRACULA auf den Markt? Ein kurzer Blick in das Internet und sogar in das eigene Regal zeigt doch, dass es eine nahezu nicht mehr zählbare Vielzahl an veröffentlichten Büchern von den unterschiedlichsten Verlagen und in den unterschiedlichsten Ausführungen gibt.
Nun also ein weiterer Band, der beinahe für sich alleine steht, ist er doch bereits durch sein Erscheinungsbild ein Novum: Großformatige Ausgabe, wie sonst nur bei Bildbänden üblich (ca. 23x26cm mit einer Dicke von 5cm!); ein wunderschönes Cover und eine sehr stilvolle Prägung, wenn man das Cover abnimmt. Der Druck teils vierfarbig und die Darstellung inklusive Haptik absolut herausragend. Natürlich hat das auch seinen Preis und dieser ist mit den ausgerufenen 78,–€ wahrlich nicht von schlechten Eltern.
DRACULA ist eine Geschichte, die ich schon seit meiner Kindheit mehrmals zur Hand nahm und nicht nur gelesen, sondern genossen habe.
In meinen Augen gibt es eine kleine Zahl an historisch wichtigen Werken, die mehreren literarischen Ebenen den zukünftigen Weg ebneten. Dazu zählt das Gesamtwerk H.P. Lovecrafts, Shelleys „Frankenstein“ und natürlich Bram Stokers DRACULA.
Dementsprechend wichtig ist natürlich das Werk – doch ist es notwendig, sich mit der kommentierten Ausgabe von Fischer Tor zu beschäftigen?
Ehrlich gesagt haderte ich bei diesem Punkt ein wenig mit mir. Zum einen ist es mir schlicht nicht möglich, mich lediglich der kompletten Übersetzung des Romans zu widmen, da die Textspalte nur einen Teil der jeweiligen Seite verwendet. Die äußeren Bereiche werden für die Kommentierung verwendet. Diese wiederum sind in Rot gedruckt und heben sich somit ganz gut vom eigentlichen Text ab. Innerhalb dieses Textes befinden sich die Verweise auf die seitlichen Bemerkungen, wodurch das Auge eine Ablenkung erfährt. Somit ist es eher schwierig, diese seitlichen Bemerkungen zum reinen Textgenuss gedanklich auszublenden.
Um mir dennoch eine Meinung bilden zu können, änderte ich meine Vorgehensweise: Ich begann einfach mit dem Lesen des Textes und schwenkte bei Angabe einer Ziffer auf die dazugehörige Erklärung. Gut, dies führt nicht zu einem flüssigen Lesen des Romans – diesen kenne ich aber noch einigermaßen gut (vielleicht nicht in dieser Übersetzung und/oder Fülle) und somit versuchte ich mich schlicht auf die Bemerkungen Klingers einzulassen.
Dabei stellte sich plötzlich folgendes heraus: Es ist verdammt interessant, welche Informationen Klinger zur Kommentierung dieses Werkes gesammelt hatte. Erstaunlich, welcher Informationsgehalt sich in diesem Buch befindet. Es ist nahezu unglaublich, wieviel Hintergrund jemand zu einem in meinen Augen fiktiven Roman sammeln konnte. Gleichzeitig bekommt man dadurch das Gefühl, dass die Zusammentragung der Tagebucheinträge von Stoker lediglich vorgenommen worden sind und er somit diese Geschichte nicht „erfunden“ hat. Ist DRACULA doch keine Fiktion? Alles echt?
Interessant, welche Gedanken auftauchen – trotzdem schwingt dieser Punkt nebelhaft immer wieder mit.
Noch kurz ein kleiner Überblick zum Inhalt dieses „Sachbuches“:
Dem Werk vorgestellt ist nicht nur ein Vorwort des Herausgebers – nein, man konnte auch Neil Gaiman dazu animieren, sich mit einer  kurzen, aber wirklich sehr schöne Einführung in diesem Band zu verewigen. Gaiman ist und bleibt ein sprachlicher Virtuose und schafft dies sogar in einem Vorwort problemlos zu vermitteln.
Neben einer weiteren Kontextdarstellung folgt die eigentliche Geschichte in ungekürzter Darlegung. Im zweiten Teil des Werkes kommen noch einige weitere Kapitel, die sich mit dem Thema befassen: „Dracula nach Stoker“, „Sex, Lügen und Blut“, „Das öffentliche Leben Draculas“, „Draculas Stammbaum“, „Draculas Freunde“, eine Bibliographie und noch einige Worte zum ursprünglichen Manuskript.
Die große kommentierte Ausgabe von Leslie S. Klinger ist dennoch nicht für jedermann geeignet. Möchte man sich lediglich dem Roman zu wenden, dann reicht sicher ein günstiger Griff im örtlichen Buchladen zu einer der vielen Ausgaben. Ist man jedoch über diesen Punkt hinaus und man versucht in die Tiefen dieses Romans abzutauchen, dann kann diese herausragende Ausgabe wahrlich Glücksgefühle auslösen.
Ich selbst war irgendwo dazwischen – habe dabei aber nun festgestellt, dass ich mich fast täglich dabei ertappe, DRACULA von Kommentar zu Kommentar durch zu arbeiten (!). Dabei komme ich mir fast wie bei einem Studium vor – gleichzeitig macht dies richtig viel Spaß und sorgt für Erfahrungen und Wissensschätze, die weit über das eigentliche Thema hinausgehen.
Aber wie gesagt: Man muss sich solche Bücher nicht nur leisten können, sondern auch mögen – obwohl, wenn man es nicht mag, macht es zumindest eine verdammt gute Figur im eigenen Regal.
Jürgen Seibold/03.10.2019

Thomas, Scott: Kill Creek

Originaltitel: Kill Creek
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kristof Kurtz
Deutsche Erstausgabe 09/2019
©2017 by Scott Thomas
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32025-3
ca. 543 Seiten

COVER:

Am Ende einer langen Straße mitten im ländlichen Kansas liegt einsam und verlassen das Finch House. Es ist berüchtigt, schließlich ereilte jeden seiner Bewohner einst ein grausames Schicksal: Sein Erbauer wurde kaltblütig ermordet und dessen Geliebte von einem Lynchmob gehängt. Und die Finch-Schwestern, die Jahre später in das Haus einzogen, sollen dort immer noch ihr Unwesen treiben. Seitdem hat die böse Aura des Hauses jeden potenziellen Bewohner abgeschreckt. Könnte es also eine bessere Kulisse geben, um die vier erfolgreichsten Horrorautoren der USA an Halloween zu einem Interview zusammenzubringen und das ganze live im Internet zu streamen? Was als Publicity-Spaß beginnt, entwickelt sich schnell zum Albtraum für alle Beteiligten. Denn es kommen nicht nur die dunkelsten Geheimnisse der vier Schriftsteller ans Tageslicht, auch das Finch House selbst hütet ein dunkles Geheimnis. Aber anders als die vier Autoren möchte es dieses nicht für sich behalten. Und schon bald gibt es den ersten Todesfall …

REZENSION:

Beim Lesen der Coverbeschreibung des Debütromans von Scott Thomas mit dem Titel KILL CREEK freute ich mich sofort auf einen typischen, altmodischen Gruselroman, in dem – wie früher sehr oft – ein Haus die düstere und gruselige Hauptrolle spielt. Gleichzeitig stellte ich mir aber die Frage, ob dieses fast altertümlich klingende Schema auch in der heutigen Zeit noch funktionieren kann.
Macht es sich da ein neuer Autor recht leicht und versucht etwas Vergangenes zu kopieren oder kommt da gar eine neue Idee beziehungsweise Sichtweise, um dieses Gruselhausgenre in die heutige Zeit zu transferieren?
Nun, meiner Meinung nach schaffte es Scott Thomas recht gut, sich dem zweiten Aspekt anzunehmen und ein klassisches Genre auf ziemlich interessante Art neu zu erwecken.
Wir begleiten in seinem Buch vier herausragende Autoren zu einem Interview in besagtem Finch-House – organisiert von einem „Blogger“ mit ausreichender Reichweite, um für die Autoren aus Marketingsicht interessant genug zu sein. Dieser hatte sie dazu eingeladen und dafür gesorgt, dass die Autoren eine Nacht im sagenumwobenen Haus verbringen sollen.
Bis hier ist die Geschichte noch recht typisch und man rechnet bereits mit quietschenden Türen, knarrenden Treppen und durchs Bild huschende Schatten. Ein klein wenig schwingt dies auch immer mit – jedoch lässt Scott Thomas das komplette Klischee nicht durch, womit seine Geschichte im ersten Drittel zwar damit spielt, dennoch nichts offenlegt oder durchdringen lässt.
Gefühlt scheint nicht wirklich etwas zu geschehen. Bis auf ein paar Momente und Erlebnisse bringen die Autoren das Interview und die Nacht hinter sich.
Nach einer gewissen Zeit stellt sich jedoch heraus, dass die Autoren nach diesem Erlebnis mit einer drogenähnlichen Abhängigkeit vor ihren Rechnern sitzen um ein neues Buch zu schreiben. Jeder bereits am Ende seiner Leistungskraft, jedoch bis zu einem gewissen Punkt absolut ungebremst. Sobald zum Tippen aufgehört wird, scheint sich etwas Fremdes zu nähern.
Die vier Autoren schaffen es, sich erneut zu treffen und wagen abermals den Weg in das Finch-House, um endgültig der Einflussnahme des Hauses oder den darin lebenden Geistern ein Ende zu setzen.
Scott Thomas schafft eine geschickt erzählte Schleife. Dabei spielt er mit alten Regeln klassischer Gruselromane, dennoch gelingt es ihm, diese nicht zu kopieren, sondern einen Neustart zu verpassen. Gut, das Haus selbst trieft vor Klischees – die beiden Finch-Schwestern nicht minder: Trotzdem macht dies exakt den Flair dieser Geschichte aus und ich war richtig erfreut, eine moderne Story dieses von mir geliebten Genres lesen zu können.
Darüber hinaus ist KILL CREEK sehr personenbezogen erzählt und jeder Einzelne wird von seinen eigenen Dämonen aus der Vergangenheit gejagt. Allein dafür lohnt es sich bereits, KILL CREEK eine Chance zu geben.
Scott Thomas‘ Leistung bestand hauptsächlich darin, das versteckte, abgelegte Genre ein wenig abzustauben und den schönen, geisterhaften Gänsehaut-Grusel aus dem alten Schrank wieder hervor zu holen, um seinen Leser damit ein wenig zu erschrecken.
Dies ist ihm auch für einen Debütroman richtig gut gelungen.
Jürgen Seibold/22.09.2019

Laufhütte, Andreas: Das ewige Spiel

Deutsche Erstausgabe 07/2019
© Eldur verlag, Aachen
ISBN 978-3-937-41929-9
ca. 188 Seiten

COVER:

Mein Name ist David Riemschneider. Ich bin 48 Jahre alt, 1,85 Meter groß, und ich habe einen Hirntumor.

Mit diesen Worten beginnt eine zunächst gewöhnlich anmutende Schicksalsgeschichte, die aber im weiteren Verlauf zunehmend groteskere Züge annimmt, insbesondere, was die Halluzinationen des Icherzählers angeht.

Und irgendwann stellt einer der behandelnden Ärzte die Frage aller Fragen: Was, wenn das gar keine Halluzinationen sind?

Ist dann aber stattdessen das ganze bisherige Leben Davids eine Einbildung, inklusive seiner über alles geliebten Frau? Die nächtlichen Schreie, die er während seines Klinikaufenthaltes aus einem Nachbarzimmer hört, sagen ihm etwas anderes.

Dieser Roman ist eine hochspannende Mixtur aus Horror, Thriller und Science Fiction. Von dieser gibt es nicht viele, es lohnt sich also auf jeden Fall, einen Blick zu riskieren.

REZENSION:

Es gibt sie wahrlich immer noch: Bücher, die einen überraschen. Bücher, deren Inhalt und Ausgang so ganz anders ist, als man beim Öffnen des Werkes gedacht hatte.
Gut, der Eldur Verlag konnte mich bisher mit einer Vielzahl an Werken überzeugen – dennoch hatte ich keinerlei besondere Erwartung zum oben genannten kleinen Buch.
Andreas Laufhütte ist mir nicht wirklich ein Begriff. Meines Wissens trat er bisher lediglich als Kurzgeschichtenschreiber in besagtem Verlag auf. Seine Teilnahme bei „Fleisch“ kannte ich somit, aber wie so oft bei Kurzgeschichten: Selbst unter Folter hätte ich weder den Titel noch den Inhalt nennen können. Ist doch schon einige Zeit her…
Nun also eine etwa 180 Seiten starke Geschichte, deren Cover ein klein wenig die Richtung vor zu geben scheint.
Beim Lesen stellt man sich dann dennoch die Frage, wer auf die dumme Idee des Covers kam? Hat doch so gar nichts mit der Geschichte zu tun. Nach und nach wandelt sich der Inhalt der gewöhnlich beginnenden Geschichte jedoch – und so langsam öffnet sich das Verständnis für das Bild auf der Vorderseite des Buches.
„Das ewige Spiel“ ist eine absolute Überraschung. Hier ist nichts, wie es scheint. Der Autor schafft es immer wieder, falsche Fährten auszulegen, plötzlich wieder zurück zu kommen, um dann doch wieder komplett wo anders zu landen. Dabei auch noch ohne Rücksicht auf irgendwelche Genregrenzen. Nein, wir treiben haltlos mit und versuchen herauszubekommen, wie denn eigentlich dieser ganze Reigen enden soll.
Das Ende kommt natürlich unweigerlich – bei gerade mal 180 Seiten auch noch viel zu schnell, aber: es ist erneut eine kleine Wendung und man wird nachdenklich und leicht geplättet zurückgelassen.
„Das ewige Spiel“: Bizarr, wirr, irreführend, genresprengend, ergreifend, ab und an sehr verwirrend. Nichts desto trotz ein absoluter Geheimtipp!
Jürgen Seibold/24.08.2019

Tremblay, Paul: Das Haus am Ende der Welt

Originaltitel: The Cabin At The End Of The World
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Julian Haefs
Deutsche Erstausgabe 07/2019
©2018 by Paul Tremblay
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31999-8
ca. 351 Seiten

COVER:

Eine abgelegene Ferienhütte am See in den Wäldern New Hampshires: Hier wollen Eric und Andrew gemeinsam mit ihrer siebenjährigen Adoptivtochter Wen ein paar Tage Urlaub machen. Kein Stress, kein Internet – nur Ausspannen, Lesen und Zeit mit der Familie verbringen. Mit der Idylle ist es dann aber schnell vorbei, als eines Tages der etwas unheimliche Leonard auftaucht und darauf besteht, mit der Familie zu sprechen. Eric und Andrew versuchen alles, um ihn abzuwimmeln, doch Leonard ist nicht alleine gekommen. Mit einem Mal tauchen noch drei weitere bis an die Zähne bewaffnete Gestalten aus den Büschen auf. Sie sagen, dass sie der jungen Familie nicht wehtun wollen. Sie sagen, dass Eric und Andrew eine wichtige Entscheidung zu treffen hätten, vorher könnten sie sie nicht gehen lassen. Für Eric, Andrew und Wen beginnt der schlimmste Albtraum ihres Lebens …

REZENSION:

Die Coverbeschreibung geht ziemlich unverblümt auf die eigentliche Geschichte ein. Recht viel mehr lässt sich fast nicht sagen – gut, ganz so schlimm ist es dann doch auch wieder nicht…
„Das Haus am Ende der Welt“ ist ein fast klassisches Ensemble, wie man es schon sehr oft im Horrorgenre lesen als auch sehen konnte: Eindringlinge zerstören auf eine unmenschliche Art nicht nur die Ordnung des eigenen Lebens, sondern dringen in den persönlichsten Bereich ein: das eigene Heim.
Auch im Roman von Paul Tremblay finden wir dieses Setting wieder: Ein einsames Haus, eine Familie, die einfach nur Urlaub machen möchte und eine Gruppe an vermeintlich irregeleiteten Individuen, die vor Gewaltakten keine Scheu haben – im Gegenteil!
Die Geschichte Tremblays ist oberflächlich betrachtet auch nicht wirklich mehr und sorgt somit nur zaghaft für die Hinterlassung eines eigenen Abdrucks im weiten Reigen ähnlich aufgebauter Romane.
Nichts desto trotz ist „Das Haus am Ende der Welt“ doch ein klein wenig mehr: Tremblay versucht einige Klischees abzuschütteln. Zum einen „beglücken“ die Psychopathen eine in der heutigen Zeit leider immer noch als untypisch betrachtete Familie: Wen und ihre zwei Väter. Ich halte von solchen simplen Mechanismen außerordentlich viel, da nur dadurch diese Thematik endlich ihren Weg in die Normalität finden kann.
Zum anderen versucht Tremblay seinen Psychopathen ein wenig Philosophie mit auf den Weg zu geben. Dies sorgt doch tatsächlich für ein klein wenig Nachdenken auf des Lesers Seite. Anfangs ging ich noch davon aus, dass die Eindringlinge schlicht etwas gegen Homosexualität haben – gut, dieser Ansatz kommt latent vereinzelt vor – aber weit gefehlt, der Ansporn liegt in der Vermeidung von nichts Geringerem als dem Weltuntergang. Klar, dass dafür Opfer gebracht werden müssen…
„Das Haus am Ende der Welt“ sorgt für eine ausreichende Unterhaltung, versucht dabei etwas mehr, kann dies aber nicht einlösen. Alles in allem dennoch gute Unterhaltung im etwas härteren Genre für einige Stunde des Abschaltens. Gleichzeitig aber auch nichts herausragendes – muss aber auch nicht immer sein.
Jürgen Seibold/24.08.2019

Simmons, Dan: Elm Haven (Zwei Romane in einem Band – „Sommer der Nacht / Im Auge des Winters“)

Originaltitel: Summer Of Night / A Winter Haunting
Deutsche Übersetzung von Joachim Körber („Sommer der Nacht“) und Friedrich Mader („Im Auge des Winters“)
Überarbeitete Neuausgabe 04/2019
© 1991, 2002 by Dan Simmons
© 2019 dieser Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31981-3
ca. 1.006 Seiten

COVER:

SOMMER 1960: Schwüle Hitze brütet in den Straßen der kleinen Stadt Elm Haven in Illinois. Träge fließen die Tage dahin, und vor den fünf Freunden Mike, Duane, Dale, Harlen und Kevin liegt die beste Zeit ihres Lebens – die Sommerferien. Drei Monate lang keine Schule, keine Hausaufgaben, keine Lehrer, stattdessen Wochen von grenzenloser Freiheit. Denken sie zumindest … Denn schon bald geschehen merkwürdige Dinge: Ein geheimnisvoller Soldat wird immer wieder in den Feldern rund um Elm Haven gesehen, ein mysteriöser Truck tötet beinahe einen der Freunde, und schließlich verschwindet ein Junge spurlos durch ein Loch in der Wand. All diese Ereignisse scheinen mit dem riesigen leerstehenden Gebäude der Old Central School zusammenzuhängen. Als die Freunde versuchen, mehr darüber herauszufinden, stoßen sie auf ein uraltes Geheimnis – und der Albtraum beginnt.

Vierzig Jahre später kehrt der erfolgreiche Schriftsteller Dale Stewart nach Elm Haven zurück. Er hat eine Schreibblockade, seine Ehe liegt in Trümmern und in seiner Heimatstadt hofft er, genug Inspiration zu finden, um seinen neuen Roman zu beenden. Bald muss Dale jedoch feststellen, dass sich seit dem denkwürdigen Sommer 1960 zwar einiges verändert hat, eines jedoch nicht: das Grauen ist noch immer in Elm Haven zu Hause …

Rezension:

Der US-Amerikanische Schriftsteller Dan Simmons macht es seinen Fans nicht leicht. Zumindest den Fans, die sich bei einem Namen durch ein gelesenes Buch auf ein darin verwendetes Genre auf eine bestimmte Richtung festlegen wollen. Simmons ist aber schon immer in mehreren Genres zu Hause und dabei bedient er diese auch noch außerordentlich gut. Ich selbst habe noch gar nicht wirklich viele verschiedene Bücher von ihm gelesen. Wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stich lässt, handelt es sich bei Elm Haven und das dritte von mir gelesene Werk. Gleichzeitig auch das dritte von Simmons bediente Genre.
Begonnen hatte ich mit den sagenhaften Hyperion-Gesängen (was allein schon zwei oder drei Bücher sind) – somit weit entfernte Science Fiction und absolut empfehlenswert.
Irgendwann später folgte TERROR, worin Simmons eher einen historischen Roman abliefert. Natürlich mit ein paar mystischen bzw. mysteriösen Elementen versetzt oder angereichert, davon abgesehen aber dermaßen authentisch und rundum tiefgehend recherchiert, dass man sich selbst auf den Schiffen der Franklin-Expedition teilnehmend fühlte. Die Kälte dringt einem in die Knochen und es war eines der wenigen Bücher, bei denen ich im Nachgang selbst noch mehr über die Geschehnisse dieser Expedition in den Weiten des Internets recherchierte. Unglaublich interessant, auf wieviel verschiedene Informationen und Begebenheiten man dabei stößt. Gleichzeitig die Erkenntnis, dass Simmons in genanntem Werk wirklich alle nur erdenklichen Informationen vor des Lesers Augen ausgebreitet hat. Unfassbar gut!
Nun eine weitere Neuauflage des Heyne-Verlages: Elm Haven. Ein Doppelband, in dem sich die beiden zeitlich weit auseinanderliegenden Bücher „Sommer der Nacht“ und „Im Auge des Winters“ befinden. Genrezuordnung: Horror.
Die beiden Geschichten sind dabei ineinander verflochten, gleichzeitig aber 40 Jahre auseinander. „Sommer der Nacht“ handelt von einem Team junger Kids, die sich mysteriösen Begebenheiten entgegenstellen müssen. Klingt vertraut? Ja, sofort denkt man an Stephen Kings Blockbuster ES und beim Lesen des vorliegenden Buches wurde ich auch das Gefühl nicht los, das Simmons hier in die Fußstapfen dieser großen Geschichte treten möchte.
Dies ist ihm auch nahezu gelungen. King lässt einen zwar etwas mehr an der Persönlichkeit der teilnehmenden Protagonisten teilnehmen und schwätzt in seiner unnachahmlichen Art über jegliche Kleinigkeit im verschlafenen Derry – dennoch schafft es auch Dan Simmons auf eine sehr interessante Art die Begebenheiten in Elm Haven lebendig zu vermitteln. Sein kämpferisches Team ist nicht ganz so eng verzahnt wie der Verlierer-Club in ES, trotzdem scheuen sie sich auf ihre Art und Weise nicht davor, sich dem auftretenden Grauen entgegen zu stellen.
Allein für „Sommer der Nacht“ – welches auch 70% der Gesamtseitenzahl in Anspruch nimmt – hat sich dieser Band bereits gelohnt. Im zweiten Buch „Im Auge des Winters“ kommen wir wieder nach Elm Haven, es sind jedoch 40 Jahre seit den Geschehnissen im Jahre 1960 vergangen. Dale Stewart kommt zurück und möchte in der ehemaligen Farm seines damaligen Freundes seinen angefangenen Roman beenden. Wie soll es anders sein: Es kommt anders als erwartet.
Dan Simmons zweites Buch in diesem Sammelband ist gänzlich anders erzählt und es fällt einem schwer, auch dafür ebenfalls Lobeshymnen aussprechen zu können. Viel zu oft fühlt man sich beim Lesen sichtlich verwirrt. Nach und nach stellt man aber heraus, warum man sich verwirrt fühlt – geht es doch dem Protagonisten ebenso…
Ich möchte hier nichts verraten, deshalb nur soviel: „Im Auge des Winters“ besitzt nicht die Qualität des ersten Buches über Elm Haven, dennoch hält es einen nachdenklich zurück und wenn einige Stunden vergangen sind, bekommt man immer mehr das Gefühl, dass es ein anspruchsvolles aber aus diesem Grund in seiner Erzählung und Vorgehensweise sehr hochwertiges Werk ist. Rein vom Unterhaltungsanspruch siegt „Sommer der Nacht“, „Im Auge des Winters“ fährt aber einen interessanten Parcours, der den Leser mit immer neuen Erkenntnissen überrascht. Somit kann ich problemlos für den gesamten Band eine Empfehlung aussprechen.
Jürgen Seibold/31.03.2019

Anthologie: Fleisch 5

©Eldur Verlag, Aachen
ISBN 978-3-937419-24-4
ca. 195 Seiten

COVER:

Bevor Sie dieses Buch in die Hand nehmen, sollten Sie sicher sein, dass Sie einiges verkraften können. – Den Spruch kennen unsere Altleser schon auswendig. Zu trifft er dennoch.

Zum fünften Mal servieren Ihnen ausgewählte deutschsprachige Horror-Autoren ein extremes Menu aus Fleisch, Blut, Sex und Tod.

FLEISCH – die Königin der deutschsprachigen Horror-Anthologien. Oft kopiert, nie erreicht.

REZENSION:

Als ich mir den vierten Band der fulminanten und nahezu alleinstehenden Kurzgeschichtenreihe mit dem stilgebenden Namen „Fleisch“ einverleibte, war ich ein klein wenig enttäuscht. Diese Enttäuschung beruhte aber im Nachhinein betrachtet eher auf einem etwas höheren Niveau, denn „Fleisch“ ist nun mal die Königin der grenzenlosen Horrorkurzgeschichten unseres Landes.
Dennoch konnte mich der vierte Band nicht mehr gänzlich überzeugen und ich sah die Serie geistig schon sterbend danieder liegen.
Nun also der fünfte Band und die Gedanken an Band 4 krochen still und leise in den Vordergrund meiner Gehirnwindungen.
Können die neuen 15 Geschichten den etwas schwächeren vierten Band ungebremst beiseite wischen oder reihen sie sich dort ein und wir Leser warten auf den Todesstoß einer sehr beliebten Reihe?
Das Ergebnis lässt sich nur durch den lesenden Selbsttest herausfinden und somit blieb mir nichts anderes übrig, als mich dem fünften Band zu widmen, um mir eine eigene Meinung bilden zu können.
Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt erneut einige sehr bekannte Namen und – zumindest aus meiner Sicht – wieder einige Neuentdeckungen. Die Länge der Geschichten variiert von knappen 2 Seiten bis zu etwa 20 Seiten.
Moment…
Knappe 2 Seiten? Das ist doch sicher ein Druckfehler…
Nein, das Buch beginnt mit einer Geschichte von Stefan M. Fischer mit dem Titel „Vom Baum abgestoßen“ und hat tatsächlich gerade mal 1,5 Seiten Platz in diesem Buch bekommen.
Mir kam sogleich der Gedanke eines recht bekannten Schriftstellers in den Sinn, der lautete, dass er sehr ungern Kurzgeschichten schreibt, da diese erheblich schwerer umzusetzen sind als Romane mit mehreren hunderten Seiten.
Er erklärte mir dabei auch den Grund und der liegt ganz einfach im Umstand begründet, dass eine Kurzgeschichte innerhalb kürzester Zeit (daher ihr Name) überzeugen, fesseln und mit einer Pointe aufwarten muss.
Nun also ein neuer Fleisch-Kurzgeschichtenband mit einem Opener wie er wohl kürzer nicht mehr möglich ist.
Aber was für ein Start!!! Allein für diesen kleinen Opener hat sich Fleisch bereits gelohnt. Ich habe in meinem gesamten lesereichen Leben noch niemals eine so kurze und dennoch dermaßen intensive Geschichte vor meinen Augen gehabt. Chapeau!
Nun hat mich Fleisch bereits vollumfänglich überzeugt und ich war wirklich auf die folgenden 14 Geschichten gespannt.
Ohne auf jede einzelne eingehen zu wollen, ist Fleisch 5 definitiv wieder ein anderes Kaliber als der Vorgängerband.
Gut, es kann nicht jede Geschichte überzeugen – aber dieses Problem hat wirklich jeder Kurzgeschichtenband; sogar, wenn es ein Band eines Lieblingsautors ist.
Wenn ich aber meine, es kann nicht jede überzeugen, dann fallen mir da höchsten 1 bis 2 Geschichten ein, die mich sprachlich oder geschmacklich nicht zu 100% überzeugen konnten. Aber: keine dieser insgesamt 15 Geschichten war in meinen Augen ein Fehler – nein, jede Geschichte ist grandios und eben ein bis zwei lediglich meinem Geschmack entsprechend nicht ganz „befriedigend“.
Es ist mir immer noch rätselhaft, wo diese ganzen grandiosen Erzähler herkommen. Vielleicht liegt es aber auch nur an dem Umstand, dass ihnen diese Reihe nichts vorschreibt und somit ihren Gedankengängen freie Entfaltung überlässt.
Fleisch 5 ist somit angetreten, meinen hohen Erwartungen gerecht zu werden und hat dabei in voller Linie gewonnen.
Einziges kleines Manko: Auch in diesem Band gibt es sehr viele sexuelle Auswüchse. Nicht, dass mich das stören würde – dennoch wäre mir gepflegter Horror etwas lieber und würde meiner Meinung nach auch mehr hergeben, als der ewige Drang nach sexuellen Befriedigungen und/oder Ausschweifungen mit anschließendem Schwenk zum Horror. Hier sollten die Autoren lieber wieder etwas mehr für das eigentliche Genre tun, da sonst die Gefahr des Abdriftens zu groß werden könnte.
Aber: Das ist nun schon Meckern auf sehr hohem Niveau.
Jürgen Seibold/11.02.2019

Strandberg, Mats: Das Heim

Aus dem Schwedischen von Nina Hoyer
©2017 Mats Strandberg
© für die deutschsprachige Ausgabe: S. Fischer Verlag GmbH
ISBN 978-3-596-70367-8
ca. 426 Seiten

COVER:

Ein Altersheim ist kein schöner Ort. So viel ist Joel klar, als er seine demente Mutter nach einem beinahe tödlichen Herzinfarkt in ein Seniorenheim bringt. Dass es allerdings so schlimm wird, überrascht ihn dann doch.

Seine Mutter, zeitebens eine sanfte Person, wird aggressiv und traktiert mit ihren boshaften Anfällen die Mitbewohner. Noch seltsamer ist, dass sie dunkle Geheimnisse ihrer Mitpatienten ausplaudert, von denen sie eigentlich nichts wissen kann. Manche der Alten halten sie deshalb für einen Engel, andere für einen Dämon – und auch das Pflegepersonal kriegt es auf Station D langsam mit der Angst zu tun.

Und als sich die beklemmenden Vorkommnisse im Heim häufen, findet Joel ausgerechnet in seiner Jugendfreundin Nina eine Verbündete, um dem Grauen entgegenzutreten.

REZENSION:

Bereits auf dem Cover des ersten Buches von Mats Strandberg mit dem Titel „Die Überfahrt“ zeigte sich ein Vermerk auf den erfolgreichsten Horrorautoren der heutigen Zeit: Stephen King. Marketingabteilungen versuchen natürlich mit Superlativen den Käufer zum Kauf zu animieren. Bei Büchern wird aber auch eine Erwartungshaltung gesetzt, die dann oft nur schwer erreicht werden kann.
Strandbergs Erstling war dabei noch ein Vampirroman. Das Setting auf einer Fähre, wodurch eine simple Flucht schlicht unmöglich ist. Die Idee war ganz nett – die Erwartung wurde aber in keiner Weise erfüllt und übrig blieb lediglich ein ganz netter Roman mit einigen Spannungselementen.
Nun wagte ich mich dennoch, Strandbergs neuestes Werk mit dem Titel „Das Heim“ zu lesen. Jeder hat eine zweite Chance verdient und auch hier klingt das Setting außerordentlich interessant. Erneut der leuchtend gelbe Aufkleber mit dem Hinweis, dass es sich hier um den schwedischen Stephen King handelt. Na, wollen wir doch diesmal versuchen, gänzlich unvoreingenommen zu sein.
„Das Heim“ spielt in einem Altersheim und lässt uns neben den Pflegekräften auch viele Insassen näherkommen. Erneut ist das Setting geschickt gewählt und Strandberg hat auch ein außerordentlich gutes Händchen uns die jeweiligen Bewohner detailliert und teils liebevoll gezeichnet nahe zu bringen. Nach und nach nähert sich das Grauen – wodurch der Verweis zu Stephen King zumindest rudimentär passen würde. Auch dieser ließ sich früher lange Zeit, bis das Böse seinen Zugang in die Alltäglichkeit gefunden hatte.
Strandberg wirkt aber in seiner zweiten Geschichte erneut ein wenig konstruiert und schafft es leider nicht, mich rundum zu überzeugen.
Insbesondere beim Spannungsaufbau bleibt er zu zaghaft und scheint wohl kein Risiko eingehen zu wollen, um den Mainstreamleser nicht zu vergraulen. Dem frühen Stephen King ging das buchstäblich am Arsch vorbei und ich wette, gerade deshalb war und ist er so erfolgreich. Strandberg erzählt prinzipiell sehr eingängig und lässt uns als Leser nichts missen. Dennoch fehlt schlichtweg der echte Horror, wenn nicht gar bereits der echte Thrill. Alles im Heim erlebte war irgendwie schon einmal da. Ab und an eine klein wenig an der Spannungsschraube gedreht – dennoch immer so, dass man definitiv kein Problem damit hätte, das Licht auszumachen. Schade, denn vom Erzählerischen her scheint Strandberg gut aufgestellt zu sein. Vielleicht sollte er einfach mal die Zügel loslassen und versuchen, seine Geschichte vollkommen befreit zu erzählen. Es kann natürlich sein, dass Strandberg eine Klientel dazwischen zu erreichen versucht – ich befürchte auch, dass dies sein Ansatz sein könnte. In diesem Fall wäre es schade, aber zu akzeptieren.
Ich möchte das Buch jetzt aber auch nicht zu sehr schlecht reden – immerhin konnte es mich bis zum Ende einigermaßen unterhalten. Somit ist „Das Heim“ ein Unterhaltungsroman ohne Ecken und Kanten, der für einige ganz nette Stunden sorgen kann. Etwas darüber hinaus gibt es leider nicht her – obwohl ich mir durch den Aufkleber exakt dies erneut erwartet hätte. Ob ich dem Autor eine dritte Chance geben werde? Da muss ich noch stark in mich gehen…
Jürgen Seibold/27.12.2018

 

Boone, Ezekiel: Die Brut – Das Ende naht

Originaltitel: Zero Day
Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt
©2018 Ezekiel Boone
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2018 S. Fischer Verlag GmbH
ISBN 978-3-596-03584-7
ca. 395 Seiten

COVER:

Die Menschheit befindet sich am Rande der Ausrottung. Die zweite Welle der Spinnen ist größer, schwieriger zu töten und noch schrecklicher, denn die Tiere kommunizieren untereinander. Die verzweifelte Reaktion des Militärs lässt nichts mehr übrig, was man retten könnte. Doch da ist noch ein Fünkchen Hoffnung: Dem genialischen Erfinder Shotgun ist es gelungen, die Kommunikation der Spinnen zu dekodieren. Das stärkste Signal kommt von den Nazca-Linien. Gemeinsam mit der Wissenschaftlerin Melanie Guyer und ihrem Team mach er sich auf den Weg nach Peru. Doch werden sie es schaffen, diese fürchterliche Bedrohung zu bekämpfen, bevor es zu spät ist?

REZENSION:

Mit „Die Brut – Das Ende naht“ liegt das Finale der dreibändigen Reihe vor.
Im Gegensatz zu den ersten beiden Bänden scheinen hier die Spinnen vorerst nur thematisch eine Rolle zu spielen. Die Auftritte der boshaften Killer kommen eher selten vor. Ezekiel Boone legt sein Augenmerk eher auf die politischen Begebenheiten, die durch die atomaren Versuche der Auslöschung der Spinnen durchweg angespannt sind.
Die Präsidentin scheint weiterhin sehr professionell und rücksichtsvoll zu agieren – während sich rabiatere Kontrahentin in Position stellen.
Durch diesen verstärkten Blick auf die Geschehnisse im und um das Weisse Haus gehen leider die in den ersten Bänden aufgetretenen Protagonisten etwas in den Hintergrund. Insbesondere Dr. Guyer scheint hier eher eine Nebenrolle zu spielen – zwar eine tragende, dennoch nicht mehr so präsent wie in den Vorgängern.
„Die Brut – Das Ende naht“ verliert auch ein wenig im Vergleich zu den ersten beiden Büchern. Die Spannung ist etwas abgeflaut, die Spinnen bieten natürlich keinen großen Überraschungseffekt mehr und durch den Fokus auf die Regierung lässt es sich auch nicht mehr so intensiv mitfiebern. Nichts desto trotz benötigt man natürlich diesen vorliegenden Abschluss, um der apokalyptischen Spinneninvasion ein gebührendes Ende zu bereiten.
Und ehrlich gesagt: Es macht trotz der oben genannten Gründen weiterhin Spaß, dieser Geschichte zu folgen. Boone schreibt rasant und sorgt für eine klare Unterhaltung. Das Thema „Spinnen“ war meiner Meinung nach schon seit Jahren nahezu totgetreten – Ezekiel Boone schaffte es, diesem „Horror“-Element ein wenig neues Leben einzuhauchen. Gleichzeitig sorgt er dafür, dass man im Falle eines nationalen Problems nicht wirklich rundum von den folgenden Vorgehensweisen der zuständigen Regierungsmitglieder überzeugt sein kann. Somit auch noch ein dezenter Hinweis auf die Problematiken bei machthungrigen Menschen, deren Entscheidungen lediglich durch persönliche Motive geprägt sind.
Alles in allem ist diese dreibändige Reihe jedenfalls ein sehr erfrischender und im Großen und Ganzen durchweg unterhaltsamer Thriller, der zwar im Abschlussband etwas nachlässt, dennoch in seiner Gänze für durchweg unterhaltsame Stunden gesorgt hat.
Jürgen Seibold/29.07.2018

Die Brut – Das Ende naht – KAUFEN BEI AMAZON

Korb, Markus K.: SPUK! Dunkle Geschichten

©2017 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein
ISBN 978-95869-563-4
ca. 285 Seiten

COVER:

Wenn die Rache aus dem Reich der Toten kommt …
Wenn im Genfer See ein grauenhafter Fund gemacht wird …
Wenn japanische Geister nach dem Leben trachten …
Wenn verhüllte Dinge Schauer über den Rücken jagen …
Wenn nachts im Riesenrad schicksalshafte Begegnungen lauern …
… dann ist die Zeit reif für SPUK!

Unheimliche Erzählungen von Markus K. Korb

REZENSION:

Markus K. Korb ist sicherlich schon fast jedem ein Begriff. Mir ist er schon vor Jahren als herausragender Autor von Kurzgeschichten in das Auge gefallen. Seine Stärken liegen dabei besonders im Schreiben von Kurzgeschichten, die sich weniger dem Genre des Horrors widmen, denn dem dabei angelehnten, aber etwas zarter wirkendem Genre der Unheimlichen Literatur.
Korbs Kurzgeschichten erinnern mich jedesmal an frühere Zeiten, als Geschichten ihre Wertigkeit in das feine Gruseln legten und nicht nur ungebremst brutale Details dar zu legen versuchen.
Auch im vorliegenden Kurzgeschichtenband bleibt sich Markus K. Korb weitgehend treu. Man findet hier 16 Geschichten, die beinahe durchweg versuchen, diesem Umstand gerecht zu werden. Wie so oft bei einem Kurzgeschichtenband ist man als Leser nicht unbedingt von jeder einzelnen Story durchweg überzeugt. Dies trifft auch auf diesen Band zu. Nichts desto trotz hat jede einzelne Geschichte – trotz der aufgrund des Lesers vorherrschenden Erwartung und des persönlichen Geschmacks auftretenden Berg- und Talfahrt – für ausreichend Unterhaltung sorgen können.
Gleichzeitig – wie ebenfalls nahezu in jedem Kurzgeschichtenband – gab es auch in dieser Sammlung einige Perlen zu entdecken. Allein durch den Genuss dieser dezent gruseligen Stories hat sich das Lesen des gesamten Bandes bereits gelohnt.
Am nachhaltigsten Erinnern kann ich mich immer noch an die letzte Geschichte mit dem Titel „Der letzte Flug der Enola Gay“. Diese ließ mich wirklich sehr nachdenklich zurück. Andere Stories konnten dies zwar ab und an auch für sich beanspruchen – dennoch wirkte der Schlussakt des Buches am Längsten bei mir nach. Dies kann natürlich auch insbesondere an dem historischen Hintergrund liegen.
Absolut interessant ist weiterhin der Ideenreichtum Markus K. Korbs. Gleichzeitig halte ich es für außerordentlich herausragend, dass sich der Autor weiterhin treu bleibt und Geschichten wie aus einer vergangenen Zeit schreibt. Man erkennt sehr deutlich die Ursprünge und literarische Liebe des Autors.
SPUK! Ist somit erneut eine unterhaltsame Sammlung für Freunde des klassischen Gruselromans in alter Tradition.
Ein kleiner Band, in dem sicherlich für jeden etwas zu finden ist.
Jürgen Seibold/27.05.2018

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Golden, Christopher: Snowblind – Tödlicher Schnee

Originaltitel: Snowblind
Ins Deutsche übersetzt von Stephanie Pannen
©2014 by Christopher Golden
©2017 für die deutsche Ausgabe by Amigo Grafik GbR.
ISBN 978-3-95981-194-1
ca. 455 Seiten

COVER:

Das kleine Städtchen Coventry in Neuengland hat schon Tausende Schneestürme erlebt … aber noch keinen wie diesen, Menschen gingen in das Unwetter und kamen nie mehr zurück.

Jetzt, zwölf Jahre später, zieht ein weiterer Sturm herauf und die Bewohner von Coventry erinnern sich an diejenigen, die sie im Schnee verloren haben. Ein Fotograf trauert um seinen kleinen Bruder – auch heute Nacht wird wieder ein kleiner Junge vermisst. Der Tod der Frau eines Gelegenheitsdiebs hat tiefe Narben in seinem Leben hinterlassen. Und auf der anderen Seite des Landes erhält eine junge Frau einen Anruf … von einem Mann, der seit zwölf Jahren tot ist.

Dieser Sturm wird sich als noch schrecklicher als der letzte erweisen. Und die Erkenntnis bringen, dass der Albtraum gerade erst anfängt.

REZENSION:

Innerhalb kürzester Zeit befindet sich mit SNOWBLIND bereits das dritte Buch von Christopher Golden auf dem deutschen Markt. Scheinbar macht er sich mehr und mehr einen Namen in unseren Gefilden.
Im Gegensatz zu seinen Büchern „Der Fährmann“ und „Sieben Pfeifer“ nimmt er sich im vorliegenden Werk keine alte Legende als Grundlage für seine Geschichte vor, sondern ließ wohl ausschließlich sein Gehirn als Ideengeber arbeiten.
In SNOWBLIND geht es sofort rasant los und wir lernen bereits in den ersten Kapiteln einige der wichtigsten Protagonisten kennen. Diese werden von einem unglaublich starken Blizzard mit irren Mengen an Schnee überrascht. Während dieses Blizzards sterben einige Menschen auf sehr untypische Art – zumindest wir Leser wissen dies. In den Augen der Verwandten/Bekannten handelt es sich schlicht um Opfer dieses Unwetters.
!2 Jahre später spielt in Goldens Buch die eigentliche Geschichte – und erneut stehen wir vor dem Eintreffen eines ähnlich starken Blizzards. Die Menschen sind bereits im Vorfeld sehr angespannt – insbesondere, wenn diese von den damaligen Erlebnissen und Todesfällen beeinflusst waren.
Dass sich hinter den Todesfällen mehr verbirgt als einfache Schneeunfälle müsste ja jedem Leser bereits nach dem Intro klar sein. Dementsprechend rechnet man mit ähnlichen Vorkommnissen beziehungsweise dem Herausfinden der Ursache und der dazugehörigen Lösung, um das Grauen zukünftig abwenden zu können.
Hierdurch ist das Buch natürlich ein wenig vorhersehbar – nichts desto trotz macht es Spaß, endlich mal wieder ein einigermaßen gut konstruiertes Buch aus der mystisch angehauchten Horrorecke lesen zu können. In diesem Genre lassen momentan viele Verlage – insbesondere große – aktuell sehr stark zu wünschen übrig. Dabei wäre doch sicher der Markt vorhanden. Aber vielleicht kommt ja irgendwann wieder eine neue Horrorwelle, die dafür sorgt, dass auch Publikumsverlage sich diesem Thema wieder annehmen: Oder noch besser, die kleineren Verlage schwappt es dadurch hoch.
Aber zurück zum Buch:
Goldens SNOWBLIND sorgt für kurzweilige und angenehme Unterhaltung für den Zeitvertreib. An sein erheblich tiefgehender erzähltes „Der Fährmann“ kommt SNOWBLIND leider nicht ganz heran. Dennoch kann man da ein Auge zudrücken und sich einfach dieser Story widmen. Langweilig wird es einem dabei nicht und eingängig sowie ausreichend plausibel erzählt ist sie auch.
Einige Protagonisten sind liebevoll detailliert aufgebaut, andere etwas dünn dargestellt. Dies ist aber kein Vorwurf, da es sonst wohl zu viel des Guten werden würde. Alles in allem ein wunderbarer und spannender Unterhaltungsroman, der aber der Aussage des Stephen King auf dem Cover nicht ganz gerecht werden kann. Wie gesagt, gefallen hat es aber trotzdem und ich bin bereits sehr darauf gespannt, mit welchen Ideen Golden auf unserem Markt noch aufwarten wird.
Jürgen Seibold/29.03.2018

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Benson, Amber & Golden, Christopher: Sieben Pfeifer

Originaltitel: The Seven Whistlers
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
Deutsche Erstausgabe
©2018 Buchheim Verlag, Olaf Buchheim, Grimma
www.buchheim-verlag.de
ISBN 978-3-946330-05-9
ca. 168 Seiten

COVER:

In alten Legenden heißt es, man höre in stürmischen Nächten manchmal ein seltsames Pfeifen, gefolgt vom Erscheinen riesiger schwarzer Hunde. Aber dies sind keine gewöhnlichen Kreaturen, sondern dämonische Wesen, entfesselt von der wilden Jagd auf verlorene Seelen. Nur selten sieht man mehr als einen von ihnen zur selben Zeit, doch wenn alle sieben gemeinsam erscheinen sollten, sei das Ende der Welt gekommen.

In der malerischen Stadt Kingsbury mitten in Vermont betrauert Rose Kerrigan den Tod ihres Großvaters, eines liebenswürdigen, aber seltsamen alten Mannes. Schon bald wird sie von der Legende der Sieben Pfeifer erfahren, denn die gespenstischen Hunde sind nach Kingsbury gekommen und jagen eine Seele, die man vor ihnen verborgen hat. Zuerst ist es nur einer, doch es werden mehr, je länger sie nicht finden, wonach sie suchen.

Und wenn alle sieben Dämonen zusammenkommen …

REZENSION:

Kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres widmete ich mich einem Buch namens DER FÄHRMANN von Christopher Golden. Der Name des Autors war mir bis dato interessanterweise absolut kein Begriff – sein Fährmann konnte mich aber zu einhundert Prozent überzeugen und ich nahm mir vor, mir diesen Namen für eventuelle, zukünftige Veröffentlichungen auf dem deutschen Markt zu merken.
Kurz vor der Leipziger Buchmesse erhielt ich dann als Vorbereitung zu einer geplanten Moderation eine frisch veröffentlichte Novelle mit dem Titel „Sieben Pfeifer“.
Diese gerade einmal etwas über 160 Seiten kurze Novelle wurde von Christopher Golden in Zusammenarbeit mit Amber Benson entwickelt.
Ebenso wie im Fährmann, nimmt sich das Autorengespann hier eine alte Legende vor und erweckt diese zum Leben. Die Legende um die Sieben Pfeifer ist nach meiner Information britischen Ursprungs und man sollte geflissentlich darauf hoffen, dass die Pfeifer, welche verborgene Seelen holen müssen, nicht in ihrer Gesamtheit von sieben Pfeifern zu sehen sind. Denn dann ist unsere Welt dem Untergang geweiht.
Die Geschichte ist rundum eingängig von den beiden Autoren geschrieben. Trotz der geringen Seitenzahl schaffen sie es, den agierenden Personen ausreichend Detailtiefe zu verpassen und somit in keiner Weise oberflächlich zu wirken.
Der Vorteil der geringen Seitenzahl zeigt sich natürlich in der Notwendigkeit, dass die Geschichte sehr rasant fortschreiten muss, da sich das Ende des Werkes recht schnell nähert. Aber auch dies scheint für die beiden Autoren absolut kein Hindernis zu sein und dementsprechend zielstrebig gehen sie vor und bauen ihren Plot unglaublich geschickt und dennoch sehr ausführlich und tiefgehend auf.
SIEBEN PFEIFER ist ein durchweg gelungener Mystik-Horror-Roman mit einer absolut interessanten Idee unter Verwendung einer Legende, bei der ich froh bin, das es sich dabei nicht um eine aus meiner Region handelt – beinhaltet doch jede Legende irgendwo einen wahren Kern.
Ebenso wie auch DER FÄHRMANN ein absolut zu empfehlendes Werk, dem ich mich noch stundenlang hätte widmen können, wäre da nicht die etwas begrenzte Seitenzahl, welche aber der Geschichte definitiv nicht schadet.
Des weiteren muss man sich hier auf dem deutschen Markt wohl den Namen Golden hinter die Ohren schreiben und hoffen, dass sich die Verlage weiterhin diesem US-amerikanischen Horrorautoren annehmen werden. Momentan sieht es ja ganz danach aus…
Jürgen Seibold/25.03.2018

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HYS093 – Im Gespräch mit CHRISTOPHER GOLDEN auf der #LBM2018

Auf der Leipziger Buchmesse 2018 hatte ich die Gelegenheit, im Rahmen der Veröffentlichungen von
DER FÄHRMANN und DIE SIEBEN PFEIFER des amerikanischen Autoren CHRISTOPHER GOLDEN ein Gespräch mit ihm zu führen.
So gut es in diesem begrenzten Zeitrahmen möglich war, streiften wir beide Bücher und gingen sogar ein wenig darüber hinaus.
Leider ist im Video Christopher Golden nicht richtig auf der Leinwand zu sehen – was aber wohl den unterschiedlichen Bildfrequenzen (Leinwand – Kamera) geschuldet ist.
Nichts desto trotz entwickelte sich ein schönes Gespräch mit einem sehr sympathischen und interessanten Autor.
Vielen Dank an den Buchheim-Verlag, der mich hierzu eingeladen hatte und selbstverständlich unserem Übersetzer, der Anfangs aufgrund der lauten Umgebungsgeräusche einen echt harten Job hatte.

Mats Strandberg: Die Überfahrt

Aus dem Schwedischen von Antje Rieck-Blankenburg
©2015 Mats Strandberg
©2017 für die deutschsprachige Ausgabe: S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-10-490132-9
ca. 512 Seiten

COVER:

Die Passagiere an Bord der schwedischen Ostsee-Fähre Baltic Charisma wollen vor allem eins: sich amüsieren, und zwar um jeden Preis. Ob sie mit der besten Freundin tanzen gehen oder Junggesellenabschiede feiern, ob sie nach der Liebe ihres Lebens suchen oder vor den Dämonen des Alltags fliehen – die Nacht ist lang, und der Alkohol fließt reichlich.
Fast bleiben dabei die beiden dunklen Gestalten unbemerkt, die sich übers Autodeck an Bord schleichen: eine Mutter und ihr Kind. Mit ihnen betritt ein uraltes Grauen das riesige Schiff, und es wird zur tödlichen Falle. Die Angst geht um auf der Baltic Charisma …

REZENSION:

Wenn sich auf einem Roman ein Aufkleber befindet, auf dem der vorliegende Autor als der Schwedische Stephen King vermarktet wird, steigt natürlich die Erwartungshaltung enorm. Nur durch den Umstand, einen Horror-Roman abzuliefern, befindet man sich noch lange nicht in der Riege dieses namhaften Schriftstellers.
Auch Mats Strandberg wird diesem mit seinem Roman „Die Überfahrt“ leider nicht gerecht. Sicher, man erkennt einige Anleihen, lässt er sich doch auch einige Zeit, bevor das Grauen in den Alltag tritt. Strandberg versucht hier seinem Vorbild gerecht zu werden und lädt uns auf eine Fahrt ein, die üblicherweise von seinen Gästen zur Befriedigung deren Feierlaune benutzt wird. Nach und nach stellt er uns seine Protagonisten ausreichend detailliert vor. Familientragödien werden ausgebreitet, unzufriedene Personen mit all ihren Schwächen dargestellt.
Die Enge eines begrenzten Raums führt nicht nur dazu, dass sich gewisse Personen nicht richtig aus dem Weg gehen können, sondern auch noch, dass man sich dem langsam auftretenden Grauen natürlich nicht entziehen kann.
Strandbergs „Die Überfahrt“ ist ein Vampirroman mit erfrischenden Ideen. Gleichzeitig aber keine Besonderheit im bereits vielfältig ausgebreiteten Vampir-Genre. Die Gefahr verdichtet sich, die Opfer mehren sich und die Wiedergeburten erweisen sich als zombiehafte Gestalten.
Anfangs noch relativ interessant und beinahe als Fährenstudie wirkendes Werk, befindet man sich plötzlich nur noch in einer Hatz auf der Flucht vor den Vampiren.
Hier hat es sich Strandberg leider viel zu einfach und oberflächlich gemacht, wodurch das Buch zwar ganz nett als Lektüre zwischendurch funktionieren kann, dennoch mit nichts erfrischendem aufweisen kann. Schade eigentlich, denn wie man seinem Vorbild entnehmen kann, lassen sich auch Vampirromane als etwas ganz besonderes verpacken. „Die Überfahrt“ ist hier jedoch sehr weit entfernt und wirkt eher wie ein B-Film, der nach Schema F erstellt worden ist. Es ergaben sich leider keinerlei Überraschungen und somit vermochte mich das Buch nicht zu begeistern. Schade eigentlich, wäre schön gewesen, wenn Vampire mal wieder für etwas Neues gesorgt hätten.
Jürgen Seibold/12.02.2018

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King, Stephen / King, Owen: Sleeping Beauties

Originaltitel: Sleeping Beauties
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2017 by Stephen King und Owen King
© der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27144-9
ca. 960 Seiten

COVER:

Die Welt sieht sich einem so erschreckenden wie faszinierenden Phänomen gegenüber. Sobald Frauen einschlafen, umhüllt sie am ganzen Körper ein spinnwebartiger Kokon. Wenn man sie weckt oder das unheimliche Gewebe entfernen will, werden sie zu barbarischen Bestien. Sind sie im Schlaf etwa an einem schöneren Ort? Die zurückgebliebenen Männer überlassen sich zunehmend ihren primitiven Instinkten. Eine Frau allerdings, die mysteriöse Evie, scheint gegenüber der Pandemie immun zu sein. Ist sie eine genetische Anomalie, die sich zu Versuchszwecken eignet? Oder ist sie gar ein Dämon, den man vernichten muss? Schauplatz und Brennpunkt ist ein kleines Städtchen in den Appalachen, wo ein Frauengefängnis den größten Arbeitgeber stellt.

REZENSION:

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich seine Hoheit Stephen King dem Thema „Frauen“ annimmt. Ihm ist ebenfalls nicht entgangen, dass es in vielen Ländern ein frauenfeindliches Klima gibt, die #metoo-Bewegung immer weitere Kreise zieht und Frauen kurzum immer noch von vielen als nicht gleichwertig betrachtet werden.
Mit Sleeping Beauties nimmt er sich gemeinsam mit seinem Sohn diesem Thema an und man kann dieses Buch wahrlich als eine Hommage an das weibliche Geschlecht betrachten.
Per se halte ich diesen Umstand schon einmal für eine sehr gute Idee meines Lieblingsautors. Dennoch geht es auch um die Geschichte an sich – und wie bei jedem neuen Buch hoffte ich auch bei vorliegendem wieder etwas Prickelndes von ihm lesen zu dürfen.
Seine Story ist gut durchdacht. Gleichzeitig macht er es sich zusammen mit seinem Sohnemann abermals recht einfach in der notwendigen Ausarbeitung. Breitet er doch seine Story – wie schon oft – in einem kleinen Örtchen aus, um nicht zu weit ausholen zu müssen. Nichts desto trotz hat man das Gefühl, absolut jeden hier lebenden Einwohner persönlich kennen zu lernen. Dies ist sogleich die Stärke dieses Buches und es wird auch sehr schnell klar, dass eine Welt ohne Frauen nicht erstrebenswert sein kann. Tja, wer hätte das gedacht?
Die beiden Kings legen ihren Plot in üblicher Qualität vor. Das prickelnde Gefühl konnte aber nicht überspringen. Viel zu sehr erinnert das Einschlafen der Frauen und die jeweils dazugehörige Dramatik an die atemberaubend erzählten Sterbenden in Kings THE STAND. Dieses bösartige Erzählen und dabei emotional unberührt darüber hinweggehen sorgte bei THE STAND für eine Gänsehaut, die man nur noch mit dem immer wieder aufflackernden schwarzen Humor zur Seite wischen konnte.
In Sleeping Beauties ist dies gut erzählt – darüber hinaus wird man aber das Gefühl nicht los, dass hier irgendetwas fehlt. Kurz gesagt: Die Qualität Kings blitzt auf, entflammt aber nicht.
Sleeping Beauties ist beinahe 1.000 Seiten dick. Dies ist für einen King-Leser kein Problem, sind doch viele grandiose Werke von ihm so umfangreich und detailliert erzählt, dass diese Seitenzahlen schlichtweg einfach notwendig zu sein scheinen.
Hier war es mir leider etwas zu langatmig. Gleichzeitig vermisste ich den schwätzerischen King, der weit ausholend irgendwelche personenbezogenen Stories einfügt, die absolut nichts mit dem eigentlichen Plot zu tun haben, dennoch den Leser in seinen Bann ziehen. Mann, was habe ich das geliebt und bei vorliegendem Buch allein durch die Anwesenheit von 1.000 Seiten erhofft als auch erwartet.
Die Enttäuschung wuchs im Laufe der Geschichte: Seine Sätze waren kurzgehalten (Hat die alle sein Sohn geschrieben? Seit wann kann S.K. kurze Sätze?). Der daraus resultierende Plot wirkte nur noch langatmig und es kamen keine nennenswerten und tiefgehenden Details an die Oberfläche. Liegt das am Übersetzer? Oder hat Stephen King das Zepter etwas locker an der Hand gehalten?
Nun, Fragen über Fragen. Sleeping Beauties ist dennoch ein gutes Buch. Gleichzeitig eine typisch King’sche Kleinstadtgeschichte und diesem Fall auch noch eine sehr mystisch angehauchte Geschichte. Somit alles, was das Herz begehrt. King-Fans werden es ja sowieso lesen. Neueinsteigern würde ich aber zu früheren Werken des Autors raten. Diese sind definitiv effektiver und fräsen sich in des Lesers Gehirn.
Alles in allem eine relativ gute Geschichte, deren Grundgedanke wichtig ist. Trotzdem kein neuer leuchtender Stern im Kosmos Stephen Kings.
Jürgen Seibold/27.01.2018

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Golden, Christopher: Der Fährmann

Originaltitel: The Ferryman
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
©2002 by Christopher Golden
©2017 Buchheim Verlag
ISBN 978-3-946330-01-1
ca. 366 Seiten

COVER:

Die Ebenen der Realität verschieben sich, als ein uralter Mythos auf furchtbare Weise lebendig wird.
David und Janine, die nach einem quälenden Verlust wieder zueinander finden, müssen sich den Dämonen ihrer Vergangenheit stellen und den brüchig gewordenen Glauben an sich und ihre Welt wiederfinden.

REZENSION:

Bereits am Anfang führt Christopher Golden seinen Protagonisten an die Schwelle des Todes. Janine verliert ihr Baby und ist selbst auf dem Weg in das Jenseits. Während ihrer Nahtoderfahrung begegnet sie dem Fährmann, verweigert sich jedoch auf eine sehr vehemente Art, mit ihm den Weg über den Fluß des Todes anzutreten.
Dem Tod entkommen häufen sich mysteriöse Geschehnisse in ihrem Leben. Gleichzeitig findet sie wieder mit ihrem früheren Freund, David, zusammen. Beide stellen sich ihren eigenen Dämonen, merken dann jedoch, dass sich noch erheblich mehr ihrer aufflammenden Partnerschaft entgegenstellt.
Golden fängt in Der Fährmann rasant an, tritt dann jedoch auf die Bremse und baut in einer unglaublichen Seelenruhe seinen Plot auf. Dadurch hat man fast das Gefühl, sich in einer reinen Liebesgeschichte zu befinden, wäre da nicht das immer wieder aufflackernde, mystische Element dieser Geschichte.
Nach und nach baut Golden seine notwendigen Spannungselemente ein. Gleichzeitig werden seine Figuren von ihm sehr detailliert gezeichnet und in ihrer gesamten, der Geschichte entsprechenden, Tiefe dargelegt.
Der Fährmann wirkt dadurch sehr ruhig, wodurch reine Horrorfans leicht abgeschreckt werden können – gibt es doch lange Phasen ohne großartige Elemente dieses Genres.
Nichts desto trotz möchte man seinen Personen uneingeschränkt folgen, wodurch das erst langsam ansteigende und spät kommende Grauen keinen negativen Eindruck zur Folge hat.
Die Story lässt sich sehr flüssig lesen und die Aufmachung des gedruckten Buches wirkt liebevoll und interessant gestaltet.
Absolut eigenständig und dementsprechend interessant wirkt in meinen Augen der Umstand, dass Golden sämtliche bestehende Religionen auf sehr virtuose Art und Weise miteinander verknüpft hatte. Auf die von ihm dargelegte Idee muss man erst einmal kommen.
Alles in allem wirkt dieses Werk natürlich an alte Klassiker des Genres angelehnt. Insbesondere „Der Exorzist“ würde mir dabei einfallen. Gleichzeitig ist Goldens Werk aber nicht einfach ein simpler Abklatsch längst vergangener Werke.
In meinen Augen endlich einmal wieder ein hochinteressanter und geschickt erzählter Roman aus dem Horrorgenre. Legt man Wert auf reine Elemente des Horrors, ist es sicher nicht das geeignete Buch, möchte man aber eine tiefgehende Geschichte, garniert mit dezenten Horrorelementen, dann liegt man hier definitiv richtig.
Jürgen Seibold/21.01.2018

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