John Gwynne: Macht – Die Getreuen und die Gefallenen 1

Originaltitel: Malice – The Faithful and the Fallen 1
Aus dem Englischen von Wolfgang Thon
Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2017 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Random House GmbH, München
©John Gwynne 2012
© der deutschsprachigen Ausgabe: 2017 by Blanvalet
ISBN 978-3-7341-6119-3
ca. 832 Seiten

COVER:

Das, was die Menschen die Verfemten Lande nennen, war einst das Reich der Giganten. Aber der Krieg hat die Welt verändert und die Giganten fast ausgelöscht. Einzig ihre uralten Bauwerke prägen als Ruinen das neue Reich der Menschen. Doch was einst Legende war, bahnt sich erneut den Weg in die Verfemten Lande: Wesen aus Mythen werden lebendig, Steine weinen Blut, und eine Prophezeiung erzählt von der Wiederkehr der Götter.
Der junge Corban ben Thannon ahnt nichts von alledem. Er begehrt nur eines: Endlich der Hufschmiede seines Vaters zu entfliehen und das Kriegshandwerk zu lernen. An der Seite König Brenins will er Heldentaten verrichten. Aber an dem Tag, als er alles verliert, was er liebt, beginnt Corban zu ahnen, dass wahrer Mut, bedingungslose Treue und blutiger Sieg einen hohen Preis fordern.

REZENSION:

John Gwynnes Debüt-Fantasy-Epos hat bereits einige wenige Jahre auf dem Buckel. Nun gibt es seit diesem Jahr dieses Werk auch auf dem deutschen Markt und bereits wegen der Beschreibung und der schönen Buchgestaltung war ich sehr an dem Inhalt interessiert.
Mit seinen etwas über 800 Seiten bereits ein nicht gerade dünnes Buch ist es gleichzeitig erst der erste Band über Corban und seine Welt.
Corban ist ein Junge, der in einer mittelalterlich wirkenden Welt lebt und sich – wie eigentlich jeder Junge seines Alters – danach sehnt, das Kriegshandwerk zu erlernen und für seinen König in den Kampf zu ziehen.
John Gwynne erschafft eine Welt, der man deutlich anmerkt, dass hier der Game-Of-Thrones-Hype nicht nur eine Rolle spielte, sondern wohl auch Pate stand. Die Geschichte selbst entspricht den üblichen Fantasywerken und erfindet nichts wirklich neues. Dennoch konnte mich das Buch absolut überzeugen und ich versank direkt in den Seiten.
Gwynne erschafft eine rundum durchdachte Welt, gefüllt mit Menschen, die stark dem Mittelalter entnommen zu sein scheinen und Wesen, die scheinbar direkt aus alten Legendenerzählungen entsprungen sind. 800 Seiten sind normalerweise ein Zeitvertreib, der einige Zeit in Anspruch nimmt – aber bereits am ersten Tag war es mir nicht mehr möglich, damit auf zu hören und somit verschlang ich da bereits die ersten 300 Seiten. Bei meiner täglichen U-Bahn-Fahrt war ich jedesmal enttäuscht: Nicht, weil das Buch schlecht wäre, sondern einzig deshalb, weil mein Ausstiegspunkt gefühlt einfach zu schnell erschien und ich gezwungenermaßen das Buch schließen musste.
Ich kann nicht genau differenzieren, woran es bei diesem Werk lag, denn eine Geschichte mit diesem Inhalt gibt es bereits in einer Vielzahl unterschiedlichster Fantasy-Romane. Dennoch hat es der Autor in meinen Augen virtuos geschafft, seine Personen als auch die jeweiligen Königreiche und Kontrahenten plastisch, tiefgehend und mehrdimensional gezeichnet wirken zu lassen. Seine Kapitel sind nicht allzu lang und tragen durchweg den Namen der aktuell im Vordergrund handelnden Person. Antagonisten sind nicht immer sofort zu erkennen – Protagonisten können manchmal auch eine andere Entwicklung durchleben als gedacht. Neben Corban verliebt man sich in eine Vielzahl an handelnden Personen und ganz besonders hat es mir Sturm angetan, die Woelven Corbans.
Es ist schier unglaublich, dass es sich hierbei um ein Debüt handeln soll. Hierin steckt Qualität und eine perfekt durchdachte Geschichte. Ich bin beinahe enttäuscht, dass ich das Buch nun bereits beendet habe – freue mich aber auch dementsprechend auf die Folgebände. Dabei hoffend, dass Corban nicht zu schnell sein jugendliches Alter verliert, denn als Erwachsener könnte er unter Umständen manche Eigenschaft verlieren.
Kurzum: Ein verdammt gelungenes, spannendes und mit Intrigen sowie Reichskämpfen gefülltes Buch. Rundum empfehlenswert!
Jürgen Seibold/14.10.2017

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Faye Hell: Tote Götter

©2017 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein
ISBN 978-3-95869-293-0
ca. 496 Seiten

COVER:

Hannah ist unheilbar krank. Nach einer Amerikareise wird sie zusätzlich zu ihren körperlichen Symptomen von grauenhaften Visionen geplagt. Teuflische Kreaturen bevölkern ihre düstere Albtraumwelt und sogar die Menschen in ihrem Umfeld verändern sich. Mutieren auf geheimnisvolle Weise. Verfolgen Hannah.
Mit Hilfe der richtigen Therapie hofft die junge Frau die paranoiden Wahnvorstellungen in den Griff zu bekommen. Sie will die schönen Jahre, die ihr noch bleiben, gemeinsam mit ihrer großen Liebe Lukas erleben und nicht im erschreckenden Paralleluniversum ihres defekten Geistes gefangen sein.
Aber was geschieht, wenn der blanke Horror kein Irrsinn ist, sondern die neue Wirklichkeit? Und die reale Welt von gestern nur noch eine vergängliche Erinnerung? Wasserfarben auf der spiegelglatten Oberfläche eines Sees.
Hat gar Hannah selbst das unsagbar Böse wiedererweckt? Kann sie die Alten Götter aufhalten? Oder sind es doch ihre eigenen Dämonen, die sie bekämpfen muss?

REZENSION:

Faye Hells neuester Wurf über Hannah, die mit ihren persönlichen Dämonen innerhalb ihres eigenen Geistes zu kämpfen scheint, ist ein unglaublich dicht erzähltes Werk.
Ihr Schreibstil ist rundum durchdacht und dementsprechend poesiehaft wirkt nahezu jeder einzelne Satz. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als dieses unter dem Genre Horror laufende Buch mit höchster Aufmerksamkeit zu lesen. Zum Einen, weil man sonst recht schnell den Faden verlieren kann, zum Anderen, weil es sich lohnt, ein genaues Augenmerk auf die Sätze zu legen, die wie eigene Geschichten innerhalb einer großen Geschichte wirken.
Nachdem sich Hannah – insbesondere in der ersten Hälfte des Werkes – sehr oft in ihren Wahnvorstellungen verliert, muss man immer am Ball bleiben, da man sonst selbst geistig verwirrt werden könnte: Man weiß recht schnell nicht mehr, ob man sich nun in der Realität oder innerhalb des geistigen Wahns Hannahs befindet.
Faye Hell führt uns lange an der Nase herum und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Aus diesem Grund scheint sich das Buch auch unter oben genanntem Genre einzuordnen. Sind doch sehr viele dieser Vorstellungen recht blutrünstig. Davon abgesehen ist das Buch im Ganzen betrachtet eher genreunabhängig – vielmehr: ein wahrer Genremix.
Die Atmosphäre ist dicht, dezent gruselig in ihrer Ausschmückung und auf einer sehr tiefen, persönlichen Ebene gezeichnet. Man fiebert mit Hannah mit und fragt sich beinahe auf jeder Seite, was denn nun real und was lediglich Wahn ist. Gleichzeitig hofft man mit ihr und wenn dann mal am Ende des Tunnels ein Lichtlein aufzuleuchten beginnt, reisst Faye Hell den Lenker herum und geht urplötzlich einen gänzlich anderen Weg.
Dies zieht sich durch bis zu einem kuriosen Finale, mit dem ich interessanterweise schlichtweg nicht gerechnet hatte.
Kurzum: Ein anspruchsvoller und sehr dicht gewebter Roman mit einer durchweg interessanten Idee und Storyline. Sicherlich nicht jedermanns Geschmack – dennoch ein Werk, dem man sich – möglichst ungestört – problemlos mal widmen könnte.
Jürgen Seibold/07.10.2017

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Christian Günther: Die Aschestadt

©2016 Amrûn Verlag, Traunstein
ISBN 978-3-95869-256-5
ca. 384 Seiten

COVER:

Ein verlorener Kontinent, der im Ozean zu versinken droht.
Ein uraltes Königreich, dessen Bewohner das Meer und seine Kreaturen fürchten.
Eine düstere Stadt, beherrscht von einer Bruderschaft, die ihre strengen Glaubensregeln brutal durchsetzt.

Alaris, die Hauptstadt des Reiches, hat ihren einstigen Glanz eingebüßt – statt Gold und Geschmeiden sind in den Straßen nun stählerne Klingen zu Hause.

Ein Mörder geht in den Straßen von Alaris seinem blutigen Handwerk nach.

Der junge Kartograf Harmis, der unsterbliche Seelenkrieger Gor und Alix, die Frau ohne Erinnerung, jagen ihm hinterher. Steckt die Bruderschaft hinter den Morden? Oder die verhassten Meermenschen? Schon bald stellen sie fest, dass die wahnsinnigen Morde nur Teil eines viel größeren Plans sind.

Das Schicksal der ganzen Stadt steht auf dem Spiel.

REZENSION:

“Die Aschestadt” ist der erste Roman einer neuen Reihe von Christian Günther. Wir betreten dabei die Welt von Faar und lernen diese sogleich als alles andere als brave, ruhige und saubere Fantasywelt kennen. Christian Günther lässt uns unverzüglich teilhaben bei der Flucht von Alix vor einem vermeintlichen Mörder. Wir rasen dabei durch die engen Gassen einer dreckigen, dunklen Stadt und lernen dadurch die beiden wichtigsten Protagonisten seines Werkes kennen: die mysteriöse Alix und den drogenabhängigen Kartografen Harmis, der mit seinem Auftritt Alix vor dem sicheren Tod bewahren konnte. Bereits jetzt fühlt man sich als Leser schon ganz gut aufgehoben. Christian Günther legt aber noch eine Schippe drauf und führt auch noch weitere interessante Personen und Rassen ein, wie zum Beispiel Gor, einen Seelenkrieger und die von allen verhassten Meermenschen.
Prinzipiell könnte man “Die Aschestadt” auch als fantastischen Krimi abtun – dies würde dem Buch aber nicht gerecht werden, da sich erheblich mehr dahinter verbirgt als lediglich die Jagd nach einem Unbekannten.
Christian Günthers Welt spielt fast eine größere Rolle als seine Protagonisten. Diese wiederum sind aber durchweg glaubhaft, detailliert und interessant dargestellt. Seine Welt hingegen ist dreckig und strotzt vor einem schwelenden Rassismus gegenüber den Meermenschen und einer Bruderschaft, deren einziges Ziel die alleinige Herrschaft darstellt.
Günthers Setting ist erfreulich kurios, gut durchdacht und wirkt fast wie aus der Feder eines H.P. Lovecraft. Die Dialoge sind den Personen entsprechend in den Mund gelegt und somit auch unter Umständen sexistisch, brutal oder dreckig. Aber genau so soll es auch sein: Warum Rücksicht nehmen, wenn diese Klientel auch im wirklichen Leben so reden würde. Ich denke da besonders an die Söldner, die mir irgendwie besonders gut gefallen haben.
“Die Aschestadt” ist ein Auftaktband zu einer neuen Reihe über Faar – dennoch in sich ausreichend abgeschlossen, um auch als Einzelband zu funktionieren.
Kurzum: Ein leicht zu empfehlendes Werk, welches noch kein Blockbuster ist, aber sich eventuell dazu entwickeln könnte. Mir hat es jedenfalls recht gut gefallen.
Jürgen Seibold/02.10.2017

FAAR – Das versinkende Königreich: Die Aschestadt (Band 1): Fantasyroman – KAUFEN BEI AMAZON

Jay Kristoff: Nevernight – Die Prüfung

Originaltitel: Nevernight
Aus dem Englischen von Kirsten Borchardt
©2016 Jay Kristoff
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2017 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
(Fischer Tor 09/2017)
ISBN 978-3-596-29757-3
ca. 702 Seiten

COVER:

In einer Welt mit drei Sonnen, in einer Stadt, errichtet auf dem Grab eines toten Gottes, sinnt eine junge Frau, die mit den Schatten sprechen kann, auf Rache.

Mia Corvere ist sechzehn Jahre alt, und sie kennt nur ein Ziel: Rache. Als sie noch ein kleines Mädchen war, haben die mächtigsten Männer des Reiches – Francesco Duomo, Justicus Remus, Julius Scaeva – ihren Vater als Verräter an der Itreyanischen Republik hinrichten und ihre Mutter einkerkern lassen. Mia selbst entkam den Häschern nur knapp und wurde unter fremdem Namen vom alten Mercurio, einem Antiquitätenhändler, großgezogen. Mercurio ist jedoch kein gewöhnlicher Bürger der Republik, er bildet Attentäter für einen Assassinenorden aus, die “Rote Kirche”. Und Mia ist auch kein gewöhnliches Kind, sie ist eine Dunkelinn: Seit dem Tag, an dem ihre Familie ausgelöscht wurde, wird sie von einer Katze begleitet, die in ihrem Schatten lebt und sich von ihren Ängsten nährt. Mercurio bringt Mia vieles bei, doch um ihre Ausbildung abzuschließen, muss sie sich auf den Weg zur geheimen Enklave der “Roten Kirche” machen, wo sie eine gefährliche Prüfung erwartet …

REZENSION:

Die Geschichte um Mia hat es mir bereits beim Lesen der Buchbeschreibung angetan. Hier scheint jemand einige nette und neue Ideen aufwarten zu wollen. Dementsprechend gespannt war ich auf den Inhalt dieses recht umfangreichen Fantasy-Schmökers von Jay Kristoff.
Die Handlung seines Werkes ist relativ einfach umrissen: Die Eltern eines jungen Mädchens werden als Verräter hingerichtet bzw. weggeschlossen, das Mädchen musste die Hinrichtung im zarten Alter von zehn Jahren mit ansehen und hat seitdem nur noch einen Gedanken im Sinne: Rache!
Sie wird von einem Antiquitätenhändler aufgenommen, der sich als Mitglied des Assassinenordens “Rote Kirche” herausstellt und ihr die ersten Verteidigungstricks beibringt. Ab einem gewissen Punkt macht sich Mia auf den Weg zur Assassinenkirche und beginnt dort ihre Ausbildung zum absoluten Killer. Ihr Ziel ist dabei weiterhin ihre Rachlust, dennoch hinterlässt die Ausbildung auch ihre Spuren an der 16jährigen.
Die ersten Seiten hatte ich unglaublich viele Probleme in dieses Werk hinein zu finden. Hauptsächlich lag das wohl an der vom Autor in einer unglaublichen Vielzahl verwendeten Fußnoten, die dabei auch noch recht umfangreich geschrieben sind: Teilweise bis zu einer halben Seite und dabei in einer erheblich kleineren Schrift als der eigentliche Storytext.
Man wird dadurch als Leser einfach zu sehr abgelenkt und somit aus der Geschichte heraus gerissen. Nach einiger Zeit beschloss ich für mich, einfach über diese Fußnoten hinweg zu gehen – und siehe da: Ab diesem Augenblick ließ sich diese Geschichte auch flüssig lesen und ich konnte in die Tiefen Mias Welt eintauchen.
Als Gesamteindruck bekam ich zeitweise das Gefühl, bei Nevernight handelt es sich um eine Art Harry Potter für den etwas blutigeren und erwachseneren Geschmack. Insbesondere, da Kristoff wahrlich kein Blatt vor den Mund nimmt und somit seine Geschichte recht “erwachsen” klingt. Der Harry Potter-Vergleich hinkt natürlich ein wenig, dennoch lesen wir hier eine Geschichte eines Mädchens, die eine Ausbildung zu durchlaufen hat. Diese wiederum bildet das Mädchen in verschiedenen Fächern zu einem ausgewachsenen Assassinen aus – sofern sie natürlich die jeweiligen Prüfungen auch überlebt, denn bei dieser Schule werden die nicht so guten Schüler schlicht durch ihren eigenen Tod ausgesiebt, wenn sie eine Prüfung nicht schaffen. Dementsprechend gefährlich sind diese Prüfungen.
Nichts desto trotz entwickeln sich verschiedene Freundschaften und Feindschaften in der “Schule”.
Kristoff baut darüber hinaus magische und mystische Elemente ebenso ein und somit ist für jeden Anspruch etwas vorhanden. Seine Welt ist stimmig dargelegt, sein Schreibstil nach einer gewissen Zeit auch eingängig und flüssig zu lesen, die Fußnoten – wie gesagt – vernachlässigbar.
Sehr interessant auch die Rolle der Nicht-Katze, die im Schatten Mias lebt und sich von ihren Ängsten ernährt – dabei auch mit ihr des öfteren im Gespräch auftritt.
Alles in allem ein wunderschöner und erfreulich anders aufgebauter fantastischer Roman, der mich rundum überzeugen konnte. Darüber hinaus von Zeit zu Zeit auch witzig im Dialog erzählt, dennoch immer mit dem Blick auf die notwendigen Mechanismen, um die Story anzutreiben.
Ein wirklich sehr spezielles Werk und gerade deshalb sehr zu empfehlen. Ich bin auch froh, dass ein Autor vor nichts zurückschreckt und mit einigen Konventionen bricht. Somit auch ein blutiges Werk mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Möglichkeiten, das Zeitliche zu segnen. Gleichzeitig eine Enklave, die mit Räumen und Personen aufwartet, die auch den etwas älter gewordenen Harry-Potter-Fan überzeugen kann. Ich denke dabei ganz besonders an die sehr interessante Bibliothek und ihren Bibliothekar.
Kurz gesagt: Ein absoluter Tipp und ich freue mich bereits sehr auf den Folgeband.
Aber: Lasst es doch bitte mit den zwar witzigen, dennoch ablenkenden Fußnoten.
Jürgen Seibold/02-10-2017

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Peter Clines: Der Raum

Originaltitel: 14
Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler
Deutsche Erstausgabe 05/2017
©2012 by Peter Clines
©2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31642-3
ca. 592 Seiten

COVER:

Nathan Tucker, den alle nur Nate nennen, findet in Los Angeles zu seiner großen Überraschung eine traumhafte Wohnung mit unglaublichem Panorama-Ausblick, und das für eine unverschämt niedrige Miete. Die Wohnungsbesichtigung in dem uralten, ziegelverkleideten Gebäude verläuft ebenfalls reibungslos, bis auf die schillernd grüne Kakerlake, die Nate kurz über den Boden krabbeln sieht. Das stört ihn jedoch nicht weiter, und so zieht er eine Woche später ein. Als er dann von mehreren Leuten hört, dass irgendetwas mit dem Haus nicht stimmt, kommen erste Zweifel bei Nate auf, die sich schon bald nach dem Einzug verstärken: Es tauchen seltsam mutierte Küchenschaben auf, im Keller gibt es einen riesigen Fahrstuhl-Maschinenraum, obwohl der Fahrstuhl angeblich noch nie funktioniert hat, und die Elektrizität des Hauses hat keinerlei Verbindung zum Stromnetz von Los Angeles. Schließlich erfährt Nate von seinen neuen Nachbarn, dass es in dem nach einer Inschrift über dem Eingang so benannten Kavach-Haus bereits etliche Selbstmorde gab. Außerdem hat keiner der Mieter seit ihrem Einzug jemals wieder geträumt. Als sie beschließen, das Geheimnis des Kavach zu lüften, müssen sie feststellen, dass das Haus bereits eigene Pläne mit ihnen hat …

REZENSION:

Es sollte eigentlich einen potenziellen Mieter stutzig machen, wenn sich eine Mietwohnung in einer Stadt wie Los Angeles nicht nur als schöne Wohnung darbietet, sondern dabei auch noch extrem günstig angeboten wird.
Nate kann es selbst kaum glauben, dennoch konnte er nahezu problemlos zugreifen und somit konnte sein Leben als weiterer Mieter des Kavach-Hauses im Herzen LA’s beginnen.
Nach und nach lernt er einige sehr skurrile Nachbarn kennen, die in auch immer mehr von der Kuriosität dieses Gebäudes überzeugen. Recht schnell stellt sich dabei heraus, dass dieses uralte Haus einige Geheimnisse in sich zu tragen scheint. Ein schnell zusammengestelltes “Erkundungsteam” unter Nates Leitung macht sich auf den Weg, das Gebäude näher zu erforschen. Dabei immer sehr vorsichtig, da ihnen des öfteren der Hausmeister im Nacken sitzt.
Sie treffen dabei auf Räume, die nirgendwo einen Sinn zu ergeben scheinen – darüber hinaus einen Weg durch den Keller in ungeahnte Tiefen…
Peter Clines’ Roman beginnt recht sanft und führt ein sehr skurriles Publikum ein. Man lernt dabei Personen kennen, bei denen man sich immer wieder selbst fragt, ob man diese gerne als Nachbarn haben wollen würde. Das geht von der zumeist nackt auf der Gemeinschafts-Dachterrasse liegenden, von allen sexuellen Schamgefühlen befreiten Frau, hin zum weiblichen Computernerd, deren Wohnung mit Technik vollgestopft ist, einem alles im Auge behaltenden und auf die Regeln pochenden Hausmeister, als auch dem religiös-fanatischen und alles verteufelnden Einsiedler.
Natürlich ist dabei nicht das gesamte Setting genannt, welches Clines auflaufen lässt, dennoch ist damit schon einmal kurz angerissen, dass in diesem Haus mehreres nicht in Ordnung zu sein scheint. Nichts desto trotz wächst diese Gemeinschaft immer mehr zusammen und nutzt die jeweiligen Eigenschaften der Beteiligten, um zum Ziel zu kommen: Die Geheimnisse dieses Hauses zu ergründen.
Romane mit Häusern in der Hauptrolle sind immer wieder schön zu lesen. Wer möchte nicht mehr über vermeintliche Geschichten dieser Häuser kennen lernen. Insbesondere, wenn darin auch einige Selbstmorde geschehen sind und man auf Räume stößt, deren Sinn sich nicht sogleich erschließt. Ganz zu schweigen von dem kilometerlangen Weg in die Tiefen der Erde und der Erkenntnis am Ende dieses Weges.
Dementsprechend stimmungsvoll sind auch die ersten beiden Drittel dieses mystisch angehauchten Gruselromans. Sicher, die Personen sind zwar skurril, wirken aber auch ab und an ein wenig schablonenhaft entwickelt und somit etwas vorhersehbar. Trotzdem macht es aber aufgrund der Stimmung und der langsamen Entdeckungsreise durch das Haus recht viel Spaß, dieses Buch zu lesen.
Über das Ende möchte ich nicht allzu viel verraten. Nur soviel sei gesagt: Es ist eine dezente Lovecraft-Hommage und gleichzeitig ein klein wenig Science-Fiction.
Dies auch relativ glaubwürdig, leider sehr schnell und somit viel zu hektisch abgehandelt. Ein wenig, als ob der Autor eine bestimmte Seitenzahl einhalten musste. Er steigt zwar in das Action-Gas, dennoch wäre es schöner gewesen, wenn er hier ebenso sanft vorgegangen wäre, wie in den ersten beiden Dritteln des Buches. Hätte er diese Stimmung bis zum Ende durchziehen können, wäre DER RAUM eine absolute Empfehlung. So ist es jedenfalls ein recht unterhaltsamer Roman mit einem relativ interessanten Thema und einem durch und durch interessantem Haus.
Jürgen Seibold/02.10.2017

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Andreas Brandhorst: Das Erwachen

©Piper Verlag GmbH, München 2017
ISBN 978-3-492-06080-6
ca. 736 Seiten

COVER:

Kenia. Ein unscheinbarer Computer wird von einem Virus befallen. Ein kleines Programm, das sich rasend schnell im Internet ausbreitet und unzählige Rechner auf der ganzen Welt miteinander vernetzt. Überall kommt es zu Störfällen, die Stromversorgung bricht zusammen. Alles, was am Internet hängt, gerät außer Kontrolle. Die Regierungen beschuldigen sich gegenseitig, die Staaten geraten an den Rand eines globalen Krieges. Der Hacker Alex Krohn und seine Verbündete Giselle suchen nach einem Weg, das Virus aufzuhalten. Doch dabei entdecken sie etwas viel Größeres: Der Moment, vor dem die Wissenschaftler immer gewarnt haben, ist gekommen – die erste Maschinenintelligenz ist erwacht …

REZENSION:

Es gibt eine ganze Reihe an Büchern und Filmen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, auf Basis der aktuellen Forschungen den mahnenden Finger zu heben. Teilweise gut verkleidet als dystopische Werke, teilweise sehr detailverliebt und erklärend. Viele davon konnten mich zwar sehr gut unterhalten, dennoch konnten sie die auftretende Gefahr nicht ausreichend genug widerspiegeln, um den mahnenden Finger im Gedächtnis des Lesers bzw. Betrachters bei zu behalten.
Nun nimmt sich Andreas Brandhorst dem Thema der Maschinenintelligenz an. Bisher eher bekannt als herausragender Science-Fiction-Autor schweift er mit seinem neuesten Werk namens “Das Erwachen” in das Genre des Thrillers ab.
Brandhorst ist mir dabei bekannt als ein Autor, der sich die Arbeit nicht allzu einfach macht. Dementsprechend gut sind sämtliche seiner Werke recherchiert und ich fragte mich oft, warum er sich für seine Zukunftsszenarien soviel Mühe macht – könnte er doch einfach alles erfinden, wie er es denn möchte. Wohl deshalb sind seine SF-Romane jedoch so angesehen, wirkt doch seine Technik und insbesondere die von ihm jeweils verbreiteten philosophischen Gedanken sehr dicht gewebt und klar herausgestellt.
Nun also ein Roman, der in etwa in unserer Zeit spielt und dabei die technische Abhängigkeit innerhalb eines Thrillers zum Thema hat.
Mal davon abgesehen, dass die reinen Thriller-Elemente dem Genre entsprechen und dadurch ab und an vorhersehbar sind, wirkt “Das Erwachen” insbesondere durch die detaillierte Ausführung Brandhorsts in Bezug auf die Entstehung der Maschinenintelligenz und ganz besonders unserer Abhängigkeit zur heutigen Technik.
Man könnte sich eigentlich ruhig zurücklehnen und sich keine Gedanken darüber machen, wenn plötzlich in der Vielzahl an vernetzten Rechnern ein Virus dafür sorgt, dass sich eine Maschinenintelligenz bildet. Wenn man jedoch ein klein wenig mehr darüber nachdenkt – wozu dieses Buch hervorragend hilft – erkennt man sehr deutlich, dass sich erheblich mehr dahinter verbirgt als lediglich ein eventuell nicht mehr vorhandenes Internet. Sind doch mittlerweile fast alle von uns genutzten Geräte, Verkehrsnetze, Kraftwerke und vieles mehr miteinander verbunden – welche Macht würde dadurch entstehen, wenn diese plötzlich jemand autark steuern könnte? Noch schlimmer: Was wäre, wenn es sich dabei um eine lernende Maschine handelt, die nicht wirklich Rücksicht auf die auf diesem Planeten lebende, menschliche Spezies nehmen muss.
Brandhorst lässt einen dementsprechend mitfiebern und man hofft, das die Menschheit irgendwie noch die Kurve bekommen wird.
Brandhorst wäre natürlich nicht Brandhorst, wenn er nicht auch ein wenig philosophieren könnte und seine “Endlösung” sorgt definitiv für einige tiefgehende Gedanken nach Beenden des Buches. Wäre wahrlich schön, wenn es wirklich so funktionieren könnte – aber macht euch selbst ein Bild.
Alles in allem ein wirklich außerordentlich gut geschriebener Thriller, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Normalerweise würde ich Brandhorst bitten, weiter in seinem Genre zu schreiben – nun muss ich das revidieren und würde mich auch über weitere Bücher aus dem Thriller-Genre von ihm freuen. Bin mal gespannt, welche Ideen dieser Autor noch aufweisen kann.
Jürgen Seibold/02.10.2017
Das Erwachen: Thriller – KAUFEN BEI AMAZON

Michael J. Sullivan: Rebellion (The First Empire)

Originaltitel: Age of Myth. Book One of The Legends of the First Empire
Aus dem Englischen von Marcel Aubron-Bülles
Deutsche Erstausgabe April 2017
© 2016 Michael J. Sullivan
© 2017 Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-52033-8
c. 520 Seiten

COVER:

WAS GESCHIEHT, WENN DU HERAUSFINDEST, DASS DIE GÖTTER STERBLICH SIND?

Seit Anbeginn der Zeit leben die Menschen im Schatten der Fhrey, ewig junger Wesen, die sie als Götter verehren. Die glanzvollen Städte der Fhrey und ihre Magie bleiben den Menschen jedoch verschlossen, ihre Clans fristen ein erbärmliches Dasein.
Als der jungen Raithe mit seinem Vater in einem verbotenen Waldstück jagt und von einem Fhrey angegriffen wird, tut der das Undenkbare: Er schlägt zurück – und tötet das Wesen, das er für einen Gott gehalten hat. Raithe flieht, doch dem Ruf eines Mannes, der einen Gott getötet hat, kann er nicht entkommen …

REZENSION:

Allein bei der Coverbeschreibung hatte mich dieses Buch schon. Der Gedanke, dass man plötzlich entdeckt, dass die Götter wohl doch nicht das sind, was sie seit Jahrtausenden vorgaben, klingt interessant und führt zu verschiedensten Gedankenspielen.
Nun, wollen wir mal nicht die Gedanken schweifen lassen, sondern einfach die Umsetzung dieser Idee im ersten Band einer neuen Fantasyreihe erforschen.
Michael J. Sullivan war mir bis dahin in keinster Weise ein Begriff. Somit ließ sich dadurch auch ein für mich neuer Autor entdecken.
Wie sich dabei recht schnell herausstellen sollte, scheint hier jemand sein Handwerk zu verstehen.
Die Geschichte beginnt recht schnell mit der Tötung der besagten Gottheit. Gleichzeitig erkennt man als Leser auch, dass es sich hier wohl einfach um unterschiedlich entwickelte Völker handelt. Die einen leben fast alterslos mehrere tausende Jahre, die anderen entsprechen eher unserem Menschsein und wirken in der Vergangenheit stehengeblieben und dementsprechend wenig weiter entwickelt.
Nun ist also einer von ihnen einen Weg zu weit gegangen und hat aus Versehen einen Gott erschlagen. Raithe selbst wirkt dabei eher wie ein Held, der kein Held sein möchte. Im Gegenteil, er verzieht sich in die Wälder und befindet sich fortan eigentlich auf der Flucht, da er unglaubliche Angst vor Repressalien der Götter hat. Gleichzeitig folgt ihm sein Ruf als Gottestöter und somit bleibt ihm eines Tages nichts weiter übrig, als die Rolle eines Helden einzunehmen.
Prinzipiell wird hier das Genre sicherlich nicht neuerfunden, dennoch recht gut belebt und ergänzt. Sullivan schreibt flüssig und spielt mit sehr gelungenen und zum Teil auch witzigen Dialogen. Seine Welt ist meisterhaft dargelegt und man freut sich über magische Elemente ebenso wie über das unfreiwillige Heldsein seines Protagonisten.
Rebellion hat es geschafft, dass ich oft verärgert war, wenn ich lesend in der U-Bahn sitzend an meiner Station ankam und somit das Buch leider schließen musste. Das allein ist bereits ein sehr starkes Argumet für dieses außerordentlich gut erzählte Buch. Gleichzeitig zeigt der Inhalt, dass man nicht einfach alles so hinnehmen sollte, wie es ohne weitere Betrachtung zu sein scheint. Es gibt in diesem Zusammenhang auch kein wirkliches Gut-Böse-Bild, denn in Richtung Ende helfen Personen der unterschiedlichsten Völker – inklusive einiger Fhrey – zusammen, um sich der ankommenden Gefahr zu erwehren.
Rebellion ist somit durchweg zu empfehlen – gleichzeitig stellt sich mir (trotz aller Vorfreude auf Band 2) die Frage, wie der Autor weiter vorgehen wird. Der “Götter-sind-verletzlich”-Gedanke ist ja nun obsolet und stellt nichts neues mehr da. Aber ich lasse mich sehr gerne überraschen.
Jürgen Seibold/24.09.2017

Rebellion: The First Empire 1 (Zeit der Legenden, Band 1) – KAUFEN BEI AMAZON

Jack Ketchum: Scar

Originaltitel: The Secret Life OF Souls
© 2016 by Dallas Mayr and Lucky McKee
© 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-67717-3
ca. 336 Seiten

COVER:

Mit elf Jahren ist Delia Cross bereits ein gefeierter Fernsehstar – aber nicht glücklich. Ihre Mutter ist von krankhaftem Ehrgeiz getrieben. Ihr Vater dem Alkohol verfallen. Ihr Bruder von Eifersucht zerfressen. Einzig der Familienhund Caity hält immer treu zu ihr. Dann droht ein tragischer Unfall, Delias Karriere für immer zunichte zu machen. Doch sogar ihre Narben werden gegen ihren Willen vermarktet. Bis sie beginnt, sich zu wehren …

REZENSION:

Geschichten, in denen Kinder die tragische Hauptrolle tragen, sind in meinen Augen immer besonders intensiv. Bereits in EVIL ging Jack Ketchum in diese Richtung und präsentierte ohne jegliche Rücksicht auf Verluste einen Ausblick auf die unglaublichen Möglichkeiten des Mobbings, des Gruppenzwangs und der sozialen Abgeschiedenheit.
Während er bei EVIL noch stark auf Horrorelemente Wert zu legen schien, ließ er dies im vorliegenden Buch beinahe durchweg unberücksichtigt. Was jedoch dieser Geschichte keinesfalls schadet – im Gegenteil: Sie bekommt dadurch eine stärkere Glaubwürdigkeit verliehen.
In SCAR lernen wir eine Familie kennen, wie es sie sicherlich unzählige Male auf diesem Planeten gibt. Die Zusammenstellung beinahe klischeehaft: Eltern, 2 Kinder und ein Hund. Nun jedoch auch noch eine Mutter, die schon immer Schauspielerin werden wollte, dabei jedoch auf keinen wirklich grünen Zweig gekommen ist. Aber sie hat ja ein hübsches Töchterchen. Recht jung noch, dennoch – oder gerade deswegen – leicht zu vermarkten. Beide tingeln dabei von einem Fotoshooting zum anderen, von einer Werbeaufnahme zur anderen und von einem Casting zum nächsten.
Delia ist nicht wirklich davon begeistert, spielt aber als anständige Tochter stoisch mit.
Nach und nach erkennt man an Ketchums Geschichte, dass das gesamte Familieneinkommen auf dieser Tätigkeit beruht. Somit sich nahezu alternativlos darstellt. Als dann plötzlich ein sehr dummes Unglück geschieht und dabei Delias Gesicht mit Narben entstellt wird, verdichtet sich diese Problematik in ungeahnte Höhen: Die Krankenhausrechnungen mögen bezahlt sein, Abstriche beim Lebensstandard werden nur ungern gesehen.
Während sich beide Elternteile immer mehr dem Alkohol und neuen Ideen widmen, arrangiert sich Delia mit ihrem neuen Aussehen und ist fast froh, dem Filmwahnsinn damit entgehen zu können.
Die Ehe bröckelt immer mehr, bis kurzfristig eine Lösung am Horizont auftaucht: Man könnte ja auch das verunglückte Kind vermarkten. Am Besten noch gemeinsam mit ihrem Hund, der ihr damals das Leben gerettet hatte.
Ketchum zieht ab da wieder die Dramatik an und führt Delia wieder als Spielball ihrer Mutter vor – diese möchte sich das aber nicht mehr wirklich gefallen lassen und reagiert immer öfter auf eigene Entscheidung und mit unvorhergesehenen Äußerungen.
DasFamiliendrama spitzt sich dadurch immer mehr zu: Der Alkohol fließt und auch der zeitweise Besuch fremder Betten ist nicht mehr wirklich eine Randerscheinung.
SCAR ist beileibe kein Horrorroman, wie viele Fans dieses Autors sicher erwarten würden. Nichts desto trotz ist es Jack Ketchum gelungen, eine Geschichte zu kreieren, die ihren Horror aus der normalen Nachbarschaft zieht. Als Leser fühlt man sich wie ein Voyeur, der seinen Blick in die Tiefen einer angespannten Familie legen darf. Dabei erkennt man sehr deutlich, wie nahe oft Alltäglichkeit, Hoffnung und absoluter Wahnsinn beieinander liegen können.
SCAR wirkt absolut real und dementsprechend glaubwürdig. Aus diesem Grund auch dementsprechend intensiv. Nun gut, auch Freunde der dezent eingestreuten, mystischen Elemente kommen nicht zu kurz: Es gibt ja noch Caity, Delias Hund. Hier könnte man fast sagen, dass klingt nicht gerade nach Realität – aber ich als Hundebesitzer kann nur sagen: Doch, das klingt sehr wohl glaubwürdig. Davon abgesehen gibt es dieser Geschichte eine gewisse freundliche Würze, denn Caity ist einfach der einzige Anker, der Delia noch geblieben ist.
In meinen Augen ein absolut gelungener und intensiver Roman über eine Familie, die von Besessenheit getrieben wird und dabei nicht einmal Rücksicht auf ihre eigenen Kinder nimmt.
Leider befürchte ich, dass es auch viele Beispiele außerhalb des gedruckten Wortes im realen Leben gibt – auch das wird zu keinem guten Ende führen…
Jürgen Seibold/24.09.2017

SCAR: Roman – KAUFEN BEI AMAZON

Charlie Human: Apocalypse Now Now. Schatten über Cape Town

© Fischer Tor
ISBN 978-3596034987
ca. 352 Seiten

COVER:

Mit ›Apocalypse Now Now‹ hat Charlie Human »ein verrücktes, finsteres, respektloses und wunderbar abgedrehtes Debüt« (Lauren Beukes) geschrieben, das in seiner Heimatstadt Cape Town spielt. Südafrikanische Mythologie + magiebegabte Kopfgeldjäger + Rock’n’Roll-Highschool = punkige Urban Fantasy vom Allerfeinsten.

Eigentlich läuft für den 16-jährigen Baxter gerade alles rund. Sein kleines Pornobusiness an der Highschool boomt, die Eltern lassen ihn in Frieden, und er ist über beide Ohren in die zauberhafte Kleptomanin Esmé verliebt. Doch als diese von einem wahnsinnigen Serienmörder entführt wird, laufen die Dinge aus dem Ruder. Zusammen mit dem Kopfgeldjäger Jackie Ronin macht Baxter sich auf die Suche nach ihr und entdeckt hinter dem gewöhnlichen Alltag von Kapstadt eine Schattenwelt der Ungeheuer und Magie.

Ein anarchisches, übersteuertes und verdammt witziges Fantasy-Debüt mit Kultbuchpotenzial. Mit ›Apocalypse Now Now‹ und der Fortsetzung ›Kill Baxter‹ macht Charlie Human den ganz Großen der Urban Fantasy – Neil Gaiman, Jim Butcher und Ben Aaronovitch – ernsthaft Konkurrenz.

REZENSION:

Der 16-jährige Baxter lebt relativ unbeschadet vor sich hin. Seine Eltern stellen für ihn absolut kein Problem dar und sein eigenes kleines Unternehmen läuft nahezu problemlos und sorgt für ein ausreichendes Einkommen. Dies, obwohl sein Business nicht gerade unangreifbar wäre: Handelt er doch in der Highschool mit Pornos für jeglichen abartigen Geschmack. Ganz neu im Programm sind Pornos mit irgendwelchen Monstern oder ähnlichem unglaublichen Getier.
Nebenbei ist er mit Esme liiert und freut sich seines Lebens. Aufgrund seiner Art ist er zwar einigermaßen angesehen, gleichzeitig nutzt er seine Mitschüler aber je nach Gebrauch schlichtweg aus.
Plötzlich wird jedoch seine Freundin entführt – angeblich von einem Serienmörder. Ab diesem Augenblick wird ihm klar, dass sich hinter dieser Beziehung für ihn wohl doch erheblich mehr dahinter verbirgt. Scheinbar spielt “Liebe” doch eine Rolle in seinem Leben.
Angestachelt von seinen erwachten Gefühlen macht er sich auf die Suche nach ihr und wird dabei von einem sehr kuriosen Kopfgeldjäger unterstützt.
Ab diesem Augenblick steht die gesamte Welt Baxters auf dem Kopf: Wie er feststellen muss, gibt es in Kapstadt eine verborgene Welt voll unglaublicher Wesen und magische Elemente.
Charlie Human legt wahrlich eine rasante Achterbahnfahrt voll interessanter Begebenheiten vor. Allein der Ideenreichtum macht unglaublich viel Spaß und man ist durchgehend interessiert, zu welchem Ende diese abgedrehte Geschichte wohl führen wird. Gleichzeitig nimmt der Autor absolut kein Blatt vor den Mund und somit sollte man als Leser schon einiges aushalten können.
Dies klingt alles schon einmal sehr positiv – nichts desto trotz hatte ich einige Probleme mit der Geschichte. Diese gingen aber nicht so weit, dass ich da Buch abgebrochen hätte. Nein, dafür war die Story doch zu interessant und voll wirrer und dennoch an die Seiten fesselnden Begebenheiten.
Ich glaube, es liegt einfach daran, dass die Geschichte hauptsächlich in der Ich-Form geschrieben ist und ich immer wieder irgendwie mit diesem Stil Probleme zu haben scheine. Es fällt mir einfach eher schwer, in solche Geschichten ein zu tauchen.
Alles in allem ist Apocalypse Now Now dennoch eine recht interessante Story, die mit einer relativ frischen und erfreulich abgedrehten Idee aufwartet.
Wer somit mit der Erzählung in Ich-Form keine Probleme hat und einfach mal mit einer sehr punkigen und abgedrehten Story seinen Alltag versüßen möchte, der kann hier sicherlich einiges für sich herausholen. Mir hat es jedenfalls einigermaßen gut gefallen – schaffte es aber nicht, mich rundum zufrieden zurück zu lassen.
Jürgen Seibold/15.09.2017
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Anthony Ryan: Das Lied des Blutes (Rabenschatten 1)

Originaltitel: Blood Song. A Raven’s Shadow Novel
Aus dem Englischen übersetzt von Sara und Hannes Riffel
©2011 by Anthony Ryan
Für die deutsche Ausgabe: ©2014, 2016 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-94971-1
ca. 776 Seiten

COVER:

Vaelin al Sorna, der berühmteste Gefangene des Reichs und sein größter Kämpfer, erzählt die atemberaubende Geschichte seines Lebens. Er ist an Bord eines Schiffs, das ihn zu dem Ort bringen soll, an dem es für ihn um Leben und Tod geht. Einst war er von seinem Vater als Zögling in das Kloster des Sechsten Ordens gebracht worden, wo er zum Krieger ausgebildet wurde. Nun sind die Namen, die er sich im Kampf verdient hat, über alle Grenzen hin bekannt: Schwert des Königs, Dunkelklinge, Rabenschatten und am gefürchtetsten: Hoffnungstöter.

REZENSION:

Der junge Vaelin wird unvorbereitet von seinem Vater vor den Toren des Sechsten Ordens abgegeben.
Dieser Orden bildet Krieger aus und unterstützt damit – als Kämpfer des Glaubens – den Herrscher bei der Sicherung seines Reiches.
Vaelin wird dabei zu einem der Größten von ihnen. Sein Name wird im gesamten Reich und noch darüber hinaus bekannt. In Anthony Ryans erstem Rabenschatten-Band erfahren wir einen großen Teil über das Leben und Wirken Vaelin al Sornas.
Prinzipiell könnte man sich natürlich als geneigter Fantasy-Leser auch bei diesem Schmöker fragen, warum man sich so etwas überhaupt antut. Erneut ein erster Band mit bereits weit über 700 Seiten. Eine nicht gerade neu klingende Geschichte und somit wohl auch diesmal Stoff, der zum Träumen und Abtauchen anregt.

Ist das wirklich so? – Mitnichten!
Ja, Anthony Ryan erzählt lediglich die Geschichte einer Person von A bis Z: Der junge Vaelin lernt ausschweifend beschrieben sein blutiges Handwerk, fällt eines Tages in die Abhängigkeit des Königs und macht sich auf den Weg zu diversen Kämpfen – immer begleitet von manch einer dezent eingeflochtenen Intrige des Königshauses.
Aber: Es gibt im Genre der Fantasy ab und an Werke, die einen Leser wieder von seinem bevorzugten Genre überzeugen können. Teilweise muss man dafür Jahre voll Hoffnung hinter sich bringen und wenn ich so zurück denke, ist es wahrlich schon lange her, dass mich ein Fantasyroman absolut und uneingeschränkt so überzeugen konnte, wie vorliegendes Lied des Blutes.
Vor vielen Jahren ging es mir mit Williams’ Drachenbeinthron recht ähnlich, danach wurde es dünn, bis Martin mit seinem Song Of Ice And Fire ums Eck kam. Dieser war mir dann aber nach dem achten Band dann doch zu langatmig und ich schwenkte meine Nase lieber in andere Werke des Genres der phantastischen Literatur.
Nun jedoch Anthony Ryan – und dieser Name sagte mir bis dato leider absolut gar nichts. Beschämt kann ich somit lediglich dieses Werk jedem an das Herz legen, der sich für etwas anspruchsvollere und sehr intelligent geschriebene Fantasy interessiert. Nebenbei erwähnt: Es gibt hier keine Wesen, Drachen, etc. Das ganze Buch wirkt eher wie ein Tatsachenbericht aus einer mittelalterlich angehauchten Welt.
Ryan ist wohl der einzige Autor, der es bisher geschafft hatte, mal locker 300 Seiten einfach nur über die täglichen Tätigkeiten seines Protagonisten zu erzählen. Recht viel mehr passiert zuerst einmal nicht – dennoch war ich wie schon lange nicht mehr an die Seiten gefesselt.
Ich ziehe wahrlich meinen Hund vor diesem rundum virtuos erzählenden Autor. Herzlichen Dank für diese geniale Geschichte, die mich mehrere Stunden in weit entfernte Welten entführen konnte.
Jürgen Seibold/07.09.2017
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Liu Cixin: Die drei Sonnen

Deutsche Erstausgabe 01/2017
©2006 by Liu Cixin
©2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31716-1
ca. 592 Seiten

COVER:

China, Ende der 1960er-Jahre: Während im ganzen Land die Kulturrevolution tobt, beginnt eine kleine Gruppe von Astrophysikern, Politkommissaren und Ingenieuren ein streng geheimes Forschungsprojekt. Ihre Aufgabe: Signale ins All zu senden und noch vor allen anderen Nationen Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen. Fünfzig Jahre später wird diese Vision Wirklichkeit – auf eine so erschreckende, umwälzende und globale Weise, dass dieser Kontakt das Schicksal der Menschheit für immer verändern wird.

REZENSION:

In unserer, eher vom Westen geprägten Welt, ist es doch immer noch recht selten, dass ein Buch eines chinesischen Autors seinen Weg zu uns findet. Ich bin sehr froh, dass es im Falle Liu Cixins dennoch funktioniert hat. Wir müssten sonst einen sehr interessant erzählten Science Fiction Roman missen.
Cixin erschafft in seinem Buch “Die drei Sonnen” einen weit ausholenden Bogen über etwa 50 Jahre. Er spart dabei nichts aus und beginnt fast mit einer historischen Betrachtung der revolutionären Zeit Chinas. Nebenbei entwickelt sich sehr ruhig und langsam der Science-Fiction-Anteil seiner Geschichte. Dieser ist gefüllt mit einer Vielzahl an wissenschaftlichen Erklärungen und einem recht oft auftretenden Plot innerhalb der virtuellen Welt eines Spiels.
Diese beiden Pole wurden mir beinahe zu viel, da ich mir eine gewisse Zeit nicht sicher war, ob ich diesen allumfassenden Wissenschaftsbackground überhaupt benötige (ich verstehe davon das meiste eh nicht…) und ich mich sehr oft fragte, was mir der Autor mit seinen Szenen innerhalb der Spielewelt sagen möchte.
Nach und nach lüftete Cixin das Geheimnis und die Geschichte konnte mich immer stärker überzeugen.
Es gibt eine ausreichende Anzahl an unterschiedlichen Handlungsfäden, die alle auch aus unterschiedlichen Genre kommen könnten.
Die wissenschaftlichen Elemente sind glaubwürdig, manchmal ein wenig zu viel nach meinem Geschmack,  dennoch in dieser Story notwendig, um zur richtigen Richtung zu kommen.
Urplötzlich entwickelt sich eine Bedrohung, deren Auswüchse man mit dem Lesen lediglich dieses Buches noch nicht wirklich erfassen kann. Dafür folgt aber demnächst der zweite Band aus dieser Reihe.
Alles in allem ein sehr interessantes Werk, bei dem ich durch die Vielzahl an für mich nicht verständlichen Wissenschaftsthemen lange überlegte, ob ich es nur gut oder doch sehr gut finden soll.
Nun, ich entscheide mich dafür, dieses Werk als eine außerordentlich gute Bereicherung im SF-Genre zu betrachten und bin trotz einiger für mich unnötiger Seiten froh, es gelesen zu haben.
Ein jedenfalls sehr erfrischendes neues Werk im Genre und ich denke, allein dafür sollte man schon sein Haupt vor dem Autor verneigen.
Jürgen Seibold/27.08.2017
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Guy Gavriel Kay: Im Schatten des Himmels

Originaltitel: Under Heaven
©2010 Guy Gavriel Kay
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2016 S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-10-403712-7
ca. 720 Seiten

COVER:

Guy Gavriel Kay ist der Großmeister der historischen Fantasy. Mit ›Im Schatten des Himmels‹ hat er ein bildgewaltiges und fesselndes Epos geschrieben, das in einem phantastischen Reich der Mitte spielt. Kay beschwört das China der Tang-Dynastie herauf und erzählt eine grandiose Fantasy-Geschichte voller Intrigen, Abenteuer und Magie.

»250 sardianische Pferde, Geschöpfe von unvergleichlicher Schönheit und Seltenheit!« Als der Kriegermönch und Gelehrte Shen Tai für seine Heldentaten von der Jadeprinzessin des Nachbarreiches belohnt wird, macht ihn das überaus großzügige und gefährliche Geschenk auf einen Schlag zu einem der mächtigsten Männer im Reich der Mitte.

Die Herrschenden von Kitai – eine Fantasy-Version des Chinas der Tang-Dynastie – wollen jedoch keinen neuen Konkurrenten neben sich dulden und senden Mörder aus, um Shen Tai aus dem Weg zu räumen. Nach einem ersten Attentatsversuch beschließt Shen Tai, in die Hauptstadt zu reisen, um die Pferde dem Kaiser zum Geschenk zu machen. Begleitet wird er von der jungen Kriegerin Wen Song, die geschworen hat, ihn mit ihrem Leben zu beschützen, und dem berühmten Dichter und Trunkenbold Sima Zian, der seinem jungen Freund mit Rat und Tat zur Seite steht. Die Gefährten erwartet eine abenteuerliche und gefährliche Reise, auf der sich das Schicksal des Reiches entscheiden wird.

Mit seiner unvergleichlichen Charakterentwicklung und der großartigen Handlung wird Kays neuestes Werk Liebhaber von historischen Romanen ebenso begeistern wie Fantasy-Fans.

REZENSION:

Der Fantasy-Autor mit dem nicht gerade leicht zu merkenden Namen Guy Gavriel Kay führt uns mit seinem Buch “Im Schatten des Himmels” in das Land der Mitte und schafft es dabei, trotz Verwendung einer eigenen Dynastie, die reale Tang-Dynastie wieder aufleben zu lassen.
Man könnte sein Werk beinahe als historischen Roman bezeichnen – nachdem der Autor jedoch seine eigene Welt entwickelt, bleibt er seinem ursächlichen Genre treu und kann somit per Leichtigkeit seine eigene Geschichte erzählen, ohne auf historische Besonderheiten im Detail Wert legen zu müssen.
Er erzählt dabei eine wunderschöne Geschichte voll Intrigen, Tradition, Werte, Liebe, Krieg und Macht. Dies alles in einer glaubwürdig dargelegten Welt mit Kulissen, die ich gerne sofort selbst besuchen wollen würde.
Sein Erzählstil ist eingängig, detailreich, tiefgehend, spannend und dennoch frei von irgendwelcher “Hetze”, wodurch sein chinesisches Setting von Seite zu Seite immer mehr an Glaubwürdigkeit gewinnt. Wüsste ich nicht, dass es sich um eine Fantasy-Welt handelt, ich würde ihm jedes Wort uneingeschränkt glauben und dieses Buch als historischen Roman weiter empfehlen. Natürlich ist es ein Fantasyroman – dennoch kann “Im Schatten des Himmels” mit Leichtigkeit auch bei Lesern von historischen Romanen perfekt funktionieren. Ich kann jedem nur raten, es einfach selbst auszuprobieren.
Das Buch ist – wie so oft in diesem Genre – nicht gerade dünn. Sobald man aber die ersten paar Seiten hinter sich hat, merkt man überhaupt nicht mehr, wie viele Seiten man noch vor sich hat – im Gegenteil: Man wundert sich, warum dieses über 700 Seiten dicke Buch plötzlich zu Ende ist.
Dies ist somit wieder einmal ein Buch, dessen Ende man herbeisehnt, um dann leider traurig zu sein, dass es nun bereits erfolgt ist und man das Buch beenden muss.
Ein absolutes Meisterwerk in dem wahrlich alles richtig gemacht worden ist.
Ich freue mich schon sehr auf den bald erscheinenden Fortsetzungsband.
Jürgen Seibold/27.08.2017
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Becky Chambers: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

Originaltitel: The Long Way to a Small Angry Planet
©2014 by Becky Chambers
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2016, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-10-403710-3
ca. 390 Seiten (eBook)

COVER:

Willkommen an Bord der Wayfarer!

Becky Chambers hat mit ›Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten‹ eine zutiefst optimistische Space Opera geschrieben, die uns den Glauben an die Science Fiction (im Besonderen) und an die Menschheit (im Allgemeinen) zurückgibt.

Als die junge Marsianerin Rosemary Harper auf der Wayfarer anheuert, wird sie von äußerst gemischten Gefühlen heimgesucht – der ramponierte Raumkreuzer hat schon bessere Zeiten gesehen, und der Job scheint reine Routine: Wurmlöcher durchs Weltall zu bohren, um Verbindungswege zwischen weit entfernten Galaxien anzulegen, ist auf den ersten Blick alles andere als glamourös.
Die Crewmitglieder, mit denen sie nun auf engstem Raum zusammenlebt, gehören den unterschiedlichsten galaktischen Spezies an. Da gibt es die Pilotin Sissix, ein freundliches und polyamoröses reptilienähnliches Wesen, den Mechaniker Jenks, der in die KI des Raumschiffs verliebt ist, und den weisen und gütigen Dr. Chef, der einer aussterbenden Spezies angehört.
Doch dann nimmt Kapitän Ashby den ebenso profitablen wie riskanten Auftrag an, einen Raumtunnel zu einem weit entfernten Planeten anzulegen, auf dem die kriegerische Rasse der Toremi lebt. Für Rosemary verwandelt sich die Flucht vor der eigenen Vergangenheit in das größte Abenteuer ihres Lebens.

›Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten‹ wurde für zahlreiche Preise nominiert, u.a. für den Kitschies Award, den Baileys Women’s Prize for Fiction und den Arthur C. Clarke Award.

REZENSION:

Bei “Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten” scheinen sich wahrlich die Geister zu scheiden. Betrachtet man die verschiedenen Rezension in den Weiten des Internets, gibt es bei diesem Werk wohl zwei komplett divergierende Strömungen. Es gefällt, oder es gefällt nicht.
Leider ist es in diesem Fall so, dass ich wohl zur zweiten – eher negativ darüber denkenden – Strömung gehöre.
Sicher, das Buch besitzt eine sehr gute Sprache. Außerordentlich eingängig geschrieben und strotzend vor einem unendlichen Ideenreichtum der Autorin. Gleichzeitig in meinen Augen etwas zu leicht geschrieben. Dies könnte aber Absicht sein, denn ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Leserklientel eine sehr große Altersspanne inne haben kann. “Der Weg zu einem kleinen zornigen Planeten” kann somit problemlos sehr junge als auch sehr alte Leser unterhalten.
Meine persönliche Schwierigkeit liegt somit nicht in der schriftstellerischen Ausführung von Becky Chambers. Vielmehr hatte die Story keine besonderen Anhaltspunkte um mich zu begeistern. Spannungselemente bauen sich nicht ausreichend auf, beziehungsweise werden zu schnell abgehakt. Alles lebt sehr harmonisch und gleichmäßig vor sich hin. Die Geschichte plätschert somit fröhlich vor sich hin und kann dadurch mit Sicherheit eine Vielzahl an Lesern überzeugen – mir reicht es jedoch nicht.
Man fühlt sich immer wieder wie in einem Wohlfühlzenario eines öffentlich-rechtlichen Sonntagabendfilms voll Herzschmerz und wunderschönen Landschaften.
Wer sich in solchen Bereichen wohl fühlt, wird von Becky Chambers Werk begeistert sein.
Jürgen Seibold/27.08.2017
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Ian McDonald: Luna

Originaltitel: Luna – New Moon
Aus dem Englischen übersetzt von Friedrich Mader
Deutsche Erstausgabe 01/2017
©2015 Ian McDonald
©2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31795-6
ca. 512 Seiten

COVER:

Die Zukunft: Der Mond ist den Menschen zu einer zweiten Heimat geworden – trotz der lebensgefährlichen Umweltbedingungen. Doch auf dem Erdtrabanten geschieht nichts, ohne dass die dort ansässigen, rivalisierenden Wirtschaftsgiganten – die sogenannten fünf Drachen – davon erfahren. Einer davon ist die Corta Helio Corporation unter dem Vorsitzder Patriarchin Adriana Corta. Als junge Frau wanderte die Brasilianerin auf den Mond aus, um dort ihr Glück zu machen. Entgegen aller Widerstände kämpfte sie sich in der brutalen Mondgesellschaft nach oben und begründete eines der mächtigsten und reichsten Familienimperien auf dem Mond. Doch dabei hat sie sich eine Menge Feinde gemacht. Feinde, die Adriana und ihren Clan nun zu Fall bringen wollen …

REZENSION:

In LUNA befinden wir uns in der nahen Zukunft – jedoch hauptsächlich auf unserem Erdtrabanten, dem Mond. Dieser wurde aufgrund seiner Rohstoffvorkommen besiedelt und von einigen machthungrigen Gesellschaften nun ausgebeutet. Insgesamt fünf namhafte Familien beherrschen den Trabanten und könnten durch ihre unterschiedlichen Geschäftspraktiken auch ganz einfach nebeneinander agieren und dennoch ausreichend reich werden. Wie auch auf unserem Planeten oft der Fall, besitzen auch diese Familienclans einen sehr starken Machthunger, wodurch sie damit beginnen, den jeweils anderen Clan zu Fall zu bringen.
Ian McDonald beginnt mit seinem Science-Fiction-Roman Luna sehr langsam mit der Einführung seiner nicht gerade wenigen Personen und deren Hintergründe. Hierdurch kann es sehr leicht vorkommen, dass man es als Leser nicht unbedingt bis zum Ende des Buches schafft. Ich hatte mehrmals mit dem Gedanken gespielt, das Buch einfach zur Seite zu legen. Irgendetwas trieb mich dennoch ein wenig an und so gelang es mir, über den erklärenden und sehr lang ausholenden Bereich von etwa 60% des Buches zu kommen. Ab diesem Punkt hat es dann erheblich mehr Freude bereitet, den weiteren Geschehnissen zu folgen.
Das Buch wird beworben als “Game Of Thrones im Weltraum” – ich persönlich würde es eher mit der damaligen 80er-Jahre Serie namens “Dallas” vergleichen. LUNA könnte auch ganz einfach auf unsere Planeten spielen – durch die Verwendung des gut dargelegten Settings auf dem Mond trägt der Autor seine Geschichte aber auf einen weitaus interessanteren Level, denn nur durch Verwendung dieser lebensfeindlichen Welt funktioniert sein Werk und geht nicht unter in der Belanglosigkeit eines weiteren Wirtschaftsthrillers.
Ian McDonald lässt sich wirklich außerordentlich viel Zeit und quält damit ein wenig seinen geneigten Leser. Nichts desto trotz hat er es dennoch geschafft, mich mit einem klassischen Cliffhanger zu überraschen, der wohl dafür sorgt, dass ich mir auch den Folgeband zu Gemüte führen werde.
Alles in allem eigentlich eine recht belanglose und schon oft dagewesene Storyline – dennoch sehr gut ausgeführt und mit einem neuen Setting unterlegt.
Die Familienclans sind irgendwie alle negativ und ausbeuterisch besetzt, trotzdem mag man die eine mehr, die andere weniger.
Schlußendlich muss man es einfach mögen, mit einer sehr ruhigen und langatmigen Erzählweise klar zu kommen. Wenn man sich darauf einlässt, funktioniert LUNA ziemlich gut – ich hoffe aber, dass Ian McDonald im zweiten Band – die Personen kennen wir nun ja – erheblich mehr Gas geben wird. Sollte dies der Fall sein, kann man Buch eins erheblich besser verschmerzen, da es dann als Einführung in eine neue Welt fungiert.
Jürgen Seibold/27.08.2017
Luna: Roman (Luna-Reihe, Band 1) – KAUFEN BEI AMAZON

Charlie Jane Anders: Alle Vögel unter dem Himmel

Originaltitel: All the Birds in the Sky
©2016 Charlie Jane Anders
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2017 S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
ISBN 978-3-10-403838-4
ca. 330 Seiten (eBook)

COVER:

›Alle Vögel unter dem Himmel‹ von Charlie Jane Anders ist vieles: ein magischer Science-Fiction-Roman, eine unvergessliche Liebesgeschichte zwischen einer Hexe und einem Nerd – und eine feinsinnige Bestandsaufnahme des modernen Lebens.

Patricia Delfine merkt früh, dass sie eine Hexe ist. Schließlich kann sie mit den Vögeln sprechen – oder konnte es früher zumindest einmal (an jenem warmen Sommertag). Laurence Armstead ist ein Nerd: Schon als Highschool-Schüler erfindet er in seinem Kinderzimmer eine Zeitmaschine, die es ihm erlaubt, zwei Sekunden in die Zukunft zu reisen. Obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten, werden sie schnell Freunde.
Gegen Ende der Schulzeit verlieren sie sich aus den Augen, nur um sich einige Jahre später in San Francisco wiederzutreffen: Doch der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig: Die Welt wird gerade von einer ökologischen Katastrophe heimgesucht: Ganze Regionen versinken im Meer, Flüchtlingsströme durchziehen die Welt. Wissenschaftler wie Hexen suchen nach einem Ausweg, können sich jedoch nicht einigen. Laurence und Patricia finden sich auf unterschiedlichen Seiten der Auseinandersetzung wieder und müssen sich fragen: Wem können wir trauen, wenn die Welt aus den Fugen gerät, dem Verstand oder dem Gefühl?

REZENSION:

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass man hier das Buch definitiv nicht auf Basis des Covers beurteilen kann. Ganz schlicht prangt darauf lediglich der Autorenname sowie der Titel des Buches. Beides platzfüllend und ohne jegliche bildhafte Unterstützung.
Somit lässt sich durch den Umschlag schon einmal nichts über das gedruckte Wort zwischen den Deckeln erahnen. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass es ein solches Werk auf dem üblichen Büchertisch in einem Laden recht schwer haben könnte. Nichts desto trotz hat es dieses Buch definitiv verdient, von seinem zukünftigen Leser nach Hause genommen zu werden.
Ich greife jedoch vorweg: Ich konnte mir absolut keinen Reim auf den Inhalt machen, wusste lediglich, dass es wohl eine Art Crossover zwischen Fantasy und Science Fiction zu sein scheint. Nun, dies klingt doch allein schon recht vielversprechend und somit siegte meine Neugierde zu Gunsten des ersten umfänglichen Romans von Charlie Jane Anders.
Anfangs war ich dennoch sehr skeptisch, ob ich nun eine für mich Interessante Geschichte oder gar ein Jugend-, wenn nicht sogar ein Kinderbuch in meinen Händen halte. Der Grund liegt am Anfang: Lese ich doch in einer recht einfach gehaltenen Sprache von einem jungen Mädchen, welches plötzlich mit den Vögeln sprechen kann und mit ihnen gemeinsam zu einer Vogelversammlung geht.
Nach und nach steigt jedoch die Story in eine Ebene, die dafür sorgt, dass man einfach nicht mehr davon loskommt. Wir begleiten die beiden Außenseiter durch ihr Leben – eine der Natur verbundene Hexe und ein Wissenschaftsnerd, der sich der technischen Entwicklung verschrieben hat. Beide exzentrische Außenseiter, die von ihren Mitschülern dementsprechend gemobbt werden. Nach und nach entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte mit allen möglichen Höhen und Tiefen zwischen diesen Beiden. Gleichzeitig sind sie Konkurrenten auf ihrem jeweils eingeschlagenen Weg.
Charlie Jane Anders entwickelt nach und nach recht rasante und dennoch sehr philosophische Geschichte, deren Inhalt einfach als wunderschön zu betrachten ist.

Prinzipiell würde ich jetzt nicht unbedingt von Fantasy vs. Science Fiction sprechen – spielt die Geschichte doch gefühlt in unserer Zeit und die technischen Errungenschaften, die von den Nerds gerade entwickelt werden oder wurden, klingen recht plausibel. Gut, die Fähigkeiten einer Hexe klingen nach Fantasy – aber was soll‘s? Könnte doch ein Quentchen Wahrheit sein…
Alles in allem kann ich dieses Buch jedem wirklich nur ans Herz legen. Es handelt sich darin einfach um eine durchweg gelungene Geschichte, die erfrischend neu wirkt und in der viele Sätze zum Nachdenken anregen. Diese sind dabei so nebenbei eingestreut, dass sie einfach zur Story gehören und dem Leser in kleinster Weise irgendeinen erhobenen Finger vor die Augen halten möchten. Trotzdem könnte man sich sehr gut vorstellen, dass die beiden Bereiche gemeinsam wohl sinnvoller wären – aber darum geht es hier nicht.
Kurzum: Genießt einfach dieses Buch, es lässt einen wirklich auf außerordentlich interessante Art vom Alltag abtauchen. Ein wahrlich perfektes Debüt.
Jürgen Seibold/11.08.2017
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