Adeyemi, Tomi: Children of Blood and Bone – Goldener Zorn

Originaltitel: Children of Bood and Bone
Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer
©2018 by Tomi Adeyemi Books Inc.
Für die deutschsprachige Ausgabe: ©2018 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-8414-4029-7
ca. 623 Seiten

COVER:

Sie töteten meine Mutter.
Sie raubten uns die Magie.
Sie zwangen uns in den Staub.
Jetzt erheben wir uns.

Zélies Welt war einst voller Magie. Flammentänzer spielten mit dem Feuer, Geistwandler schufen schillernde Träume, und Seelenfänger wie Zélies Mutter wachten über Leben und Tod. Bis zu der Nacht, als ihre Kräfte versiegten und der machthungrige König von Orisha jeden einzelnen Magier töten ließ. Die Blutnacht beraubte Zélie ihrer Mutter und nahm einem ganzen Volk die Hoffnung.

Jetzt hat Zélie eine einzige Chance, die Magie nach Orisha zurückzuholen. Ihre Mission führt sie über dunkle Pfade, wo rachedurstige Geister lauern, und durch glühende Wüsten, die ihr alles abverlangen. Dabei muss sie ihren Feinden immer einen Schritt voraus sein. Besonders dem Kronprinzen, der mit allen Mitteln verhindern will, dass die Magie je wieder zurückkehrt …

REZENSION:

Children of Blood and Bone ist das Debüt von Tomi Adeyemi, einer amerikanischen Autorin mit nigerianischen Wurzeln. Dieser Umstand wäre mir im Prinzip absolut egal – er wurde aber beim Marketing jeweils hervorgehoben. Somit handelt es sich hier um einen Fantasyroman mit afrikanischen Wurzeln. Gleichzeitig angeblich eine klare Ansage gegen Rassismus.
Nun, alles in allem schon mal eine hoch angelegte Latte für einen Roman, der dabei auch noch mehr in die Richtung Jugendbuch zu schielen scheint.
Ich persönlich bin oft irritiert, in welche Richtung man als Leser gedrängt werden soll. Dabei stellte ich in meinem nicht gerade kurzen Leseleben viel zu oft fest, dass hoch gelobte Ansätze meistens dem dann folgenden Inhalt nicht gerecht werden.
Nichts desto trotz wollte ich auch diesem Werk eine Chance geben und widmete mich nahezu euphorisch dem Inhalt.
Die Geschichte hatte mich bereits nach einige Seiten in den Fängen. Der Umstand, dass hier nebenbei eine Story gegen Rassismus entstehen sollte, kann aber von mir nicht bestätigt werden. Gut, die beiden gegeneinander agierenden Fronten sind Weiße gegen Schwarze. Die Schwarzen sind dabei das unterdrückte Volk. Soviel passt, um ein Zeichen zu setzen. Ich kann dem dennoch nicht uneingeschränkt folgen, da nur kurz am Anfang darauf hingewiesen wird, dass das Volk Zélies dunkelhäutig ist und somit recht schnell im Laufe der Geschichte als unwesentlich wahrgenommen wird. Man liest somit von zwei Völkern, von denen eines unterdrückt worden ist und sich nun erhebt. Sehr viele Fantasyromane erzählen ähnlich angesiedelte Geschichten.
Desweiteren erzählt mir Tomi Adeyemi zu wenig von der eigentlichen Welt und insbesondere zu wenig vom Volk der Magier. Sie sind für den Leser zwar unglaublich sympathisch und man ist sofort auf der Seite der Unterdrückten – dennoch erfährt man einfach zu wenig über sie. Das ist etwas enttäuschend, da die Autorin sich doch in ihrem Studium auch der afrikanischen Mythologie und Kultur widmete.
Die Geschichte selbst konnte mich trotzdem in der ersten Hälfte einigermaßen gut unterhalten – leider ließ das aber in der zweiten Hälfte stark nach. Sie entwickelte sich sehr klischeehaft und der weitere Verlauf war stark vorhersagbar. Die Protagonisten wirken sehr stereotypisch und als dann auch noch eine „überkreuz-Liebesgeschichte“ integriert worden ist, wollte ich nur noch das unvermeidliche und nicht überraschende Ende erreichen.
Wenn ich gedanklich einen Schritt zurück gehe und das Buch nun versuche mit den Augen eines lesenden Jugendlichen zu betrachten, komme ich leider auch nicht zu einem wirklich besseren Ergebnis: Ja, es könnte gefallen und als Fantasyroman funktionieren. Die Sperrspitze gegen Rassismus ist aber definitiv zu schwach besetzt. Hier helfen nur noch die flammenden Schlussworte der Autorin, in der sie eine Kampfansage gegen Unterdrückung formuliert. Warum nicht gleich auf fingerzeigende Art und Weise direkt in ihrer Story?
Ich hatte mich wirklich sehr gefreut – war aber schlicht zu wenig und zu simpel umgesetzt.
Es gibt jedoch noch einen weiteren Kritikpunkt, der mich im Lesefluss ziemlich störte: Die Geschichte ist ausschließlich in der Ich-Form erzählt. Dies wäre noch ganz in Ordnung, wenn man nicht mit mehreren Personen zu tun hätte. Der Kapitelüberschrift kann man die aktuell in der Ich-Form dargestellte Person entnehmen. Mir persönlich fiel das sehr schwer, da durch die nicht sehr langen Kapitel der Lesefluss meiner Meinung nach stark gelitten hat. Kaum konnte ich mich mit einer Person einigermaßen gut identifizieren, war „ich“ schon wieder eine andere. Somit ein plötzlicher Break, der regelmäßig irritierte. Darüber hinaus musste ich im seltenen Falle eines nicht abgeschlossenen Kapitels jeweils nachsehen, wer ich denn nun gerade war.
Die Ich-Form halte ich von Grund auf schon für recht anstrengend. Vor allem, wenn man es gewohnt ist, in eine Geschichte einzutauchen, man aber sich mit der gerade gelesenen Figur nicht wirklich identifizieren kann. Dann auch noch mehrere verschiedene Personen mit nicht sehr leicht zu greifenden Namen?
Auch wenn diese Rezension nun ein wenig negativ klingt: Children of Blood and Bone ist dennoch ein einigermaßen guter Fantasyroman. Er wird lediglich aus meiner Sicht seinem Hype nicht gerecht und die Autorin könnte noch viel mehr auf die kulturelle, mythologische und gegen Unterdrückung kämpfende Pauke hauen. Gerade als Lesestoff für Jugendliche sollte man nicht zu zimperlich vorgehen. Hier müssen klare und eindringliche Ansagen kommen (wurde mir auch im Zuge des Buchtestes von einigen Jugendlichen so bestätigt).
Vielleicht legt sie ja in den Folgebänden noch eine Schippe drauf – ich würde es ihr jedenfalls gönnen.
Jürgen Seibold/20.04.2019

HYS105 – Energieoptimierung

Die neue Podcastfolge:

Doctorow, Cory: Walkaway

Originaltitel: Walkaway
Aus dem Englischen von Jürgen Langowski
Deutsche Erstausgabe 07/2018
©2017 by Craphound LLC
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31793-2
ca. 736 Seiten

COVER:

Mitte des 21. Jahrhunderts: Die Erde ist vom Klimawandel gezeichnet, die Staaten werden von Ultra-Reichen regiert, und die Städte haben sich für die normalen Bürger in Gefängnisse verwandelt. Aber es ist auch eine Welt, in der sich Lebensmittel, Kleidung und sogar Behausungen per 3D-Druck ohne großen Aufwand produzieren lassen. Warum also in einem so kaputten System ausharren? Warum nicht einfach … weggehen? Und so werden vier ungleiche Helden zu „Walkaways“. Sie lassen die Zivilisation hinter sich und suchen nach Freiheit und Selbstbestimmung. Und machen die vielleicht größte Entdeckung aller Zeiten.

REZENSION:

Bei manchen Büchern passt die genannte Thematik einfach wie die Faust aufs Auge. Der sehr reduzierte Text des Covers lässt hoffen und gleichzeitig einiges erwarten. Eine große Utopie des 21. Jahrhunderts wird uns Leser versprochen. Dementsprechend konnte ich es schon gar nicht mehr erwarten, dieses Werk endlich lesen zu können.
Die Erwartungen waren hoch, doch konnten sie auch befriedigt werden?
Nun, vorab gesagt: Leider in meinem Falle nicht. Auch wenn ich es wirklich mit aller Inbrunst versucht hatte und das Buch erst nach 140 Seiten unvollendet beiseitelegen musste – das Hochgefühl konnte ich nicht aufrecht halten.
„Walkaway“ versucht wirklich sehr viel und wird mit Sicherheit bei mancher Klientel damit auch punkten können. Mir persönlich wurde zu wenig Wert auf die Welt als auch die persönlichen Ambitionen der Protagonisten gelegt.
Cory Doctorow erzählt seine Geschichte sehr dialoglastig. Dies würde mich noch nicht mal stören, dennoch konnte er damit keinen sauberen Faden auslegen, an dem ich mich in irgendeiner Art und Weise orientieren könnte. Mir ist weder bewusst geworden, wie sich die beiden Seiten dieser Welt darstellen, noch welche Hintergründe zum „walkaway“ führten.
Vielleicht war es eine simple Schnapsidee der „walkaways“, ihren sicheren Hort zu verlassen – aber selbst wenn es so wäre: Es wurde mir nicht bewusst.
Ich persönlich finde es außerordentlich schade, dass mich dieses Werk nicht überzeugen konnte – die Idee dahinter hat mich wahrlich überzeugt und bei einer anderen Ausarbeitung wäre ich mit wehenden Fahnen voran geschritten, um jedem dieses Buch nahe zu bringen.
Trotz meiner negativen Leseerfahrung und dem vorzeitigen Abbrechen möchte ich noch einen wichtigen, positiven Punkt hinterlassen: Doctorows Schreibstil hat mir prinzipiell außerordentlich gut gefallen. Locker, witzig, eingängig und simpel zu verstehen. Die stringente, handlungsorientierte Vorgehensweise und der dazu gehörige Antrieb hatten mir einfach gefehlt. Im Umkehrschluss werde ich aufgrund seiner grundsätzlichen Art dennoch diesen Namen weiterhin im Auge behalten und ihm somit eine weitere Chance bei seinem nächsten Buch geben.
Jürgen Seibold/12.04.2019

Perplies, Bernd: Der Weltenfinder

Erschienen bei Fischer Tor; Frankfurt a.M., Mai 2018
©2018 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-70116-2
ca. 430 Seiten

COVER:

Jenseits des Landfalls, so heißt es gemeinhin, endet die Welt. Dahinter liegen nur noch das endlose Wolkenmeer und das Nichts. Vor Tausenden von Jahren aber gab es noch keine Wolken. Die Legenden besagen, dass eine gewaltige Zivilisation in den Tieflanden lebte, deren Reichtum nur von ihrem Wissensschatz übertroffen wurde. Die ArChaon erforschten die Magie und die Schöpfung auf eine Weise, die sich heute niemand mehr vorstellen kann – doch ihre Neugierde wurde ihr Untergang, und die Nebel verschlangen sie. Niemand hat jemals nach dieser verlorenen Welt gesucht, denn niemand wagte sich in die Tiefen des Wolkenmeers. Bis heute …

REZENSION:

Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte ich mich dem ersten Buch über die Geschehnisse im Wolkenmeer widmen. Es handelte sich dabei um die erste Reise in das Wolkenmeer mit dem Titel „Der Drachenjäger“.
Nun liegt mit „Der Weltenfinder“ das zweite Buch über diese sagenhafte Welt vor und somit kann man sich als Leser abermals an die Reling stellen und den Weg über die Wolken genießen.
Doch genießen ist hier wohl das falsche Wort: Auch im zweiten Buch müssen wir uns einer Vielzahl an Gefahren stellen – nichts desto trotz steht auch dieser Band dem ersten in keiner Weise nach.
Während „Der Drachenjäger“ mich noch sehr stark an die Erlebnisse in „Moby Dick“ erinnerte, erzählt Bernd Perplies hier nun eine neue und gänzlich eigenständige Geschichte.
Allein dafür sollte er bereits einen Preis bekommen: Weder für den ersten noch für den zweiten Band benötigt er die im Genre oft notwendigen knappen 1.000 Seiten. Im Gegenteil, er erzählt seine Story jeweils mit knapp über 400 Seiten. Dabei schafft er es trotz der vermeintlich geringen Seitenzahl, sein Worldbuilding problemlos entstehen zu lassen und so ganz nebenbei eine rundum interessante und spannende Fantasygeschichte zu erzählen.
Hinzu kommt ein ganz besonderes Alleinstellungsmerkmal beziehungsweise ein Umstand, der nur sehr selten im Genre vorkommt: Band 2 ist auch ohne Kenntnis über Band 1 zu genießen. Ja, die Welt ist die gleiche. Ja, einige Personen kennt man noch ein klein wenig aus den Erlebnissen des ersten Buches. Dennoch befinden wir uns hier auf einer komplett losgelösten Reise mit einem komplett anderen Ziel. Endlich ein Autor, der trotz reduzierter Seitenzahl zu unterhalten weiß und scheinbar problemlos eine weitere eigenständige Geschichte vorlegen kann.
Während Buch 1 noch Richtung „Moby Dick“ schielt, erinnern mich die Abenteuer in „Der Weltenfinder“ eher an eine Art Indiana Jones. Etwas weniger überdreht, aber der Schluss schreit doch ein wenig danach. Die Wolkenwelt hat mich jedenfalls gefangen genommen und ich würde mich außerordentlich freuen, wenn der Autor hier noch öfter seine Flug-Schiffe treiben lassen könnte.
Natürlich ist der Anspruch hoch und manch Geheimnis dieser Welt unter den Wolken bereits gelöst. Dennoch: Ich glaube, ich würde absolut gerne erneut die Planken unter meinen Füßen spüren und den Blick gen Wolken schweifen lassen…
Jürgen Seibold/09.04.2019

Wells, Dan: Die Formel

Originaltitel: Extreme Makeover
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Tor Books, New York 2016
© Piper Verlag GmbH, München 2018
ISBN 978-3-492-70469-4
ca. 524 Seiten

COVER:

Lyle Fontanelle, Chefwissenschaftler bei der Kosmetikfirma NewYew, macht die Entwicklung schlechthin: ReBirth – eine Creme, die Hautzellen nachhaltig regenerieren kann. NewYew sieht in der Lotion das größte Beautyprodukt, das je erfunden wurde. Doch während der Entwicklungsphase treten bei einigen Testpersonen seltsame Symptome auf und Lyle kommt einer verstörenden Wahrheit auf die Spur: Statt die Nutzer wie geplant zu verjüngen, überschreibt die Creme deren DANN und sie werden zu Klonen anderer Personen! Als die Lotion trotz aller Warnungen auf den Markt kommt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf, denn jeder will ReBirth für seine Zwecke nutzen. Nicht zuletzt könnte die Creme als gefährliche Waffe missbraucht werden …

REZENSION:

Stellen sie sich vor, sie könnten durch eine ganz simple Hautcreme ihr gesamtes Aussehen ändern. Sie könnten durch eine simple, einfach anzuwendende Hautcreme problemlos ihren Krebs heilen. Sie könnten das Aussehen einer wunderschönen Frau, eines attraktiven Mannes annehmen. Sie könnten dabei sogar das Geschlecht wechseln. Sie möchten aussehen wie ein berühmter Schauspieler/Schauspielerin/Model/Sportler/…?
Alles kein Problem mit der sagenhaften Lotion mit dem Namen „ReBirth“.
Diese Lotion greift aus nicht nachvollziehbaren Gründen direkt in die DANN eines Menschen ein und baut diese um. Innerhalb von vier Wochen sind sie ein komplett anderer Mensch?
Würden sie so eine Lotion für teures Geld kaufen?
Oberflächlich betrachtet, sagt man sicherlich „nein“ – dennoch geben Menschen Milliardenbeträge für Kosmetikartikel aus. Aus diesem Grund nehme ich es Dan Wells auch in seinem Roman problemlos ab, dass „ReBirth“ seinen Erschaffern aus den Händen gerissen wird – unabhängig davon, wieviel dafür finanziell zu entrichten ist.
Dan Wells beginnt glaubwürdig und lässt in seinem geschickten Mix aus verschiedenen Genres – SF, Dystopie, Thriller – absolut nichts missen. Die Spannung hält er bereits durch seine Kapitelmarker hoch: Er zählt die Tage herab bis zum Weltuntergang.
Sein Stil ist eingängig und rundum flüssig. Die Idee atemberaubend – allein deswegen bleibt man den jeweiligen Seiten bis zum Ende treu.
Der Autor versucht in seinem Werk einen sozialkritischen Abgesang auf unsere Menschheit zu kreieren. Dabei verstärkt sich im Laufe des Buches der sarkastische Unterton – gleichzeitig scheint er sich dadurch aber ein klein wenig zu verlieren. Ich würde fast behaupten, dass die erste Hälfte dieses Wissenschaftsthrillers wahrlich mit zum Besten Output des Autors gehört. Die zweite Hälfte ist zwar weiterhin rasant und spannend – jedoch fehlt irgendwie das gewisse Extra. Dan Wells hätte meiner Meinung nach noch erheblich mehr in die Gegebenheiten und Hochnäsigkeiten der Kosmetikbranche einschlagen können. Darüber hinaus hätte er auch noch erheblich mehr in die allgemeine, schönheitsideal-nachlaufende Menschheit einschlagen können. All dies war vorhanden, leider verläuft es sich nach und nach und degeneriert „Die Formel“ zu einem grandios beginnenden, aber im Durchschnitt beendenden Thriller.
Schlussendlich bleibt eine filmreife und sehr unterhaltsame Geschichte, die für ausreichend interessante Lesestunden sorgen kann. Etwas nachdrücklicheres entsteht leider trotz des starken Beginns nicht mehr, was aus meiner Sicht absolut schade ist. Trotzdem ein gut unterhaltender Roman, der aber durch den Abfall in der zweiten Hälfte lediglich Durchschnitt bleibt. Zwar spannend, unterhaltsam und gut, gleichzeitig jedoch nichts darüber hinaus.
Jürgen Seibold/05.04.2019

Phantastik-Bestenliste April 2019

Erneut ist ein Monat vergangen und schon ist die neueste Phantastik-Bestenliste bereit zum erkunden.
Nachdem es sich nicht nur lohnt, die aktuelle Liste zu betrachten, sondern auch ein Verweilen auf den bisherigen immer interessante Werke zu Tage fördert, führt Euch ein Klick auf den hier gezeigten Schriftzug direkt auf die Hauptseite der Phantastik-Bestenliste.

Im April wieder ein schöner und abwechslungsreicher Reigen an wundervollen Werken vertreten.
Hier ein kleines Bildchen mit den aktuell platzierten Werken. Ein Klick darauf führt Euch direkt zur detaillierten Monatsliste:

Simmons, Dan: Elm Haven (Zwei Romane in einem Band – „Sommer der Nacht / Im Auge des Winters“)

Originaltitel: Summer Of Night / A Winter Haunting
Deutsche Übersetzung von Joachim Körber („Sommer der Nacht“) und Friedrich Mader („Im Auge des Winters“)
Überarbeitete Neuausgabe 04/2019
© 1991, 2002 by Dan Simmons
© 2019 dieser Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31981-3
ca. 1.006 Seiten

COVER:

SOMMER 1960: Schwüle Hitze brütet in den Straßen der kleinen Stadt Elm Haven in Illinois. Träge fließen die Tage dahin, und vor den fünf Freunden Mike, Duane, Dale, Harlen und Kevin liegt die beste Zeit ihres Lebens – die Sommerferien. Drei Monate lang keine Schule, keine Hausaufgaben, keine Lehrer, stattdessen Wochen von grenzenloser Freiheit. Denken sie zumindest … Denn schon bald geschehen merkwürdige Dinge: Ein geheimnisvoller Soldat wird immer wieder in den Feldern rund um Elm Haven gesehen, ein mysteriöser Truck tötet beinahe einen der Freunde, und schließlich verschwindet ein Junge spurlos durch ein Loch in der Wand. All diese Ereignisse scheinen mit dem riesigen leerstehenden Gebäude der Old Central School zusammenzuhängen. Als die Freunde versuchen, mehr darüber herauszufinden, stoßen sie auf ein uraltes Geheimnis – und der Albtraum beginnt.

Vierzig Jahre später kehrt der erfolgreiche Schriftsteller Dale Stewart nach Elm Haven zurück. Er hat eine Schreibblockade, seine Ehe liegt in Trümmern und in seiner Heimatstadt hofft er, genug Inspiration zu finden, um seinen neuen Roman zu beenden. Bald muss Dale jedoch feststellen, dass sich seit dem denkwürdigen Sommer 1960 zwar einiges verändert hat, eines jedoch nicht: das Grauen ist noch immer in Elm Haven zu Hause …

Rezension:

Der US-Amerikanische Schriftsteller Dan Simmons macht es seinen Fans nicht leicht. Zumindest den Fans, die sich bei einem Namen durch ein gelesenes Buch auf ein darin verwendetes Genre auf eine bestimmte Richtung festlegen wollen. Simmons ist aber schon immer in mehreren Genres zu Hause und dabei bedient er diese auch noch außerordentlich gut. Ich selbst habe noch gar nicht wirklich viele verschiedene Bücher von ihm gelesen. Wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stich lässt, handelt es sich bei Elm Haven und das dritte von mir gelesene Werk. Gleichzeitig auch das dritte von Simmons bediente Genre.
Begonnen hatte ich mit den sagenhaften Hyperion-Gesängen (was allein schon zwei oder drei Bücher sind) – somit weit entfernte Science Fiction und absolut empfehlenswert.
Irgendwann später folgte TERROR, worin Simmons eher einen historischen Roman abliefert. Natürlich mit ein paar mystischen bzw. mysteriösen Elementen versetzt oder angereichert, davon abgesehen aber dermaßen authentisch und rundum tiefgehend recherchiert, dass man sich selbst auf den Schiffen der Franklin-Expedition teilnehmend fühlte. Die Kälte dringt einem in die Knochen und es war eines der wenigen Bücher, bei denen ich im Nachgang selbst noch mehr über die Geschehnisse dieser Expedition in den Weiten des Internets recherchierte. Unglaublich interessant, auf wieviel verschiedene Informationen und Begebenheiten man dabei stößt. Gleichzeitig die Erkenntnis, dass Simmons in genanntem Werk wirklich alle nur erdenklichen Informationen vor des Lesers Augen ausgebreitet hat. Unfassbar gut!
Nun eine weitere Neuauflage des Heyne-Verlages: Elm Haven. Ein Doppelband, in dem sich die beiden zeitlich weit auseinanderliegenden Bücher „Sommer der Nacht“ und „Im Auge des Winters“ befinden. Genrezuordnung: Horror.
Die beiden Geschichten sind dabei ineinander verflochten, gleichzeitig aber 40 Jahre auseinander. „Sommer der Nacht“ handelt von einem Team junger Kids, die sich mysteriösen Begebenheiten entgegenstellen müssen. Klingt vertraut? Ja, sofort denkt man an Stephen Kings Blockbuster ES und beim Lesen des vorliegenden Buches wurde ich auch das Gefühl nicht los, das Simmons hier in die Fußstapfen dieser großen Geschichte treten möchte.
Dies ist ihm auch nahezu gelungen. King lässt einen zwar etwas mehr an der Persönlichkeit der teilnehmenden Protagonisten teilnehmen und schwätzt in seiner unnachahmlichen Art über jegliche Kleinigkeit im verschlafenen Derry – dennoch schafft es auch Dan Simmons auf eine sehr interessante Art die Begebenheiten in Elm Haven lebendig zu vermitteln. Sein kämpferisches Team ist nicht ganz so eng verzahnt wie der Verlierer-Club in ES, trotzdem scheuen sie sich auf ihre Art und Weise nicht davor, sich dem auftretenden Grauen entgegen zu stellen.
Allein für „Sommer der Nacht“ – welches auch 70% der Gesamtseitenzahl in Anspruch nimmt – hat sich dieser Band bereits gelohnt. Im zweiten Buch „Im Auge des Winters“ kommen wir wieder nach Elm Haven, es sind jedoch 40 Jahre seit den Geschehnissen im Jahre 1960 vergangen. Dale Stewart kommt zurück und möchte in der ehemaligen Farm seines damaligen Freundes seinen angefangenen Roman beenden. Wie soll es anders sein: Es kommt anders als erwartet.
Dan Simmons zweites Buch in diesem Sammelband ist gänzlich anders erzählt und es fällt einem schwer, auch dafür ebenfalls Lobeshymnen aussprechen zu können. Viel zu oft fühlt man sich beim Lesen sichtlich verwirrt. Nach und nach stellt man aber heraus, warum man sich verwirrt fühlt – geht es doch dem Protagonisten ebenso…
Ich möchte hier nichts verraten, deshalb nur soviel: „Im Auge des Winters“ besitzt nicht die Qualität des ersten Buches über Elm Haven, dennoch hält es einen nachdenklich zurück und wenn einige Stunden vergangen sind, bekommt man immer mehr das Gefühl, dass es ein anspruchsvolles aber aus diesem Grund in seiner Erzählung und Vorgehensweise sehr hochwertiges Werk ist. Rein vom Unterhaltungsanspruch siegt „Sommer der Nacht“, „Im Auge des Winters“ fährt aber einen interessanten Parcours, der den Leser mit immer neuen Erkenntnissen überrascht. Somit kann ich problemlos für den gesamten Band eine Empfehlung aussprechen.
Jürgen Seibold/31.03.2019

HYS104 – Invasive Wissensvermittlung

Die neue Podcastfolge:

Weir, Andy: Artemis

Originaltitel: Artemis
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
©2017 by Andy Weir
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-27167-8
ca. 426 Seiten

COVER:

Jazz Bashara ist in Artemis aufgewachsen, der ersten und einzigen Stadt auf dem Mond. Und Jazz ist kriminell. Zumindest ein bisschen. Schließlich ist das Leben auf dem Mond verdammt ungemütlich, wenn man nicht gerade im Geld schwimmt. Um sich etwas dazuzuverdienen, schmuggelt Jazz Zigaretten, Feuerzeuge und andere in der Mondstadt verbotene Güter für ihre stinkreichen Kunden.
Als ihr der norwegische Milliardär Trond Landvik jedoch eines Tages einen Handel vorschlägt, scheint sie das große Los gezogen zu haben: Er zahlt ihr einen Haufen Geld, wenn sie eine Aluminiumfirma sabotiert. Landvik könnte so in den lukrativen Aluminiumhandel einsteigen, und Jazz hätte endlich keine Geldsorgen mehr. Ein unwiderstehliches Angebot! Zugegebenermaßen illegal. Und der Coup erfordert auch einen wasserdichten Plan, schließlich muss Jazz dafür raus auf die Mondoberfläche, was weder einfach noch ungefährlich ist. Aber sie wäre nicht Jazz Bashara, wenn sie sich so ein Geschäft entgehen ließe.
Doch die Sache geht schief. Erst wird Jazz bei ihrem Sabotageakt erwischt, dann wird Landvik ermordet. Und aus einer kleinen Gaunerei wird plötzlich eine tödliche Verschwörung, bei der nicht nur Jazz‘ eigenes Leben auf dem Spiel steht, sondern das Schicksal von Artemis selbst.

REZENSION:

Andy Weir hat mit seinem Buch „Der Marsianer“ einen sehr witzigen, spannenden und interessanten Blockbuster vom Stapel gelassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Werk jedem ein Begriff ist. Ich hatte es damals nahezu gefressen und war somit ganz gespannt auf „Artemis“. Gleichzeitig hatte ich aber auch nicht allzu viel Erwartungen in dieses Buch gesteckt – ist es doch sehr schwierig, einem Blockbuster nahtlos mit einem Blockbuster zu folgen.
„Artemis“ spielt dann auch nicht auf dem Mars sondern liegt uns mit seiner Erzählung erheblich näher: Wir befinden uns auf dem Mond, der ein wenig besiedelt worden ist. Darüber hinaus handelt es sich nicht um ein Kammerspiel – Weir lässt neben seiner Hauptprotagonistin Jazz auch noch weitere Teilnehmer agierend zu Wort kommen.
Jazz ist eine Kriminelle – dennoch fühlt man sich auf ihrer Seite recht wohl und ihre Ambitionen sind naheliegend und glaubhaft dargelegt. Die technischen Umstände lässt Weir – wie bereits beim Marsianer – nicht missen, holt in diesem Werk erfreulicherweise nicht zu tiefgehend damit aus, erklärt dennoch ausreichend, um dem Leser ein verständnisvollen Bild mit geben zu können. Dies klappt perfekt und man muss kein Technik-Nerd sein, um Andy Weir in diesem Werk folgen zu können.
Seine Geschichte ist spannend und interessant. Dennoch nicht ganz so genial in der Ausführung wie das vorangegangene Buch auf dem roten Planeten. Nichts desto trotz macht „Artemis“ recht viel Freude beim Lesen und ist schlussendlich ein solider Science-Fiction-Roman mit einer spritzigen, interessanten Handlung. „Artemis“ kommt somit nicht an dem Marsianer ran – ein unterhaltsames Werk bleibt es trotzdem.
Jürgen Seibold/13.03.2019

Liu, Cixin: Der dunkle Wald

Originaltitel: Heian Senlin
Aus dem Chinesischen von Karin Betz
Deutsche Erstausgabe 04/2018
©2008 by Liu Cixin
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31765-9
ca. 815 Seiten

COVER:

Seit die Astrophysikerin Ye Wenjie vor einigen Jahrzehnten Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation hergestellt hat, ist die Welt in Aufruhr. Die Trisolarier, benannt nach ihrem Planeten, der um drei Sonnen kreist, sind mit einer Invasionsflotte in Richtung Erde gestartet. Nichts kann sie aufhalten, haben sie doch bereits künstliche Partikel zur Erde gesandt, die die physikalischen Vorgänge auf der ganzen Welt manipulieren und die Ankunft der Fremden in vierhundert Jahren vorbereiten sollen. In dieser verzweifelten Situation beschließen die Vereinten Nationen, ein besonderes Abwehrprogramm ins Leben zu rufen: die sogenannten „Wandschauer“. Vier Auserwählte erhalten den Auftrag, unabhängig voneinander und unter größter Geheimhaltung Pläne zur Abwehr der trisolarischen Flotte zu entwickeln. Drei von ihnen sind berühmte Wissenschaftler und Politiker, der Vierte aber ist ein völlig Unbekannter.

Als Astronom und Soziologe hat Luo Ji nicht viel erreicht. Als er eines Tages eine Einladung zur Vollversammlung der Vereinten Nationen erhält und bei der Bekanntgabe des Abwehrprogramms auch noch auf das Podium gerufen wird, versteht er die Welt nicht mehr. Er soll der vierte Wandschauer sein? Von diesem Tag an nimmt sein Leben eine völlig neue Bahn. Und schon bald muss Luo Ji feststellen, dass er der einzige Wandschauer ist, den die Trisolarier um jeden Preis tot sehen wollen. Denn sein Plan ist anders als alles, was die Menschheit je zuvor unternommen hat.

REZENSION:

„Der dunkle Wald“ ist die Fortsetzung von „Die drei Sonnen“ und gleichzeitig der zweite Band der Trisolaris-Trilogie.
Bereits der erste Band konnte mich mit einer sehr anspruchsvollen und interessant angelegten Geschichte uneingeschränkt überzeugen. Nun also der zweite Wurf des chinesischen Autors Cixin Liu.
Interessanterweise spielt „Der dunkle Wald“ einige Jahrzehnte später als sein Vorgänger. Vor diesem Hintergrund funktioniert das gesamte Buch als alleinstehendes Werk und es ist nicht unbedingt notwendig, den Vorgänger zu kennen. Selbstverständlich möchte ich diesen aber nicht missen…
Nun sind die Trisolarier also auf dem Weg und möchten uns schlicht und einfach von unserem Planeten tilgen. Auch die Trisolarier können sich nicht auf einfachstem Weg irgendwie in unser System beamen und somit dauert ihr Eroberungsfeldzug auch ganze 400 Jahre, bis sie in Eroberungsentferung kommen. Stephen Hawking warnte bereits vor Außerirdischen, die auf dem Weg zu uns sind – denn wenn jemand dazu in der Lage ist, dann ist er auch technisch auf einer ganz anderen Ebene als wir. Dementsprechend kopflos agiert auch die Menschheit und Cixin Liu geht detailliert darauf ein. Man erkennt sehr schön sein Gedankenbild und sein kritischer Blick auf nahezu jegliche Regierungsform auf unserem blauen Planeten. Der im Buch auftretende Frust ist absolut nachvollziehbar: Regierungen denken meist nur in Legislaturperioden und nun ist eine Gefahr auf dem Weg, die erst in vierhundert Jahren zur echten Gefahr wird?
Liu geht aber nicht nur auf diesen Umstand ein. Wie bereits im ersten Band ist er ein begnadeter Philosoph und führt auch im vorliegenden Buch Ideen und Lösungen ein, mit denen man schlichtweg nicht rechnet, aber in ihrem Ergebnis wirksam und nachvollziehbar funktionieren.
„Der dunkle Wald“ ist gespickt mit tiefgehenden Elementen, tiefgründenden Ideen, unterschiedlichen Gedankenbildern und eine gehörige Portion Kritik an bestehenden Systemen. Ein absolut unglaublicher Science-Fiction-Roman der in seiner Erzählweise keine leichte Kost darstellt, dafür den Leser mit einer rundum durchdachten und hochwertigen Geschichte überzeugen und somit auf hohem Niveau unterhalten kann. Ein absolutes Highlight für den gehobenen Anspruch. Ein Werk zum Mitdenken – es bietet dabei eine Vielzahl an Gedankenbildern, die den Leser auch nach dem letzten Buchstaben noch grübeln lassen. Eine absolute Empfehlung des Genres und ein erneuter Appetizer zum abschließenden Band.
Jürgen Seibold/10.03.2019

Pala, Ivo: Schwarzes Blut

©2018 Knaur Verlag
Originalausgabe Mai 2018
ISBN 978-3-426-52134-2
ca. 394 Seiten

COVER:

In der unbarmherzigen Welt der ewigen Nacht nimmt eine Kriegerin grausame Rache für den Mord an ihrem Geliebten.

Was gilt ein einzelnes Leben in einer Welt, in der die Felder in Kälte und ewiger Nacht verdorren, Menschen auf den Straßen verhungern und ein erbitterter Krieg um die letzten Ressourcen entbrannt ist? Der Kriegerin Szuma bleibt wenig Zeit für die Trauer um ihren ermordeten Geliebten: Getrieben von einem Hass, der dunkler ist als die Nacht selbst, agt sie den Killer durch Chaos und Zerstörung, auf der Suche nach der einen Sache, die sie sich selbst vom Ende der Welt nicht wird nehmen lassen: Rache!

REZENSION:

„Schwarzes Blut“ ist bereits der dritte Band der Dark World Saga von Ivo Pala. Gleichzeitig nach meinem Kenntnisstand auch der abschließende. Nachdem mich die beiden ersten bereits an die Seiten fesselten und für eine außerordentlich gelungene und erfrischende Unterhaltung sorgten, war ich auf den vorliegenden Band schon sehr gespannt. Gleichzeitig trug ich aber auch die Sorge in mir, dass der Autor entweder sein Pulver bereits verschossen hat, oder ich durch die lange Wartezeit nach dem zweiten Buch nicht mehr in die Geschichte reinfinden werden. Dies ist mir schon öfter passiert und aus diesem Grund bin ich auch weiterhin kein großer Freund von lang angelegten Reihen, die den Lesern hauptsächlich mit Wartezeiten konfrontieren.
Nun, die positive Hoffnung siegte bei mir, da im Gegensatz zu anderen Werken bisher jedes Buch dieser Welt einen absoluten Lesehöhepunkt darstellte. Sehr oft sind ja die Zwischenbände in dreibändigen Werken eher Mittel zum Zweck und nur wenige Autoren schaffen hier eigenständige Werke mit durchweg interessantem Fortschritt der Erzählung.
Ivo Pala hatte das jedenfalls geschafft und nun versuchte ich mich dementsprechend euphorisiert dieses Gefühl wieder auftauchen zu lassen.
Sehr schnell stellte sich beim Lesen heraus, dass mich die Story trotz der vergangenen Zeit wieder einfangen konnte. Pala vermeidet es, auf die Vorgänger erzählend einzugehen. Somit wird man davon nicht abgelenkt, gleichzeitig ist es aber natürlich auch notwendig, die davor angesiedelten Bücher zu kennen.
Der dritte Band ist im Großen und Ganzen dem Rachefeldzug Szumas gewidmet. Dabei entstehen Begebenheiten, für die das vordergründige Genre alleine gar nicht ausreicht – Pala streift auch geschickt Horrorelemente und lässt auch Actionelemente in aller Ausführlichkeit breiten Raum. Zauberei, Hexerei kommt ebenso vor uns seine in Dunkelheit erstarrte Welt mit den darin befindlichen Bosheiten der Menschen spricht für sich.
Sein Setting ist dementsprechend düster und irgendwie fühlt man sich wie ein Wanderer in einer postapokalyptischen Umgebung.
Ivo Palas Schreibstil ist sehr eingängig und von einem angenehmen Niveau. Das heißt, hierin findet sich keine hochtrabende schriftstellerische Kunst mit allen möglichen Facetten der schreibenden Zunft – dafür bekommt man aber einen rundum unterhaltenden und absolut kurzweiligen Plot, der einen mitnimmt und somit nicht mehr loslässt. Ich persönlich halte solche Geschichten für außerordentlich wichtig. Nur so lässt es sich wirklich abschalten und wenn es nach mir gehen würde, wäre die Dunkle Welt-Saga ein wunderbarer Plot für die aktuellen Serienplattformen. Obwohl: Lest einfach diese drei Bücher. Sie sind alle zusammen rundum gelungen, kurzweilig, bieten ein interessantes Setting, interessante Personen und sorgen für spannende, atemberaubende Unterhaltung.
Jürgen Seibold/10.03.2019

Abbott, James: Höllenkönig

Originaltitel: The Never King
Deutsch von Ole Johan Christiansen
©2017 by James Abbott
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Penhaligon in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
ISBN 978-3-7645-3199-7
ca. 602 Seiten

COVER:

Die Höllenfest ist ein schreckliches Gefängnis: Auf dem Gipfel eines Berges gelegen, umgeben von einer feindlichen Wildnis, die mit übernatürlichen Gefahren gespickt ist, war es bislang unmöglich, aus der Höllenfeste auszubrechen. Einem Gefangenen muss es nun gelingen: Xavir Argentum, dem gefeierten Kriegshelden von einst. Seit Jahren sitzt er freiwillig in Haft, um Sühne zu leisten für die dunklen Taten seiner Vergangenheit. Als der Meisterspion Landrill die Höllenfeste erreicht und Xavir eine unheilvolle Nachricht überbringt, beschließt der Höllenkönig, sein Schicksal zu wenden. Doch das größte Hindernis ist noch nicht genommen: Xavir muss aus dem Gefängnis entkommen – und ist dabei auf die Hilfe von Mördern, Verbrechern und Schurken angewiesen…

REZENSION:

Bereits nach diesem Satz in der Coverbeschreibung hatte mich das Buch: „Die Höllenfest ist ein schreckliches Gefängnis: Auf dem Gipfel eines Berges gelegen, umgeben von einer feindlichen Wildnis, die mit übernatürlichen Gefahren gespickt ist, war es bislang unmöglich, aus der Höllenfeste auszubrechen.“
Das klingt doch mal richtig nach einem tollen Gefängnisroman. Dann auch noch innerhalb des Genres Fantasy und somit mit allen möglichen, tiefgehenden Gefahren gespickt und durch die Seitenzahl von 600 auch noch detailliert ausgearbeitet.
Das kann doch nur funktionieren, dachte ich bei mir und freute mich auf den Genuss dieses Werkes von James Abbott.
Tja, es tut mir wahnsinnig leid, aber nach 89 Seiten war es vorbei mit dem weiteren Lesen dieses Werkes.
Doch was ist geschehen?
Klappentexte sind dafür bekannt, ab und an etwas zu übertreiben. Dennoch kann man sich zumeist ein einigermaßen gutes Bild über den Inhalt des Buches machen. Ein Klappentext erweckt dadurch gewisse Erwartungen und man möchte sich diesen stellen.

Bei „Höllenkönig“ passt jedoch in Bezug auf diesen Text absolut gar nichts, denn bereits nach 80 Seiten ist der Höllenkönig aus diesem Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochen.
Natürlich würde ich weiterlesen und auf den Text des Covers einfach verzichten. Leider geht das in diesem Buch nicht, da auf jeder Seite das Gefühl auftritt – und stärker wird -, dass hier ein zwar sehr ideenreicher Autor unterwegs war, dieser sich aber nicht ausreichend Zeit für seine Erzählung gegeben hat.
Es ist einfach nicht glaubwürdig, dass der bereits 5 Jahre im Knast sitzende „Höllenkönig“ seine Gang leitet und dabei eines Tages ganz locker zu seinem einzigen Erzfeind innerhalb des Gefängnis geht und ihn darum bittet, gemeinsam den Ausbruch zu wagen. Beide durften bisher aufgrund ihres gegenseitigen Hasses nicht einmal gemeinsam in den Gefängnishof – nun ein simples Gespräch und schon agieren sie als Partener? Hallo? Das nimmt keiner ab.
Okay – drücken wir ein Auge zu und gehen weiter: Wir befinden uns in dem sichersten Gefängnis aller Zeiten – aber: auf Seite 80 sind wir schon erfolgreich ausgebrochen? Ach ja, der noch folgende Hexen-Zauber-Sicherheitsgürtel wird auch durch ein nettes Gespräch von den Hexen aufgelöst. Man will den Ausbrechern ja nicht im Wege stehen, hatte der Höllenkönig doch so nett danach gefragt, bzw. ein wichtiges Steinchen dabei, auf das die Hexen schon lange wieder hofften.
Nun, hier passt es einfach nicht – grundsätzlich ein tolle Idee, jedoch zu oberflächlich dargelegt. Der Autor hat viele Ideen, die sicher in einer guten Ausarbeitung den Leser fesseln könnten – leider spielt er damit nicht und lässt alles absolut blass in seiner Aufarbeitung.
Nun, weiter möchte ich gar nicht mehr ins Detail gehen, da es dem Buch nicht wirklich gerecht wird. Vielleicht könnte es als einfachstes Jugendbuch funktionieren – obwohl ich das auch nicht glauben kann, da die Jugendlichen in meinem Leseumkreis oft noch kritischer sind als ich selbst.
Jürgen Seibold/07.03.2019

Klein, Tal M.: Der Zwillingseffekt

Originaltitel: The Punch Escrow
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kempen
©2017 by Tal M. Klein
Deutsche Erstausgabe 05/2018
©2018 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN 978-3-453-31928-8
ca. 414 Seiten

COVER:

Im Jahr 2147 hat sich die Welt radikal verändert: Innovative Nanotechnologie hat die klassische Medizin ersetzt, genmanipulierte Mücken halten die Luft in den Großstädten sauber, und der mächtige Weltkonzern International Transport hat mit der Erfindung der Teleportation das Reisen monopolisiert. Es ist die Welt von Joel Byram, einem durchschnittlichen New Yorker mit durchschnittlichen Problemen – sein Job als KI-Coach langweilt ihn, und aus seiner Ehe mit der hünschen Physikerin Sylvia ist die Luft raus. Um ihre Beziehung zu retten, wollen die beiden Urlaub in Costa Rica machen. Dorthin lassen sie sich natürlich teleportieren. Doch während Sylvia problemlos in San José ankommt, geht bei Joel alles schief. Erst gibt es einen Anschlag auf das Teleportationszentrum, und dann wird er selbst versehentlich dupliziert. Nun existieren zwei Joels – einer in Costa Rica bei Sylvia und einer in New York! Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse: Sylvia wird entführt, die beiden Joels geraten ins Visier einer religiösen Sekte und werden von International Transport verfolgt. Und bald kommen Joel und Joel einem dunklen Geheimnis rund um das Wunder der Teleportation auf die Spur. Ein Geheimnis, bei dem es um Leben und Tod geht …

REZENSION:

Teleportation kommt in der literarischen Welt schon seit gefühlten Ewigkeiten vor. Von der filmischen Welt möchte ich gar nicht reden. Nun widmete sich der Schriftsteller Tal M. Klein in seinem Science Fiction Roman „Der Zwillingseffekt“ ebenfalls diesem Thema.
Sein Roman spielt dabei in unserer Welt – jedoch befinden wir uns bereits im Jahre 2147. Klein lässt seiner Fantasie bei der Ablichtung dieser Zeit einen nur begrenzt freien Lauf und bringt keine unglaublich wirkenden Errungenschaften zur Sprache. Dies ist als positiv zu betrachten, da seine Welt zwar erst in fernen 100 Jahren spielt, dennoch so möglich sein könnte.
Kleins Kreativität bleibt im Nachvollziehbaren und stellt eine recht gelungene Welt dar. Natürlich ist auch seine Zukunft lediglich ein Gedankenspiel – es klingt aber plausibel und darüber hinaus lässt er sich nicht dazu herab, diese in jeglichem Detail zu erklären: Sie ist einfach, wie sie eben ist.
Teleportation als zukünftiges Mittel zum Reisen klingt schon außerordentlich verlockend. Sollte jemals eine Firma dafür ein Monopol innehaben, könnte ich mir ebenfalls ganz gut vorstellen, dass diese bei technischen Problemen ähnlich vorgehen, wie die Firma IT in diesem Buch.
Kleins Figuren wirken gut durchdacht und man fiebert sogleich mit den beiden Joels mit – gleichzeitig schafft es Klein aber nicht, seinem Thriller einen besonderen Dreh zu verleihen. Somit liefert er zwar einen gut durchdachten und relativ spannenden SF-Thriller ab, der ganz gut zu unterhalten weiß – aber darüber hinaus wird es dem Genre keinen neuen Stempel aufdrücken. Es ist einfach zwischen den beiden Buchdeckeln doch einiges zu leicht vorhersehbar – nichts desto trotz bleibt man dem Buch durch die witzige Erzählweise bis zu dem leider etwas gehetzten Ende treu.
Einige kleine Punkte innerhalb des Romans führten mich zum Schmunzeln: Die Idee um die Musik der 80er ebenso wie zum Beispiel die Verwendung von Songtiteln als Absatzüberschriften. Dies ist wirklich eine nette Idee des Autors und neben dem dezent eingefügten Witz wirkt auch Kleins Schreibstil außerordentlich erfrischend. Somit ein interessanter, unterhaltsamer aber trotzdem durchschnittlicher Thriller für einige Stunden des lockeren Abschaltens.
Jürgen Seibold/07.03.2019

Lockwood, Todd: Der Sommerdrache

Originaltitel: The Summer Dragon
Aus dem Amerikanischen von Franca Fritz und Heinrich Koop
©2016 Todd Lockwood
Für die deutschsprachige Ausgabe:
©2018 S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
ISBN 978-3-596-29860-0
ca. 654 Seiten

COVER:

Der Sommerdrache ist ein mythisches Wesen, fast ein Gott. Wann immer er auftaucht, kündigen sich große Veränderungen an – für das ganze Reich und alle seine Bewohner.

Als Maia und ihr Bruder auf einem Ausflug in die Wildnis dem Sommerdrachen begegnen, versetzt ihr Bericht davon nicht nur die Familie in Aufregung, sondern auch die hohen Gäste aus der Hauptstadt, die zum Nesttag in den Drachenhorst angereist sind: Die religiösen und militärischen Autoritäten streiten darüber, wie der Sommerdrache gedeutet werden soll.

Maia hat an all dem wenig Interesse. Genau wie ihr Bruder Darian wartet sie gespannt auf den Tag, an dem sie ihr eigenes Drachenjunges bekommen wird. Doch sie hat Pech: Eine Delegation des Kaisers requiriert sämtliche Jungtiere für das Militär, und auch die Sichtung des Sommerdrachen ändert daran nichts. Schlimmer noch: Der angereiste Priester besteht darauf, dass Maia ihn in die Hauptstadt begleitet. Maia beschließt, sich erneut in die Wildnis aufzumachen – denn sie hat dort noch etwas gesehen, das sie niemandem verraten hat.

REZENSION:

Ehrlich gesagt hatte ich dieses Buch einige Zeit schlichtweg links liegen gelassen. Dies lag insbesondere daran, dass es im Genre der Fantasy sicherlich nichts klischeehafteres geben kann als Drachen. Dem Klischee entsprechend ging ich von einer typischen Geschichte aus und somit musste das Werk einige Zeit auf das gelesen werden warten.
„Der Sommerdrache“ von Todd Lockwood geht aber erfrischend anders vor: Hier sind die Drachen keine bösartigen Wesen, die feuerspeiend für Dezimierung während Schlachten oder ähnlichem sorgen – nein, Lockwood führt uns zu einer Familie, die Drachen züchtet und somit mit ihnen zusammenlebt. Die Vorgehensweise hat sehr viel Ähnlichkeit mit einer Pferdezucht – in diesem Falle sind es aber Drachen und dementsprechend interessant entwickelt sich Lockwoods Geschichte.
Er baut dabei seine Story einerseits dem Genre entsprechend auf und wird dadurch etwas vorhersagbar – andererseits ist aber sein Schreibstil außerordentlich eingängig und die dazugehörige Geschichte durchweg erfrischend, wodurch man eventuell aufkommende, negative Punkte als irrelevant betrachtet und man einfach die Geschichte zu genießen beginnt.
„Der Sommerdrache“ sorgt für eine ideenreiche und erfrischend neu wirkende Unterhaltung. Zum Ende hin verliert sich Todd Lockwood ein klein wenig in der Abarbeitung dem Fantasy-Klischee entsprechend, sorgt aber dafür, dass man als Leser dennoch an der weiteren Entwicklung interessiert bleibt.
„Der Sommerdrache“ lässt sich somit nahezu problemlos empfehlen und man wünscht sich beim Blättern jedesmal ebenfalls diese tolle Möglichkeit, einen Drachen als „Haustier“ halten zu können.
Sehr gut erzählt und ein guter Einstieg in „Die ewigen Gezeiten“.
Jürgen Seibold/02.03.2019