Mikkel Robrahn: Hidden Worlds – Der Kompass im Nebel

Originalausgabe
Erschienen bei FISCHER New Media
Frankfurt am Main, September 2020
ISBN 978-3-7335-5000-4
ca. 350 Seiten

COVER:

Der Kirche war es vor vielen Jahrhunderten gelungen, das Portal nach Avalon zu schließen. Elfen, Zwerge und andere Wesen strandeten in unserer Welt.
Elliot Craig, Anfang 20 und wohnhaft in Edinburgh, taucht in die Welt des Merlin-Centers ein, einem Kaufhaus für alles Phantastische. Als er auf Informationen über einen Kompass nach Avalon stößt, beschließt er, das Geheimnis um die sagenumwobene Insel zu entschlüsseln …

REZENSION:

„Hidden Worlds“ handelt von Elliot Craig, der in unserer heutigen Zeit und Welt lebt und versucht, mehr recht als schlecht durchzukommen. Er jobbt, um den Lebensunterhalt für sich und seinen Vater aufbringen zu können. Dieser wiederum sitzt den ganzen Tag nur vor der Glotze und schweigt eher vor sich hin, als am Leben teil zu haben.
Nachdem Elliot des (nicht von ihm durchgeführten) Diebstahls bezichtigt wurde, verlor er auch seinen letzten Job als Verkäufer in einer Burger-Bude. Ratlos offenbart er sich seinem Vater, der ihm rät, zu einem Kilt-Laden zu gehen, da der Inhaber ihm noch einen Gefallen schuldet. Schnell stellt sich heraus, dass besagter Kilt-Laden nur den Zugang zu einer phantastischen Welt darstellt und der eigentliche Job im Merlin-Center zu vollbringen ist.
Elliot Craig befindet sich nun in einer versteckten und von der Phantastik gefüllten Welt. Er trifft hier auf Wesen und Geschichten, die jeder von uns kennt, jedoch ausschließlich aus Erzählungen, Sagen, Büchern kennt.
Schnell stellt sich heraus, dass die Inquisition hinter ihm her ist und dass darüber hinaus er den verschlossenen Weg nach Avalon im vermeintlichen Nachlass seiner Mutter zu haben scheint.
Mikkel Robrahn legt mit „Hidden World“ ein phantastisches Werk vor, welches eine erfrischende Idee in sich trägt. Der erzählerische Stil legt sich eher in Richtung Jugendbuch, besitzt aber auch genug Ansprechendes, um trotz seiner Leichtigkeit auch einen alten Hasen wie mich für sich gewinnen zu können. Als mir das klar wurde, gingen meine Gedanken sehr schnell in Richtung Harry Potter, denn „Hidden Worlds“ funktioniert ähnlich und könnte problemlos das Erbe der Bücher Rowlings antreten: Leicht genug erzählt, um Teenager und Heranwachsende zu überzeugen – gleichzeitig ausreichend interessant, um auch Erwachsene jeden Alters für sich gewinnen zu können.
Natürlich ist durch diesen Spagat einiges für die ältere Community stark hervorsehbar – nichts desto trotz ist die gesamte Geschichte unglaublich erfrischend. Robrahn vermengt dabei eine Vielzahl an unterschiedlichsten Sagen, Wesen, Szenarien und historischen Figuren. Wir lesen hier von der Inquisition, Drachen, Elfen, Gnomen, Zwergen, Nixen und vielem mehr. Alles im ersten Band gebündelt im Merlin-Center, einem ganz besonderen Kaufhaus.
Ein rundum gelungener Plot, der meines Wissens noch nicht zu Ende erzählt ist. Wie gesagt auch ein möglicher Erbe für Fans des Potter-Universums.
Hysterika.de/JMSeibold/01.11.2020

Carl Wilckens: 13 – Der Gletscher (Band 4)

©acabus Verlag, Hamburg 2020
ISBN 978-3-86282-776-3
ca. 535 Seiten

COVER:

Godric End, Symbolfigur des Bürgerkriegs in Dustrien, erzählt den Insassen von Zellenblock 13 seine Geschichte.

Ich sah, wozu die uralte Technologie der Segovia fähig ist, und kämpfte gegen die Enerphagen. Es passieren verrückte Dinge um mich herum, und ich bin mir nicht mehr sicher, was davon real ist. Ist es Zufall, dass mir genau jetzt ein Buch in die Hände fällt, das fast so viele Antworten gibt, wie ich Fragen habe?

Ich will die Geschichte von Norin, dem Unbezwungenen, mit euch teilen, aus der Zeit, bevor die Synaígie und die Bösen Geister für mehrere Jahrtausende verschwanden. Von seinem Leben in der Stadt der Brücken und einer Bedrohung nie dagewesenen Ausmaßes. Von seiner Reise nach Ad Etupiae, seiner Entdeckung einer verborgenen Stadt und dem Anfang vom Ende der Welt.

REZENSION:

Die Reihe um Godric End geht mit „13-Der Gletscher“ in die vierte Runde und weiterhin sitzt die Symbolfigur Godric im Zellenblock 13 und erzählt seinen Mitinsassen wahrlich interessantes aus seinem bewegten Leben.
Im Gegensatz zu den bisherigen drei Werken finden wir hierin jedoch eine Geschichte in der Geschichte, wodurch gewisse Erwartungen bei manchem Leser unter Umständen nicht befriedigt werden, gleichzeitig ein gewisser Neueinstieg möglich ist, da sich das vorliegende Werk auch gut ohne Kenntnis der vergangenen drei Bücher genießen lässt.
Nun gehöre ich jedoch zur Garde der Kenner von Band 1 bis 3. Darüber hinaus – was man meinen Rezensionen entnehmen kann – halte ich diese für absolut grandiose Darbietungen.
Dementsprechend erhoffte ich mir beim Öffnen von „Der Gletscher“ weitere Einblicke in Godrics Leben zu erblicken, musste mich aber mit einer Erzählung zufrieden geben, die Godric in seinem Zellentrakt vorliest: Es handelt sich dabei um die Memoiren Norins, der aus seinem unbeschwertes Leben auf dem Weg zu einem Druiden plötzlich dem eigenen Überlebenskampf gegenübersteht und in einer fremden und unwirtlichen Stadt um sein Leben kämpfen muss.
Die erzählerische Kraft des Carl Wilckens ist weiterhin ungebrochen – dennoch lässt dieser Band trotz der relativ interessanten Geschichte ein wenig an Spannung und Abwechslungsreichtum missen. Norins Leben und Erlebnisse sind interessant, dennoch treiben sie zu gleichmäßig vor sich hin. Nichts desto trotz fühlt man schnell mit Wilckens Protagonisten mit und man möchte ihm gerne mehrmals zur Hand gehen, da er doch recht oft etwas unbedarft reagiert.
Durch die in meinen Augen etwas fehlenden Spitzen konnte mich dieses Werk im Vergleich zu den bisherigen nicht durchgehend zum Lesen antreiben. In Richtung Ende war es mir sogar egal, wie sich die letzten Seiten entwickeln werden. Dies klingt jedoch etwas hart, da die Qualität auch in diesem Band weiterhin sehr hoch ist – die Messlatte ist jedoch vom Autor selbst sehr hochgesteckt worden und diese erreicht nun mal „13 – Der Gletscher“ im Vergleich zu seinen Vorgängern leider nicht.
Hysterika.de/JMSeibold/01.11.2020

WONDERLANDS (Herausgeber: Laura Miller)

Originaltitel: Literary Wonderlands. A Journey through the greatest fictional worlds ever created.
Aus dem Englischen von Hanne Hennnger, Susanne Kolbert und Madeleine Kaiser
©Elwin Street Productions Limited 2006
© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt
ISBN 978-3-8062-4072-6
ca. 319 Seiten

COVER:

„Wonderlands“ ist ein fesselnder Führer durch die imaginären Reiche der Weltliteratur. 100 Essays präsentieren mitreißende Informationen zu unseren Lieblingsbüchern, ihren genialen Schöpfern und fantastischen Geschichten. Sie sind wunderbar illustriert mit Covern, Fotos und Plakaten.
Literatur ist wie ein Zaubertrank. Sie hat die Macht, uns in eine andere Zeit und an einen anderen Ort zu versetzen. Mit dem „Herrn der Ringe“, „Harry Potter“, „Peter Pan“ oder „Tintenherz“ entdecken wir fabelhafte Universen, die uns unfassbar wirklich erscheinen. Die Reise führt uns durch 3000 Jahre von den ersten Epen bis zur Fantasy.

REZENSION:

„Wonderlands“ nimmt uns mit auf eine Reise der ganz besonderen Art: In diesem Werk befinden sich 100 literarische Beschreibungen aus der Welt der Literatur. Dabei wird explizit darauf geachtet, dass in den dargestellten Büchern besondere Welten präsentiert werden und durch ihren Inhalt versuchen, dem geneigten Leser etwas ganz Besonderes zu vermitteln. Fantastische Literatur ist immer ein Spiegel seiner Zeit und in „Wonderlands“ zeigt sich dieser Weg durch die zeitlich aufbauende Darstellung sehr treffend.
Darüber hinaus wirft dieses Werk den dummen Vorwurf „Fantasy ist keine Literatur“ schreiend entgegen, dass bereits die ältesten Klassiker ihre Gedichte oder Erzählungen in diesem allumfassenden Genre platzierten. Allein dafür gebührt diesem Buch bereits ein Preis, da ich es mittlerweile leid bin, immer wieder die gleichen „Das-ist-auch-Literatur“-Vorträge halten zu müssen. Wenn ich dann von einem 3.000 Jahre alten Gilgamesch lese, Homers „Odyssee“, Ariostos rasendem Roland, Cervantes Don Quijote oder Bergeracs Reise zum Mond: Alles literarisch anerkannte Werke gefüllt mit Phantastik par excellence!
„Wonderlands“ bleibt jedoch nicht in diesen alten Epochen, sondern teilt sich in 5 Bereiche auf, die gleichzeitig zeitlich aufeinander aufbauen. Somit erfahren wir ausreichend interessantes der „Alten Mythen und Legenden“, gehen weiter zur „Wissenschaft und Romantik“, verweilen kurz in „Das goldene Zeitalter der Fantasy“, um dann über die „Neue Weltordnung“ in „Das Computerzeitalter“ überzugehen.
Jedes Kapitel gefüllt mit interessanten Informationen über dem jeweiligen Kapitel zugeordneten Werken. Dabei trifft man nicht nur auf historisch nennenswerte Schreiber oder Dichter, sondern auch auf Kindheitserinnerungen a’la Twain, Swift, Stevenson, Verne. Je weiter die Zeit voranschreitet, desto bekannter werden einem – je nach Alter – die Namen der unterschiedlichen Schriftsteller und deren kurz beschriebenen Werke.
„Wonderlands“ geht dabei ungeachtet des kreativen Outputs eines Schriftstellers in diesem Buch jeweils nur auf ein Werk näher ein. Dabei sei auch darauf geachtet, dass die kurze Beschreibung nicht immer gänzlich vom Spoilern gefeit ist und somit unter Umständen die ein oder andere Information vorwegnimmt. Ist einem das bewusst, kann man in diesem Buch viele neue Informationen sammeln.
Interessanterweise hatte ich eine sehr hohe Zahl der in diesem Buch genannten Geschichten doch tatsächlich im Laufe meines Lebens gelesen. Die dazugehörigen Informationen lasen sich dann wie ein kleiner Bonus zum genannten Werk. Gleichzeitig waren mir einige Werke noch nicht mal anhand ihres Namens ein Begriff – dennoch konnte das dazugehörige Essay ab und an einen Hunger stillen oder im besten Fall gar wecken.
Bei manchen Werken war ich mir ob der Wichtigkeit und insbesondere der Kapitelplatzierung nicht ganz sicher – dies ist aber lediglich ein persönliches Empfinden und ganz natürlich, da jeder Viel-Leser seine eigenen Erfahrungen einbringen würde und sicherlich möchte.
Nichts desto trotz macht „Wonderland“ eine gewisse Freude auf beinahe wissenschaftlichem Niveau. Darüber hinaus lässt sich das Werk perfekt nutzen, um „Ungläubige“ von der Kraft und literarischen Qualität der fantastischen Literatur zu überzeugen. Immerhin tauchen hier neben bekannten Namen wie Stephen King, Lovecraft, Robert E. Howard, Neil Gaiman, George R.R. Martin auch Deutschunterricht taugliche Namen wie Kafka, Shakespeare, Huxley, Rushdie und Dante Alighieri auf.
Fantastische Literatur ist und bleibt ein Wegbereiter der Weltliteratur…
Hysterika.de/JMSeibold/29.10.2020

Tad Williams: Das Reich der Grasländer 2 – Der letzte König von Osten Ard 2

Originaltitel: Empire Of Grass. The Last King of Osten Ard“
Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann und Wolfram Ströle
©2019 by Beale Williams Enterprise
Für die deutsche Ausgabe:
© 2020 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-94978-0
ca. 543 Seiten

COVER:

In den weiten Ebenen des Graslandes mit ihren Nomadenclans hat eine Legende Gestalt angenommen: Dem geheimnisvollen Unver ist gelungen, was seit unzähligen Jahren niemand mehr geschafft hat, er hat die wilden Kämpfer geeint. Von ihrem alten Hass auf alle Stadtbewohner getrieben, werden sie zur tödlichen Bedrohung für die Länder und Völker des Hochkönigtums. Und die sind viel zu sehr mit kleinlichen Streitereien und Intrigen beschäftigt, als dass sie die Gefahr erkennen würden …

REZENSION:

Im nun zweiten Buch mit dem Titel „Das Reich der Grasländer“ wird die Geschichte über den letzten König von Osten Ard fortgeführt. In Deutschland wurde der Einzelband in seiner Veröffentlichung ungefähr in der Hälfte geteilt und nacheinander veröffentlicht.
Prinzipiell habe ich nichts gegen diese Vorgehensweise, da dadurch zwar die Kosten für die Beschaffung der Bücher steigt, gleichzeitig in diesen Fällen die Bücher auch gut aussehen und das Schriftbild nicht zu klein wird. Die Seitendicke bleibt in einem angenehmen Verhältnis und mehrere Bücher mit ähnlichem Design machen sich auch gut im Regal.
Dennoch ist das auch ein Manko, da die Veröffentlichung versetzt ist und man sich als Vielleser dann nur noch eingeschränkt im Detail an die Geschehnisse des ersten Bandes erinnern kann. Dementsprechend schwer war für mich der Einstieg in diesen zweiten Band – zumindest dachte ich, dass dies der Grund sein müsste, da ich ein großer Fan der Werke um Simon Mondkalb bin. Leider scheint sich der erste Eindruck der ersten Hälfte auch in seiner Fortführung bestätigt zu haben: Es ist weiterhin eine literarisch hohe Qualität, dennoch fehlt der spannungsgeladene Antrieb in diesem Buch. Simon scheint sich nicht wirklich weiterentwickelt zu haben, Morgans Erlebnisse im Wald wirken noch am Interessantesten, können aber aus meiner Sicht den eigentlichen, überwiegend von politischen Intrigen erfüllten Plot nicht mehr retten. Im Hinblick auf die Drachenbeinthron-Bücher und das doch herausragend erzählte erste Buch mit der deutschen Unterteilung in „Die Hexenholzkrone 1 und 2“ hinkt dieses vorliegende extrem nach.
Wären es nur die üblichen von Tad Williams bekannten Längen, würde ich mich weiterhin vor dieser Welt verneigen. Dementsprechend gab ich ihm auch eine große Chance und widmete mich diesem Buch bis zur Hälfte. Mag sein, dass es nun unter Umständen anziehen wird – aber 250 Seiten ohne Höhen sind mir dann doch zu lange, um mich den weiteren 250 widmen zu wollen.
Schade, ich wäre so gerne wieder tief in diese Welt eingetaucht.
Hysterika.de/JMSeibold/10.10.2020

Matias Faldbakken: Wir sind fünf

Originaltitel: Vi er fem
Aus dem Norwegischen von Maximilian Stadler
©2019 by Matias Faldbakken

©2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27299-6
ca. 254 Seiten

COVER:

In der Nähe von Oslo in einem Ort namens Råset führt Tormod Blystad mit seiner Frau und seinen zwei Kindern ein beschauliches Leben. Nach einer wilden Jugend mit Alkohol und Drogen ist aus Tormod ein verlässlicher Vater und Ehemann geworden. Aber in jeder Familie gibt es eine Lücke, die gefüllt werden muss. So kommt der kleine Elchhund Snusken auf den Hof. Besonders die Kinder lieben das Tier sehr, doch eines Tages verschwindet Snusken spurlos. Ein Ersatz muss her, und Tormod beginnt in seiner Werkstatt mit einer merkwürdigen Mischung aus Ton zu experimentieren. Gleichzeitig taucht ein alter Freund auf, ein schlechter Einfluss, und mit viel Bier und Amphetaminen feiern sie das Widersehen. Sicher verschanzt in der geschlossenen Männerwelt der Werkstatt, schenken sie dem Tonklumpen ihre volle Aufmerksamkeit. Einem Tonklumpen, der nach und nach ein Eigenleben entwickelt und bald nicht mehr zu kontrollieren ist.

REZENSION:

Gefühlt kommt es nicht gerade oft vor, dass sich ein Werk aus der skandinavischen Welt auf unseren Markt verirrt. Ab und an scheint es jedenfalls vorzukommen und somit liegt mit „Wir sind fünf“ das neueste Werk des bereits recht erfolgreich agierenden Künstlers Matias Faldbakken vor. In diesem Fall geht der Begriff „Künstler“ nicht nur auf seine Tätigkeiten als bildender Künstler zurück, denn nach Abschluss dieser außergewöhnlichen Geschichte lässt sich dieser Begriff auch auf seine Tätigkeit als Autor erweitern.
„Wir sind fünf“ beschreibt eine ziemlich konservativ gewordene Familie, die ihr trautes Familienleben in einem kleinen Ort in der Nähe Oslos lebt. Klischeegerecht gesteht die Familie aus einem Ehepaar, zwei Kindern und dem hinzukommenden, kleinen Hund. Snusken, der kleine Elchhund, verschwindet jedoch urplötzlich und ist auch nicht mehr auffindbar. Dementsprechend zieht sich ein kleiner Riss durch die Bilderbuchfamilie. Tormod zieht sich in seine hauseigene Werkstatt zurück und bastelt vor sich hin. Seine Kinder nehmen daran freudestrahlend immer öfter teil, während sich seine Ehefrau mehr und mehr von ihm distanziert. Bei den Basteleien entwickelt Tormod einen Tonklumpen, der plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Dies geht soweit, dass er nicht nur den Platz Snuskens einnehmen wird, sondern gar der Grund ist, warum das Buch „Wir sind fünf“ betitelt worden ist. Somit ein neues Familienmitglied.
Gleichzeitig verstärkt sich jedoch der Riss im Eheleben und auch die Gefahr durch den zum Leben erweckten Tonklumpen wächst ins Unermessliche.
Matias Faldbakkens Geschichte klingt rundum kurios und erinnert in seiner Grundstory an den Plot des alten Horror-B-Movies mit dem Titel „Der Blob“. Im Gegensatz zu diesem Film schafft es Faldbakken auf humorische, tiefgehende und zum Nachdenken animierende Art und Weise einen humorvollen und gleichzeitig bösen Roman zu kreieren, wie man ihn üblicherweise nicht zu erwarten gedenkt. Er schafft innerhalb von gerade mal 250 Seiten eine Fabel aufzubauen, die nicht nur eine Familie, das Dorfleben und das aufwallende Grauen aufs Korn nimmt – nein, er überschreitet Grenzen und gibt der zeitgenössischen Literatur mit einem Touch Phantastik einen ganz neuen Drive.
Hysterika.de/27.09.2020

Tad Williams: Das Reich der Grasländer 1

Originaltitel: Empire of Grass. The Last King of Osten Ard
Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann und Wolfram Ströle
©2019 by Beale Williams Enterprise
Für die deutsche Ausgabe
©2020 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-94954-4
ca. 664 Seiten

COVER:

30 Jahre herrschten König Simon und Königin Miriamel über ihre Königreiche in Frieden. Aber nun ist die totgeglaubte Nornenkönigin Utuk’ku wiedererwacht, und ein neuer Krieg wirft seine Schatten voraus. In dem riesigen Panorama der Völker von Osten Ard wird es vor allem auf zwei Einzelne ankommen: Prinz Morgan, den unsteten Thronfolger, und Unver, einen stolzen und grausamen Wilden, vom Volk der Graslandbewohner.

REZENSION:

Vorne weg lässt sich schon mal sagen, dass es immer wieder eine Freude ist, wieder nach Osten Ard zu kommen. Immerhin ist die komplette Drachenbeinthron-Saga eine der wenigen Fantasy-Werke, die mit schuld daran sind, dass ich überhaupt Fantasy lese. Es befindet sich somit in der ewigen Riege mit dem Herrn Der Ringe und den Shannara-Bänden von David Eddings.
Für mich war die Drachenbeinthron-Sage ein abgeschlossenes Werk und lange Zeit galt dies wohl auch für den Autor selbst. Immerhin sind ganze 30 Jahre ins Land gezogen, bis er seinen Blick wieder nach Osten Ard richtete. Als in Zuge dessen „Das Herz der verlorenen Dinge“ das Licht der Welt erblickte, war ich ein klein wenig enttäuscht. Es fehlte schlicht der Zugang und insbesondere Simon, dessen Weg ich vom Küchenjungen zum König begleiten durfte, blitzte nur als kleines Beiwerk durch.
Als dann jedoch „Die Hexenholzkrone“ erschien, ließ sich diese Enttäuschung ohne jeglichen Einwand beiseiteschieben und der erneute Weg in ein spannendes Osten Ard öffnete sich umfangreich vor meinen Augen. Erneut schaffte es Tad Williams grandios seinen Leser zu überzeugen.
Nun wurde „Das Reich der Grasländer“ veröffentlicht und erneut stellte ich mir die Frage, ob die Geschehnisse in Osten Ard weiterhin dieses Niveau halten können.
Das Werk ist erneut aufgrund des Umfangs in zwei Bände geteilt – dies führt natürlich dazu, dass der erste Band in seiner Erzählung ein klein wenig absinkt und mit dem berühmten „Luft holen“ beginnt, diese aber nicht mehr herauslassen kann, da dafür eben Buch 2 zuständig sein wird.
Die Erlebnisse sind abermals interessant, detailreich aufgebaut und sorgen für eine sehr hochwertige, fantastische Unterhaltung. Gleichzeitig entstehen ein wenig zu viele Längen in diesem Werk, wie man sie von einem Tad Williams üblicherweise eher nicht kennt. Natürlich ist es hochwertige High-Fantasy – dennoch innerhalb seines ersten Bandes erheblich schwächer als die Geschichte in „Die Hexenholzkrone“. Es ist auch weiterhin schön, sich nach Osten Ard zu begeben – die Story wird auch bestimmt im Laufe des zweiten Bandes anziehen und sich dem Finale zuwenden. Dennoch ist es schon jetzt schade, dass das vorhandene Flair nicht mehr zur Gänze erreicht werden kann.
Dies alles klingt schlimmer als es soll und ist wahrlich ein Jammern auf sehr hohem Niveau, denn auch „Das Reich der Grasländer“ ist ein gelungenes Werk und schafft es trotz mancher Langatmigkeit zu Überzeugen. Es muss sich aber selbstverständlich auch seinen eigenen Vorfahren stellen und diese (insbesondere „Drachenbeinthron“) stehen auf einer erheblich höheren Stufe. Ich freue mich jetzt erst einmal auf die zweite Hälfte und bin schon ganz gespannt, wie sich Prinz Morgan weiterhin noch so schlagen wird.
hysterika.de/20.06.2020

Thomas Wheeler: Cursed – Die Auserwählte

Originaltitel: Cursed

Aus dem amerikanischen Englisch von Michelle Gyo und Petra Koob-Pawis
Illustrationen ©2019 by Frank Miller
Text ©2019 Tom Wheeler
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2020 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70487-3
ca. 447 Seiten

COVER:

Eine Frau. Ein Schwert. Ein Land in Aufruhr.

England steht in Flammen. Die Roten Paladine ermorden jeden, der sich nicht vor dem Kreuze beugt. Als Nimues Dorf überfallen wird, verliert sie alles – nur eines bleibt ihr: ein geheimnisvolles Schwert, das sie zu einem gewissen Merlin bringen soll. Doch als Berater des korrupten Königs Uther hat Merlin ganz eigene Pläne für das Schwert der Macht.

Begleitet von dem jungen Söldner Arthur legt Nimue sich mit den gefährlichsten Männern des Landes an, um ihr unterdrücktes Volk in die Freiheit zu führen …

REZENSION:

Die Idee, sich der Arthus-Saga anzunehmen und dieser ein komplett neues Gesicht zu geben, halte ich auch weiterhin für außerordentlich interessant, gelungen und auch für zukünftige Bücher unabdingbar.
Thomas Wheeler konnte mit seiner Idee schon mal für einen ersten Schritt dazu sorgen. Somit öffnete er die Tür in die Welt der Neuentdeckung der Artus-Sage für alle noch kommenden kreativen Köpfe. In seinem Gefolge befindet sich Frank Miller, der sich seinen Namen als Batman-Zeichner machte und darüber hinaus seine Hände unter anderem bei „Sin City“ und „300“ mit im Spiel hatte.
Somit lässt sich bei beiden der Drang in Richtung Film deutlich wahrnehmen und genau aus diesem Grund befindet sich auch ein „Netflix“-Aufkleber auf dem Cover des Buches. „Cursed“ wird das Licht der Welt auch als Serie erblicken können und das vorliegende Buch bietet die Basis dafür.
Aus diesem Grund konnte mich die geschriebene Geschichte jedoch nicht wirklich überzeugen – viel zu sehr wirkt sie als reines Vorbereitungs- oder Begleitwerk zur noch kommenden TV-Umsetzung. Die Idee ist klasse, die Umsetzung zu sehr filmisch dargelegt. Die Kapitel brechen durch künstliche Schnitte viel zu schnell ab und schwenken in eine andere Richtung oder Begebenheit. Dadurch bleiben die Charaktere in ihrer Handlung zu dünn und oberflächlich. Hintergrundinformationen bleiben verborgen beziehungsweise können sich durch diese Vorgehensweise überhaupt gar nicht entfalten. Durch diese Vorgehensweise fehlt einem als Leser die Möglichkeit, sich mit der ein oder anderen Figur identifizieren zu können, was jedoch für einen tiefgehenden Roman essentiell ist.
Wie gesagt, als Serie kann diese Geschichte mit Sicherheit überzeugen – als literarischer Appetizer fehlt jedoch zu viel. Natürlich spricht spätestens seit dem grandiosen Erfolg von Game Of Thrones vieles dafür, dass es zu Serien auch Bücher gibt – doch Game Of Thrones ist als eigenständige und extrem dichte Fantasyliteratur entstanden – ohne jegliches Schielen in Richtung Verfilmung. Aus diesem Grund funktioniert diese Story auf beiden Kanälen – bei „Cursed“ liest man eine Netflix-Serie, was beim Binge-Watching funktioniert, passt aber leider nicht ganz beim gemütlichen Romanlesen.
Als Produkt wiederum funktioniert dieses Konzept sicherlich ganz gut – Frank Miller-Fans werden sich auf neue Zeichnungen dieses Künstlers freuen und die prinzipielle Geschichte ist auch überwiegend ganz nett zum Lesen. Legt man nicht sehr viel Wert auf Details, Charakterzeichnung und einen anspruchsvollen Plot ist man mit „Cursed“ ganz gut bedient. Nichts desto trotz hätte ein reiner Fantasy-Autor aus diesem Plot bestimmt mehr herausgeholt.
Jürgen Seibold/09.06.2020

Brian Lee Durfee: Das pechschwarze Herz – Die fünf Kriegerengel 2

Originaltitel: The Blackest Heart. The Five Warrior Angels 2
Aus dem Amerikanischen von Olaf Schenk
©2019 by Brian Lee Durfee
Für die deutsche Ausgabe ©2020 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96142-3
ca. 1.096 Seiten

COVER:

Die fünf Kriegerengel sind offenbart worden und nun müssen ihre mystischen Waffen gefunden werden. Nur so kann sich endlich eine uralte Prophezeiung erfüllen. Was, wenn doch nicht? Der Geschichtsschreibung der Fünf Inseln ist nicht mehr zu trauen …
Und mitten in den Konflikten um Religion und Thron wird sich das Schicksal des Waisenjungen Nail entscheiden.
Oder wird sich an ihm das Schicksal aller entscheiden?

REZENSION:

Der Verlag beziehungsweise der Autor machen es einem wirklich nicht gerade leicht. Wie ich meiner letzten Durfee-Rezension entnehmen konnte, ist es nun bereits nahezu 2 Jahre her, als ich den ersten Band dieser umfangreichen Geschichte gelesen hatte. Nun also der zweite Teil – ehrlich gesagt hatte ich überhaupt keinen wirklichen Schimmer mehr über die Geschehnisse im Vorgänger. Alles was ich noch wusste, war der Umstand, das mir dieser außerordentlich gut gefallen hatte und ich in meiner damaligen Rezension von nichts geringerem, als vom Highlight des Jahres sprach.
Jetzt also „Das pechschwarze Herz“ und sogleich stellte ich mir die Frage, ob ich mich einerseits wieder an die bereits gelesenen Seiten erinnern kann und das Buch andererseits nicht denselben Fehler wie viele Trilogien zur Folge hat und nicht mehr die bereits vorgelegte Qualität aufrechterhalten kann. Zwei Jahre sind eine lange Zeit und somit gibt es viele äußere Einflüsse, die das Gegenteil hervorbringen könnten.
Auch gab es in diesem Buch leider keine Zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse – bei so langen Wartezeiten wäre das definitiv angemessen eine Art „was bisher geschah“ als erneuten Eintritt an den Anfang des Buches zu stellen. Dementsprechend schwer fiel mir auch zuerst der erneute Zutritt in diese Geschichte – sämtliche Namen waren eine gewisse Zeit nur mehr Schall und Rauch für mich. Ich konnte mich gerade noch ein wenig an den Waisen Nail erinnern; was er im Detail vollbracht hatte: Entschwunden in die Welt des Vergessens.
Interessanterweise schien sich nach einigen Dutzend Seiten das Tor der Erinnerung wieder zu öffnen und der damalige Sog trieb mich erneut hinweg in eine ganz besondere Welt.
Eine Welt gefüllt mit Intrigen, fantastischen Begebenheiten, interessanten Persönlichkeiten und eine dazugehörige, komplex aufgebaute Geschichte, in der jedes Kapitel für sich alleine steht und funktioniert. Durfee schreibt klischeegeladen, driftet dabei aber nicht ab von seinem eigenen Ziel und schafft es dadurch nahezu virtuos, eine rundum herausragende High-Fantasy-Geschichte darzubieten, wie es aktuell nur noch wenige herzustellen in der Lage sind. In meinen Augen findet sich hier nichts Negatives und ich kann an Durfee und Klett-Cotta nur noch den Wunsch aussprechen, dass sie sich nicht abermals zwei ganze Jahre bis zum finalen Band Zeit lassen werden, sondern so schnell wie nur irgend möglich „Die fünf Kriegerengel“ zu ihrem Abschluss bringen lassen.
Jürgen Seibold/03.06.2020

Jay Kristoff: Nevernight – Die Rache

Originaltitel: Darkdawn
Aus dem Englischen von Kirsten Borchardt
©2019 Neverafter PTY LTD.
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70358-6
ca. 778 Seiten

COVER:

Wenn überall Blut ist, ist Blut das Einzige.

Mia Corvere hat ihre Laufbahn als Gladiatii mit dem kühnsten Mord in der Geschichte der Republik gekrönt. Kardinal Duomo liegt tot im Staub, und auch Julius Scaeva scheint ihrem grabbeinernen Dolch zum Opfer gefallen zu sein. Aber der Augenschein trügt: Tot ist nur sein Doppelgänger, während der Konsul lebt und das Attentat nutzt, um seine Macht ins Grenzenlose zu steigern. Er ruft sich selbst zum Imperator aus, um eine Dynastie von Königen zu begründen.

Doch auch Mia steht nicht mit leeren Händen da: Sie hat die Arena nicht alleine verlassen, sondern ist mit Jonnen geflohen, dem einzigen legitimen Nachfolger von Julius Scaeva. Und sie weiß: Er wird alles daran setzen, seinen Sohn lebend zurückzubekommen.

REZENSION:

Es gibt nicht viele Zyklen, bei denen ich es bis zur Veröffentlichung des nächsten Bandes fast nicht erwarten konnte. Die Geschichte über die junge Assassinin Mia konnte mich jedoch bereits beim ersten Buch uneingeschränkt überzeugen. Dementsprechend gierig stürzte ich mich auf den Zweiten und freute mich nach dessen Abschluss bereits sehr auf den finalen dritten Teil, der nun mit dem Untertitel „Die Rache“ vorliegt.
Jay Kristoff bleibt sich seinem Setting absolut treu – dementsprechend „dreckig“ wird die Story fortgeführt. Gut, man kann bereits ab dem Beginn stark davon ausgehen, wie es enden wird – Kristoff macht auch keinen Hehl daraus und gibt selbst die in Spoilermanier die Richtung vor. Nichts desto trotz ist hier der Weg das Ziel und es offenbart sich ein Abschlussband, der absolut nichts missen lässt: Eine sarkastische, dreckige Geschichte mit üblen Gestalten, die einem ungebremst ans Herz wachsen. Explizite und detailliert dargestellte Sexszenen, die den Roman eher in Richtung Erwachsenenliteratur heben und eine Sprache, die vor absolut keinem Wort zurückschreckt. Wer sich an vulgärer Sprache als auch vulgären Handlungen stört, sollte besser die Finger davon lassen – hat man damit keinerlei Problem: einfach zugreifen!
Der gesamte Weg von der jungen, unausgebildeten Göre zur ausgereiften Beinahe-Göttin lässt nichts zu wünschen übrig. Ein Fantasy-Zyklus, der von Anfang an zu begeistern weiß und deutlich zeigt, dass man als Autor auch ein wenig die Grenzen ausloten, wenn nicht gar durchbrechen, kann. Das Ergebnis ist eine ausgewachsene Unterhaltung für anspruchsvolle Leser des Genres.
In meinen Augen ein echter Lichtblick in dem oft recht festgestampften Pfad der Fantasy. Großartig, fesselnd, spannend, abwechslungsreich und vor Ideen strotzend.
Gut, erneut mit Fußnoten – aber: auch diesmal habe ich diese schlicht nicht beachtet. Die Story funktioniert dennoch und man kann sich diesen ja unter Umständen zu späterer Zeit widmen.
Alles in allem ein Lesegenuss der besonderen Art – gleichzeitig ein würdiger Abschluss dieser herausragenden Trilogie.
Jürgen Seibold/04.05.2020

Stephen Chbosky: Der unsichtbare Freund

Originaltitel: Imaginary Friend
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
©2019 by Stephen Chbosky
©2019 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27243-9
ca. 912 Seiten

COVER:

Die alleinerziehende Kate muss mit ihrem siebenjährigen Sohn Christopher dringend untertauchen. Das beschauliche Örtchen Mill Grove, Pennsylvania, scheint dafür ideal zu sein. Eine Straße führt hinein, eine hinaus. Ringsum liegt dichter Wald. Doch kurz nach ihrem Umzug beginnt der kleine Christopher eine Stimme zu hören. Und merkwürdige Zeichen zu sehen. Zeichen, die ihn in den Wald locken.
Sechs Tage lang bleibt er dort verschollen. Als er wieder auftaucht, kann er sich nicht erinnern, was geschehen ist. Aber plötzlich hat er besondere Fähigkeiten. Und einen Auftrag: ein Baumhaus mitten im Wald zu errichten. Wenn er es nicht bis Weihnachten schafft, so die Stimme des unsichtbaren Freundes, wird der ganze Ort untergehen. Ehe sie sichs versehen, befinden sich Christopher, seine Mutter und alle Einwohner von Mill Grove mitten im Kampf zwischen Gut und Böse.

REZENSION:

Davon mal abgesehen, dass mir der Name Stephen Chbosky absolut gar nichts gesagt hatte, sorgte das gelungene Cover dennoch dafür, mein Interesse zu wecken. Üblicherweise finde ich das gar nicht so gut, denn ein Buch sollte natürlich nur auf Basis seiner sinnvoll zusammengefügten Buchstaben bewertet werden. Nichts desto trotz sorgte diese dezente Umsetzung für Aufmerksamkeit. Als ich dann auf dem Rücken gelesen habe, dass dieses Buch an die epischen Romane meines Lieblingsautors Stephen King erinnert, stieg jedoch meine Skepsis, da es sehr viele Bücher mit ähnlichen Verweisen gibt, diese jedoch lediglich für Enttäuschung sorgen konnten. Da ist wohl oft lediglich der Wunsch Vater des Gedankens.
Erfüllt mit diesen Gedanken entschied ich mich trotzdem, mich diesem Werk von knapp über 900 Seiten zu widmen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…
Die Geschichte um Christopher fühlt sich bereits nach einigen Seiten wie ein Roman von Stephen King an: Wir befinden uns in einer Kleinstadt, der Personenkreis wird abgesteckt und plötzlich geschieht etwas in kleinbürgerlicher, heimischer Umgebung. Hier ist es so, dass der mit seiner alleinerziehenden Mutter in Mill Grove lebende Christopher eines Tages im naheliegenden Wald verschwindet und urplötzlich nach sechs Tagen wieder auftaucht. Ab diesem Zeitpunkt besitzt er einige Besonderheiten, über die ich hier nicht näher eingehen möchte.
Sämtliche Dorfbewohner werden tiefgehend beleuchtet und wie so oft, hat selbst die ordentlichste und „normalste“ Familie irgendeine „Leiche“ im Keller. Nicht alles ist golden, was glänzt. Diese Darbietung ähnelt komplett dem literarischen Vorbild Stephen Chboskys – gleichzeitig entwickelt er ausreichend eigene Ideen, um sich ein wenig davon abgrenzen zu können. Chboskys Schreibstil ist sehr lebendig und rundum eingängig gehalten. Es lässt sich problemlos jede Seite genießen und die Story selbst entwickelt sich von Seite zu Seite immer mehr in Richtung „das-könnte-ein-Highlight-werden-Buch“.
Problemlos wechselt Chbosky die erzählerischen Ebenen und somit muss seinem Leser natürlich auch klar sein, dass hier auch die eigene Fantasie gefordert wird, denn mit dem Eintritt in den Wald treibt es uns ab und an auch in andere Welten.
Interessanterweise schafft er es dabei nicht nur, den Leser auf eine phantasievolle, hervorragende und spannende Art zu unterhalten, sondern auch einen über 300 Seiten andauernden Show-Down hinzulegen, wie man ihn nur selten sieht. Dabei zusätzlich gewürzt mit einer Wendung, die man zwar ahnen, jedoch nicht wirklich vorhersagen kann. Chapeau!
In der Danksagung des Autors wird sein großes Vorbild erneut erwähnt, darüber hinaus gibt es noch den Vermerk auf die Serie „Stranger Things“ auf dem Buchrücken. Gut, das Vorbild passt und auch die Anleihen in Richtung „Stranger Things“ sind nicht von der Hand zu weisen – alles in allem jedoch eher eine Art „Stranger Things“ auf Speed. Insbesondere die phantastischen Bereiche haben eher etwas von einem Neil Gaiman und gehen somit tiefer als die bisherigen Berührungen der Serie mit der anderen Seite.
Schlussendlich eines der Werke, die mir klar machen, warum ich so gerne meine Bücher in der Welt der Phantastischen Literatur aussuche. Einfach nur: Perfekt!
Jürgen Seibold/23.04.2020

James, Marlon: Schwarzer Leopard, Roter Wolf

Originaltitel: Black Leopard, Red Wolf
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
©2018 by Marlon James

©2019 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27222-4
ca. 829 Seiten

COVER:

Sucher, der Jäger mit dem besonderen Sinn, wird vor eine äußerst schwierige Aufgabe gestellt. Als Teil einer Söldnergruppe soll er einen Jungen aufspüren, der vor drei Jahren spurlos verschwand. Die Fährte führt sie durch Wälder und Städte, zu Gestaltwandlern, Ausgestoßenen und Hexen. Dabei stellen sich ihnen gefährliche Feinde in den Weg. Sucher muss um sein Überleben kämpfen. Und er beginnt sich zu fragen: Wer ist der Junge wirklich? Warum ist er damals verschwunden? Was ist Wahrheit und was Lüge?

REZENSION:

Heyne Hardcore möchte laut Eigenwerbung keinen Mainstream verlegen – dies schätze ich unglaublich und verfolge aus diesem Grund auch regelmäßig sämtliche Veröffentlichungshinweise. Da die Beschreibung von Marlon James‘ Schwarzer Leopard, Roter Wolf in seiner Gänze unglaublich interessant klang und darüber hinaus von einem Jamaikanischen Autoren geschrieben worden ist, war ich sichtlich ob des Inhalts gespannt.
Vorweg: Der Blick in die literarischen Veröffentlichungen anderer Länder wie zum Beispiel China, Afrika und nun auch Jamaika lohnt sich unglaublich. Man wird mit einer inspirierend andersartig verwendeten und klingenden Sprache bedient, die den eigenen Horizont gewaltig erweitern kann.
Darüber hinaus handelt es sich um Autoren aus anderen Kulturen, was immer für eine Erhöhung des eigenen Verständnisses sorgt.
Schwarzer Leopard, Roter Wolf ist ein Fantasy-Roman und steht als Auftakt einer Reihe. Seine Figuren sind herausragend dargestellt und die Erzählweise des Marlon James fühlt sich an wie der Erguss aus einem Füllhorn voller Ideen.
Gut, er ist auch beispiellos in seiner Darstellung von Gewalt, Sex und dem unsäglichen Verstümmeln von Geschlechtsteilen. Gleichzeitig konnten mir die wenigen Sätze des Autoren in Bezug auf „Man muss dem Mann die Frau und der Frau den Mann nehmen“ das religiös aufgeladene und irrsinnige Thema der Beschneidungen von Mann und Frau stärker näher bringen als die üblichen Erklärungsversuche. Sehr interessant, wie ein kurzer Part eines Fantasyromans einem die Augen innerhalb der Realität öffnen kann. Vielleicht muss man mehr beim religiösen Wahn ansetzen, um Frauen endlich von dieser unsäglichen Methodik befreien zu können. Gleichzeitig werden viele Leser diesen Umstand – als auch andere – sehr kritisch in James‘ Werk betrachten und können davon sogar an ihre eigenen Geschmacksgrenzen gebracht werden.
In meinen Augen darf Literatur so vorgehen; manchmal ist der gefühlte „Hammer“ notwendig, um Menschen etwas klar zu machen.
Im Gegenzug zu den genialen erzählerischen Ideen des Schriftstellers fällt es dennoch bereits von Anfang an schwer, der Geschichte folgen zu können. Einige Zeit ergötzte ich mich noch an den blumigen und halluzinatorischen Satzzusammenstellungen und Darbietungen, doch nach einiger Zeit verliert man das Interesse daran, sich zu fragen, welche Drogen der Schriftsteller zur Findung solcher Welten und Figuren eigentlich zu sich nimmt.
Das Buch krankt nämlich trotz seiner gewaltigen Sprache an einem unerlässlichen Punkt: Die Handlung lässt sich nicht oder nur durch höchste Konzentration greifen. Die Kapitel scheinen sprunghaft, die einzelnen Episoden zerrissen und neu eingefügte Personen verschwinden wieder, bevor sie sich im Gehirn des Lesers richtig manifestieren konnten.
Das Buch könnte ein echter Blockbuster sein, hätte der Autor nur ein klein wenig auf die Einhaltung seines roten Fadens geachtet. Er tat dies nicht und somit blieb eine Geschichte, die sich nur schwer beenden lässt (ich hatte es nicht geschafft) und lediglich von ihrer interessanten Sprache lebt.
Jürgen Seibold/15.03.2020

Weitze, Torsten: Nebula Convicto – Grayson Steel und die Drei Furien von Paris

©acabus Verlag, Hamburg 2019
ISBN 978-3-86282-721-3
ca. 432 Seiten

COVER:

„Nymphen sind es nicht gewohnt, das Wort Nein zu hören. Wenn sie emotional zu stark abrutschen, verwandeln sie sich in Furien.“

Ein halbes Jahr ist vergangen seit Inspektor Grayson Steel und sein Team die Magische Hanse und ganz Norddeutschland gerettet haben. Grimmig sind sie auf der Spur der Verschwörer, die nun schon zweimal versucht haben, die Ordnung der Nebula Convicto zum Einsturz zu bringen. Daher ist der Ermittler gar nicht angetan, als er auf einmal zu einer diplomatischen Mission nach Paris entsandt wird, einem Ort der Waffenruhe zwischen den Wesen der magischen Gemeinschaft. Die französische Hauptstadt wird von drei Schwestern beherrscht. Verwandte der Lady vom See, doch seit einiger Zeit melden sie sich nicht mehr beim Verhangenen Rat. Was für den mürrischen Grayson als Zeitverschwendung beginnt, entpuppt sich bald als handfeste Krise: Immer mehr Menschen und Wesen beginnen in Paris plötzlich die Kontrolle zu verlieren. Die Stadt der Liebe droht in Chaos und Gewalt zu versinken.

REZENSION:

Torsten Weitzes Bücher über den Ermittler Grayson Steel begeistern mich seit Erscheinen des ersten Bandes. Die Ideenvielfalt zwischen den Buchdeckeln lässt wahrlich nichts zu wünschen übrig und die gesamte Reihe ist als dementsprechend erfrischend innerhalb der gesamten phantastischen Unterhaltungsliteratur zu betrachten.
Die Vermischung von „normalem“ Leben mit der Welt der „Wesen“ ist zwar keine Neuerfindung, dennoch konnte Weitze diese kleine Genre-Schublade mit seinen nun mittlerweile drei Büchern komplett entstauben und ihr im Anschluss einen eigenen Stempel aufdrücken.
In „Grayson Steel und die Drei Furien von Paris“ begleiten wir den Ermittler und sein Team auf den Weg nach Paris zu einem Anfangs rein diplomatischen Einsatz. Natürlich bleibt es nicht dabei, da die Menschen und sämtliche Wesen scheinbar von einer Art Fluch belegt worden sind und dementsprechend aggressiv aufeinander losgehen. Das Ermittlerteam um Grayson Steel nimmt sich dem an und urplötzlich befinden sie sich in einer handfesten Krise, die sich über die gesamte Hauptstadt Frankreichs ausbreitet.
Abermals lässt die Ideenvielfalt des Autors keine Wünsche beim interessierten Leser übrig. Auch in diesem Band halte ich das zu Anfang recht zusammengewürfelt wirkende Team für absolut eigenständig und rundum unterhaltend in ihren Tätigkeiten. Die Dialoge sind erneut nicht nur als zielgerichtet zu betrachten, sondern lassen auch den bekannten und erfrischenden Witz absolut nicht missen.
Auf Basis der vorliegenden Bände halte ich Torsten Weitze mittlerweile für einen absoluten Kenner des gesamten Genres der phantastischen Literatur und wohl auch der alten Sagen und Legenden. Dementsprechend viele bekannte Wesen trifft man in seinen Werken, was für eine hohe Zahl an Wiedererkennung aus der Welt der Literatur sorgt. Dies alles scharf gewürzt und erweitert mit einer unerschöpflich wirkenden Anzahl an eigenen Ideen und einer kreativen Vielfalt, wie man sie nur noch selten sieht beziehungsweise zu lesen in der Lage ist.
Nichts desto trotz kommt der vorliegende Band nicht ganz an die Qualität der beiden vorherigen Werke heran. Dies ist zwar etwas Meckern auf hohem Niveau – dennoch lässt sich Torsten Weitze leider zu intensiv und seitenaufwändig auf die mehr und mehr aufwallende Beziehung zwischen Grayson und der Halbdämonin Shaja ein. Dadurch verleiht er seiner Story unnötige Längen und verliert etwas im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern. Man wird das Gefühl einfach nicht los, dass Grayson Steel unter sexuellem Notstand leidet – und falls ja: Lieber Torsten Weitze, lass die beiden hurtig zusammenkommen, damit wir uns wieder interessanten Fällen widmen können und nicht durch unnötige „ich-würde-gerne-aber…“-Gedanken wandern müssen.
Die Grayson Steel-Reihe benötigt meiner Meinung nach diese billigen Mechanismen nicht. Der Liebestopf ist aber nun geöffnet und somit bleibt wohl nichts anderes übrig, als diesen bedienen zu müssen. Bitte aber nicht zu langatmig in seiner weiteren Darstellung, da die Erlebnisse dieses herausragenden Teams zu über einhundert Prozent ausreichend interessant genug sind und keinen künstlichen Anschub durch irgendwelche Liebes- oder gar Sextätigkeiten benötigen.
Wie gesagt: Meckern auf hohem Niveau, denn auch der mittlerweile dritte Band weiß zu überzeugen, konnte sehr gut unterhalten und lässt auf einen zügig nachkommenden, vierten Band hoffen. Möge die Reihe um Grayson Steel noch lange weiter gehen!
Jürgen Seibold/04.03.2020

Maxwell, Lisa: Der letzte Magier von Manhattan

Originaltitel: The Last Magician
Aus dem Englischen von Michelle Gyo
Deutsche Erstausgabe September 2019
©2017 by Lisa Maxwell
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-52367-4
ca. 574 Seiten

COVER:

STOPP DEN ZAUBERER.
STIEHL DAS BUCH.
RETTE DIE ZUKUNFT!

Seit Jahrhunderten herrscht Krieg zwischen zwei Fraktionen von Magiern: Während die einen sich dem mächtigen Orden Ortus Aurea angeschlossen haben, fristen die anderen ein Schatten-Dasein im Untergrund. Zu ihnen gehört die junge Diebin Esta, die von ihrem Mentor ins New York des Jahres 1901 geschickt wird, um ein Buch zu stehlen, das als Waffe gegen den Orden dienen soll. Esta schließt sich einer Gang von Magiern an, die wie sie den Orden bekämpfen. Sie gewinnt deren Vertrauen und mehr – und weiß doch, dass sie jeden in der Vergangenheit betrügen muss, wenn sie die Zukunft retten will.

REZENSION:

Die Idee, einen magisch aufgeladenen Fantasyroman in unsere Welt zu versetzen und dabei auch noch als weiteren Faktor das eher schwierige Element der Zeitreisen zu integrieren klingt außerordentlich interessant. Lisa Maxwell startet ihr Werk sehr spannend und lässt den Leser ungebremst während einer spannenden Diebesaktion mitfiebern. Die verwendeten Ingredienzen ihres Buches sind sehr geschickt ineinander verwoben und bieten somit eine gelungene Alternative zu anderen Werken, die ihr jeweiliges Genre als festes Korsett betrachten. Das Zerreißen der Schnüre dieses Korsetts ist der Autorin hervorragend gelungen. Die Geschichte selbst wirkt erfrischend und die zeitlichen Gegebenheiten, als auch die dezent eingefügte Magie wirkt glaubhaft und nachvollziehbar erzählt. Lisa Maxwell vermeidet geschickt verschiedene zeitliche Ebenen. Sie entzieht sich damit nicht nur dem notwendigen, historischem Recherchieren, sondern auch den üblichen Paradoxien, die bei Zeitreiseromanen nahezu unvermeidlich sind und sich nur schwer „wegerklären“ lassen.
„Der letzte Magier von Manhattan“ besitzt sehr viele interessante Ideen und könnte auf Basis seiner Geschichte ein wahrer Blockbuster sein – wäre demgegenüber nicht das Problem, dass die Autorin ihre Personen etwas blass wirken lässt. Man kann sich mit ihnen schlicht nicht rundum wohlfühlen. Diesen Umstand hätte die Autorin durch Vermeidung von Oberflächlichkeit in Bezug auf die handelnden Figuren für sich gewinnen können. Etwas mehr Liebe zum Detail und schon hätte es eventuell besser funktionieren können. Als weiterer Kritikpunkt zeigt sich der fulminante und außerordentlich interessante Start, gepaart mit einem vor sich hinplätschernden Mittelteil, der dafür sorgte, dass mich die Geschichte trotz ihrer spannenden Grundidee wieder verlor.
Die eingefügte Liebesgeschichte wirkt etwas deplatziert und erneut stellte ich mir die Frage, ob es denn notwendig sein muss, dass sich irgendwelche vermeintlich wichtigen Protagonisten in Büchern immer unbedingt verlieben müssen. Dieser Umstand kommt aus meiner Lesererfahrung gehäuft bei Büchern von Autorinnen vor. Ich würde da sehr gerne mal wissen, ob dies geschlechterspezifisch ist, oder ob wir uns da immer noch in einer Welt befinden, in der Verlage bei weiblichen Autoren davon einfach ausgehen – vielleicht könnte mir hier mal jemand etwas Erleuchtung bieten.
Dennoch: Über eingeflechtete, mehr oder weniger plausible Liebesgeschichten kann ich noch hinweggehen – über Langatmigkeit und fehlende Spannung im Mittelteil eher nicht. Der Schreibstil selbst ist eingängig und zeigt die hohe Unterhaltungsqualität der Schriftstellerin. Durch die genannte Kritik jedoch nicht herausragend, sondern nur nette Unterhaltung mit ganz interessanten Ideen.
Jürgen Seibold/23.02.2020

Thiemeyer, Thomas: Wicca – Tödlicher Kult

©2019 Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-65364-7
ca. 485 Seiten

COVER:

Hannahs Freundin, die britische Journalistin Leslie Rickert, ist bei ihrer Recherche zu den vermissten Frauen auf merkwürdige Details gestoßen – etwa das Fragment eines Kultfilms der Siebziger, in dem eine seltsam gravierte Truhe zu sehen ist. Hannah ordnet die Gravuren dem Volk der Nabatäer zu und lädt Leslie ein, in der jordanischen Stadt Petra auf Spurensuche zu gehen.
Inmitten der Ruinen dieses alten Reiches stoßen die beiden auf das Mysterium des Lebensbaums – eine Sage, die alle großen Kulturen durchdringt. Hat es tatsächlich eine Baumsorte gegeben, die ewige Jugend verleihen konnte? Samen dieses mythischen Baumes wurden in antiker Zeit unter strengster Geheimhaltung an verschiedene Orte gebracht und in die Erde gelegt, so auch an der Küste Südenglands …
Hannah und Leslie müssen erkennen, dass nicht nur die Anhänger des Wicca-Kultes über Leichen gehen würden, um ihr Geheimnis zu wahren – sondern auch ein Wesen, für das die Wissenschaft nicht einmal einen Namen hat.

REZENSION:

Die archäologisch stark beeinflusste Abenteuerreihe um Hannah Peters geht in eine weitere Runde. Sämtliche Werke des Autors Thomas Thiemeyer mit der mittlerweile recht berühmt gewordenen Archäologin sind eine geschickte Mixtur aus Indianer Jones, Historik, Abenteuer und einem nicht gerade kleinen Schluck aus der phantastischen Pulle.
Gerade deshalb machten alle bisher erhältlichen Erlebnisse Hannah Peters auch im Großen und Ganzen unglaublich viel Spaß beim Lesen. Dementsprechend angetan freute ich mich auch auf den nun vorliegenden Band mit dem Titel „Wicca – Tödlicher Kult“.
Hierin beginnen wir recht klassisch bei einer Ausgrabungsstätte um dann plötzlich mit geheimnisvollen Informationen in einem alten Kultfilm konfrontiert zu sein. Der ungeklärte Todesfall einer jungen Frau scheint damit nicht wirklich etwas zu tun zu haben – sieht dies doch eher nach einem simplen Selbstmord oder gar einem Versehen aus.
Nach und nach verdichten sich die Elemente und Verschwörungen. Darüber hinaus tritt die alte Sage um den Lebensbaum in den Vordergrund, der in nahezu jeder Kultur eine gewisse Rolle spielt. Einer dieser Bäume scheint sich in England zu befinden – streng bewacht von Anhängern des Wicca-Kultes, deren Mitglieder unter Verwendung jeglicher Mittel auf die Bewahrung dieses Geheimnisses achten.
Auch diesmal schafft es Thomas Thiemeyer diese verschiedenen, vordergründig nicht zusammenhängenden Sagen, Mythen und geschichtlichen Begebenheiten in einen Topf zu werfen. Dabei entsteht jedoch keineswegs ein simpel produzierter Eintopf, sondern ein sehr gut gewürztes Gericht mit interessanten Beilagen.
Die Geschichte ist auch diesmal manches mal ein klein wenig vorhersehbar – dies ist aber schon ein wenig Meckern auf hohem Niveau, denn die grundsätzliche Stärke der Bücher um Hannah Peters liegen exakt im glaubwürdig dargelegten Ergebnis unter Verwendung der unterschiedlichsten Zutaten. In „Wicca“ ist im Vergleich zu den bisherigen Werken gerade in Richtung Ende die Phantastik in den Vordergrund getreten – aber genau aus diesem Grund möchte ich auch weiterhin diese Art an Unterhaltungsromanen nicht missen.
Thiemeyers Schreibstil ist auch in diesem Fall erfreulich eingängig und seine Personen sind überwiegend glaubwürdig, detailliert und nachvollziehbar gezeichnet. Alle historischen Elemente wirken fundiert, die phantastischen geschickt eingewoben. Absolut gelungene Unterhaltung für einige Stunden des Abschaltens – ich bin mal gespannt, ob der Autor diese Qualität auch weiterhin aufrechterhalten kann beziehungsweise er noch genug Ideen für weitere Erlebnisse dieser sympathischen Archäologin geschickt verarbeiten und darzulegen in der Lage ist. Wollen wir es einfach mal hoffen.
Jürgen Seibold/13.01.2020

Wilckens, Carl: 13 – Das Tagebuch, Band 3: Das Spielbild

©2019 acabus Verlag, Hamburg
ISBN 978-3-86282-700-8
ca. 467 Seiten

COVER:

Godric End, meistgesuchter Widerstandskämpfer Dustriens, erzählt den Insassen von Zellenblock 13 seine Geschichte.

Ich stehe im Hafen von Treedsgow. Der Wind zerrt an den Papieren in meiner Hand und Dunkelheit senkt sich über mich herab. Was auf der zweiten Seite von Williams Tagebuch steht, droht mich um den Verstand zu bringen. Die Worte öffnen in meinem Innern die Tore zu etwas Bösem und ich werde wieder zu dem, der ich auf der Swimming Island war. Zu einem Mörder. Zum Redscarf Butcher.
Mein Weg fürht mich zur Universität und ich helfe, eine uralte Technologie zum Leben zu erwecken. Die Himmelsschiffe, die Gothin bombardieren, die Golems, die für uns auf dem Schlachtfeld kämpfen … sie alle entspringen der jahrtausendalten Technologie der Segovia.

Ihr sollt meine Geschichte hören. Von den Fortschritten an der Treedsgow University und von meinem Krieg gegen den König der Banditen. Wie ich beinahe dem, Wahnsinn verfiel, von einem Wesen aus reiner Energie und dem Untergang der Welt.

REZENSION:

In den letzten Monaten ist mir immer mehr aufgefallen, dass ich nicht mehr wirklich gewillt bin, langatmige Geschichten zu lesen, welche über mehrere Bände ausgebreitet werden. Viel zu oft bin ich seit einiger Zeit enttäuscht worden. Insbesondere, wenn man einige Zeit auf den Nachfolgeband warten muss und dabei unter Umständen den Zugang zur Geschichte verliert.
Nun, die Serie um Godrics End von Carl Wilckens ist dabei eine rühmliche Ausnahme und ich bin immer wieder erfreut, wenn ich höre, dass ein neuer Band das Licht der Welt erblicken wird.
Mit 13 – Das Spiegelbild befinden wir uns nun bereits beim dritten Band und das grundsätzliche Prinzip hat sich in keinster Weise geändert: Godric sitzt in seiner Zelle und erzählt seinen Mitgefangenen über sein Leben.
Interessanterweise entspricht Godric überhaupt nicht den üblichen Protagonisten in fantastischen Geschichten. Godric End ist eher eine Art Antiheld und glänzt nicht gerade mit Sympathie. Nichts desto trotz folgt man seinen Erzählungen und dem dazugehörigen Leben voller Gewalt, phantastischen Wesen, Irrungen und Wirrungen, seine persönlichen Fehden, sowie den dazugehörigen skrupellosen Kämpfen.
Carl Wilckens erzählt auch im vorliegenden, dritten Band virtuos seine Geschichte und bedient sich dabei weitläufig in der Welt der Phantastik. Sein Ideenreichtum steht beinahe allein in weiter Flur und seine detaillierte als auch liebevolle Art des Erzählens zeugt von einem ungebremsten Schaffensreichtum, der hoffentlich noch lange nicht abbrechen wird.
Das düstere Leben von Godric End ist nicht nur interessant – nein, man möchte auch immer wissen, wie es denn nun weitergeht. Einerseits wünscht man sich ein stilvolles Ende herbei, andererseits möchte man weiterhin den Erlebnissen folgen und folgen und folgen.
13 ist mittlerweile so ziemlich die einzige Reihe, bei der ich mich bereits sehnsüchtig nach dem nächsten Band verzerre. Ich hoffe dabei sehr, dass Wilckens‘ Ideenreichtum auch weiterhin das bestehende Niveau als auch den Abwechslungsreichtum aufrecht erhalten kann und somit ein weiteres Spitzenwerk abliefern wird.
Auch 13 – Band 3 ist somit ein Highlight dieser Crossover-Serie und ich finde es absolut klasse, dass der Autor es bisher scheinbar problemlos geschafft hatte, seinen Plot immer besser zu entwickeln und keinen einzigen langweiligen Buchstaben zu integrieren.
Weiter so!
Godrics Erlebnisse sind und bleiben eine ganz besondere Empfehlung – wer ihn noch nicht kennt, sollte einfach beim ersten Buch zuschlagen, dieses herausragende Werk genießen und dabei berücksichtigen, dass die Reihe bisher immer besser geworden ist.
Jürgen Seibold/07.12.2019