Maberry, Jonathan: VWars – Die Vampirkriege

Originaltitel: V-Wars. A Chronicle oft he Vampire Wars
Aus dem Amerikanischen von Maike Hallmann und Birgit Herden
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70458-3
ca. 554 Seiten

COVER:

Der Wissenschaftler Dr. Luther Swann beschäftigt sich mit einem eher aparten Spezialgebiet: Sein akademisches Interesse gilt den volkstümlichen Überlieferungen zum Vampir-Mythos. Als man ihn bittet, Gutachter in einem Mordfall zu werden, ist das für ihn absolutes Neuland. Noch ahnt er nicht, wie gefragt seine Meinung in den folgenden Monaten sein wird. Und welche Entscheidungen ihm abverlangt werden.

Denn als die alten Mythen Wirklichkeit werden und immer mehr Vampire auftauchen, wird Luther Swann zum Experten für das neue Phänomen. Kann er verhindern, dass sich Menschen und Vampire buchstäblich an die Gurgel gehen und gegenseitig auslöschen? Will er das verhindern? Fest steht nur:
Amerika hat sich in ein Pulverfass verwandelt, und Swann muss versuchen, inmitten der sich überstürzenden Ereignisse einen kühlen Kopf zu bewahren. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Existenz der Menschheit.

REZENSION:

Erst als ich das Buch in der Hand hatte, stellte ich bei einem Blick in die ersten Seiten fest, dass es sich hier wohl nicht um einen reinrassigen Roman handelt: Es stand nämlich noch vor Beginn der Story folgender Text auf Seite 5: V Wars – Die Vampirkriege mit Geschichten von Nancy Holder, John Everson, Yvonne Navarro, Keith R.A. DeCandido, Scott Nicholson, Gregory Frost und James Moore…
Recht verblüfft fragte ich mich in diesem Augenblick, ob ich mich aus Versehen für einen Kurzgeschichteband entschieden hatte.
Nun, teilweise: V Wars ist eine Zusammenfügung mehrerer Geschichten, die sich dem selben Setting widmen, dabei aber eigenständig in ihrer zeitlichen als auch erzählerischen Darstellung sind. Die Vorgehensweise ist dabei wie folgt: Man liest zum Beispiel von Seite 9 bis 30 den ersten Teil der mit „Schrott“ betitelten Geschichte. Dann folgt Teil 1 von „Roadkill“, um dann mit Teil 2 von „Schrott“ fortzusetzen – im Nachgang dann Teil 1 von „Liebeshunger“ usw.
Durch diese Vorgehensweise war es mir leider absolut nicht möglich, einen geeigneten Zugang zu diesem Buch zu finden. Schade, da ich wirklich sehr angetan war von der grundsätzlichen Idee beziehungsweise den bis dahin erhaltene Informationen durch die Angaben auf der Coverbeschreibung.
Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass die ein oder andere Geschichte ganz gut funktioniert und gelungen ist – gleichzeitig klingt das gesamte Setting nach einem positiven Plot für die nun bei Netflix laufende Serie. Bis dato konnte ich mir darüber aber noch keine Meinung bilden.
Die Art der Zusammenfügung verschiedener Geschichten ist in dieser Vorgehensweise zwar sehr kreativ und prinzipiell auch interessant – dennoch sind die Unterschiede zu groß und man kann nicht gezielt in die Geschehnisse eintauchen, da die Sprünge zwischen den „Kapiteln“ schlicht zu groß sind – sowohl inhaltlich als auch qualitativ.
Jürgen Seibold/11.12.2019

Harry, Debbie: FACE IT – Die Autobiografie

Originaltitel: Face It
Aus dem Amerikanischen von Philip Bradatsch, Torsten Groß, Harriet Fricke und Frank Dabrock
©2019 by Deborah Harry
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27162-3
ca. 429 Seiten

COVER:

Debbie Harry ist Musikerin, Schauspielerin, Aktivistin und der Inbegriff des New York City cool. Sie und ihre Band Blondie entwickelten einen neuen Sound, der die Welten des Rock, Punk, Disco, Reggae und Hip Hop verschmolz und dabei einige Klassiker der Musikgeschichte schuf. Als Muse arbeitete sie mit den größten Künstlern der letzten vier Jahrzehnte zusammen. Doch trotz eines Lebens im Rampenlicht behielt sie ihr Innenleben immer für sich – bis jetzt.
In einer Mischung aus offenherzigem Storytelling und vielen eindrucksvollen Fotos, Fan-Art-Bildern und Illustrationen – viele davon bis jetzt unveröffentlicht – bietet FACE IT sehr viel mehr als die übliche Musikerbiografie. Es ist das umfassende Porträt einer echten Ikone.
Die wilden Siebzigerjahre in New York City, in denen Blondie neben den Ramones, Television, Talking Heads, Iggy Pop oder David Bowie zur Speerspitze der Punkbewegung aufstiegen, werden mit all dem Dreck und Rotz der damaligen Zeit lebendig. Debbies Memoiren folgen ihrem Weg vom Nummer-eins-Erfolg zur Heroinsucht, der schweren Krankheit ihres Weggefährten Chris Stein, einem herzzerreißenden Bankrott, der Auflösung von Blondie, einer facettenreichen Karriere als Schauspielerin in über dreißig Filmen, einer erfolgreichen Solokarriere, dem triumphalen Comeback der Band und ihrem nimmermüden Einsatz für Umweltschutz und die Rechte der LGBTQ-Community.
FACE IT ist die kinoreife Geschichte einer Frau, die ihren eigenen Weg gegangen ist und für viele nachfolgende Künstlerinnen als Vorreiterin neue Standards gesetzt hat. Wir treffen auf viele glamouröse Weggefährten, die über die Jahre Debbies Weg gekreuzt haben – von Andy Warhol über Jean-Michel Basquiat, Marina Abramovíc, David Cronenberg bis John Waters. Sie alle sind Teil einer unterhaltsamen, oftmals schockierenden, bewegenden, witzigen und auch Augen öffnenden Autobiografie.

REZENSION:

Im Gegensatz zu meinen üblichen Buch-Genres kann es sicherlich nicht schaden, den Horizont etwas zu erweitern und sich somit einer ganz interessant klingenden Autobiografie zu widmen. Es handelt sich dabei um das Leben Deborah Harrys – besser bekannt als Debbie Harry und ganz besonders bekannt als Blondie.
Gedanklich konnte ich mich diesem Werk komplett unaufgeregt widmen, da Blondie mir zwar bekannt war, ich einige Songs sehr gerne mochte und mag, ein Doppelalbum mein eigen nenne, dennoch keine Fan-Attitüden entwickelte. Nichts desto trotz bin ich ein großer Fan der von ihr bedienten Musiksparte und somit weckte FACE IT ausreichend Interesse in mir.
Wie sich dabei herausstellen sollte, wurde ich auch keineswegs enttäuscht.
FACE IT ist nicht  neben den erzählten Erlebnissen der Ausnahmekünstlerin eine Hommage an ihre Fans. Dies zeigt sie insbesondere an der Vielzahl an Fan-Art-Zeichnungen und Bildern, die in diesem Buch zum Teil erstmalig veröffentlicht worden sind.
Neben der Vielzahl an wundervollen künstlerischen Werken lässt uns Debbie an ihrem Leben teilhaben. Als Fan oder Beobachter von Berühmtheiten geht man oft davon aus, dass eine berühmte Klientel auch sogleich im Gelde schwimmt – auch Debbie Harry beweist in ihrem Werk das Gegenteil und ich bin erneut erschüttert, wie ausbeuterisch die Schlipsträger gegenüber von Künstlern auftreten. Bei Blondie ist die gesamte Band laut dieser Biografie während ihrer erfolgreichsten Phase eigentlich am tiefsten Punkt ihres Lebens. Kein Geld, eine Tour jagt die andere, künstlerische Freiheiten werden aufgrund von Verträgen eingeschränkt, Drogen bestimmen den Tagesrhythmus. Nichts desto trotz ist Debbie Harry eine Sperrspitze für die Rolle der Frau und konnte damit – wohl unbewusst – bestimmt einige Wege für nachfolgende Generationen bereiten.
FACE IT macht unglaublich viel Spaß und funktioniert auch bei „Nicht“-Fans, da es schlicht ein Spiegelbild der damaligen Zeit darstellt. Als einzigen Vorwurf könnte ich ihr die etwas fehlende Lebendigkeit und persönliche Tiefe vorwerfen. Es fehlen schlicht die Emotionen – gleichzeitig kann ich dies aber auch ganz gut verstehen, da sie wohl nicht zu viel persönliches von sich preisgeben möchte – es handelt sich ja bei FACE IT glücklicherweise nicht um einen Nachruf, sondern um ein Werk einer rundum interessanten Frau mit einem Leben voller Punk, Drogen und dem Kampf um Anerkennung.
FACE IT zeigte mir, dass auch Autobiografien überzeugend, interessant und nachdenklich wirken können. Ein kleiner Blick durch das Schlüsselloch in ein fremdes Leben. Wahrlich ein interessantes Werk mit einem positiv klingenden Nachhall.
Schön, dass ich eine nur am Rande betrachtete Künstlerin neu entdecken konnte.
Jürgen Seibold/10.12.2019

Wilckens, Carl: 13 – Das Tagebuch, Band 3: Das Spielbild

©2019 acabus Verlag, Hamburg
ISBN 978-3-86282-700-8
ca. 467 Seiten

COVER:

Godric End, meistgesuchter Widerstandskämpfer Dustriens, erzählt den Insassen von Zellenblock 13 seine Geschichte.

Ich stehe im Hafen von Treedsgow. Der Wind zerrt an den Papieren in meiner Hand und Dunkelheit senkt sich über mich herab. Was auf der zweiten Seite von Williams Tagebuch steht, droht mich um den Verstand zu bringen. Die Worte öffnen in meinem Innern die Tore zu etwas Bösem und ich werde wieder zu dem, der ich auf der Swimming Island war. Zu einem Mörder. Zum Redscarf Butcher.
Mein Weg fürht mich zur Universität und ich helfe, eine uralte Technologie zum Leben zu erwecken. Die Himmelsschiffe, die Gothin bombardieren, die Golems, die für uns auf dem Schlachtfeld kämpfen … sie alle entspringen der jahrtausendalten Technologie der Segovia.

Ihr sollt meine Geschichte hören. Von den Fortschritten an der Treedsgow University und von meinem Krieg gegen den König der Banditen. Wie ich beinahe dem, Wahnsinn verfiel, von einem Wesen aus reiner Energie und dem Untergang der Welt.

REZENSION:

In den letzten Monaten ist mir immer mehr aufgefallen, dass ich nicht mehr wirklich gewillt bin, langatmige Geschichten zu lesen, welche über mehrere Bände ausgebreitet werden. Viel zu oft bin ich seit einiger Zeit enttäuscht worden. Insbesondere, wenn man einige Zeit auf den Nachfolgeband warten muss und dabei unter Umständen den Zugang zur Geschichte verliert.
Nun, die Serie um Godrics End von Carl Wilckens ist dabei eine rühmliche Ausnahme und ich bin immer wieder erfreut, wenn ich höre, dass ein neuer Band das Licht der Welt erblicken wird.
Mit 13 – Das Spiegelbild befinden wir uns nun bereits beim dritten Band und das grundsätzliche Prinzip hat sich in keinster Weise geändert: Godric sitzt in seiner Zelle und erzählt seinen Mitgefangenen über sein Leben.
Interessanterweise entspricht Godric überhaupt nicht den üblichen Protagonisten in fantastischen Geschichten. Godric End ist eher eine Art Antiheld und glänzt nicht gerade mit Sympathie. Nichts desto trotz folgt man seinen Erzählungen und dem dazugehörigen Leben voller Gewalt, phantastischen Wesen, Irrungen und Wirrungen, seine persönlichen Fehden, sowie den dazugehörigen skrupellosen Kämpfen.
Carl Wilckens erzählt auch im vorliegenden, dritten Band virtuos seine Geschichte und bedient sich dabei weitläufig in der Welt der Phantastik. Sein Ideenreichtum steht beinahe allein in weiter Flur und seine detaillierte als auch liebevolle Art des Erzählens zeugt von einem ungebremsten Schaffensreichtum, der hoffentlich noch lange nicht abbrechen wird.
Das düstere Leben von Godric End ist nicht nur interessant – nein, man möchte auch immer wissen, wie es denn nun weitergeht. Einerseits wünscht man sich ein stilvolles Ende herbei, andererseits möchte man weiterhin den Erlebnissen folgen und folgen und folgen.
13 ist mittlerweile so ziemlich die einzige Reihe, bei der ich mich bereits sehnsüchtig nach dem nächsten Band verzerre. Ich hoffe dabei sehr, dass Wilckens‘ Ideenreichtum auch weiterhin das bestehende Niveau als auch den Abwechslungsreichtum aufrecht erhalten kann und somit ein weiteres Spitzenwerk abliefern wird.
Auch 13 – Band 3 ist somit ein Highlight dieser Crossover-Serie und ich finde es absolut klasse, dass der Autor es bisher scheinbar problemlos geschafft hatte, seinen Plot immer besser zu entwickeln und keinen einzigen langweiligen Buchstaben zu integrieren.
Weiter so!
Godrics Erlebnisse sind und bleiben eine ganz besondere Empfehlung – wer ihn noch nicht kennt, sollte einfach beim ersten Buch zuschlagen, dieses herausragende Werk genießen und dabei berücksichtigen, dass die Reihe bisher immer besser geworden ist.
Jürgen Seibold/07.12.2019

Hansen, Thore D.: Die Reinsten

©2019 by Golkonda Verlags GmbH & Co. KG, München – Berlin
ISBN 978-3-946503-90-3
ca. 422 Seiten

COVER:

Die Erde im Jahr 2191: Hundertfünfzig Jahre nach einer verheerenden Zeit von Kriegen, Seuchen und Klimakatastrophen führt die künstliche Intelligenz Askit die letzten Überlebenden in eine Ära des Friedens. Elite der neuen Welt sind die Reinsten, die als Wissenschaftler für die Regeneration des Planeten arbeiten. Ihre Persönlichkeitsentwicklung wird von Askit ständig überwacht und gesteuert.

Eve Legrand wird von der KI in der wichtigsten Prüfung ihres Lebens als Reinste anerkannt. Doch anstatt von Askit ausgewählt zu werden, um die Erholung des Planeten von den Folgen des verheerenden Klimawandels voranzutreiben, wird sie ohne Erklärung verstoßen. Ihr bleibt nur die Flucht in die Zonen, die nicht von Askit kontrolliert werden. Eve wird dort mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die ihre gesamten Werte und Vorstellungen radikal infrage stellt. Und während sie beginnt, die Welt mit anderen Augen zu sehen, begreift Eve, dass Askit sie zum Werkzeug bestimmt hat: Es liegt in ihrer Hand, die Menschheit zu retten oder sie endgültig zu vernichten.

REZENSION:

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich endlich eine ansehnliche Zahl an Romanen mit den unausweichlichen Effekten des Klimawandels beschäftigen. Wie in den meisten ist es auch im vorliegenden Buch nicht gerade schön, was so alles auf uns zu kommt.
Thore D. Hansen stellt eine Welt dar, die absolut plausibel ist. Keinerlei Punkt wird beschönigt – im Gegenteil, seine Geschichte wirkt sehr wissenschaftlich und zeigt jeglichen Umstand einigermaßen detailliert ausgebreitet dar.
Die Reinsten ist somit eine Art Dystopie – eine „Art“ deshalb, da wir uns auf dem besten Wege dorthin befinden und eine Vielzahl bereits eingetroffen ist.
Fiktional bleibt beinahe nur die KI namens Askit, welche die Rolle des übergeordneten „Kümmerers“ übernommen hat. Somit prinzipiell schon einmal eine Verbeugung vor der außerordentlich gelungenen Idee mit einer Vielzahl an Fäden, die direkt mit unserer Gegenwart verbunden sind.
Dennoch konnte mich der Roman nicht wirklich überzeugen, geschweige denn begeistern. Dies liegt an der erzählerischen Vorgehensweise des Autors. Die schriftstellerische Qualität lässt nicht viel zu wünschen übrig, aber das Wort alleine reicht leider nicht, um einen Leser mitfiebern zu lassen. In diesem Fall dreht sich Thore D. Hansen leider zu oft im Kreis und man fragt sich, wann nun endlich der nächste Gang reingelegt und etwas Tempo aufgenommen wird. Darüber hinaus hatte ich keinen Zugang zur Hauptdarstellerin aufbauen können. Geschieht dies in einem Roman, versucht man als Leser andere Ebenen zu greifen, um noch ein wenig in das Geschehen eintauchen zu können. Da Eve in ihrer Rolle jedoch sehr dominant wirkt, ich nicht mit ihr warm geworden bin, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir über Sinn und Zweck dieser Story Gedanken machte.
Das ist sehr schade, da die Idee wahrlich gut ausgearbeitet worden ist und die dargestellte Welt nach der Klimakatastrophe nur eine Hand breit weg zu sein scheint. Nichts desto trotz wirkte alles etwas aufgesetzt und die handelnden Personen nahmen vieles zu leicht hin. Sobald jemand Kontur bekam, die Umstände aber für eine Änderung sprachen, drehte sich die Figur sogleich in die richtige Richtung und verlor dadurch erhebliche Glaubwürdigkeit.
Kurzum: Die Reinsten strotzt vor einer unglaublich gelungenen Idee und könnte sicherlich auch manchen Leser positiv überraschen. Für mich hat es leider nicht gereicht, da die Handlung durch die sehr ausführliche Buchbeschreibung nahezu abgesteckt worden ist und es keine außergewöhnlichen Überraschungen gab, um mich bei der Stange halten zu können.
Jürgen Seibold/28.11.2019

Anthologie: Oldschool Horror 1

©2019 Eldur Verlag, Aachen
ISBN 978-3-937419-30-5
ca. 190 Seiten

COVER:

Die Oldschool-Reihe von Eldur setzt auf klassischen Spannungsaufbau und tiefe Ängste, auf Hintersinn und doppelten Boden. Die Klassiker – dunkle Keller, Geister und Flüche – sind hier ebenso zu finden, wie moderne Varianten des Grauens. Die Geschichten sind überwiegend böse und gehen selten gut aus für die Protagonisten.

REZENSION:

Ein kurzer Blick in die Annalen meiner literarischen Seite zeigte mir im Vergleich zur Homepage des Eldur-Verlages, dass ich beinahe jede Veröffentlichung dieses kleinen, feinen Verlages rezensieren durfte. Dabei zeigte sich sehr deutlich, dass dabei jedes einzelne mir bekannte Werk einen guten Eindruck bei mir hinterlassen hatte.
Vor kurzem konnte man noch meine Meinung zum sechsten Band der kranken Fleisch-Reihe lesen und nun zeigt sich der Verlag plötzlich ganz Oldschool?
Nun, auch ich hatte beim Betrachten des Covers gewisse Erwartungen: Ich sah den klassischen Horror in einem alten Haus, Geister, knarrende Treppen, tiefe Keller, dunkle Ahnungen und ähnlichem im Stile der alten Klassiker des Genres.
Tja, der Eldur Verlag überrascht auch hier erneut: Ja, die Geschichten sind entgegen der Fleisch-Reihe reduziert auf klassischen Spannungsaufbau – was ich schon einmal perfekt finde. Gleichzeitig sind sie durchweg kein simpler Abklatsch längst vergangener Zeiten – nein, jeder der darin enthaltene Story legt das „alte“ Vorgehen in die heutige Zeit beziehungsweise zeigt, dass sich die zeitgenössischen Autoren schlicht weiter entwickelt haben und trotzdem (oder gerade deshalb?) in der Lage sind, eine Spielart des „klassischen“ Horrors zu schreiben und dem geneigten Leser darzubieten.
Wie in beinahe jedem Kurzgeschichtenband findet man auch hier Geschichten, die man als außerordentlich empfindet, Geschichten, die okay sind und eventuell Geschichten, die man im Augenblick nicht ganz so gut findet. In diesem Band trifft das auch zu, jedoch mit einem kleinen Nachsatz: Selbst die vermeintlich schlechteste Geschichte besitz ein herausragendes Niveau und somit handelt es sich hier erneut um eine herausragende Publikation des Verlags. Ich hoffe wirklich sehr, dass der Eldur Verlag auch in Zukunft sein geschicktes Händchen bei der Auswahl an Geschichten behält. Ich bin mir sicher, da stehe ich nicht alleine.
Oldschool Horror ist ein grandioser Start einer sehr interessant klingenden, neuen Reihe. Auch wenn ich mir noch ein klein wenig mehr „altertümliche“ Vorgehensweise (wie etwa in „Der falsche Fährmann“, „Das Haus in Athens“ und auch „Der Klinikfahrstuhl“) wünschen würde: Das hier bereits vorhandene Potpourri gibt mir keine Möglichkeit einer negativ angehauchten Kritik.
Jürgen Seibold/27.11.2019

Lovecraft, H.P.: Cthulhus Ruf – Das Lesebuch

Aus dem Amerikanischen von Andreas Fliedner und Alexander Pechmann
©2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70478-1
ca. 461 Seiten

COVER:

DIE BESTEN ERZÄHLUNGEN DES MEISTERS DER UNHEIMLICHEN PHANTASTIK

H.P. Lovecraft ist neben Edgar Allan Poe der Klassiker der modernen Horrorliteratur. Seine phantastischen Erzählungen erscheinen in hohen Auflagen und finden weltweit allergrößte Leserresonanz.

Phantastik-Experte Andreas Fliedner präsentiert in „Cthulhus Ruf – Das Lesebuch“ eine Gesamtschau des Lovecraft’schen Werkes in vierzehn ausgewählten Erzählungen, ergänzt um eine allgemeine Einführung zu Autor und Werk sowie Einleitungen zu den jeweiligen Schaffensphasen.

REZENSION:

In vorliegendem Lesebuch befinden sich folgende Geschichten von Howard Phillips Lovecraft:

Das Bild im Haus
Die Musik des Erich Zann
Der Außenseiter
Die Ratten in den Mauern
Das Fest
Kühle Luft
Cthulhus Ruf
Die Farbe aus dem All
Der Flüsterer im Dunkeln
Der Schatten über Innsmouth
Der Schrecken der Finsternis
Die Katzen von Ulthar
Hypnos
Der silberne Schlüssel

Diese Geschichten werden in diesem Werk in exakt der gerade genannten Reihenfolge dargeboten. Dabei handelt es sich um den Versuch des Herausgebers, den jeweiligen Schaffensphasen Lovecrafts gerecht zu werden: 1.) Klassisches und modernes Grauen; 2.) Kosmischer und irdischer Horror, sowie 3.) Poetische Schrecken und Bekenntnisse.
Jeder Phase ist eine Einleitung vorangestellt, deren Genuss sich als unglaublich interessant darstellt. Am Anfang des Buches befindet sich noch eine etwas längere, allgemeine Einleitung in die Welt dieses Klassikers der phantastischen Literatur. Auch diese ist jeden aufgeführten Buchstaben wert.
Die Geschichten selbst waren mir alle bereits ein Begriff – hatte ich doch schon vor vielen Jahren die gesamten Werke Lovecrafts mein Eigen genannt und nahezu alle mehrmals gelesen. Leider liegen mir die damaligen dünnen Büchlein nicht mehr vor, da ich sonst die Gelegenheit genutzt hätte und einen Vergleich der Übersetzung vornehmen hätte können.
Im vorliegenden Buch kommt mir diese nämlich sehr trocken vor – gleichzeitig zeigt sie sich als Notwendigkeit, da beinahe jeder Satz für sich alleine stehen könnte. Zeigt sich hier die schöpferische Kraft dieses zu Lebzeiten ehr missachteten Schriftstellers? Könnte sein, denn die verwendete Sprache der Übersetzung besitzt einen etwas altertümlichen Flair, leicht verschwurbelte Sätze, jedoch eine sprachliche Darbietung, die zwar Konzentration beim Lesen erfordert, dafür aber mit Sätzen belohnt, wie man sie sich heutzutage fast nicht mehr vorstellen kann.
Lediglich die etwas trockene wirkende Darbietung hätte mich im Vergleich zu früheren Übersetzungen sehr interessiert – vielleicht ergab sich der Eindruck lediglich durch den Umstand, dass ich die Geschichten bereits durchweg kannte und somit mein Gehirn des Öfteren beim lesen abzuschweifen begann. An den Geschichten Lovecrafts kann es jedoch nicht liegen und jeder, der sich ein wenig für die literarische Entstehung der phantastischen Literatur interessiert, sollte mindestens Poe, Stoker, Shelley und natürlich Lovecraft aus diesen längst vergangenen Zeiten kennen.
Ob es natürlich notwendig ist, einen weiteren Band auf mit lediglich einer Auswahl an Geschichten auf den Markt zu werfen, lässt sich sicher in Frage stellen – nichts desto trotz ist dieses Lesebuch eine gelungene Möglichkeit, sich zumindest teilweise mit dem Phänomen Lovecraft auseinander zu setzen.
Und allein dafür, dass ich mal wieder „Die Musik des Erich Zann“ lesen konnte, hat es sich für mich bereits gelohnt.
Jürgen Seibold/27.11.2019

Lostetter, Marina: Die Reise

Originaltitel: Noumenon
Aus dem Amerikanischen von Irene Holicki
Deutsche Erstausgabe 03/2019
©2017 by Little Lost Stories, LLC
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31827-4
ca. 558 Seiten

COVER:

Wir schreiben das Jahr 2125: Mehrere Konvois brechen von der Erde in unerforschte Regionen der Galaxis auf, um wissenschaftliche Erkenntnisse über rätselhafte astronomische Phänomene zu gewinnen. Konvoi Sieben hat zum Ziel, den Planeten LQ Pyxidis zu erforschen, der wie von einem Mantel – oder einer Dyson-Sphäre – umschlossen scheint und einen unerklärlichen Energieausstoß erzeugt. Bemannt sind nur die Schiffe mit Menschen, deren Genreihen während des Fluges geklont werden, denn selbst mit einem speziellen Antrieb, der sich einer Subdimension der Zeit bedient, dauert der Flug subjektive hundert Jahre – während auf der Erde etwa tausend Jahre vergehen. Bald kommt es unter der Besatzung zu Problemen: Raumkoller und Auflehnung gegen die starre Hierarchie sowie die ebenso starre Festschreibung der Lebensspanne, nach der jedes Mitglied ausscheiden muss. Als LQ Pyxidis endlich erreicht ist, sieht sich die Konvoi-Besatzung mit einer Alien-Technologie konfrontiert, die ihr völlig neue Rätsel aufgibt. Ist die Mission gescheitert? Und wie wird die Erde des Jahres 4100 auf die Forschungsergebnisse reagieren?

REZENSION:

Laut Beschreibung im vorliegenden Buch hatte sich die Autorin Maria Lostetter bisher als Erstellerin von Kurzgeschichten einen Namen gemacht. Der hier besprochene Science-Fiction-Roman mit dem Titel „Die Reise“ ist ihr erster Ausflug in die Welt der Romane.
Ihr Schreibstil und auch die innerhalb der Buchdeckel befindliche Geschichte ist sehr eingängig und auf interessante Weise erzählt.
Die Geschichte besitzt anfangs unglaublich viel Drive, der sich wohl durch die Aneinanderreihung von Kurzgeschichten ergeben hatte. Hier erkennt man sehr deutlich den schriftstellerischen Ursprung: Marina Lostetter ist noch nicht ganz in der Romanwelt angekommen und bearbeitete somit ihre groß angelegte Zukunftsgeschichte auf Basis von kurzen Geschichten, die zwar verknüpft sind, jedoch dennoch oft nahezu für sich stehen. Dieser Umstand sorgte für ein schwankenden Empfinden, da man manches mal hin und weg – an anderen Stellen jedoch eher enttäuscht ist. Eine Bearbeitung dieser Aspekte auf Basis von geschickt verwobenen Kapiteln hätte ihrem Output sicher sehr gutgetan. Nichts desto trotz ist „Die Reise“ für ein Debüt ein ganz gut gelungener Wurf. Dennoch muss ich anmerken, dass ihr anfänglicher Drive etwa beginnend mit der Rückreise des Konvois sehr nachgelassen hat. Auch dies liegt sicher an der bereits angesprochenen Darbietung.
Alles in allem ist „Die Reise“ ein ganz guter erster Wurf einer neuen Autorin. Relativ guter Unterhaltungswert mit einigen Schwächen, die man aber für einen Erstling nicht unbedingt hervorkehren muss. „Die Reise“ sorgt für einige nette Lesestunden, ohne besonderen Wert auf Tiefgang oder detaillierte Betrachtung ihrer grundsätzlichen Idee und dem Leben auf den Schiffen zu legen. Allein der soziologische Aspekt hätte einem anderen, erfahreneren Kollegen (Kollegin) der Zunft unglaublich viel Futter zur Darbietung gegeben.
Jürgen Seibold/27.11.2019

Heitz, Markus: Die dunklen Lande

©2019 Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-22676-6
ca. 540 Seiten

COVER:

EIN BLUTIGER KRIEG,
FINSTERE MÄCHTE UND MAGIE
ZWEI MUTIGE FRAUEN
STELLEN SICH DEM BÖSEN

1629. Der Dreißigjährige Krieg erschüttert Europa und tobt besonders gnadenlos in Deutschland. Die junge Abenteurerin Aenlin Kane reist in die neutrale Stadt Hamburg, um das Erbe ihres berühmten Vaters Solomon Kane zu finden. Dazu nimmt sie zusammen mit ihrer Freundin Tahmina, einer persischen Mystikerin, den folgenschweren Auftrag der West-Indischen Compagnie an: Eine zusammengewürfelte Söldnertruppe soll sich nach Bamberg durchschlagen und fünf Personen abholen, um sie sicher in die Hansestadt zu eskortieren. Was sie nicht wissen: Bamberg ist die Stadt grausamster Hexenprozesse. Und der Anführer der Truppe, Nicolas, verbirgt ein düsteres Geheimnis. Schon bald geht es für die Söldner nicht länger nur um den Auftrag, sondern um alles oder nichts. Um zu überleben, müssen Aenlin und Tahmina ihre Klingen mit der dämonischen Macht kreuzen, die die Wirren des Krieges zu ihrem Vorteil nutzen will.

REZENSION:

Schon mal vorweg: Das Buch „Die dunklen Lande“ bekommt durch die Integration von ausklappbaren Bildern aus der beschriebenen Zeit nicht nur einen Touch Wertigkeit, sondern auch das Gefühl der Darbietung von realen Begebenheiten.
Der Dreißigjährige Krieg wütete gnadenlos in unseren Gefilden. Neben den kriegerischen Gräueltaten wurden die Bürger auch noch mit der Pest konfrontiert. Als ob das nicht bereits an Gefahren ausgereicht hätte, zeigte sich zu dieser Zeit zusätzlich noch die Kirche von ihrer nicht gerade besten Seite und schon musste man sich in Acht nehmen, um sich nicht plötzlich auf dem Scheiterhaufen wieder zu finden.
Eine wahrlich düstere Zeit, die sich Markus Heitz als Setting für seinen Roman vornahm. Dieses Setting und die hinzugefügten, jedoch erfreulich dezent gehaltenen, fantastischen Elemente verwob der Autor zu einer prinzipiell rundum interessant klingenden Geschichte.
Als ich dabei auch noch feststellte, dass seine Protagonistin nicht nur den Namen Kane trägt, sondern auch noch die Tochter der sagenhaften, fiktiven (von Robert E. Howard erschaffenen) Figur Solomon Kane sein soll, war ich mir sicher, dass hier grundsätzlich nichts mehr falsch gemacht werden könnte.
Markus Heitz Einstieg hielt ich dabei sogleich gefangen: Er geht detailliert auf die Zeit ein, führt geschickt seine Personen ein und würfelt die Gruppe auf sehr humorvolle Weise zusammen. Ab diesem Augenblick wurde die weitere Vorgehensweise leider stark nachvollziehbar und es verlor sich ein wenig der Überraschungseffekt. Darüber hinaus schwenkte der Fokus stark in Richtung Söldnertruppe, wodurch die beiden außerordentlich interessanten und starken Frauenfiguren eher bass blieben. Schade, da diese sehr interessant klingend eingeführt worden sind und man sich als Leser problemlos komplett und uneingeschränkt auf sie einlassen konnte.
Durch den Schwenk auf die sehr linear gezeichneten Figuren der Söldnertruppe verlor sich jeglicher Überraschungseffekt, da deren Vorgehensweise durch ihre festgelegten, persönlichen Eigenschaften vorgegeben waren und dementsprechend von ihnen gelebt wurden.
Ab diesem Augenblick hatte man das Gefühl, dass die schriftstellerische Leidenschaft etwas verloren gegangen ist. Nichts desto trotz halte ich die grundsätzliche Idee weiterhin für herausragend und interessant. Ich finde, es sollte noch erheblich mehr Romane geben, die reale Begebenheiten mit dezenten Einflüssen aus der Fantastik vermischen. Da gibt es sicherlich noch sehr viel Potenzial. Bei „Die Dunklen Lande“ funktioniert es auch stellenweise und ich bin davon überzeugt, dass der Roman auch bei einer bestimmten Klientel absolut uneingeschränkt funktioniert. Etwas weniger Vorhersagbarkeit und ich könnte mich diesem Leserkreis problemlos anschließen.
Jürgen Seibold/23.11.2019

Scalzi, John: Verrat – Das Imperium der Ströme

Originaltitel: „The Consuming Fire“
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kempen
©2019 by John Scalzi
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2019 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-29980-5
ca. 381 Seiten

COVER:

Der Thron der Imperatox wackelt: Die großen Handelshäuser wollen Grayland lieber früher als später beseitigt sehen, und auch die Kirche steht nicht mehr fraglos hinter ihrem Oberhaupt.
Gleichzeitig schreitet der Zerfall des Imperiums weiter voran. Der erste Planet ist bereits von den interstellaren Strömen abgeschnitten, und bald droht auch allen anderen menschlichen Zivilisationen die Isolation – und damit ihr Untergang.
Grayland versucht mit allen Mitteln, das Imperium auf die bevorstehende Katastrophe vorzubereiten, doch die Zahl ihrer Verbündeten schrumpft …

REZENSION:

Bei „Verrat“ handelt es sich um den zweiten Band der mit „Kollaps“ begonnenen Trilogie mit dem Obertitel „Das Imperium der Ströme“.
John Scalzi zeigt auch im Nachfolgeband sein Talent in der wechselhaften Darbietung von Humor, Brutalität und Ernsthaftigkeit. Die prinzipielle Welt dieser Trilogie ist durch die planetenverbindenden Ströme sehr interessant und nachvollziehbar dargelegt. Die daraus entstehenden, mafiösen Strukturen setzen dem Ganzen nur noch eins drauf.
Dennoch konnte mich „Verrat“ nicht wirklich überzeugen – dies steht im krassen Gegensatz zu meiner Meinung über den ersten Band, der mich mit seinem Humor und ganz besonders mit seiner inhaltlichen Darbietung rundum begeistern konnte. Aus diesem Grund war ich auch ganz gespannt auf den Nachfolgeband. Nun stellt sich mir jedoch die Frage, ob es grundsätzlich am zeitlichen Abstand zwischen den Bänden liegen könnte: Irgendwie konnte ich beim Lesen von „Verrat“ nicht mehr wirklich in dieses Universum eintauchen. Die Personen waren mir etwas fremd und der noch in meinem Kopf verankerte Hauptstrang nicht schnell genug greifbar. Irgendwie werde ich in letzter Zeit das Gefühl nicht los, dass es eventuell sinnvoller wäre, die Vorgehensweise der Trilogien einfach bleiben zu lassen und dafür einen dicken Band zu veröffentlichen. Ich kann mich nämlich noch ganz gut daran erinnern, wie ungern ich „Kollaps“ geschlossen hatte – ich wollte einfach nahtlos weiterlesen.
Etwa ein Jahr und viele anderen Bücher später fehlt mir der erneute Zugang und somit spüre ich auch keinen Drang zum finalen Band.
Vielleicht funktioniert das Prinzip noch bei Lesern, die ab und an Bücher zur Hand nehmen oder einfach warten, bis eine Reihe komplett veröffentlicht ist und man somit nahtlos dem gesamten Handlungsstrang folgen kann. Mich hat es in diesem Fall jedenfalls im Stich gelassen, wodurch das Imperium der Ströme einen zukünftigen Leser weniger haben wird – nichts desto trotz werde ich John Scalzi weiterhin im Auge behalten, da er schlichtweg ein grandioser Erzähler ist und mich dann bestimmt mit einer neuen Idee wieder für sich gewinnen kann.
Jürgen Seibold/23.11.2019

Anthologie: Fleisch 6

Vollständige Taschenbuchausgabe 2018
©Eldur Verlag, Aachen
ISBN 978-3-937419-25-1
ca. 196 Seiten

COVER:

Bevor Sie dieses Buch in die Hand nehmen, sollten Sie sicher sein, dass Sie einiges verkraften können. – Den Spruch kennen unsere Altleser schon auswendig. Doch hat er nichts von seiner Aktualität verloren.

Zum sechsten Mal servieren Ihnen ausgewählte deutschsprachige Horror-Autoren ein extremes Menu aus Fleisch, Blut, Sex und Tod.

In dieser Ausgabe sind die Geschichten allesamt sexuell aufgeladen, wenn nicht gar pornös.

FLEISCH – die Königin der deutschsprachigen Horror-Anthologien. Oft kopiert, nie erreicht.

REZENSION:

Als ich meine Rezension zum fünften Band der Fleisch-Reihe schrieb, war ich noch ein wenig irritiert ob der vermehrt auftretenden Horror-Fantasien, die in sexuellen Eskapaden der verrücktesten Art enden. Dies warf ich dabei als leicht negativen Punkt in die Runde, da dieser Umstand im genannten Band für zu schnelle Abstumpfung beim Leser sorgte.
Nun also Fleisch Nummer 6 und wie sollte es auch anders sein: Der Verlag schnappt sich diese doppeldeutige Zahl und schreibt ganz frech SEX auf das Cover. Das Programm wäre somit vorgegeben und mir bleibt nichts anderes übrig, als dies zu akzeptieren und somit darüber hinweg zu sehen.
Fleisch Sex ist wieder vollgestopft mit den kranksten Geschichten, die mir trotz meiner Vielzahl an gelesenen Stories jemals vorkamen. Erneut finden sich 15 Geschichte von teils (mittlerweile) namhaften deutschen Autoren. Gleichzeitig ein schönes Spiegelbild der kommenden Autorengeneration – independent sozusagen.
Mir selbst liegt dieses Werk schon einige Zeit vor – ich habe mich aber bewusst dazu entschieden, diesen Band nicht in einem Zug zu lesen, sondern nach jeder Geschichte eine Pause zu machen, um wieder in den Alltag zu finden 🙂
Teilweise habe ich mir zwar ein wenig zu lange Zeit gelassen, dies lag aber daran, dass ich schlicht die Mitfahrer in der U-Bahn nicht verstören wollte. Mit diesem Werk muss man sich zu Hause eine kleine Ecke suchen und dann hoffen, dass man nach dem Lesen daraus wieder herzukommen in der Lage ist.
Die Geschichte sind durchweg hochwertig und interessant erzählt. Wenn ich diese krankhaften Ideen und Beschreibungen außen vorlasse, zeigt sich eine herausragende Qualität. Somit bleibt auch dies weiterhin Programm: Die Fleisch-Reihe ist eine kunstvolle Darbietung des Möglichen.
Gleichzeitig darf man aber einen eventuell noch unbedarften Leser nicht ohne Warnung auf den Inhalt loslassen – denn jegliche Story trieft vor Wahnsinn, Blut, Perversitäten, Kannibalismus, Folterungen der übelsten Art und noch vielen mehr. Dennoch wird versucht, dies nicht nur zu zeichnen, sondern eben auch in eine nachhaltige Geschichte einzuweben. Dies ist auch nahezu jedem Autor ganz gut gelungen.
Es muss aber auch jedem Erzähler hierin klar sein, dass sie sich von den Menschen mit den weißen Turnschuhen fernhalten sollten.
Alles in allem eine rundum gelungene Fortsetzung – hier mit reinem Fokus auf fleischliche Vorgänge der übelsten Art. Ich persönlich würde mir nun für den ein oder anderen Band wieder eine kleine Rückbesinnung zum eigentlichen Horror wünschen. Wie bereits bei Band 5 gesagt, stumpft man etwas ab – lösen lässt sich dieser Umstand nur durch den einzelnen Genuss einer Story, einige Tage Pause und dann der erneute Griff zum Büchlein, um die nächsten kranken Erlebnisse lesen zu können.
Volle Punktzahl gibt es dennoch von mir, da diese Reihe für sich alleine steht, der Klientel weiterhin hochwertigen Wahnsinn bietet und das Niveau seit Anbeginn durchgehend hochwertig ist und bleibt.
Jürgen Seibold/09.11.2019

King, Stephen: ES

Originaltitel: IT
Aus dem Amerikanischen von Alexandra von Reinhardt und Joachim Körber. Bearbeitet und teilweise neu übersetzt von Anja Heppelmann.
Vollständige Taschenbuchausgabe 09/2019
©1986 by Stephen King
©1990, 2011 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-50408-0
ca. 1.534 Seiten

COVER:

1957 hat alles begonnen: Der kleine George ist das erste Opfer. Und dann bricht Es wie die Pest über die Stadt Derry herein, eine Gräueltat folgt der anderen … Über 25 Jahre später: Mike Hanlon ruft sechs Freunde zusammen und erinnert sie an den Schwur, den sie einst geleistet haben. Sollte Es, sollte das namenlose Böse noch einmal auftauchen, wollen sie sich wieder in Derry treffen. Damals sind die Freunde in die Abwasserkanäle gestiegen, als Kinder haben sie Es gejagt und zu töten versucht. Aber Es wurde nur verletzt. Und jetzt geht das Grauen wieder um, daran besteht kein Zweifel. Einer der Freunde kann zu dem Treffen nicht mehr kommen. Er liegt blutverschmiert in seiner Badewanne. Offensichtlich Selbstmord …

REZENSION:

Im zarten Alter von 15 Jahren – mitten in den herausragenden 80er Jahren – begann meine Leidenschaft zu einem der sicherlich größten Autoren unserer Gegenwart: Stephen King.
Bekannt als Bücherwurm wurde ich mehrmals in der Schule auf dieses Buch hingewiesen. Die hohe Frequenz dieser Hinweise ließen mich jedoch eher abschrecken. Als Leser abseits des Mainstreams konnte es sich hierbei doch wohl nur um Mainstream handeln – wie könnte es denn sonst sein, dass plötzlich gefühlt jeder dieses Buch in Händen hält.
Gut, eines Tages führte mich der Weg in die örtliche Bücherei. Trotz des tiefkatholischen Trägers standen zwei Werke von Stephen King im Regal der Phantastischen Literatur: Shining und Es. Nachdem momentan wohl jeder Es zu lesen schien, entschied ich mich für Shining als das erste Werk, welches ich von diesem für mich recht neuen Autoren lesen sollte.
Sorgte Shining bereits dafür, dass ich diesem Schriftsteller gnadenlos ausgeliefert wurde, verfestigte sich dies bei der Lektüre von ES nur noch.
Jahre später – man muss bedenken, dass es eine Zeit der Buchclubs und lange vor den Möglichkeiten eines Internets – stellte ich erst fest, dass ich lediglich eine gekürzte Fassung dieses Blockbusters zu mir genommen hatte. Somit fehlten mir bei den mehrmaligen Lese-Wiederholungen jeweils etwa 400 Seiten zur ungekürzten Variante.
Mittlerweile habe ich auch diese bereits mehrmals gelesen und lauschte auch schon der englischen Variante des Hörbuchs. Wie man merkt, entwickelt sich dieses Werk zu meinem Alltime-Lieblingsbuch und ich gehe sogar weiter: ES steht bei mir über allen je gelesenen Büchern – und ich lese wahrlich nicht wenig…
Nun brachte der Heyne-Verlag zur Veröffentlichung der gut gelungenen, zweiteiligen Verfilmung das Werk in einer neuen Ausgabe heraus. Inhaltlich nicht geändert, ungekürzt und durch ein dem Film entsprechendes Cover gestaltet. Diese Veröffentlichung ließ mir absolut nichts übrig, als mich zum nun sicherlich zehnten Male diesem Werk zu widmen. Und: Ich machte das erneut mit voller Freude auf den Inhalt und dem Wiedersehen des Clubs der Verlierer.
Beim Genuß von ES stellt man sehr schnell fest, dass es sich hier nicht um einen typischen Horror-Roman handelt. Interessanterweise zählt es dennoch fast nur in diese Riege.
ES ist aber vielmehr und wenn man die Gesamtseitenzahl von ca. 1.500 betrachtet, dann sei jedem gesagt, dass ES selbst beinahe nur als Randfigur beziehungsweise als Antrieb der jeweiligen Handlungen auftritt und notwendig ist. ES ist eine Geschichte über die Geschehnisse in einer kleinen bürgerlichen Stadt in Maine. ES ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden. ES ist eine Geschichte über Freundschaft. ES ist eine Geschichte gegen Rassismus, gegen Engstirnigkeit, gegen Gewalt in der Familie, gegen Kleinbürgertum, gegen das Vergessen…
Noch viel mehr lässt sich hierzu aufzählen – und noch niemals ist mir ein Roman mit einer erzählerischen Kraft gereicht worden, die nur ansatzweise an die Macht dieses Werkes herankommt.
Wer ES als lapidaren Horrorroman abtut hat es mit Sicherheit nicht gelesen beziehungsweise verstanden. Gleichzeitig könnte es sein, dass Leser der jüngeren Generation mit der detailreichen Darlegung der 50er und 80er Jahre Schwierigkeiten mit dem persönlichen Eintauchen in die Story bekommen. Ich selbst fühle mich jedes Mal zu Hause, wenn ich diese Geschichte von neuem beginne. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, dass sich zwischen den Umschlägen auch ein Teil meines Lebens befindet.
Bereits beim Schließen des Buches fragte ich mich, wann ich es erneut lesen werde. Momentan stelle ich mir doch tatsächlich vor, mich diesem Werk jedes Jahr widmen zu wollen.
ES ist und bleibt auch weiterhin in meinen Augen das Buch, an dem sich jegliche anderen Bücher messen lassen müssen.
ES ist die Mutter der Bücher – und nicht nur im Genre des Horrors.
Ich freue mich schon auf das nächste Mal…
Jürgen Seibold/03.11.2019

Golden, Christopher: Something She Lost

Originaltitel: Wildwood Road
Ins Deutsche übersetzt von Stephanie Pannen
©2008 by Christopher Golden
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe by Amigo Grafik GbG
ISBN 978-3-95981-971-8
ca. 399 Seiten

COVER:

Michael und Jillian Dansky haben alles, was man sich wünschen könnte – eine glückliche Ehe, erfolgreiche Karrieren, eine strahlende Zukunft. Doch ein kleiner Fehler in einer düsteren Oktobernacht ändert alles. Nach einer Halloweenparty döst Michael am Steuer kurz ein – und als er wieder aufwacht, ist nichts mehr, wie es war.

Michael kann gerade noch rechtzeitig bremsen, als er das kleine Mädchen auf der Straße sieht. Aus Sorge um das Kind bringt er sie nach Hause – aber das Gebäude, in dem sie zu leben behauptet, steht leer, und das Mädchen verschwindet wieder mit den Worten: „Komm und finde mich!“ Doch jemand – oder etwas – will verhindern, dass Michael das Mädchen wiederfindet. Plötzlich wird Michael verfolgt. Und seine Frau Jillian scheint wie ausgewechselt …

REZENSION:

Michael und Jillian feiern Halloween. Dabei schauen beide ein wenig zu viel ins Glas – dennoch fahren sie noch mit dem Wagen nach Hause, da Michael der Meinung ist, dass aus seiner Sicht noch alles in Ordnung ist. Als er aus einem Sekundenschlaf wieder erwacht sieht er eine Kurve vor sich und schafft es gerade noch, einen Unfall zu vermeiden. Im Zuge dieser vermeintlichen Rettungsaktion taucht plötzlich ein Mädchen am Straßenrand auf, was ihn zu erneuten hektischen Lenkbewegungen zur Vermeidung eines noch viel dramatischeren Unfalls nötigt.
Das Mädchen selbst wirkt verstört – was natürlich im Angesicht eines knappen Zusammenstoßes nichts Ungewöhnliches darstellt. Michael schafft es, sie in seinen Wagen zu lotsen und möchte sie nach Hause fahren. Jillian selbst bekommt von dieser ganzen Misere auf der Rückbank absolut gar nichts mit – scheinbar hat sie doch tiefer in das Glas geschaut, als Anfangs gedacht.
Warum das Mädchen tiefnachts auf der Straße steht lässt sich nicht aus ihr herausbekommen. Alles wirkt sehr mysteriös – auch der lange und kurvenreiche Weg zu ihrem angeblichen Haus irritiert Michael. Das Haus selbst wirkt nicht sehr einladend und als das Mädchen eintritt, hinter lässt sie noch den Ruf „Komm und finde mich!“.
Ab diesem Augenblick änderte sich das Leben Michaels rundum. Er wirkt immer verfahrener in seinen Tätigkeiten und beginnt zwanghaft dieses Mädchen wieder zu finden. Demgegenüber wird auch die Beziehung zu Jillian auf eine schwere Probe gestellt, da sie sich seit diesem Abend ebenfalls extrem ungewöhnlich verhält und dabei immer aggressiver in jeglichem Gebaren wird.
Christopher Goldens „Something She Lost“ hat im Original bereits zehn Jahre auf dem Buckel – aktuell scheint sich der Autor jedenfalls einen Namen in unseren Gefilden zu machen und somit können wir nun ebenfalls immer mehr seiner Bücher in unserer Sprache widmen.
„Something She Lost“ klingt gemäß der Coverbeschreibung beinahe nach einem typischen Haus-Gruselroman – dies trifft jedoch nur in geringem Maße zu. Wir begleiten hauptsächlich Michael auf seiner rätselhaften Suche nach diesem mysteriösen Mädchen. Dabei driftet er immer weiter in den Wahnsinn herab. Als ob dies nicht bereits genug sein könnte, wird er darüber hinaus auch noch von geisterhaften Erscheinungen verfolgt und gequält.
Goldens Geschichte ist relativ ruhig geschrieben. Der Autor lässt sich viel Zeit mit seinen Protagonisten und man fragt sich des Öfteren, wohin die Reise innerhalb des Plots gehen mag. Nach und nach entwickelt sich ein typisches Szenario, wie man es von früheren Romanen des Genres kennt. Christopher Golden legt somit einen beinahe typischen Roman der klassischen Gruselliteratur vor. Geschickt erzählt mit einem Touch aus der Welt des Übernatürlichen.
Von oben betrachtet kommt es nicht an die erzählerische Kraft seines Romans „Der Fährmann“ heran, bietet dennoch ausreichende Unterhaltung für einige nette Stunden mit wohligem Gruseleffekt der alten Schule.
Jürgen Seibold/02.11.2019

Tchaikovsky, Adrian: Im Krieg

Originaltitel: Dogs Of War
Aus dem Englischen von Peter Robert
Deutsche Erstausgabe 7/2019
©2018 by Adrian Tchaikovsky
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32024-6
ca. 381 Seiten

COVER:

„Mein Name ist Rex. Ich bin ein guter Hund.“ Und das ist auch alles, was Rex, eine sogenannte technisch optimierte Bioform, in seinem Leben möchte – ein guter Hund sein und seinem Herrn gehorchen. Gemeinsam mit seinem Rudel kämpft Rex in einem seit Jahrzehnten andauernden Krieg, und wenn sein Herr sagt „Töte!“, dann tötet Rex. Wieder und wieder. Als sein Herr eines Tages vors Kriegsgericht gestellt wird, kommen Rex jedoch Zweifel. Was soll er tun, wenn er keinen Herrn mehr hat, der ihm befiehlt? War es möglicherweise falsch, blind zu gehorchen? Und haben er und die anderen Bioformen überhaupt ein Anrecht auf Freiheit und ein eigenes Leben?

REZENSION:

Nach dem rundherum fulminanten und epochalen „Kinder der Zeit“ war ich sehr gespannt auf das vorliegende Werk mit dem Titel „Im Krieg“ von Adrian Tchaikovsky.
Tchaikovsky erzählt darin eine Geschichte über eine mögliche Zukunft des Krieges: Bioformen unterstützen den Menschen beim Kampf. Sie wurden dementsprechend gezüchtet beziehungsweise erschaffen, damit sie uneingeschränkt ihrem Herrn gehorchen und somit skrupellos über Leichen gehen. Ein simpler Tötungsbefehl und der treue Hund als auch die weiteren Mitglieder seines vielseitig aufgebauten Rudels töten, ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden. Nachdem jedoch die ehemaligen Lebewesen auch gedanklich ein neues Niveau erreicht haben, beginnen sie jedoch, sich nach und nach mit gewissen persönlichen Auseinandersetzungen zu beschäftigen. Dies verstärkt sich in dem Moment, als ihr Herrchen von einem Augenblick zum anderen nicht mehr für sie erreichbar ist.
Tchaikovsky entwickelt eine sehr interessante Parabel und sorgt somit für gedanklichen Tiefgang. Durch seinen sprachlichen Kniff lenkt er den Leser direkt in die Gedankengänge seines Hauptdarstellers – gleichzeitig ist dies aber auch der Punkt, welcher in meinen Augen dafür sorgte, dass ich zu diesem Werk keinen nachhaltigen Zugang finden konnte.
Erzählungen in der Ich-Form machen mir es häufig etwas schwer – in diesem Fall konnte ich mich darüber hinaus nicht mit der erzählenden Figur identifizieren. Aus diesem Grund spürte ich zwar die Kraft der Geschichte, konnte diese aber leider nicht rundum genießen.
„Im Krieg“ ist dennoch ein hochinteressanter Plot mit einer klaren Botschaft – eine Erzählform im Stile „Kinder der Zeit“ hätte bei mir sicherlich besser funktioniert. Hat man kein Problem mit dieser schwenkenden Art des Erzählens, findet man in „Im Krieg“ einen sehr interessanten Plot, der mehr bietet als reine Unterhaltung.
Jürgen Seibold/01.11.2019

Scharer, Whitney: Die Zeit des Lichts

Originaltitel: The Age of Light
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
©2019 by Whitney Scharer
Für die deutsche Ausgabe ©2019 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96340-3
ca. 392 Seiten

COVER:

„Ich würde lieber ein Bild machen, als eines zu sein“ – zu dieser Erkenntnis kommt Lee Miller im Alter von zweiundzwanzig Jahren, und so gibt sie ihre Modelkarriere in New York auf, um nach Paris zu ziehen. Geld oder einen Plan hat sie nicht, dafür aber eine Kamera, mit der sie die französische Hauptstadt erkundet. Inmitten der schillernden Künstlerwelt der Dreißigerjahre verliebt sie sich in den ebenso genialen wie eifersüchtigen Man Ray, der sie als Assistentin einstellt und sie in seinem Studio unterrichtet. Ihre Freunde sind Picasso und Cocteau, gemeinsam durchtanzen sie die Nächte und machen Ausflüge ans Meer. Lee jedoch kämpft vor allem darum, in dieser Welt männlicher Genies selbst als Künstlerin ernstgenommen zu werden. Berühmt wird sie erst in den Kriegsjahren und mit den Fotografien, die sie im besiegten Deutschland macht, in den befreiten Konzentrationslagern und in Hitlers Badewanne. Whitney Scharer zeichnet das Porträt einer glanzvoll abgründigen Epoche und einer Frau, die sich nie vereinnahmen ließ.

REZENSION:

In ihrem Debütroman „Die Zeit des Lichts“ erzählt Whitney Scharer vom Leben der Fotografin Lee Miller.
Lee Miller war eine sehr selbstbewusste Frau in einer Zeit, in der das weibliche Geschlecht eher als Figur im Schatten ihres Partners zu stehen hatte. Gleichzeitig eine Epoche voller Tatendrang, neu aufstrebenden Künstlern, neuen Möglichkeiten und kurzzeitig unbehelligt von irgendwelchen Kriegen.
Lee Miller selbst begann als erstes eine typische Modelkarriere, hielt sich dort aber nie wirklich aufgehoben, da sie sich nicht als reines Objekt verkaufen wollte. Aus diesem Grund schwenkte sie in die Welt der Fotografie und entwickelte sich zu einem hartnäckigen Konterpart zu ihrer ebenfalls in diesem Sujet sehr bekannten Liebesbeziehung namens Man Ray.
Wie oft üblich, begann auch Lee Miller ihre ersten Erfahrungen als Assistentin eines bereits hochrangigen Fotografen zu machen. Dabei ist es natürlich hilfreich, dass dieser bereits bekannte Fotograf Man Ray ist, wodurch sich ihre Beziehung natürlich auch in diesem Thema verfestigte. Durch diesen tiefgehenden Kontakt findet findet sie den Zugang zur Welt der Kunst und versuchte darin alles, um nicht nur Ernst genommen zu werden, sondern auch glaubwürdige Anerkennung zu finden.
Richtig berühmt wurde Lee Miller erst als Kriegsfotografin, die sich nicht davor scheute, die Gräueltaten im besiegten Deutschland nachhaltig und bedrückend festzuhalten.
Leider ist in Whitney Scharers Werk dieser außerordentlich interessante Part des Lebens von Lee Miller eher nebensächlich erzählt. Darüber hinaus fehlte mir als Liebhaber der Fotografie das umfängliche, liebevolle und detaillierte Eingehen in diese Thematik. Lee und Man lebten in einer Zeit, in der es das simple „Knipsen“ noch nicht gab und somit wäre es sehr interessant gewesen, wenn die Autorin auch dieses Thema stärker beleuchtet hätte.
Bereits dadurch hat in meinen Augen der Roman bereits an Kraft und Stärke verloren – immerhin handelte es sich hier um die wirkliche Leidenschaft Millers, mit einem wahren Hürdenlauf bis zum Durchbruch als echte Künstlerin.
Lee Miller wäre ein leuchtendes Beispiel für eine kraftvolle Hauptdarstellerin, die sich in einer männerdominierenden Welt durchsetzt. Dennoch scheint in diesem Werk die Liebesgeschichte mit all ihren Höhen und Tiefen die hauptsächliche Rolle zu spielen, wodurch der ursprüngliche Ansatz an Glanz verloren hat. Man liest von vielen Partys, irrwitzigen Veranstaltungen und interessanten Personen des Kunstgeschehens – dennoch wird lediglich die Beziehung zwischen Ray und Miller im Detail beleuchtet; obwohl doch nahezu alles andere erheblich interessanter wäre und auch mit Sicherheit mehr Zündstoff beinhalten würde. Allein ihre Tätigkeiten in den ausgehenden Wirren des 2. Weltkriegs hätten bereits das Potenzial für eigene Romane. Ihr Weg vom vor der Kamera stehenden Model zur eigenständigen und erfolgreichen Fotografin ebenso. Whitney Scharer reißt dass alles an, dennoch bleibt in der Gänze nicht sehr viel mehr übrig als ein Liebesroman mit zwei real existierenden Personen. Sozusagen eine glatt gebügelte Biographie. Gut geschrieben, eingängig zu lesen, trotzdem für mich als Freund der künstlerischen Fotografie erheblich zu wenig in der Umsetzung. Die fotografischen Themen und ihr Weg hin zur künstlerischen Fotografin und im Anschluss ihre Erlebnisse als Kriegsfotografin hätten mich erheblich mehr interessiert als kleinliche Streitigkeiten zwischen ihr und ihrem eifersüchtigen Konterpart.
Jürgen Seibold/26.10.2019

Tolkien, J.R.R.: Geschichten aus dem gefährlichen Königreich

Originaltitel: Tales from the Perilous Realm
Für die deutsche Ausgabe: ©1975/1984/1999/2011/2019 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96449-3
ca. 336 Seiten

COVER:

Alle Geschichten jenseits von Mittelerde zum ersten Mal im Taschenbuch.

Die von dem bekannten Tolkien-Künstler Alan Lee illustrierte Ausgabe enthält:
Bauer Giles von Ham,
Roverandum,
Die Abenteuer des Tom Bombadil,
Der Schmied von Großholzingen,
Blatt von Tüftler.

REZENSION:

Bei „Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ von J.R.R. Tolkien fragte ich mich als erstes, ob hier erneut Fragmente aus dem Vermächtnis des großartigen Schriftstellers hervor gekramt worden sind und man viel persönliche Liebe zur Welt des Autors benötigt, um dem Buch etwas abgewinnen zu können.
Erfreulicherweise hatte ich mich getäuscht, denn in diesem Buch treffen wir auf fünf märchenhafte Erzählungen, von denen zumindest vier absolut nichts mit dem Herr-der-Ringe-Kosmos zu tun haben. Lediglich Tom Bombadil ist eine bekannte Figur aus Mittelerde – die hier aufgeführte Geschichte ist in diesem Werk – zumindest aus meiner Sicht – auch die schwächste. Dies liegt aber ausschließlich an der Erzählform, da es sich bei „Die Abenteuer des Tom Bombadil“ um mehrere in Gedichtform erzählte Werke handelt. Dieser Art des Erzählens konnte ich bereits als Schüler nicht viel abgewinnen und so begeisterte mich auch dieser Part nicht besonders – dennoch: sprachlich gibt es nichts einzuwenden und die Erlebnisse Bombadils sind nicht uninteressant.
Wahrlich gigantisch sind im vorliegenden Buch die übrigen vier Kurzgeschichten. Jede davon losgelöst von der Mittelerde und jede davon alleine in sich funktionierend und wahrlich sagenhaft.
„Bauer Giles von Ham“ ist dabei mein absoluter Favorit. Ich habe schon lange nicht mehr eine generationsübergreifend funktionierende Geschichte gelesen, die rundum überraschend und voller Witz ausgebreitet ist. Ich hätte noch erheblich mehr über den von Glück verfolgten Bauern lesen können. Hut ab vor dieser Geschichte. Dem gefolgt kommt „Roverandom“, bei der ich mich bereits fragte, wie die bereits vorhandene Qualität aufrechterhalten werden könnte. Tolkien scheint aber auch ein König der vordergründig simplen Geschichte zu sein, handelt es sich dabei doch um eine Art „Gute-Nacht-Geschichte“ für Kinder, die aber ebenso bei mir problemlos Wirkung zeigen konnte. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann mich zum letzten Mal eine Geschichte mit einem Hund als Hauptdarsteller dermaßen begeistern konnte. Hier trifft man wirklich auf alles Mögliche: Der Mann im Mond spielt eine zentrale Rolle, wir begegnen Zauberern, Meereswesen und noch vielem mehr. Eine echte Fabel mit einem dezenten Nachhall, der dem Ganzen eine Krone aufsetzt und somit ebenfalls bei jedem Eindruck hinterlassen sollte.
Nach den Abenteuern von Tom Bombadil folgt „Der Schmied von Großholzingen“. Eine Geschichte in der Tolkien sein Faible für elbische Einflüsse geschickt aufblitzen lässt. Voller Witz schafft er es auch hier, für eine dezente Nachdenklichkeit zu sorgen, ohne dabei irgendeinen Finger heben zu wollen. Last but not least noch die fast am Anspruchsvollsten wirkende Geschichte mit dem Titel „Blatt von Tüftler“. Hierin scheint Tolkien seinem Leser etwas mehr mitgeben zu wollen. Nichts desto trotz verströmt sie einen Charme, wie er besser nicht sein kann.
„Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ ist in meinen Augen ein Abschluss wie er besser nicht sein kann. „Abschluss“ meine ich bewusst in Hinblick auf die letzten Veröffentlichungen, die zum Teil nur schwer verdaulich waren, beziehungsweise nur bei echten Fans funktionieren konnten.
„Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ funktioniert uneingeschränkt bei jedem einigermaßen menschlich gebliebenen Leser – ein klein wenig erhaltene Kindheit wäre jedoch hilfreich. Ich werde jedenfalls mindestens 4 dieser 5 Geschichten in meinem Herzen behalten, wobei ich ein absoluter Fan von Bauer Giles geworden bin…
Jürgen Seibold/15.10.2019