Peter Anders: Was vom Tode übrig bleibt

4. Auflage
Originalausgabe 06/2011
(c) 2011 by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-60184-0
ca. 255 Seiten / € 8,99

COVER:

Er kommt, wenn das Leben gegangen ist

Peter Anders ist Tatortreiniger. Er beseitigt, was der Tod hinterlassen hat. Jetzt schildert er erstmals seine spektakulärsten Fälle. Er erzählt von den Begegnungen mit den Angehörigen, von den Schicksalen, die sich hinter den Wohnungstüren verbergen, vom Geruch des Todes, den man nie wieder vergisst – spannende Kriminalfälle, bewegende Schicksale, Grenzerfahrungen!

REZENSION:

Durch einen Zufall erhielt ich dieses Buch – insbesondere, da ich als Thriller- und Horrorleser bekannt bin und mein Umkreis bei allem, was mit Tod zu tun hat, sagen, dass wäre doch was für mich…
Nun, normalerweise lese ich fiktive Werke – habe mich aber trotzdem auf dieses Buch eingelassen. “Was vom Tode übrig bleibt” handelt nicht nur von dem Tatortreiniger Peter Anders, sondern ist zugleich von ihm geschrieben worden. Allein dadurch erhält dieses Buch bereits unwahrscheinlich viel Authentizität. Peter Anders ist Feuerwehrmann und fing als Schädlingsbekämpfer an zu arbeiten. Er kam dann durch diese Tätigkeiten über zu dem oben genannten Einsatzgebiet und arbeitet nun auch als einer der wenigen Tatortreiniger Deutschlands.
Peter Anders erzählt unverblümt seine Geschichte und man ist zuweilen schockiert, betrübt, mitgenommen, jedoch auch durchweg mit dem Drang beseelt, die weiteren Seiten zu erforschen. Sicherlich, durch die unverblümte Art des Autors riecht es teilweise durch die Seiten und man hat das Gefühl, während der Sisyphusarbeit an seiner Seite zu stehen um ihm über die Schulter zu schauen.
Glücklicherweise besitzt der Autor auch einen dezenten Humor, den er in seiner Geschichte an den richtigen Stellen einfügt und dadurch nicht nur die Glaubwürdigkeit erhöht sondern auch den Leser wieder bei der Hand nimmt und aus den schrecklichen oder gar abstoßenden Einsatzorten wider mit nach draussen nimmt.
Es ist erstaunlich, dass sich jemand die Mühe zum Schreiben dieses Buches machte – vielmehr bin ich aber der Meinung, dass so ein Buch auch absolut notwendig ist und mit Sicherheit sehr vielen Menschen – ob dieses besonderen Themas – manches Auge öffnen kann.
Ein absoluter Tipp für die etwas andere Lektüre, die durchweg interessant, humorvoll und voller Einfühlsamkeit aber auch Ironie erzählt worden ist. Nur zu empfehlen!
Jürgen Seibold/01.04.2012

 

Was vom Tode übrig bleibt: Ein Tatortreiniger berichtet KAUFEN BEI AMAZON

Jussi Adler-Olsen: Das Alphabethaus

Originaltitel: Alphabethuset
Aus dem Dänischen von Hannes Thiess und Marieke Heimburger
Deutsche Erstausgabe 2012
(c) 2007 Jussi Adler-Olsen
(c) 2012 der deutschsprachigen Ausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
ISBN 978-3-423-24894-5
ca. 590 Seiten / € 15,90

COVER:

“Als Bryan das Rote Kreuz auf den Dächern sah, atmete er tief durch. Trotz der vielen Sandsäcke, trotz der vergitterten Fenster im ersten und zweiten Stock und trotz etlicher Wachen mit Hunden wirkte die Anlage tatsächlich wie ein ganz normales Krankenhaus. ‘Aber lass dich nicht täuschen’, dachte Bryan, als man ihn zu den Gebäuden brachte. Wer ihn in diesem Moment anlächelte, konnte im nächsten Augenblick schon sein Henker sein …”

1944. Nach einem Flugzeugabsturz über deutschem Territorium retten sich die beiden britischen Soldaten Bryan und James in einen Lazarettzug, der verletzte deutsche Soldaten von der Ostfront nach Hause bringt.

Unter falscher Identität landen die Piloten als Patienten im “Alphabethaus”, einem Krankenhaus in der Nähe von Freiburg im Breisgau. Bryans und James’ einzige Chance, dort zu überleben, besteht darin, sich selbst als psychisch krank auszugeben. Doch können sie das, ohne Schaden zu nehmen an Leib und Seele? Und: Sind sie die einzigen Simulanten?

Jahrzehnte später werfen entsetzliche Ereignisse der Vergangenheit noch einmal ihre brutalen Schatten auf die Überlebenden …

REZENSION:

Als ich DAS ALPHABETHAUS erhielt, war ich sofort voller Freue, erneut ein Werk über das von mir mittlerweile ins Herz geschlossene Sonderdezernat Q lesen zu können.
Wie ich leider ziemlich schnell feststellen musste, handelt es sich bei DAS ALPHABETHAUS weder um einen weiteren Roman über Carl Morck, noch um einen neuen Roman von Jussi Adler-Olsen. DAS ALPHABETHAUS ist interessanterweise das ursprüngliche Debüt des Autors und wurde nun durch den Erfolg der Morck-Reihe in Deutschland ebenfalls aufgelegt.
DAS ALPHABETHAUS beginnt im 2. Weltkrieg und lässt zwei englische Flieger notlanden und lediglich der Eintritt in ein Irrenhaus als Simulanten lässt die beiden weiter am Leben. Dieser Teil ist von Jussi Adler-Olsen absolut niveauvoll und trotz dem Simulantentum sehr glaubwürdig erzählt. In meinen Augen hätte die Episode ruhig in dieser dunklen zeit weiter fortgeführt werden können.
Jussi Adler-Olsen lässt jedoch den Krieg bereits nach dem ersten Drittel seines Werkes hinter sich und springt sogleich 30 Jahre in die Zukunft. In den siebzigern ist immer noch einer der beiden englischen Soldaten auf der Suche nach seinem Freund, den er durch seine Flucht aus dem Alphabethaus im Stich lassen musste.
Hier entsteht nun nicht nur eine Geschichte um Freundschaft sondern auch ein klassischer Thriller, der mit einer gut erzählten und spannenden Darbietung geschickt die im Krieg entstandenen Fäden weiterspinnt und beinahe zu schnell auflöst.
Das Buch ist anfangs bedrückend und lässt die unsägliche Zeit des Zweiten Weltkrieges in einem kleinen Bereich neu auferstehen – die folgenden zwei Drittel des ALPHABETHAUSES sorgen für eine geschickte Unterhaltung des Thrillerlesers – ohne dabei in starke Spannungsbögen zu springen, glücklicherweise jedoch ebenfalls ohne zu langweilen. Somit bleibt ein sehr interessanter Roman über die Erlebnisse zweier Freunde während der dunkelsten Zeit Europas und einer Suche nach einem Freund, um nicht nur das eigene Gewissen zu bereinigen sondern auch, um diese Freundschaft neu aufleben zu lassen.
Jürgen Seibold/04.03.2012

Das Alphabethaus: Roman KAUFEN BEI AMAZON

David Bielmann: Flucht eines Toten

1. Auflage 2011
(c) by WOA Verlag, Zürich
ISBN 978-3-9523657-2-4
ca. 255 Seiten / € 19,90

COVER:

“Es war eine weitere unsterbliche Melodie von Albert. Und doch war sie sterblich, denn mit ihm würde auch sie die Welt auf immer verlassen. Es war Alberts Todesmelodie, sein Requiem. Es war gut. Teuflisch gut.”

Albert Leblanc führt ein trostloses Leben als Koch in der verrauchten Dorfbeiz von Rechthalten. Ständig wird er vom Wirt erniedrigt und von betrunkenen Gästen verhöhnt, Anerkennung erhält er kaum. Die wenigen Freuden in seinem Alltag sind das Gitarrenspiel, der Absinth – und die Serviertochter Mona, die ihm als einzige etwas Sympathie entgegenbringt.

In einsamen Momenten hängt er immer öfter morbiden Gedanken nach. Er beschliesst, in vier Tagen all den Bosheiten ein Ende zu setzen. Albert macht sich an sein schauriges Werk …

Ob sich heute in Rechthalten noch jemand an Albert Leblanc zu erinnern vermag? Wer seinerzeit regelmässig in die Wirtschaft pilgerte, wird sich womöglich noch ein Bild seiner schmächtigen Gestalt machen können. Es würde allerdings nicht erstaunen, wenn er vollends in Vergessenheit geraten wäre. Dies ist seine so verwegene wie tragische Geschichte.

REZENSION:

Durch einen eher als Zufall zu betrachtenden Umstand erreichte mich “Flucht eines Toten”  – ein unbekanntes Werk eines mir unbekannten Autoren. Darüber hinaus scheint die Beschreibung so gar nicht zu meinen persönlichen Vorlieben zu passen. Nichts desto trotz versprach ich die Lektüre und musste mich somit diesem Buch widmen.
Interessanterweise wurde ich in einen Roman gezogen, der bedrückender aber auch interessanter nicht sein konnte.
Ich verfolgte die Geschichte einer Person, die nur von Trostlosigkeit getrieben von Tag zu Tag lebte. Sehr unscheinbar verdingte er sich als Koch und war lediglich dem Hohn und Spott seiner Mitbürger ausgesetzt.
Innerhalb kürzester Zeit versteht man seinen Drang nach einem Abschluss dieses unwerten Daseins. Albert Leblanc, der Hauptdarsteller dieser Geschichte, machte sich daran, seine letzten Tage zu planen. Ironischerweise funktioniert sein Ableben nicht – und er muss sich als vermeintlich Toter auf die Flucht machen…
David Bielmann schreibt auf virtuose Art und lässt den Leser über die Schulter Albert Leblancs schauen. Sein erster Teil – bis zum “Ableben” Alberts – trieft förmlich vor Depression; komischerweise kann man sich als Leser trotz der drückenden Stimmung dem weiteren Geschehen in keiner Weise entfliehen.
Die weiteren Erlebnisse Albert Leblancs entwickeln sich beinahe zu einem Roadmovie in dem jemand nach und nach mehr Lust zum Leben entwickelt – natürlich nicht, ohne weitere Schicksalsschläge der besonderen Art zu erleben.
Bielmann erzählt dies alles in einer unglaublich farbigen Sprache und baut sehr geschickt dezente Spannungsbögen ein. Im Großen und Ganzen entstand hierbei eine Geschichte voll Dramatik, Depression aber auch viel Liebe, die zart wie eine Knospe aufgeht und doch die Dornen nicht vermissen lässt.
Ganz nebenbei hält uns David Bielmann einen Spiegel vor Augen: Ist es nicht oft so, dass man durch unbedachte Äußerungen anderen Menschen Schmerz zufügt? Ist es dann nicht zu spät für Reue, wenn man am Grab dieser Person steht?
“Flucht eines Toten” war für mich eine gänzlich andere Art der üblicherweise konsumierten Literatur – trotzdem ist es ein ganz besonderes Buch das nach Möglichkeit nicht in der Masse des Marktes untergehen sollte. Ich kann es jedenfalls definitiv nur empfehlen!
Jürgen Seibold/11.12.2012

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Claudius Pläging: Häkchen-Harakiri – Die To-do-Liste des Konrad Roth

1. Auflage April 2011
(c) 2011 Periplaneta – Verlag und Mediengruppe, Berlin
ISBN 978-3-940767-66-0
ca. 132 Seiten / € 12,–

COVER:

Konrad könnte glücklich sein.
Stattdessen vergrault er seine Freundin und schmeißt im Affekt seinen ungeliebten Job als Pressetexter hin.
Wenn schon bei Null anfangen, dann auf ganzer Linie – Männerlogik eben.
Nur kurz badet er in Selbstmitleid, dann schreibt er eine To-do-Liste:
zehn Dinge, die er noch nie getan hat, aber schon immer tun wollte – oder auch nicht.
Es gibt eben Dinge, die ein Mann tun muss.
Auf der Jagd nach Häkchen stürzt er sich in das Abenteuer seines Lebens und stolpert von einer skurrilen Situation in die nächste:
Wie trinkt man mit der soeben verstorbenen Nachbarin einen Kaffee?
Wie bricht man ohne jeden Grund eine Prügelei vom Zaun?
Und wie hält man sich bei alldem seine besorgten Eltern vom Leib?
Konrad ist stets um Haltung und Würde bemüht – doch die Liste kennt keine Gnade.
Ein erfrischender Roman – mal locker-leicht, mal bitter-süß, doch immer höchst amüsant.
Und, mal ehrlich: Sind wir nicht alle ein bisschen Konrad?

REZENSION:

Mit Häkchen-Harakiri erreichte mich ein recht interessant klingendes Buch eines Verlages, der mich bisher bereits durch manch anderes Werk überzeugen konnte. Nun, das vorliegende Buch klingt zwar interessant – aber: der Inhalt muss noch überzeugen. Somit kann ich mir erst ein Bild machen, wenn ich mich diesen 130 Seiten widme.
Normalerweise arbeite ich nicht mit Zitaten, aber in diesem Fall möchte ich die ersten Zeilen dieses Buches keinem vorenthalten:
“Alles fing damit an, dass Henriette ihn im Wohnzimmer beim Onanieren erwischte.
Sie stieß ein entsetztes “Du meine Güte, was ist denn hier los?” aus, woraufhin Konrad sich reflexartig zusammenrollte und versuchte, Beweisstück A in der Hose verschwinden zu lassen. Das war angesichts des erigierten Zustandes von Beweisstück A gar nicht so einfach. Im Fernsehen lief gerade SpongeBob, was bei Henriette noch zusätzliche Fragen aufwarf.”…
Ab diesem Augenblick war es um mich geschehen: Ich kugelte mich bereits vor Lachen und spielte mit dem Gedanken, rein versuchsweise natürlich, mit diesem Test mal die Reaktion meiner holden Dame zu testen.
Wer jetzt glaubt, Claudius Pläging legt hier nun eine schlüpfrige und billige Geschichte dar, der hat sich weiter getäuscht als je möglich ist. Vielmehr überzeugt der Autor mit einer Geschichte um einen absoluten Durchschnittstypen der sich nach dieser Schocksequenz – verlassen von seiner Liebsten – auf einem Selbstfindungstrip befindet und eine To-do-Liste mit 10 Punkten erstellt, die er schon immer mal machen wollte oder einfach mal machen will, weil ihn seine Ängste bisher von solchen oder ähnlichen Situationen abhielten.
Die Abarbeitung dieser Punkte werden nun zum Programm und man begleitet Konrad Roth von Punkt zu Punkt.
Nun entsteht vor des Lesers Augen eine Gesellschaftssatire voll Witz aber auch Nachvollziehbarkeit, was teilweise so ganz nebenbei neben den Schmunzeleffekten auch zum Nachdenken animiert.
Alles in allem eine durchweg gelungene Satire über einen Typen, in den man sich (leider) sehr leicht hineinversetzen kann(!). Dies erhöht ein wenig die Ernsthaftigkeit der Story und man bekommt dadurch eine Unterhaltungslektüre angereichert mit vielen Aha-Effekten und Erkenntnissen, die hoffentlich dem ein oder anderen behilflich sein werden. Das klingt jetzt dramatischer als es ist, da die Bauchmuskeln auch noch was mit zu reden haben und aufgrund der humorvollen Erzählweise und dem tappsigen Vorgehen Konrad Roths auch gestählert nach der Lektüre dieses leider viel zu kurzen Buches hervorgehen werden.
Ich freue mich sehr, dieses Buch gelesen zu haben …
Jürgen Seibold/03.09.11

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Thomas Manegold: Ich war ein Grufti – Ein Pamphlet für Eltern und missratene Kinder

(c) 2008 periplaneta.com
(c) der 1. Auflage: 2006 bei Thomas Manegold
ISBN 978-3-940767-05-9

COVER:

Thomas Manegold nimmt Dich mit auf einen Trip durch die Hölle des Normalen aus der Sicht eines Freaks. Dabei tritt er zuweilen wütend auf das gaspedal. Er streift den Glauben, kollidiert mit der Religion, stößt mit der Wiedervereinigung zusammen und beleuchtet die Jugendszenarien unserer Zeit. Egal ob sorgende Mutter, rebellierender Teenager oder sinnsuchender Endzwanziger, hier kommt jeder auf seine Kosten und hier bekommt jeder seinen Denkzettel:
“Unsere Kinder haben keine Selbstachtung mehr und keine Tradition, sie beginnen kurz nachdem sie im Auto vorn sitzen dürfen, verzweifelt herumzuvögeln und suchen, bis sie selbst Eltern werden, nach irgendeinem Kick, der weder christlich noch zivilisiert ist. Sie suchen in den importierten Popkulturen mit digitalen Daumenkinos vergeblich nach irgendeiner Identität. Und sie greifen nach jedem noch so dünnen Strohhalm, egal ob das ein Rapper, eine Tittenmaus, ein Prediger oder eine neue Droge ist. ihr treibt sie dorthin. Ihr seid der Feind! Nicht irgendein Rockmusiker, kein Ballerspiel und auch kein Horrorfilm und schon gar nicht irgendein gehörnter Gott. Ihr seid der Feind!”

REZENSION:

Bei Thomas Manegold’s ICH WAR EIN GRUFTI handelt es sich keineswegs um einen Insider-Roman über eine vermeintlich “böse” Szene, in die sich alle verwirrten Gestalten verirren, um todessehnsüchtig das aktuelle Leben zu bedauern und das Ende der Welt herbei zu sehnen.
Bevor nun alle “Gruftis” – und ja, damals durfte man das noch sagen – nun aufschreien: Ich darf alles nun folgende sagen, war ich doch selbst Teil dieser Szene und versuche es noch immer zu sein, da ich vom ehrlichen Grundgedanken immer noch überzeugt bin und nebenbei auch bis dato trotz meines fortgeschrittenen Alters noch immer von den musikalischen Inhalten dieser Szene uneingeschränkt überzeugt bin und lautstark genieße.
Die Szene hat sich jedoch natürlich auch in den letzten 20 Jahren sehr verändert – hat doch der Mainstream im Laufe dieser Zeit auch diesen kleinen aber feinen Lebensbereich entdeckt, und versucht diesen nun durch diverse Aktivitäten auszuschlachten. Ich persönlich finde es schade, möchte aber nun in keinster Weise ein weiteres Pamphlet beginnen, da wir uns ja um das vorliegende von Thomas Manegold kümmern möchten.
ICH WAR EIN GRUFTI ist ein kleines Buch von gerade mal 124 Seiten in dem sich ein Bürger in leider lediglich 76 Seiten über die Gesellschaft im Allgemeinen echauffiert. Dieser Bürger – Thomas Manegold – bewegte sich erst in der Metal-, dann in der Gothicszene, womit der Zusammenhang zum Titel hergestellt wäre. Sein Pamphlet möchte aber nicht auf diese Szene reduziert werden – Thomas Manegold erstellt vielmehr eine Abrechnung mit dem Spießertum und dem Mainstream als auch der Vermarktung der heutigen Zeit. Wie kleine Kinder folgen wir dem Rattenfänger blind, da er ja nur unser Bestes möchte – überwiegend handelt es sich dabei um den schnöden Mammon – nichts desto trotz werden wir vom Rattenfänger dezent geimpft, um Personen, die dem entfliehen möchten und damit eigene Szenen erschaffen, diesen Halt zu nehmen versuchen.
Es gibt in diesem Werk sicherlich einige Themen, mit denen nicht jeder Leser konform gehen kann – aber einige Sachen sind auch absolut nachvollziehbar und regen zum Denken an. Andere sind in ihrer Einfachheit plausibel und gültig; als Beispiel sei nur der Verweis auf die Bibel genannt: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst – jedoch: wie soll man den Nächsten lieben können, wenn man mit sich selbst nicht im Reinen ist (von Liebe gar nicht zu sprechen).
Diese Gedanken tragen im Fazit überwiegend nur einen Wunsch: Seit euch selbst treu!
Somit bleibt der Titel weiterhin irreführend, da hierbei überwiegend Gruftis zugreifen, um etwas über sich selbst zu lernen(?) – Vielmehr ist im Gegenteil dazu dieses kurz gehaltene Pamphlet jedoch für absolut jedem des Lesens Mächtigen geeignet, der ein klein wenig über den Tellerrand schauen möchte und nicht nur als Lemming über die Klippe springen möchte – auf der Jagd nach etwas, was er nie auf diesem Weg finden wird.
Durch diverse, eingestreute Bandinformationen und einem sehr ehrlichen Nachruf an den verstorbenen Sänger Layne Staley erhält ICH WAR EIN GRUFTIE natürlich doch noch etwas mehr Nähe an die benannte Szene – nichts desto trotz ist der Inhalt allgemein betrachtet für jeden Leser dieses Landes (dieser Welt?) geeignet und vielleicht gar notwendig. Die Gedanken würden zumindest angeregt werden. Ob es demjenigen hilft, steht auf einem anderen Blatt.
Jürgen Seibold/07.08.2011

Ich war ein Grufti: Ein Pamphlet für Eltern und missratene Kinder KAUFEN BEI AMAZON

Theodore Roszak: Schattenlichter

Originaltitel : Flicker
aus dem Englischen von: Friedrich Mader
Deutsche Erstausgabe September 2005
(c) 1991,2005 by Theodore Roszak
(c) für die deutsche Ausgabe und die Übersetzung  by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH
854 Seiten +20 Seiten Anhang, 14 €

Cover:

Ein junger Filmstudent auf den Spuren eines vergessenen Kultregisseurs.
Rätselhafte Symbole und versteckte Hinweise in alten Stummfilmen.
Ein mysteriöser Orden, der seine Novizen in der Kunst des Filmhandwerks unterweist.
Ein Geheimnis, das den Lauf der Welt für immer verändern wird.

Rezension:

„Je stärker das Böse, desto stärker der Film“

Dieser Ausspruch von Alfred Hitchcock ist sozusagen Widmung wie auch Motto dieses Buches, das allein durch seine schiere Seitenzahl beeindruckt. Aber davon sollte man sich keineswegs abhalten lassen.
Theodore Roszak erzählt hier die Lebensgeschichte, um nicht zu sagen Lebensbeichte von Dr. Jonathan Gates, seines Zeichens Filmwissenschaftler, der hier seine ureigenen Erfahrungen in Sachen Film, Kino und Erotik teilt.
Mit seiner ersten Freundin, mit der er nicht nur die ersten sexuellen Schritte macht, sondern die auch einen enorm wichtigen Teil in seinem gesamten Leben spielt, sieht er den ersten Max Castle Film im Kino. Max Castle oder Max von Kastell wanderte in den 20er/30er Jahren nach Hollywood aus und musste sich dort mit wenig Budget aber unglaublich viel Improvisationstalent seine Filme zusammenschustern.
Diese Filme sind meist ziemlich einfältige Horrorschocker oder Vampirfilme, die zwar einerseits grausam sind, aber anderseits eine solche Anziehungskraft auf unseren Protagonisten haben. Also fängt er, Jahrzehnte nachdem Castle offiziell verstorben war, an, seine Filme zu erforschen.
Und dabei stößt Jonathan nicht nur auf sehr viele technische Eigenheiten sondern auch auf eine religiöse Sekte, die „Sturmwaisen“, der Castle angehört hat, und die ihren Schülern nur oberflächlich betrachtet beibringt, wie man Filme macht. Während Jonathan hier immer tiefer gräbt, macht er unfassbare Entdeckungen, die sich zu einer Weltverschwörung zusammenfügen und nicht nur Jonathan selbst in Gefahr bringen…
Man fragt sich spätestens nach der ersten Begegnung, wer eigentlich Max von Kastell ist. Diese Frage hab ich mir natürlich auch gestellt und musste leider feststellen, dass Max von Kastell ein fiktiver Regisseur ist, dessen Lebensgeschichte und dessen Filme hier aber mit einer Präzision und Wirklichkeit beschrieben wird, dass es sehr schade ist, diese Filme nicht sehen zu können.

Ich muss ehrlich gestehen, dass es mir nicht leicht fällt, dieses Buch in Worte zu fassen. Selbst Lesen ist hier ein absolutes Muss!!!
Was übrig bleibt von diesem Buch ist Faszination, eine gute Portion Beklommenheit und Kopfschütteln aber allem voran absolute Bewunderung für den Autor, der hier einen Schmöker ohne Längen, mit viel Humor, Realismus und einer unglaublichen Spannung geschaffen hat.
Nicht nur für Filmfans eine ernstgemeinte und ans Herz gelegte Empfehlung!
Birgit Grunwald für Hysterika, 13.07.2011

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Tanya A. Wegberg: memory error – oder Wie mein Vater über den Jordan ging

Rowohlt Tb.
ca. 320 Seiten / € 8,95

COVER:

Der 17-jährige Jordan Askani lebt seit einigen Monaten in Berlin und hat keine Ahnung, wie er dort hingekommen ist. Nach einem längeren Klinikaufenthalt und der Diagnose »Dissoziative Störung« hat er einen Platz in einem betreuten Jugendwohnprojekt bekommen. Gemeinsam mit sieben weiteren Jugendlichen und zwei Sozialpädagogen lebt er in einer Villa am Branitzer Platz und besucht ein Gymnasium.
Jordan wird von einem Traumatherapeuten psychologisch betreut, mit dem er versucht, seine Kindheit und Jugend im niederrheinischen Wallfahrtsort Kevelaer zu rekonstruieren. Mühsam und in kleinen Schritten erschließen sich ihm die verschütteten Erinnerungen an den frühen Tod seiner Mutter, an das spurlose Verschwinden seines großen Bruders, an den Missbrauch und den Selbstmord seiner älteren Schwester und schließlich auch daran, dass er selbst von seinem Vater misshandelt und sexuell missbraucht wurde.
Die Folgen dieser traumatischen Erlebnisse überschatten seinen Alltag noch immer: Er leidet unter dissoziativen Fugues, also Zeitabschnitten, in denen er meist längere Strecken zurücklegt und an die er hinterher keine Erinnerung mehr hat. Auch zahlreiche kleinere Aussetzer im Alltag, Selbstverletzungen, Alpträume, das Vergessen von wichtigen Informationen, häufige Kopfschmerzen und ein gelegentliches Gefühl der Unwirklichkeit gehören zu seinem Krankheitsbild.
Vor allem aber belastet Jordan die Frage, ob er für den Brand seines Elternhauses und dadurch auch für den Tod seines Vaters verantwortlich ist – ein Ereignis, an das er sich zwar nicht erinnern kann, das
aber seiner Reise nach Berlin unmittelbar vorausgegangen sein muss. Trotz intensiver polizeilicher Ermittlungen gibt es keine Hinweise auf eine Brandstiftung, aber auch keine eindeutige Entlastung für Jordan.
Kraftquellen sind für ihn sein selbstironischer, fatalistischer Humor, der katholische Glaube, eine überdurchschnittliche Intelligenz, verbunden mit unstillbarem Wissensdurst, sowie die hübsche, selbstbewusste Natalie und ihre Schwester Rebecca, mit denen er erste erotische Erfahrungen sammelt.
Sehr wichtig sind für Jordan auch die Freundschaften, die er mit zweien seiner Mitbewohner schließt: mit dem hyperaktiven, anstrengenden, aber gutherzigen Tim und besonders mit seinem »Seelenbruder« Robin, einem tablettenabhängigen und suizidgefährdeten Goth-Punk, der ihn die ebenso spröde wie zärtliche Verbundenheit zweier verletzter, verlorener Kinder erfahren lässt.
Immer auf dem schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Filmriss, unternimmt Jordan verzweifelte Versuche, die Kontrolle zu bewahren: Er setzt sein hübsches Gesicht, seine kindlich-unschuldige Ausstrahlung und eine gespielt naive Fügsamkeit ein, um andere für sich einzunehmen, was bei Erwachsenen allerdings besser funktioniert als bei Gleichaltrigen.
Mit großem Ehrgeiz arbeitet er an seiner Wirkung auf andere und bemüht sich, seine Mitmenschen unbemerkt zu manipulieren. Zu ihrer Kategorisierung vergibt er Sympathiepunkte auf einer Skala von eins bis zehn. Doch immer wieder ist er zu emotional oder zu wenig abgebrüht, um seinen eigenen Ansprüchen zu genügen, und häufig kollidieren sie auch mit seiner religiösen Grundeinstellung.
Das Wiedersehen mit seinem jahrelang verschwundenen Bruder Samuel schließlich bewirkt endlich, woran Hypnose und Gesprächstherapie bisher gescheitert sind: Jordans letzte große entscheidende Gedächtnislücke – der Tod des Vaters und die Reise nach Berlin – füllt sich mit Bildern in einer sinnvollen chronologischen Abfolge. Die Wucht der Erinnerungen ist schmerzlich, aber sie bedeutet auch die allmähliche Abkehr von Schuldgefühlen, Selbstzweifeln und Ängsten und öffnet den Weg in ein selbstbestimmtes Erwachsenenleben.

REZENSION:

Manche Dinge sind so perfekt, die bedürfen dem überhaupt nicht, dass man sie kaputt redet oder schreibt, selbst dann nicht, wenn die Sache an sich, um die es geht, kaputt ist.
Und dieses Buch ist krank! Oh nein, das ist keinesfalls abwertend gemeint, ganz im Gegenteil… !
Jordan, der 17-jährige Protagonist dieses Romans, leidet unter einer dissoziativen Störung, ausgelöst durch ein traumatisches Erlebnis, an das er sich aber nicht erinnern kann.
Überhaupt plagen ihn Gedächtnislücken, Fugues – unerwartet verschwindet er plötzlich aus seiner gewohnten Umgebung und taucht irgendwo anders wieder auf, manchmal nach wenigen Minuten, ein anderes Mal nach einigen Tagen, und kann sich nicht daran erinnern, wie er dort hin kam und was er dort machte, wenn er plötzlich wieder Herr seiner selbst wird.
Diese Aussetzer quälen ihn – aber für den Leser seiner Geschichte ist es alles andere als eine Qual ihn durch diese Kapitel seines Lebens zu begleiten.
Dieses Buch ist irre, weil der sympathische Titel-(anti)-held am Rande des Wahnsinns spaziert – und jeder, der auf etwas steht, dass verrückt und zugleich realistisch ist, wird „Memory Error“ zwangsläufig lieben.
Dieser Roman befasst sich mit so ernsten, schwerwiegenden Themen, wie amnetischen Episoden, selbst verletzendem Verhalten, Essstörungen und gar Missbrauch. Nichts, was man mit Leichtigkeit übergehen oder wegstecken würde. Und dennoch schafft es der Schreibstil der Autorin in all der Verzweiflung einen amüsanten Unterton mitschwingen zu lassen, der stets etwas tröstendes ausstrahlt.
„Memory Error“ hat zurecht den Status eines Kultbuches verdient!
Obwohl das Buch von einem Jugendlichen handelt, im jugendlichen Ton geschrieben wurde und als Jugendbuch deklariert ist, würde ich es nicht nur junggebliebenen Erwachsenen empfehlen, sondern jedem, der älter ist als 14 Jahre.
Ob nun der Vater über den Jordan ging, Jordan von seinem Vater übergangen wurde oder warum es zu dem Untertitel kam, das kann ich nur jedem anraten selbst herauszufinden.
Der sich zunehmend selbst verlierende Protagonist leitet jedenfalls jeden Leser dazu an, sich ständig auf die neue Suche nach sich selbst zu begeben und alles zu hinterfragen und Antworten nicht einfach bloß so im Raum stehen zu lassen.
Miriam Stephanie Reese (2009)

Tanya A. Wegberg: Herzbesetzer

Dead Soft Verlag
 

COVER:

Was, wenn du einen Menschen getötet hast? Was, wenn dieser Mensch dein kleiner Bruder war? Und was, wenn jemand versucht, seine Stelle einzunehmen? Eindringlich, entwaffnend ehrlich und mit schrägem Humor erzählt Julian von sich und Anoki, dem verlassenen Anarchojungen, der als Pflegekind in sein Elternhaus einzieht. Der „Ersatzbruder“ sorgt nicht nur durch leer gefressene Kühlschränke, dubiose Einnahmequellen und ein reichlich unkonventionelles Rechtsverständnis für Aufregung in der Familie, sondern reißt Julian auch unbekümmert aus dessen emotionaler Vakuumverpackung, ohne zu ahnen, was er dadurch freisetzt … “Herzbesetzer“ ist ein temperamentvoller Roman über Begehren und Bedenken, Verlustangst und Verlobungsfeiern, über familiäre Folter und geschmacklose Grabgestaltung. Und er macht dem Leser deutlich, warum man für einen geliebten Menschen nicht nur alles tun, sondern auch manches lassen sollte

REZENSION:

Dieser Roman beginnt mit einer Art Ritual – mit etwas, das immer zu einem bestimmten Zeitpunkt gemacht wird. Nun könnte man denken, dass das irgendwann so was wie normal geworden wäre – wenn es sich nicht um ein Familienessen zum Todestag eines Angehörigen handelte, dem des jüngsten Sohnes und kleinen Bruders des 24-jährigen Ich-Erzählers Julian.
Mit Alltag hat das Wiederkehrende also nichts zu tun – schon gar nicht, weil Julian die Schuld daran eingeimpft wird, er habe den Unfall, bei dem Benny starb, verursacht.
Tröpfchenweise – mal durch einen Blick, dann eine Geste oder gar verbal- wird er, trotz eines polizeilichen Ermittlungsverfahrens gegen ihn, welches eingestellt wurde, von seinen Eltern angeklagt. Und er versucht sich selbst zu rechtfertigen…
Warum übermannte ihn die Müdigkeit nach einem Discobesuch? Warum schlief er am Steuer ein? Und warum – warum, hatte er sich von seinen minderjährigen Bruder überhaupt überreden lassen ihn mitzunehmen?
Julians Leben hatte sich danach in einer Grauzone eingependelt und war zu einer Tristesse geworden – er war geduldet und erduldete das wiederum. Selbst als er längst ausgezogen war und Neuruppin den Rücken gekehrt hatte, konnte er nicht nach vorne blicken.
Von einem Job und einer Wohnung in Berlin hatte sich Julian ein anderes Vergessen versprochen – doch die Erinnerungen an Geschehenes verfolgten ihn ständig…
Einerseits gab es keine Kompromisse, sondern nur schwarz oder weiß, und andererseits lebte er trotzdem genau in diesem Zwischenraum – vertrieben aus dem Paradies der elterlichen Zuneigung, weil er eine Art Kainsmörder war. Zwar anders als Abel – denn er liebte Benny und hätte ihm nie etwas angetan – doch er war zum Brudermörder geworden.
Umso entsetzter war Julian, als ihm seine Familie eines Tages offerierte, dass sie ein Pflegekind aufnehmen werden; einen Jungen im Alter wie Benny – was natürlich meinte, einen, der jetzt so alt ist, wie Benny es war als das Unfassbare passierte. Für Julian unbegreiflich… Was sollte das? Ein Ersatz in einer Lücke, die nicht zu schliessen war?
Doch dieses Mal wurde kein grau geduldet – schwarz oder weiß! Das hieß: Keine Einwände, keine Diskussionen, Julian hatte Entscheidungen mitzutragen, sich jedoch vorher rauszuhalten, sie mitzutreffen.
Und so kam Anoki ins Spiel – ein 14-jähriger, pubertierender, verlassener bunter Paradiesvogel, ausgesetzt von seinen Eltern an einer Autobahnraststätte,  der so partout nicht in das kleinbürgerliche Kleinstadtleben passen wollte und der zudem Julian überhaupt nicht in sein Leben passte. Was sollte er bitteschön mit einem Ersatzbruder? Zudem mit einem, der unkonventionell war, dessen Rechtsverständnis sehr frei und zu seinen Gunsten von ihm interpretiert wurde, der sonderbare Geldquellen auftat und der außerdem einen sehr eigenen Stil hatte…
Während Anoki Julians Eltern schon bald über den Kopf wuchs mit seinen Eskapaden, grub sich dieser Junge immer tiefer in seine Gedanken, bis er kaum mehr einen anderen fassen konnte.
Und dann besetzte Anoki auch noch Julian Herz – „Herzbesetzer“ eben…
Ein Titel, der hervorragend zu der Geschichte über das sehr einnehmende Wesen des Heimkindes passt, in das sich sein Pflegebruder, der schon bald zu seinem Ziehvater werden soll, auch noch verliebt…
Dabei kann man diesem Roman jedoch an keiner Stelle den Stempel einer Pädophilen-Story aufdrücken. Vielmehr handelt dieses Buch von verworrenen, verwirrenden Familienkonstellationen, der Suche Halt bei jemandem zu finden und natürlich von Liebe; wobei dies keine romantische Schnulze ist, sondern eher den Weg zweier junger Männer beschreibt, die beide lernen müssen Verantwortung zu übernehmen…
Tragisch-komische Situationen, geschildert mit viel Ironie – dieses Buch zeichnet sein schwarzer Humor aus. Und letztlich wird sich auch jeder für eine Seite entscheiden…
Plädoyer: Facettenreich an Emotionen. Dieser Roman ist für mich wie eine Achterbahnfahrt – spannend die ganzen Höhen und Tiefen der Figuren mitzuerleben…

Nach „Memory Error oder Wie mein Vater über den Jordan ging“ knüpft T. A. Wegberg an das Erfolgskonzept moderner Sprache an.
Diese Bücher verbieten sich keiner Worte, sondern erlauben sich etwas so zu sagen, wie man es auch von Angesicht zu Angesicht ausdrücken würde – klare Aussage: Dadurch gewinnen nicht nur der Schreibstil des Autoren, sondern auch die Figuren an Persönlichkeit!

Ich kann nur jedem dieses im Dead Soft Verlag erschienene Buch (ISBN 978-3-934442-56-6) nahe legen – es wird auch Dein/Ihr Herz besetzen…
Miriam Stephanie Reese
(Mai 2010)  

Margaret Skjelbred: Die Perlenkönigin

Originaltitel: Gulldronning, Perledronning
Übersetzung: Sigrid Engeler
Deutsche Erstausgabe Januar 2006
c 2004 Tiden Norsk Forlag, Oslo
c 2006 der deutschsprachigen Ausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
ca. 239 Seiten / € 14,–
 

COVER:

Er weiß, es ist an der Zeit. Seine Geschichten können das Kind nicht länger beschützen … Die kleine Signhild wächst auf dem Hof ihres Großvaters Havard auf. Noch ahnt sie nichts von dem dunklen Familiengeheimnis. Doch sie wird es erfahren. Und ihr Großvater weiß, dass es nur ihm gelingen kann, sein kleines Mädchen von einer schrecklichen Erinnerung zu befreien und ihm so einen Weg ins Leben zu bahnen

“Die Perlenkönigin” erzählt die Geschichte einer jungen Frau. Schon ganz früh hat sie Dinge erlebt, die in Sprache zu fassen weh tut. Aber sie findet den Weg zurück ins Leben und schafft es schließlich zu sagen: “Ich bin.”
Auf eindringliche Weise erzählt Margaret Skjelbred von menschlichen Schicksalsschlägen: von verschmähter Liebe und Tod, von Gewalt in der Familie und von der versöhnenden Kraft der Liebe.

Margaret Skjelbred hat sich in Norwegen mit ihren Gedichtsammlungen als populäre Lyrikerin etabliert. 1997 debütierte sie erfolgreich mit dem ersten Teil einer Romantrilogie, „Lerchenherzen“. 1998 folgte der zweite Teil „Windgesang“, 2000 der dritte und letzte Teil der Trilogie „Elfenecho“. 2004 erschien der Roman „Die Perlenkönigin“, der in Norwegen sofort nach Erscheinen die Bestsellerliste stürmte.

REZENSION:

„Ich heiße Signhild. Meine Mutter hat meinen Stiefvater mit einem Messer getötet, aber ich kann nichts dafür.“ – Signhild sitzt am Sterbebett ihres geliebten Großvaters und erinnert sich an ihren achten Sommer, den Sommer, in dem sie erfährt, dass sie eine eigene Geschichte hat. Mit wachen Augen und kindlichem Staunen erzählt Signhild von ihrem Leben mit ihrem Großvater auf einem abgelegenen Hof. Auf der Welt scheint es nur sie beide zu geben, und die Figuren aus den Geschichten, die sich der Großvater unermüdlich für die kleine Signhild ausdenkt. Doch die Idylle der beiden wird gestört durch die „Nachtbilder“ von Signhild, die wie dunkle Schatten immer wieder in ihren Träumen auftauchen. Erst nur vage und verschwommen, aber gleichzeitig beklemmend und quälend, da Signhild die Bilder nicht zu deuten weiß. Doch mit der Zeit werden die Bilder deutlicher und setzen sich ganz allmählich wie ein Puzzle zusammen. Das vollständige Bild des schrecklichen, zwei Jahre lang vom Großvater sorgsam gehüteten Familiengeheimnisses, erschließt sich dem Leser erst in dem Moment, in dem Signhild mit der Beschreibung jenes Sommers und der Großvater mit der der Familiengeschichte zu Ende kommt. Die unglaubliche Spannung dieses Romans entsteht durch den „alten Trick“, dass mehrere Geschichten gleichzeitig erzählt werden und immer im spannendsten Moment von einer in die nächste gewechselt wird. Nicht nur, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte, weil man unbedingt wissen „muss“ wie diese Geschichte weitergeht, man wird auch einem wahren Wechselbad der Gefühle ausgesetzt. In einem Moment, taucht man ein in die behütete Kindheit von Signhild, die eingebettet ist in die grenzenlose – schon fast beneidenswerte – Liebe ihres Großvaters. Im nächsten Moment wird man jäh herausgerissen und befindet sich mitten in der Familiengeschichte, in der Schicksalsschläge dominieren und wenig Platz für Liebe ist. Dann wieder befindet man sich plötzlich in der verstörenden Welt von Signhilds „Nachtbildern“. Bei aller Betroffenheit angesichts der tragischen Ereignisse, bleibt am Ende doch die Hoffnung, dass es möglich ist, sich von der Hypothek vorangegangener Generationen zu befreien.
Die Perlenkönigin ist ein eindringliches, intensives und unglaublich fesselndes Buch, wie ich schon lange keines mehr gelesen habe.
Susanne Mayer für Hysterika, 26.04.2006

Madeleine Harstall: Die Brückenbauerin

Originalausgabe März 2006
c 2006 by Knaur Taschenbuch
ca. 446 Seiten / € 8,95

COVER:

Thea stößt bei Recherchen zu ihrer Abschlussarbeit über Brückenbau auf den Namen ihrer eigenen Ururgroßmutter Fedora. Deren Mann hatte einst auf der Insel Usedom eine berühmte Brücke gebaut, die später einstürzte und unzählige Menschen in den Tod riss. Allmählich wird Thea klar, welche Rolle Fedora damals spielte, und sie entdeckt das Geheimnis ihrer Vorfahrin, das wie ein Fluch noch auf ihren Töchtern und Enkelinnen zu lasten scheint…

REZENSION:

„Die Brückenbauerin“ ist klassisch auf zwei Erzählebenen angelegt. Da ist einmal die Geschichte von Thea und Janek, die in der Gegenwart angesiedelt ist, und auf der anderen Seite die Familienchronik ihrer gemeinsamen Vorfahrin, Fedora, die Ende des 19. Jahrhunderts beginnt. Doch was sonst oft spannungsfördernd ist, wirkt hier eher störend. Das mag daran liegen, dass mich persönlich die Geschichte von Thea und Janek nicht besonders zu fesseln vermochte, und ich zu den beiden Figuren keinerlei Beziehung aufbauen konnte und letztendlich auch nicht wollte. Es wird nicht so ganz klar, ob es sich nun eigentlich um einen Liebes- oder doch eher einen Spionageroman handeln soll, doch beide Genres sind nicht besonders überzeugend umgesetzt. Die Familienchronik von Fedora hingegen fand ich sehr spannend, denn da wird ziemlich anschaulich das Leben in einer äußerst aufregenden Zeit beschrieben – es gibt noch keine Glühbirnen, Kühlschränke oder Staubsauger, dafür liegt aber ein ungeheurer Wissens- und Forscherdrang in der Luft, der auch für den Leser von heute noch spürbar wird. All die Dinge, die für uns heute so selbstverständlich sind, wurden dank der Neugier und Experimentierfreudigkeit dieser Menschen erfunden, die sich auch von unvermeidlichen Rückschlägen nicht entmutigen ließen. Das gilt natürlich nicht nur für die Technik sondern auch für die Medizin. Obwohl diese Zeit eigentlich noch gar nicht so weit zurück liegt, glaubt man sich in eine andere, ferne Welt versetzt, wenn man miterlebt, mit welchen Schwierigkeiten Frauen zu kämpfen hatten, die ihr Leben ebenfalls der Wissenschaft verschreiben wollten – Fedora als Ingenieurin und ihre Tochter Elsie als Ärztin – und welchen hohen Preis diese intelligenten und mutigen Frauen für diese Entscheidung bezahlen mussten. Wenn dann die Erzählung wieder in die Gegenwart zu Thea und Janek wechselt, war ich manchmal fast ein bisschen ungehalten und habe mich von den beiden regelrecht gestört gefühlt.
Fazit: „Die Brückenbauerin“ ist auf jeden Fall ein spannendes Buch, das auch ein bisschen nachdenklich macht – über die Rolle der Frau in der Gesellschaft und darüber, wie sich Schicksale oder zumindestens bestimmte Muster innerhalb einer Familie über Generationen hinweg wiederholen können, was oft erst durch eine intensive Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte – so wie Thea das für ihre Diplomarbeit macht – erkennbar wird.
Susanne Mayer für Hysterika, 16. Juli 2006

Madeleine Harstall: Das Geheimnis der Gräfinnen

c 2004 by Knaur Taschenbuch

COVER:

Im Sommer 2004 reisen Richard und Zilla von Genf nach Zingst in Nordvorpommern, wo Zillas Mutter, die Gräfin Rosalie, ein Trakehnergestüt leitet. In der Ehe der beiden kriselt es, und Zilla ahnt nicht, dass Richard ein düsteres Familiengeheimnis vor ihr verbirgt. Zillas Verhältnis zu ihrer Mutter ist schwierig, denn Zilla hat ihr nie verziehen, dass sie ihre Tochter in den 80er-Jahren in den Westen geschmuggelt hatte, so dass diese nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihre Kindheit an der Ostsee zwischen Dünen, Meer und Wolken verlor. Und nun hat ihre Mutter vor, ihrem Schwiegersohn die Leitung des Gestüts anzuvertrauen. Dieser aber wehrt sich zunächst. Der Grund: Richards Großvater hat in Ostpreußen ein furchtbares Verbrechen begangen…

Madeleine Harstall wurde 1958 in Genf geboren. Sie studierte Germanistik und Sprachen und lebt in Wangen im Allgäu.

REZENSION:

Die im Klappentext angekündigten Themen: dunkles Familiengeheimnis und Mutter-Tochter-Konflikt lassen eine spannende Lektüre erwarten. Als Leser freut man sich auf eine Geschichte, die auf zwei Ebenen – Gegenwart und Vergangenheit – erzählt wird, und die sich erst nach und nach wie ein Puzzle zusammensetzt, so dass man das Buch erst wieder aus der Hand legen möchte, wenn man das ganze Bild kennt. Im Prinzip trifft das auch auf diesen Roman zu, allerdings wird die Geduld des Lesers streckenweise doch auf eine ziemlich harte Probe gestellt, denn bevor man zum nächsten Puzzle-Teil kommt, muss man – teilweise ziemlich langatmige – Ausführungen über die Landschaft (Nordvorpommern) und die Pferdezucht über sich ergehen lassen. Vielleicht habe ich mich aber auch nur deshalb durch diese Exkurse so ausgebremst gefühlt, weil diese Themen mich persönlich nicht unbedingt fesseln. Doch damit nicht genug, der Leser wird zudem noch mit jeder Menge geschichtlicher Daten und Details zum 2. Weltkrieg überschüttet, Stoff genug für einen eigenen – wahrscheinlich sogar ziemlich interessanten – Roman. Aber ich wollte ja eigentlich einem Familiengeheimnis auf die Spur kommen und diesen Mutter-Tochter-Konflikt verstehen, und nicht meine Geschichtskenntnisse erweitern. Man hat das Gefühl, dass Frau Harstall befürchtet haben könnte, dass sie in ihrem ganzen Leben nur ein einziges Buch schreiben kann oder wird, und deshalb in diese 414 Seiten alles hineinpacken muss, was sie auf dieser Welt für wichtig, interessant und erzählenswert hält. Dem Leser wird dadurch einiges an Flexibilität und Toleranz abverlangt. Kaum glaubt man aus diesem Informationswust ein weiteres Puzzle-Teil herausgepickt zu haben, muss man erkennen, dass alles dann doch ganz anders ist, als man – und auch die Protagonisten des Romans – gedacht hat. Irgendwie gelingt es der Autorin aber dennoch, immer wieder gerade noch rechtzeitig zur „eigentlichen“ Geschichte zurückzukommen, so dass man dann doch bis zum Ende dabei bleibt.
Fazit: Für meinen Geschmack wäre weniger auf jeden Fall mehr gewesen. Doch trotz der epischen Abschweifungen ein ziemlich spannendes Buch.
Susanne Mayer für Hysterika, 28.09.2006

Cecilia Ahern: P.S. Ich liebe Dich

Originaltitel: P.S. I love you
Übersetzung: Christine Strüh
c 2005 der deutschsprachigen Ausgabe: Krüger Verlag
ca. 416 Seiten

COVER:

Der Plan war einfach: zusammenbleiben, ein Leben lang. Doch nun ist Gerry tot. Gehirntumor. Und Holly, erst 29, bleibt alleine zurück. Wie soll sie nun weitermachen? Alles scheint zu Ende. Da taucht ein Paket mit Briefen auf: von Gerry, geschrieben in seinen letzten Lebenstagen, für Holly, für die nächsten Monate. „Werde Karaoke-Queen, Holly! Suche Dir endlich einen interessanten Job, Holly! Greif nach den Sternen, Holly! Und P.S: Ich liebe Dich!“. Holly lacht, weint, und tut, was Gerry schreibt: sie lernt, wer ihre wahren Freunde sind. Sie lernt, sich ein wenig neu zu verlieben und macht mit jedem Brief eine Schritt in ein neues Leben und ein neues Glück.

Die Autorin:

Cecilia Ahern, geboren 1981, ist die Tochter des irischen Ministerpräsidenten. Sie studierte in Dublin Film, Journalismus und Medienkommunikation. Ihr erster Roman „P.S. Ich liebe Dich“ erschien 2004 und führte in der irischen sowie in der britischen Sunday Times die Bestsellerlisten an. Der Roman wurde in 50 Länder verkauft und erschien in 15 Sprachen. Die Filmrechte wurden von Warner Brothers erworben. Bisher erschienen von Cecilia Ahern außerdem die Romane „Für immer vielleicht“ (2005) und „Zwischen Himmel und Liebe“ (2006).

REZENSION:

Cecilia Ahern nimmt den Leser mit auf eine Reise in der Achterbahn der Gefühle ihrer Hauptfigur Holly. Das Leben scheint für die junge Frau zu Ende zu sein, noch bevor es richtig angefangen hat, zumindestens bis sie die Briefe in den Händen hält, die Gerry ihr noch vor seinem Tod geschrieben hat: zwölf Stück, für jeden Monat einen. Begleitet von ihrer Familie und ihren Freunden macht sich Holly auf den Weg zurück ins Leben, zuerst an der Hand von Gerry und seinen Briefen, bis sie dann ganz allmählich lernt, ihren Weg alleine zu gehen. Man kann eigentlich gar nicht anders als mit ihr zu weinen und zu lachen, manchmal zwei Schritte vor und wieder einen zurück zu machen, gespannt zu sein auf den nächsten Monat, den nächsten Brief, ihre nächste Aufgabe und darauf, ob und wie sie sie meistern wird. Der Leser taucht mit Holly ein in den bunten Kosmos von Hollys Familie und Freunden, mit all seinen unterschiedlichen Persönlichkeiten und Geschichten. Man ist beinahe ebenso überrascht wie Holly, wenn man erfährt, dass das Leben der Anderen weiter geht, wo ihres doch stehen geblieben zu sein scheint. Man möchte Holly manchmal in den Arm nehmen und manchmal aufrütteln. Cecilia Ahern spielt auf der Klaviatur der Emotionen und reizt mit dieser Geschichte das gesamte Spektrum komplett aus.
Fazit:  „P.S: Ich liebe Dich“ verdanke ich ein paar ebenso intensive wie kurzweilige Lesestunden. Es ist eine Lektüre, bei der man schon mal alles andere um sich herum vergessen kann.
Susanne Mayer für Hysterika, 26.Juni 2006