Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss

Originaltitel: A Fine Dark Line
Aus dem amerikanischen Englisch von Heide Franck
Die deutsche Erstausgabe erschien 2012 im Golkonda Verlag, Berlin
©2003 by Joe R. Lansdale
Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung des Golkonda Verlags, Berlin
Suhrkamp Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-518-46497-7
ca. 351 Seiten

COVER:

East Texas, 1958. Stans Welt ist von Gewalt geprägt: Sein bester Freund wird zu Hause verprügelt, die Küchenhilfe lebt bei einem gewalttätigen Mann, und selbst Stans Vater wird handgreiflich, wenn es um die Familienehre geht. Das einzige Gegenprogramm liefern das Autokino von Stans Vater und die faszinierenden alten Geschichten um ein Spukhaus auf dem Hügel, einen kopflosen Geist am Bahndamm und zwei in ein und derselben Nacht ermordete Mädchen. Als Stan eines heißen Sommertages im Wald ein geheimnisvolles Kästchen findet, beginnt er, begleitet von seinem treuen Hund Nub und unterstützt von dem mürrischen schwarzen Filmvorführer und Ex-Polizisten Buster, Detektiv zu spielen – ohne zu ahnen, worauf er sich da eingelassen hat.

REZENSION:

Joe R. Lansdale gehört schon seit langem zur Riege der mit Preisen überschütteten Autoren. Er bedient dabei unterschiedliche Genre und überzeugt laut meinen bisher eingeholten Informationen mit seiner Art des Erzählens eine treue Leserschaft. Interessanterweise war mir der Name des Schriftstellers eher kein Begriff. Lediglich durch gewisse Recherchetätigkeiten kam es ab und an vor, dass auch dieser Name vereinzelt genannt worden ist.
Eines Tages wagte ich mich auf das Experiment seine Werke näher kennen zu lernen. Ich schnappte mir – vor vier Jahren(!) – die Trilogie „Drive-In“ und hoffte auf erholsame Stunden mit einem für mich bis dato nicht wirklich bekannten Schriftsteller. Das erste Werk in dieser Trilogie überzeugte mich auch ziemlich gut, was jedoch – laut meiner damaligen Rezension – durch die beiden anschließenden Geschichten komplett relativiert worden ist. Das Kapitel Lansdale hat sich somit für mich erst einmal erledigt und ich widmete mich wieder anderen Werken von anderen Erzählern.
Nun, im Jahre 2020, wagte ich durch erneutes „immer-wieder-über-diesen-Namen-stolpern“ einen neuen Start in seine schriftstellerische Welt. Ich besorgte mir „Ein feiner dunkler Riss“ und erhoffte mir abermals eine faszinierte Unterhaltung.
Sehr schnell stellte sich dabei heraus, dass der Autor im Gegensatz zu meinem ersten Eindruck wahrlich ein Könner seines Fachs zu sein scheint. Die Geschichte – angesiedelt in den 50er Jahren in Texas – zog mich in ihren Bann und ließ mich auch nicht mehr los. Lansdale schreibt ehrlich, glaubhaft und rundherum interessant. Seine teilhabenden Personen lassen einen nicht mehr los und ganz nebenbei zeigt er durch seine schonungslose Wahrheit auch noch den Irrsinn des damaligen Rassismus in Bezug auf Schwarze, welcher leider nahezu uneingeschränkt bis in die heutige Zeit ausstrahlt. Das mittlerweile verpönte N-Wort taucht in diesem Werk sehr oft auf – es steht jedoch nie für sich selbst, sondern zeigt lediglich auf deutliche Art, wie dumm sich die Abgrenzung weiß/schwarz darlegt.
Seine darüber liegende Geschichte ist von einer gewissen Ruhe gefüllt und es passiert auch nicht wirklich viel spannendes. Dennoch lässt es einen nicht mehr los, da man sich dieser Episode aus dem Leben Stanleys nicht mehr entziehen kann. Seine Umgebung ist geprägt von Rassismus und Gewalt, während seine Familie trotz der strikten Trennung von Schwarzen zu Weißen nebenbei und fast ungewollt – lediglich angeheizt durch normalen Menschenverstand und Anständigkeit – für ein Aufbrechen dieser unsäglichen Denkweise sorgen.
Um die Erzählweise zu verstehen, verweise ich kurz auf die sprachliche Qualität von Stephen King in seinen umfangreichen Werken wie zum Beispiel „ES“. Diese Werke leben insbesondere von der Schwätzigkeit des Schriftstellers. Damit meine ich, King erzählt eine Vielzahl an Geschichten innerhalb seiner eigentlichen Geschichte. Diese Sidekicks sind oft ausufernd dargelegt und treiben den eigentlichen Plot oberflächlich betrachtet in keiner Weise nach vorne. Nichts desto trotz klammern sie sich an ihren Leser fest und offenbaren eine Realitätswelt hinter dem Ursprungsplot.
„Ein feiner dunkler Riss“ könnte eine dieser Sidekicks innerhalb einer Stephen King Story sein. Auch ihr kann man sich nicht mehr entziehen und man bekommt das Gefühl, dass sich hier nichts als die blanke Wahrheit abzeichnet.
Ein fantastisches Werk, welches zum ersten Mal in meinem Leben dafür sorgte, dass ich mir alle Werke eines Autors der Reihe nach in mein Notizbuch geschrieben habe. Diese werden wohl nun in aller Ruhe nach und nach ihren Zugang in meine kleine Welt finden…
Jürgen Seibold/13.06.2020

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