Natasha Pulley: Der Uhrmacher in der Filigree Street

Originaltitel: The Watchmaker of Filigree
Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer
©2015 by Natasha Pulley
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by J.G.Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-11682–3
ca. 448 Seiten

COVER:

London, Oktober 1883. Thaniel Steepleton, ein einfacher Angestellter im Innenministerium, kehrt nach der Arbeit in seine winzige Mietwohnung heim. Da findet er auf seinem Kopfkissen eine goldene Taschenuhr. Es ist ihm ein Rätsel, was es mit ihr auf sich hat. Sechs Monate später explodiert im Gebäude von Scotland Yard eine Bombe. Thaniel wurde gewarnt, weil seine Uhr gerade noch rechtzeitig ein Alarmsignal gab. Nun macht er sich auf die Suche nach dem Uhrmacher und findet Keita Mori. Hat der freundliche Einzelgänger aus Japan etwas zu verbergen? Und dann begegnet Thaniel auch noch Grace Carrow, die ebenfalls eine Uhr von Mori besitzt. Als Frau und Naturwissenschaftlerin kämpft sie in einer völlig von Männern dominierten Gesellschaft um ihre Rechte und ihre Zukunft.

REZENSION:

Thaniel Steepletons Tagesablauf gleicht einem Uhrwerk: Jeden Tag der selbe Trott im Innenministerium als Angestellter in der Telegrafieabteilung.
Eines Tages liegt jedoch eine goldene Uhr auf seinem Kopfkissen – was für einen Einbruch spricht, der umgekehrter nicht sein könnte.
Öffnen lässt sich die Uhr jedoch nicht und dennoch scheint sie etwas Besonderes zu sein.
Eines Tages befindet sich Thaniel in einem Pub in der Nähe des Scotland Yard-Gebäudes. Urplötzlich lässt die Uhr ein Alarmgeräusch von sich, was dazu führt, dass Thaniel hastig den Raum verlässt, da er nicht ungebührlich auffallen möchte. Recht zeitnah explodiert eine Bombe im Yard-Gebäude, deren Druck auch Auswirkungen auf die Besucher der Gaststätte hatte – Thaniel bleibt somit unbeschadet und wurde darüber hinaus von dieser ominösen Uhr gerettet.
Bereits der Start dieser Geschichte lässt den Leser ungebremst in die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts eintauchen. London pulsiert förmlich und befindet sich am Scheideweg ins moderne Zeitalter. Natasha Pulley geht jedoch einen Schritt weiter und füttert ihre außergewöhnliche Geschichte mit der Jagd nach Bombenlegern, einer Frau, die um ihre Rechte kämpft und einem Hauptdarsteller, dessen langweiliges Leben durch das Kennenlernen eines freundlichen Japaners mit besonderen Fähigkeiten eine ganz neue Ebene beschreitet.
„Der Uhrmacher in der Filigree Street“ ist eine absolut außergewöhnliche Geschichte, die sich keiner Schublade zuordnen lässt – ich denke, genau aus diesem Grund habe ich sie zu lieben begonnen und konnte mich ihrem Sog nicht mehr entziehen.
Hinzu kommt die Fähigkeit der Autorin, die Rolle Keita Moris lange Zeit im Dunklen zu lassen und nahezu bis zum Ende für neue Facetten zu sorgen.
Sämtliche handelnden Personen sind ihrer Rolle entsprechend tief gehend gezeichnet und wirken in ihrer Gesamtheit beinahe wie ein Kunstwerk. Die Geschichte ist sehr atmosphärisch und schafft es auf grandiose Art sogar Vielleser nicht nur zu überzeugen, sondern gar zu überraschen.
Perfekte, intelligent erzählte Lektüre, die Genreabgrenzungen nicht nur missachtet, sondern in sich aufnimmt. Kurzum ein rundum gelungenes Werk, welches zwar nach mehr verlangt, jedoch nur schwer zu toppen sein wird.
Ein absolutes und dabei wunderschönes Highlight mit einer Vielzahl an Überraschungen. Hier erkennt man wieder, warum es sich lohnt, Bücher zu lesen…
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Octavia E. Butler: Wilde Saat

Originaltitel: Wild Seed
Aus dem Amerikanischen von Will Platten
©1980 by Octavia E. Butler
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-53489–6
ca. 477 Seiten

COVER:

Doro ist ein Unsterblicher. Er tötet ohne Reue, wenn er von Körper zu Körper springt, um sich selbst am Leben zu erhalten. Er hat vor nichts und niemandem Angst – bis er der Gestaltwandlerin Anyanwu begegnet, die ihre Heilkräfte nutzt, um den Alterungsprozess aufzuhalten. Vom ersten Moment an begehrt Doro Anyanwu, so sehr er sie auch fürchtet, und sein dreihundert Jahre währendes Werben um sie wird das Schicksal der Menschheit für immer verändern. 

REZENSION:

Die leider bereits verstorbene Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler begibt sich im vorliegenden Buch in die Vergangenheit und führt uns in ein kleines afrikanisches Dorf im Jahre 1690. Dieses wird von Sklavenhändlern verwüstet – dieser Vorgang wiederum führt zur Begegnung zweier Unsterblicher, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Zum einen Doro, der skrupellose Menschenverachter, der auf der Suche nach der perfekten Züchtung ist und zum anderen Anyanwu, die das genaue Gegenteil darstellt und sich darüber hinaus ihrer Fähigkeiten noch nicht zur Gänze bewusst ist.
Butler führt uns recht schnell den Wahnsinn des Sklavenhandels und der Ausbeutung von Menschen vor Augen und schlägt eine Lanze für Minderheiten, was absolut erfrischend und auf eine unglaublich intelligente Art und Weise erzählt ist.
WILDE SAAT ist dabei keineswegs Science-Fiction, sondern eher eine Mischung aus Fantasy, historischer Fiktion und einem Hauch Horror unter Verwendung einer Art Vampirismus. Sie fügt dem Ganzen Sklaverei, Rassismus, Feminismus hinzu und entwickelt dabei einen rundum interessanten Plot, der eher Philosophisch denn zur reinen Unterhaltung betrachtet werden muss.
Teilweise fragte ich mich, wohin Butler ihren Leser führen mag und begann vielfältige Ideen zu entwicklen. Interessanterweise treibt einen die Geschichte auf komplett neue Pfade, denen man sich trotz fehlenden Spannungselementen oder anderen typischen Mitteln schlicht nicht entziehen kann.
Die beiden Unsterblichen führen einen ruhigen, jedoch intensiven Kampf – gefüttert mit einer gewissen Art von Liebe, die beiden ihre Unterschiede zeigt und dennoch immer wieder zu einander führt. Dabei vergehen Jahrhunderte, die von Menschenliebe ebenso strotzen wie vom Gegenteil, gepaart mit dem Wunsch Doros, eine Art „Übermensch“ zu züchten. Doro geht dabei über Leichen und man erkennt deutlich, dass er nicht wirklich viel von der sterblichen Menschheit hält. Während Doro ausbeuterisch unterwegs its, zeigt sich Anyanwu als fürsorgliche Heilerin, die nach und nach auch Doro zeigt, dass sich auch andere Pfade des Lebens beschreiten lassen.
Octavia E. Butler war mir bis zum Genuss dieses Werkes leider absolut kein Begriff – ihre philosophische und einzigartige Art des Erzählens wird mir unvergessen bleiben und insbesondere durch die sehr kluge Darbietung sollte sie ganz oben auf der Liste herausragender Literatur zum Nachdenken stehen.
Sehr gelungen Umsetzung unter Einbeziehung von Alltags- und Rassismusthemen, die manchem die Augen öffnen können, sofern man sich darauf einzulassen gewillt ist.
hysterika.de / JMSeibold / 15.09.2021

Mikkel Robrahn: Hidden Worlds – Die Krone des Erben

Originalausgabe
©2021 Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag GmbH
ISBN 978-3-7335-5015-8
ca. 414 Seiten

COVER:

Eigentlich dachte Elliot, einmal auf Avalon angekommen würde alles einfacher und besser werden. Doch in dem Moment, als vor seinen Füßen eine schwarze Kutsche stehen blieb, wusste er, dass das nur Wunschdenken war. Das mit goldenen Ornamenten verzierte Gefährt wurde von zwei Welthunden gezogen. Sie waren so groß wie Rösser und hatten Ähnlichkeit mit deutschen Doggen. Unter ihrem grauen Fell traten die Rippen und Hüftknochen deutlich hervor. Am auffälligsten war aber, dass sie nur ein Auge hatten, das mittig über der Schnauze platziert war.
Die Zügel hielt eine gehörnte Kreatur in der Hand, die von der Hüfte abwärts wie ein Ziegenbock aussah. Sie trug einen langen, schwarzen Mantel. Mit einer Kopfbewegung zeigte das teuflisch aussehende Wesen auf die Tür. „Steig schon ein. Der Chef will nur eine kurze Unterhaltung mit dir, Kleiner.“
Nur eine Unterhaltung. Aus Filmen wusste Elliot, dass solche Unterhaltungen meistens nur der Anfang von etwas viel Größerem waren. Etwas Bedrohlichem. Etwas, das potenziell lebensgefährlich war.
„Also gut“, murmelte er. Was bliebe ihm auch anderes übrig? Eines war klar: Nichts würde auf Avalon einfacher werden.

REZENSION:

Ich kann mich noch sehr gut an die bei mir entstandene Begeisterung erinnern, als ich mir den ersten Band dieser Trilogie namens HIDDEN WOLRDS zu Gemüte führte. Ohne weiter darüber nachzudenken, ging ich schlicht davon aus, dass hier ein neuer Harry Potter entstanden ist – dementsprechend zog mich der Start in den Bann.
Gleichermaßen euphorisch – nun aufgeheizt durch die Erlebnisse des ersten Buches – widmete ich mich dem vorliegenden Band mit dem Untertitel „Die Krone des Erben“.
Elliot ist in Avalon angekommen und konnte nun endlich nach langer Zeit seine Mutter treffen.
Hier beginnt bereits in meinen Augen die Misere des zweiten Werkes: Seine Mutter war Hinweisgeberin innerhalb von Buch eins und nun zeigt sie ihrem kämpferischen Sohn regelrecht die kalte Schulter? So ganz kann ich das wahrlich nicht glauben. Dennoch versuchte ich den gebührenden Abstand zu halten und versuchte dieses Punkt zu akzeptieren – vielleicht gibt es ja einen plausiblen Grund dafür…
Leider geht „Die Krone des Erben“ bei weitem nicht so sagenhaft überzeugend weiter, wie das von mir hochgelobte erste Buch dieses Plots. Im Gegenteil, man befindet sich plötzlich in einem politischen Umfeld und es zeigt sich mehr und mehr, dass wir uns hier in einem typischen Mittelband befinden, der scheinbar Luft zu holen scheint, da gerade die erste Hälfte sehr schwach und spannungslos aufgebaut wird. Im ersten Buch saß man bereits nach wenigen Seiten mit offenem Mund vor den Buchstaben.
Teilweise blitzt die Qualität auf – jedoch fehlen die Überraschungseffekte und dementsprechend mehr Aufwand sollte man im Festhalten des Lesers aufbringen. Gut, das Setting ist auch weiterhin interessant und gefüllt mit einigen ironischen, wenn nicht gar witzigen Elementen. Nichts desto trotz verliert man sich in zu viel Antriebslosigkeit, was mir abermals bestätigt, dass es wohl ab und an besser wäre, eine Geschichte nicht weiter auszubauen. Andererseits kann es sich natürlich auch um das Problem des Mittelbandes handeln – wenn das so ist, tut es mir leid – gleichzeitig weise ich aber darauf hin, dass eine Fortsetzung ebenso fesselnd sein muss wie der Einstieg in die Geschichte. Es wird natürlich schwieriger, da der Überraschungseffekt einer neuen Welt und Idee nicht mehr vorliegt. Darüber muss man sich als Autor im Klaren sein, da im negativen Fall die Leserzahl zurückgeht und nur mehr schwer aufgeholt werden kann.
Ich bin einer dieser Fälle und halte weiterhin Buch 1 in guter Erinnerung – ein weiteres Eintauchen in Robrahns Welt wird mir jedoch nur noch schwer vermittelbar sein, da ich das vorliegende trotz der guten Sprache und der gleichwertig ansprechenden Welt abgebrochen habe – dies jedoch  nur, da mein Anspruch immer noch auf dem Niveau des ersten Bandes stand und dementsprechend hoch die Erwartung war.
hysterika.de / JMSeibold / 01.08.2021

Kevin Hearne: Tinte & Siegel

Originaltitel: Ink & Sigil
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
© 2020 by Kevin Hearne
Für die deutsche Ausgabe
© 2021 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-98203-9
ca. 376 Seiten

COVER:

Ja, Al MacBharreis ist gesegnet, er ist aber auch verflucht. Jeder, der seine Stimme hört, geht sofort mit unvorstellbarem Hass auf ihn los. Und schlimmer noch: Alle seine Lehrlinge sind früher oder später dem Tod geweiht. Fergus wurde bei den Highland-Spielen von einem schlecht geworfenen Baumstamm erschlagen, Ramsey wurde von schusseligen amerikanischen Touristen, die auf der falschen Straßenseite unterwegs waren, überfahren. Als sein letzter Lehrling Gordie tot in seiner Wohnung in Glasgow aufgefunden wird – er erstickte an einem rosinenhaltigen Gebäck -, entdeckt Al, dass Gordie ein geheimes. verbrecherisches Doppelleben führte und in einen schwunghaften Menschenhandel mit nichtmenschlichen Wesen verstrickt war…

REZENSION:

Die Idee hinter der Chronik des Siegelmagiers ließ mich aufhorchen und sorgte dafür, dass ich diesem Start einer neuen Reihe von Kevin Hearne gerne eine Chance zu geben bereit war.
Es stellte sich dabei recht schnell raus, dass die Idee mit den Siegeln tatsächlich etwas erfrischend neues in sich hatte. Darüber hinaus wirkte zumindest am Anfang die Idee des verfluchten „Ermittlers“ sehr interessant in ihrer Darbietung – auf Dauer wurde dann jedoch der Dialog per elektronischer Smartphone-Unterstützung dann doch recht anstrengend beim Lesen. Hearne entschied sich dazu, MacBharreis’ Sätze mit eckigen Klammern darzustellen, was den Lesefluss vernachlässigbar abbremst, jedoch für mich die trotzdem hohe Zahl an Wörtern in den Dialogen von Al etwas unglaubwürdig wird. Darüber hinaus erkannte ich im Verlauf der Geschichte, dass diese Vorgehensweise dann doch irgendwann etwas anstrengend wurde.
Hearnes offenbart viele interessante fantastische Figuren und schreibt sehr eingängig. Der Plot ist humorvoll und seine Figuren wahrlich grandios gezeichnet. Nichts desto trotz verlor mich der Autor im Laufe der Geschichte und konnte mich nicht mehr durchgängig überzeugen. In Richtung Ende war es mir dann nahezu egal, wie die Geschichte beendet wird – die Ideen für sich konnten mich somit in ihrer Gänze nicht überzeugen.
Nichts desto trotz bin ich davon überzeugt, dass Tinte & Siegel durch die interessante Vorgehensweise ihre Fans finden wird. Ich wünsche dies diesem Werk sogar, da die dahinterliegende Idee nicht nur fantastisch sonder auch erfrischend ist – auch wenn es für mich nun im Rahmen dieser Reihe nicht mehr weiter gehen wird.
Hysterika.de/JMSeibold/24.05.2021

Susanna Clarke: Piranesi

Originaltitel: Piranesi
Aus dem Englischen von Astrid Finke
©2020 by Susanna Clarke
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Karl Blessing Verlag, München
ISBN 978-3-89667-672-6
ca. 269 Seiten

COVER:

Ein riesiges Gebäude, in dem sich endlos Räume aneinanderreihen, verbunden durch ein Labyrinth aus Korridoren und Treppen. An den Wänden stehen Tausende Statuen, das Erdgeschoss besteht aus einem Ozean, bei Flut donnern die Wellen die Treppenhäuser hinauf. Das Obergeschoss ist das Reich der Vögel und der Wolken.

In diesem Gebäude wohnt Piranesi. Er hat sein Leben der Erforschung dieser bizarren Welt gewidmet. Angeleitet von seinem einzigen Freund, einem Wissenschaftler, will er ein Geheimnis lösen, das vor langer Zeit verlorenging. Und je weiter sich Piranesi in die Zimmerfluchten des Gebäudes vorwagt, desto näher kommt er diesem Geheimnis.

REZENSION:

PIRANESI ist eines der wenigen Bücher, die ich mir aufgrund der geschickt konstruierten Covergestaltung ausgesucht hatte. Ich konnte mich dieser Darstellung schlicht nicht entziehen und dementsprechend stieg das Interesse, was sich wohl zwischen den Buchdeckeln befinden mochte.
Gleichzeitig möchte ich darauf hinweisen, dass mir weder Susanna Clarke noch der Bestseller „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ ein Begriff war und auch weiterhin ist. Somit konnte ich mich dem vorliegenden Buch ganz unbeeindruckt von anderen Einflüssen widmen.
In PIRANESI begleiten wir den Namensgeber auf seinen Streifzügen durch endlose Räume. Diese wirken durchweg interessant und man fragt sich recht schnell, was sich wohl im nächsten befinden möge. Ab und an trifft Piranesi eine weitere Person, die er als Propheten sieht. Diese Person bleibt recht wage in ihrer Darstellung und man fragt sich als Leser recht schnell, welchen Sinn dieser unregelmäßige Auftritt wohl inne hat.
Das Buch hat unglaublich viele Stärken – gleichzeitig sind diese für manchen Leser auch Schwächen des Werkes, da sich das „Herumstöbern“ doch recht umfangreich hinzieht und keine neuen Erkenntnisse mit sich bringt. Dennoch wollte ich das Buch – trotz der immer wiederkehrenden Gedanken nach einem frühzeitigen Beenden – unbedingt zu seinem Ende führen, da ich mich einfach nicht mit gutem Gewissen vom weiteren Lesen abhalten konnte.
Interessanterweise führte das zu einem eher wohlwollenden Gedanken am Ende des Werkes, da die Geschichte in ihrer Gänze einen interessanten Schwenk vorbereitet und manchen Leser mit seinem kuriosen aber sehr interessanten Ende doch für sich überzeugen kann.
Die Auflösung ist auch durchweg gelungen und lässt einen leicht nachdenklich und noch etwas philosophierend zurück. Allein dafür lohnt sich das Lesen – nichts desto trotz verliert das Werk mit Sicherheit viele Leser auf dem Weg dorthin, da dieser definitiv etwas zu langatmig dargelegt ist.
PIRANESI ist ein besonderes Werk, welches mit Sicherheit nicht für jeden geeignet ist. Auch ich zähle mich eher zu dieser Klientel – trotz meine doch eher in Richtung positiv schwenkenden Meinung. Dies liegt an dem Umstand, dass Susanna Clarke es dem Leser nicht wirklich einfach macht, beziehungsweise durch ihre Art des Erzählens sicher nicht jeden für sich einvernehmen kann. PIRANESI ist sehr unkonventionell erzählt – dies schreckt sicher auf dem Weg in Richtung Auflösung viele ab, dies war gleichzeitig der einzige Grund, warum ich mich bis dorthin damit beschäftigt hatte und den langen Weg auf mich nahm
Hysterika.de/JMSeibold/14.03.2021

Stephen King: Wolves of the Calla

©2003 by Stephen King
This paperback edition published in 2012 by Hodder & Stoughton
ISBN 978-1-444-72348-9
ca. 771 Seiten

COVER:

Determined to reach the Dark Tower, gunslinger Roland and his companions emerge from the forests in the Mid-World on a path that leads to a tranquil valley community of farmers and ranchers in the borderlands.

Beyond the town, the rocky ground rises towards the dark source of affliction. Danger is imminent – the Wolves of the Calla are gathering once again, their unspeakable depredation poised to threaten the soul of the community. Roland and his companions must venture all as they face an unknown adversary. And the future of the Mid-World once again faces crimson chaos.

Wolves of the Calla is the magnificent fifth novel in Stephen King’s epic Dark Tower series that continues to captivate processions of readers.

AND THE TOWER IS CLOSER …

REZENSION:

Wenn man bei einem Epos von einem Lebenswerk sprechen kann, dann ist es sicherlich die Reise Rolands in Richtung des Dunklen Turms. Diese Werke begleiten nicht nur den Autor bereits seit mehreren Jahrzehnten, sondern auch Leser wie mich, die ebenfalls 30 Jahre benötigten, um Roland bis zum Ende seiner Reise begleiten zu dürfen.
Der Dunkle Turm ist dabei jedoch auch ein Gesamtkunstwerk, welches eine Vielzahl von Werken Kings miteinander verknüpft und durch den Mut, auch verschiedene Genre miteinander zu verweben, etwas ganz Besonderes in der Welt der Literatur darstellt.
Der Dunkle Turm ist Western, Horror, Fantasy, Thriller, Liebe, Science Fiction, Dystopie und noch vieles mehr in einem. Gleichzeitig uneingeschränkt philosophisch und zum Nachdenken anregend.
In „Wolves of the Calla“ treffen wir nicht nur auf den Priester aus Salems Lot sondern begeben uns auch des Öfteren nach New York, um die Fäden in Richtung Turm auf den richtigen Weg zu bringen. Schlussendlich wird gemeinsam mit den Dorfbewohnern der Calla gegen die regelmäßig kommenden Wölfe gekämpft, um diesen endgültig klar zu machen, dass die Bürger es nicht mehr länger akzeptieren, dass in gewissen Abständen Kinder als Opfer abgeholt werden.
Die Story ist unglaublich dicht und grandios erzählt. Selbst durch die bei mir etwas angespannte Konzentration beim Lesen in der Originalsprache konnte mich nicht davon abbringen, förmlich an die Seiten geheftet zu sein. Wolves oft he Calla ist definitiv einer der stärkeren Bände der Werke um den Dunklen Turm. Die Figuren werden einem immer vertrauter und der Turm rückt ungebremst näher, auch wenn in diesem Werk weder der Mann in Schwarz noch der Turm selbst eine Rolle gespielt hat. Das ka-tet ist hierin selbst für die weitere Entwicklung verantwortlich und stellt sich diesem Anspruch auch ohne besondere Einwände. Dabei werden sie ihrem Ruf gerecht und zeigen die Stärke einer zusammengewachsenen Gemeinschaft.
Kennt man Stephen King, weiß man jedoch auch, dass solche Verflechtungen – wie im realen Leben – auch erneut brüchig werden können und somit immer zu pflegen sind.
Wer sich dem Dunklen Turm stellt kommt natürlich auch nicht an diesem Werk vorbei. Während der vierte Band viel aus dem Leben Rolands erzählte, begleiten wir hier wieder das Team auf ihrem Weg in Richtung Zentrum der Balken. Der Weg ist das Ziel und hier leuchtet der fünfte Band förmlich, da er durchgehend Lesefreude bereitet und man spätestens jetzt die Gefährten in das Herz geschlossen hat. Trotz ihrer persönlichen Unterschiede agieren sie hier als geschlossene Einheit und bauen dabei das Selbstvertrauen der Farmer auf, um sich gemeinsam mit ihnen deren Feinden zu stellen.
Sollte jemand neu einsteigen wollen: Vor Lesen dieses fünften Bandes hilft es übrigens ungemein, wenn man Salem’s Lot („Brennen muss Salem“) bereits kennt, da hier in diesem fünften Band Pater Callahan eine nennenswerte Rolle spielt und man seine Verweise in Richtung Barlow und dem kleinen Städtchen Salem nur durch Kenntnis des genannten Buches verstehen wird.
Hysterika.de/JMSeibold/17.01.2021

Anthony Ryan: Das Lied des Wolfes (Rabenklinge 1)

Originaltitel: The Wolf’s Call. A Raven’s Blade Novel
Aus dem Englischen von Sara Riffel
©2019 by Anthony Ryan
Für die deutsche Ausgabe: ©2020 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-98217-6
ca. 555 Seiten

COVER:

Unter Vaelin al Sornas Führung wurden ganze Kaiserreiche esiegt, seine Klinge entschied erbitterte Schlachten; und er stellte sich einer bösen Macht entgegen, die schreckenerregender war als alles, was die Welt bis dahin gesehen hatte. Von weit über dem Meer verbreiten sich Gerüchte: Ein Heer mit dem Namen Stählerne Horde treibe dort sein Unwesen. Es werde von einem Mann angeführt, der sich selbst für einen Gott halte. Als Vaelin erfährt, dass Sherin, die Frau, die er vor Jahren geliebt und verloren hat, der Horde in die Hände gefallen ist, bleibt ihm keine Wahl, er muss in den Kampf ziehen.

REZENSION:

Anthony Ryan konnte sich bereits zu Beginn seiner fantastischen Schaffenskraft einen herausragenden Namen bei Lesern dieses Genres machen. Seine Rabenschatten-Trilogie steht für sich selbst und durch sein Drachenepos schaffte er es nahezu problemlos, mich selbst zu überzeugen.
So gut auch der Start in die Rabenschatten-Trilogie des Autors vollführt worden ist, gab es doch auch kritische Stimmen, die den Folgebänden nicht die gleiche erzählerische Kraft bescheinigen wollten. Nun wagte beziehungsweise wagt sich Anthony Ryan erneut in diese Welt und versucht dem Leben Vaelins durch weitere Abenteuer mehr Tiefe und Erlebnisse zu geben.
Natürlich ist auch dieser Plot in der sprachlichen Qualität des Autors herausragend erzählt – die Geschichte trägt jedoch zu wenig in sich, um mich über die Seiten fliegen zu lassen. Viel zu früh lässt sich der weitere Weg erkennen und viel zu wenig zusätzliche Kontur erhält Vaelin al Sorna im Vergleich zum bereits Bekannten aus der Rabenschatten-Trilogie. Man erkennt keine persönliche Weiterentwicklung dieser kraftvollen Gestalt und auch die sehr interessant scheinenden Figuren, die Ryan in diesem Plot einfügt, hätten das Potenzial dazu – lediglich die dazugehörige Ausschmückung fehlt oder ist nur vage angedeutet.
Aus meiner Sicht sehr schade, da ich mich wahrlich über ein weiteres Buch von Anthony Ryan gefreut hatte – vielleicht warte ich einfach darauf, dass er sich wieder dem weißen Drachen widmet, da er dort meiner Meinung nach erheblich agiler zur Sache ging, als im vorligenden Beginn einer neuen Saga um Vaelin al Sorna.
Hysterika.de/JMSeibold/08.11.2020

Stephen King: The Wind Through The Keyhole (The Dark Tower 4.5)

©2012 by Stephen King
ISBN 978-1-4516-5890-3
ca. 305 Seiten

COVER:

In The Wind Through the Keyhole, Stephen King returns to the rich landscape of Mid-World, the spectacular territory of the Dark Tower fantasy saga that stands as his most beguiling achievement.
Roland Deschain and his ka-tet – Jake, Susannah, Eddie, and Oy, the billy-bumbler – encounter a ferocious storm just after crossing the River Whye on their way to the Outer Baronies. As they shelter from the howling gale, Roland tells his friends not just one strange story but two … and in so doing, casts new light on his own troubled past.
In his early days as a gunslinger, in the guilt-ridden year following his mother’s death, Roland is sent by his father to investigate evidence of a murderous shape-shifter, a “skin-man” preying upon the population around Debaria. Roland takes charge of Bill Streeter, the brave but terrified boy who is the sole surviving witness to the beast’s most recent slaughter. Only a teenager himself, Roland calms the boy and prepares him for the following day’s trials by reciting a story from the Magic Tales of the Eld that his mother often read to him at bedtime. “A person’s never too old for stories,” Roland says to Bill. “Man and boy, girl and woman, never too old. We live for them.” And indeed, the tale that Roland unfolds, the legend of Tim Stoutheart, is a timeless treasure for all ages, a story that lives for us.
King began the Dark Tower series in 1974; it gained momentum in the 1980s; and he brought it to a thrilling conclusion when the last three novels were published in 2003 and 2004. The Wind Through the Keyhole is sure to fascinate avid fans of the Dark Tower epic. But this novel also stands on its own for all readers, an enchanting and haunting journey to Roland’s world and testimony to the power of Stephen King’s storytelling magic.

REZENSION:

Als Stephen King den Revolvermann Roland durch die Wüste gehen ließ, um dem Mann in Schwarz zu folgen, war ihm sicherlich die daraus resultierende Tragweite dieses dabei entstehenden Epos noch bei weitem nicht bewusst. Mir ging es ganz ähnlich, da ich jedem weiteren Band entgegenfieberte und beinahe enttäuscht war, als es zu einem Ende fand. Dieses wiederum hatte nicht jedem gefallen, war aber meiner Meinung nach sehr stimmig und King hatte darauf auch bereits mehrmals dezent in diese Richtung hingewiesen. Die dahinter liegende Grundphilosophie lässt sich auch problemlos in unsere Zeit und Welt übertragen – doch dies soll hier keine Abhandlung des Dunklen Turms werden, sondern ein kurzer Blick auf ein bereits auf dieser Seite rezensiertes Werk in einer anderen Version hinweisen.
Wer hier auf hysterika ein wenig schmökert, wird schnell erkennen, dass es ein kleine Rezension zur deutsche Ausgabe dieses Buches gibt – bereits dort ließ ich mich euphorisch über diesen nachträglich entstandenen und als Zwischenband fungierenden Plot aus. Vor einiger Zeit wagte ich mich an die Originalausgabe und Mittwelt hatte mich wieder, auch wenn diese Episode dem Weg zum Turm nichts mehr hinzufügen kann. Vielmehr handelt es sich um eine Art Zwischenpart, in dem das ka-tet gezwungenermaßen zur Ruhe kommt und Roland die Gelegenheit nutzt und ihnen eine weitere Geschichte aus seinem Leben offenbart. Dabei entsteht zusätzlich eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Komplett durchwoben und rundum interessant bis hin zu märchenhaft.
Wer mit dem Dunklen Turm abgeschlossen hat, kann von diesem Buch problemlos die Hände lassen – da aber manch einer doch gerne mehr über Roland erfahren möchte oder einfach mal wieder kurz den Flair dieser Welt einatmen möchte, dem sei dieses ebenfalls hochwertige und kraftvolle Werk zu Herzen gelegt, da es der Figur des Roland noch mehr Tiefe verleiht, als er sowieso bereits inne hat.
Da ich in meiner englischsprachigen „Neuentdeckung“ des Turms der Reihe nach vorgehe, nutzte ich diese kleine Zwischenepisode als Aufheller, bevor ich mich im Anschluss nun wieder auf den gefahrvollen Weg in Richtung Turm machen werde und mit Wolves Of The Calla beginne.
Hysterika.de/JMSeibold/29.11.2020

Mikkel Robrahn: Hidden Worlds – Der Kompass im Nebel

Originalausgabe
Erschienen bei FISCHER New Media
Frankfurt am Main, September 2020
ISBN 978-3-7335-5000-4
ca. 350 Seiten

COVER:

Der Kirche war es vor vielen Jahrhunderten gelungen, das Portal nach Avalon zu schließen. Elfen, Zwerge und andere Wesen strandeten in unserer Welt.
Elliot Craig, Anfang 20 und wohnhaft in Edinburgh, taucht in die Welt des Merlin-Centers ein, einem Kaufhaus für alles Phantastische. Als er auf Informationen über einen Kompass nach Avalon stößt, beschließt er, das Geheimnis um die sagenumwobene Insel zu entschlüsseln …

REZENSION:

„Hidden Worlds“ handelt von Elliot Craig, der in unserer heutigen Zeit und Welt lebt und versucht, mehr recht als schlecht durchzukommen. Er jobbt, um den Lebensunterhalt für sich und seinen Vater aufbringen zu können. Dieser wiederum sitzt den ganzen Tag nur vor der Glotze und schweigt eher vor sich hin, als am Leben teil zu haben.
Nachdem Elliot des (nicht von ihm durchgeführten) Diebstahls bezichtigt wurde, verlor er auch seinen letzten Job als Verkäufer in einer Burger-Bude. Ratlos offenbart er sich seinem Vater, der ihm rät, zu einem Kilt-Laden zu gehen, da der Inhaber ihm noch einen Gefallen schuldet. Schnell stellt sich heraus, dass besagter Kilt-Laden nur den Zugang zu einer phantastischen Welt darstellt und der eigentliche Job im Merlin-Center zu vollbringen ist.
Elliot Craig befindet sich nun in einer versteckten und von der Phantastik gefüllten Welt. Er trifft hier auf Wesen und Geschichten, die jeder von uns kennt, jedoch ausschließlich aus Erzählungen, Sagen, Büchern kennt.
Schnell stellt sich heraus, dass die Inquisition hinter ihm her ist und dass darüber hinaus er den verschlossenen Weg nach Avalon im vermeintlichen Nachlass seiner Mutter zu haben scheint.
Mikkel Robrahn legt mit „Hidden World“ ein phantastisches Werk vor, welches eine erfrischende Idee in sich trägt. Der erzählerische Stil legt sich eher in Richtung Jugendbuch, besitzt aber auch genug Ansprechendes, um trotz seiner Leichtigkeit auch einen alten Hasen wie mich für sich gewinnen zu können. Als mir das klar wurde, gingen meine Gedanken sehr schnell in Richtung Harry Potter, denn „Hidden Worlds“ funktioniert ähnlich und könnte problemlos das Erbe der Bücher Rowlings antreten: Leicht genug erzählt, um Teenager und Heranwachsende zu überzeugen – gleichzeitig ausreichend interessant, um auch Erwachsene jeden Alters für sich gewinnen zu können.
Natürlich ist durch diesen Spagat einiges für die ältere Community stark hervorsehbar – nichts desto trotz ist die gesamte Geschichte unglaublich erfrischend. Robrahn vermengt dabei eine Vielzahl an unterschiedlichsten Sagen, Wesen, Szenarien und historischen Figuren. Wir lesen hier von der Inquisition, Drachen, Elfen, Gnomen, Zwergen, Nixen und vielem mehr. Alles im ersten Band gebündelt im Merlin-Center, einem ganz besonderen Kaufhaus.
Ein rundum gelungener Plot, der meines Wissens noch nicht zu Ende erzählt ist. Wie gesagt auch ein möglicher Erbe für Fans des Potter-Universums.
Hysterika.de/JMSeibold/01.11.2020

Carl Wilckens: 13 – Der Gletscher (Band 4)

©acabus Verlag, Hamburg 2020
ISBN 978-3-86282-776-3
ca. 535 Seiten

COVER:

Godric End, Symbolfigur des Bürgerkriegs in Dustrien, erzählt den Insassen von Zellenblock 13 seine Geschichte.

Ich sah, wozu die uralte Technologie der Segovia fähig ist, und kämpfte gegen die Enerphagen. Es passieren verrückte Dinge um mich herum, und ich bin mir nicht mehr sicher, was davon real ist. Ist es Zufall, dass mir genau jetzt ein Buch in die Hände fällt, das fast so viele Antworten gibt, wie ich Fragen habe?

Ich will die Geschichte von Norin, dem Unbezwungenen, mit euch teilen, aus der Zeit, bevor die Synaígie und die Bösen Geister für mehrere Jahrtausende verschwanden. Von seinem Leben in der Stadt der Brücken und einer Bedrohung nie dagewesenen Ausmaßes. Von seiner Reise nach Ad Etupiae, seiner Entdeckung einer verborgenen Stadt und dem Anfang vom Ende der Welt.

REZENSION:

Die Reihe um Godric End geht mit „13-Der Gletscher“ in die vierte Runde und weiterhin sitzt die Symbolfigur Godric im Zellenblock 13 und erzählt seinen Mitinsassen wahrlich interessantes aus seinem bewegten Leben.
Im Gegensatz zu den bisherigen drei Werken finden wir hierin jedoch eine Geschichte in der Geschichte, wodurch gewisse Erwartungen bei manchem Leser unter Umständen nicht befriedigt werden, gleichzeitig ein gewisser Neueinstieg möglich ist, da sich das vorliegende Werk auch gut ohne Kenntnis der vergangenen drei Bücher genießen lässt.
Nun gehöre ich jedoch zur Garde der Kenner von Band 1 bis 3. Darüber hinaus – was man meinen Rezensionen entnehmen kann – halte ich diese für absolut grandiose Darbietungen.
Dementsprechend erhoffte ich mir beim Öffnen von „Der Gletscher“ weitere Einblicke in Godrics Leben zu erblicken, musste mich aber mit einer Erzählung zufrieden geben, die Godric in seinem Zellentrakt vorliest: Es handelt sich dabei um die Memoiren Norins, der aus seinem unbeschwertes Leben auf dem Weg zu einem Druiden plötzlich dem eigenen Überlebenskampf gegenübersteht und in einer fremden und unwirtlichen Stadt um sein Leben kämpfen muss.
Die erzählerische Kraft des Carl Wilckens ist weiterhin ungebrochen – dennoch lässt dieser Band trotz der relativ interessanten Geschichte ein wenig an Spannung und Abwechslungsreichtum missen. Norins Leben und Erlebnisse sind interessant, dennoch treiben sie zu gleichmäßig vor sich hin. Nichts desto trotz fühlt man schnell mit Wilckens Protagonisten mit und man möchte ihm gerne mehrmals zur Hand gehen, da er doch recht oft etwas unbedarft reagiert.
Durch die in meinen Augen etwas fehlenden Spitzen konnte mich dieses Werk im Vergleich zu den bisherigen nicht durchgehend zum Lesen antreiben. In Richtung Ende war es mir sogar egal, wie sich die letzten Seiten entwickeln werden. Dies klingt jedoch etwas hart, da die Qualität auch in diesem Band weiterhin sehr hoch ist – die Messlatte ist jedoch vom Autor selbst sehr hochgesteckt worden und diese erreicht nun mal „13 – Der Gletscher“ im Vergleich zu seinen Vorgängern leider nicht.
Hysterika.de/JMSeibold/01.11.2020

WONDERLANDS (Herausgeber: Laura Miller)

Originaltitel: Literary Wonderlands. A Journey through the greatest fictional worlds ever created.
Aus dem Englischen von Hanne Hennnger, Susanne Kolbert und Madeleine Kaiser
©Elwin Street Productions Limited 2006
© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt
ISBN 978-3-8062-4072-6
ca. 319 Seiten

COVER:

„Wonderlands“ ist ein fesselnder Führer durch die imaginären Reiche der Weltliteratur. 100 Essays präsentieren mitreißende Informationen zu unseren Lieblingsbüchern, ihren genialen Schöpfern und fantastischen Geschichten. Sie sind wunderbar illustriert mit Covern, Fotos und Plakaten.
Literatur ist wie ein Zaubertrank. Sie hat die Macht, uns in eine andere Zeit und an einen anderen Ort zu versetzen. Mit dem „Herrn der Ringe“, „Harry Potter“, „Peter Pan“ oder „Tintenherz“ entdecken wir fabelhafte Universen, die uns unfassbar wirklich erscheinen. Die Reise führt uns durch 3000 Jahre von den ersten Epen bis zur Fantasy.

REZENSION:

„Wonderlands“ nimmt uns mit auf eine Reise der ganz besonderen Art: In diesem Werk befinden sich 100 literarische Beschreibungen aus der Welt der Literatur. Dabei wird explizit darauf geachtet, dass in den dargestellten Büchern besondere Welten präsentiert werden und durch ihren Inhalt versuchen, dem geneigten Leser etwas ganz Besonderes zu vermitteln. Fantastische Literatur ist immer ein Spiegel seiner Zeit und in „Wonderlands“ zeigt sich dieser Weg durch die zeitlich aufbauende Darstellung sehr treffend.
Darüber hinaus wirft dieses Werk den dummen Vorwurf „Fantasy ist keine Literatur“ schreiend entgegen, dass bereits die ältesten Klassiker ihre Gedichte oder Erzählungen in diesem allumfassenden Genre platzierten. Allein dafür gebührt diesem Buch bereits ein Preis, da ich es mittlerweile leid bin, immer wieder die gleichen „Das-ist-auch-Literatur“-Vorträge halten zu müssen. Wenn ich dann von einem 3.000 Jahre alten Gilgamesch lese, Homers „Odyssee“, Ariostos rasendem Roland, Cervantes Don Quijote oder Bergeracs Reise zum Mond: Alles literarisch anerkannte Werke gefüllt mit Phantastik par excellence!
„Wonderlands“ bleibt jedoch nicht in diesen alten Epochen, sondern teilt sich in 5 Bereiche auf, die gleichzeitig zeitlich aufeinander aufbauen. Somit erfahren wir ausreichend interessantes der „Alten Mythen und Legenden“, gehen weiter zur „Wissenschaft und Romantik“, verweilen kurz in „Das goldene Zeitalter der Fantasy“, um dann über die „Neue Weltordnung“ in „Das Computerzeitalter“ überzugehen.
Jedes Kapitel gefüllt mit interessanten Informationen über dem jeweiligen Kapitel zugeordneten Werken. Dabei trifft man nicht nur auf historisch nennenswerte Schreiber oder Dichter, sondern auch auf Kindheitserinnerungen a’la Twain, Swift, Stevenson, Verne. Je weiter die Zeit voranschreitet, desto bekannter werden einem – je nach Alter – die Namen der unterschiedlichen Schriftsteller und deren kurz beschriebenen Werke.
„Wonderlands“ geht dabei ungeachtet des kreativen Outputs eines Schriftstellers in diesem Buch jeweils nur auf ein Werk näher ein. Dabei sei auch darauf geachtet, dass die kurze Beschreibung nicht immer gänzlich vom Spoilern gefeit ist und somit unter Umständen die ein oder andere Information vorwegnimmt. Ist einem das bewusst, kann man in diesem Buch viele neue Informationen sammeln.
Interessanterweise hatte ich eine sehr hohe Zahl der in diesem Buch genannten Geschichten doch tatsächlich im Laufe meines Lebens gelesen. Die dazugehörigen Informationen lasen sich dann wie ein kleiner Bonus zum genannten Werk. Gleichzeitig waren mir einige Werke noch nicht mal anhand ihres Namens ein Begriff – dennoch konnte das dazugehörige Essay ab und an einen Hunger stillen oder im besten Fall gar wecken.
Bei manchen Werken war ich mir ob der Wichtigkeit und insbesondere der Kapitelplatzierung nicht ganz sicher – dies ist aber lediglich ein persönliches Empfinden und ganz natürlich, da jeder Viel-Leser seine eigenen Erfahrungen einbringen würde und sicherlich möchte.
Nichts desto trotz macht „Wonderland“ eine gewisse Freude auf beinahe wissenschaftlichem Niveau. Darüber hinaus lässt sich das Werk perfekt nutzen, um „Ungläubige“ von der Kraft und literarischen Qualität der fantastischen Literatur zu überzeugen. Immerhin tauchen hier neben bekannten Namen wie Stephen King, Lovecraft, Robert E. Howard, Neil Gaiman, George R.R. Martin auch Deutschunterricht taugliche Namen wie Kafka, Shakespeare, Huxley, Rushdie und Dante Alighieri auf.
Fantastische Literatur ist und bleibt ein Wegbereiter der Weltliteratur…
Hysterika.de/JMSeibold/29.10.2020

Tad Williams: Das Reich der Grasländer 2 – Der letzte König von Osten Ard 2

Originaltitel: Empire Of Grass. The Last King of Osten Ard“
Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann und Wolfram Ströle
©2019 by Beale Williams Enterprise
Für die deutsche Ausgabe:
© 2020 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-94978-0
ca. 543 Seiten

COVER:

In den weiten Ebenen des Graslandes mit ihren Nomadenclans hat eine Legende Gestalt angenommen: Dem geheimnisvollen Unver ist gelungen, was seit unzähligen Jahren niemand mehr geschafft hat, er hat die wilden Kämpfer geeint. Von ihrem alten Hass auf alle Stadtbewohner getrieben, werden sie zur tödlichen Bedrohung für die Länder und Völker des Hochkönigtums. Und die sind viel zu sehr mit kleinlichen Streitereien und Intrigen beschäftigt, als dass sie die Gefahr erkennen würden …

REZENSION:

Im nun zweiten Buch mit dem Titel „Das Reich der Grasländer“ wird die Geschichte über den letzten König von Osten Ard fortgeführt. In Deutschland wurde der Einzelband in seiner Veröffentlichung ungefähr in der Hälfte geteilt und nacheinander veröffentlicht.
Prinzipiell habe ich nichts gegen diese Vorgehensweise, da dadurch zwar die Kosten für die Beschaffung der Bücher steigt, gleichzeitig in diesen Fällen die Bücher auch gut aussehen und das Schriftbild nicht zu klein wird. Die Seitendicke bleibt in einem angenehmen Verhältnis und mehrere Bücher mit ähnlichem Design machen sich auch gut im Regal.
Dennoch ist das auch ein Manko, da die Veröffentlichung versetzt ist und man sich als Vielleser dann nur noch eingeschränkt im Detail an die Geschehnisse des ersten Bandes erinnern kann. Dementsprechend schwer war für mich der Einstieg in diesen zweiten Band – zumindest dachte ich, dass dies der Grund sein müsste, da ich ein großer Fan der Werke um Simon Mondkalb bin. Leider scheint sich der erste Eindruck der ersten Hälfte auch in seiner Fortführung bestätigt zu haben: Es ist weiterhin eine literarisch hohe Qualität, dennoch fehlt der spannungsgeladene Antrieb in diesem Buch. Simon scheint sich nicht wirklich weiterentwickelt zu haben, Morgans Erlebnisse im Wald wirken noch am Interessantesten, können aber aus meiner Sicht den eigentlichen, überwiegend von politischen Intrigen erfüllten Plot nicht mehr retten. Im Hinblick auf die Drachenbeinthron-Bücher und das doch herausragend erzählte erste Buch mit der deutschen Unterteilung in „Die Hexenholzkrone 1 und 2“ hinkt dieses vorliegende extrem nach.
Wären es nur die üblichen von Tad Williams bekannten Längen, würde ich mich weiterhin vor dieser Welt verneigen. Dementsprechend gab ich ihm auch eine große Chance und widmete mich diesem Buch bis zur Hälfte. Mag sein, dass es nun unter Umständen anziehen wird – aber 250 Seiten ohne Höhen sind mir dann doch zu lange, um mich den weiteren 250 widmen zu wollen.
Schade, ich wäre so gerne wieder tief in diese Welt eingetaucht.
Hysterika.de/JMSeibold/10.10.2020

Matias Faldbakken: Wir sind fünf

Originaltitel: Vi er fem
Aus dem Norwegischen von Maximilian Stadler
©2019 by Matias Faldbakken

©2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27299-6
ca. 254 Seiten

COVER:

In der Nähe von Oslo in einem Ort namens Råset führt Tormod Blystad mit seiner Frau und seinen zwei Kindern ein beschauliches Leben. Nach einer wilden Jugend mit Alkohol und Drogen ist aus Tormod ein verlässlicher Vater und Ehemann geworden. Aber in jeder Familie gibt es eine Lücke, die gefüllt werden muss. So kommt der kleine Elchhund Snusken auf den Hof. Besonders die Kinder lieben das Tier sehr, doch eines Tages verschwindet Snusken spurlos. Ein Ersatz muss her, und Tormod beginnt in seiner Werkstatt mit einer merkwürdigen Mischung aus Ton zu experimentieren. Gleichzeitig taucht ein alter Freund auf, ein schlechter Einfluss, und mit viel Bier und Amphetaminen feiern sie das Widersehen. Sicher verschanzt in der geschlossenen Männerwelt der Werkstatt, schenken sie dem Tonklumpen ihre volle Aufmerksamkeit. Einem Tonklumpen, der nach und nach ein Eigenleben entwickelt und bald nicht mehr zu kontrollieren ist.

REZENSION:

Gefühlt kommt es nicht gerade oft vor, dass sich ein Werk aus der skandinavischen Welt auf unseren Markt verirrt. Ab und an scheint es jedenfalls vorzukommen und somit liegt mit „Wir sind fünf“ das neueste Werk des bereits recht erfolgreich agierenden Künstlers Matias Faldbakken vor. In diesem Fall geht der Begriff „Künstler“ nicht nur auf seine Tätigkeiten als bildender Künstler zurück, denn nach Abschluss dieser außergewöhnlichen Geschichte lässt sich dieser Begriff auch auf seine Tätigkeit als Autor erweitern.
„Wir sind fünf“ beschreibt eine ziemlich konservativ gewordene Familie, die ihr trautes Familienleben in einem kleinen Ort in der Nähe Oslos lebt. Klischeegerecht gesteht die Familie aus einem Ehepaar, zwei Kindern und dem hinzukommenden, kleinen Hund. Snusken, der kleine Elchhund, verschwindet jedoch urplötzlich und ist auch nicht mehr auffindbar. Dementsprechend zieht sich ein kleiner Riss durch die Bilderbuchfamilie. Tormod zieht sich in seine hauseigene Werkstatt zurück und bastelt vor sich hin. Seine Kinder nehmen daran freudestrahlend immer öfter teil, während sich seine Ehefrau mehr und mehr von ihm distanziert. Bei den Basteleien entwickelt Tormod einen Tonklumpen, der plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Dies geht soweit, dass er nicht nur den Platz Snuskens einnehmen wird, sondern gar der Grund ist, warum das Buch „Wir sind fünf“ betitelt worden ist. Somit ein neues Familienmitglied.
Gleichzeitig verstärkt sich jedoch der Riss im Eheleben und auch die Gefahr durch den zum Leben erweckten Tonklumpen wächst ins Unermessliche.
Matias Faldbakkens Geschichte klingt rundum kurios und erinnert in seiner Grundstory an den Plot des alten Horror-B-Movies mit dem Titel „Der Blob“. Im Gegensatz zu diesem Film schafft es Faldbakken auf humorische, tiefgehende und zum Nachdenken animierende Art und Weise einen humorvollen und gleichzeitig bösen Roman zu kreieren, wie man ihn üblicherweise nicht zu erwarten gedenkt. Er schafft innerhalb von gerade mal 250 Seiten eine Fabel aufzubauen, die nicht nur eine Familie, das Dorfleben und das aufwallende Grauen aufs Korn nimmt – nein, er überschreitet Grenzen und gibt der zeitgenössischen Literatur mit einem Touch Phantastik einen ganz neuen Drive.
Hysterika.de/27.09.2020

Tad Williams: Das Reich der Grasländer 1

Originaltitel: Empire of Grass. The Last King of Osten Ard
Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann und Wolfram Ströle
©2019 by Beale Williams Enterprise
Für die deutsche Ausgabe
©2020 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-94954-4
ca. 664 Seiten

COVER:

30 Jahre herrschten König Simon und Königin Miriamel über ihre Königreiche in Frieden. Aber nun ist die totgeglaubte Nornenkönigin Utuk’ku wiedererwacht, und ein neuer Krieg wirft seine Schatten voraus. In dem riesigen Panorama der Völker von Osten Ard wird es vor allem auf zwei Einzelne ankommen: Prinz Morgan, den unsteten Thronfolger, und Unver, einen stolzen und grausamen Wilden, vom Volk der Graslandbewohner.

REZENSION:

Vorne weg lässt sich schon mal sagen, dass es immer wieder eine Freude ist, wieder nach Osten Ard zu kommen. Immerhin ist die komplette Drachenbeinthron-Saga eine der wenigen Fantasy-Werke, die mit schuld daran sind, dass ich überhaupt Fantasy lese. Es befindet sich somit in der ewigen Riege mit dem Herrn Der Ringe und den Shannara-Bänden von David Eddings.
Für mich war die Drachenbeinthron-Sage ein abgeschlossenes Werk und lange Zeit galt dies wohl auch für den Autor selbst. Immerhin sind ganze 30 Jahre ins Land gezogen, bis er seinen Blick wieder nach Osten Ard richtete. Als in Zuge dessen „Das Herz der verlorenen Dinge“ das Licht der Welt erblickte, war ich ein klein wenig enttäuscht. Es fehlte schlicht der Zugang und insbesondere Simon, dessen Weg ich vom Küchenjungen zum König begleiten durfte, blitzte nur als kleines Beiwerk durch.
Als dann jedoch „Die Hexenholzkrone“ erschien, ließ sich diese Enttäuschung ohne jeglichen Einwand beiseiteschieben und der erneute Weg in ein spannendes Osten Ard öffnete sich umfangreich vor meinen Augen. Erneut schaffte es Tad Williams grandios seinen Leser zu überzeugen.
Nun wurde „Das Reich der Grasländer“ veröffentlicht und erneut stellte ich mir die Frage, ob die Geschehnisse in Osten Ard weiterhin dieses Niveau halten können.
Das Werk ist erneut aufgrund des Umfangs in zwei Bände geteilt – dies führt natürlich dazu, dass der erste Band in seiner Erzählung ein klein wenig absinkt und mit dem berühmten „Luft holen“ beginnt, diese aber nicht mehr herauslassen kann, da dafür eben Buch 2 zuständig sein wird.
Die Erlebnisse sind abermals interessant, detailreich aufgebaut und sorgen für eine sehr hochwertige, fantastische Unterhaltung. Gleichzeitig entstehen ein wenig zu viele Längen in diesem Werk, wie man sie von einem Tad Williams üblicherweise eher nicht kennt. Natürlich ist es hochwertige High-Fantasy – dennoch innerhalb seines ersten Bandes erheblich schwächer als die Geschichte in „Die Hexenholzkrone“. Es ist auch weiterhin schön, sich nach Osten Ard zu begeben – die Story wird auch bestimmt im Laufe des zweiten Bandes anziehen und sich dem Finale zuwenden. Dennoch ist es schon jetzt schade, dass das vorhandene Flair nicht mehr zur Gänze erreicht werden kann.
Dies alles klingt schlimmer als es soll und ist wahrlich ein Jammern auf sehr hohem Niveau, denn auch „Das Reich der Grasländer“ ist ein gelungenes Werk und schafft es trotz mancher Langatmigkeit zu Überzeugen. Es muss sich aber selbstverständlich auch seinen eigenen Vorfahren stellen und diese (insbesondere „Drachenbeinthron“) stehen auf einer erheblich höheren Stufe. Ich freue mich jetzt erst einmal auf die zweite Hälfte und bin schon ganz gespannt, wie sich Prinz Morgan weiterhin noch so schlagen wird.
hysterika.de/20.06.2020

Thomas Wheeler: Cursed – Die Auserwählte

Originaltitel: Cursed

Aus dem amerikanischen Englisch von Michelle Gyo und Petra Koob-Pawis
Illustrationen ©2019 by Frank Miller
Text ©2019 Tom Wheeler
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2020 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70487-3
ca. 447 Seiten

COVER:

Eine Frau. Ein Schwert. Ein Land in Aufruhr.

England steht in Flammen. Die Roten Paladine ermorden jeden, der sich nicht vor dem Kreuze beugt. Als Nimues Dorf überfallen wird, verliert sie alles – nur eines bleibt ihr: ein geheimnisvolles Schwert, das sie zu einem gewissen Merlin bringen soll. Doch als Berater des korrupten Königs Uther hat Merlin ganz eigene Pläne für das Schwert der Macht.

Begleitet von dem jungen Söldner Arthur legt Nimue sich mit den gefährlichsten Männern des Landes an, um ihr unterdrücktes Volk in die Freiheit zu führen …

REZENSION:

Die Idee, sich der Arthus-Saga anzunehmen und dieser ein komplett neues Gesicht zu geben, halte ich auch weiterhin für außerordentlich interessant, gelungen und auch für zukünftige Bücher unabdingbar.
Thomas Wheeler konnte mit seiner Idee schon mal für einen ersten Schritt dazu sorgen. Somit öffnete er die Tür in die Welt der Neuentdeckung der Artus-Sage für alle noch kommenden kreativen Köpfe. In seinem Gefolge befindet sich Frank Miller, der sich seinen Namen als Batman-Zeichner machte und darüber hinaus seine Hände unter anderem bei „Sin City“ und „300“ mit im Spiel hatte.
Somit lässt sich bei beiden der Drang in Richtung Film deutlich wahrnehmen und genau aus diesem Grund befindet sich auch ein „Netflix“-Aufkleber auf dem Cover des Buches. „Cursed“ wird das Licht der Welt auch als Serie erblicken können und das vorliegende Buch bietet die Basis dafür.
Aus diesem Grund konnte mich die geschriebene Geschichte jedoch nicht wirklich überzeugen – viel zu sehr wirkt sie als reines Vorbereitungs- oder Begleitwerk zur noch kommenden TV-Umsetzung. Die Idee ist klasse, die Umsetzung zu sehr filmisch dargelegt. Die Kapitel brechen durch künstliche Schnitte viel zu schnell ab und schwenken in eine andere Richtung oder Begebenheit. Dadurch bleiben die Charaktere in ihrer Handlung zu dünn und oberflächlich. Hintergrundinformationen bleiben verborgen beziehungsweise können sich durch diese Vorgehensweise überhaupt gar nicht entfalten. Durch diese Vorgehensweise fehlt einem als Leser die Möglichkeit, sich mit der ein oder anderen Figur identifizieren zu können, was jedoch für einen tiefgehenden Roman essentiell ist.
Wie gesagt, als Serie kann diese Geschichte mit Sicherheit überzeugen – als literarischer Appetizer fehlt jedoch zu viel. Natürlich spricht spätestens seit dem grandiosen Erfolg von Game Of Thrones vieles dafür, dass es zu Serien auch Bücher gibt – doch Game Of Thrones ist als eigenständige und extrem dichte Fantasyliteratur entstanden – ohne jegliches Schielen in Richtung Verfilmung. Aus diesem Grund funktioniert diese Story auf beiden Kanälen – bei „Cursed“ liest man eine Netflix-Serie, was beim Binge-Watching funktioniert, passt aber leider nicht ganz beim gemütlichen Romanlesen.
Als Produkt wiederum funktioniert dieses Konzept sicherlich ganz gut – Frank Miller-Fans werden sich auf neue Zeichnungen dieses Künstlers freuen und die prinzipielle Geschichte ist auch überwiegend ganz nett zum Lesen. Legt man nicht sehr viel Wert auf Details, Charakterzeichnung und einen anspruchsvollen Plot ist man mit „Cursed“ ganz gut bedient. Nichts desto trotz hätte ein reiner Fantasy-Autor aus diesem Plot bestimmt mehr herausgeholt.
Jürgen Seibold/09.06.2020