Rebecca Gablé: Das Spiel der Könige

Verlag: Bastei Lübbe; 10,99 €
Deutsche Erstausgabe © 2007

COVER:

„In diesen Zeiten wird man unversehens zum Verräter. Oft unfreiwillig und schneller, als man es begreifen kann. Alles ist in Bewegung; nichts hat mehr Gültigkeit. Und es gibt niemanden, dem du noch trauen kannst …“
England 1455: Der Bruderkrieg zwischen Lancaster und York um den englischen Thron macht den achtzehnjährigen Julian unverhofft zum Earl of Waringham. Als mit Edward IV. der erste König des Hauses York die Krone erringt, brechen für Julian schwere Zeiten an. Obwohl er ahnt, dass Edward seinem Land ein guter König sein könnte, schließt er sich dem lancastrianischen Widerstand unter der entthronten Königin Marguerite an, denn sie hat ihre ganz eigenen Methodenen, sich seiner Vasallentreue zu versichern. Und die Tatsache, dass seine Zwillingsschwester eine gesuchte Verbrecherin ist, macht Julian verwundbar …

REZENSION:

Nach „Die Hüter der Rose“ und „“Das Lächeln der Fortuna“ ist „Das Spiel der Könige“ der dritte Roman von Rebecca Gablé, in dem die Hauptfiguren zur fiktiven Familie Waringham gehören. Auch wenn diese Familie nur der Fantasie einer brillanten Romanautorin entsprungen ist, kann sie so oder so ähnlich dennoch existiert haben.
Wie in allen vorherigen Romanen von Rebecca Gablé wird auch hier das Leben von Julian von der Jugend bis ins (für damalige Verhältnisse) hohe Alter erzählt, neu ist allerdings, dass seine Schwester Blanche ebenfalls im Vordergrund steht. Als Earl bewegen sich Julian und seine Angehörigen in den Kreisen des englischen Hochadels und im Freundeskreis des Königs und genießen deren Vertrauen.
In vielen bunten Facetten werden alle Figuren dargestellt, jeder Charakter ist so vielschichtig, wie Menschen nun einmal sind. Der Spagat zwischen geschichtlichen Fakten und Fiktion ist Rebecca Gablé wieder einmal vortrefflich gelungen. Dabei ist das Kapitel der „Rosenkriege“ eine besonders dunkle Zeit in der englischen Geschichte, voller blutiger Schlachten, grausamer und despotischer Edelleute, die auch vor Mord am König und dem Kronprinzen nicht zurück schreckten.
Julians Hauptproblem besteht darin, seinen eigenen Weg zu finden, sich nicht in blutige Intrigen verwickeln zu lassen. Dabei muss er auch Bündnisse mit Personen eingehen, die er verachtet, und den „Thronräuber“ zum Feind erklären, obwohl er ihn als Mensch schätzt.
Was ich persönlich recht anstrengend fand, waren die Ausführungen über Verwandtschaftsverhältnisse – in einer Zeit, in der es normal war, dass eine Witwe oder ein Witwer erneut heiratete, dass Edelleute mit ihren Konkubinen aus Adelshäusern Kinder hatten und dass Ehen zwischen Cousin und Cousine erlaubt war. Dadurch waren die Adligen irgendwie alle untereinander verwandt, und die Namen Richard, Edward und Henry beziehungsweise Anne und Marguerite häufen sich in erschreckender Art und Weise.
Dennoch ein absolutes „Muss“ für alle Fans von historischen Romanen!
Diana Becker für hysterika / 15.04.2010

Ken Follett: Die Säulen der Erde

Gustav Lübbe 1990
vorliegendes Exemplar: RM Buch und Medien Vertrieb GmbH

COVER:

”Ich schreibe Bücher, um zu unterhalten. Mein Ziel ist, die Menschen zum Weiterlesen zu animieren, so interessant zu sein, daß sie im Zug ihre Station verpassen.” – Ken Follett

Der Steinmetz Tom Builder träumt vom Bau einer Kathedrale. Doch wo die Säulen der Erde sich in den lichten Himmel recken, werfen sie auch tiefe Schatten auf das Leben der Menschen. Krieg und Hunger herrschen in England. Besonders die Frommen und Gerechten leiden unter der Willkür des Adels: der Baumeister Tom Builder und seine Kinder, die geheimnisvolle Ellen aus den großen Wäldern, der weise Abt von Kingsbridge und die schöne Aliena. Sie alle bleiben dem Leser dieses gewaltigen Panoramas so unvergeßlich wie William Hamleigh, der finstere Baron…

REZENSION:

Bei Ken Follett frage ich mich jedesmal, wie es sein kann, daß ein Autor über unwahrscheinlich viele Themen schreiben kann, ohne die Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Ken Follett sagt, er möchte die Leser unterhalten und sogar so weit bringen, das sie ihre nächste Station verpassen.
Mit „Die Säulen der Erde“ verpasst man sogar noch viel mehr Stationen. Keine Sorge: Irgendwann kommt der Schaffner und schmeisst einen raus.
Mit diesem monumentalen Werk geht Ken Follett in das 12. Jahrhundert und erzählt von den Wirren der Zeit, den Problemen der Menschen, den Intrigen der Ritter, Grafen, Bischöfe und Mönchen. Dies alles bewegt sich um den Bau einer Kathedrale in Kingsbridge, einem anfangs kleinen Örtchen, das sich durch die Baumaßnahmen zu einer Stadt entwickelt.
Die Ideenvielfalt und der Erzählungsreichtum zwingen zum Weiterblättern und man verschlingt diese 1100 Seiten in kürzester Zeit. Ken Follett schafft es wieder einmal, sehr dicht und spannend zu erzählen. Er bleibt aber trotzdem glaubwürdig und beschreibt mit einer detaillierten Liebe das Leben im Mittelalter.
Es gibt sehr viele Schlüsselfiguren in diesem Roman und man kann es nicht mehr erwarten, über die jeweilige Person weiterzulesen. Jede Person ist interessant dargestellt und voller Leben. Man freut sich auf die Entdeckung des Lebens der „guten“ Personen genauso, wie auf die Darstellung der „bösen“ Gestalten.
Ken Follett scheint sehr gut das mittelalterliche Leben recherchiert zu haben und baut eine Vielfalt auf, die einen nahezu erschlägt und man am Ende des Buches enttäuscht ist, das man es zuklappen muss.
Teilweise ist der Roman jedoch etwas vorhersagbar, da man bei einigen Personen schon damit rechnet, das sie ihr Ziel erreichen – was auch eintritt.
Nichts desto trotz ist es eine sehr spannende Unterhaltungslektüre und vertreibt einem mühelos die Zeit. Auf solche Romane kann man sich jederzeit freuen – Sie hinterlassen einen sehr positiven Nachgeschmack.
JS/14.04.03

Thomas Finn: Der Funke des Chronos

c Piper Verlag GmbH, München 2006
ca. 413 Seiten / €19,90

COVER:

Im Jahr 1842 hat Heinrich Heine eine schicksalhafte Begegnung: Er trifft Tobias, einen zeitreisenden aus dem 21. Jahrhundert. Gemeinsam decken die beiden ein uraltes Familiengeheimnis auf und kommen einer teuflischen Verschwörung auf die Spur. Freimaurer, Alchimisten und Erfinder knüpfen ein bedrohliches Netz um den Dichter und den jungen Mann aus der Zukunft. Und so wird Tobias’ Suche nach seiner verlorenen Zeitmaschine zu einer Achterbahnfahrt voll tödlicher Überraschungen – bis sich mit dem Großen Brand von Hamburg die Pforten der Hölle öffnen.

In der Tradition von H.G. Wells’ berühmten Roman “Die Zeitmaschine” spinnt Thomas Finn einen phantastischen Thriller um Deutschlands größtem Dichter.

Thomas Finn wurde 1967 in Chicago geboren. Er war Chefredakteur eines großen Phantastik-Magazins sowie Lektor und Dramaturg in einem Drehbuch- und Theaterverlag. Bereits seit sechzehn Jahren lebt und arbeitet der preisgekrönte Roman-, Drehbuch- und Theaterautor in seiner Wahlheimat Hamburg, einer Stadt, die ihn aufgrund ihrer aufregenden Geschichte immer wieder aufs neue inspiriert.

REZENSION:

Thomas Finn führt uns mit seinem Buch “Der Funke des Chronos” nicht nur in vergangene Zeiten in Hamburg, sondern erschuf sogar einen phantastischen Zeitreiseroman, der glaubwürdig und spannend erzählt wird.
Die Zeitreise bettet einen historischen Roman ein, der das vergangen Hamburg und den unvermeidlichen Großen Brand wieder auferstehen lässt um vor dem geistigen Auge des Lesers zu erscheinen.
Nebenbei lässt Thomas Finn die (für mich nicht gerade leichte…) Sprache des damaligen Hamburgs genauso auftreten, wie auch die Informationen zu einigen Begriffsentstehungen, mit denen wir uns in der heutigen Zeit brüsten, ohne deren Hintergründe zu kennen.
Ebenso spannend und detailverliebt wie er Hamburg beschreibt, lässt er vor dem Leser einen Mann auferstehen, der den meisten leider nur als langweiliger Begriff im Deutschunterricht bekannt ist: Heinrich Heine. Nach Lektüre dieses Romans wird man diesen begnadeten Autor sicherlich in einem gänzlich anderen Licht zu sehen in der Lage sein.
Somit eine wunderschöne und rundum glaubhafte, phantastische Geschichte, die nebenbei auch noch sehr spannend erzählt ist. Ein unglaublicher Detailreichtum, sowie eine geniale Mischung aus historischen Fakten und spannenden Thriller-, sowie SF-Elementen lassen einen Typus Geschichte entstehen, wie er schon lange nicht mehr vorhanden war.
Man merkt, dass Thomas Finn damit eine Hommage an H.G.Wells “Die Zeitmaschine” schreiben wollte. Und durch diese gänzlich andere und nicht kopierende Art und Weise ist ihm dies auch rundum perfekt gelungen.
Ein sehr empfehlenswertes Werk, dass geschickt die Brücke schlägt zwischen den SF-Fans und den historischen Roman-Lesern.
Jürgen Seibold/01.05.2006

Jean-Louis Fetjaine: Der Weg des Magiers

Originaltitel: Le pas de Merlin (Belfond, Paris 2002)
Übersetzung: Svenja Geithner
c 2004 der deutschsprachigen Ausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München.

COVER:

Schottland im 6. Jahrhundert: Ryderc, König von Strathclyde, hat alle britannischen Fürsten zusammengerufen, damit sie ihre Streitigkeiten beilegen und gemeinsam gegen die einfallenden Sachsen, Pikten und Iren kämpfen. Auch Gwendoleu, König von Cumberland, folgt der Einladung nach Schottland. Unter seinen Getreuen befindet sich Merlin, ein junger Barde, der es trotz seines zarten Alters aufgrund seiner rätselhaften Herkunft und durch seine Zauberkunst bereits zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Als nach tagelangen Verhandlungen nicht Ryderc, sondern Gwendoleu zum obersten Herrscher ernannt wird, lockt der eifersüchtige Ryderc diesen in einen Hinterhalt und lässt ihn mitsamt seinem Gefolge töten. Merlin, der als Einziger überlebt, obliegt nun die schwere Aufgabe, Frieden unter den britannischen Völkern zu schaffen. Allein und auf der Flucht durchlebt der sensible Merlin Barbarei und Heimtücke, aber auch die Wirren einer verbotenen Liebe. Als dann über Nacht seine Haare weiß werden, spürt er nicht nur, dass er nun erwachsen ist, sondern erkennt auch seine wahre Herkunft.

Nach dem großen Erfolg der Elfentrilogie zeichnet Jean-Louis Fetjaine in diesem ersten Band seiner neuen Trilogie, die sich mit dem Leben des berühmten Magiers Merlin beschäftigt, erneut ein atmosphärisch dichtes Bild einer Epoche, die im Dunkel der Geschichte liegt.

Jean-Louis Fetjaine, geboren 1956, studierte Philosophie und Mittelalterliche Geschichte. Als Journalist und Verleger veröffentlichte er mit großem Erfolg einige humoristische Werke. Mit seiner vielbeachteten Elfentrilogie betrat er das Fantasy-Universum und zählt heute zu den wichtigsten Vertretern des Genres. Mit “Der Weg des Magiers” hat der Autor nun eine neue Trilogie begonnen, deren zweiter Band “Brocéliande” im Sommer 2004 in Frankreich erschien.

Die Elfentrilogie:
Vor der Elfendämmerung
Die Nacht der Elfen
Die Stunde der Elfen

REZENSION:

“Der Weg des Magiers” stellt sich Anfangs für den Leser als ein wenig schwierig dar. Jeder hat bereits in seinem Kopf eine Variante der Artus-Sage festgesetzt und man erwischt sich dabei leicht, Bücher die diese Legende beleuchten aufgrund der eigenen Meinung zu lieben oder zu verteufeln.
Jean-Louis Fetjaine hat jedoch entgegen der geläufigen und überwiegend in die Köpfe festgebrannten Artus-Legende versucht, diese anhand der geschichtlich bekannten Fakten zu erzählen. Er benutzt hierbei eine erfundene Geschichte um den sagenumwobenen Merlin, der in diesem Buch jedoch nicht mehr allzu viel mit Artus zu tun hat.
Sobald man sich von der im Kopf eingebrannten Legende trennt und sich bereitwillig auf die Darstellungsweise des Autors einlässt, entsteht ein extrem interessanter frühmittelalterlicher Plot, der mit seinen Intrigen und dem langsam in den Vordergrund kommenden Jüngling Merlin zu überzeugen weiß und sich hinter keinem anderen Buch dieser Art verstecken muss.
Man merkt jedoch auch, das es sich hierbei um den ersten Band einer Trilogie handelt. Fetjaine hält sich lange bei dem Aufbau dieser Zeit und den Zusammenhängen zwischen den Personen auf. Dies soll jedoch nicht abwertend klingen. Im Gegenteil: Dadurch taucht man sehr viel intensiver in die Geschichte ein. Außerdem schafft es der Autor, diese Gegebenheiten in einer sehr überzeugenden und glaubhaften Art und Weise zu erzählen – womit das Interesse beim Leser bestehen bleibt. Den Spannungsbogen baut Jean-Louis Fetjaine sehr geschickt zum Ende des Buches auf und man ist sichtlich enttäuscht, wenn die letzte Seite erreicht ist und der zweite Band nicht bereit liegt.
Nachdem ich Anfangs allein schon aufgrund des Titels an einen Fantasyroman dachte, werde ich dies nun revidieren und das Buch als historischen Roman betrachten. Sicherlich ist die Geschichte erfunden, aber bei welchem historischen Roman ist das nicht?
Ich bin sehr gespannt, ob sich das zweite Buch auch in meine Hände verirrt und würde mich auf jeden Fall sehr darüber freuen.
Kurz gesagt: Eine komplett neue Interpretation der Artus-Legende aber gleichzeitig  eine sehr intensive Betrachtung des frühen Mittelalters auf der Insel.
Absolut empfehlenswert.
JS/19.11.2004

Umberto Eco: Der Name der Rose

Originaltitel: Il nome della rosa
Carl Hanser Verlag, München 1982
vorliegendes Exemplar: Lizensausgabe für die Weltbild Verlag GmbH, Augsburg

COVER:

Sorry – beim vorliegenden Exemplar leider kein Covertext vorhanden!

REZENSION:

“Der Name der Rose” als Film mit Sean Connery war mein erster Kontakt. Diesen Film liebte ich – er war sehr gut inszeniert und spannend erzaehlt. Jahre spaeter – ich sah den Film bereits mehrere Male – hielt ich das Buch in meinen Haenden und dachte: Warum nicht mal lesen?
Wissen Sie was geschah?
Seitdem gefaellt mir der Film schon bei weitem nicht mehr so gut. Umberto Eco baut hier einen historischen Thriller auf, der einen von Seite zu Seite nicht mehr aus der Hand laesst. Am Ende war die Enttaeuschung gross – jedoch nicht weil die Geschichte eine schlechte Wendung genommen haette, nein : Weil das Buch zu Ende war!!
Nun bin ich soweit: Der Film wird nicht mehr allzu stark beachtet, dafuer das Buch immer wieder aus dem Regal genommen und dieses nicht nur zum Abstauben, sondern um sich ein weiteres Mal von diesem genialen Roman fesseln zu lassen.
Jürgen Seibold/06.12.2002

Sabine Ebert: Das Geheimnis der Hebamme

Originalausgabe November 2006
c 2006 by Knaur Taschenbuch
ca. 653 Seiten / 8,95 €

COVER:

Das Deutsche Reich unter Kaiser Barbarossa: Weil sein Sohn tot geboren wurde, will Burgherr Wulfhart der jungen Hebamme Marthe Hände und Füße abschlagen lassen. Nur mit knapper Not gelingt ihr die Flucht aus ihrem Dorf. Um zu überleben, schließt sich das Mädchen einer Gruppe Siedler an, die ostwärts in das heutige Sachsen ziehen, um sich in dem noch unerschlossenen Gebiet ein neues, freies Leben aufzubauen.
Angeführt werden sie von dem edlen Ritter Christian, der sofort von Marthe fasziniert ist. Doch ihre Schönheit und ihre besondere heilende Gabe haben auch die Aufmerksamkeit von Randolf erregt, Christians erbittertstem Feind. Da wird in Christians Dorf Silber gefunden…

REZENSION:

Sabine Ebert führt uns in ihrem Debüt in das Sachsen im 12. Jahrhundert. Sie beginnt mit der Erzählung über eine Gruppe, die ihr altes Leben sowie ihre Heimat aufgeben um ins Ungewisse zu ziehen und sich in der Fremde eine neue Zukunft auf zu bauen. Während der Reise erlebt der Siedlerzug einige unangenehme Überraschungen. Doch auch als sie ihr Ziel erreichen ist bei weitem noch nicht alles überstanden – im Gegenteil – jetzt fängt alles erst an…
Hauptfigur in Sabine Eberts Werk ist die junge und mutige Hebamme Marthe, die auch in der Kräuterkunde sehr bewandert und somit für die Siedler besonders kostbar ist.
Entstanden ist hierbei ein sehr empfehlenswerter historischer Roman, der eine sehr abenteuerliche und spannende Geschichte vorlegt und mit Leichtigkeit den Leser zu überzeugen weiß. Sabine Ebert bleibt auch durchweg überzeugend und beweisst mit viel Liebe zum Detail, dass es nicht nur eine Iny Lorentz in diesem Genre gibt.
So sollten historische Romane geschrieben sein!
Jürgen Seibold/05.02.2008

Marie Cristen: Das flandrische Siegel

C by Gaby Schuster, vertreten durch Medienbüro München
c 2009 by Knaur Verlag
Ca. 555 Seiten / € 16,95

COVER:

Im Brügge des frühen 15. Jahrhunderts wächst im Handelshaus Contarini ein Mädchen heran, das nicht in seine Zeit passt. Anstatt nach dem familiären Willen zu handeln, ist Christina, die Enkelin von Aimée und Domenico Contarini, stolz und frei, gebraucht ihren Kopf und will um keinen preis eine Vernunftehe eingehen – schon gar nicht mit Hendrik van der Molen, einem Ehrgeizling, der ihren geliebten Bruder mit einer ungeheuerlichen Behauptung erpresst. Verzweifelt beschließt sie zu fliehen – zusammen mit ihrem Bruder, ihrem jüdischen Geliebten Daniel und ihrer besten Freundin. Venedig, wo die Familie Contarini einflussreiche Verwandte besitzt, müsste der Ort sein, wo eine Christin einen Juden lieben und ein Kaufmannssohn unbehelligt Maler werden darf!
Doch das Schiff, auf dem sie sich verstecken, havariert im Sturm. Lionel van Liewe, der junge, hochfahrende Kapitän, ordnet den sofortigen Rückzug in den Londoner Hafen an. Und in dieser Stadt, die im Gegensatz zum reichen, ruhigen Brügge vor Dreck und Brutalität aus allen Nähten platzt, tun die vier unerfahrenen jungen Flamen genau das Falsche. Im überstürzten Versuch, die Flucht fortzusetzen, gerät jeder von ihnen in seinen persönlichen Alptraum. Die in Brügge geträumten Träume sind zunichte. Aus Christina Contarini, vom Großvater stets „Feuerkopf“ genannt, wird eine nachdenkliche junge Frau werden, bevor sie ihr Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen kann …

REZENSION:

Marie Cristen setzt mit „Das flandrische Siegel“ die Erlebnisse um die Familie Contarini fort und zeigt erneut, dass sie unwahrscheinliches, erzählerisches Talent besitzt. „Das flandrische Siegel“ kann problemlos als eigenständiger Roman betrachtet werden, da man auch ohne Kenntnis von „Die Stunde des Venezianers“ bzw. „Beginenfeuer“ einwandfrei Zugang zu dem vorliegenden Werk finden kann.
Ihre Geschichte um Christina ist durchweg spannend erzählt und sehr vielschichtig aufgebaut. Sehr positiv zu erwähnen ist auch, dass sich die Autorin nicht nur ihrer Hauptfigur widmet, sondern auch detailliert die Geschehnisse um ihre drei Begleiter nicht aus dem Auge verliert – sie geht sogar noch einen Schritt weiter und lässt regelmäßig die Vorkommnisse im heimischen Brügge vor des Lesers Augen aufleben. Während der Lektüre schlittert man förmlich von Abenteuer zu Abenteuer und man hat schier Probleme, das Buch vor der letzten Seite für eine kurze Pause wegzulegen. Viel zu stark ist der Drang nach dem Wissen, was denn nun als Nächstes geschehen wird.
Marie Cristen beschreibt auch sehr schön die historischen Gegensätze zwischen dem wohlbehüteten Brügge und dem verwahrlosten, derben London des 15. Jahrhunderts. Hinzu kommt noch der damals sehr stark vorherrschende Glaubenskonflikt zwischen Juden und Christen. Nach und nach lässt die Autorin die historischen Hintergründe etwas beiseite, ohne jedoch dadurch die Wertigkeit des Romans zu verringern.
Alles in allem ein sehr unterhaltsamer historischer Roman voller Intrigen, Politik, Abenteuer und Liebe, der sicherlich jeden Fan des historischen Romans a’la Iny Lorentz locker überzeugen kann.
Jürgen Seibold/30.05.09

Ina-Marie Cassens: Die Heilerin von Salerno

Originalausgabe Februar 2007
c 2007 by Knaur Taschenbuch
ca. 573 Seiten / €8,95

COVER:

Salerno im 11. Jahrhundert: Hier hat sich die junge Trota dank ihrer medizinischen Erfahrungen, die sie im Harem von Messina gesammelt hat, einen Namen als Ärztin erworben. Doch ihr Ruhm bleibt nicht unangefochten: Man neidet ihr ihre Stellung, die für eine Frau ihrer Zeit ungewöhnlich ist, und wirft ihr sogar schwarze Magie vor. Zudem leidet ihr geliebter Sohn unter einer schweren Krankheit, die nur durch eine geheimnisvolle Medizin gelindert werden kann. Diese aber kann ihr nur einer beschaffen: der muslimische Gelehrte und Kräuterhändler Halifa, den sie einst in Messina kennen und lieben lernte…

REZENSION:

Ina-Marie Cassens erzählt in “Die Heilerin von Salerno” über die erste Frauenärztin im 11. Jahrhundert. Allein die Zeit spricht schon dafür, dass die junge Trota mit den unterschiedlichsten Problemen zu kämpfen hat.
Ina-Marie Cassens beschreibt dies in ihrem Roman absolut detailverliebt, sehr gut recherchiert und historisch fundiert. Sie versäumt es dabei auch glücklicherweise nicht, die damals verwendeten Heilverfahren sehr lebendig darzulegen und man kann dadurch sehr gut an den früheren Methoden – neben dem Lerneffekt – teilhaben.
Ihre Schreibweise ist sehr glaubwürdig in der Darstellung der Zeit und trotzdem unterhaltsam und eingängig. Leider trägt sie im folgenden Lauf der Geschichte dramaturgisch etwas zu dick auf und dadurch wird die grundsätzlich sehr interessante Geschichte in der Handlung etwas unglaubwürdiger und langatmiger.
Diese teilweise etwas unrealistischen Szenen hätte die Autorin einfach weglassen oder in einer anderen Art erzählen sollen – dann könnte man dieses Buch ohne weiteres in einem Atemzug mit den Größen der historischen Romane nennen.
Nachdem dies jedoch nicht der Fall ist, bleibt trotzdem ein sehr lebendiger Roman, der bildhaft und detailliert über die Orte und die damalige Zeit berichtet und nebenbei einen extrem starken Einblick in die Medizin des 11. Jahrhunderts gibt.
Jürgen Seibold/02.06.2007

Katryn Berlinger: Das Schokoladenmädchen

c 2004 bei Knaur Taschenbuch

COVER:

Ende des 19.Jahrhunderts in Riga: Die junge Madelaine, eine begabte Konditorin, ist ehrgeizig und gierig auf das Leben. Ein Zuckerbäcker, der überzeugt von ihrem Talent ist, setzt sie als Leiterin seiner florierenden Confiserie ein. Madelaine erweist sich schon bald als seines Vetrauens würdig und erobert mit ihren süßen Kreationen die Stadt im Sturm – und so manches Männerherz.
Ihr eigenes Herz aber gehört einem ungarischen Adligen, und der soll eine andere heiraten…

Ein Roman, bei dessen Lektüre die Lust auf eine Praline (oder mehr) unwiderstehlich wird!

REZENSION:

In “Das Schokoladenmädchen” erzählt Katryn Berlinger von der jungen Madelaine, die mit ihren Eltern nach Südamerika auswandert, um der Armut zu entfliehen. Durch einen Schicksalsschlag wird der Traum vom Glück jedoch zerschlagen und sie tritt die Heimreise zurück nach Europa an. Nach dem Untergang des Schiffes zählt sie zu den wenigen Überlebenden, ebenso wie der Schweizer Zuckerbäcker Martieli, der ihr eine Lehrstelle in seiner Hamburger Konditorei anbietet. Somit kann sie einem Leben im Gängeviertel entgehen. Durch ihren weiteren Werdegang schafft sie es immer mehr in die gesellschaftliche Oberschicht voller Liebe, Intrigen und den in ihrer Zeit mehr und mehr hervortretenden Ausschreitungen der Sozialisten.
Leider werden diese sehr interessanten sozialen Missstände, sowie die Sozialistenaufstände nur am Rande und nicht sehr befriedigend beleuchtet. Somit entwickelt sich dieser Roman zu einer üblichen romantischen Geschichte mit leicht historischem Hintergrund. Dadurch kann “Das Schokoladenmädchen” sicherlich als unterhaltsamer Roman der leichten Art für die Dame am Strand aushelfen, wird jedoch den Möglichkeiten eines guten historischen Romans nicht gerecht.
Durch ein stärkeres Ausleuchten des ausgehenden 19. Jahrhunderts hätte man sicherlich mehr aus diesem Standardroman machen können.
Jürgen Seibold/20.08.04

Peter Berling: Franziskus oder Das zweite Memorandum

Bastei Lübbe 1999 (4.Auflage)

COVER:

Giovanni Bernardone wurde 1181 als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie in Assisi geboren. Nach einer schweren Krankheit, die ihn an den Rand des Todes brachte, wandte er sich vom weltlichen Leben ab, pflegte die Aussätzigen seiner Vaterstadt und führte ein Bettlerleben. Als Franziskus von Assisi und Ordensgründer wurde er 1228, zwei Jahre nach seinem Tod, heiliggesprochen.

Dem Autor ist im Wechselspiel zwischen dem Heiligen und seinem Bischof Guido II. von Assisi (1204-1228) eine lebendige Darstellung des Hohen Mittelalters gelungen, dessen Bogen sich von den Ketzerbewegungen bis zu den Kreuzzügen, von praller Lebenslust zu inbrünstigem Glauben und fanatischer Askese spannt.

REZENSION:

Dieses Buch von Peter Berling hinterlässt unterschiedliche Empfindungen. Einerseits ist es unwahrscheinlich interessant – andererseits aber durch die Briefform sehr schwer zu lesen. Wer sich für das Leben des Franziskus interessiert, kommt trotzdem an diesem Buch nicht vorbei. Man sei jedoch gewarnt, da es teilweise wie ein Geschichtsbuch anmutet, d.h. es ist leidlich spannend, manchmal langweilig und trotzdem zeitweise sehr interessant. Sollte man jedoch einen klassichen Roman erwarten, wird man von diesem Werk sicherlich enttäuscht – stellt sich auch die Frage, ob eine “klassische” Romanform nicht geeigneter gewesen wäre als diese “hinterlegten” Dokumente der Protagonisten. Die Randbemerkungen lenken stark vom eigentlichen Text ab, sind aber teilweise doch recht interessant. Über die Abkürzungen am Seitenrand muss man hinwegsehen, da man sonst die “Übersetzung” im Anhang sucht und somit vom Text noch mehr abgelenkt wird.
Positiv ist, daß Berling seinen Bogen immer weiter spannt – immerhin ist Franziskus ein frühes Werk und führt einen schon an die Personen der folgenden Gral-Bücher heran. (Die erheblich besser geschrieben sind)
Alles in allem ein zwiespältiges Werk, da interessant und doch schwer, bzw. von spannend bis langweilig reicht.
Jürgen Seibold/10.05.04

Elmar Bereuter: Hexenhammer

c 2003 F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Ungekürzte Taschenbuchausgabe Piper Verlag GmbH, München April 2005

COVER:

Wer trägt die Schuld an den schlimmen Missernten, an den Lawinen, an der Kälte und der Hungersnot, unter denen die Menschen im Deutschland des 15. Jahrhunderts leiden? Heinrich Institoris, 1479 zum Inquisitor der Provinz Alemannia ernannt, weiß die Antwort: Es sind die Hexen, die sich mit dem Satan verbündet haben. 1486 verfasst er den erfolgreichen “Hexenhammer”, eine unheilvolle Anleitung zur Hexenjagd. Schon bald brennen in Deutschland, der Schweiz, in Österreich und Oberitalien die Scheiterhaufen, und immer mehr unschuldige Frauen fallen dem Hexenwahn zum Opfer. Erst als der junge Mönch Cornelius seine Jugendliebe Afra wieder trifft und diese als Hexe angeklagt wird, beginnen die Menschen gegen den fanatischen Inquisitor aufzubegehren…
Spannend und dramatisch schildert Elmar Bereuter die kaum bekannten Anfänge des Hexenglaubens. In diesem Roman werden, zumeist historisch belegt, die damaligen Menschen und ihre Ängste, ihr Glauben und Aberglauben, aber auch die Hoffnung auf ein neues Zeitalter lebendig.

Elmar Bereuter, geboren 1948 als ältestes von vier Kindern einer Bauernfamilie im Bregenzerwald, verbrachte seine Kindheit zwischen Dorfleben, Alpwirtschaft und Internat. Nach einer Karriere als PR-Manager betreibt er seit 1991 eine Werbeagentur und lebt mit seiner Familie in der Nähe des Bodensees. Nach seinem Bestseller “Die Schwabenkinder” erschien zuletzt sein Roman “Hexenhammer”.

REZENSION:

Elmar Bereuter begibt sich in seinem Roman “Hexenhammer” in das 15. Jahrhundert unseres Landes. Er erzählt die Entstehungsgeschichte des berühmt berüchtigten Werkes, dass für sehr viele Kirchenvertreter zum Leitfaden für die Entdeckung von Hexen geworden ist. Er zeichnet gekonnt das Leben des Frauenhassers und Inquisitors Heinrich Institoris nach. Ebenso dessen teilweise illegale Vorgehensweise um sein bereits in der damaligen Zeit umstrittenes Werk publik zu machen.
Nebenbei beleuchtet Elmar Bereuter in glaubhafter und beklemmender Darstellung einige “Befragungen” von Hexen, welche dann teils tödlich und teils durch geschickte Einflussnahme der Gegner Institoris’ mit dem Freispruch endeten.
Dem Leser offenbart Bereuter mit Leichtigkeit die damaligen Umstände sowie die Lebensart der Bürger und insbesondere die der Kirchenvertreter. Er nimmt den geschichtlich interessierten Leser bei der Hand und führt ihn in ein früheres dunkles Kapitel Deutschlands und lässt dieses absolut glaubhaft und nachvollziehbar auferstehen.
Ein Geschichtsunterricht, wie er nicht besser dargestellt werden kann.
Jürgen Seibold/11.05.05

Anthologie: Phantastischer Oberrhein

Erzählungen, herausgegeben von Jörg Weigand
c der einzelnen Beiträge bei den Autoren
Herstellung: Schillinger Verlag GmbH, Freiburg
168 Seiten / € 18,80

COVER:

15 phantastische Geschichten von 11 Autoren zeigen das Oberrheingebiet zwischen Basel und Straßburg in einer ganz ungewöhnlichen Sicht. Es werden dabei so gut wie alle Genres der phantastischen Literatur bedient: Märchenhaft-Wunderbares, klassische Fantasy, Science Fiction, sogar Historisches – die Autorinnen und Autoren, alle wohnen in der Region, hatten freie Wahl, in welchem Teilgebiet sie ihre Erzählung ansiedeln wollten.
Das Buch will mitnehmen in eine Region, die geradezu prädestiniert ist als Schauplatz phantastischer Ereignisse und als solcher vielleicht noch viel zu wenig erkannt bzw. ausgelotet.

Inhalt:

Rainer Schorm: HUNGER
Klaus N. Frick: DIE RHEIN-LINIE
Ursula Isbel: IM WUNDERLAND
Karla Weigand: SIMON ODER: EINE ANDERE ART VON UNSTERBLICHKEIT
Frank G. Gerigk: DER SCHACHT
Daniel Walther: DER ANDERE ZUG
Rainer Schorm: MAGNITUDE
Jörg Weigand: VRENELI
Markus Kastenholz: CELPHIA
Helmut Ehls: VERPASS’ NICHT DIE ZUKUNFT
Jörg Weigand: FAHRT IN DIE INNERE FREIHEIT
Markus Kastenholz: DAHEIM
Karla Weigand: QUELL DER KRAFT
Frank Borsch: LUCKY
Manfred Borchard: MEI LETZSCHDE SCHDORIE
REZENSION:

Mit dem Ruf eine idyllische Gegend zu sein, schallt dennoch auch das Echo vom Oberrhein mit, welches von Hexen, Henkern, Spuk und Fabelwesen kündet.
Genau dies ist der Mystizismus, der diese Region in meinen Augen nicht nur schön, sondern auch spannend erscheinen lässt – der etwas andere Blick, wenn man so will, hinter die Fachwerkfassaden des Breisgaus und der Umgebung, dessen Geschichten entweder eine Sichtweite zeigen, die nicht immer die heile Welt spiegelt oder dieser gerade weitere Märchen hinzufügt.
Ob man nun schauerliches sucht oder sich in romantischen Landschaften wiederfindet, das ist Sache des Betrachters – oder des Lesers dieser Anthologie, denn dieses Buch bietet in seinen Geschichten beides.
Was mir beim Schmökern etwas fehlte waren Aspekte der alten Sagen rund um den Oberrhein, die leider von keinem der Autoren aufgegriffen wurden; dafür verfasste jeder einen modernen Beitrag, der, wie das zweite Wort des Titel richtig vermuten lässt, einen Bezug zu der Gegend hat.
Wie man das Buch findet liegt im Auge des Betrachters, doch ich kann jedem nur nahe legen mal einen Blick hineinzuwerfen – auch denen, die nicht vom Oberrhein stammen (wie ich).
Von ihrer Machart ist diese Anthologie unvergleichlich und bisher die Einzige mit diesem Thema.
Bloß wer von phantastisch auf Fantasy schließt, wird enttäuscht sein. Die Beiträge sind so vielseitig, dass sich das Buch nur schwerlich einem Genre zuordnen lässt – vom Science Fiction Freak, über den Horrorfan, bis hin zum Leser von Thrillern oder Dramen wird hier jeder zufriedengestellt.
Unter der Redaktion von Markus Kastenholz ist Jörg Weigand mit dieser Anthologie jedenfalls ein phantastisches Buch über den Oberrhein gelungen…
Ein besonderes Lob verdient hierbei auch die Titelgestaltung von Rainer Schorm.

Unter der ISBN 978-3-89155-339-9 sind die Erzählungen im Schillinger Verlag Freiburg erschienen.

Miriam Stephanie Reese
(Oktober 2010)