Thomas Wheeler: Cursed – Die Auserwählte

Originaltitel: Cursed

Aus dem amerikanischen Englisch von Michelle Gyo und Petra Koob-Pawis
Illustrationen ©2019 by Frank Miller
Text ©2019 Tom Wheeler
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2020 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70487-3
ca. 447 Seiten

COVER:

Eine Frau. Ein Schwert. Ein Land in Aufruhr.

England steht in Flammen. Die Roten Paladine ermorden jeden, der sich nicht vor dem Kreuze beugt. Als Nimues Dorf überfallen wird, verliert sie alles – nur eines bleibt ihr: ein geheimnisvolles Schwert, das sie zu einem gewissen Merlin bringen soll. Doch als Berater des korrupten Königs Uther hat Merlin ganz eigene Pläne für das Schwert der Macht.

Begleitet von dem jungen Söldner Arthur legt Nimue sich mit den gefährlichsten Männern des Landes an, um ihr unterdrücktes Volk in die Freiheit zu führen …

REZENSION:

Die Idee, sich der Arthus-Saga anzunehmen und dieser ein komplett neues Gesicht zu geben, halte ich auch weiterhin für außerordentlich interessant, gelungen und auch für zukünftige Bücher unabdingbar.
Thomas Wheeler konnte mit seiner Idee schon mal für einen ersten Schritt dazu sorgen. Somit öffnete er die Tür in die Welt der Neuentdeckung der Artus-Sage für alle noch kommenden kreativen Köpfe. In seinem Gefolge befindet sich Frank Miller, der sich seinen Namen als Batman-Zeichner machte und darüber hinaus seine Hände unter anderem bei „Sin City“ und „300“ mit im Spiel hatte.
Somit lässt sich bei beiden der Drang in Richtung Film deutlich wahrnehmen und genau aus diesem Grund befindet sich auch ein „Netflix“-Aufkleber auf dem Cover des Buches. „Cursed“ wird das Licht der Welt auch als Serie erblicken können und das vorliegende Buch bietet die Basis dafür.
Aus diesem Grund konnte mich die geschriebene Geschichte jedoch nicht wirklich überzeugen – viel zu sehr wirkt sie als reines Vorbereitungs- oder Begleitwerk zur noch kommenden TV-Umsetzung. Die Idee ist klasse, die Umsetzung zu sehr filmisch dargelegt. Die Kapitel brechen durch künstliche Schnitte viel zu schnell ab und schwenken in eine andere Richtung oder Begebenheit. Dadurch bleiben die Charaktere in ihrer Handlung zu dünn und oberflächlich. Hintergrundinformationen bleiben verborgen beziehungsweise können sich durch diese Vorgehensweise überhaupt gar nicht entfalten. Durch diese Vorgehensweise fehlt einem als Leser die Möglichkeit, sich mit der ein oder anderen Figur identifizieren zu können, was jedoch für einen tiefgehenden Roman essentiell ist.
Wie gesagt, als Serie kann diese Geschichte mit Sicherheit überzeugen – als literarischer Appetizer fehlt jedoch zu viel. Natürlich spricht spätestens seit dem grandiosen Erfolg von Game Of Thrones vieles dafür, dass es zu Serien auch Bücher gibt – doch Game Of Thrones ist als eigenständige und extrem dichte Fantasyliteratur entstanden – ohne jegliches Schielen in Richtung Verfilmung. Aus diesem Grund funktioniert diese Story auf beiden Kanälen – bei „Cursed“ liest man eine Netflix-Serie, was beim Binge-Watching funktioniert, passt aber leider nicht ganz beim gemütlichen Romanlesen.
Als Produkt wiederum funktioniert dieses Konzept sicherlich ganz gut – Frank Miller-Fans werden sich auf neue Zeichnungen dieses Künstlers freuen und die prinzipielle Geschichte ist auch überwiegend ganz nett zum Lesen. Legt man nicht sehr viel Wert auf Details, Charakterzeichnung und einen anspruchsvollen Plot ist man mit „Cursed“ ganz gut bedient. Nichts desto trotz hätte ein reiner Fantasy-Autor aus diesem Plot bestimmt mehr herausgeholt.
Jürgen Seibold/09.06.2020

Jon Savage: Sengendes Licht, die Sonne und alles andere

Originaltitel: This Searing Light, The Sun And Everything Else. Joy Division – The Oral History
Aus dem Englischen von Conny Lösch
©2019 by Jon Savage
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27251-4
ca. 383 Seiten

COVER:

„WIR WOLLTEN BLOSS ETWAS ERSCHAFFEN, DASS SICH GUT ANHÖRTE UND UNSERE GEFÜHLE AUSDRÜCKTE. AN SO ETWAS WIE EINE KARRIERE HABEN WIR GAR NICHT GEDACHT. ES GAB KEINEN PLAN.“
Bernard Sumner

JOY DIVISION tauchten Mitte der Siebzigerjahre in Manchester auf und sorgten zusammen mit dem Label Factory dafür, dass die graue Industriestadt in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Bis heute gelten sie als einflussreichste Protagonisten des Post-Punk und Bezugspunkt für nachfolgende Entwicklungen wie Gothic Rock, Dark Wave oder Indie-Rock. Obwohl die Band nur zwei offizielle Studioalben aufnahm, sorgten diese und einige legendenumwitterte Liveauftritte dafür, dass Joys Division zur aufregendsten Undergroundband ihrer Zeit aufstiegen. Doch kurz vor der ersten großen Amerika-Tour nahm sich Sänger Ian Curtis das Leben.

In SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE hat Jon Savage Interviews mit zentralen Figuren der Joy-Division-Geschichte aus dem letzten dreißig Jahren zu einer Oral History zusammengestellt, darunter Bernard Sumner, Peter Hook, Stephen Morris, Deborah Curtis, Paul Morley, Tony Wilson, Terry Mason, Rob Gretton und Martin Hannett. Es ist die Erzählung einer Band, die das Bild einer ganzen Stadt bestimmte, wie diese Band auf ungewöhnliche Art zusammenfand, wie ihre Musik eine ganze Generation bewegte, wie jungen Menschen mit elektrischen Gitarren und literarischen Vorlieben die Welt veränderten. Und es ist auch die niederschmetternde Geschichte, wie Krankheit und innere Dämonen einen charismatischen Sänger und visionären Texter dazu brachten, der Welt zu entfliehen.

REZENSION:

Es gibt vereinzelte Bands innerhalb der Musikgeschichte, die bahnbrechend für die weitere Entwicklung der Musikentwicklung waren. Eine dieser Bands ist JOY DIVISION, die Anfang der 80er Jahre unbewusst vom ausklingenden Punk in die darauffolgende Welt der Musik traten. Dabei öffneten sie für nachfolgende Bands musikalische Türen und wurden wegweisend für Dark Wave, Gothic und Alternative. Mit gerade mal zwei offiziellen Studioalben gingen sie in die Musikgeschichte ein und glänzen darin noch heute.
Ihre Musik ist getrieben von einer visionären Kraft, wie man sie nur selten vorfindet – dabei wollten sie nichts weiter als Musik machen, um dem eintönigen Alltag der darbenden Industriestadt Manchester ein wenig zu entfliehen.
In SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE (was für ein genialer Titel!) lässt Jon Savage die Band auf Basis von Erzählungen beteiligter Personen auferstehen.
Am 18. Mai 2020 jährt sich der Todestag des charismatischen Ian Curtis bereits zum 40. Mal und somit wurde es auch wieder Zeit, sich mit dieser Ausnahmeband zu beschäftigen.
SENGENDES LICHT, DIE SONNE UND ALLES ANDERE ist dabei nicht nur für Fans und Kenner der Musik Joy Divisions eine Offenbarung – nein, ich bin überzeugt, dass der Inhalt auch sehr interessant für Musikliebhaber jeglicher Couleur sein kann, immerhin erzählt es die Geschichte einer Band aus einer Zeit, in der Musik noch für sich selbst funktioniert hatte und der Drang danach nicht nur dem öden Kommerz geschuldet war. Joy Divison machten ihre Musik aus Leidenschaft und nichts weiter. Dass sie dabei etwas Besonderes entwickelten, war ihnen selbst sicherlich überhaupt nicht bewusst. Hier ging es nur um die Jagd nach dem nächsten Auftritt, möge die Location noch so klein sein.
Das Buch deckt auf eine sehr persönliche Art und Weise alles auf, was sich im Umfeld dieser Band zugetragen hatte. Dennoch, die innere Welt Ian Curtis‘ bleibt auch nach Genuss dieses Werkes verborgen und somit ist es weiterhin nur spekulativ, warum sich Ian Curtis zwei Tage vor der Abreise in die Vereinigten Staaten das Leben genommen hat. Sicherlich kämpfte hier ein sehr zerrissener Mensch mit seinen inneren Dämonen und somit bleibt einem auch nichts weiter übrig, als mit unbeantworteten Fragen dem Abgang dieses sagenhaften Menschen zu bedauern. Immerhin bleibt er durch seine Musik am Leben und auch hier sei gesagt, dass diese trotz der bereits vergangenen 40 Jahre weiterhin zeitgemäß ist und wohl noch lange bleiben wird.
Die Zusammenstellung der verschiedenen Stimmen durch Jon Savage wirkt dabei rundum authentisch und man fühlt sich beinahe mitten drin. Insbesondere die Texte des zweiten Albums mit dem Titel „Closer“ erscheinen in einem komplett neuen Licht.
Die letzten, sehr traurigen und intensiven Seiten las ich mit Joy Division als Begleitmusik. Dies sorgte für eine bedrückende Gänsehaut, da man auf der einen Seite Erzählungen über die letzten Tage des mittlerweile wohl manisch-depressiven Ian Curtis liest und gleichzeitig die düsteren Klänge von „Isolation“, „She‘s Lost Control“, „Love Will Tear Us Apart“ und ganz besonders „Atmosphere“ den Raum um einen herum füllen. In dieser Konstellation ein sehr eingängiger, tiefgehender und nachdenklich stimmender Schluss, wie er nur selten beim Genuss eines Buches vorkommt.
Interessanterweise hörte ich während des Schreibens dieser Rezension einen Alternativ-Radiosender an und wie als ganz besonderer Fingerzeig spielten sie beim Beenden dieser Worte von mir ebenfalls ein Werk dieser bahnbrechenden und viel zu kurzlebigen Band.
Als kleines Fazit sei noch angemerkt, dass dieses Buch nicht zu wenig und nicht zu viel verspricht – dabei schlicht und ergreifend den Weg von gleichwertig agierenden Freunden ohne jeglichen Plan zu einer historisch nennenswerten Band offenbart. Perfekt in seiner stringenten Timeline zusammengestellt.
Jürgen Seibold/07.06.2020

Brian Lee Durfee: Das pechschwarze Herz – Die fünf Kriegerengel 2

Originaltitel: The Blackest Heart. The Five Warrior Angels 2
Aus dem Amerikanischen von Olaf Schenk
©2019 by Brian Lee Durfee
Für die deutsche Ausgabe ©2020 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-96142-3
ca. 1.096 Seiten

COVER:

Die fünf Kriegerengel sind offenbart worden und nun müssen ihre mystischen Waffen gefunden werden. Nur so kann sich endlich eine uralte Prophezeiung erfüllen. Was, wenn doch nicht? Der Geschichtsschreibung der Fünf Inseln ist nicht mehr zu trauen …
Und mitten in den Konflikten um Religion und Thron wird sich das Schicksal des Waisenjungen Nail entscheiden.
Oder wird sich an ihm das Schicksal aller entscheiden?

REZENSION:

Der Verlag beziehungsweise der Autor machen es einem wirklich nicht gerade leicht. Wie ich meiner letzten Durfee-Rezension entnehmen konnte, ist es nun bereits nahezu 2 Jahre her, als ich den ersten Band dieser umfangreichen Geschichte gelesen hatte. Nun also der zweite Teil – ehrlich gesagt hatte ich überhaupt keinen wirklichen Schimmer mehr über die Geschehnisse im Vorgänger. Alles was ich noch wusste, war der Umstand, das mir dieser außerordentlich gut gefallen hatte und ich in meiner damaligen Rezension von nichts geringerem, als vom Highlight des Jahres sprach.
Jetzt also „Das pechschwarze Herz“ und sogleich stellte ich mir die Frage, ob ich mich einerseits wieder an die bereits gelesenen Seiten erinnern kann und das Buch andererseits nicht denselben Fehler wie viele Trilogien zur Folge hat und nicht mehr die bereits vorgelegte Qualität aufrechterhalten kann. Zwei Jahre sind eine lange Zeit und somit gibt es viele äußere Einflüsse, die das Gegenteil hervorbringen könnten.
Auch gab es in diesem Buch leider keine Zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse – bei so langen Wartezeiten wäre das definitiv angemessen eine Art „was bisher geschah“ als erneuten Eintritt an den Anfang des Buches zu stellen. Dementsprechend schwer fiel mir auch zuerst der erneute Zutritt in diese Geschichte – sämtliche Namen waren eine gewisse Zeit nur mehr Schall und Rauch für mich. Ich konnte mich gerade noch ein wenig an den Waisen Nail erinnern; was er im Detail vollbracht hatte: Entschwunden in die Welt des Vergessens.
Interessanterweise schien sich nach einigen Dutzend Seiten das Tor der Erinnerung wieder zu öffnen und der damalige Sog trieb mich erneut hinweg in eine ganz besondere Welt.
Eine Welt gefüllt mit Intrigen, fantastischen Begebenheiten, interessanten Persönlichkeiten und eine dazugehörige, komplex aufgebaute Geschichte, in der jedes Kapitel für sich alleine steht und funktioniert. Durfee schreibt klischeegeladen, driftet dabei aber nicht ab von seinem eigenen Ziel und schafft es dadurch nahezu virtuos, eine rundum herausragende High-Fantasy-Geschichte darzubieten, wie es aktuell nur noch wenige herzustellen in der Lage sind. In meinen Augen findet sich hier nichts Negatives und ich kann an Durfee und Klett-Cotta nur noch den Wunsch aussprechen, dass sie sich nicht abermals zwei ganze Jahre bis zum finalen Band Zeit lassen werden, sondern so schnell wie nur irgend möglich „Die fünf Kriegerengel“ zu ihrem Abschluss bringen lassen.
Jürgen Seibold/03.06.2020

Basma Abdel Aziz: Das Tor

Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Deutsche Erstausgabe 05/2020
©2013 by Basma Abdel Aziz
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32046-8
ca. 283 Seiten

COVER:

Ein nicht näher benanntes Land im Nahen Osten: Seit den sogenannten „Schändlichen Ereignissen“ wird die Bevölkerung massiv von der Regierung unterdrückt. Peinlich genau achtet die Sicherheitsgarde auf die Einhaltung der Gesetze, und wer gegen die Regeln verstößt, verschwindet spurlos in den dunklen Kellern der Behörden. Für alles brauchen die Bürger die Genehmigung des Staates, für die sie sich vor einem großen Tor anstellen müssen. Doch die Schlange der Menschen, die in der brütenden Hitze warten, wird von Tag zu Tag länger, denn das Tor öffnet sich nicht. Da ist zum Beispiel die junge Lehrerin Ines, die eine Unbedenklichkeitsbescheinigung braucht, nachdem sie den kritischen Aufsatz einer Schülerin in der Klasse vorgelesen hat. Oder der Regimekritiker Yahya, der die Erlaubnis benötigt, sich einer lebensnotwendigen Operation zu unterziehen. Oder die namenlose alte Frau, die einfach nur Brot kaufen möchte. Sie und viele andere warten Tag und Nacht vor dem Tor – vergebens, aber dennoch voller Hoffnung, dass es irgendwann aufgehen wird …

REZENSION:

Basma Abdel Aziz ist eine ägyptische Autorin, die sich in ihrer Heimat unermüdlich für den Kampf gegen Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte einsetzt. Dies zeigt sich auch sehr deutlich in ihrem Buch „Das Tor“, welches darüber hinaus auch die Nähe zu den Gegebenheiten des arabischen Frühlings nicht verneinen kann. Das Buch selbst ist bereits aus dem Jahre 2013 und dementsprechend nah werden sich die Vorgänge nach dem Tag des Zorns noch im Kopf der Autorin befunden haben.
In „Das Tor“ befinden wir uns in einem nicht näher benannten, totalitären Staat im Nahen Osten, in dem man für beinahe alles eine behördliche Genehmigung benötigt. Für den Erhalt dieser Genehmigungen ist es notwendig, sich am Tor anzustellen, hinter dem sich die Behörden befinden. Die dabei entstehende Schlange wird immer länger – wir reden hier bereits von einer eigenen Welt, mit Menschen, die bis zu zwei Kilometer vom Tor entfernt stehen. Dies alles in der brütenden Hitze und voller Hoffnung, dass sich das Tor endlich öffnet und man eintreten darf.
Die Schlange wird von Tag zu Tag länger, da sich das Tor nicht öffnet – die Stimmung scheint zu kippen…
„Das Tor“ von Basma Abdel Aziz wird auf dem Cover mit George Orwells Klassiker „1984“ und Kafkas „Der Prozess“ auf einen Ebene gebracht. Teilweise kann ich mich dem auch anschließen, sind solche Bücher doch unglaublich wichtig und müssen unbedingt erzählt werden. Gleichzeitig hat jedoch Basma Abdel Aziz auch einige Chancen liegen gelassen und ist schlicht zu nett in ihrer Ausführung. Gut, sie drückt den Finger in die Wunde und zeigt bravurös Missstände von Diktaturen auf. Der totalitäre Staat wird gefühlt aus dem Bauch heraus regiert – dementsprechend unsinnig wirken die Gesetze und Vorschriften.
Wir dürfen uns auch als Leser der demokratischen Welt dabei nicht zurücklehnen, da wir von vielen dieser Vorgänge auch nicht weit weg sind.
Doch zurück: In „Das Tor“ erzählt die Autorin die Erlebnisse einiger Protagonisten, die dringend eine Bescheinigung benötigen und somit vor dem Tor verharren. Dies alles wirkt interessant, doch zu trocken und freundlich dargelegt. Wenn ich mir vor Augen führe, wie viele Menschen es in der brütenden Hitze vor einem seit Wochen verschlossenen Tor sein müssen, dann kann ich mir schlichtweg nicht vorstellen, dass dies unter Wahrung der öffentlichen Ordnung geschieht. Menschen gingen schon für weit weniger aufeinander los, so schade das auch ist.
Alles in allem ist „Das Tor“ eine sehr interessante Dystopie, deren Inhalt mehr und mehr in Richtung Realität driftet. Somit eine absolut gelungene Idee, die jedoch viel zu nett dargelegt worden ist. Hier hätte die Autorin noch erheblich aggressiver werden können, oder einen stringenteren Weg einschlagen müssen, damit der Plot einen Drive bekommt, der den Leser an die Seiten haftet. Durch die gleichmäßige und fast monotone Darbietung der eigentlich dramatischen Probleme verliert man den Drang, hier das notwendige Extra heraus holen zu wollen. Somit leider ein lediglich ganz netter, interessanter Plot, der unglaublich viel Potenzial für erheblich mehr gehabt hätte.
Jürgen Seibold/01.06.2020

Stephen King: If It Blees

©2020 by Stephen King
This Scribner export edition May 2020
ISBN 978-1-9821-5029-7
ca. 436 Seiten

COVER:

Readers adore Stephen King’s novels, and his short stories are their own dark treat, briefer but just as impactful and enduring as his longer fiction. Different Seasons, the knockout King collection featuring “Rita Hayworth and Shawshank Redemption” and “The Body” (made into the movies The Shawshank Redemption and Stand By Me), was published nearly forty years ago. The stories and their characters seem as fresh today as they did when King first introduced them to the world.
In If It Bleeds, King gives readers four brilliant new stories sure to prove as iconic as their predecessors. Once again, King’s remarkable range is on full display. In the title story, reader favorite Holly Gibney (from the Bill Hodges Trilogy and The Outsider) must face her fears and possibly another outsider – this time on her own. In “Mr. Harrigan’s Phone”, an intergenerational friendship has a disturbing afterlife. “The Life of Chuck” explores, beautifully, how each of us contains multitudes. And in “Rat”, a struggling writer must contend with the darker side of ambition.
If these stories show King’s range, they also prove that certain themes endure. One of King’s great concerns is evil, and in If It Bleeds, there’s plenty of it, imagined in the title story as “a big bird, all frowsy and frosty gray.” There is also evil’s opposite, which in King’s fiction often manifests as friendship. In this collection, Holly is reminded that friendship is not only life-affirming but can be lifesaving. Young Craig befriends Mr. Harrigan, and the sweetness of this connection is its own reward.
King also reminds us that life’s quotidian pleasures are even more glorious because they are fleeting: the outrageous good fortune of a beautiful blue day after a string of gray ones; the delight of dancing really well, when every move feels perfect; a serendipitous meeting. It’s in these moments that King’s ability to describe pure joy rivals his ability to terrify us.

REZENSION:

Stephen Kings Kreativität scheint absolut kein Ende zu nehmen. Vor einigen Jahren hatte ich noch die Sorge, dass sich der Autor tiefenentspannt zurücklehnen wird und sich als Rentner seine Zeit beim Pflegen seines Gartens vertreibt. Erfreulicherweise scheint dies nicht der Fall zu sein, bringt er doch ungebremst ein Werk nach dem anderen auf den Markt. Interessanterweise sind diese nicht nur außerordentlich abwechslungsreich, sondern darüber hinaus auch noch herausragend in ihrer Erzählweise.
Nun also eine Art Kurzgeschichtenband namens „If It Bleeds“, was jedoch dem Namen nicht ganz gerecht wird, da sich in diesen knapp über 400 Seiten gerade mal vier Geschichten befinden.
Los geht es mit „Mr. Harrigan’s Phone“: Ein Geschichte über eine generationenübergreifende, innige Freundschaft, welche sich eher nach und nach ohne große Besonderheiten entwickelte.
Der junge Craig liest dem alleinlebenden Mr. Harrigan gegen Bezahlung Geschichten vor. Er hätte dies auch ohne das Gefühl eines „Jobs“ gemacht, dennoch ist es natürlich für ein Kind eine gelungene und einfache Art, sich ein paar Dollar zu verdienen. Craig führt Mr. Harrigan dabei auch in die Welt der aufkommenden Smartphones ein und hilft ihm beim Entdecken des ersten iPhones. Als Mr. Harrigan verstarb, legte Craig dieses Telefon in die Jackentasche des sich ihm Sarg befindlichen Verstorbenen. Was danach geschah, entspricht auf den Punkt genau der Erwartungshaltung eines Stephen King Lesers der früheren Zeit. Gerade mal knappe 90 Seiten gefüllt mit einer gehörigen Portion Freundschaft und einem klassischen Gruseleffekt, der sich in der Verknüpfung vom Dies- und Jenseits darstellt. Früher wäre diese kleine Geschichte sicher mit in die TV-Serie „Tales from the dark side“ mit aufgenommen worden.
Weiter geht es mit „The Life of Chuck“, eine Geschichte, die durch eine umgekehrte Erzählweise für Aufmerksamkeit sorgt. King dreht den Plot und beginnt mit dem letzten Akt, um dann in Richtung ersten Akt fort zu fahren. In meinen Augen die schwächste Geschichte in diesem ansonsten herausragenden Buch – irgendwie konnte ich mit der Vorgehensweise nicht wirklich was anfangen.
Die dritte Geschichte ist eine Art „The Outsider“-Part II und funktioniert auch nur in seiner Gänze, wenn man zumindest die Geschichte um den Outsider kennt. Holly Gibney war in den Bill Hodges-Büchern eine gewisse Zeit nur eine Nebenrolle – sie hat sich nun in Kings Welt immer mehr in den Vordergrund gedrängt, konnte dabei bereits im Outsider brillieren und tritt nun in dieser Geschichte mit knappen 200 Seiten als Hauptdarstellerin auf. Die Story selbst ist erneut eine Geschichte über Freundschaft und darüber hinaus eine gelungene Erweiterung beziehungsweise Fortführung des Buches „Der Outsider“.
Schlussendlich zeigt King in „Rat“ abermals eines seiner Lieblingsthemen: Der Autor, der sich in die Einsamkeit zwingt, um endlich ein Buch vollenden bzw. schreiben zu können. Alleine in einer schwer erreichbaren Hütte nimmt er sich eine Auszeit von seiner Familie, um endlich – nach seinen Erfolgen als Kurzgeschichtenautor – einen vollwertigen Roman zu schreiben. Neben einem aufkommenden Sturm trifft ihn auch noch eine starke Erkältung mit ausreichend Fieber, um an den weiteren Geschehnissen zu zweifeln…
King spielt hier erneut mit der Gedankenwelt eines Schriftstellers und führt ihn dabei auch noch zu einer Entscheidung über Leben und Tod und wie weit der Autor zu Gunsten seines Werkes zu gehen bereit ist.
Alles in allem eine wundervolle Sammlung, die mich lediglich bei der zweiten Geschichte etwas verloren hatte. Drei von vier sind jedoch eine perfekte Quote bei einem Schriftsteller, dessen Stärke ich persönlich eher bei langen Geschichten sehe. Somit eine absolute Empfehlung, um wieder einige Stunden in die immer größer werdende Welt dieses Schriftstellers einzutauchen.
Jürgen Seibold/13.05.2020

Jay Kristoff: Nevernight – Die Rache

Originaltitel: Darkdawn
Aus dem Englischen von Kirsten Borchardt
©2019 Neverafter PTY LTD.
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70358-6
ca. 778 Seiten

COVER:

Wenn überall Blut ist, ist Blut das Einzige.

Mia Corvere hat ihre Laufbahn als Gladiatii mit dem kühnsten Mord in der Geschichte der Republik gekrönt. Kardinal Duomo liegt tot im Staub, und auch Julius Scaeva scheint ihrem grabbeinernen Dolch zum Opfer gefallen zu sein. Aber der Augenschein trügt: Tot ist nur sein Doppelgänger, während der Konsul lebt und das Attentat nutzt, um seine Macht ins Grenzenlose zu steigern. Er ruft sich selbst zum Imperator aus, um eine Dynastie von Königen zu begründen.

Doch auch Mia steht nicht mit leeren Händen da: Sie hat die Arena nicht alleine verlassen, sondern ist mit Jonnen geflohen, dem einzigen legitimen Nachfolger von Julius Scaeva. Und sie weiß: Er wird alles daran setzen, seinen Sohn lebend zurückzubekommen.

REZENSION:

Es gibt nicht viele Zyklen, bei denen ich es bis zur Veröffentlichung des nächsten Bandes fast nicht erwarten konnte. Die Geschichte über die junge Assassinin Mia konnte mich jedoch bereits beim ersten Buch uneingeschränkt überzeugen. Dementsprechend gierig stürzte ich mich auf den Zweiten und freute mich nach dessen Abschluss bereits sehr auf den finalen dritten Teil, der nun mit dem Untertitel „Die Rache“ vorliegt.
Jay Kristoff bleibt sich seinem Setting absolut treu – dementsprechend „dreckig“ wird die Story fortgeführt. Gut, man kann bereits ab dem Beginn stark davon ausgehen, wie es enden wird – Kristoff macht auch keinen Hehl daraus und gibt selbst die in Spoilermanier die Richtung vor. Nichts desto trotz ist hier der Weg das Ziel und es offenbart sich ein Abschlussband, der absolut nichts missen lässt: Eine sarkastische, dreckige Geschichte mit üblen Gestalten, die einem ungebremst ans Herz wachsen. Explizite und detailliert dargestellte Sexszenen, die den Roman eher in Richtung Erwachsenenliteratur heben und eine Sprache, die vor absolut keinem Wort zurückschreckt. Wer sich an vulgärer Sprache als auch vulgären Handlungen stört, sollte besser die Finger davon lassen – hat man damit keinerlei Problem: einfach zugreifen!
Der gesamte Weg von der jungen, unausgebildeten Göre zur ausgereiften Beinahe-Göttin lässt nichts zu wünschen übrig. Ein Fantasy-Zyklus, der von Anfang an zu begeistern weiß und deutlich zeigt, dass man als Autor auch ein wenig die Grenzen ausloten, wenn nicht gar durchbrechen, kann. Das Ergebnis ist eine ausgewachsene Unterhaltung für anspruchsvolle Leser des Genres.
In meinen Augen ein echter Lichtblick in dem oft recht festgestampften Pfad der Fantasy. Großartig, fesselnd, spannend, abwechslungsreich und vor Ideen strotzend.
Gut, erneut mit Fußnoten – aber: auch diesmal habe ich diese schlicht nicht beachtet. Die Story funktioniert dennoch und man kann sich diesen ja unter Umständen zu späterer Zeit widmen.
Alles in allem ein Lesegenuss der besonderen Art – gleichzeitig ein würdiger Abschluss dieser herausragenden Trilogie.
Jürgen Seibold/04.05.2020

Tade Thompson: Rosewater

Originaltitel: Rosewater
Aus dem Englischen von Jakob Schmidt
©2016 by Tade Thompson
Deutsche Erstausgabe
©2020 der deutschsprachigen Ausgabe Golkonda Verlag, München
ISBN 978-3-96509-010-1
ca. 440 Seiten

COVER:

Nigeria 2066 – Kaaro hatte Kontakt mit den außerirdischen Wormwood, die in Rosewater eine mysteriöse Biokuppel errichtet haben. Seitdem ist er „Empfänger“ mit der Fähigkeit, auf Gedanken, Gefühle und Erinnerungen anderer zuzugreifen. Dank seiner kriminellen Vergangenheit zwingt ihn Sektion 45, eine geheime Regierungsbehörde, Menschen zu verhören, indem er in ihre Seele eindringt – ein Job, der ihn zum Zyniker werden lässt.

Als plötzlich immer mehr Empfänger wie er an einer tödlichen Seuche sterben, beginnt für Kaaro ein Wettlauf mit der Zeit. Verzweifelt versucht er herauszufinden, wer oder was dafür verantwortlich ist, um einer schrecklichen Zukunft zu entkommen.

Rosewater ist der Beginn einer großartigen Trilogie von einer der spannendsten neuen Stimmen der Science-Fiction.

REZENSION:

Rosewater zeigt sich bereits durch sein schlichtes Coverdesign als etwas gänzlich anderes. Mich persönlich hatte dieses dezente Design mit der stilisierten Kuppel extrem angesprochen und dementsprechend gespannt war ich auf den Inhalt des Debuts von Tade Thompson.
Vorneweg lässt sich relativ schnell sagen, dass ich mich die ersten 20 bis 30 Seiten erst einmal in das Setting reinfinden musste. Urplötzlich hatte mich jedoch nicht nur das Setting im Griff, sondern auch die interessanten Geschehnisse um Kaaro, der in seiner Eigenschaft als „Empfänger“ für eine Geheimorganisation mehr oder weniger gerne arbeitet und darin insbesondere für Verhörtätigkeiten zuständig ist, da er in die Biosphäre des Verhörenden eindringen kann.
Die Erzählweise Tade Thompsons ist interessant und dabei gleichzeitig etwas seltsam in ihrer Darbietung. Dennoch kann man sich lange Zeit den verschiedenen zeitlichen Ebenen nicht entziehen. Die Geschichte wird nämlich hauptsächlich in drei verschiedenen Ebenen dargelegt, wodurch Kaaro eine detailliert aufgebaute Grundlage bekommt. Interessanterweise funktionierte die Ebene mit der „Entstehungsgeschichte“ Kaaros – als Krimineller, der unter Verwendung seiner Fähigkeit agiert – in meinem Fall am besten.
Die Sprünge der Kapitel machten dabei jedoch auch den Genuss ein wenig schwierig, da man als Leser noch mit dem Eintauchen in die nahegelegte, futuristische Welt beschäftigt ist und der Autor sehr schnell seine Sprünge vollführt. Nichts desto trotz handelt es sich um eine sehr innovative Story und man ist lange Zeit regelrecht gespannt, wie die jeweilige zeitliche Ebene weiter vorwärtsgetrieben wird.
Eine sehr faszinierte Darbietung, die jedoch ihre Stärke in den ersten zwei Drittel des Buches ausbreitet – ab dem letzten Drittel scheint irgendetwas vonstatten gegangen zu sein, was dazu führte, dass man unter Umständen als Leser das tiefgehende Interesse verliert. Den genauen Punkt dieser Wegkreuzung konnte ich leider nicht erkennen und finde ihn auch nicht – dennoch stellt man dabei fest, dass die Stärke des Buches in den ersten 60-70% der Gesamtseitenzahl zu liegen scheint. Vielleicht ging es aber nur mir so oder es ist schlicht das notwendige Luftholen, um den Leser für die noch kommenden Folgebände zu wappnen. Mich hat er dabei verloren, obwohl ich trotzdem das Grundgerüst und die Art des Erzählens für eine unglaublich intelligente Variante im Genre der Science-Fiction halte.
Jürgen Seibold/25.04.2020

Stephen Chbosky: Der unsichtbare Freund

Originaltitel: Imaginary Friend
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
©2019 by Stephen Chbosky
©2019 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27243-9
ca. 912 Seiten

COVER:

Die alleinerziehende Kate muss mit ihrem siebenjährigen Sohn Christopher dringend untertauchen. Das beschauliche Örtchen Mill Grove, Pennsylvania, scheint dafür ideal zu sein. Eine Straße führt hinein, eine hinaus. Ringsum liegt dichter Wald. Doch kurz nach ihrem Umzug beginnt der kleine Christopher eine Stimme zu hören. Und merkwürdige Zeichen zu sehen. Zeichen, die ihn in den Wald locken.
Sechs Tage lang bleibt er dort verschollen. Als er wieder auftaucht, kann er sich nicht erinnern, was geschehen ist. Aber plötzlich hat er besondere Fähigkeiten. Und einen Auftrag: ein Baumhaus mitten im Wald zu errichten. Wenn er es nicht bis Weihnachten schafft, so die Stimme des unsichtbaren Freundes, wird der ganze Ort untergehen. Ehe sie sichs versehen, befinden sich Christopher, seine Mutter und alle Einwohner von Mill Grove mitten im Kampf zwischen Gut und Böse.

REZENSION:

Davon mal abgesehen, dass mir der Name Stephen Chbosky absolut gar nichts gesagt hatte, sorgte das gelungene Cover dennoch dafür, mein Interesse zu wecken. Üblicherweise finde ich das gar nicht so gut, denn ein Buch sollte natürlich nur auf Basis seiner sinnvoll zusammengefügten Buchstaben bewertet werden. Nichts desto trotz sorgte diese dezente Umsetzung für Aufmerksamkeit. Als ich dann auf dem Rücken gelesen habe, dass dieses Buch an die epischen Romane meines Lieblingsautors Stephen King erinnert, stieg jedoch meine Skepsis, da es sehr viele Bücher mit ähnlichen Verweisen gibt, diese jedoch lediglich für Enttäuschung sorgen konnten. Da ist wohl oft lediglich der Wunsch Vater des Gedankens.
Erfüllt mit diesen Gedanken entschied ich mich trotzdem, mich diesem Werk von knapp über 900 Seiten zu widmen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…
Die Geschichte um Christopher fühlt sich bereits nach einigen Seiten wie ein Roman von Stephen King an: Wir befinden uns in einer Kleinstadt, der Personenkreis wird abgesteckt und plötzlich geschieht etwas in kleinbürgerlicher, heimischer Umgebung. Hier ist es so, dass der mit seiner alleinerziehenden Mutter in Mill Grove lebende Christopher eines Tages im naheliegenden Wald verschwindet und urplötzlich nach sechs Tagen wieder auftaucht. Ab diesem Zeitpunkt besitzt er einige Besonderheiten, über die ich hier nicht näher eingehen möchte.
Sämtliche Dorfbewohner werden tiefgehend beleuchtet und wie so oft, hat selbst die ordentlichste und „normalste“ Familie irgendeine „Leiche“ im Keller. Nicht alles ist golden, was glänzt. Diese Darbietung ähnelt komplett dem literarischen Vorbild Stephen Chboskys – gleichzeitig entwickelt er ausreichend eigene Ideen, um sich ein wenig davon abgrenzen zu können. Chboskys Schreibstil ist sehr lebendig und rundum eingängig gehalten. Es lässt sich problemlos jede Seite genießen und die Story selbst entwickelt sich von Seite zu Seite immer mehr in Richtung „das-könnte-ein-Highlight-werden-Buch“.
Problemlos wechselt Chbosky die erzählerischen Ebenen und somit muss seinem Leser natürlich auch klar sein, dass hier auch die eigene Fantasie gefordert wird, denn mit dem Eintritt in den Wald treibt es uns ab und an auch in andere Welten.
Interessanterweise schafft er es dabei nicht nur, den Leser auf eine phantasievolle, hervorragende und spannende Art zu unterhalten, sondern auch einen über 300 Seiten andauernden Show-Down hinzulegen, wie man ihn nur selten sieht. Dabei zusätzlich gewürzt mit einer Wendung, die man zwar ahnen, jedoch nicht wirklich vorhersagen kann. Chapeau!
In der Danksagung des Autors wird sein großes Vorbild erneut erwähnt, darüber hinaus gibt es noch den Vermerk auf die Serie „Stranger Things“ auf dem Buchrücken. Gut, das Vorbild passt und auch die Anleihen in Richtung „Stranger Things“ sind nicht von der Hand zu weisen – alles in allem jedoch eher eine Art „Stranger Things“ auf Speed. Insbesondere die phantastischen Bereiche haben eher etwas von einem Neil Gaiman und gehen somit tiefer als die bisherigen Berührungen der Serie mit der anderen Seite.
Schlussendlich eines der Werke, die mir klar machen, warum ich so gerne meine Bücher in der Welt der Phantastischen Literatur aussuche. Einfach nur: Perfekt!
Jürgen Seibold/23.04.2020

John Marrs: The One

Originaltitel: THE ONE
Aus dem Englischen von Felix Mayer
Deutsche Erstausgabe 11/2019
©2016 by John Marrs
©2019 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-32061-1
ca. 496 Seiten

COVER:

Der Traum von der einzig wahren Liebe ist endlich Wirklichkeit geworden. Dank der revolutionären Entschlüsselung eines bis dahin verborgenen genetischen Codes können die Menschen durch einen einfachen Test den perfekten Partner finden. Aussehen, Alter, Geschlecht und sexuelle Orientierung spielen mit einem Mal keine Rolle mehr, denn Match Your DNA sorgt dafür, dass jeder mit seinem Seelenverwandten – seinem Match – zusammen sein kann. Die Zeiten von grauenhaften Dates, von Zweifeln in der Beziehung, von Streit und Untreue sind endgültig vorbei. Gematchte Paare haben die besseren Jobs, verdienen mehr Geld und genießen ein höheres soziales Ansehen als solche, die sich auf anderem Wege kennengelernt haben. Natürlich sind sie auch glücklicher, schließlich haben sie den Menschen gefunden, der wie für sie geschaffen ist.

Mandy, Christopher, Jade, Ellie und Nick sehen sich ebenfalls danach, ihren Traumpartner zu treffen. Sie alle haben sich auf das Abenteuer Match Your DNA eingelassen, und sie alle können ihr Glück kaum fassen, als sie endlich die große Liebe erleben dürfen. Noch ahnen die fünf nicht, dass das Schicksal die ein oder andere böse Überraschung für sie bereithält – denn auch Seelenverwandte können Geheimnisse voreinander haben. Dunkle Geheimnisse. Tödliche Geheimnisse …

REZENSION:

Partnersuche auf die einfachste Art und Weise: Man meldet sich bei Match Your DNA an, erhält ein Teströhrchen, macht einen Rachenabstrich und sendet das ein. Passt die eigene DNA zum perfekten Partner, bekommt man für knappe 10 englische Pfund die Kontaktdaten dieser Person. Diese Idee klingt absolut verlockend und auch in diesem Buch passen die Pärchen beinahe nahtlos zusammen. Natürlich handelt es sich bei THE ONE um einen Thriller, wodurch sichergestellt ist, dass nicht alles golden ist was glänzt. Tiefer möchte ich aber in die prinzipielle Handlung nicht eingehen, da bereits die Coverbeschreibung fast zu viel verrät.
Das Schöne am Thriller von John Marrs sind die sehr kurz gehaltenen Kapitel, die immer auf eine Person eingehen und fast immer mit einem kleinen Cliffhanger enden. Dadurch ist man fast genötigt, noch schnell einige Kapitel weiter zu lesen, da man ja wissen möchte, wie es bei der betreffenden Person weitergeht. Natürlich tritt dieses Konzept bei jedem Kapitel auf und schon befindet man sich in einer Spirale der Nötigung und die Seiten rasen nur so an den eigenen Augen vorbei. Dies allein zeigt bereits, dass es sich bei THE ONE um einen reinrassigen Unterhaltungsroman handelt. Diese Aufgabe schafft Marrs‘ Geschichte auch problemlos – die Handlung ist rasant, die Geschichte interessant und die Erzählweise eingängig genug, um noch schnell ein weiteres Kapitel lesen zu wollen.
Ein klein wenig wirkt die Geschichte etwas konstruiert, nichts desto sorgt sie für gelungene Lesefreude, wodurch man hier nicht zu kritisch werden sollte. Eine Geschichte mit einer interessanten Idee, die ein klein wenig zum Nachdenken anregt, in ihrer Gänze aber pure Unterhaltung sein möchte. Mich wundert es absolut nicht, dass THE ONE auch seinen Weg in die Welt der Serien bei einem nicht gerade unbekannten Streaming-Portal gefunden hat.
Jürgen Seibold/12.04.2020

Simon Stålenhag: The Electric State

Originaltitel: Passagen
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
©Simon Stålenhag 2017
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2019 Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
ISBN 978-3-596-70379-1
ca. 141 Seiten

COVER:

EINE REISE BIS ANS ENDE DER WELT …
UND DARÜBER HINAUS

Nach einem Drohnenkrieg hat sich Amerika in einen postapokalyptischen Friedhof verwandelt: Wie fremdgesteuert streifen die Menschen durch ein zerfallendes Land. Und während die alte Welt stirbt, erhebt sich etwas Neues aus den Ruinen, das noch keinen Namen hat.

Mitten durch das Chaos bahnt sich eine junge Frau mit ihrem Roboter einen Weg nach Westen. Auf der Suche nach ihrem Bruder unternimmt sie eine einsame Reise durch die Überreste unserer Zivilisation.

REZENSION:

THE ELECTRIC STATE von Simon Stålenhag war nicht wirklich im Fokus meiner zu lesenden Bücher. Interessanterweise fand es dennoch seinen Weg in meine Hände und ich entschied mich, diesem Werk ebenfalls eine Chance zu geben. Das Buch selbst ist im Großformat und ein illustrierter, dystopischer Roman. Mit seinen gerade mal ungefähr 140 Seiten wirkt es durch den doch recht üppigen Preis etwas teuer – da man aber einen Bildband in Händen hält, relativiert sich dieses Gefühl sogleich. Bereits beim anfänglichen Durchblättern lässt man sich durch die realistisch wirkenden Zeichnungen gefangen nehmen. Beinahe alleine erzählen sie die düstere Geschichte der jungen Frau und ihrem kleinen Roboter auf der Suche nach ihrem Bruder. THE ELECTRIC STATE ist vordergründig nichts weiter als ein nettes Roadmovie, welches vom Inhalt seiner Geschichte allein nichts Besonderes zu sein scheint. Durch den geschickten Wechsel von Bild und Text entsteht jedoch ein sehr ergreifendes und tiefgründiges Werk, welches zu überraschen weiß und den Blick auf jeder Seite für längere Zeit haften lässt. Auch im Nachgang lässt sich dieses Werk immer wieder hervorholen und wie ein echter fotografischer Bildband lässt man hierin jede Zeichnung einzeln auf sich wirken und zart jede in ihm befindliche Geschichte auferstehen.
Ein Buch für Sammler und Kenner und ein Buch, welches für ein wenig Abwechslung im phantastischen Genre sorgen kann. Meines Wissens gibt es noch weitere Bände dieses künstlerisch ambitionierten Zeichners/Autors und es hat wohl auch bereits Netflix für erste Umsetzungen in filmischer Form gesorgt.
Absolut interessant, wie eine Mischung aus Graphic Novel und Roman funktionieren kann und eine Geschichte auf eine neue sinnliche Ebene heben kann.
Jürgen Seibold/12.04.2020

Frank Lauenroth: Chicago Run

1. Auflage 2019
© Frank Lauenroth
Herstellung und Verlag:
BoD – Books on Demand, Norderstedt
ISBN 978-3-750409-78-1
ca. 308 Seiten

COVER:

Endspurt im Wahlkampf um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von Amerika. Der amtierende Präsident Langdon liegt hinter seinem republikanischen Herausforderer zurück. Doch Langdon hat einen Plan. Als erster Präsident will er am Chicago Marathon teilnehmen, um medienwirksam Bürgernähe, Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen zu demonstrieren.

Eine riskante Entscheidung, die den Secret Service vor eine enorme Herausforderung stellt. Denn Stalin, russischer Oligarch und erklärter Gegner Amerikas, war mit seinem Masterplan beim New Yorker Marathon nur knapp gescheitert. Nun ist er frei und sinnt auf Rache.

An der Seite des Präsidenten sollen Christopher Johnson und Brian Harding, gemeinsam mit einem Spezialisten-Team, Stalins Pläne vereiteln. Im Hintergrund versuchen Elisabeth Bancroft und Rachel Parker alles, um den Präsidenten und ihre Männer zu retten.
Doch Stalin ist ihnen längst einige Schritte voraus.

Der fulminante Abschluss der Marathon-Thriller-Trilogie!

REZENSION:

Chicago Run ist bereits der dritte Thriller des Autors Frank Lauenroth, dessen Geschehen sich mitten im Setting einer berühmten Marathon-Veranstaltung befindet. Nach Boston und New York befinden wir uns nun in Chicago und kein geringerer als der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten möchte daran teilnehmen, um sich auf diesem Wege seine Wiederwahl zu sichern. Die Entscheidung fiel sehr kurzfristig und dementsprechend flexibel und kreativ müssen die beteiligten Personen agieren, um den Präsidenten auf seinem Weg durch die Stadt zu schützen, denn der uns bereits bekannte Widersacher Stalin wittert seine Chance.
Nachdem ich die ersten beiden Marathon-Thriller bereits kennen lernen durfte und dabei auch noch als wirklich gute Thriller in Erinnerung habe, war es natürlich nur ein kurzer Weg zur Entscheidung, mich auch diesem Werk zu widmen. Gleichzeitig hatte ich aber auch die Befürchtung, dass lediglich eine Kopie der bisherigen Romane unter Verwendung des gleichen Settings und lediglich einer anderen Stadt entstanden sein könnte.
Weit gefehlt, denn Frank Lauenroth scheint weiterhin genug Ideen gehabt zu haben, um trotz der ähnlichen Umstände einen hochrasanten Thriller vorzulegen, den man sich auch ganz gut auf der Leinwand vorstellen könnte. Die Leinwand ist auch das richtige Stichwort, denn seine drei Werke entsprechen auch in etwa der Vorgehensweise einen typischen Secret-Service-Action-Thrillers, was keinesfalls negativ klingen soll. CHICAGO RUN trifft dies erneut zu einhundert Prozent und dementsprechend rasant spult sich die Handlung ab. Durch die kurzen Absätze spürt man fast die in Filmen verwendeten Schnitte, um Bewegung in die Handlung zu bekommen.
Erneut ist der Einfallsreichtum Lauenroths grandios, was dazu führt, dass man auch als Leser einige Zeit ein klein wenig an der Nase herumgeführt wird.
Ich persönlich halte es für wirklich interessant, feststellen zu können, dass sich der Autor einerseits zu kopieren scheint, ohne sich dabei zu kopieren – das klingt ein wenig verworren, aber trifft es genau: Setting ist gleich, Gegner ist gleich, Hauptdarsteller sind gleich – nichts desto trotz macht es erneut viel Spaß und man fühlt sich hier perfekt aufgehoben. Noch eine Tüte Popcorn dazu und man fühlt sich wie im Kino.
Alles in allem erneut ein wahrlich gelungener Thriller, der von der ersten bis zur letzten Seite actionreich für perfekte Unterhaltung sorgt.
Jürgen Seibold/10.04.2020

Michael Dissieux: Richtung Nirgendwo – Melodys Song

©2020 by KOVD Verlag, Herne
ISBN 978-3-96698-607-6
ca. 383 Seiten

COVER:

Drei Jahre war ich unterwegs gewesen, immer auf der Suche nach dem letzten Überlebenden. Ich kam durch Dörfer, die keine Namen mehr trugen, und Städte, die so still wie ein Friedhof waren. Ich begann zu trinken, um die Dämonen zu vertreiben, schrie, um eine menschliche Stimme zu hören und weinte, wenn meine tote Tochter in den Nächten zu mir kam. Drei Jahre blieb ich alleine. Dann sah ich den Rauch am Horizont …

REZENSION:

Michael Dissieux hatte sich spätestens durch seine dystopische Reihe „Graues Land“ in diesem Genre einen nicht gerade unerheblichen Namen gemacht. Eine kurze Suche auf meinem Blog zeigte mir, dass seit meiner letzten Rezension zu einem seiner Titel bereits sagenhafte 7 Jahre vergangen sind und auch das mit Michael Dissieux durchgeführte Interview im Podcast fand bereits im Oktober 2014 statt.
Nun ist mir durch Zufall in den sozialen Medien eine dezente Werbung zu seinem neuesten Werk mit dem Titel „Richtung Nirgendwo – Melodys Song“ aufgefallen. Ein klein wenig ging ich mit mir ins Gericht, da ich kurz das Gefühl hatte, hier fällt einem Autor nichts Neues ein und somit versucht er sich erneut an einer Variante eines dystopischen Romans.
Dem gegenüber stand jedoch meine damalige Meinung zu Michael Dissieux – war er doch in meinen Augen ein sehr einfühlsamer, geschickt zu erzählen wissender und somit begnadeter Schriftsteller. Erfreulicherweise konnte mich dieser Aspekt überzeugen und ich wagte es, meinen Blick in dieses Werk zu werfen.
Auch hier offenbart Dissieux eine postapokalyptische Welt. Die Menschheit ist schlicht nicht mehr vorhanden und wir begleiten als Leser den in der Ich-Form erzählenden, lange Zeit namenlosen Hauptdarsteller auf seiner dreijährigen Reise durch die Staaten.
Unglaublich schnell verliert man sich in dieser Geschichte und selbst bei den kurzen Lesepausen denkt man darüber nach, wie man selbst vorgehen würde, wäre man urplötzlich der vermeintlich letzte Mensch auf diesem Planeten.
Michael Dissieux lässt viele Fragen der eigentlichen Apokalypse unbeantwortet – und wenn ich ehrlich bin, tut das dieser Geschichte auch richtig gut. Man kann sich selbst seine Gedanken darüber machen, um dann jedoch gleich feststellen zu müssen, dass es absolut irrelevant ist und man als letzter Überlebender ganz andere Sorgen mit sich zu tragen hat.
„Richtung Nirgendwo – Melodys Song“ ist ein sehr melancholisch erzählter Roman und bedient sich stark den Gedanken des Protagonisten mit allen seinen positiven und negativen Eigenschaften. Interessanterweise war dies auch der hauptsächliche Grund, warum ich mich für dieses Buch entschieden habe, bin ich doch aktuell eher auf der Suche nach dem Besonderen und ein weiteres dystopisches Werk mit herumlungernden und mordenden Gegnern hätte mich trotz der eventuellen Action sicher nicht mehr begeistern können. Im Gegenzug dazu konnte mich dieses Buch rundherum begeistern und ich ziehe meinen Hut vor der aufkommenden Kraft zwischen den Umschlägen.
Anfangs dachte ich noch in Kategorien, die dafür sorgten, dass meine gedankliche Vorhersage die typischen Wege dieses Genres einschlug – Michael Dissieux schiebt diese jedoch wie einen zarten Vorhang mit Leichtigkeit zur Seite und lässt uns nicht nur weiterhin nachdenklich sondern auch mit offenem Mund zurück.
„Richtung Nirgendwo – Melodys Song“ ist endlich ein Roman in diesem Genre, der es nebenbei auch noch schafft, dass man sich als Leser tiefgehende Gedanken über das Leben an sich macht und wer zum Ende dieses Werkes unberührt bleibt, der sollte sich Gedanken über seine eigene Psyche machen.
Ein absolut überraschendes Endzeit-Drama, wundervoll erzählt und in seiner Gänze ein Meisterwerk.
Jürgen Seibold/06.04.2020

Michael E. Vieten: Christine Bernard – Das Mädchen aus einer anderen Welt

©acabus Verlag, Hamburg 2020
ISBN 978-3-86282-739-8
ca. 272 Seiten

COVER:

Sie kommen in der Nacht und stehlen Menschen.
Lina hat einen von ihnen getötet.
Sie werden ihn rächen.
Nun ist Lina allein und nirgendwo sicher.

Ein verängstigtes Mädchen, ihr wirres Mordgeständnis, viel Blut, aber keine Spur von der Leiche. Die Beamten der Trierer Kriminalpolizei ermitteln bis an den Rand des Vorstellbaren. Als sie ein grausames Netzwerk aufdecken, blicken sie in einen Abgrund und erkennen die Grenzen ihrer eigenen Macht.
Kommissarin Christine Bernards neuer Fall führt sie in eine fremde Welt und rüttelt an ihren persönlichen Überzeugungen.

REZENSION:

Aufgrund meiner persönlichen Genreneigung gibt es nicht viele Krimibücher, die ich mir zu Gemüte führe. Durch einen lockeren Rezensionskontakt zu Michael E. Vieten ergab es sich vor einige Jahren jedoch, dass ich mich mit jedem seiner Bücher auseinandersetzen konnte und dabei erfreulicherweise nicht enttäuscht worden bin.
Da Krimis üblicherweise etwas weniger Spannungselemente in sich führen, als Thriller oder gar gewisse Werke der phantastischen Literatur, mache ich bei diesem Aspekt grundsätzlich einige Abstriche, da die Klientel dieser Werke ihren Fokus weniger auf diesen Punkt legen, sondern eher die Ermittlungen verfolgen. Explizite Beschreibungen werden bei den reinen Krimilesern eher ungern gesehen beziehungsweise gelesen.
Michael E. Vieten bedient in seinem neuesten Werk über seine Ermittlerin Christine Bernard diese Erwartungshaltung ziemlich gut und führt mit „Das Mädchen aus einer anderen Welt“ die Erlebnisse der sympathischen Kommissarin erfolgreich fort.
Im Vergleich zu seinen bisherigen Romanen über Christine Bernard hinkt der vorliegende ein wenig nach. Gut, der sprachliche Stil als auch die stringente Vorgehensweise des Autors sorgen erneut für eine gute Krimi-Unterhaltung. Dennoch waren die bisherigen Werke nachhaltiger und tiefgründiger als das nun vorliegende.
Michael E. Vieten versucht sehr wichtige Themen zu verpacken und gibt mit dem Titel „Das Mädchen aus einer anderen Welt“ bereits ein klein wenig die Richtung vor – innerhalb der Buchseiten wird dies jedoch leider zu wenig ausgebreitet, obwohl bei diesem Missbrauchsthema unglaublich viel Potenzial vorhanden wäre.
Insbesondere, da mir die prinzipielle Tiefgründigkeit des Autoren in seinen Vorgängerwerken sehr bewusst geworden ist, hätte ich mir hier erheblich mehr davon erwartet.
Gleichzeitig ist dies ein wenig Meckern auf hohem Niveau, da auch „Das Mädchen aus einer anderen Welt“ ein gut unterhaltender Krimi aus der Welt Christine Bernards ist und somti die Reihe ganz gut weiterführt und erneut nach mehr hoffen lässt.
Jürgen Seibold/04.04.2020

Richard Matheson: The Shrinking Man

©Richard Matheson 1956
First published in Great Britain in 2014 by Gollancz.
ISBN 978-1-473-21110-0
ca. 144 Seiten

COVER:

While on a boating holiday, Scott Carey is exposed to a cloud of radioactive spray. A few weeks later, following a series of medical examinations, he can no longer deny the extraordinary truth. Not only is he losing weight, he is also shorter than he was. Scott Carey has begun to shrink.

Richard Matheson’s novel follows through its premise with remorseless logic, with Carey first attempting to continue some kind of normal life and later having left human contact behind, having to survive in a world where insects and spiders are giant adversaries. And even that is only a stage on his journey into the unknown.

REZENSION:

Während meiner Kindheit – lange ist es her – gab es einige Filme, die mir über Dekaden im Gedächtnis geblieben sind. Die Zahl ist recht gering, doch einer dieser nachhaltigen Werke war definitiv „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C.“, welcher als Science-Fiction-Film dargeboten wird, jedoch in meinen Augen eher dem frühen Horrorgenre zuzuordnen wäre. Für mich war es jedenfalls einer der ersten Horrorfilme, die ich jemals gesehen habe.
Der Film handelt von Scott Carey, der während eines Bootsausflugs durch eine plötzlich auftauchende Wolke fährt und seitdem nach und nach immer kleiner wird. Der Film ist aus dem Jahre 1957 – dementsprechend noch in Schwarz/Weiß, nichts desto trotz waren die dargebotenen Effekte bereits bahnbrechend und der Kampf des kleinen Scott gegen die riesig wirkende Spinne fräste sich bis heute in mein Gehirn.
Den Film hielt ich für bahnbrechend – dass er auf Basis eines Buches entstand, entzog sich lange meiner Kenntnis. Mit den Jahren wird man klüger und der Genuss einiger Richard Matheson Werke wie zum Beispiel „Hell House“ und „I am Legend“ leiten den literaturbegeisterten Leser natürlich ungebremst zu „The Shrinking Man“, welches ich hier im Original gelesen habe, auf dem deutschen Markt unter dem Titel des Filmes veröffentlicht worden ist.
Auch jetzt frage ich mich, warum dieses Werk als SF-Klassiker bzw. SF-Masterworks vermarktet wird – in meinen Augen handelt es sich um eine klassische Horrorgeschichte. Insbesondere der Kampf gegen die Spinne spricht bereits dafür – gleichzeitig befinden wir uns in der damaligen Gegenwart und der einzige SF-Hinweis könnte die ominöse Wolke am Anfang der Geschichte sein. Die Ursache wird jedoch nicht erklärt und wie in vielen Gruselwerken der damaligen Zeit ist das sicher eine Allegorie zu den unbekannten Gefahren des beginnenden Atom-Zeitalters mit all ihren noch kommenden Problemen. Die Menschen nutzten schon immer Filme und besonders Bücher, um sich ihren Sorgen und Ängsten zu stellen – auch hier ist es nichts anderes.
Die Geschichte von Richard Matheson halte ich im Hinblick auf ihre Entstehungszeit genauso bahnbrechend wie den darauffolgenden Film. Film und Buch sind sich sehr ähnlich und man erkennt deutlich die kurze Zeitspanne zwischen Buch und dem ein Jahr später folgenden cineastischen Werk – erfreulicherweise übernahm Richard Matheson auch die Entwicklung des Drehbuchs, wodurch sich diese beiden Präsentationsformen natürlich eng miteinander verzahnen konnten.
Leider scheint das Buch in deutsch aktuell nicht erhältlich zu sein – daher griff ich zur recht günstigen, englischen Ausgabe als eBook. Somit war das Lesen zwar etwas schwieriger und ich musste mich etwas mehr konzentrieren, nichts desto trotz begeisterte mich jede einzelne Seite. Die Geschichte „The Shrinking Man“ ist wahrlich ein Klassiker der Horrorliteratur (gerne auch der SF-Literatur) und somit bleibt mir nichts anderes übrig, als dieses frühe Meisterwerk jedem Interessierten uneingeschränkt an das Herz zu legen. Perfekt!
Jürgen Seibold/29.03.2020